Charlotte Inden

 

 

 

Carl Hanser Verlag

 

Die Zitate ab hier wurden entnommen aus:

Bertolt Brecht, »Die Dreigroschenoper«, © 1994 Suhrkamp Verlag, Berlin.

Herman Melville, »Moby-Dick«, neu übersetzt von Matthias Jendis,

© 2001 Carl Hanser Verlag, München.

»Märchen aus 1001 Nacht«, neu erzählt von Gunter Groll,

© Droemer Knaur Verlag 2002, München.

Robert Louis Stevenson, »Die Schatzinsel«, neu übersetzt von Andreas Nohl,

© 2013 Carl Hanser Verlag, München.

 

 

ISBN 978-3-446-24417-7

Alle Rechte vorbehalten

© Carl Hanser Verlag München 2013

Umschlaggestaltung: Marion Blomeyer, Lowlypaper, München

Satz: Satz für Satz. Barbara Reischmann, Leutkirch

 

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In Erinnerung an meinen Großvater,

der mir so schöne Briefe schrieb.

 

 

 

Ich wurde mit zwei Beinen geboren.

Erinnerst du dich?

Ich konnte sie beide benutzen. Das linke aber, das benutzte ich ein bisschen mehr als das rechte. Mit ihm habe ich mich abgestoßen, als ich krabbeln lernte. Mit ihm bin ich die Pflastersteine entlanggehüpft, als ich blonde Zöpfe hatte. Mit ihm habe ich Pirouetten gedreht, als ich noch jung und schön war. Unter Beifall, möchte ich betonen.

Drei Narben hatte meine linke Kniescheibe, zwei vom Rollschuhfahren und eine von dem wilden Hund. Die Wade war alt geworden. Die Fessel hatte welke Haut und der Fuß geschwollene Gelenke.

Es war ein schönes linkes Bein, ich habe sehr an ihm gehangen.

Jetzt liegt seine Asche unter dem Apfelbaum im Garten. Da haben wir sie im Frühling begraben. Der Wind wehte weiße Apfelblütenblätter auf die schwarze Erde.

So möchte ich auch mal begraben liegen.

 

 

 

Liebe Oma Anna,

 

bitte stirb nie.

Mutti hat gesagt, jeder muss sterben. Auch dein Bein. Sie sagt, es ist einfach ein bisschen früher gestorben als du.

Aber wirst du dein Bein nicht vermissen? Wirst du nicht zu ihm wollen?

Als Jan nach Amsterdam gezogen ist, wollte ich auch dorthin. Bis zum Bahnhof bin ich gekommen. Eine Fahrkarte hatte ich mir schon gekauft, am Automaten. Aber bevor der Zug nach Amsterdam kam, kam Mama.

Ich hatte Angst, sie wäre böse. Doch sie war nur blass und so froh, mich zu sehen. Da musste ich weinen.

Sie hat mich in den Arm genommen und gesagt: »Willst du wirklich weg von uns, Anna?«

Wollte ich nicht. Und du willst doch auch nicht unter den Apfelbaum, oder? Du willst doch bestimmt lieber bei uns bleiben.

Und ich will das auch.

 

Anna

 

 

 

Mein lieber Anna-Schatz,

 

unter dem Apfelbaum blühen Vergissmeinnichte. Sie blühen so schön und so blau und direkt über meinem linken Bein.

Meinem linken Bein geht es also gut. Es ist stolz auf seinen Blütenschmuck.

Das rechte Bein ist ein wenig müde, weil es die ganze Oma alleine tragen muss. Aber der Arzt sagt, es wird sich daran gewöhnen.

An das neue Bein muss ich mich erst gewöhnen. Es macht nicht immer, was es soll, und das finde ich etwas ärgerlich.

Wenn das neue Bein besser gehorcht, dann muss das rechte Bein auch nicht mehr die ganze Arbeit alleine machen. Also drücke doch bitte uns allen dreien die Daumen, ja?

Gerade scheint die Sonne auf die Vergissmeinnichte und die Apfelblüte. Wer will schon Baum und Blumen von unten betrachten, wenn er sie von oben bewundern kann?

Ich bestimmt nicht.

 

Alles Liebe

deine Oma

 

 

 

Mein liebes linkes Bein.

 

Wie geht es dir so ohne mich? Tut dir die Trennung so weh wie mir? Ich werde noch verrückt, wenn du nicht aufhörst, mich zu quälen.

Kaum schlafen kann ich mehr. Letzte Nacht habe ich ein paar von den Pillen genommen, die der Arzt mir gegeben hat.

Ich werde der kleinen Anna erzählen, was Phantomschmerzen sind, wenn ich sie besuche. Da wird sie staunen und das wird mich freuen. Das ist dann mal ein anderes Gefühl.

 

 

 

Liebe Oma Bloom,

 

Mutti hat gesagt, du kommst uns besuchen!

Das ist fein, ich freue mich doll.

Komm bitte recht bald und bring mir doch etwas mit. Am liebsten Schokolade. Der Benni ist zu dick, deshalb bekommen wir keine mehr. Ich auch nicht, dabei bin ich ganz dünn.

Das ist nicht gerecht, finde ich.

 

Anna Bloom Barber

 

 

 

Das Leben ist nicht gerecht, findet meine Enkelin.

Sie ist ganz schön klug für eine Elfjährige, meinst du nicht?

Ich dachte, das Leben ist zwar ungerecht zu anderen, aber gerecht zu mir. Ich habe gedacht, dass ich unter einem Glücksstern geboren wurde.

Da habe ich mich wohl geirrt.

 

 

 

Mein liebes linkes Bein,

 

gibt es einen Himmel für verlorene Glieder? Hüpfst du dort unter einem immerblauen Himmel über immergrüne Wiesen und hast vielleicht schon ein paar Spielgefährten gefunden? Ein paar abgetrennte Zehen zum Springen, einen rechten Arm zum Umarmen?

Irgendjemanden braucht man immer, so viel steht fest.

Wenn ich nachkomme, dann hüpfen wir gemeinsam über die immergrünen Wiesen. Aber jetzt darf ich noch nicht, ich habe es meiner kleinen Anna versprochen.

 

 

 

Liebe Oma Bloom,

 

du hast doch mal gesagt, Versprechen muss man halten, oder?

Der Jan hatte mir versprochen zu schreiben. Das hat er aber nicht. Nur ein Mal. Und das war ganz am Anfang.

Ich finde den Jan gemein und Jungens blöde.

Ich werde sicher niemals heiraten.

Kann ich dann bei dir wohnen?

 

Bis nächste Woche,

Anna

 

 

 

 

 

Jetzt bin ich also bei meiner Anna.

Und bei meiner Bella.

Ich kam herein und alle lachten und taten so, als käme ich auf zwei Beinen. Dabei kam ich auf nur einem eigenen und einem fremden aus Titan.

Doch das wollten sie sich nicht anmerken lassen. Meine liebe Bella ist schon ganz müde vom Normaltun. Sie meint es gut, aber sie macht mich noch verrückt.

Der Benni ist ein stiller Junge. Er redet so wenig wie sein Vater. Wahrscheinlich sind die beiden so leise, weil Bella und Anna so laut sind. Benni lächelte mich also nur stumm an. Ein bisschen verlegen sah er aus und in die Augen wollte er mir auch nicht schauen. Sein Vater stand hinter ihm und benahm sich ganz genauso. Wie ein großer Benni wirkte er.

Ich habe auch gelächelt und versucht, nicht zu bemerken, dass sie versuchten, nicht auf mein Titanbein zu gucken. Aber ich konnte nur so lange lächeln und normal tun, wie Anna nichts tat.

Dann ist Anna auf mich zugesprungen und hat die Arme um mich geschlungen. Ungefähr auf Taillenhöhe, denn weiter langt sie nicht hinauf. So fest ihre dünnen Kinderarme konnten, hat sie mich an sich gedrückt. Und da habe ich angefangen zu weinen.

Ich habe irgendetwas gesagt, ich weiß nicht mehr was. Ich weiß nur noch, dass auch meine Bella plötzlich die Tränen nicht mehr halten konnte. Sie hat mich umarmt, so auf Nackenhöhe, und »Ach, Mutti« geschluchzt.

Der Benni hat nach dem Hosenbein seines Vaters gegriffen und sein Vater hat die Hand seines Sohnes gepackt. Und geheult haben sie auch, nur eben stiller als wir.

Bella hat die Hand nach ihrem Mann ausgestreckt und dann waren wir ein Menschenknäuel mit vielen nassen Wangen und Armen und, ja, auch Beinen.

Anna hat den Benni auf eine dicke Backe geküsst, denn an seine Backe reicht sie heran. Sie hat ihn mit einem Knall geküsst, irgendwohin musste sie ja mit ihrer Liebe. Sie küsste, es knallte und sie sagte: »Pfui, Benni, du bist ja ganz salzig.«

Und da haben wir gelacht.

 

 

 

Bella hat ihr Portemonnaie verloren.

Anna ihren Jan.

Und ich mein Bein.

Ich habe am meisten Grund zu jammern, denke ich, aber im Moment ziehen wir alle ein Gesicht. Anna kann es am besten. Sie hat diesen schönen Mund, den hat sie von meiner Mutter. Es ist der Mund einer erwachsenen Frau und im Gesicht meines kleinen Mädchens macht er mir irgendwie Angst.

 

»Oma Bloom«, hat Anna gestern gesagt. »Wie fühlt sich das so an ohne Bein?«

Ich wollte erst sagen: Danke, es geht. Weil ich auf alle Fragen nach meinem Befinden antworte: Danke, es geht.

Ich weiß aber, dass Anna mit so einer Antwort nicht zufrieden wäre. Also dachte ich über ihre Frage nach und suchte nach einer Antwort, die stimmt.

Schließlich sagte ich: »Es fühlt sich manchmal so an, als wäre das Bein noch da. Dann freue ich mich. Dann merke ich aber, dass das Bein doch nicht mehr da ist, und werde traurig, weil mir ein Stück von mir fehlt. Mir fehlt mein linkes Bein zum Gehen und zum Tanzen, zum Auf-die-Leiter-in-den-Apfelbaum-Klettern und zum Die-Treppe-in-den-Keller-Hinuntersteigen, selbst zum Im-Bett-Herumdrehen fehlt es mir.« Ich schwieg, bevor ich erklärte: »Es fehlt ein Stück von mir und das tut weh. Aber ich versuche, ohne klarzukommen.«

Anna hörte sich meine Antwort an und dachte dann mindestens so lange darüber nach wie ich zuvor. Schließlich sagte sie: »Dann weiß ich genau, wie du dich fühlst.«

Hätte ich meine Anna nicht gekannt, hätte ich gesagt: Wie das? So aber wartete ich einfach ab und bekam prompt die Erklärung geliefert.

»Ich fühle mich auch einbeinig«, sagte mein Enkelin. »Es fehlt ein Stück von mir und das tut weh. Hier tut es weh.« Sie legte die Hand auf ihr Herz. »Seit der Jan fort ist, ist das so. Manchmal vergesse ich, dass im Haus am Ende der Straße nur noch sein Vater wohnt. Aber dann fällt mir wieder ein, dass ich alleine Tore schießen und in die Kastanie klettern muss, und ich bin traurig. Mama sagt, es wird besser und irgendwann nicht mehr so wehtun und ich muss so lange versuchen, damit zurechtzukommen. Und das versuche ich. Wie du.«

Sie sah mich an und dieser schöne Mund in ihrem kleinen Gesicht zitterte. Ich habe ihn feste geküsst und gesagt: »Wir haben denselben Namen, kleine Anna Bloom, warum sollen wir uns nicht auch beide einbeinig fühlen?«

 

 

 

Wir sind die einbeinigen Piraten vom Rosensteg. Das hat sich natürlich Anna ausgedacht.

»Piraten«, hat sie gesagt, »sind immer einbeinig. Oder sie haben nur ein Auge. Oder nur eine Hand. Alles auf einmal ist natürlich zu viel.«

Also sind wir schlicht einbeinige Piraten. Wir haben einen Schatz unter der Kastanie vergraben. Das ließ mich an das Grab unter dem Apfelbaum denken, aber ich habe es Anna nicht verraten.

Anna hat ein goldenes Kettchen in der Erde versenkt. Ich musste es in eine leere Pralinenschachtel legen und sie hat sie verbuddelt.

Dass ihr Kettchen von Jan ist, hat sie mir nicht gesagt. Aber ich habe es auch so erraten.