Das Buch

Axel Krohn und Sören Sieg haben sich auf die Lauer gelegt und ihren Mitmenschen ganz genau zugehört bei Diskussionen und Gesprächen, Streitereien, Feilschereien und beim Austausch von Freundlichkeiten. An allen möglichen und unmöglichen Orten sind sie fündig geworden, und das Ergebnis kann sich sehen lassen: Deutschland diskutiert über spie­ßige Hunde, Gemüse ohne Gene und Hässletten in der Bahn. Beste Unterhaltung, direkt von der Straße!

Die Autoren

Sören Sieg, geboren 1966, lebt als Komponist und Autor in Hamburg. Bei List ist sein Roman Superdaddy erschienen.

Axel Krohn, geboren 1974, ist Autor und Winzer.

Axel Krohn · Sören Sieg

»Ich bin eine Dame,
Sie Arschloch!«

Deutsche Dialoge mitgehört

Besuchen Sie uns im Internet:
www.ullstein-taschenbuch.de

Alle Rechte vorbehalten.
Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung,
Verbreitung, Speicherung oder Übertragung
können zivil- oder strafrechtlich
verfolgt werden.

Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch
1. Auflage Februar 2013
© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2013
Umschlaggestaltung: Zero Werbeagentur, München
Titelabbildung: © Rudi Hurzlmeier
Daumenkinobild © Can Stock Photo Inc./paulfleet
Satz: Kompetenzcenter, Mönchengladbach
eBook: LVD GmbH, Berlin

ISBN 978-3-8437-0380-2

»Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst ­Zwerge lange Schatten.« (Karl Kraus)

»Die Wahrheit liegt auf dem Platz.« (Otto Rehhagel)

Wir Deutschen haben den Buchdruck erfunden, die Dia­lektik und den Weltschmerz. Nirgendwo sonst in der Welt gibt es so viele Kulturvereine und Kirchen­chöre pro Einwohner. Und wir haben weltweit die meisten Literaturwissenschaftsstudenten im 26. Semester. Und wohin hat uns das geführt? In diesem Buch können Sie es nachlesen. Und wir haben uns nichts ausgedacht! All diese Dialoge haben wir mitgehört und miterlebt: beim Bäcker und auf der Hundewiese, im Opernfoyer und in der U-Bahn, auf dem Spielplatz und im Starbucks. Wir haben gestaunt, gekichert, geseufzt und geweint. Und dann protokolliert, was die Kultur­nation im Jahre 289 nach Kant so umtreibt: Gurken ohne Gene. Übergewichtskontrolle unter der Dusche. Hackfressen am Montagmorgen. Und Tschabalabatta ohne Kräuter. Jeder von uns glaubt nicht nur der bessere Bundestrainer zu sein, sondern auch noch der begabtere Unternehmenschef und gewitztere Kulturphilosoph. Es gibt nur ein Problem: Die anderen haben das noch nicht mitbekommen. Deshalb muss man so lange mit ihnen reden, bis es auch der Letzte kapiert hat. Ob beim Gemüsemann oder im Bordbistro. Das führt zu einer absoluten Win-win-Situation: Zwei reden. Und keiner hört zu.

Nichts ist komischer als die Wirklichkeit. Aber sie spendet auch Hoffnung. Denn unter dem Abgrund an Ahnungslosigkeit haben wir noch etwas ganz anderes entdeckt: Die Kulturnation lebt! Und zwar da, wo wir am wenigsten mit ihr rechnen: Skatspieler ergründen die Welt. Obdachlose kämpfen für richtiges Deutsch. Supermarktkunden retten die Wale. Und Taxifahrer verraten uns den Sinn des Lebens. Die größte Dummheit schlägt plötzlich um in größte Weisheit. Oder ­warum schwärmt Roland Koch für den Dalai Lama?

Hegel versprach eine vernünftige Welt. Marx versprach die klassenlose Gesellschaft. Wir versprechen nur eins: »Die wirklich wahre Wirklichkeit« ­(Dittsche). Holen Sie tief Luft. Und machen Sie sich auf etwas gefasst. Das Leben schreibt die besten Dialoge!

II.
Deutsche Dialoge

1. Sprachretter:
Von den Gebrüdern Grimm bis Wolf Schneider

»Die Sprache ist das Haus des Seins.« (Martin Heidegger)

»Du hast nie gelernt, dich artizukulieren.« (Die Ärzte)

Das Projekt war gewaltig: jedes einzelne deutsche Wort in all seinen Bedeutungen und Facetten bis zu seinem Ursprung zurückzuverfolgen. Jakob Grimm begann es 1838 und starb darüber 1863, gerade erst beim Buchstaben F angekommen. Vollendet wurde das Deutsche Wörterbuch erst 1961: 33 Bände, 34.824 Seiten, Gesamtgewicht 84 kg. Heute ein Standardwerk und Bestseller, den jeder gelesen hat. Äh, Sie nicht?

123 Jahre an 35.000 Seiten schreiben, die nachher niemand liest: Das schaffen nur wir Deutschen. Und was ist das genau: Wahnsinn, Pedanterie oder Zwanghaftigkeit? Nein: Es ist Liebe. Wir Deutschen lieben unsere Sprache. Nicht zufällig sind wir das einzige Volk in Europa, das sich nicht nach der Gegend benannt hat, wo es wohnt, und nicht nach dem Volk, von dem es abstammt, sondern nach der Sprache, die wir sprechen: Deutsch. Was uns leicht in Verlegenheit bringt, wenn es um Schweizer und Österreicher geht.

Und weil wir unsere Sprache lieben, pflegen wir sie. Mit der Wucht einer katholischen Krankenschwester. Und falls sich ein französisches oder englisches Wort wie Maisonette oder Ticketcenter unerlaubt dazu­gesellt, verfallen wir in Panik und Kulturpessimismus. Und gründen spezielle Schutzorganisationen wie den Verein Deutsche Sprache. Dieser fordert zum Beispiel, das lästige ›Fastfood‹ umzutaufen in ›Eilmampf‹ oder ›Flinkie‹. Der Übergang von der Sprachliebe zur Paranoia ist fließend. Und immerhin: Ohne tiefromantische Liebe, rü­bezahl’sche Mühe und wagner’sche Leidenschaft wäre aus dem Sammelsurium mündlich überlieferter Bauerndialekte zwischen dem Schwarzwald und Dithmarschen niemals eine kultivierte Hochsprache geworden, die heute weltweit 120 Mil­lionen Menschen sprechen.

Die Aufmerksamkeit für unsere Sprache, die doch eigentlich nur ein Mittel zur Verständigung ist, lebt und wirkt in jedem Einzelnen von uns. Vom Bettler bis zur BWL-Studentin. Wie spricht man einen adligen Hochstapler korrekt an – und wie einen Obdachlosen? Und was ist zu tun, wenn man auf dem Schild eines ausländischen Ladens einen Grammatikfehler entdeckt? Konsequent einschreiten, natürlich. Oder sich doch einmal ganz undeutsch gelassen zurücklehnen und es mit Goethe halten: »Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, sondern dass sie es verschlingt.«

Frühkindliche Intelligenz

In der U-Bahn. Mutter (etwa 30 Jahre alt) bietet ihrem ­kleinen Kind ein Stück Apfel an.

Kleinkind: Iiiiih!

Mutter: Hör auf, »Iih« zu sagen!

Kleinkind: Bäh!

Generationenkonflikt

Auf einer Parkbank sitzt ein älterer Obdachloser. Ein junger, ebenfalls obdachlos wirkender Mann nähert sich ihm.

Junger Mann: Ey Digger, was geht, hängste auf der Parkbank ab?

Der Obdachlose reagiert nicht.

Junger Mann: Ey Digger, alles klar?

Obdachloser: Alter, sprichst du mit mir?

Junger Mann: Ey Digger, du kannst doch nicht »Alter« zu mir sagen!

Der Obdachlose sieht ihn fragend an.

Junger Mann: Ey Digger, du sollst nicht »Alter« zu mir ­sagen!

Obdachloser: Alter, sprichst du mit mir?

Junger Mann: Ey Digger, du sollst nicht immer »Alter« zu mir sagen, klar?

Beide sehen sich fragend an.

Definitionsfrage

Im Elektrofachmarkt. Zwei männliche Verkäufer in der Hi-Fi-Abteilung unterhalten sich.

Verkäufer 1: Ich hab heut einen Supertag, schiebe hier so was von die Sachen durch. Muss daran liegen, dass Deutschland heute Abend spielt …

Verkäufer 2: Echt? Bei mir ist heute voll lau.

Verkäufer 1: Ich hatte doch vorhin diese beiden Kunden aus Japan oder China oder was weiß ich. Die haben die komplette Anlage gekauft, inklusive Boxen, obwohl ich kaum Englisch spreche!

Verkäufer 2: Ja, ich hab die beiden gesehen, die sahen aus wie Business-Leute.

Verkäufer 1: Waren die auch! Weißt du, was ich denen gesagt habe? Ich hab gesagt: »In Ger­many we say ›geiler Sound‹«, hab das Ding ordentlich aufgedreht, und dann ­haben sie sie gekauft. Ohne zu handeln! Das Einzige, was sie wissen wollten, war, was »geil« bedeutet. Hab’s mit »great« übersetzt. Geil, oder?

Verkäufer 2: Eigentlich kommt der Begriff ja aus der Botanik und bedeutet »zum Licht hinwachsen«.

Verkäufer 1: Äh, wie?

Verkäufer 2: So einen Pflanzentrieb nennt man auch »geil«, und wenn Tannen zum Beispiel schräg zum Licht wachsen, dann sind sie vergeilt.

Verkäufer 1: Und was ist dann ein geiler Wagen oder eine geile Braut?

Verkäufer 2: In dem Zusammenhang würde ich eher von »cool« sprechen.

Verkäufer 1: Alter, ’ne coole Braut und ’ne geile Braut sind doch nicht dasselbe!

Verkäufer 2: Stimmt auch wieder.

Osterleid

In der S-Bahn. Ein Mann steht im Stehbereich, ebenso wie mehrere weitere Fahrgäste.

Durchsage: Altona, bitte alles aussteigen, der Zug wird ausgesetzt.

Mann (in die Runde): Das ist so traurig. Aber so ist unsere Gesellschaft!

Die Runde schweigt.

Mann: Jetzt wird der Zug einfach ausgesetzt.

Noch immer reagiert niemand.

Mann: Das ist das Schlimme an der Osterzeit.

Ein anderer Mann: Was hat das denn mit Ostern zu tun?

Mann: Das ist so etwas von egoistisch! Haben sich wahrscheinlich einen Zug zu Weihnachten gewünscht. Und jetzt zu Ostern will ihn keiner mehr haben … Setzen die doch einfach hier den Zug aus. Das kann nicht Gottes Wille sein!

Scheinwelt

In der Schulcafeteria. Vater und Tochter (sie ist etwa elf Jahre alt) sitzen über einem Stapel Zeitungen.

Vater: So, zeig mal, das ist also rausgekommen bei »Schüler machen Zeitung«.

Tochter: Ja, das war total super! Guck mal, die Meldung hier ist von mir.

Vater: Ah! (Er liest vor:) »Gestern überfielen zwei Männer mit Waffen ein Bordell in Wandsbek. Ein Bordell ist ein Ort, wo Männer hingehen und Frauen dafür bezahlen, dass sie nett zu ihnen sind.« Das hast du ja gut erklärt!

Tochter: Ja, viele Kinder wissen ja gar nicht, was ein Bordell ist.

Vater: Stimmt. Aber weißt du denn auch, was da ­genau abläuft, im Bordell?

Tochter: Klar, Papa. Die Männer zahlen dafür, dass die Frauen mit ihnen rumsexen.

Vater: Und warum habt ihr das nicht geschrieben?

Tochter: Papa, das konnten wir doch nicht machen. Das ist eine Zeitung für KINDER!

Sprüche-Kenntnis

An der Crêpesbude.
Crêpesverkäufer (etwa 65 Jahre alt), ­junger Mann
(etwa 30 Jahre alt) möchte bestellen.

Crêpesverkäufer: Na, mein Lieber, wieder auf Patrouil­le?

Junger Mann: Ja, kann man so sagen.

Crêpesverkäufer: Ja, das ist ein Wetterchen. Zum Heldenzeugen! Was darf’s denn sein, schön mit Zucker und Zimt?

Junger Mann: Ja, bitte. Gestern hat mir eine Freundin zwar die deftigen Crêpes empfohlen, mir ist im Moment aber eher nach was Süßem.

Crêpesverkäufer: Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Wenn du Zimt und Zucker möchtest, sollst du Zimt und Zucker haben.

Junger Mann: Danke, ich mag süße Crêpes irgendwie am liebsten.

Crêpesverkäufer: Wat dem eenen sin Ul, is dem annern sin Nachtigall. Ich hab ja zum Glück beides im Angebot. Und wenn du mal gar nicht mehr weiterweißt, hab ich auch was anderes für dich.

Junger Mann: Ja? Da bin ja mal gespannt.

Crêpesverkäufer: Hot Dogs, original dänische Hot Dogs.

Junger Mann: Okay, dann esse ich das nächste Mal erst ein Hot Dog und danach einen Crêpe.

Crêpesverkäufer: Siehst du, alles andere hätte mich jetzt auch überrascht. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, sag ich dir. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier!

Savoir-vivre

Im Croque-Laden. Der Verkäufer macht gerade einen Croque fertig, ein Pärchen (Studenten) betritt den Laden.

Verkäufer: Allo, was darf’s für eusch sein?

Studentin: Ich nehme einen Croque Hawaii. Du, kurz zur Info: Draußen auf deinem Plakat steht »süße Gedeck« – das müsste eigentlich »süßes Gedeck« heißen.

Verkäufer: Damit ist Vanilletörtschen gemeint. Möschtet ihr?

Studentin: Nein, vielen Dank. Ich wollte nur sagen, dass das grammatikalisch nicht ganz richtig ist. Es müsste nicht »süße«, sondern »süßes« Gedeck heißen.

Verkäufer: Ach so, ja, weiß isch doch. Aben schon andere auch gesagt.

Studentin: Ja, dann würd’ ich das ja mal ändern.

Verkäufer: Wieso das denn? Isch bin Franzose! Möschtet ihr mal Törtschen probieren? Sind ganz frisch!

Sprachökonomie

Vater und Sohn (etwa Mitte 40 und 16 Jahre alt) stehen vor ­einem Auto, aus dem sie gerade ausgestiegen sind.

Sohn: Ciao!

Vater: Wohin gehst du denn?

Sohn: Ich geh Muhti.

Vater: Du meinst, du gehst zu Muhti.

Sohn: Sag ich doch. Ich geh Muhti.

Vater: Hör mal, Alex, du gehst aufs Gymnasium, du kannst vernünftiges Deutsch sprechen, okay?

Sohn: Alles klar. Ich geh jetzt Muhti. Weil, wir gehen danach Kino. Ciao!

Frisch aus dem Ofen

Mann und Frau stehen nebeneinander in der Warteschlange, ihr Mobiltelefon piepst just in dem Moment, in dem die ­beiden bestellen können.

Sie: Oh, eine SMS, vielleicht von Juli und Gunni?

Er: Drei Schrötli Vital und zwei Hansesemmeln, ­bitte.

Sie (schaut auf ihr Telefon): O ja, o nein, wie süß!
(und liest vor:) Lisa Marie hat heute Morgen um 05.46 Uhr das Licht der Welt erblickt, sie wiegt 3180 g und ist 51 cm groß. Wir sind überglücklich!

Er: Und dann nehmen wir noch zwei Croissants mit Schoko, bitte.

Sie: Jetzt sag doch auch mal was, freust du dich gar nicht? Oh, ist das süüüß, Lisa Marie!

Er: Ich versteh nicht, warum in diesen Neugeborenen-Meldungen immer die Worte »das Licht der Welt erblickt«, »überglücklich« oder auch »neuer Erdenbürger« vorkommen müssen.

Sie: Hallo?

Er: Ist doch wahr.

Sie: Und für mich bitte noch ein Franzbrötchen mit Streuseln.

Größenunterschied

An der Fußgängerampel. Junge Mutter mit Kind im ­Kinderwagen, ältere elegante Dame mit Hund.

Mutter: Guck mal, Felix, da ist ein Hund.

Felix reagiert nicht.

Mutter: Guck mal, Felix, da ist ein Hund. Du magst Hunde doch so. Guck mal, wau wau wau!

Felix reagiert immer noch nicht.

Mutter: Also, normalerweise mag er Hunde total gerne und freut sich immer, wenn er einen sieht. Guck mal, Felix, da ist ein Hund, das ist ein kleiner Dackel, wau wau. Ja, da ist er, das ist ein kleiner Dackel!

Dame: Entschuldigen Sie, ich möchte mich nicht in Ihre Erziehung einmischen, aber Fritz ist kein kleiner Dackel, sondern ein ganz normal ­großer Dackel. Im Verhältnis zu anderen Dackeln ist er sogar recht groß. Er ist ja auch ein Rüde.

Die Mutter schaut die Dame verständnislos an.

Dame: (zum Kind) Schau mal, mein Kleiner, das ist Fritz. Fritz ist ein deutscher Rauhaardackel.

Mutter: Ja, schau mal, Felix, das ist Fritzi. Der ist aber süß, ein kleiner süßer Dackel!

Dame: Ein letztes Mal: Fritz ist kein kleiner Dackel! Er ist vielleicht ein kleiner Hund, falls Sie das zum Ausdruck bringen möchten, aber im Vergleich zu anderen Dackeln ist er alles ­andere als klein!