NATHANIEL HAWTHORNE
Das Haus mit den
sieben Giebeln
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt
von Irma Wehrli
Nachwort von Hanjo Kesting
MANESSE VERLAG
ZÜRICH
VORWORT
Nennt ein Schriftsteller sein Werk eine Romanze, versteht es sich fast von selbst, dass er sowohl mit Blick auf den Stil wie auf den Stoff gewisse Freiheiten geltend machen möchte, die er sich nie herausgenommen hätte, wäre es sein erklärtes Ziel gewesen, einen Roman zu schreiben. Der Roman soll nämlich größte Treue nicht nur zu einem möglichen, sondern zum wahrscheinlichen, gewöhnlichen Verlauf menschlicher Erfahrungen anstreben. Die Romanze muss zwar als Kunstwerk ebenfalls strengen Regeln gehorchen und begeht eine Todsünde, wenn sie die Wahrheit menschlicher Regungen verfehlt, darf aber diese Wahrheit weitgehend in einem Gewand vorführen, das der Autor ihr selbst wählt oder schafft. Es steht ihm auch frei, die Stimmung zu beeinflussen und das Licht, das auf sein Bild fällt, hervorzuheben oder zu dämpfen, die Schatten zu betonen und zu vertiefen. Gewiss empfiehlt sich ein sehr sparsamer Gebrauch dieser Vorrechte, und vor allem soll das Wunderbare nur eine zarte, flüchtige Würze und nicht ein Grundbestandteil der Speise sein, die dem Publikum vorgesetzt wird. Doch auch die Missachtung solcher Vorsicht ist kein Verbrechen an der Literatur.
Im vorliegenden Werk nahm der Verfasser sich vor – ob mit Erfolg hat glücklicherweise nicht er zu beurteilen –, von den Gepflogenheiten nicht abzuweichen. Romantisch ist diese Erzählung insofern, als sie versucht, Vergangenes mit der Gegenwart, die uns entschlüpft, zu verknüpfen. Sie ist eine Legende, die aus grauer Vorzeit ins helle Licht unserer Tage herüberreicht und mit sich den sagenhaften Schleier bringt, den der Leser nach Belieben missachten kann oder es duldet, dass er malerisch und fast unmerklich über den Figuren und dem Geschehen schwebt. Der Stoff der Erzählung ist vielleicht so bescheiden, dass er dadurch gewinnt, diese vorteilhafte Wirkung aber auch desto schwieriger zu erzielen ist.
Viele Schriftsteller legen größten Wert auf eine bestimmte moralische Absicht, die sie mit ihren Werken verfolgen. Um es daran nicht fehlen zu lassen, hat sich der Autor mit einer Moral versehen– nämlich der Wahrheit, dass die Missetaten einer Generation in den auf sie folgenden fortbestehen, jeden kurzlebigen Vorteil ablegen und sich in reines, unbezähmbares Unheil verwandeln –, und es wäre ihm höchste Genugtuung, könnte diese Romanze die Menschheit – oder auch nur einen einzigen Menschen – vom Wahnsinn abhalten, über der bedauernswerten Nachwelt eine Lawine unrecht erworbenen Goldes oder Grundbesitzes niedergehen zu lassen, die sie versehrt und zermalmt, bis die angehäufte Masse wieder in ihre Einzelteilchen zerstiebt. Im Grunde hat er jedoch nicht genug Einbildung, um die geringste derartige Hoffnung zu nähren. Sollten Romanzen wirklich etwas lehren oder überhaupt etwas bewirken, geschieht dies für gewöhnlich nicht sichtbar, sondern auf viel hintergründigere Weise. Darum fand es der Autor nicht der Mühe wert, seine Geschichte gnadenlos mit einer Moral zu pfählen wie mit einer Eisenstange – oder aufzuspießen wie einen Schmetterling – und ihr damit das Leben zu nehmen und sie in einer plumpen, unnatürlichen Pose erstarren zu lassen. Eine noble Wahrheit, schön, sorgfältig und geschickt herausgearbeitet, bis sie immer heller glänzt und den Ausgang einer Erzählung krönt, mag vielleicht Künstlerruhm bringen, ist aber auf der letzten Seite auch nicht wahrer, und selten einleuchtender, als auf der ersten.
Der Leser mag geneigt sein, die erdachten Ereignisse dieser Erzählung mit einem wirklichen Ort zu verbinden. Dies hätte der Autor nur zu gerne vermieden, hätte es ihm der lose, aber für seine Absichten wesentliche Bezug zur Geschichte erlaubt. Von anderen Einwänden abgesehen, liefert sich die Romanze dadurch einer harschen und höchst gefährlichen Kritik aus, da sie die Bilder der Fantasie mit den Tatsachen der Gegenwart fast auf Tuchfühlung bringt. Dabei hatte der Verfasser keineswegs vor, örtliche Sitten zu beschreiben oder im Mindesten die Eigenarten einer Gemeinschaft bloßzustellen, die er gebührend achtet und schätzt. Doch mag man es ihm verzeihen, wenn er eine Straße anlegt, die durch kein fremdes Grundstück führt, sich Land aneignet, für das sich kein Besitzer zeigte, und aus dem Stoff ein Haus errichtet, aus dem man lange schon Luftschlösser baut. Die auftretenden Personen wollen zwar Leute von Rang und Namen sein, sind aber alle Geschöpfe – oder wenigstens Gebilde – des Autors, und so kann von ihren Tugenden kein Glanz und von ihren Lastern nicht der Hauch eines Makels auf die ehrwürdige Stadt fallen, die sie zu bewohnen vorgeben. Darum wäre der Schreibende froh, würde dieses Buch – vor allem an dem bewussten Ort – ausschließlich als Romanze verstanden, die sehr viel mehr mit den Wolken droben als mit irgendeinem Stück Land des Bezirks Essex zu tun hat.
Lenox, 27. Januar 1851
KAPITEL 1
Das alte Geschlecht der Pyncheons
An einer Nebenstraße einer Stadt unseres Neuengland steht auf halbem Weg ein Holzhaus, verwittert, mit sieben spitzen Giebeln nach allen Himmelsrichtungen und einem mächtigen, mehrzügigen Schornstein dazwischen. Nach den Pyncheons heißt die Straße, nach den Pyncheons heißt das alte Haus, und eine Ulme vor dem Tor mit weitem Blätterdach und festen Wurzeln nennt jedes Kind der Stadt die Pyncheon-Ulme. Wenn ich gelegentlich die Stadt besuche, verzichte ich selten auf einen Abstecher zur Pyncheon Street und gehe durch den Schatten der beiden Altertümer – der großen Ulme und des sturmerprobten Hauses.
Das ehrwürdige Gebäude ist mir seit je wie ein Gesicht erschienen, das nicht nur von Wind und Wetter draußen gezeichnet ist, sondern von langem Erdenleben drinnen und dessen Wechselfällen redet. Wollte man diese angemessen schildern, würde eine Erzählung von nicht geringem Gewicht und Wert daraus, dazu erstaunlich schlüssig, fast wie von Künstlerhand gestaltet. Doch würde sie eine Kette von Ereignissen umfassen, die fast zwei Jahrhunderte umspannt und bei angemessener Würdigung einen stärkeren Folianten oder zahlreichere Duodezbände füllen würde, als man für die Chronik von ganz Neuengland während dieser Zeit vernünftigerweise beanspruchen dürfte. Es drängt sich daher auf, mit den meisten Legenden zum alten Haus der Pyncheons, auch Haus mit den sieben Giebeln genannt, kurzen Prozess zu machen. Skizzieren wir also nur die Begleitumstände der Grundsteinlegung, werfen wir einen Blick auf die vom vorherrschenden Ostwind geschwärzte alte Fassade – ohne die grünlichen Moostupfer auf dem Dach und den Mauern zu vergessen – und beginnen wir unsere eigentliche Geschichte in einer unsrer eignen noch nicht allzu fernen Zeit. Trotzdem gibt es eine Verbindung zu längst Vergangenem – einen Bezug zu vergessenen Geschehnissen und Menschen und fast oder ganz altmodischen Sitten, Gefühlen und Ansichten –, die, kundig vermittelt, dem Leser begreiflich machen könnte, wie sehr selbst das noch nie Dagewesene aus alter Substanz besteht. So ließe sich denn auch eine gewichtige Erkenntnis aus der wenig beachteten Wahrheit ableiten, dass das Tun einer flüchtigen Generation der Keim ist, aus dem in ferner Zukunft gute oder schlechte Saat aufgehen wird und muss; und dass die Menschen mit dem Samen zur vergänglichen Ernte namens Nützlichkeit zwangsläufig auch die Eicheln zäherer Gewächse stecken, die dunkle Schatten auf ihre Nachkommen werfen können.
Das Haus mit den sieben Giebeln war trotz seines altehrwürdigen Aussehens nicht die erste Wohnstätte, die ein zivilisierter Mensch auf diesem Stück Boden errichtet hatte. Pyncheon Street hieß nämlich früher bescheidener Maule’s Lane, nach dem ersten Grundeigentümer, vor dessen Tür sie noch als Trampelpfad vorbeiführte. Eine Süßwasserquelle mit wohlschmeckendem Wasser – eine seltene Kostbarkeit auf dem Landvorsprung, wo die puritanische Siedlung stand – hatte Matthew Maule früh dazu bewogen, eine notdürftige Hütte mit Strohdach hier zu errichten, obwohl der Ort etwas zu weit vom damaligen Dorfkern entfernt lag. Dreißig bis vierzig Jahre später jedoch, in der aufstrebenden Stadt, wollte ein bekannter, mächtiger Mann das Grundstück, auf dem die Hütte stand, unbedingt haben und berief sich auf die Behörden, die ihm dieses und ein großes angrenzendes Stück Land übereignet hätten. Nach allem, was wir von ihm wissen, zeichnete ein eiserner Wille Oberst Pyncheon, den Kläger, aus. Matthew Maule dagegen war zwar kein bedeutender Mann, doch verteidigte er hartnäckig, was er für sein Recht hielt, und schützte jahrelang das Stück Land, das er für seine Heimstätte samt Garten gerodet hatte, vor fremdem Zugriff. Ein schriftliches Zeugnis dieser Auseinandersetzung ist nicht bekannt, und wir kennen den Fall hauptsächlich aus der Überlieferung. Es wäre deshalb kühn und womöglich ungerecht, ein Urteil zu fällen, obwohl es zumindest fraglich scheint, ob der Anspruch des Obersten nicht ungebührlich weit ausgelegt wurde, bis er sich auch auf Matthew Maules kleines Anwesen erstreckte. Stark genährt wird dieser Verdacht von der Tatsache, dass der Streit zwischen den beiden ungleichen Widersachern über Jahre ungeschlichtet blieb – und dies zudem in einer gewiss löblichen Zeit, in der aber persönlicher Einfluss viel mehr als heute galt – und erst mit dem Tod der Partei, die das strittige Grundstück bewohnte, ein Ende fand. Auch die Art seines Todes berührt uns heute anders als sie vor eineinhalb Jahrhunderten auf die Menschen wirkte. Es war ein Tod, der den unauffälligen Namen des Siedlers in unfassbarem Entsetzen zunichtemachte und es beinahe als fromme Tat erscheinen ließ, sein kleines Besitztum umzupflügen und die Erinnerung an ihn zu tilgen.
Kurzum, der alte Matthew Maule wurde als Hexer hingerichtet. Er war eines der Opfer jenes schrecklichen Wahns, aus dem wir unter anderem lernen sollten, dass die einflussreichen Eliten und selbst ernannten Führer des Volkes genauso von Leidenschaften verblendet werden können wie der schlimmste Pöbel. Geistliche, Richter, Staatsmänner – die weisesten, besonnensten, frömmsten Zeitgenossen – umringten zuvorderst den Galgen, beklatschten die Bluttaten am lautesten und gestanden als Letzte ein, wie jämmerlich sie sich getäuscht hatten. Sollte man an ihrem Vorgehen überhaupt etwas nicht gar so verwerflich finden, wäre es die eigentümliche Unterschiedslosigkeit, mit der sie nicht nur, wie bei früheren Justizmassakern, die Armen und Alten verfolgten, sondern Leute jeglichen Standes: ihresgleichen und ihre Brüder und Frauen. Bei diesem allgemeinen Chaos und Verderben ist es nicht weiter seltsam, dass ein unscheinbarer Mann wie Maule in der Menge seiner Leidensgenossen fast unbemerkt den Märtyrergang zum Richtstatthügel antrat. Doch als sich in der Folge die Tobsucht dieser abscheulichen Tage gelegt hatte, erinnerte man sich, wie lautstark Oberst Pyncheon in den allgemeinen Ruf, das Land von der Hexerei zu säubern, eingestimmt hatte. Und es blieb auch nicht aus, dass geflüstert wurde, er habe die Verurteilung von Matthew Maule mit boshafter Schärfe betrieben. Es war wohl bekannt, dass das Opfer im Verhalten seines Verfolgers bittere persönliche Feindschaft erkannt und erklärt hatte, er werde um der Beute willen zu Tode gehetzt. Vor der Hinrichtung – mit der Schlinge um den Hals, in Gegenwart von Oberst Pyncheon, der die Szene zu Pferd grimmig beobachtete – hatte Maule ihm vom Schafott eine Prophezeiung entgegengeschleudert, die von der Geschichtsschreibung wie von der mündlichen Tradition wörtlich überliefert wurde. «Gott», sagte der Sterbende und wies mit furchterregendem Blick auf seinen Widersacher, der keine Miene verzog, «Gott wird ihm Blut zu trinken geben!»
Nach dem Tod des angeblichen Hexers wurde dessen bescheidenes Heim Oberst Pyncheon zur leichten Beute. Als es aber hieß, der Oberst beabsichtige, einen Familiensitz – geräumig, aus schwerem Eichenholz und auf Wohlstand über viele Generationen angelegt – an dem Ort zu errichten, wo einst Matthew Maules Blockhütte gestanden hatte, schüttelten die Schwätzer im Dorf heftig den Kopf. Ohne rundweg zu bezweifeln, dass der stramme Puritaner während der ganzen geschilderten Vorgänge immer als Mann von Ehre und Gewissen gehandelt hatte, gaben sie doch zu verstehen, er baue sein Haus über einem unruhigen Grab. Sein Heim wäre auch das des Hexers, der tot und begraben war, und dessen Geist hätte darum eine Art Vorrecht, in seiner neuen Wohnung umzugehen und in den Räumen, in die künftige Ehemänner ihre Bräute führen und wo die Kinder der Pyncheons geboren würden. Schrecken und Schändlichkeit von Maules Verbrechen und das Elend seiner Strafe würden die frisch getünchten Wände verdunkeln und sie früh mit dem Moder eines alten und trübsinnigen Gemäuers verpesten. Rundum regnete das Laub unberührter Wälder auf den Boden herab – warum wählte Oberst Pyncheon da einen Ort, auf dem schon ein Fluch lag?
Aber der puritanische Soldat und Magistrat war kein Mann, der sich aus Furcht vor dem Geist des Hexers oder wegen noch so begründeter Empfindlichkeiten von seinem wohlerwogenen Plan abbringen ließ. Hätte man ihm von schlechter Luft erzählt, hätte dies vielleicht etwas bewirkt, aber mit einem bösen Geist gedachte er es aufzunehmen. Mit praktischem Sinn begabt, hart und massiv wie Granit, von einem unbeugsamen Willen wie mit Eisenklammern zusammengehalten, verfolgte er seine ursprüngliche Absicht, wohl ohne an Einspruch auch nur zu denken. Für Rücksichten oder Bedenken, die eine empfindsamere Natur gekannt hätte, war der Oberst wie die meisten Männer seiner Generation und Herkunft unempfänglich. Darum grub er seinen Keller und baute die Grundmauern seines Anwesens auf dem Stück Land, wo Matthew Maule vierzig Jahre zuvor als Erster das Laub weggefegt hatte. Es war eine sonderbare und, wie manche glaubten, unheilvolle Tatsache, dass der erwähnte Quell, kaum hatten die Arbeiter sich ans Werk gemacht, seine einst köstliche Reinheit völlig verlor. Sei es, dass er durch die tiefen Erdarbeiten beeinträchtigt worden war, sei es, dass eine verborgenere Ursache zugrunde lag, jedenfalls wurde das Wasser von Maules Brunnen, wie man ihn immer noch nannte, brackig und hart. So ist es noch heute, und jede alte Frau aus der Gegend wird bestätigen, dass man Bauchschmerzen bekommt, wenn man dort seinen Durst stillt.
Es mag dem Leser sonderbar erscheinen, dass der Baumeister des neuen Hauses ausgerechnet der Sohn des Mannes war, dessen Totenhand das Grundstück entrissen worden war. Aber wahrscheinlich war er der beste Handwerker damals. Oder vielleicht fand es der Oberst zweckmäßig, oder er wurde von einer edleren Regung dazu veranlasst, öffentlich jegliche Feindseligkeit gegenüber der Familie seines gestrauchelten Widersachers einzustellen. Es war auch keineswegs unvereinbar mit dem allgemein unzimperlichen, nüchternen Zeitgeist, dass der Sohn gewillt war, ein ehrliches Scherflein – oder besser eine stattliche Summe – aus dem Geldbeutel des väterlichen Todfeinds zu beziehen. Jedenfalls wurde Thomas Maule zum Baumeister des Hauses mit den sieben Giebeln und tat seine Pflicht so getreulich, dass das von ihm zusammengefügte Gebälk immer noch hält.
So wurde das große Haus gebaut. Und vertraut, wie es in der Erinnerung des Autors dasteht – denn es hat ihn seit Kindheitstagen angezogen, sowohl als Beispiel der besten, stattlichsten Architektur einer längst vergangenen Epoche wie als Schauplatz von Ereignissen, die uns Menschen vielleicht mehr bewegen als das Geschehen auf einem grauen Adelssitz –, so vertraut, wie die Erscheinung des verlotterten alten Hauses ist, fällt es um so schwerer, sich die glanzvolle Frische vorzustellen, in der es einst das erste Sonnenlicht empfing. Und der Eindruck seines gegenwärtigen Zustands, hundertsechzig Jahre danach, verdüstert unweigerlich das Bild, das wir von seiner Erscheinung entwerfen möchten an dem Morgen, als der puritanische Herr die ganze Stadt bat, bei ihm zu Gast zu sein. Eine sowohl festliche wie religiöse Hausweihe stand kurz bevor. Gebet und Predigt des Pastors Higginson und das Erschallen eines vielstimmigen Psalms sollten den gröberen Geschmäckern erträglich gemacht werden durch Ströme von Bier, Apfelwein, Wein und Branntwein und, nach einigen Gewährsleuten, durch einen ganzen Ochsen am Spieß oder mindestens dessen Gewicht und Masse in handlicheren Braten- und Lendenstücken. Ein ausgeweidetes Reh, das man keine zwanzig Meilen entfernt geschossen hatte, füllte eine riesengroße Pastete. Und ein in der Bucht gefangener sechzigpfündiger Kabeljau hatte sich in einer reichhaltigen Fischsuppe aufgelöst. Kurzum, der Kamin des neuen Hauses rülpste seinen Küchendampf aus und schwängerte die ganze Luft mit dem Duft nach Fleisch, Geflügel und Fisch, würzig zubereitet mit wohlriechenden Kräutern und reichlich Zwiebeln. Dieses Fest allein schon zu riechen, wie es jedem die Nase kitzelte, war zugleich eine Einladung und eine Verlockung.
In Maule’s Lane oder Pyncheon Street, wie man jetzt passender sagen sollte, drängte sich zur vereinbarten Stunde das Volk wie eine Gemeinde auf dem Kirchgang. Und alle blickten beim Näherkommen zu dem eindrücklichen Gebäude auf, das nun unter den Menschenwohnungen den ihm gebührenden Platz einnehmen sollte. Da erhob es sich, etwas von der Straße zurückgesetzt, aber aus Stolz, nicht aus Bescheidenheit. Das ganze sichtbare Äußere war mit wunderlichen Figuren in überspannt neugotischem Stil geschmückt, die man in den glitzernden Verputz aus Kalk, Kieseln und Glassplittern über den Holzwänden geritzt oder geprägt hatte. Auf allen Seiten stachen die sieben Giebel in den Himmel, wie Schwesterbauten, die alle durch die Röhren eines einzigen großen Kamins atmeten. Die vielen Gitterfenster mit den diamantförmigen Scheibchen ließen die Sonne in Vorhalle und Zimmer ein; dagegen warf der weit vorspringende zweite Stock, der sich seinerseits hinter den dritten zurückzog, einen Schatten und trübsinnigen Dämmer in die darunterliegenden Räume. Unter den vorspringenden Stockwerken waren geschnitzte Holzkugeln befestigt, und kleine gedrehte Eisenstäbe verschönerten jeden der sieben Giebel. Auf dem Dreieck des Giebels an der Straßenseite hatte man erst an diesem Morgen eine Sonnenuhr angebracht, und noch zeigte die Sonne die erste helle Stunde einer Geschichte an, die nicht durchwegs so hell sein sollte. Überall lagen Hobelspäne, Holzschnitzel, Schindeln und zerbrochene Backsteinhälften herum, was alles nebst der umgepflügten Erde, auf der noch kein Gras wuchs, zum Eindruck des Ungewohnten und Neuen eines Hauses beitrug, das sich seinen Platz im Alltag der Menschen erst noch erobern musste.
Der Haupteingang, fast so breit wie ein Kirchentor, befand sich zwischen den beiden Vordergiebeln, überdacht von einem offenen Vorbau, in dessen Schutz Bänke standen. Durch diesen Torbogen, die Füße an der noch nicht abgenutzten Schwelle abstreifend, schritten nun die Geistlichen, Presbyter, Richter, Diakone und was sonst in Stadt und Land Rang und Namen besaß. Auch das gewöhnliche Volk strömte herbei, so selbstverständlich wie seine Oberen und zahlreicher. Gleich hinter dem Eingang standen jedoch zwei Bedienstete, wiesen die einen Gäste zur Küche und baten die anderen in die vornehmeren Räume – gastfreundlich waren sie zu allen, erkannten aber mit prüfendem Blick die hohe oder niedrige Stellung eines jeden. Düstere, aber prunkvolle Samtanzüge, gestärkte Rüschen und Halsbinden, gestickte Handschuhe, ehrwürdige Bärte, gestrenge Haltung und Auftreten machten es damals leicht, den geistlichen Herrn vom schwerfälligen Kaufmann zu unterscheiden oder vom Arbeiter im Lederwams, der sich ehrfürchtig in das Haus stahl, das er vielleicht selbst zu bauen geholfen hatte.
Es gab nur einen unglücklichen Umstand, der bei manchen steiferen Gästen ein kaum verborgenes Mißfallen auslöste. Der Gründer dieses Herrschaftssitzes – ein Gentleman, der für seine leutselige, umständliche Höflichkeit bekannt war – hätte gewiss in seiner Halle stehen und die so zahlreichen bedeutenden Persönlichkeiten als Erster begrüßen müssen, die sich zu diesem festlichen Anlass die Ehre gaben. Doch er ließ sich noch nicht blicken, auch die erlauchtesten Gäste hatten ihn nirgends gesehen. Noch unerklärlicher wurde Oberst Pyncheons Saumseligkeit, als der zweithöchste Würdenträger der Provinz erschien und auch nicht feierlicher empfangen wurde. Der Besuch des Vizegouverneurs gehörte zwar zu den erhofften Höhepunkten des Tages, doch als er von seinem Pferd gestiegen, seiner Gattin vom Damensattel geholfen und die Schwelle zum Haus des Obersten überschritten hatte, wurde auch er nur vom ersten Hausdiener begrüßt.
Dieser grauhaarige, ruhige und ausgesucht ehrerbietige Mann sah sich zur Erklärung genötigt, sein Herr befinde sich immer noch in seinen privaten Räumen, in seinem Studierzimmer, das er vor einer Stunde betreten habe, mit der Bitte, unter keinen Umständen gestört zu werden.
«Seht Ihr nicht, Kerl», sagte der Bezirkssheriff und nahm den Diener beiseite, «dass dieser Mann kein Geringerer als der Vizegouverneur ist? Ruft Oberst Pyncheon auf der Stelle! Ich weiß, dass er heute Morgen Post aus England bekam, und vielleicht ist bei der gedankenvollen Lektüre der Briefe eine Stunde unbemerkt verstrichen. Aber er wird bestimmt ungehalten sein, wenn Ihr zulasst, dass er es versäumt, einem der Ersten unseres Landes, von dem man sagen kann, dass er in Abwesenheit des Gouverneurs den König William selbst vertritt, seine Reverenz zu erweisen. Ruft Euren Herrn jetzt sofort!»
«Gestatten Euer Gnaden», antwortete der Diener in großer Not, aber mit einem Widerstreben, das beredtes Zeugnis für das harte und unerbittliche Regiment des Hausherrn ablegte, «doch die Befehle meines Herrn waren sehr bestimmt, und wie Euer Gnaden wissen, duldet er nicht den leisesten Ungehorsam bei denen, die ihm zum Dienst verpflichtet sind. Mag jene Tür öffnen wer will; ich wage es nicht, und sollte der Gouverneur selber mich heißen!»
«Pah, Herr Bezirkssheriff!», rief der Vizegouverneur, der diesen Disput gehört hatte und sich erhaben genug fühlte, um mit seiner Würde etwas zu kokettieren. «Ich will die Sache selber in die Hand nehmen. Es ist Zeit, dass der brave Oberst erscheint und seine Freunde begrüßt; sonst kommt uns noch der Verdacht, dass er zu viel von seinem Kanarienwein gekostet hat im größten Bemühen, zur Feier des Tages das beste Fass zu öffnen! Da er nun aber so verspätet ist, gebe ich ihm persönlich ein Zeichen!»
Also stampfte er in seinen schweren Reitstiefeln, dass man es noch im hintersten der sieben Giebel hören konnte, zu der vom Diener bezeichneten Tür und klopfte so schwungvoll und laut dagegen, dass die neuen Türpaneele widerhallten. Lächelnd wandte er sich zu den Zuschauern um und wartete auf eine Antwort. Als jedoch keine kam, klopfte er wieder, mit demselben unbefriedigenden Ergebnis. Und weil der Vizegouverneur ein etwas aufbrausendes Temperament besaß, hob er nun seinen schweren Schwertknauf und schlug und hämmerte damit derart gegen die Tür, dass der Lärm, wie ringsum geflüstert wurde, Tote hätte auferwecken mögen. Die Wirkung auf Oberst Pyncheon blieb trotzdem aus. Als das Geräusch erstarb, herrschte im ganzen Haus tiefe, bedrückte Stille, obwohl ein, zwei heimliche Gläschen Wein oder Schnaps die Zunge mancher Gäste doch schon gelöst hatten.
«Wahrhaftig sonderbar! – Sehr sonderbar!», rief der Vizegouverneur, dessen Lächeln sich in ein Stirnrunzeln verwandelt hatte. «Aber da unser Gastgeber so wenig auf Förmlichkeiten gibt, folge ich seinem guten Beispiel und erlaube mir, ihn zu stören!»
Er rüttelte an der Tür, die seiner Hand nachgab und von einem plötzlich Windstoß, der wie mit einem lauten Seufzer vom äußersten Portal durch alle Gänge und Zimmer des neuen Hauses wehte, weit aufflog. Er raschelte mit den Seidenkleidern der Damen, kräuselte die langen Locken der Herrenperücken und zog an den Fenster- und Bettvorhängen der Schlafkammern, brachte alles seltsam zum Erbeben und fast mehr noch zum Schweigen. Ein Schauer der Ehrfurcht und banger Erwartung– weshalb oder wovor wusste niemand – hatte sich plötzlich auf die Gesellschaft gelegt.
Alle strömten nun aber zu der jetzt offenen Tür und schoben in ihrer brennenden Neugier den Vizegouverneur in den Raum vor ihnen. Auf den ersten Blick sahen sie nichts Außergewöhnliches: einen geschmackvoll möblierten, von Vorhängen halb verdunkelten mittelgroßen Raum mit Bücherwänden, einer großen Landkarte an der Wand und einem Porträt von Oberst Pyncheon, unter dem der Oberst persönlich saß, in einem Lehnstuhl aus Eiche, mit einer Feder in der Hand. Auf dem Tisch vor ihm lagen Briefe, Pergamente und unbeschriebene Blätter. Er schien die neugierige Menge, angeführt vom Vizegouverneur, zu betrachten, mit einem Stirnrunzeln auf dem dunklen, massigen Gesicht, als missbillige er gründlich die Unverschämtheit, mit der sie sich ihm aufdrängte.
Ein kleiner Junge – der Enkel des Obersten und das einzige Wesen, das sich je Vertraulichkeiten mit ihm herausnahm – löste sich nun von den Gästen und rannte auf die sitzende Gestalt zu; dann blieb er auf halbem Weg stehen und schrie vor Entsetzen. Zitternd wie Espenlaub schob sich die Gesellschaft näher und stellte fest, dass der starre Blick des Obersten unnatürlich verzerrt war; auf seiner Halskrause war Blut, und sein grauer Bart war getränkt davon. Es war für jede Hilfe zu spät. Der Puritaner mit dem eisernen Herzen, der gnadenlose Verfolger und raffgierige Mann mit dem starken Willen war tot! Tot in seinem neuen Haus! Es heißt – und dies sei nur erwähnt, weil es eine an sich schon düstere Szene in die noch größere Finsternis abergläubischen Entsetzens taucht –, unter den Gästen sei eine laute Stimme ertönt und habe im selben Ton wie der alte Matthew Maule, der hingerichtete Hexer, verkündet: «Gott hat ihm Blut zu trinken gegeben!»
So früh war dieser eine Gast – der einzige, der bestimmt einmal seinen Weg zu jeder menschlichen Wohnung findet –, so früh war der Tod über die Schwelle zum Haus mit den sieben Giebeln geschritten!
Oberst Pyncheons plötzlicher und rätselhafter Tod wirbelte damals viel Staub auf. Es gab viele Gerüchte, und sie hängen zum Teil noch in der Luft, wonach manches für Gewaltanwendung sprach. Es war die Rede von Fingerspuren auf seiner Kehle, einem blutigen Handabdruck auf seiner gerafften Krause, und sein Spitzbart sei zerzaust gewesen, als hätte man heftig daran gezerrt und gezogen. Auch wurde behauptet, dass das Gitterfenster neben dem Stuhl des Obersten offen stand, und nur Minuten vor dem fatalen Ereignis habe man hinter dem Haus eine männliche Gestalt gesehen, die über den Gartenzaun kletterte. Doch wäre es Torheit, viel von solchen Geschichten zu halten, die stets nach derartigen Ereignissen aufkommen und sich manchmal, wie in diesem Fall, noch ewig behaupten und wie Blätterpilze anzeigen, wo ein gestürzter und begrabener Baum einst in der Erde verrottete. Wir mögen sie ebenso wenig glauben wie die Mär von der Knochenhand, die der Vizegouverneur angeblich am Hals des Obersten sah, worauf sie bei seinem Näherkommen verschwand. Fest steht nur, dass die Ärzte sich heftig über die Todesursache stritten. Eine augenscheinliche Kapazität namens John Swinnerton hielt es, wenn wir die Fachausdrücke richtig verstanden haben, für einen Schlaganfall. Seine Kollegen äußerten alle mehr oder weniger einleuchtende Hypothesen, die sie jedoch immer in eine rätselhafte Sprache kleideten, die vielleicht nicht von Verwirrung in den Köpfen dieser gelehrten Doktoren zeugt, aber jedenfalls eine solche bei den Laien schafft, die ihren Rat haben wollen. Dann berieten die Untersuchungsrichter über dem Leichnam und verkündeten als Männer mit gesundem Menschenverstand das unangreifbare Verdikt: «Plötzlicher Tod!»
Es ist auch tatsächlich schwer vorstellbar, dass es einen ernsthaften Mordverdacht oder die geringsten Hinweise auf einen möglichen Täter gegeben hätte. Gewiss hätte man angesichts des Rangs, Reichtums und der herausragenden Stellung des Verstorbenen jeden verdächtigen Umstand peinlichst genau untersucht. Da man von einem solchen nichts weiß, dürfen wir annehmen, dass es keinen gab. Nur der mündlichen Überlieferung – die manchmal eine Wahrheit erkennt, die der Geschichte entging, öfter jedoch nur sinnloses Geschwätz ist, dem man sich früher am Kamin hingab, während es heute zu Druckerschwärze erstarrt –, ihr allein sind gegenteilige Behauptungen anzulasten. In der Beerdigungspredigt für Oberst Pyncheon, die gedruckt wurde und noch existiert, preist Pastor Higginson neben vielen anderen Vortrefflichkeiten im Erdendasein seines herausragenden Gemeindemitglieds die glückliche Fügung seiner Todesstunde. Nachdem er all seine Pflichten erfüllt, den höchsten Wohlstand erreicht, sein Geschlecht für Generationen auf ein sicheres Fundament gestellt und ihm ein schützendes Dach über dem Kopf gegeben habe – welcher letzte Schritt bleibe dem tüchtigen Mann da noch zu tun als der hinauf von der Erde zum goldenen Himmelstor! Bestimmt hätte der fromme Geistliche nichts Derartiges geäußert, hätte er im Geringsten vermutet, der Oberst sei mit gewaltsamem Würgegriff ins Jenseits befördert worden.
Der Familie des Obersten schien zum Zeitpunkt seines Todes ein so dauerhaft günstiges Schicksal bestimmt, wie es angesichts der Unwägbarkeit menschlichen Strebens nur möglich ist. Man durfte billigerweise erwarten, dass der Zeitenlauf ihren Wohlstand eher vermehren und fördern als schwächen und gar vernichten würde. Seinem Sohn und Erben fiel nämlich nicht nur sogleich ein ausgedehntes Grundstück zu, sondern der Anspruch, mit den Indianern ausgehandelt und danach vom obersten Gericht1 bestätigt, auf riesige, noch unerforschte und unvermessene Ländereien im Osten. Dieser Besitz – so darf man ihn fast sicher nennen – umfasste den größten Teil des heutigen Waldo County im Staate Maine und war somit größer als manches europäische Herzog- oder gar Fürstentum. Wenn der unwegsame Wald, der diese fürstliche Wildnis bedeckte, dereinst goldenen Äckern wich – und das war unvermeidlich, wenn auch vielleicht erst nach Generationen –, würde er den Pyncheons unermesslichen Reichtum bringen. Hätte der Oberst nur ein paar Wochen länger gelebt, ist es wahrscheinlich, dass sein großer politischer Einfluss und seine weitreichenden Beziehungen im In- und Ausland alles Nötige bewirkt hätten, um den Anspruch zu sichern. Doch dies war wohl – bei allem überaus beredten Lob des braven Mr. Higginson – die eine Sache, die Oberst Pyncheon, so vorausschauend und weise er sonst war, versäumt hatte. Was das verheißene Land betraf, starb er unzweifelhaft zu früh. Sein Sohn besaß weder die bedeutende Stellung des Vaters noch das Talent und die Charakterstärke, sie je zu erreichen, sodass er auf dem politischen Parkett nichts ausrichtete. Zudem war nicht einmal die Rechtmäßigkeit des Anspruchs nach dem Tod des Obersten so unbestritten, wie man zu seinen Lebzeiten verkündet hatte. Es fehlte bei den Unterlagen plötzlich ein Dokument, das nirgends mehr aufzufinden war.
Dabei strengten sich die Pyncheons nicht nur damals, sondern über fast hundert Jahre hinweg immer wieder an, zu ihrem Recht zu kommen, wie sie es hartnäckig nannten. Inzwischen wurde das Land an Leute, die mehr galten, überschrieben oder gerodet und von Siedlern in Besitz genommen. Diese hätten, wäre ihnen der Rechtstitel der Pyncheons bekannt gewesen, bei der Vorstellung nur gelacht, man könne mit modrigen Pergamenten und den verblassten Unterschriften längst verstorbener und vergessener Gouverneure und Gesetzgeber Anspruch auf Land erheben, das sie oder ihre Väter der Wildnis mit ihrer eigenen harten Arbeit abgetrotzt hatten. So wurde aus dem Phantom dieses Anspruchs nichts Greifbareres als der über Generationen gehätschelte Wahn aller Pyncheons, einer bedeutenden Familie anzugehören. Noch ihr ärmster Abkömmling fühlte sich darum, als hätte er einen Adelstitel geerbt, und schloss nicht aus, dereinst noch das standesgemäße fürstliche Vermögen zu erwerben. Den würdigeren Vertretern des Geschlechts nahm diese Eigenart in schönster Weise die Erdenschwere, ohne sie wirklich wertvoller Charaktereigenschaften zu berauben. Bei den weniger edlen Nachkommen verstärkte sie den Hang zur Trägheit und Abhängigkeit und verleitete die einer trügerischen Hoffnung Verfallenen dazu, jede eigene Anstrengung aufzugeben und zu warten, bis ihre Träume wahr würden. Viele Jahre nachdem ihr Anspruch aus dem allgemeinen Gedächtnis entschwunden war, studierten die Pyncheons immer noch die alte Landkarte des Obersten, die man gezeichnet hatte, als Waldo County noch eine unberührte Wildnis war. Wo der alte Landvermesser Wälder, Seen und Flüsse vermerkt hatte, trugen sie die Rodungen, Dörfer und Städte ein und errechneten den stetig zunehmenden Wert des Landes, als bestünde noch Aussicht, dass es einmal ihr Reich würde.
In fast jeder Generation fügte es sich aber, dass ein Spross der Familie annähernd mit demselben unzimperlichen, wachen Verstand und der Tatkraft begabt war, die den Stammvater ausgezeichnet hatten. Ja, man konnte seinen Charakter in der ganzen Reihe so deutlich ausmachen, als wäre dem Obersten, etwas verdünnt, eine Art zeitweiliger Unsterblichkeit auf Erden gewährt worden. Zwei- oder dreimal war in Jahren, als es um die Familie schlecht bestellt war, dieser Vertreter altväterischer Eigenschaften erschienen, worauf die traditionsbewussten Schwätzer der Stadt tuschelten: «Da kommt der alte Pyncheon wieder! Jetzt wird das Schindeldach der sieben Giebel neu gedeckt!» Väter und Söhne, alle klammerten sich mit der besonderen Hartnäckigkeit der Heimatgefühle an den Stammsitz. Aus vielerlei Gründen und verschiedenen Eindrücken, die aber oft zu flüchtig sind, als dass sie beschrieben werden könnten, neigt der Autor der Ansicht zu, dass viele, wenn nicht die meisten, aufeinanderfolgenden Besitzer des Anwesens von Zweifeln über ihr moralisches Recht darauf geplagt wurden. Ihr juristisches Recht stand außer Frage, doch es ist zu befürchten, dass der alte Matthew Maule aus seiner Zeit in eine ferne Zukunft ausschritt und sein Fuß schwer auf dem Gewissen aller Pyncheons lastete. Ist es so, müssen wir uns der ernsten Frage stellen, ob nicht jeder Erbe des Eigentums – im Bewusstsein eines Unrechts, das er doch nicht behob – wie einst sein Ahne von Neuem große Schuld auf sich lud und dafür die ganze ursprüngliche Verantwortung zu tragen hatte. Wenn es so wäre, käme es dann der Wahrheit nicht viel näher, statt von Glück von großem Unglück als dem Erbe der Pyncheons zu reden?
Es wurde schon angedeutet, dass wir nicht vorhaben, die Geschichte der Pyncheons in ihrem Verhältnis zum Haus mit den sieben Giebeln lückenlos darzustellen oder gleichsam auf einem Zauberbild zu zeigen, wie Zerfall und Altersschwäche das ehrwürdige Haus selbst angriffen. Zu dessen Innenleben ist festzuhalten, dass ein großer, trüber Spiegel in einem der Räume hing, dem man nachsagte, in seinen Tiefen all die Schemen zu enthalten, die einst in ihm erschienen – den alten Obersten selbst und seine vielen Nachkommen, einige in altmodischen Säuglingskleidern, andere als blühende Schönheiten, in ihren besten Jahren oder mit den Sorgenfalten ergrauten Alters. Und wären wir in das Geheimnis des Spiegels eingeweiht, würden wir uns gerne davorsetzen und seine Enthüllungen zu Papier bringen. Es gab aber bloß eine Geschichte, die sich schwerlich überzeugend begründen lässt. Danach sollten Matthew Maules Nachkommen irgendwie mit dem Geheimnis des Spiegels verbunden und offenbar durch hypnotische Fähigkeiten dazu in der Lage sein, dessen Grund mit den verstorbenen Pyncheons zu bevölkern: nicht so, wie sie sich der Welt gezeigt hatten oder in ihren besseren und glücklicheren Stunden, sondern im Begriff, eine Sünde erneut zu begehen, oder in ihrer schmerzlichsten Lebenskrise. Jedenfalls beschäftigte sich die Volksseele lange mit der Sache zwischen dem alten Puritaner Pyncheon und dem Hexer Maule, und dessen vom Schafott geschleuderter Fluch blieb im Gedächtnis haften, mit dem sehr bedeutsamen Zusatz, dass er nun als Erbe der Pyncheons galt. Wenn ein Familienmitglied auch nur japste, flüsterte in der Runde sicher einer halb zum Spaß und halb im Ernst: «Er muss Maules Blut trinken!» Der plötzliche Tod eines Pyncheon vor etwa hundert Jahren, unter ganz ähnlichen Umständen wie eben vom Ableben des Obersten berichtet, verstärkte die gängige Auffassung noch. Auch galt es als unschönes und unheilvolles Zeichen, dass Oberst Pyncheons Porträt – nach seinem Letzten Willen, hieß es – an der Wand des Zimmers hängen blieb, wo er starb. Die harten, unbarmherzigen Züge schienen wie das Sinnbild einer bösen Macht mit ihrer Gegenwart den flüchtigen Sonnenschein so zu überschatten, dass keine guten Gedanken oder Absichten hier je aufkommen und gedeihen konnten. Ein nachdenklicher Kopf wird es keineswegs abergläubisch nennen, wenn wir bildlich gesprochen behaupten, dass der Geist eines toten Ahnen – vielleicht als Teil seiner eigenen Strafe – oft dazu verdammt ist, zum bösen Geist seiner Familie zu werden.
Immerhin wurden die Pyncheons während fast zwei Jahrhunderten von weniger Schicksalsschlägen betroffen als die meisten anderen Familien Neuenglands in derselben Zeit. Obwohl sie sehr eigenständige Charakterzüge besaßen, nahmen sie doch das allgemeine Wesen der kleinen Gemeinschaft an, in der sie lebten; einer Stadt, die für die Genügsamkeit, Zurückhaltung, Ordnungsliebe und Häuslichkeit ebenso wie die eher beschränkten Interessen ihrer Bewohner bekannt war, wo jedoch auch seltsamere Einzelgänger und merkwürdigere Vorkommnisse anzutreffen waren als an fast jedem anderen Ort. Während der Revolution schlug sich der damalige Pyncheon auf die Seite der Royalisten und musste fliehen, ging aber in sich und tauchte gerade rechtzeitig wieder auf, um zu verhindern, dass das Haus mit den sieben Giebeln beschlagnahmt wurde. Danach war in den letzten siebzig Jahren das herausragende Ereignis in den Annalen der Pyncheons gleichzeitig das schlimmste Unheil, das sie je traf, und zwar handelte es sich um nichts Geringeres als den gewaltsamen Tod – denn darauf wurde erkannt – eines Familienmitglieds durch das Verbrechen eines Verwandten. Gewisse Begleitumstände dieser fatalen Begebenheit ließen zwingend auf einen Neffen des Verstorbenen als Täter schließen. Der junge Mann wurde angeklagt und schuldig gesprochen. Aber sei es, weil das Urteil nur aufgrund von Indizien zustande kam oder die Richter doch Zweifel hegten oder auch – was in einer Republik mehr zählt als in einer Monarchie – wegen des hohen Ansehens und des politischen Einflusses der Familie des Täters, jedenfalls wurde das Urteil abgeschwächt und die Todesstrafe in lebenslängliche Haft umgewandelt. Diese traurige Angelegenheit hatte sich etwa dreißig Jahre vor der Zeit zugetragen, in der unsere Erzählung einsetzt. Und nun gab es seit Neustem Gerüchte (denen kaum jemand Glauben schenkte und für die sich nur wenige lebhaft interessierten), wonach dieser seit Langem lebendig Begrabene aus unbekanntem Grund aus seiner Gruft gerufen werden sollte.
Es drängt sich auf, etwas zum Opfer dieses schon fast vergessenen Mords zu sagen. Das war ein alter Junggeselle, der zusätzlich zum Haus und dem aus dem einstigen Grundbesitz der Pyncheons verbliebenen Land großen Reichtum besaß. Er war ein melancholischer Sonderling mit einem Hang zum Stöbern in alten Dokumenten und einem geneigten Ohr für alte Geschichten, und so wurde ihm nachgesagt, er sei zum Schluss gekommen, der Hexer Matthew Maule sei schändlich um sein Heim und gar um sein Leben gebracht worden. Angesichts dieses Sachverhalts und der Tatsache, dass er, der alte Junggeselle, nun dieses geraubte Gut besaß – das bis ins Innerste, wie von einer empfindlichen Nase noch zu riechen, mit dunklem Blut befleckt war –, fragte er sich, ob er nicht selbst so spät noch an Maules Nachkommenschaft Wiedergutmachung üben sollte. Für einen Mann wie den zurückgezogenen, rückwärtsgewandten alten Junggesellen schienen auch eineinhalb Jahrhunderte nicht lange genug, als dass sie von der Pflicht enthoben hätten, das Unrecht auszuräumen. Die ihm am nächsten standen, waren überzeugt, dass er tatsächlich das Unerhörte getan und das Haus mit den sieben Giebeln dem Nachkommen Matthew Maules überlassen hätte, wenn seine Verwandten nicht Verdacht geschöpft und einen unsäglichen Aufruhr veranstaltet hätten. Ihr Aufstand bewirkte sein Einlenken, aber man befürchtete, dass er nach seinem Tod durch seinen Letzten Willen noch erreichen könnte, wovon man ihn zu Lebzeiten mit Mühe abgehalten hatte. Doch bei allen Ärgernissen oder was es sonst an Gründen geben mag, tun Menschen nichts seltener als Vermögen außerhalb der Erblinie zu vermachen. Mag sein, dass sie andere Leute viel mehr schätzen als ihre Verwandten, die sie vielleicht gar verabscheuen oder regelrecht hassen, doch im Auge des Todes erwachen die starken Blutsbande, und der Erblasser kann nicht anders, als mit seinem Besitz nach altem Brauch zu verfahren, der schon so lange besteht, dass er fast naturgegeben scheint. Alle Pyncheons waren diesem machtvollen Zwang wie einer Krankheit unterworfen. Dagegen vermochten die Skrupel des alten Herrn nichts, und so ging sein Anwesen mitsamt den meisten übrigen Besitztümern an den nächsten gesetzlichen Erben.
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Matthew Maules Familie galt inzwischen als erloschen. Doch noch sehr lange nach dem Hexenwahn wohnten die Maules weiterhin in der Stadt, wo ihr Ahne einen so schändlichen Tod erlitten hatte. Allem Anschein nach waren sie ruhige, ehrliche, wohlmeinende Leute, die weder einzelnen Menschen noch der Allgemeinheit übelwollten wegen des Unrechts, das man ihnen angetan hatte. Und falls am eigenen Kamin die Väter zu ihren Kindern erbittert vom Schicksal des Hexers sprachen und das verlorene Erbe beklagten, drang nie etwas davon nach außen, und es folgten auch keine Taten. Es wäre nicht einmal seltsam, wenn sie vergessen hätten, dass das schwere Gebälk des Hauses mit den sieben Giebeln auf einem Fundament ruhte, das eigentlich ihnen gehörte. Die äußere Zurschaustellung von Ansehen und Reichtum hat etwas so Mächtiges, Festes und fast Unwiderstehliches, dass sich allein davon eine Daseinsberechtigung ableiten lässt oder wenigstens ein so perfekter Schein, dass nur wenige arme und bescheidene Leute die innere Kraft haben, sie auch nur insgeheim anzuzweifeln. So steht es noch heute, nachdem sehr viele alte Vorurteile gefallen sind, und vor der Revolution, als der Adel sich noch Hochmut erlauben konnte und das Volk sich mit seiner Demütigung abfand, war es erst recht so. Die Maules behielten jedenfalls ihren Groll für sich. Sie hatten in der Regel mit Armut zu kämpfen und waren immer unauffällige kleine Leute, die mit schlecht belohntem Fleiß irgendeinem Handwerk nachgingen, als Tagelöhner auf den Schiffswerften arbeiteten oder als Matrosen zur See fuhren; in der Stadt lebten sie in wechselnden Wohnungen und zuletzt im Armenhaus, das sie im Alter unausweichlich erwartete. Und nachdem sie sich so lange knapp über dem dunklen Strudel des Vergessens gehalten hatten, tauchten sie schließlich ganz hinein, wie es allen Familien, dem Adel wie dem einfachen Volk, bestimmt ist. In den letzten dreißig Jahren fand sich weder im Stadtarchiv noch auf dem Friedhof, weder im Adressbuch noch in den Kenntnissen oder Erinnerungen irgendeines Menschen die geringste Spur der Nachkommen Matthew Maules. Vielleicht gab es seine Sippe noch anderswo; hier, wo es lange so bescheiden floss, war ihr Blut versiegt.
Eine kurze Beschreibung des siebengiebligen Hauses, wie es in jüngster Zeit aussah, soll dieses einleitende Kapitel abschließen. Die Straße, wo es seine ehrwürdigen Giebel reckte, zählt längst nicht mehr zu den eleganten Vierteln der Stadt, und so war das alte Haus zwar von neuen Gebäuden umgeben, aber diese waren meist klein, ganz aus Holz und typisch für die ödeste Eintönigkeit des gewöhnlichen Lebens. Gewiss könnte jedes von ihnen das ganze Panorama menschlicher Existenz enthalten, aber kein äußerer Vorzug würde die Fantasie oder Teilnahme wecken, es dort zu vermuten. Das alte Haus unserer Geschichte dagegen, mit seinen Balken aus Weißeiche, seinen Brettern, Schindeln, dem bröckelnden Putz und selbst dem mächtigen, mehrzügigen Schornstein in der Mitte, schien nur den geringsten, unbedeutendsten Teil seiner Wirklichkeit preiszugeben. So viel an menschenmöglicher Erfahrung hatte sich dort zugetragen – so viel war gelitten und etliches auch genossen worden –, dass es überall aus dem Gebälk troff wie aus einem Herzen. Das Haus war selbst wie ein großes Menschenherz, voller Eigenleben und reich an denkwürdigen und düsteren Erinnerungen.
Noch eine Besonderheit müssen wir unbedingt erwähnen, obwohl wir stark befürchten, dass sie das pittoreske, romantische Bild stört, das wir mit unsrer Beschreibung dieses achtbaren Gebäudes gerne vermitteln wollten. Am Vordergiebel, unter dem dräuenden Obergeschoss und dicht an der Straße, war eine Ladentür, in der Mitte geteilt, die obere Hälfte aus Glas, wie man es bei älteren Gebäuden oft sieht. An dieser Ladentür hatte die jetzige Bewohnerin des erhabenen Familiensitzes, wie auch einige ihrer Vorgänger, keinen geringen Anstoß genommen. Es ist eine unangenehm heikle Angelegenheit, doch da der Leser eingeweiht werden muss, mag er zur Kenntnis nehmen, dass vor etwa hundert Jahren das damalige Familienoberhaupt in ernsthafte finanzielle Nöte geriet. Der Kerl – er selbst nannte sich freilich einen Gentleman – muss ein schwarzes Schaf gewesen sein, denn statt in die Dienste des Königs oder seines Gouverneurs treten zu wollen oder den Erbanspruch auf das Land im Osten voranzutreiben, fiel ihm kein besserer Weg zum Wohlstand ein, als eine Ladentür in die Wand seines Stammsitzes zu brechen. Es war damals zwar üblich, dass Kaufleute im eigenen Haus Handel trieben und ihre Waren lagerten, aber das Unternehmertum dieses Pyncheon hatte etwas erbärmlich Kleinkrämerisches. Es hieß, er habe, immerhin im Rüschenhemd, eigenhändig auf einen Shilling herausgegeben und jeden halben Penny zweimal umgedreht, um ihn auf seine Echtheit zu prüfen. Ja, er war eine Krämerseele, wie immer es zugegangen sein mochte, dass solches Blut in den Adern eines Pyncheon floss.
Somit sind wir bereit – in aller Bescheidenheit, wie man sehen wird –, mit unserer Erzählung anzufangen.