Christine Bauer-Jelinek
DER FALSCHE FEIND
Schuld sind nicht die Männer
Christine Bauer-Jelinek
DER FALSCHE FEIND
Schuld sind nicht die Männer
Christine Bauer-Jelinek
Der falsche Feind
Schuld sind nicht die Männer
1. Auflage
© 2012 Ecowin Verlag, Salzburg
Lektorat: Dr. Arnold Klaffenböck
© Porträtfotos Christine Bauer-Jelinek: Elke Ortner
Gesamtherstellung: www.theiss.at
Gesetzt aus der Sabon
Printed in Austria
ISBN 978-3-7110-5082-3
www.ecowin.at
Für alle Frauen und Männer,
die sich eine menschlichere Gesellschaft wünschen.
Sind Frauen die besseren Menschen?
Ungleicher Lohn für ungleiche Arbeit
Mein Bauch gehört mir – sein Sperma auch
Kein Platz für Männer
Frauen an die Macht
Der „Allmachts-Feminismus“
Wer den Preis bezahlt
Mütter im Abseits
Der Mythos von der unterdrückten Frau
Gemeinsam auf die Barrikaden
Danksagung
Serviceteil
Quellen, weiterführende Literatur und Links
Wenn mehr Frauen an der Macht gewesen wären, hätte die Wirtschaftskrise verhindert werden können. Es handle sich um eine „Testosteronkrise“, die das „Ende des Machotums“ und „die Stunde der Frauen“ einleiten würde. „Maskuline Verantwortungslosigkeit und Zockerei haben den wirtschaftlichen Karren an die Wand gefahren …“, lesen wir im September 2009 in der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“.
Verwundert verfolgen wir die frauenfreundlichen Kommentare in den Medien seit dem Ausbruch der Krise – und der Trend hält weiter an: Schlagworte wie „moderne Trümmerfrauen“, der „Machtfaktor Frau“ oder das „Jahrhundert der Frauen“ werden flankiert von internationalen Studien. Das Beratungsunternehmen McKinsey fand heraus, dass Entscheidungsgremien, in denen zu mehr als einem Drittel Frauen tätig sind, deutlich bessere Finanzergebnisse erwirtschaften würden als jene, in denen nur Männer sitzen. Oder auch eine Studie der Boston Consulting Group, die aufzeigt, dass Frauen bald nicht nur verstärkt in den Vorstandsetagen präsent sein, sondern auch den größten „Zukunftsmarkt“ überhaupt darstellen würden. Die geballte weibliche Wirtschaftskraft beruhe auf steigender Bildung, höherem Einkommen und der Tatsache, dass Frauen bereits jetzt 70 Prozent aller Kaufentscheidungen treffen. Und die Welt würde dadurch auch besser werden, weil Frauen Geld langfristiger und nachhaltiger ausgeben als Männer.
Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ resümiert im März des Folgejahres: „Sind Frauen an der Spitze, geht es dem Unternehmen besser.“ Und der Zukunftsforscher Matthias Horx fordert sogar die „Feminisierung der Werte“, denn Männer würden Entscheidungen vor allem hormonell bestimmt statt rational treffen. Frauen seien dagegen wesentlich zukunftsorientierter.
Spätestens jetzt sind wir bass erstaunt angesichts all dieser unverzichtbaren neuen Eigenschaften der Frauen. Bisher waren sie es doch, die als irrational und hormongesteuert galten, während die Männer als disziplinierte und vernunftorientierte Wesen zu Recht an den Schalthebeln der Macht werken durften. Nun soll es plötzlich genau umgekehrt sein? Jetzt würden Frauen über die wesentlichen Verhaltensweisen verfügen, ohne die die Wirtschaft offensichtlich ihre Krise nicht bewältigen und im harten Wettbewerb nicht bestehen kann? Frauen wie Männer fragen sich irritiert, was denn diesen rasanten Gesinnungswandel bewirkt haben könnte, denn was von bedeutenden männlichen Philosophen über die Frauen geschrieben wurde, liest sich ja ganz anders: „Das Weibchen ist nämlich gleichsam ein verstümmeltes Männchen“ (Aristoteles). Oder: „Demgemäß wird man als den Grundfehler des weiblichen Charakters Ungerechtigkeit finden. Er entsteht zunächst aus dem dargelegten Mangel an Vernünftigkeit und Überlegung, wird zudem aber noch dadurch unterstützt, dass sie, als die Schwächeren, von der Natur nicht auf die Kraft, sondern auf die List angewiesen sind: daher ihre instinktartige Verschlagenheit und ihr unvertilgbarer Hang zum Lügen“ (Arthur Schopenhauer). Oder: „Das Symbol der Frauen im Allgemeinen ist das der Apokalypse, über der geschrieben steht: Mysterium“ (Denis Diderot).
Die Maximen, die im Laufe der Geschichte Geltung hatten, lauteten: Die Frau müsse von Wirtschaft und Politik ferngehalten sowie vom Mann, von der Gesellschaft und der Religion kontrolliert werden, denn sie sei ein gefährliches Wesen. Angefangen von den Muttergottheiten, die alles gebären, aber auch alles vernichten konnten, über Eva, die den schwachen Charakter Adams offenkundig werden ließ, bis hin zu Hexen und Huren zieht sich die Angst vor dem Abgründigen, Sexuellen, Irrationalen der Frau durch Wissenschaft und Literatur – aber auch durch die Gesetzgebung.
Auch heute noch – allerdings nur noch unter vier Augen oder nach ein paar Gläsern Wein – kommen negative Zuschreibungen ans Tageslicht: Wie zickig, hysterisch, stutenbissig, manipulativ, vereinnahmend, besserwisserisch, undurchschaubar doch die „Weiber“ wären.
Fragt man jedoch öffentlich nach weiblichen Eigenschaften, so wird es kaum noch jemand wagen, in die Schmuddelkiste zu greifen. Man bekommt vielmehr die ganze Bandbreite der tugendhaften Frau präsentiert: fürsorglich, sozial, empathisch, ganzheitlich denkend, kommunikativ, emotional intelligent, intuitiv, fleißig, genau, ernsthaft, multitasking, gut organisiert, verantwortungsvoll, belastbar, umsichtig, bescheiden, zurückhaltend – die Frau mit dem Glorienschein der guten Mutter: Loblieder auf ihre Güte, Sanftheit, Schönheit – und fallweise auch Begeisterung über die erotischen Freuden, die sie zu bieten hat.
Die Bewunderung der „weiblichen Tugenden“ erlebte mit der Romantik und der Aufklärung eine Hochblüte und führt seither in unseren Köpfen ein Eigenleben: Die Frau wäre nicht an ihrem eigenen Wohl interessiert, sondern diene zuerst ihren Kindern, ihrem Mann, ihrer Gemeinde, der Gesellschaft, dem Regenwald und dem ganzen Universum. Sie wäre ein Vorbild an Menschlichkeit – oder um mit Goethe zu sprechen: „das Ewig-Weibliche zieht uns hinan“ („Faust 2“).
Die Frau wurde lange Zeit aufgrund ihrer Fähigkeit, Kinder zu gebären, geehrt und bevorzugt, weil sie dem Leben näher stünde und daher von „Natur“ aus moralischer und menschlicher handle als der Mann. Sie wurde als das „bessere Wesen“ verstanden; ihr Leben war grundsätzlich mehr wert als jenes der Männer – daher hieß es bei Gefahren auch immer, „Frauen und Kinder“ zuerst.
Dämonisierung und Idealisierung wechseln einander im Laufe der Geschichte ab. Die Wellenbewegung der jüngeren Vergangenheit reicht von der Femme fatale und dem Vamp der wilden 1920er-Jahre über den Mutterkult des Dritten Reichs mit seinen Ausläufern im Ideal der Hausfrau der 1950er-Jahre weiter zur 1968er-Rebellion mit ihrer Ablehnung jeglichen „Weiblichkeitswahns“ bis zur heutigen Renaissance der positiven weiblichen Werte in Wirtschaft und Politik.
Während die positiven Eigenschaften der Frauen zurzeit hoch im Kurs stehen, ist von den männlichen Tugenden nicht viel übrig geblieben. Die Welle der Verachtung beginnt mit der Aufklärung und erreicht heute einen vielleicht noch nie dagewesenen Höhepunkt; die einstmals positiven Eigenschaften der Männer wurden der Lächerlichkeit preisgegeben: Ein Gentleman sei verzopft, ein Alleinverdiener behindere die Frau in ihrer Selbstentfaltung, Mut diene der Selbstdarstellung, Aufopferung in der Arbeit wäre Dummheit und eine kürzere Lebenserwartung der Männer die logische Folge von Ignoranz und mangelnder Selbstfürsorge.
In der Werbung, einem brauchbaren Indikator für gesellschaftliche Trends, spielen Männer inzwischen die Rolle des Dümmlings. Waren es bis in die 1980er-Jahre die einfältigen Fräuleins, die von wissenden Herren über den richtigen Umgang mit Autos oder technischen Geräten belehrt wurden, so zeigen heute die Frauen, wo es langgeht: Ungeschickte Männer werden mit einem Haushaltstuch einfach „wisch-und-weg“-geputzt oder von ihren neurotischen Zwängen mit einem probiotischen Milchprodukt geheilt – „Herbert, trink das!“
Auch im direkten Kontakt der Geschlechter hat die Missachtung nur die Seiten gewechselt. Frauen reißen heute ungestraft männerfeindliche Witze, machen abfällige Bemerkungen über deren Sexualität, ihren Charakter oder ihr Aussehen. Zugleich wird aber jede anzügliche Bemerkung von Männern über Frauen auf die Goldwaage gelegt und rigoros verfolgt. Da genügt oft schon ein strafender Blick, um einen harmlosen Scherz als frauenfeindlich zu entlarven und das Gelächter darüber im Hals zu ersticken. Viele Frauen verdrehen die Augen, wenn sie das Wort „Männer“ nur aussprechen.
Political Correctness heißt die neue Tugend im Sinne des Respekts vor der gesellschaftlichen Vielfalt (Diversity). Dieser Schutz gilt nicht nur für Frauen, sondern auch für Menschen mit Behinderungen, andere Ethnien oder die Generationen. Ausgenommen davon sind offensichtlich nur die Männer. Sie sind als Prügelknaben dazu da, negative Emotionen auf sich zu ziehen. Sie dürfen öffentlich der minderen Moral bezichtigt werden, man darf ihnen pauschal unlautere Absichten oder Gewalttätigkeit unterstellen.
Und Männer wehren sich kaum. Männer, die lächerlich gemacht werden, widersprechen selten und stecken die Kränkung aus alter ritterlicher Gewohnheit weg: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“ Man kämpft nicht gegen Frauen und jammert nicht über Verletzungen. Oder sie nehmen die jahrzehntelangen Vorwürfe gegen eine männerdominierte Gesellschaft persönlich, finden die Schuldzuschreibung gerechtfertigt und meinen, Strafe verdient zu haben.
Was immer Männer also zurzeit versuchen, um ihre Würde wiederzuerlangen, ist nicht von Erfolg gekrönt – sie sind entweder schuld oder lächerlich. Frauen hingegen bauen ihren Status als „das bessere Geschlecht“ weiter aus: Das Überleben der Menschheit, der Umwelt, der Wirtschaft müsse in ihre Hand gelegt werden, denn Männer hätten ihre Chance gehabt und sie verspielt. Und weil in der Gesellschaft Konkurrenz, Ungleichheit und Ausbeutung von Mensch und Natur immer noch die bestimmenden männlichen Werte wären, müssten Frauen ihre Schlagzahl jetzt erhöhen: „Mehr Frauen in Machtpositionen“, lautet der weibliche Schlachtruf, denn sie würden eine bessere Welt erschaffen können.
Kann der Mythos von der Frau als besseres Wesen aber einen Stresstest bestehen? Wohl kaum. Frauen sind als Führungspersonen keineswegs so kompetent und beliebt, wie gerne behauptet wird. Im vertrauten Umfeld kann man von beiden Geschlechtern hören, dass sie lieber mit Männern arbeiten – sowohl als Mitarbeiter als auch als Vorgesetzte; nicht wegen der alten Vorurteile, sondern aus praktischer Erfahrung: Männer seien „pflegeleichter“, weniger empfindlich und nachtragend, sie würden sich besser integrieren, Vorgaben und Ziele rascher akzeptieren. Frauen würden nicht besser führen oder verkaufen, sie seien nicht teamfähiger, ja nicht einmal kommunikativer als Männer – im Gegenteil: Sehr oft würden sie aufgrund ihres mangelnden Verständnisses der Spielregeln und ihrer moralischen Selbstüberschätzung sogar Schaden anrichten.
Langsam bröckelt der Verputz von der weiblichen Ikone des Friedens. Nicht nur die Lebenspraxis in Beruf und Familie zeigt ein anderes Bild, auch extreme Schocks haben einen Nachdenkprozess angestoßen: So waren beispielsweise während des letzten Golfkrieges an den Gräueltaten im Foltergefängnis von Abu Ghraib auf US-amerikanischer Seite auch weibliche Soldaten beteiligt. Das Bildmaterial, das die Soldatin Lynndie England bei sexueller Gewaltanwendung gegen wehrlose Gefangene zeigt, löste weltweites Entsetzen aus. Und auch die fehlende Schuldeinsicht der Soldatin beim Prozess irritierte die Öffentlichkeit sehr: Es kann nicht sein, dass Frauen zu so etwas fähig sind! Fieberhaft wurde nach Erklärungen gesucht, um diesen Tabubruch abzuschwächen. Feministisch dominierte Pressestimmen meinten: Die Frauen wurden von Männern ausgebildet und kommandiert. Doch auch die Führung des Gefängnisses, Janis Karpinski, war zu diesem Zeitpunkt weiblich.
Vergleicht man bei Internetrecherchen die damaligen Pressemeldungen mit aktuellen Berichten über Abu Ghraib, so wird die Bewältigungsstrategie für diese Irritation deutlich: Die Tatsache der Frauenbeteiligung an dem Skandal ist nicht mehr erwähnenswert, bloß Bildunterschriften weisen noch auf Frau England hin. Und es besteht kein Frauennetzwerk auf der weiblichen Schreibweise der Beteiligten – das „Binnen-I“ für TäterInnen wird nicht eingefordert. Da wird nicht analysiert, wie viele Frauen in diesem Gefängnis stationiert waren und wie viele davon als weibliche Offiziere Mitverantwortung trugen. Da nur noch von Personen und Soldaten die Rede ist, bekommt man den Eindruck, es wären wie immer nur Männer gewesen, die diese Verbrechen begangen hätten. Dass es möglicherweise die gesellschaftlichen Umstände sind, die auch aus Frauen entweder fürsorgliche Familienmenschen oder schreckliche Monster machen, wird nicht einmal in Erwägung gezogen.
Doch auch dieses einschneidende Ereignis hat das Image von der moralischen Überlegenheit des weiblichen Geschlechts nicht nachhaltig beschädigt. Frauen halten sich inzwischen selbst für besser geeignet, die gesellschaftlichen Probleme zu meistern, und viele Männer sind ebenfalls davon überzeugt. Einsicht in die Fehler und Grenzen der Frauen kann man zurzeit nicht erwarten, denn die öffentliche Meinung sowie die politisch beauftragten Frauenreferate und -organisationen stehen auf ihrer Seite und sprechen ihnen in jeder Lage Mut zu: Frauen, macht weiter so, denn ihr seid moralischer, friedlicher und sozialer als Männer. Das hilft ihnen einerseits, sich mehr zuzutrauen, führt jedoch andererseits dazu, dass sie eine immer größere Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit erleben und ertragen müssen: in ihrem Job, ihrer Karriere wie auch in ihren Beziehungen.
Gültige Position der westlichen Welt ist heute: Frauen könnten die Bedingungen der Arbeitswelt und der Gesellschaft ändern, wenn nur genügend von ihnen an die Macht kämen. Doch das Ziel, mehr Frauen in Toppositionen in Politik und Wirtschaft zu bringen, hat sich verselbstständigt: Die Forderung nach der Quote wird verstärkt, die Enttäuschung über die Ohnmacht, die sie dort erleben, verschwiegen. Obwohl inzwischen allgemein bekannt ist, dass weibliche Entscheidungsträger nicht einfach aufgrund ihres Geschlechts anders handeln können wie Männer, wird den Frauen weiterhin diese Illusion vermittelt. Viele erkennen erst spät, dass sie in denselben Funktionen dieselben Ziele erreichen müssen – und auch denselben Preis bezahlen wie die Männer. Man darf sich nicht wundern, dass diejenigen, die es geschafft haben und weiterhin erfolgreich sein wollen, ebenso Kriege führen und Profite erwirtschaften wie die Männer. Denn nicht das Geschlecht bestimmt über das Verhalten der Individuen, sondern die Ziele und Werte einer Gesellschaft verlangen nach Umsetzung durch ihre Eliten.
Das möchte allerdings derzeit kaum jemand hören, denn damit würde man ja zugeben, dass Frauen sich wie Männer verhalten müssen, wenn sie in Machtpositionen kommen wollen. Dann hätten sie ja all die Dinge, die sie jetzt so heftig kritisieren, auch mitzuverantworten. Frauen könnten sich nicht mehr als das „bessere Geschlecht“ positionieren, mit moralischer Oberhoheit punkten und ihre „weiblichen“ Verhaltensweisen nutzen. Wenn sich die Grundsätze des Wirtschaftens nicht für alle ändern, müssten sie sich im Wettbewerb beweisen, sich die Hände schmutzig machen und ihre Privilegien aufgeben, während Männer die Chance auf mehr Gesundheit, Sozialleben und Selbstreflexion bekommen könnten – doch so viel Gleichberechtigung wollen die Frauen offenbar nun auch wieder nicht.