ISBN: 978-3-86191-174-6
1. Auflage 2020
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„Der einzige Grund für die Reise der Seele ist,
die spirituelle Notwendigkeit des Gebens zu lernen.
Ein Leben von Bedeutung ist ein Leben des Gebens.“
– HAROLD KLEMP, THE LIVING WORD –
Tiefe Ruhe lag noch über der kleinen Holzhütte, die am Waldrand vor einer Lichtung von einer leichten Nebeldecke bedeckt war. Der Tag war noch nicht angebrochen, und die tiefen, rhythmischen Atemzüge der drei Brüder im Zimmer lagen in der kalten Morgenluft. Nur Gary war hellwach, und in seinem träumenden Bewusstsein erschuf er neue Welten vor seinem inneren Auge.
„Galopp, galopp!”, feuerte er seinen dunkelbraunen Hengst an. Die Mähne stand wie eine Fahne im Wind, und er flog wie auf Adlers Flügeln über Wiesen und hinein in dichte Wälder, wohin nur selten ein Fremder vordrang. Er liebte die Waldeinsamkeit und die Abgeschiedenheit, fernab der modernen Städte mit ihrem dumpfen, nie enden wollenden Straßenlärm und den grellen Neonbeleuchtungen, die ein verführerisches Leben vorgaukelten. Eigentlich kannte er gar nichts anderes als seine Wälder und die Urkräfte der Natur, mit denen er in der Wildnis leben wollte. Mit einem kühnen Satz sprang er vom Pferd, um einen armdicken Ast zu entfernen, den der Sturm vom Baum gerissen hatte. Traum und Wirklichkeit verschmolzen. Gary hatte den sengenden Sommer hindurch als Ranger in der entlegenen Wildnis von Idaho die Außenposten mit Proviant versorgt und war viertausend Kilometer im Sattel durch unwegsame Wälder und entfernte Reviere als Feuerwache unterwegs gewesen. Er hatte das Überleben in der Wildnis trainiert, Feuer für die eiskalten Nächte aus Steinen geschlagen, von der Jagdbeute und den Früchten des Waldes gelebt und seine Freiheit genossen.
Ein paar Sonnenstrahlen fielen wie goldene Lichtspeere in den dunklen Wald. Alles war still. Selbst die wilden Tiere im Wald schienen einen gewissen Respekt vor der kraftvollen Erscheinung dieses Menschen zu haben, der zugleich Wärme und Stärke ausstrahlte. Er hatte Herz und Geist am rechten Fleck, und das Leben schien für ihn ein einziges Abenteuer zu sein, das keine Grenzen kannte.
Gary war achtzehn Jahre alt, und seine jugendliche Kraft unbändig. Jede Sehne seines Körpers war wie ein Bogen gespannt, der seinen Pfeil zielgerade auf Freiheit richtete. Seine Willenskraft war glasklar und scharf wie ein Kristall und seine Zielstrebigkeit so gewaltig wie die Niagarafälle, die keinen Kompromiss kennen. Einmal in Bewegung gesetzt, stürzen die Wassermassen mit Donnern und Getöse in die Tiefen, und kein Hindernis könnte je standhalten. So kompromisslos und treu war Garys Leben. Nichts konnte diesen Mann von seinem Ziel abhalten. Und Ziele hatte Gary viele …
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Gary fuhr aus dem leichten Traum hoch. „Ist es endlich soweit?”, fragte er sich atemlos. Ein Blick zum Fenster verriet: Der Morgen graute. Er sprang leise und behende wie eine Gazelle aus dem Bett. Die Brüder schliefen noch fest. Er lächelte in sich hinein bei dem Gedanken: „Heute wandere ich nach Kanada aus! Ich habe mein Ziel erreicht!” Der Traum seiner Jugend sollte sich heute erfüllen. Seine neue Heimat würde noch einsamer sein als die Gegend seines Elternhauses, noch tiefer in der Wildnis und der Einsamkeit der dichten, endlos scheinenden kanadischen Wälder gelegen.
Sein Koffer war gepackt, und seine Überlebensausrüstung stand bereit. „Wo ist das Jagdmesser?”, suchte er in der spärlich beleuchteten Stube. „Die Axt, die Motorsäge und der Kanister für Benzin”, checkte er seine Reiseliste, die er im Kopf hatte. Die regenfeste Jacke hing am Wandhaken, und darunter standen die neuen Bergschuhe, die er sich mit seinem wohlverdienten Geld gekauft hatte, denn festes Schuhwerk war für seine neue Existenz in Kanadas Einsamkeit lebensnotwendig.
Am Frühstückstisch zwinkerte seine Mutter ihm aufmunternd zu: „Iss ordentlich, du wirst es brauchen!” Sie beobachtete ihn mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Jetzt geht er fort! Wann werde ich ihn wiedersehen?”, unterdrückte sie einen stummen Seufzer. Doch dann huschte ein Lächeln der Erleichterung über ihr Gesicht: „Ein Kind haben wir nun aus dem Haus. Das schafft mehr Raum für die Sieben übrigen von uns.” Die Familie hatte zu acht in einer achtzig Quadratmeter großen Vierzimmerbehausung gelebt, die kein fließendes Wasser hatte. Bis vor zwei Jahren war Elektrizität für sie noch unbekannt.
Das Feuer im Ofen knisterte und erwärmte die kalte Wohnküche, wo die Familie nun vollzählig um den Tisch saß. Die züngelnden Flammen von der Feuerstelle malten die Wände noch dunkler, die schon von Ruß geschwärzt waren. Die Stimmung schien bedrückt. Jeder bemühte sich, seine Trauer um den Abschied zu verbergen. Gary war ihnen allen ans Herz gewachsen. Er war zu jeder Arbeit und zu jedem Spaß bereit gewesen, und seine fröhliche, kreative und lebenslustige Art war ansteckend.
Gleich nach dem deftigen Frühstück, das aus Speck und Ei, Mutters selbstgebackenem Brot und schwarzem Kaffee bestand, packte Gary alles Notwendige in seinen roten Mustang: den Schlafsack, den Rucksack. Er wollte rechtzeitig aufbrechen, um vor Einbruch der Dunkelheit in British Columbia zu sein. Die Mutter schob ihm noch ein Esspaket zu, gefüllt mit frisch geräuchertem Speck und einem Sack mit Nüssen, Sonnenblumenkernen und gedörrten Früchten, die spärlich und daher kostbar in dieser Waldeinsamkeit waren.
Um diesen ungewohnten Abschiedsschmerz zu verkürzen, nahm die Mutter ihren Sohn rasch und entschlossen in die Arme und drückte ihn fest an sich. Für einen Augenblick schloss sie die Augen und sah Gary, gerade einmal vier Jahre alt, mit erhobenem Haupt und geschwellter Brust vor sich stehen und verkünden: „Eines Tages gehe ich nach Kanada!” Seine Augen blitzten schon damals vor Abenteuerlust. Heute war dieser Tag gekommen.
Die Geschwister standen da und wussten nicht recht, wie sie dreinschauen sollten. Die Mädchen waren beklommen. Sie schienen ihren großen Bruder und Beschützer jetzt schon zu vermissen. Der jüngste Bruder, gerade erst zehn Jahre alt, stand unschlüssig da und konnte es noch nicht recht glauben, nun ohne Gary auskommen zu müssen. Das war fremd für ihn. Er war entmutigt und kleinlaut, was gar nicht seine Art war. Anerkennend, nahezu ehrfürchtig hingegen standen seine anderen Brüder da und beobachteten Gary, wie er das letzte Gepäckstück mit Elan in seinen Sportwagen schwang. Er genoss die Aufmerksamkeit sichtlich und hätte nicht glücklicher sein können.
„Mit dem Sportwagen in Kanadas Wildnis?”, musste sich der Vater gedacht haben, als er vom Gehöft mit den schmutzigen Stallstiefeln über den Einfahrtsweg herüber schlürfte. Aber er vermied alles, was Gary in irgendeiner Weise hätte zögern lassen. Stattdessen klopfte er ihm aufmunternd auf die Schulter und sagte mit starker Stimme: „Sohn, ich habe dich das Überleben in der Wildnis gelehrt. Jetzt bist du dran. Schau auf dich und melde dich, wenn du deinen Platz gefunden hast.” Nach diesen Worten drehte er sich abrupt um und stapfte schweren Schrittes zurück zum Stall. Auch sein Herz war schwer. Verlor er doch jetzt seine helfende Hand. Die Zukunft war ungewiss. Würde der Sohn je wieder heimkehren? Viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf.
Bevor Gary sich ins Auto schwang, flüsterte er noch seiner Schwester zu: „Sage Elly, ich hol sie nach! Bald bin ich zurück. Sie soll alles zusammenpacken.” Elly war seine Jugendfreundin gewesen. Gemeinsam hatten sie so allerhand Dummheiten in der Dorfschule getrieben und wie Pech und Schwefel zusammengehalten. Ihre gegenseitige Zuneigung wuchs langsam mit ihnen auf und entwickelte sich zu Liebe. Elly hatte ihm versprochen, auf ihn zu warten, während er in Kanada für sie beide ein Zuhause finden würde. Beschwörend sagte Gary nochmals: „Ich hole sie ab! Ich bereite ihr ein neues Heim! Sage ihr das!” Die Schwester nickte beflissen. Doch sie sah Elly noch wie gestern vor sich, wie sie Gary anflehte: „Bleib doch da! Bleib bei mir!” Es schien der Schwester also die nächstbeste Sache zu sein, Elly nachzuholen.
Gary winkte ein letztes Goodbye. Der Motor heulte auf, die Räder drehten sich auf der losen Erde und wirbelten den Staub auf, als Gary lachend aufs Gas stieg. Er tat sich in seinem Übermut sichtlich schwer, langsam zu fahren. Die Waldstraße war vom Regen ausgewaschen und wies Schlaglöcher auf. „Nur nicht aufsitzen! Schön vorsichtig!”, ermahnte er sich in Gedanken und strebte dem Wald zu. Die zurückgebliebene Familie winkte, bis das rote Auto hinter den dunklen Tannen völlig verschwand.
An jenem Tag der Abreise war es im Bauernhaus ungewöhnlich still. Das sonst so ausgelassene Lachen der Kinder war verhalten. Der lautstarke Wortwechsel der Größeren war wie gedämpft an jenem Tag, an dem Gary seine große Reise angetreten hatte. Der September sandte seine kühlen Windstöße bis in die gute Stube hinein. Trotz prasselnder Feuerstelle musste man die Weste enger um sich ziehen, und die Vorahnung eines eiskalten Winters in der Waldeinsamkeit lag drohend in der Luft.
Je weiter Garys Auto auf der breiten, spärlich befahrenen Autobahn zielstrebig nach Norden düste, desto mehr kam ihm zu Bewusstsein, dass er mit einem Male alles, was er je liebte, zurückgelassen hatte. Besonders bedrückten ihn die traurigen Augen seiner Elly. Er musste seine Gedanken gewaltsam zügeln und in Richtung seines neuen Zieles lenken, um nicht in Wehmut zu verfallen.
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Seit jenem Tag, als Gary seine Familie verließ, um sein eigenes Leben im hohen Norden zu beginnen, waren zwei volle Jahre ins Land gegangen. Dem jungen Mann gelang alles, was er in Angriff nahm, und eine glückliche Fügung begleitete ihn. Er erhielt als einer der Letzten vom Land Kanada einen Grund zugewiesen, der ihm gehören sollte. Hier konnte er seine Träume vom einsamen Leben voll Freiheit in den endlosen Wäldern Kanadas verwirklichen. Er war Grundbesitzer geworden! Sogleich ging er daran, für sich und seine Liebste ein Zuhause zu schaffen.
Einstweilen schaute Elly sehnsüchtig aus dem Fenster ihres Elternhauses in die unwirtliche Herbstlandschaft hinaus und dachte bangen Herzens: „Ob er je wiederkommt?” Die Zeit des Wartens schien, als wäre die Kuckucksuhr an der Stubenwand stehengeblieben. Zärtlich drückte sie den Brief an ihr Herz, auf den sie lange gewartet hatte. Der Postbote kam ja nur einmal die Woche in dieser Einsamkeit vorbei. Da schnitt ein schriller Ton durch die Stille und lähmte ihre trüben Gedanken. Für einen Augenblick blieb ihr Herz stillstehen. Sie lief zum Telefon, das Gott sei Dank vor Kurzem in diese entlegene Gegend gelegt worden war. Was für eine moderne Stadt eine Selbstverständlichkeit war, mutete hier in der Einsamkeit irgendwie unnatürlich an. Aber das Telefon war die Lebenslinie zu den Grenzkontrollen. Davon profitierte sie jetzt. „Hallo!”, hauchte sie erwartungsvoll ins Telefon und rief voll Freude aus: „Gary, Gary! Wie geht’s dir?” Ihre Stimme überschlug sich. „Das neue Blockhaus ist fast fertig! Alles wartet auf dich!”, platzte Gary heraus. Für einen Augenblick sah Elly sich in ihrer neuen Heimat. Sie lachte begeistert auf.
„Ich hab einen schönen Platz im Wald gerodet, wo du den ganzen Tag Sonne hast. Es wird dir gefallen!” Gary lauschte intensiv ins Telefon. „Wird sie kommen?” Sein Herz schlug laut. Er wusste, dass ihre Eltern gegen diese Verbindung waren. Elly war ihre einzige Tochter, und sie wollten ihr Kind auf keinen Fall verlieren, schon gar nicht in die Wildnis im hohen Norden in einem fremden Land. Elly lachte: „Wann kommst du mich holen?” Gary war begeistert. Ein Stein fiel ihm vom Herzen. Sie lachten und scherzten, und er erzählte ihr von allerlei Abenteuern auf seiner neuen Ranch. Sie versprach, auf seine Ankunft zu warten.
Es hatte einiger Überredungskunst bedurft, um Ellys Eltern davon zu überzeugen, dieser Verbindung zuzustimmen. Sie schienen zu ahnen, dass Gary ein Abenteurer war, und überließen ihre Tochter widerwillig diesem Vagabunden. Doch Gary und Elly waren schon seit Kindheit ein Herz und eine Seele. Elly wusste, wie sie Garys Träumen Flügel verleihen konnte, und Gary hatte immer neue, kühne Ideen und Überraschungen für sie bereit, die sie liebte. „Du wählst ein entbehrungsreiches Leben in dieser einsamen Bergwelt Kanadas, wo sich Bär und Wolf Gute Nacht sagen”, warnten die Eltern und fügten hinzu: „Entscheide weise.” Insgeheim dachten sie: „Wenn sie es dort nicht mehr aushält, dann holen wir sie einfach wieder zurück.” Dieser Gedanke war ein gewisser Trost für die Eltern gewesen, und sie gaben schließlich ihren Segen und ließen ihre Tochter ziehen.
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Gary führte sein Pferd über die Rampe in den Pferdeanhänger. Er flüsterte ihm etwas ins Ohr, was das Pferd zu beflügeln schien. Bandido schnaubte vor Lust und wieherte, dass es ringsum widerhallte. Monate waren vergangen, als die beiden wie ein Pfeil über Wiesen und durch Wälder flogen, denn es konnte Pferd und Reiter nicht schnell genug gehen. Abenteuer war auf ihre Fahne geschrieben. Das Pferd wusste instinktiv, dass nun ein neues Leben für sie beide begann, und ließ sich bereitwillig in den Transporter führen. Gary war zurückgekehrt an den Hof seiner Eltern, um seine Elly, sein Pferd und sein Hab und Gut abzuholen. Es war bereits November geworden und höchste Zeit, den neuen Wohnsitz für den Winter zu beziehen.
Garys Mutter sah vom Fenster aus wehmütig zu und war sich sicher: „Es wird ein Abschied für immer sein.” Sie beobachtete durch die regennassen Novemberscheiben, wie Elly ihre Sachen in den Pickup Truck packte. Elly war kräftig und jung und teilte Garys Abenteuerlust. Versonnen kamen ihre eigenen Jugendbilder nach einer langen Ehe wieder zurück. Auch sie hatte einst von einem Leben in der Einsamkeit geträumt, von Kindern und einem trauten Familienleben. Schnell musste sie lernen, sich an das harte Leben in der Natur zu gewöhnen.
Während Elly sich für die Reise fertig machte, lächelte sie. Auch sie hing ähnlichen Gedanken nach wie Garys Mutter und hatte ihre rosige Zukunft vor Augen. Sie träumte von ihrer eigenen Familie und von Mutterglück. Ihr ganzes Leben war sie mit der Natur verbunden gewesen, daher zog es sie förmlich in die Einsamkeit, die sie mit Gary teilen wollte. Eine unbändige Lust zu leben überkam sie, als sie sich ins Auto setzte und Gary den Motor startete. Ein letztes Lebewohl. Jeder auf der Ranch wusste, dass es ein Abschied für lange Zeit sein würde.
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Nach sieben Stunden mit zwei Zwischenstops, um das Pferd zu versorgen, kamen sie auf einer Waldlichtung an. Die Sonne wollte sich gerade zur Ruhe setzen. Am schützenden Waldrand sah Elly gleich ihr neues Heim und konnte ihre Begeisterung nicht verbergen. „Wie schön, Gary! Danke!”, rief sie aus und drückte seine Hand.
Gary hatte in der Zwischenzeit ganze Arbeit geleistet. Er hatte das Holz gefällt und eine Lichtung in den Wald geschlagen, ein kleines Haus gebaut und für eine bequeme Einrichtung gesorgt. Er wollte Elly ihr neues Leben so angenehm wie möglich machen. Fein säuberlich gehacktes Holz war neben dem Ofen aufgerichtet. Elly machte sich gleich daran, den Ofen einzuheizen. Es war zwar noch nicht Winter, aber es war bereits bitterkalt. Die Novembernässe kroch in die Glieder, und der warme Atem war sogar im Raum zu sehen. Während das Feuer prasselte und der Teekessel sang, packte Elly ihre Küchenutensilien aus, die sie mitgebracht hatte. Mit dem großen neuen Kochlöffel rührte sie Maismehl in Wasser ein und stellte es zum Köcheln auf den Herd. Dann schnitt sie den mitgebrachten Speck in die Bratpfanne. Es spritzte und prasselte, und bald duftete die ganze Stube köstlich nach Essen. Gary und Elly fühlten sich wie Könige!
Früh setzte die Nacht ein, und das junge Paar rückte näher zusammen. Sie waren glücklich und träumten von einem guten Leben. Gary hatte ein Jahr nach seiner Ankunft in Kanada vom Staat im letzten Homestead Act im Cariboo District 320 Hektar Land in der Wildnis an der kanadischen Außengrenze zugeteilt bekommen. Ein Geschenk des Himmels! Gary hatte Grund und Boden, den er sein Eigen nennen konnte, und begann alsbald eine Pferderanch und einen Holzhandel aufzubauen. Das Geschäft blühte und war sehr erfolgreich. Tieflader rollten über den unebenen Waldweg zur Laderampe und verluden Holz. Das nervige Piepsen der Lastwägen durchbrach die Waldstille, wenn sie den Retourgang eingelegt hatten.
Dann wieder durchschnitt der vibrierende, quietschende Ton einer Säge die Stille der Bergeinsamkeit. Da wusste Elly: „Gary ist in seinem Element.” Wenn Gary dann von der schweren Holzarbeit abends hereinkam, erwartete ihn ein duftender Topf mit Speckbohnen, Hirschgulasch oder anderen Köstlichkeiten. Gary sorgte für den Lebensunterhalt. Er brachte Fleisch nach Hause, und wenn das Jagdglück ihm hold war, hatten sie für den Winter reichlich Fleischvorräte. Der war auch notwendig, um das Überleben in der Einsamkeit zu sichern. Garys neues Heim war schließlich in der Wildnis, fünfzig Kilometer von der nächsten Stadt entfernt. Da führte im Winter keine geräumte Straße aus dem Wald hinaus. Man war angewiesen auf das, was Mutter Natur bereitstellte, und musste für den Winter vorsorgen. Oft kamen Wölfe und Bären bis zum Gehöft auf der Suche nach Futter. Im Sommer sammelte Elly Kräuter und Beeren im Wald, und Gary hatte ihr einen kleinen Garten mit Glashaus angelegt, denn in diesen kalten Breiten mussten die Pflanzen geschützt sein, um zu reifen. Während des Tages heizte die Sonne die Luft im Glashaus auf, und in den bitterkalten Nächten bot es den Pflanzen Schutz vor dem Frost.
Gary war mit seinen jungen Jahren – er hatte gerade seinen vierundzwanzig Geburtstag gefeiert – nicht nur ein erfolgreicher Geschäftsmann, er war auch aus ganzem Herzen Bauer. Alles, was er von seinem Vater am Hof gelernt hatte, kam ihm jetzt fern der Heimat auf seinem eigenen Land zugute: Die Aufbereitung des Bodens, das Ziehen der Pflanzen aus Samen, die Ernte. Nur für die Landwirtschaft blieb Gary wenig Zeit. Das Gelände eignete sich auch nicht für Ackerbau; aber Pferde und Rinder waren hier zu Hause. Elly versorgte die Kühe und brachte täglich die frische Milch in die Wohnküche. Gary war viel im Wald. Er fällte Bäume und kümmerte sich um seinen Holzhandel. Das Leben war mit harter Arbeit ausgefüllt. Es machte Freude zu sehen, wie alles florierte. Das Leben hätte nicht schöner sein können.
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An jenem kalten Februarmorgen im Jahre 1973 schien die Zeit für einen Augenblick stehen geblieben zu sein. Der Morgenfrost bedeckte die traute Waldheimat, und eine ehrwürdige Ruhe lag über dem Landhaus, die zugleich beklemmend wirkte. Auf dem Holzplatz drüben am Waldrand regte sich nichts. Wie eine stille Vorahnung deckte eine dünne Nebelschicht Wald und Lichtung zu und hielt mit feuchten Händen alles in festem Griff.
Elly kuschelte sich eng an ihren Beschützer. Sie suchte Wärme an diesem unwirtlichen, kalten Morgen. Das Feuer im Ofen war ausgegangen, und es lag eine beißend kalte Luft auf der Bettdecke und im Raum. Von der harten Arbeit müde geworden, suchte sie Schutz und Sicherheit. Sie zog die feuchte Decke fester um sich und lauschte in die Stille. Der Tag brach an.
Das Tagewerk begann.
Gary stand am Fenster und betrachtete durch die angelaufenen Scheiben den Holzplatz. Er schien in seinem Kopf Zahlen zu wälzen. Seine Augen blitzten. Seine Kraft schien unerschöpflich. Er liebte seine Arbeit, auch wenn sie schwer und oft gefährlich war. Auch heute, am 8. Februar, hätte er sich auf sein Tagewerk gefreut, wäre da nicht dieser störende Traum gewesen, dem er für einen Augenblick nachhing. Doch mit einer entschlossenen Geste wischte er diesen Gedanken weg, winkte Elly zu, warf sich seine dicke Jacke über und trat in den kalten Morgen hinaus.
Mit der Motorsäge über der Schulter ging er schnellen Schrittes auf ein Waldstück zu. Jedes Mal beim Ausatmen stieg ein lustig tanzendes Wölkchen vor ihm hoch, das seinen Körper verließ, um sich mit dem Universum zu vereinen. Es war wie ein stilles Gebet, welches das Geschöpf mit dem Schöpfer verband. Er lächelte dankbar bei diesem Gedanken.