Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2010
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Titelillustration: Sebastian Schrank, München
Zeichnungen im Innenteil: Hans Müller-Schnuttenbach
Der Verlag dankt der Stadt Rosenheim und Herrn Dr. Willibald Preißler, den Besitzern der in diesem Buch abgedruckten Zeichnungen von Hans Müller-Schnuttenbach, für die Überlassung.
eISBN 978-3-475-54457-6 (epub)
Max Müller in Dankbarkeit gewidmet
Geh weiter, Zeit, bleib steh
I radl scho in aller Fruah
a wengerl naus aufs Land,
i horch im Wald de Vögl zua
und wander umanand.
Dann pack i wo mei Brotzeit aus,
setz mi a bisserl hin,
I ruah mi vom mein Nixdoa aus
und freu mi, daß i bin.
Geh weiter, Zeit, bleib steh,
dua ma den Gfalln, dua net vergeh!
Geh weiter, Zeit, bleib steh,
wart bloß a bisserl,
’s waar grad so schee!
I sitz mit dir auf ara Bank
am Hinterbrühler See,
ruck ganz zu dir her, halt dei Hand.
I sieg und spür dei Näh.
I grüabet net und laß alls sei
und denk bloß mehr an di.
I bin so narrisch glücklich glei,
grad no an Wunsch hätt i:
Geh weiter, Zeit, bleib steh,
dua ma den Gfalln, dua net vergeh!
Geh weiter, Zeit, bleib steh,
wart bloß a bisserl,
’s waar grad so schee!
I lieg am Bodn und hör an Wind,
wiara se stroaft im Gras.
Koa Uhr is da, de wo mi zwingt
und sagt mir: dua jetzt was.
I blinzl in de warme Sonn
und denk mir bloß: wia schee!
… Schad, daß ma nix derhaltn konn.
Geh weiter, Zeit, bleib steh!
Geh weiter, Zeit, bleib steh,
dua ma den Gfalln, dua net vergeh!
Geh weiter, Zeit, bleib steh,
wart bloß a bisserl,
’s waar grad so schee!
Helmut Zöpfl
Geh weiter, Zeit, bleib steh!
Mit Zeichnungen von Hans Müller-Schnuttenbach
Besinnlich, aber auch heiter geht es im vorliegenden Gedichtband zu, der erneut zeigt, wie breit das Schaffen Helmut Zöpfls aufgefächert ist. Es reicht von satirischer Zeitkritik über wundervolle jahreszeitliche Impressionen bis zum wehmütigen Rückblick auf die Kindertage. Nicht zuletzt wird auch das Leben selbst betrachtet, hinter dem sich trotz scheinbarer Ausweglosigkeit immer ein Sinn ahnen läßt.
I lieg am Bodn und hör an Wind,
wiara se stroaft im Gras.
Koa Uhr ist da, de wo mi zwingt
und sagt mir: Dua jetzt was.
I blinzl in de warme Sonn
und denk mir bloß: wia schee!
… Schad, daß ma nix derhaltn konn.
Geh weiter, Zeit, bleib steh!
Geh weiter, Zeit, bleib steh,
dua ma den Gfalln, dua net vergeh!
Geh weiter, Zeit, bleib steh,
wart bloß a bisserl,
’s waar grad so schee!
Pädagogisch, soziologisch,
psychologisch, axiologisch,
effizient, gesellschaftskritisch,
Feedback, psychoanalytisch,
soziometrisch und statistisch,
kategorial, linguistisch,
Microteaching, affektiv,
input, output, kognitiv,
Validierung, Friktionen,
Status, Innovationen,
endogen und exogen,
quaestiv, Basisphaenomen
usw. no fünf Stund …
D’ Pädagogen san scho Hund!
Da werd alles programmiert,
und de Schui, de lauft wia gschmiert,
technologisch recht beachtlich
alles superwissenschaftlich,
pädagogisch wunderbar,
wenn net bloß des oane waar:
Bei all dem ham ma unterdessen
leider d’Kinder ganz vergessen.
Jeder, der was auf sich hält
heutzutag in dieser Welt,
»up to date« sei wui und »in«,
hat des oane bloß im Sinn:
Um se net recht zu blamiern,
muaß ma se emanzipiern.
Dieses aber ist nicht leicht
und werd bloß mit Müah erreicht,
weil de »Gsellschaft« und der Staat
dieses gern verhindern daad.
Auch die schlimme Sprachbarriere
hindert früh an der Karriere,
reißt die Schluchtn auf, de graßn,
teilt uns ein schon früh in Klaßn,
trennt das Oben und das Unten
und läßt beides unverbunden.
Konsequenz aus dieser Lehre:
Baut ses ab, de Sprachbarriere!
Denn die Sprache, welch a Schand,
spiegelt wieder allbekannt
lediglich die Herrschaftsformen
und ganz autoritäre Normen.
Rechtschrift, Interpunktion,
Stil, Grammatik: Repression
ringsherum, wohin man schaut.
Drum: Die Regeln abgebaut,