Elke Pistor, Jahrgang 1967, ist in Gemünd in der Eifel aufgewachsen. Nach dem Abitur in Schleiden zog es sie zum Studium nach Köln, wo sie nach einem Zwischenstopp am Niederrhein bis heute lebt. Sie arbeitet als freie Seminartrainerin in der Erwachsenenbildung und leitet Schreibworkshops. Im Emons Verlag erschienen die Eifelkrimis »Gemünder Blut« und »Luftkurmord« sowie der Mysteryroman »Das Portal«.
Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.
© 2012 Hermann-Josef Emons Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagfoto: Elke Pistor mit freundlicher Genehmigung von Martha
Reif-Kändler und Wolfgang Kändler, Café Nohner Mühle, Nohn
Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch
eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-86358-127-5
Eifel Krimi
Originalausgabe
Unser Newsletter informiert Sie regelmäßig über Neues von emons:
Kostenlos bestellen unter www.emons-verlag.de
Für meine Töchter
So still,
dass jeder von uns wusste,
das hier ist
für immer.
Für immer und ein Leben.
Jupiter Jones: »Still«
Prolog
Speichel läuft aus seinem rechten Mundwinkel den Hals hinab bis unter das Hemd. Der ölige Leinenstoff füllt seinen Mund, lässt ihm keine Luft zum Atmen. Metallischer Geschmack. Würgereiz. Er hebt den Kopf, schiebt mit der Zunge, zerrt und stemmt sich über den stechenden Schmerz in seinem Kiefer hinweg gegen den Widerstand des Knebels. Er schließt die Augen. Sie haben ihn fest verschnürt. Ein Tier vor dem Schlachter. Er hat sich nicht gewehrt. Schweigend nachgegeben, als sie seine Arme weit über die Platte nach vorne zogen, die Beine spreizten und ihn an allen vier Gelenken mit groben Seilen festbanden. Jetzt schlagen sie ihn, wahllos gehen die Hiebe auf seinen Kopf, seinen Rücken und auf seinen Hintern nieder, während er ihren Blicken ansieht, dass sie auf ein Stöhnen warten. Einen Laut, den er von sich gibt, als Reaktion auf das, was sie ihm antun. »Die Ordnung wiederherstellen«, so nennen sie es. Eine Ordnung, die sie bestimmen, die ihren Grundsätzen gehorcht, nicht den Regeln, die er kennt, und gegen die er verstoßen hat. Deswegen ist er jetzt hier. An seiner Leiste spürt er die harte Kante des Tisches. Zwischen den Schlägen scharren Schritte über den Boden, nähern sich ihm langsam. Jemand herrscht Befehle, einen Namen. Das kann nicht sein. Er versucht, den Kopf zu drehen, zu sehen, ob es stimmt. Ob er gekommen ist, um ihm noch mehr Leid zuzufügen. Aber es gelingt ihm nicht. Und es hat auch keine Bedeutung mehr, denn sie ist da. Steht neben der Tür in ihren Kleidern, die sie von den anderen unterscheiden. Ihren Rang deutlich hervorheben und für jeden sichtbar machen, damit keine weiteren Grenzen überschritten werden. Sie haben sie hierher gebracht, damit sie zusieht, was mit einem wie ihm geschieht, bevor sie sie verjagen. Er riecht sie, ihren Geruch nach Sommer, der in diesem Haus so fremd und falsch ist. Verzweifelt presst er seine Wange gegen die Tischplatte und spürt die Nässe. Seinen Speichel und die Tränen seines Vorgängers. Er möchte weinen dürfen. Aber diesen Triumph gönnt er ihnen nicht. Er wird stark bleiben, nicht jammern und bitten und Besserung geloben, er wird … Der nächste Schlag trifft ihn auf den Oberschenkel. Die Dornen fressen sich in sein Fleisch wie die Zähne eines kleinen Tieres. Spitz und scharf und unnachgiebig. Schwarzdornäste. Daumendick. Er versucht sich zu erinnern, wie der Busch im Frühjahr ausgesehen hat, aber das Bild zerplatzt in einer Blase aus Schmerz, als die Schläge immer schneller kommen und er den Mann hinter sich keuchen hört. Ob vor Anstrengung oder vor Genuss, wie er manchmal denkt – er kann es nicht unterscheiden. Rücken, Beine, Arme. Rohes Fleisch. Jemand schreit mit seiner Stimme. Dumpf. Unterdrückt. Er ringt nach Luft, windet sich, sucht einen Ausweg aus alldem, will weg, nur weg von diesem Schmerz, der ihn umhüllt, ihn schluckt und verschlingt. Er spürt, wie sein Körper zuckt, als die Schläge ausbleiben. Stille. Er hört sie weinen. Schritte scharren. Zögern. Befehle. Neue Dornen brennen ihn. Ungezählt. Jagen sein Herz, bis es stolpert. Ihr Schluchzen wird zu einem Wimmern. Sein Blick sucht das Fenster. Der Hof. Dahinter, über dem flachen Dach des grauen Anbaus, der Wald. Dunkel und grün. Saftig und voller Leben. Kühle. Schatten. Geborgenheit. Hier hat er sie geküsst. Hier hat sie ihn geküsst. Hier haben sie einander die Welt versprochen, wie sie für sie nie sein würde. Er schließt die Augen. Spürt nichts mehr. Die kühlen Schatten des Waldes nehmen ihn auf. Tragen ihn weich.
EINS
Die schwere Maschine unter ihr schwankte, glitt wie ein Lebewesen vorwärts. Bianca spürte die Vibrationen des Dieselmotors, die kleinen Zuckungen des Schwenkarms und hörte das Knirschen der Ketten. Feinarbeit. Die Hydraulik zischte, als sie den Steuerknüppel umlegte, den Arm ausfuhr und das Ende positionierte. Ihre Fingerspitzen kribbelten, als ob ihre Nerven eine direkte Verbindung zu den Metallzähnen am vorderen Ende der Baggerschaufel eingegangen wären. Sie grinste. Das war es, was Udo, ihr Lehrer, gemeint hatte. »Wenn du es richtig drauf hast, bist du der Bagger.« Sie hatte es drauf. Entgegen aller Skepsis und unzähliger hochgezogener Augenbrauen, denen sie begegnet war. Rehaugen, eine Lockenmähne und zierliche ein Meter fünfundfünfzig stellten nicht die idealen Voraussetzungen dar, um sich auf einer Baustelle zu behaupten. Aber nach einem halben Jahr hatten alle Kollegen in der Firma begriffen, dass man ihrem Mundwerk die fehlende Größe nicht vorwerfen konnte, und sie ohne Einschränkung als »einen der ihren« akzeptiert, der eine früher, der andere später.
Ihr Vater hatte getobt, als er von ihren monatelangen Lügen und ihrem Doppelleben erfahren hatte. Warum der Studienabbruch?, wollte er wissen. So kurz vor dem Abschluss. Mit diesen glänzenden Perspektiven. Er hatte keine Chance, es zu verstehen, selbst wenn sie versucht hätte, es ihm zu erklären – dass er und sein Verhalten ein Teil von allem waren. Der Druck, das immer enger werdende Korsett, die Fassade, die um jeden Preis aufrechterhalten werden musste, koste es, was es wolle. Sie war die erfolgreiche Tochter des erfolgreichen Vaters. Darunter ging es nicht. Bianca hatte ein Schulleben und beinahe ein komplettes Studium gebraucht, um zu verstehen, was daran nicht stimmte: Es war nicht ihr Wunsch, sondern seiner. Seine Erwartungen, die sie nicht enttäuschen durfte und wollte. Seine Vorstellungen, seine Werte. Er hatte ihr nie den Raum gegeben, zu entdecken, was ihr Eigenes hätte sein können. Es hatte wehgetan, sich ihm zu widersetzen, aber als sie ihre fixe Idee in die Wirklichkeit getragen und den Baggerführerschein gemacht hatte, fühlte sie sich zum ersten Mal richtig. Selbst.
Ab und an missverstand ein neuer Kollege die Blicke, die sich die anderen unter den Helmen zuwarfen, und tappte in die Falle. Wenn ihm aufging, dass die freudige Erwartung in den Augen der anderen seinem sicheren Abblitzen bei ihr galt und nicht ihrem Hüftschwung, war es meist zu spät, und er hatte sich bis auf die Knochen blamiert. Trotz der schweren Arbeitsschuhe, der weiten Hosen und Warnwesten als Schutzkleidung – im doppelten Sinn.
Die Zähne der Schaufel schoben sich unter den Rand eines Eisenträgers. Bianca bewegte sacht den Steuerknüppel und hob sich ein Stück aus ihrem Sitz. Eine gute Übung für sie, auch wenn es für den Auftrag keinen Unterschied machte, wie kunstfertig sie vorging. Seit vierzehn Tagen kämpften sie das alte Haus im Gemünder Industriegebiet nieder, schoben, rissen und stießen von allen Seiten. »Anwesen«, so nannte man es, und das lapidare Schulterzucken der Ortsansässigen offenbarte unter der offen zur Schau getragenen Gleichgültigkeit ein spürbares Maß an Erleichterung über den Abriss. Das Haus schien kein gutes Haus gewesen zu sein. Heute nicht und nicht in den Jahren vorher. Bianca war neugierig. Sie hätte gern mehr erfahren über das, was das Haus zu einem schlechten gemacht hatte, aber ihre Kollegen kamen alle nicht aus dem Ort. Waren wie sie Fremde, die nichts wussten, nichts ahnten und – im Gegensatz zu ihr – nichts wissen wollten. Für die war es ein Job. Nicht mehr. Sie würden weiterziehen, ohne bleibende Erinnerungen an ihr Tun. Nur der Platz für das Neue zählte, auch wenn es genauso gesichtslos blieb wie das Alte.
Mehr als hundert Jahre Geschichte hatten sich durch diese Räume gelebt und Spuren hinterlassen. Trotz der leeren Fensterhöhlen, der Risse im Putz und der verbarrikadierten Türen strahlte das Gebäude Stolz aus, den es auch im Fallen nicht verloren hatte. Was blieb, war ein Gefühl der Enttäuschung über die schnelle Nachgiebigkeit der alten Mauern, das Freigeben seines Wesens, dessen, was ihm innegewohnt hatte. Ein Gefühl, das sie von ihren Kollegen unterschied, durch ihr Interesse an dem, was gewesen war, an dem, was die Fassaden verbargen, an den Seelen der Ruinen. Sie versteckte sich hinter diesem Unterschied, ließ niemanden an sich heran. Daran änderten auch ihre wechselnden Liebhaber nichts, die sie sich suchte, mal für eine Nacht, mal für etwas länger. Mehr konnte sie nicht geben. Und mehr gab man ihr nicht, auch wenn sie mehr wollte. Der Letzte gestern Abend, auf den ersten Blick der Typ braver Familienvater, auf den zweiten ein unterhaltsamer Bettgenosse, hatte sie in Versuchung geführt, es zu wollen. War ihr zugewandt gewesen, seine Achtsamkeit nur bei ihr. Vielleicht hätte sie ihm von der Vergewaltigung erzählen sollen? Vielleicht hätte das in ihm ein Verständnis für die Oberfläche geweckt, auf die sie ihn hatte blicken lassen. Vielleicht hätte sie eine ihrer unzähligen Häute abstreifen, sich ihm nackter zeigen können, als es ihr unbekleideter Körper war. Bis ins Innere vorzudringen, gestattete sie niemandem, sogar sich selbst nicht. Der Kern, das Wesen ihrer selbst, lag in einer Tiefe, an die sie nicht rühren wollte, weil sie wusste, einige Dinge blieben besser begraben.
Sie war nicht überrascht gewesen, als es passiert war. Ein Aushilfsarbeiter hatte sich genommen, was sie ihm verweigert hatte. Hinter dem Bürocontainer einer anderen Baustelle. Nach Feierabend. Beinahe hatte sie damit gerechnet, so als ob es angemessener wäre, wenn die Leute und ihr Vater recht behielten und die Ordnung der Dinge durch den ihr zugefügten Schmerz wiederhergestellt würde. Eine Frau wie sie gehörte nicht auf eine Baustelle, und ganz sicher nicht in das Führerhäuschen eines Baggers. Sie gehörte bestraft, und er hatte diese Strafe vollzogen.
Wie Wurzeln eines Baumes winkelten sich die deckenlosen Wände durch den Boden, öffneten Türlöchern neue Räume und fundamentierten eine nicht mehr vorhandene Last. Mauern, die vorher Räumen und Fluren Kontur gegeben hatten, verloren sich nun in einem sinnlosen Labyrinth. Das letzte Stück der Kellerdecke musste noch abgetragen werden, dann war sie für heute fertig. Wenn es ihr gelang, alles auf die Schaufel zu laden und so wenig wie möglich in die Tiefe hinabbröckeln zu lassen. Vorsichtig bewegte Bianca den Steuerknüppel. Kleine Steinbrocken lösten sich und fielen in die Grube vor ihr, die Schaufelzähne suchten Halt, drangen vorwärts und brachen den Widerstand.
»Mist«, murmelte sie, als mit einem Teil der verbliebenen Decke gleichzeitig ein Drittel der Wand einstürzte, die einen der letzten Räume hinter sich verbarg. Ein Schwall dunklen Wassers ergoss sich, den stürzenden Steinen folgend, in die Baugrube, wirbelte Schutt und Holzstücke durcheinander und versickerte mehr und mehr, je weiter es sich in die umliegenden Räume ausbreitete. Das hätte ihr nicht passieren dürfen. Sie musste sich besser konzentrieren. Sie spielte mit den Fingern auf den Steuerknüppeln. Erneut hob sie die Schaufel über die Deckenreste, senkte sie sanft und suchte neuen Halt. Sie blinzelte. In den Schatten des alten Kellerraumes war etwas. Ein Fass, eine Kiste, zu groß, um mit den anderen Sachen hinausgespült zu werden. Nicht genau zu erkennen.
Während er sie festgehalten und in sie gestoßen, sie verwundet und benutzt hatte, hatte sie die ganze Zeit auf das Erste-Hilfe-Plakat über ihr an der Wand des Containers gestarrt. Der grüne Rand um die Zeichnungen, die braunen und gelben Haare der gezeichneten Menschen, wie Helme, starr und steif. Er mühte sich in ihr ab, keuchte, spreizte sie. »Ruhe bewahren«, las sie, der oberste Grundsatz. Immer wieder und wieder und wieder. Atmete. Las. Zählte die Zeichnungen. Es waren sieben. Seine Finger rissen an ihrem Mund. Zwängten sich zwischen ihre Lippen, drangen in ihre Mundhöhle. Sie würgte. Jegliches Gefühl verließ den Teil ihres Leibes, dessen er sich bemächtigt hatte, wurde taub und löste sich von ihrem Selbst. Sie spürte nur die Finger, die von ihrem eigenen Speichel feuchten Hände in ihrem Gesicht. Rang nach Luft. Ekel. Am Ende des Plakates hatte der Braunhaarige dem Gelbhaarigen vermutlich das Leben gerettet. Mund-zu-Mund-Beatmung, Herzmassage, stabile Seitenlage. Als er von ihr abließ, sich wegrollte und die Hose über seine staubigen Knie hochzerrte, rollte sie sich zusammen, die Beine am Körper, unfähig, ihren Blick von dem Plakat zu lösen. »Erste Hilfe muss immer wieder trainiert werden«, stand ganz oben, zwischen dem weißen Kreuz und dem Quadrat. Ein falsches Lachen suchte sich den Weg durch ihre Brust. Sie würde es nie wieder vergessen.
Ihr Chef hatte sie gefunden, auf dem letzten seiner täglichen Kontrollgänge über die Baustelle, sie aufgerichtet und schweigend ins Krankenhaus gefahren. Auch als es vorbei war, die Spuren des Vergewaltigers gesichert, ihre Erinnerungen protokolliert, und sie sich von allem reingewaschen hatte, hatte er nichts gesagt, zu fassungslos über das, was man ihr angetan hatte. Danach hatte er sie eine Zeit lang nur bei den kleineren Projekten eingesetzt, denen mit minimaler Besetzung, wo jeder jeden kannte und wo die »personelle Unwägbarkeit«, wie er es nannte, von vorneherein ausgeschlossen war.
Mit einer gleitenden Bewegung aus dem Handgelenk zog sie die Schaufel nach oben. Die große Deckenplatte folgte, stellte sich senkrecht und kippte nach hinten über. Im Fallen zerbrach sie in viele kleinere Stücke. Der Rest der Mauer zerbröselte förmlich unter den nächsten Stößen und gab den Blick auf die Kiste endgültig frei. Dunkles Holz, vom Wasser verquollen.
Sie hatte mit niemandem darüber reden wollen, es nur mit sich allein ausgemacht, wie sie fast alles mit sich ausmachte. Ihr Arzt und seine Bücher behaupteten, dass es sie einholen würde. Sie schlaflos machen, die Bilder wieder vor ihren Augen abspulen, ihr Herz rasen und sie selbst nicht mehr ohne Panik an einem Baucontainer vorbeigehen lassen würde. Dabei war das einzige Gefühl in ihr nicht die Furcht davor, dass es erneut geschehen könnte, sondern die Wut darüber, dass es geschehen war. Dass sie es hatte geschehen lassen. Dass sie die Kontrolle verloren hatte.
Sie biss die Zähne zusammen, blinzelte und konzentrierte sich. Sie würde die Kiste im Ganzen herausheben und auf den Boden der Abrissgrube stellen. Behutsam senkte sie die Schaufel von hinten an das Holz, winkelte sie an und schob sie sachte bis zu den Mauerresten vor. Ihre Zunge drückte sich zwischen ihre Zähne, Zeichen höchster Konzentration. Die Hydraulik zischte, und die Bewegungen setzten sich bis zu ihrem Führerstand fort, als sie die Kiste langsam anhob, den Baggerarm streckte, die Maschine nach links schwenkte und ihre Last ablud. Sie seufzte. Mit einer kurzen Drehung der Zündung verstummte der Motor. Die Stille auf der Baustelle war beinahe mit den Händen zu greifen. Außer ihr war niemand mehr hier. Die Mitarbeiter der umliegenden Firmen hatten die Jalousien heruntergelassen und die Rolltore verriegelt, bevor sie nach Hause gefahren waren. Hinter ihr reihten sich Autos auf der B266 zu einem leisen Hintergrundsurren auf. Sie öffnete die Tür des Führerhäuschens, stieg die beiden Stufen hinunter und ging auf die Kiste zu. Hier lockte eines dieser Geheimnisse, die sie so liebte. Das Holz glänzte wie lackiert. Schwarzbraunes Wasser lief immer noch aus den Ritzen und versickerte im Boden. Bianca fasste die Kiste an zwei Ecken und hob sie an. Sie war schwer, machte einen äußerst stabilen Eindruck. Die dunklen Flecken am Rand des Deckels schienen tief ins Holz der Seitenwände getriebene Nagelköpfe zu sein. Ein Versuch, den Deckel mit bloßen Händen zu öffnen, schien ihr von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Sie sah sich um, entdeckte aber nichts als penible Ordnung. Natürlich hatten die Kollegen alle Werkzeuge, die ihr das Leben jetzt erleichtern könnten, weggeräumt und eingeschlossen. Den Schlüssel für den Werkzeugschrank hütete der Chef. Sie ging zum Schuttcontainer und zog eine Eisenstange heraus.
Das Holz gab ächzend nach, Stück für Stück, als ob es sein Geheimnis hüten und nur widerwillig freigeben wollte. Sie arbeitete sich langsam vor, schob das Eisenstück wie eine Brechstange unter der Kante entlang. Hier hatte jemand sorgfältig sein Handwerk ausgeübt, die Nägel im immer gleichen Abstand ins Holz getrieben. Mit dem Brechen des letzten Metalls verrutschte der Deckel und gab den Inhalt der Kiste frei. Bianca richtete sich auf, wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Ihr Körper reagierte schneller als ihr Verstand. Sie hörte sich schreien, während sich das Erste-Hilfe-Plakat vor ihr inneres Auge schob. »Ruhe bewahren«, flüsterte sie und spürte, wie das Zittern wieder in ihr aufstieg. Wie die Angst in ihr hochkroch und ihr die Luft nahm. »Ruhe bewahren«, flüsterte sie und lauschte ihrem Atem und den eigenen Worten nach, »Ruhe bewahren!«
***
»Dat jeht evver nittesu ejnfach, wie der sich dat denk, Frau Wachtmeister. Ich möht ja och enns schloofe künne meddachs.« Die alte Dame ballte die Hände zu Fäusten, machte sich so gerade, wie ihr gebeugter Rücken es zuließ, und blitzte mich energisch an. Ich lehnte mich an die Wand des Hausflurs und tauschte über ihren Kopf hinweg einen Blick mit Sandra Kobler, meiner Kollegin, mit der ich heute Streife fuhr. »Un wiesu hatt ihr su lang jebruch, bis ihr herjekomme sett? Mer han jo fass att Ovend.«
»Frau Jansen, vielleicht beruhigen Sie sich erst einmal«, versuchte Sandra ihr Glück. »Ich bin mir sicher, dass Herr Hilgers Sie nicht von Ihrem Mittagsschlaf abhalten will, wenn er …«
»Der soll de Mussik nett esu laut drähe. Un och immer dann, wenn ich meng Musikantfess loofe han. Un dann sunne Krach. Dat es doch keen Mussik. Hüürt doch enns.« Gertrud Jansen wies mit der Hand zur zweiten Haustüre auf der Etage. Ich lauschte. Ein Hauch von Rockmusik. Sicher nicht der Geschmack einer Zweiundachtzigjährigen.
»Frau Jansen«, sagte ich ruhig und schaute auf meine Uhr, »es ist gerade mal halb vier. Wir sind so schnell gekommen, wie es uns unsere Arbeit erlaubt hat.« Ich unterdrückte ein Grinsen. »Herr Hilgers darf in seiner Wohnung die Musik hören, die ihm gefällt, auch wenn Sie sie nicht mögen.«
Die kleine Frau mit den sorgfältig ondulierten Löckchen bebte vor Entrüstung bis in die letzte Haarspitze. Ihre Lippen bewegten sich auf der Suche nach Worten.
»Sie haben die Polizei in dieser Woche schon zum dritten Mal gerufen, weil angeblich die Musik zu laut war. Die Kollegen haben bereits mit Herrn Hilgers gesprochen, und er hat versprochen, die Musik immer nur so laut zu stellen, dass sie nur in seiner Wohnung zu hören ist. Und wie es aussieht, hält er sich auch daran.«
»Der lüch doch. Wenn ihr weg sett, Frau Wachtmeister, dann iss dat Jejaule em Rubbeldidupp at wedder laut.«
Ich sah sie zweifelnd an. Marc Hilgers hatte keinen schlechten Eindruck auf mich gemacht, als ich bei ihm geklingelt und nachgefragt hatte, im Gegenteil. Er schien freundlich und zuvorkommend und mit der nötigen Spur Geduld ausgerüstet zu sein, wie man sie älteren Damen wie seiner Nachbarin gegenüber gut gebrauchen konnte. Gertrud Jansen lebte allein, und ich hatte den Verdacht, dass sie jede Möglichkeit ergriff, Kontakt zu anderen Menschen zu bekommen, egal, auf welche Art und Weise. In dem kleinen, abgelegenen Höhendorf in der Nähe von Gemünd wohnten gerade mal dreihundert Leute. Wenn man die abzog, die tagsüber zur Arbeit fuhren, und die Kinder, die vormittags die Schule besuchten, konnte ich mir gut vorstellen, dass sie hier nicht viel Gesellschaft fand. Ein Besuch der Polizei stellte in ihrem Tagesablauf mit Sicherheit ein echtes Highlight dar. Aber Senioren-Entertainment war nicht unsere Aufgabe, auch wenn ich mit jedem Monat, den ich meinen Dienst auf der Schleidener Wache tat, mehr das Gefühl hatte, als eine Art Bürgerbetreuerin zu arbeiten. Die meisten Delikte des Kreises passierten, wenn man der Statistik glauben konnte, in der Stadt Euskirchen selbst, und was sich in Schleiden und den umliegenden Orten abspielte, beschränkte sich zumeist auf Fälle wie diesen. Die richtigen Täter, die uns in Schleiden beehrten, waren auf unserer Dienststelle keine Unbekannten. »Jahrelange Geschäftsbeziehung« nannte man das in anderen Branchen. Mir war es recht. Über zwanzig Jahre bei der Kölner Mordkommission hatten mich mein neues, mehr oder minder ruhiges Leben als Schutzpolizistin in der Eifel schätzen gelehrt.
»Wir können ja kurz reinkommen und prüfen, wie laut es in Ihrer Wohnung ist«, bot ich ihr an.
»Du denkst an die Sache oben im Wald?«, erinnerte mich Sandra.
»Ja, ja.«
»So wie der Förster sich anhörte, solltest du ihn dringend zurückrufen.« Sandra schob ihren Ärmel hoch und drehte das Ziffernblatt ihrer Armbanduhr so, dass ich es sehen konnte. »Das war vor zwei Stunden, Ina. Jetzt haben die in der Nationalparkverwaltung bestimmt Feierabend.« Ihr Handgelenk war rot und angeschwollen. Das Band der Uhr schnitt ins Fleisch, aber es schien sie nicht zu stören.
»Ich habe seine Handynummer«, gab ich zur Antwort und murmelte leise: »Und seine Privatnummer auch.« Wobei ich nicht wusste, ob ihr dieser Umstand nicht sowieso bekannt war. Von mir hatte sie es jedenfalls nicht. Unsere gemeinsamen Dienste hatten sich bisher auf wenige Schichten beschränkt, und wenn wir doch zusammen Streife fuhren oder auf der Wache Dienst taten, kamen wir über fachliches Geplänkel meist nicht hinaus. Freundlich und kollegial, aber unpersönlich. Ich wusste nicht viel von Sandra. Ungefähr in meinem Alter, lebte sie doch ein komplett anderes Leben als ich. Verheiratet, eine Tochter. Familienglück. Dass meine chaotische und nicht mehr existierende Beziehung zu Steffen Ettelscheid, dem »Förster«, wie sie gesagt hatte, Gesprächsthema am Kobler’schen Abendbrottisch war, wagte ich zu bezweifeln. Im Gegenteil. Oft hatte ich das Gefühl, Sandra grenzte sich bewusst von mir ab. Misstraute mir. Jetzt zuckte sie mit den Schultern, nickte, und wir folgten Frau Jansen durch den engen Flur in ihr Wohnzimmer.
Innen erwartete uns plüschig-rustikale Gemütlichkeit und eine auf Hochtouren laufende Heizung. Alle Vorurteile, die gegenüber älteren Damen je gesammelt worden waren, fanden hier ihre Bestätigung. Ein riesiger, hochfloriger Perserteppich füllte den Raum aus und hielt die Sitzgarnitur zusammen. Häkeldeckchen in Pastellfarben bevölkerten Sideboard, Kommoden und, in größerer Form, die Sofalehnen. Alpenveilchen stritten sich mit Kakteen und kleinen Porzellanfiguren auf der Fensterbank um die letzten Reste des Lichtes, das durch die dicht gewebten Gardinen und die schweren Samtstores ins Zimmer sickerte. Von schwarzen Sechzigerjahre-Hornbrillen gezeichnete Kindergesichter hinter zu langen Ponys ließen ihre mittlerweile erwachsen gewordenen Träger vermutlich bei jedem Besuch beim Anblick der Fotos an den Wänden erschaudern. Ich lockerte den Kragen meiner Uniformbluse gegen die allgegenwärtige Enge und spürte, wie die Hitze sich bis unter meine Achseln ausbreitete. Bitte nicht schon wieder! Seit einigen Wochen kämpfte ich dagegen an. Zuerst hatte ich die Hitzewellen für einen Grippevirus gehalten, mich aber, als es sich nicht besserte, den Tatsachen stellen und schauen müssen, wie ich damit klarkam. Wechseljahre. Hurra. Zum Glück konnte man mit der Uniform eine Art Zwiebelsystem praktizieren. Ich zog die Jacke aus. Besser.
Eine sehr dünne grau gestromerte Katze lag lang ausgestreckt quer über dem Sofa neben der Tür und erhob deutlich ihre Besitzansprüche. Ihre dunkel umrandeten Augen blitzten mich an. Ich beugte mich vor, ließ sie an meinen Fingern schnuppern und kraulte sie dann zwischen den Ohren und unterm Kinn. In einem Ansatz von Abwehr zuckte eine Pfote nach oben. Die Katze verharrte und verfiel unvermittelt in lautes Schnurren, während ihre Pfote langsam nach unten sank. Gertrud Jansen beobachtete das Manöver ihres Hausgenossen und nickte.
»Die iss nich eijnfach, die alte Dame hier. Hätt ihren eijenen Kopp. Mäht, watt se will, und läht sich nix sahre. Bliev nitt jähn allein. Wehe, ich möht inkoofe jonn, dann schimpft se janz furchtbar.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Do muss mer en Händchen für hann, junge Frau.«
»Ich mag die Viecher«, murmelte ich und ging neben der Couch in die Knie. Ich dachte an meinen Kater Hermann, dessen Tod vor einigen Monaten eine Art Wendepunkt in meinem Leben symbolisierte, und ließ meine Fingerspitzen an der vibrierenden Katzenkehle ruhen. In Steffens Vorstellung über unsere Zukunft, die ich nicht mit ihm teilen konnte, hatten ein Haus und vielleicht sogar gemeinsame Kinder eine Rolle gespielt. Für ihn stellten dabei die acht Jahre, die er jünger war als ich, kein Hindernis dar. Für mich schon. Mein Vater hatte mich zur selben Zeit erst gar nicht nach meiner Meinung gefragt, sondern seine Umsiedlung ins Altersheim hinter meinem Rücken eingefädelt und mir den Schlüssel zu seiner Wohnung in die Hand gedrückt, in der ohnehin bereits die meisten meiner Sachen standen. Meine Entscheidung war in dem Moment gefallen, als Hermann auf meinem Arm starb. Ich musste mir mein neues Leben aufbauen. Ohne Steffen.
»Wolldr ejnen Kaffee?«, fragte unsere Gastgeberin und schaltete ihr Radio ein. Schlagermusik füllte wenig dezent den Raum, und ich überlegte, wie viel davon wohl bei ihrem Nachbarn durch die Wände drang, ohne dass er sich beschwerte. Gertrud Jansen wies auf die beiden freien Sessel. »Sätz üch doch!«
Mein Handy klingelte. Eine unterdrückte Nummer. Ich nahm ab.
»Ja?«
»Frau Weinz?« Eine Frauenstimme.
»Ja.«
»Reichl hier, Gymnasium Schleiden. Es geht um Henrike.«
»Ist etwas passiert?« Während ich angestrengt auf die Worte aus dem Hörer lauschte, sah ich Gertrud Jansen an, hob abwehrend die Hand und versuchte, meine Unruhe zu unterdrücken. Henrike war die größte Veränderung in meinem Leben. Von sporadischer Patentanten- auf ständige Mutterersatzfunktion. Ihre Mutter war meine beste Freundin. Gewesen. Nun war sie tot, und ich hatte ihr versprochen, mich um ihre Tochter zu kümmern. So einfach war das. So traurig. So schwer. Und so kompliziert. Seit Henrikes Einzug bei mir schwankte ich ständig zwischen übergroßer Sorge um das Mädchen und dem Drang, den Komplikationen, die das Leben mit einem Teenager mit sich brachte, zu entfliehen. Von einem Tag auf den anderen mit einer Dreizehnjährigen zusammenzuwohnen, war eine Herausforderung der ganz besonderen Art, mit der ich so nicht gerechnet hatte, und ich musste oft an mich halten, um nicht auszurasten. Die ungeheure Bedeutung der richtigen Klamotten zu den richtigen Anlässen, die Notwendigkeit täglichen viermaligen Umziehens und stundenlangen Schminkens im morgendlichen Badezimmer, das alles erschloss sich mir einfach nicht, auch wenn ich mir Mühe gab, mich darüber zu freuen, dass sie sich wie ein normaler Teenager benahm. Ihre Trauer war nicht weg, sondern kam in Wellen, verebbte mit jedem Mal mehr und wandelte sich zu einer Wehmut, die sie ihr Leben lang im Guten begleiten und sie letztlich bereichern würde.
»Am besten wäre es, wenn Sie herkommen und wir miteinander sprechen könnten, Frau Weinz.« Ein Räuspern. Ein heiseres Husten. »Am Telefon lassen sich solche Dinge nur schlecht diskutieren.«
»Ich bin noch zwei Stunden im Dienst, Frau Reichl. Danach …«
»Es wäre gut, wenn Sie sofort kommen könnten, Frau Weinz.«
Am anderen Ende der Leitung hörte ich die Direktorin atmen. Sie wartete.
»Frau Reichl, ich befinde mich in einem Einsatz und kann nicht einfach alles stehen und liegen lassen, wenn ich noch nicht einmal weiß, was geschehen ist. Ist Henrike krank oder verletzt?«
»Nein, das ist sie nicht.«
»Gut, dann werde ich mich bei Ihnen melden, sobald ich kann.«
»Henrike hat das Handy einer Mitschülerin zerstört«, kam es nun im Stakkato-Ton.
»Das tut mir leid. Wir werden es selbstverständlich ersetzen. So etwas kann passieren.«
»Sie hat es von ganz oben den Hang hinuntergeworfen, nachdem sie auf das Fensterbrett geklettert war, die Verriegelung aufgebrochen und das Fenster geöffnet hatte. Das war kein Versehen, Frau Weinz.«
Nein, das war es wohl nicht, dachte ich und lehnte mich an die Wand, während Sandra und Gertrud Jansen mich mit besorgten Blicken bedachten. Laut erwiderte ich: »Ist Rike jetzt bei Ihnen?«
»Sie wartet hier mit mir auf Sie, Frau Weinz.«
»Kann ich sie bitte sprechen?« Es knackte in der Leitung, raschelte, und dann hörte ich ein anderes Geräusch. Es klang wie Zähneknirschen. »Rike?« Etwas klirrte leise am Hörer entlang. Ich erinnerte mich an die langen Ohrringe aus Metall, die sie mir heute Morgen beim Frühstück präsentiert hatte und die mich zu Fragen im Hinblick auf angemessene Kleidung im Unterricht und sie, als Reaktion darauf, zu verdrehten Augen und genervtem Schulterzucken veranlasst hatten.
Ich hörte Henrike atmen.
»Es gibt sicher einen Grund dafür?«, fragte ich in ihr hartnäckiges Schweigen hinein, ohne mit einer Antwort zu rechnen. Ich wusste, solange sie im Büro der Direktorin saß, würde sie, wie ihre Mutter früher, kein Wort von sich geben. »Hör zu, Rike«, fuhr ich fort, ging ein Stück in den Flur und zog die Türe hinter mir bis auf einen Spaltbreit zu. »Ich bin im Dienst und kann auf keinen Fall jetzt kommen. Bitte fahr nach Hause und warte da auf mich. Wir reden heute Abend darüber, in Ordnung?« Stille. »Gib mir bitte Frau Reichl noch mal.« Ich wartete. Wieder raschelte und knackte es. Dann hörte ich die Stimme der Direktorin.
»Ja?«
»Ich melde mich später bei Ihnen, Frau Reichl, sobald ich kann. Henrike soll nach Hause fahren. Ich kümmere mich um die Angelegenheit.« Ich hatte keine Lust auf weitere Diskussionen, die nichts änderten. Aus den Augenwinkeln sah ich mich im Garderobenspiegel, umrahmt von Gelsenkirchener Barock, und musste grinsen, weil mich das an eine dieser Vorabendkrimiserien erinnerte und ich so wunderbar dem gängigen Bild der Landpolizistin entsprach. Nicht mehr ganz neu, praktische aschblonde Kurzhaarfrisur, leicht übergewichtig und gestresst von ihrer Doppelrolle als berufstätige Frau und verantwortungsvolle Mutter, schlägt sich die tapfere Fernseh-Beamtin durch die Eifel und nimmt ihr Schicksal und die Ureinwohner mit Humor und Gottergebenheit. Nur dass es im Leben nicht immer so locker flockig zuging.
»Ärger?«, fragte Sandra knapp, aber mitfühlend, als ich ins Wohnzimmer zurückkehrte. Ihre Tochter Luisa ging in dieselbe Klasse wie Henrike, und sie kannte vermutlich die harsch-herzliche Art der Direktorin. Ich schüttelte mit Blick auf die alte Dame den Kopf.
»Danke für Ihr Angebot, Frau Jansen, aber wir können leider keinen Kaffee mit Ihnen trinken. Wir sind im Dienst und müssen gleich weiter.« Ich reichte ihr zum Abschied die Hand.
Gertrud Jansen fiel merklich in sich zusammen, verbarg die Enttäuschung aber hinter einer verständnisvollen Miene und einem sehr geraden Rücken. Sie tat mir leid, aber mehr als die Zeit, die wir schon bei ihr verbracht hatten, konnten wir nicht aufbringen. Unsere Aufgabe als Polizisten war hier erledigt. Mehr blieb nicht zu tun.
Sandras Diensthandy klingelte. Sie ging voraus in den Flur und nahm das Gespräch entgegen. Ich hingegen wandte mich erneut der alten Dame zu, mir war noch etwas eingefallen.
»Wenn Sie Musik so mögen, Frau Jansen«, sagte ich und lächelte, »dann sollten Sie vielleicht einmal runter nach Gemünd zum Seniorentanztee fahren. Das würde Ihnen bestimmt Spaß machen.«
»Bin ich do nitt zo alt für, Frau Wachtmeister?« Gertrud Jansen schüttelte den Kopf. »Un wie soll ich dann do hinkumme?«
»Vielleicht kann ja Herr Hilgers …«
»Ina?«, unterbrach Sandra mich und gestikulierte Eile. »Es ist dringend.«
»Sag Herrn Ettelscheid, ich rufe zurück, wenn wir im Auto sitzen.«
Sandra steckte ihr Telefon ein. »Es ist nicht der Förster. Es ist die Wache in Schleiden. Wir haben einen Toten.«
ZWEI
Paul drückt Emmas Bein zur Seite, dreht sich behutsam, um sie nicht zu wecken, und zieht das Heft unter der dünnen Matratze hervor. Im fahlen Licht erkennt er die Zahlenreihen nur schlecht. Im Nebenbett hustet sein Vater. Trocken und hart, wie seit Wochen schon. Die Mutter stöhnt leise. Ist sie wach? Paul wendet den Kopf, versucht eine Regung hinter dem Deckenberg zu erkennen. Aber alles bleibt ruhig. Vielleicht macht sie es wie er, stiehlt sich einige Minuten, bevor der Tag beginnt. Sie leben zu sechst in diesem Zimmer, die Eltern, seine Geschwister und er. Von der Tür bis zum einzigen Fenster sind es acht Schritte, von der Wand, an der Emmas Bett steht, bis zu dem kleinen Schrank mit der Waschschüssel sieben. Sie haben es ausprobiert, als sie zum Beginn des neuen Jahres herzogen. 1903 begann mit einer Verbesserung. Das Zimmer, in dem sie vorher gehaust hatten, gehörte ihnen nicht allein. Ein Kreidestrich auf dem Boden teilte es zwischen ihnen und der anderen Familie auf. Die Frauen hatten Bettlaken aufgehängt, aber diese behelfsmäßigen Trennwände hielten nur die Blicke, nicht die Geräusche und den Gestank ab. Nicht das Stöhnen und Husten der alten Frau im Bett gegenüber. »Sie sollte sich beeilen mit dem Sterben, bevor wir noch alle krank werden«, hatte Mutter leise gesagt und das Laken auf der Leine gerade gezogen. Irgendwann, mitten in der Nacht, war Paul erwacht, weil etwas fehlte. Die alte Frau hatte aufgehört zu husten. Und zu atmen. Am nächsten Morgen hatten die Männer sie nach unten getragen, steif wie ein Brett, ganz bleich. Leicht hatte sie sich angefühlt, als Paul sie an den Schultern gefasst und den Männern geholfen hatte. Trotzdem ist sie nicht früh genug gestorben. Drei Tage nachdem sie in ihr neues Zimmer gezogen waren, hustete der Vater. Und jetzt, nach drei Monaten, sieht er so aus, wie die alte Frau ausgesehen hatte, und fühlt sich auch so an. Leicht. Federleicht.
Paul konzentriert sich auf das, was vor ihm liegt. Haben und Soll. Spalten, wie mit dem Lineal ausgerichtet, senkrechte Zahlenkolonnen wie Soldaten, in Reih und Glied, keinen Jota zur Seite ausweichend. Heinrich hat ihm das Heft gezeigt, als sie gemeinsam aus der Fabrik nach Hause gegangen sind, ganz so, wie sie bis vor ein paar Wochen immer zusammen aus der Schule heimgingen. Schon da waren sie Freunde, auch wenn Paul mit jedem Tag, den sein vierzehnter Geburtstag näher rückte, klarer wurde, dass sich ihre Wege trennen würden. Heinrich durfte in die Lehre, durfte lernen zu rechnen, mit dem Geld, das Arbeiter, wie er einer werden würde, der Fabrik einbringen.
Emma rollt sich zusammen und legt ihren Kopf auf sein Knie. Die Stirn seiner Schwester fühlt sich heiß an, sie hat wieder Fieber. Er streicht ihr über die feuchten Haare. Sie ist nur ein Jahr jünger als er. Er hat ihr seinen Traum anvertraut. Dafür, dass sie ihn nicht ausgelacht, ihn nicht entmutigt hat, liebt er sie. Sie glaubt an ihn. Hofft für und mit ihm, auf ein neues und besseres Leben. Aber auch sie wird im Sommer endgültig in die Fabrik wechseln. Schon jetzt haben die Eltern den Lehrer darum gebeten, sie am Nachmittag aus der Schule zu entlassen, damit sie in die Werkstatt gehen und bei den Frauen, die dort im Schein der Petroleumlampen die Papiertüten falten und kleben, für den Nachschub an Papier und Kleister sorgen kann. Sie teilen sich das alte Bett mit Johann und Anna. Die beiden sind noch zu klein, um einer bezahlten Arbeit nachzugehen. In der engen Schlafstatt liegen die Mädchen zum Kopfende, die Jungen zum Fußende hin. So ist mehr Platz, und trotzdem können sie sich gegenseitig wärmen.
Paul schiebt die Decke über Emmas Schultern und konzentriert sich wieder auf die Zahlenreihen. Er bemüht sich zu verstehen. Heinrich hat versprochen, es ihm zu erklären, wenn sie sich das nächste Mal begegnen.
»Mach dir keine falschen Hoffnungen, Junge.«
Er zuckt zusammen und fährt herum. Die Mutter sitzt mit hängenden Schultern in ihrem Bett. Hastig versucht er, seinen Schatz zu verbergen.
»Einer wie wir wird niemals ein Gelernter werden«, sagt sie mit einem Blick auf die Kladde und lächelt müde.
»Ich kann gut rechnen.«
»Ich weiß.« Sie schlägt die Decke zurück und steht auf. Unter ihrem weißen Nachthemd wölbt sich ihr Bauch weit nach vorn. Ein weiterer Mitschläfer für ein paar Tage oder Monate. Ob es Jahre werden, wagt Paul nicht zu fragen. Schon dreimal sind die schreienden Bündel nicht aus dem Bett der Eltern bis zum Bett der Kinder gelangt.
Die Mutter stemmt ihre Fäuste ins Kreuz und streckt sich. »Du bist gescheit, Paul. Das warst du immer. Trotzdem müssen wir satt werden. Jetzt.«
»Ich lerne abends oder wie jetzt am Morgen, bevor ich in die Fabrik gehe.«
»Junge.« Der Ton der Mutter wird schärfer. »Du wirst keine Kraft haben, und wenn doch …« Sie hebt die Hand, um den Einwand, den er auf den Lippen hat, abzuwehren, noch ehe er ihn aussprechen kann. »Es ist uns nicht bestimmt. Schlag es dir aus dem Kopf! Du wirst Ärger bekommen und deine Arbeit verlieren.«
»Aber …«
»Kein Aber. Stell dich an deinen Platz in der Fabrik.« Sie macht eine Pause und holt tief Luft, bevor sie weiterspricht. »Dein Vater kann es nicht mehr.«
Mit den anderen Jungen drängt Paul sich durch die schmale Tür, die zur Wollkammer führt. Schmutzig graue Ballen von Schafswolle türmen sich übereinander und warten darauf, auseinandergezupft und von kleinen Ästen, Gräsern und Kletten befreit zu werden, bevor sie in großen Körben zum Wolfen gebracht werden. Paul mag diese Arbeit. Keine schnellen Spulen, die sich drehen und die ausgewechselt werden müssen. Keine Hakenwalzen an den dicht an dicht stehenden Maschinen, die die eigene Kleidung mit der gleichen Gier mit sich reißen wie die Wollvliese, wenn man nicht jeden Moment achtgibt. Hier kann er seine Finger die Arbeit allein machen lassen. Und nachdenken.
»Wir müssen schneller sein, sonst bekommen wir Ärger«, sagt er zu einem Jungen, den er bisher noch nie hier gesehen hat. »Wie heißt du?«
»Gustav.« Der Junge lächelt ihn zaghaft an und greift in den Wollberg. Seine Finger huschen über die Haarbüschel, ziehen, zerren und reißen, und er senkt den Kopf. Paul erkennt den Abdruck von fünf Fingern auf Gustavs Wange. Rot und glühend auf der blassen Haut.
Er schaut in Richtung des Aufsehers. »Der da versteht nicht viel Spaß.«
Gustav nickt.
»Ihr seid zum Arbeiten hier, nicht zum Reden!«, dröhnt es, und die Jungen erschrecken. Der Aufseher steht im Türrahmen. Er muss seine Schultern beugen und den Kopf einziehen, sonst stößt er in dem niedrigen Raum an die Decke. Eine dichte Schicht der Wollfasern, die überall in der Luft schweben, bedeckt sein Gesicht und verleiht ihm das Aussehen eines Tieres. »Du da.« Er zeigt auf Paul. »Nimm den Korb und komm mit.«
Paul steht auf und hebt sich den halb vollen Korb auf die Schulter. Der Aufseher wirft einen Blick hinein und schnaubt verächtlich, bevor er sich wieder zu den anderen Jungen umdreht und sie weiter antreibt. Paul geht an ihm vorbei. Er kennt den Weg und weiß, an welche Maschine die Wolle gebracht werden muss. Die Maschinen faszinieren ihn. Er will die Mechanik verstehen, die Logik, nach der sich die Walzen drehen, viel schneller, als es Menschen mit ihrer Hände Arbeit bewerkstelligen können. Solche Maschinen zu bauen, würde ihm noch besser gefallen, als in einem Büro zu sitzen.
»Jetzt halt hier nicht Maulaffen feil.« Der Aufseher schiebt ihn in Richtung der Tische, die vor der Maschine aufgestellt sind, und zeigt auf einen leeren Platz zwischen drei Arbeitern. Der Lärm ist ohrenbetäubend, die Luft stickig. In einer immer gleichen Bewegung beugen sich die Männer vor und führen die Wollbündel den rotierenden Walzen zu, darum bemüht, überall die gleiche Menge in der gleichen Zeit aufzubringen. Wie Zähne bohren sich die Haken in die Fasern, führen sie mit sich und übergeben sie an die nächsten Rollen, deren Durchmesser Paul auf beinahe einen Meter schätzt. Schweigend reiht er sich ein und greift zu. Er ist kleiner und muss sich weiter vorbeugen als seine Kollegen. Vor und zurück. Immer weiter. Sein Rücken schmerzt, und die Muskeln in seinen Armen brennen. Schweißtropfen rinnen in seine Augen. Er blinzelt.
»Pass auf, Junge!« Der Arbeiter rechts neben ihm zerrt seinen Arm zurück. Ein Ruck, und der Ärmel seines dünnen Hemdes reißt, bleibt an einem der Krempelhaken hängen und verschwindet zwischen den Walzen. Paul zuckt zusammen und reibt über die nackte Haut seines Arms.
»Glück gehabt«, knurrt einer der anderen, ohne die Arbeit zu unterbrechen. Paul rührt sich nicht. Er hat schon miterlebt, wie die Maschinen Finger oder Arme einquetschen, und die Schreie der Männer gehört. Er starrt auf die stetig weiterwandernde Wolle vor ihm.
»Wir sollten uns anders aufstellen, wenn wir die Wolle in die Maschine eingeben.« Er geht an die Seite des Tisches, packt eines der weißlichen Bündel und führt es mit einer leichten Bewegung nach links an die Walze. »So müssen wir uns nicht so recken, und wenn auf jeder Seite zwei Mann stehen, geht es schneller und besser.« Er blickt die drei auffordernd an. »Los, ihr beiden auf die rechte Seite, wir beide«, er weist auf den ihm am nächsten stehenden Mann, »übernehmen die linke Seite.«
»Red keinen Unsinn, Junge. Wir machen es so, wie sie es uns sagen, und nicht anders. Klar?«
»Aber die Arbeit würde …«
»Was würde die Arbeit?« Der Aufseher steht mit vor der Brust verschränkten Armen hinter ihm, ohne dass Paul sein Kommen bemerkt hat.
»Sie würde uns schneller machen! Wir könnten schneller und sicherer arbeiten.« Paul vergisst seine Angst, die ihn sonst einen großen Bogen um den Mann machen lässt, so sehr ist er von seiner Idee begeistert.
»So. Könntet ihr das?« Leise. Monoton.
»Ja. Ich habe darüber nachgedacht. Wenn man den Tisch nicht mit der Querseite, sondern mit der Längsseite hinstellen würde, könnten zwei Helfer am Kopfende die Wolle aufladen und jeweils zwei Männer die Walzen mit der Schur bedienen«, rattert Paul atemlos. Dann verstummt er und wartet auf ein Urteil.
Der Aufseher bewegt seinen Kopf langsam in den Nacken und wieder zurück. Als ihre Blicke sich wieder begegnen, löst er die verschränkten Arme, hebt langsam eine Hand und glättet seine störrischen Haare. »Nein.«