Meret Barz
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Books on Demand GmbH
ISBN: 9783749400614
Es war immer ergiebig, den Blick gerade auf Menschen zu richten, die ziemlich unprätentiös und unexaltiert ihren Obliegenheiten nachgehen und darüber nicht nur eine Menge zu sagen haben, sondern uns mit ihrem Tun durch den Alltag begleiten und in diesem Alltag beschäftigen. Weder haben sie es nötig, noch kommen sie auf die Idee, ihr Leben und Wirken in Legenden zu hüllen, und falls doch, kann man ihnen auf die Schliche kommen und hat gleich noch ein Thema mehr. Mir ging es, sofern es möglich war, um einen Blick auf den Menschen hinter dem jeweiligen sichtbaren Ausdruck seines Tuns.
Ich hette bei diesen Gesprächen keinen besonderen Fragenkatalog dabei. Was ich gemacht habe, war, in hoffentlich entspannter Atmosphäre ein Gespräch zu beginnen und am Laufen zu halten. Ich habe den Gesprächspartner ein paar Mal angestochen, so daß er ins Erzählen kam, und konnte mir dann notieren, was mir wichtig erschien. Bei interessanten Punkten fragte ich nach. Blieb das Gespräch blaß, klopfte ich den Themenkreis auf Stellen ab, an denen man weitersprechen konnte. Das gab den Leuten die höchst willkommene Gelegenheit, über die Dinge zu sprechen, die sie selbst wichtig fanden. So entstanden Konturen von Persönlichkeiten auf der Grundlage ihrer eigenen Perspektive. Und es bedeutet nicht, daß meine Rückfragen etwa unkritisch gewesen wären. Was das Gespräch selbst betraf, war das im Grunde alles, danach kam die Arbeit des Schreibens. Nun ging es darum, aus den Notizen alles zu verdichten, was mir mitteilenswert erschien. Einige Zeit später war’s gedruckt. Die hier zusammengestellten Texte folgen jeweils der Autorenfassung, nicht dem Ergebnis redaktioneller Bearbeitung.
Richard Pils und seine „Bibliothek der Provinz“
Wie wird man Verleger? Suhrkamp fing als Lehrer an und stieg quer ein – Pils auch. Fischer und Matthes ließen sich in der Frage, wie ein Buch sein solle, von ihren eigenen Vorstellungen leiten – Pils auch. Die meisten österreichischen Verlagsinhaber stellen zu ihren Büchern Förderungsanträge – Pils nicht. Richard Pils läßt sich auf seine Träume ein und bringt auf eigenes Risiko diejenigen Bücher heraus, die er gerne kaufen könnte. Natürlich muß er auch darauf achten, daß er seine Bücher losbekommt, doch ist der überwiegende Teil seiner Arbeit von der Ästhetik geprägt, Ideale zu haben und zu verwirklichen.
Von den über vierhundert österreichischen Verlagen werden fast fünfzig Prozent als Kleinverlage bezeichnet. Die 3500 Buchtitel, die von ihnen derzeit lieferbar sind, machen nur ein Neuntel der heimischen Buchproduktion aus. Durch einen Wandel in der ehedem hauptsächlich mit Schul- und Fachbüchern befaßten Verlagslandschaft entstanden in den siebziger Jahren die ersten Klein- und Autorenverlage; österreichische Dichtkunst mußte sich nicht länger in staatsnahen Anthologien und Literaturzeitschriften verstecken. Die Verlagsförderung wird erst seit Mitte der achtziger Jahre ernsthaft diskutiert. Trotz aller Unwägbarkeiten des brotlosen Geschäftes gelang einigen Verlegern in den letzten Jahren die Professionalisierung. Mit starkem persönlichen Einsatz und Mut zum Risiko etablierte sich eine Gruppe ambitionierter Büchermacher in besser sortierten Buchhandlungen sowie in den Köpfen der Buchhändler und der Leser. Die „Bibliothek der Provinz“ des Richard Pils, gleichsam am „Ende Österreichs“ in Weitra angesiedelt, gehört zu den interessantesten dieser Kleinverlage.
Dabei ist sie gar kein Verlag, wenn man zumindest den anspruchsvollen Maßstab anlegt, den ihr Inhaber Richard Pils postuliert. Zu einem Verlag gehören nach seiner Ansicht ein Name, ein Programm, eine gewisse Verantwortung und insbesondere ein Lektorat. An letzterem aber haben mittlerweile fast alle „Verlage“ Österreichs den Rotstift angesetzt. Die Bedeutung des Lektorats sieht Pils nicht im Korrigieren oder in der Schriftauswahl, sondern zunächst in der Betreuung der Autoren, in der Unterstützung bei der schwierigen Aufgabe, Profil zu gewinnen. Statt in den Genuß dieses Coachings zu kommen, sind Autoren in Österreich in der Regel auf sich gestellt. Die pessimistische Bilanz: Es gibt keine Verlage mehr.
Dieser hohe Anspruch verrät, daß Pils sich über seine Arbeiten Gedanken macht. Der Verleger ist für ihn nicht einfach nur der Inhaber einer Firma, die in irgendeiner Weise Bücher produziert, sondern ein Förderer geistiger Welten, ein Kristallisationspunkt für Ideen. Das Engagement, welches Verlegern und Katalysatoren noch vor dem Zweiten Weltkrieg zueigen war, ist heute längst nicht mehr üblich – vielleicht ist Richard Pils der letzte Angehörige einer ausgestorbenen Spezies. Daß er sich seinen Aufgaben jeweils hundertprozentig widmet, zieht sich jedenfalls durch seine gesamte Biographie. In der Süddeutschen Zeitung war schon 1992 zu lesen, wo Richard Pils zu den Wörtern fand: auf dem Klo. Der 1946 geborene Sohn eines Eisenbahners und Nebenerwerbsbauern begann zu einer Zeit zu lesen, als man noch Zeitungen zerschnitt, anstatt sich mit dreilagigem Flausch zu verwöhnen. Unter diesen Textfragmenten befanden sich sogar noch Reste aus den Zeiten der Monarchie, die beide Weltkriege überdauert hatten und nun, auf einem „Häuserl“ zwischen Apfelbaum und Holunder, einen begeisterten Leser fanden. Das war Anfang der fünfziger Jahre, irgendwo im Mühlviertel, irgendwo in der sozialen Unterschicht. Die Eltern stammten von Bauern ab und führten nebenher eine kleine Landwirtschaft zur Selbstversorgung. Im und nach dem Krieg brachte das, was da aus dem Boden strebte, wirtschaftliche Unabhängigkeit und die Möglichkeit, Kosten zu sparen. Das wiederum ermöglichte einen Luxus, der keineswegs weit verbreitet war: Es wurde viel gelesen.
Die Kindheit des Richard Pils war spannend. Zur Volksschule hatte er einen weiten Weg zurückzulegen, auf dem es allerhand zu erleben gab. Die Großeltern erzählten oft von ihren Erlebnissen in den Weltkriegen und in der Zwischenkriegszeit. Für den Bub, der mit großen Augen zuhörte, zählte der Abenteuerwert – der politische Hintergrund dämmerte ihm erst Jahre später. Doch die Geschichten, die er erzählt bekommen hatte, trug er als festen Besitz mit sich. Da ging es um die „KZler“, die in der Scheune einquartiert worden waren, und von denen die Großmutter unbefangen ihrem Enkel berichtete, der gar nicht wußte, was das ist: ein KZler.
Die fünfziger Jahre brachten auch dem Mühlviertel allgemeinen Aufschwung, der ein größeres Angebot an Bildung mit sich brachte. Pils begann zu studieren, was ihn interessierte. Statt sich mit einem vorgefertigten Lehrangebot zufriedenzugeben, wählte er aus, wen und was er hören wollte, und reiste bis Linz und Klagenfurt. An der Akademie der bildenden Künste in Wien war er Mikl-Schüler, nicht ohne den Kontext zu seinen eigentlich pädagogischen Zielen zu verlieren.
Mit diesem Bildungsweg wurde er Lehrer und suchte sich eine kleine Dorfschule als idealen Wirkungsort. Denn am ehesten dort sah er die Möglichkeit, die pädagogischen Konzepte von Pestalozzi, Steiner und anderen zu verwirklichen. Die Unzufriedenheit mit dem österreichischen Schulwesen brachte ihn dazu, sich für Schulversuche einzusetzen, die damals keineswegs denkbar waren, schon gar nicht auf dem Land. Da trat plötzlich ein langhaariger Schuldirektor auf, legte den Lehrplan wörtlich aus und brachte den öffentlichen Schulen Impulse, wie sie bis dahin allenfalls Privatschulen kennengelernt hatten. Bis heute geht er nicht von Schulpflicht, sondern von Schulanrecht aus; bei seinen eigenen Kindern hat er die Möglichkeit des häuslichen Unterrichts konsequent umgesetzt.
Einen großen Einschnitt brachte die Katastrophe von Tschernobyl in seinem Leben. Er hatte jahrzehntelang gegen Atomkraftwerke und Militarismus gekämpft, sein ganzes Geld in dieses Anliegen gesteckt und – als Beamter – öffentlich Position bezogen, und plötzlich war das befürchtete Horrorszenario eingetreten. Um der drohenden Verseuchung zu entgehen, brach er mit seiner Familie zu einer Reise nach Irgendwo auf: An allen möglichen Orten erlebten sie manches, vor allem das Abenteuer des Zusammenhalts, aber auch praktische Dinge. In Neuseeland bauten sie aus einer Handvoll Wracks ein Auto.
Wieder zurückgekehrt, fing Richard Pils ein neues Projekt an, nämlich den Luxus, ein Buch, das er im Buchhandel nicht kaufen konnte, selbst drucken zu lassen. Die „Bibliothek der Provinz“ war eigentlich nur für drei Jahre geplant, dann für fünf – und nun sind es schon zehn. Trat Pils eigentlich nur an, um zu zeigen, daß auch außerhalb der Metropolen kulturelle Initiativen ihre Berechtigung haben, so gewann das Projekt durch den guten Absatz der Bücher mehr und mehr an Fahrt. „Bibliothek“ nannte er es, weil es in seinen Augen kein Verlag im eigentlichen Sinne ist – letztlich nur eine Erweiterung seiner eigenen Büchersammlung auf ungewöhnliche Weise. Der Standort Weitra, von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vergeblich im Atlas gesucht, bleibt eine Aufforderung, über Globalisierung und Zentralisierung nachzudenken. In einer Zeit, wo schier jeder mit jedem kommunizieren kann, ob er nun in Buenos Aires oder in Weitra wohnt, ist die Orientierung an den Metropolen noch immer festes Allgemeingut. War es kein Zufall, daß diese Bibliothek in der Provinz entstand, so ist es kein Zufall, daß sie dort noch immer ist – und zeigt, daß auch von der Peripherie aus kulturell gewirkt werden kann.
Das Verlagsprogramm des Richard Pils begann mit zeitgenössischer Literatur, aufgelockert durch Kuriositäten aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, und schon bald wurde es um Regionalliteratur und Werke Adalbert Stifters erweitert. Mit wachsender Bekanntheit kamen nach und nach auch etliche zeitgenössische Manuskripte – im Jahr mehr als 1400 – auf den Bauernhof in Weitra. Heute umfaßt das Programm 140 Titel aus den Bereichen Austriaca und Regionalia, Kulturgeschichte, Kinder-, Koch- und Kunstbücher, Literatur und Mundart, Musik, Theater, Pädagogik und noch einigen mehr. Auch Tonträger, Videos und Lehrmittel werden von dem Familienbetrieb produziert. Genauso umfangreich wie die Liste der Sachgebiete ist die Bandbreite verschiedenster Autoren, unter ihnen Thomas Bernhard, Theodor Storm, Franz Kain und Waltraud Seidlhofer. Dieses ausgedehnte Spektrum ist eine Folge der Verlagsphilosophie: Es wird das realisiert, was den Verleger anspricht. Es scheint, als nehme sich Richard Pils ausnahmslos derjenigen Manuskripte an, die er selbst gerne als Buch in seinem eigenen Bücherschrank wüßte. So heißt es im Verlagsalmanach: „Es soll ja nur eine sehr persönliche Bibliothek sein, die ich mir da aufbaue, mit der ich meine Bibliothek erweitere. Ich lese, sammle und produziere Bücher…“ Die Sorgfalt, die der Verleger seinen Büchern angedeihen läßt, zeigt sich in Typographie und Ausstattung ebenso wie zuweilen im Preis. Die Bücher werden nicht nachgedruckt, die Auflagen umfassen zwischen fünfhundert und zweitausend Stück. Manche Bücher werden so hergestellt, daß es nur Unikate gibt oder daß jedem Buch ein anderer Druck beiliegt („Indigo“), die gesamte Produktion wird in kleinen österreichischen Druckereien hergestellt: beachtenswert, wenn man bedenkt, daß Tschechien nur einen Steinwurf hinter Weitra anfängt.
Die Bibliothek der Provinz hat etwas von den ersten Druckereien, die ab 1450 kleine Auflagen von fünfhundert bis zweitausend Exemplaren druckten und der gesamten Genese des jeweiligen Buches ihren Stempel aufdrückten. Man merkt an den Ergebnissen, daß hier ein Bibliophiler am Werk ist, dem die Güte und die sinnliche Erfahrbarkeit seiner Erzeugnisse ein Anliegen ist. Richard Pils ist ein Handwerker des Buches, der die Geburt jedes Titels von der Gestaltung über die Herstellung bis zum Vertrieb geflissentlich überwacht und dafür sorgt, daß kein einziges seiner Bücher auf den Ramschtischen „moderner Antiquariate“ auftaucht.
Ganz bewußt ist Richard Pils mit seinem Verlag für Literatur, Kunst und Musikalien nicht in die Stadt gezogen. Als Verlagshaus dient der ehemalige Dorfgasthof von Großwolfgers, einem kleinen Ort von fünfzig Seelen. Hier, fernab von den Knotenpunkten eines längst allzu merkantil gewordenen Literaturbetriebes, komponiert der Unternehmer ein Programm, das sich ein Verlag normalerweise nicht erlaubt. Literaturproduktion geht landläufig so vonstatten, daß ein Verlag etliche gut absetzbare Titel produziert, um allenfalls eine gewisse Beimischung an weniger gefragten Büchern mitzupflegen. Dabei ist für den Verlag die gesetzliche Bindung des Ladenpreises ein verläßliches Instrument, weil dadurch einerseits eine Versorgung auch strukturschwacher Gegenden mit Büchern zum Einheitspreis und andererseits eine überschaubare Kalkulation jedes Titels möglich ist. Wenn es auch eine ganze Reihe sorgfältig erarbeiteter Argumente für und gegen den festen Ladenpreis bei Büchern gibt, so ist doch die gerade wieder sehr aktuelle Diskussion um seine Aufhebung sehr emotional und überhitzt. Brisante Untersuchungen aus Frankreich, wo eine Aufhebung der Preisbindung zu einer Belebung des Buchmarktes geführt haben soll, wurden letztens der Bundesregierung von einer großen Buchhandelskette zugespielt. Der Hauptverband des Österreichischen Buchhandels war in heller Aufregung. Inhaber kleiner Buchhandlungen oder Verlage zitterten wieder um ihre Existenz. Und Inhaber großer Buchhandlungen oder Verlage lehnten sich beruhigt zurück und rechneten sich aus, wie weit sie anfangs mit den Preisen für Bücher hinuntergehen müssen, damit sie eines Tages ihre Konkurrenz kaufen und die Preise dann wieder anheben können.
Tatsächlich hat der feste Ladenpreis im deutschsprachigen Raum ein vielfältiges Buch- und Literaturleben überhaupt erst ermöglicht. Das System ist so gedacht, daß durch den festen Ladenpreis eine solide und verläßliche Kalkulation für Verlag und Buchhändler sichergestellt ist. Es hat sich eine Faustregel entwickelt, nach der man den Ladenpreis etwa beim Fünffachen der Herstellungskosten ansetzt, Presse- und Belegexemplare bereits eingerechnet. Von diesem Ladenpreis gewährt man dem Buchhändler bei wissenschaftlichen Büchern etwa ein Viertel, bei Belletristik und Sachbüchern dreißig bis vierzig Prozent. Allerdings geht von diesem „Gewinn“ einiges an den Grossisten, der mit dem Bücherwagen über Nacht das gewünschte Buch in die jeweilige Buchhandlung bringt. Dieser Service schlägt mit etwa fünfzehn Prozent des Ladenpreises zu Buche, ohne ihn wäre ein Buchhändler jedoch längst nicht mehr konkurrenzfähig. Um sich von diesem System nicht zu sehr abhängig zu machen, fahren mittlerweile fast alle dieser Grossisten zweigleisig und bieten neben dem traditionellen Bücherdienst einen reinen Auslieferungsdienst für die Verlage an, der in der Regel auf dem Postweg und wesentlich günstiger abgewickelt wird. Die Frage ist allerdings, ob der feste Ladenpreis noch in eine Zeit paßt, in der er ohnehin ständig umgangen wird und seine Verteidigung zuweilen etwas dünn argumentiert.