Vorsatzblatt: Nimatallah / Art Resource, NY.

Stacy Schiff

KLEOPATRA

Ein Leben

Aus dem Amerikanischen
von Helmut Ettinger
und Karin Schuler

Die Originalausgabe ist 2010 unter dem Titel
»Cleopatra. A Life« bei Little, Brown and Company,
New York, erschienen.

1. Auflage

© 2010 by Stacy Schiff

© 2013 der deutschsprachigen Ausgabe

by C. Bertelsmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: buxdesign München

Bildredaktion: Dietlinde Orendi

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-08331-1

www.cbertelsmann.de

Für Max, Millie und Jo

Inhalt

I

DIESE ÄGYPTISCHE FRAU

II

TOTE MÄNNER BEISSEN NICHT

III

KLEOPATRA VERZAUBERT
DEN ALTEN MANN

IV

DAS GOLDENE ZEITALTER IST
NIE DAS HEUTIGE

V

DER MENSCH IST SEINER NATUR
NACH EIN POLITISCHES WESEN

VI

UM DEN HAFEN ZU ERREICHEN,
MUSS MAN BISWEILEN
DEN KURS ÄNDERN

VII

EINE FRAU, ÜBER DIE
DIE GANZE WELT REDET

VIII

VERBOTENE AFFÄREN UND
UNEHELICHE KINDER

IX

DIE VERRUCHTESTE FRAU
DER GESCHICHTE

DANK

ANMERKUNGEN

AUSWAHLBIBLIOGRAFIE

NAMENSREGISTER

SACHREGISTER

BILDTEIL

I

DIESE ÄGYPTISCHE FRAU1

»Den Sterblichen ist nichts nützlicher
als weises Misstrauen.«
2

EURIPIDES

EINE DER BERÜHMTESTEN Frauen, die je gelebt haben, Kleopatra VII., hat Ägypten zweiundzwanzig Jahre lang regiert. Sie verlor ein Königreich, gewann es zurück, verlor es beinahe wieder, errichtete ein Imperium und büßte dieses schließlich ganz ein. Als Kind eine Göttin, mit achtzehn eine Königin, bald darauf eine Berühmtheit, war sie schon zu ihren Lebzeiten Gegenstand von Spekulation und Bewunderung, Klatsch und Legende. Auf dem Gipfel ihrer Macht kontrollierte sie im Grunde die gesamte Küste des östlichen Mittelmeers, das letzte große Königreich aller Herrscher Ägyptens. Für einen flüchtigen Augenblick hielt sie das Schicksal der von Rom geprägten Welt in ihren Händen. Sie hatte ein Kind mit einem verheirateten Mann und drei weitere mit einem anderen. Sie starb mit neununddreißig Jahren eine Generation vor Christi Geburt. Katastrophen zementieren stets einen Ruf, Kleopatras Ende aber war abrupt und sensationell. Seitdem hat sie sich in unserer Fantasie festgesetzt. Viele haben für sie gesprochen, darunter die größten Dramatiker und Dichter. Seit zweitausend Jahren legen wir ihr Worte in den Mund. In einem Nachleben, wie es die Geschichte rastloser kaum kennt, ist sie zu einem Asteroiden, einem Videospiel, einem Klischee, einem Glücksspielautomaten, einem Stripteaseklub und zu einem Synonym für Elizabeth Taylor geworden. Shakespeare hat ihr endlose Wandlungsfähigkeit bescheinigt. Er hatte keine Ahnung.

Ihr Name ist unauslöschlich, doch ihr Bild verschwommen. Kleopatra mag eine der bekanntesten Gestalten der Geschichte sein, aber wir haben kaum eine Vorstellung davon, wie sie wirklich aussah. Als authentisch können allein ihre Porträts auf Münzen gelten, die – wahrscheinlich mit ihrer Genehmigung – zu ihren Lebzeiten geprägt wurden. Zudem gedenken wir ihrer aus den falschen Gründen. Als fähige, klarsichtige Herrscherin wusste sie, wie man eine Flotte aufbaut, einen Aufstand niederschlägt, eine Währung kontrolliert und eine Hungersnot bewältigt. Ein berühmter römischer General bezeugte, dass sie sich in der Kriegskunst auskannte. Selbst zu Zeiten, da Herrscherinnen keine Seltenheit waren, ragte sie als die einzige Frau der antiken Welt heraus, die allein regierte und in der Politik Roms eine Rolle spielte. Sie häufte die größten Reichtümer des Mittelmeerraums an. Und sie genoss größeren Respekt als jede andere Frau ihrer Zeit, was ein reizbarer königlicher Rivale erkennen musste, als er, während sie an seinem Hof weilte, ihre Ermordung forderte. (Angesichts ihrer Stellung war diese einfach nicht möglich.)3 Kleopatra entstammte einem alten Mördergeschlecht und hielt diese Familientradition aufrecht, zeichnete sich jedoch für Zeit und Ort durch bemerkenswert gute Sitten aus. Und doch gilt sie bis heute als schamlose Verführerin – nicht der einzige Fall, dass aus einer echten Powerfrau ein kokettes Weibchen gemacht wird.

Wie jedes Leben, das die Dichter geradezu herausgefordert hat, war auch das Kleopatras von Verwerfungen und Enttäuschungen geprägt. Sie wuchs in unvorstellbarem Luxus auf, erbte aber ein Königreich im Niedergang. Über zehn Generationen hatte sich ihre Familie als Pharaonengeschlecht stilisiert. Die Ptolemäer waren in Wirklichkeit aus Makedonien stammende Griechen. Folglich ist Kleopatra etwa so viel Ägypterin wie Elizabeth Taylor. Als sie achtzehn war, übernahm sie zusammen mit ihrem zehnjährigen Bruder die Kontrolle über ein Land mit einer großen Vergangenheit, aber einer ungewissen Zukunft. Dreizehnhundert Jahre trennen Kleopatra von Nofretete. An den Pyramiden, die sie ziemlich sicher Julius Caesar präsentierte, prangten bereits Graffiti. Die Sphinx hatte schon tausend Jahre zuvor eine Grundsanierung erfahren. Der Glanz des einst großen Ptolemäerreichs war stumpf geworden. Kleopatra wurde erwachsen in einer Welt, über welcher der Schatten Roms lag. Das hatte während ihrer Kindheit seine Herrschaft bis an die Grenzen Ägyptens ausgedehnt. Als Kleopatra elf Jahre alt war, schärfte Caesar seinen Offizieren ein, wenn sie keine Kriege führten, keine Reichtümer erwarben und andere beherrschten, dann seien sie keine Römer. Ein Souverän des Ostens, der einen einsamen Kampf gegen Rom führte, formulierte Kleopatras späteres Dilemma so: Die Römer haben die Gemütslage von Wölfen. Sie hassen große Könige. Was sie besitzen, haben sie zusammengeraubt. Sie wollen alles erobern und dabei »entweder alles zerstören oder bei dem Versuch untergehen«.4 Was das für das letzte verbliebene reiche Land in Roms Einflusssphäre bedeutete, war klar. Ägypten hatte sich bisher durch geschicktes Verhandeln einen Namen gemacht und dabei zumeist seine Unabhängigkeit bewahren können. Zuweilen hatte es selbst in Angelegenheiten Roms eingegriffen.

Für eine gigantische Geldsumme hatte Kleopatras Vater die offizielle Bezeichnung »Freund und Verbündeter des Römischen Volkes« erworben. Seine Tochter musste erkennen, dass es nicht ausreichte, ein Freund jenes Volkes und dessen Senats zu sein, sondern dass sie sich den jeweils mächtigsten Römer zum Freund machen musste. In der Spätzeit der Republik, die von Bürgerkriegen erschüttert wurde, war das eine verwirrende Aufgabe. Zu Kleopatras Lebzeiten flammten sie mehrfach auf. Immer wieder traten römische Kommandeure gegeneinander an, um hauptsächlich ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Zweimal geschah das unerwartet auf ägyptischem Boden. Jede dieser Erschütterungen sandte ein Beben durch den ganzen Mittelmeerraum, wo man permanent damit beschäftigt war, Loyalitäten zu korrigieren und Tributzahlungen umzuleiten. Kleopatras Vater hatte auf Pompeius den Großen gesetzt, den brillanten römischen General, dem das Glück ewig hold zu sein schien. Er wurde zum Schutzherrn der Familie. Auch er führte einen Bürgerkrieg gegen Julius Caesar, als Kleopatra auf der anderen Seite des Mittelmeers den Thron bestieg. Im Sommer des Jahres 48 v. Chr. brachte Caesar Pompeius in Mittelgriechenland die entscheidende Niederlage bei. Pompeius floh nach Ägypten. An einem ägyptischen Strand wurde er erdolcht und enthauptet. Da war Kleopatra einundzwanzig Jahre alt. Sie hatte keine Wahl, als sich bei dem neuen Herrn über die römische Welt beliebt zu machen. Das tat sie anders als die meisten übrigen Klientelkönige, deren Namen heute zu Recht vergessen sind. In den folgenden Jahren kämpfte sie darum, die unaufhaltsame römische Flut in eine ihr günstige Richtung zu lenken. Nach Caesars Ermordung musste sie die Schutzherren wechseln und arrangierte sich schließlich mit dessen Protegé Marcus Antonius. Aus dem Abstand der Jahre gesehen, wirkte ihre Herrschaft wie eine Gnadenfrist. Ihre Geschichte war im Grunde vorüber, bevor sie wirklich begann. So hat sie selbst es natürlich nicht gesehen. Als sie starb, wurde Ägypten zu einer Provinz des Römischen Reichs. Seine Selbstständigkeit sollte es erst im 20. Jahrhundert wiedererlangen.

Kann von einer Frau, die mit den beiden mächtigsten Männern ihrer Zeit geschlafen hat, überhaupt etwas Gutes gesagt werden? Vielleicht, aber nicht unter Bedingungen, als Rom die Geschichtsschreibung kontrollierte. Kleopatra stand an einem der gefährlichsten Schnittpunkte der Geschichte – dem von Frau und Macht. Hunderte Jahre zuvor hatte Euripides bereits gewarnt, kluge Frauen seien gefährlich. Ein römischer Historiker beschrieb eine judäische Königin mit großer Befriedigung als reine Galionsfigur, um sie sechs Seiten weiter für ihre gewagten Ambitionen und ihr ungehöriges Machtstreben zu verdammen.5 Eine eher entwaffnende Art der Machtausübung war allerdings auch schon zu spüren. In einem Ehevertrag aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. versprach die Braut, treu und liebevoll zu sein. Weiter gelobte sie, ihrem Ehemann mit Essen oder Trinken keinen Liebestrank zu verabreichen.6 Wir wissen nicht, ob Kleopatra Antonius oder Caesar geliebt hat. Was wir wissen, ist, dass sie beide dazu brachte, das zu tun, was sie wollte. Aus römischer Sicht »versklavte« sie beide. Das Nullsummenspiel war erfunden: Macht der Frau bedeutete Täuschung des Mannes. Auf die Frage, wie sie ihren Einfluss auf Augustus, den ersten Kaiser von Rom, erlangt habe, soll dessen Frau geantwortet haben: »Indem ich mich selbst absolut tugendhaft verhalte, stets mit Freuden tue, was ihm gefällt, mich nicht in seine Angelegenheiten einmische, vor allem aber vorgebe, die Favoritinnen nicht zu bemerken, denen seine Leidenschaft gilt.«7 Diese Formel sollte man nicht unbedingt für bare Münze nehmen. Und Kleopatra war ohnehin aus ganz anderem Holz geschnitzt. Sie brachte es durchaus fertig, dem berühmtesten römischen General der Zeit auf einer geruhsamen Angeltour unter der blassen Sonne Alexandrias zu empfehlen, er möge sich seinen Aufgaben widmen.

Für einen Römer galten Freizügigkeit und Gesetzlosigkeit als griechische Untugenden. Kleopatra war gleich doppelt verdächtig: zum einen, weil sie aus einer Kultur stammte, der man »eine natürliche Gabe der Täuschung« zuschrieb8, zum anderen, weil sie in Alexandria lebte. Ein Römer konnte Exotik und Erotik nicht auseinanderhalten. Kleopatra stand für den geheimnisvollen, alchemistischen Osten, für ihr eigenartiges, sinnenfrohes Land, das so pervers und urtümlich erschien wie sein erstaunlicher Fluss. Männer, die ihr begegneten, verloren offenbar den Kopf oder änderten ihre Pläne. Selbst in Plutarchs Biografie von Marcus Antonius ist sie mit diesem durchgebrannt. Ähnlich wirkte sie auf einen Historiker des 19. Jahrhunderts, der sie bei der ersten Begegnung mit Caesar als »ein lockeres Mädchen von sechzehn« beschreibt.9 (Dabei war sie zu dieser Zeit bereits eine sehr zielstrebige Frau von einundzwanzig Jahren.) Der Ruf, eine Sirene des Ostens zu sein, ging Kleopatra lange voraus. Das verwundert nicht, denn sie stammte aus dem die Sinne betörenden Land von Sex und Exzess. Es ist nicht schwer zu verstehen, weshalb Caesar Geschichte, Kleopatra aber Legende wurde.

Unser Blick wird auch dadurch verstellt, dass die Römer, die über Kleopatras Leben berichteten, offenbar ihre eigene Historie nur allzu gut kannten. Das ist in ihren Berichten immer wieder zu spüren. Wie Mark Twain in seinem überwältigenden, aber auch überladenen Bericht vom Vatikan ziehen wir zuweilen die Kopie dem Original vor. Das haben die Autoren der Antike auch getan. Sie haben verschiedene Berichte zusammengewürfelt oder alte Geschichten wieder aufgewärmt. Die Sünden anderer Missetäter haben sie Kleopatra angelastet. Geschichte eignete sich noch stets dafür, mit immer neuen Ausschmückungen, aber nicht unbedingt mehr Genauigkeit neu erzählt zu werden. In den antiken Texten tragen die Schurken immer ein besonders vulgäres Violett, schlingen zu viel gebratenen Pfau hinunter, salben sich mit besonders seltenen Ingredienzen oder lösen Perlen auf. Ob nun eine transgressive, machthungrige ägyptische Königin oder ein skrupelloser Seeräuber – sie waren bekannt für die »abstoßende Extravaganz« ihrer Ausstattung.10 Laster und Opulenz gingen Hand in Hand, ihre Welt loderte in Purpur und Gold. Da half auch nicht, dass Geschichte in Mythologie, Menschliches in Göttliches überging. In Kleopatras Welt konnte man die Überreste von Orpheus’ Leier besichtigen oder das Ei, aus dem Helena von Troja geschlüpft war.

Geschichte wird nicht nur von der Nachwelt, sondern auch für die Nachwelt geschrieben. Die Verfasser der heute vorhandenen ausführlichsten Quellen sind Kleopatra nie begegnet. Plutarch wurde geboren, als sie schon sechsundsiebzig Jahre tot war. (Er war ein Zeitgenosse der Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes.) Appian schrieb aus einem Zeitabstand von über einhundert und Cassius Dio von weit über zweihundert Jahren. Kleopatras Geschichte unterscheidet sich von der der meisten Frauen dadurch, dass die Männer, die sie schrieben, ihre Rolle aus persönlichen Gründen eher verstärkten als abschwächten. Ihr Verhältnis zu Marcus Antonius war das längste ihres Lebens, jedoch das zu dessen Rivalen Augustus hat die Zeiten überdauert. Der musste Antonius und Kleopatra besiegen. Um diesem Sieg im Interesse Roms noch mehr Glanz zu verleihen, schuf er im Stil des heutigen Boulevards die Version von der unersättlichen, heimtückischen, blutrünstigen, machtgierigen ägyptischen Königin. Er blies Kleopatra zu hyperbolischen Dimensionen auf, um seinen Triumph möglichst groß erscheinen zu lassen und damit seinen tatsächlichen Gegner und ehemaligen Schwager aus dem Bild zu drängen. Das Ergebnis nimmt sich aus wie eine Napoleon-Biografie aus der Feder eines Briten des 19. Jahrhunderts oder eine Geschichte Amerikas im 20. Jahrhundert aus der des Vorsitzenden Mao.

Zu der großen Zahl höchst tendenziöser Historiker kommt eine besonders kümmerliche Faktenlage. Aus Alexandria sind keine Papyri erhalten geblieben. Von der antiken Stadt ist oberirdisch fast nichts mehr zu erkennen. Wenn überhaupt, dann besitzen wir maximal ein geschriebenes Wort von Kleopatra. (Im Jahr 33 v. Chr. signierte sie oder ein Schreiber ein königliches Dekret mit dem griechischen Wort ginesthoi, das so viel bedeutete wie »Ausführen«.) Die Autoren des klassischen Zeitalters hielten nichts von Statistik und gelegentlich auch nichts von Logik. Ihre Berichte widersprechen einander und sich selbst. Appian geht sorglos mit Einzelheiten um, Josephus mit den zeitlichen Abläufen. Cassius Dio zog Rhetorik exakten Formulierungen vor. Die Lücken wirken so regelmäßig, als wären sie bewusst geschaffen. Man ist versucht, von einer Verschwörung des Schweigens zu sprechen. Wie kann es sein, dass aus einem Zeitalter des vollendeten realistischen Porträts keine eindeutig bestätigte Büste Kleopatras überliefert ist? Ciceros Briefe aus den ersten Monaten des Jahres 44 v. Chr. – als Caesar und Kleopatra in Rom zusammen waren – wurden nie veröffentlicht. Die längste griechische Geschichte jener Zeit übergeht diese eindeutig stürmische Periode. Schwer zu sagen, was uns dabei am meisten fehlt. Appian kündigt Ausführlicheres über Caesar und Kleopatra in seinen vier Büchern zur ägyptischen Geschichte an, die nicht mehr vorhanden sind. Der Bericht des Livius bricht ein Jahrhundert vor Kleopatra ab. Von der detaillierten Schilderung ihres Leibarztes wissen wir nur, weil Plutarch sich darauf bezieht. Die Chronik des Dellius ist verschwunden und mit ihr die anzüglichen Briefe, die Kleopatra ihm geschrieben haben soll. Selbst Lucan kommt mitten in seinem epischen Poem zu einem abrupten, ärgerlichen Halt und lässt Caesar zu Beginn des Alexandrinischen Krieges in Kleopatras Palast verschanzt zurück. Und wo es an Fakten mangelt, da überwuchern Mythen die Geschichte.

Die Lücken in der Überlieferung sind ein Problem, wie man sie gefüllt hat, ein weiteres. Wo Staatsaffären wegfallen, bleiben uns die Affären des Herzens. Diese dominante Frau, versiert in Politik, Diplomatie und Staatsführung, perfekt in neun Sprachen, eloquent und charismatisch, wirkt wie eine gemeinsame Kreation von römischen Propagandisten und Hollywood-Regisseuren. Ihr blieb es vorbehalten, einer Erscheinung, von deren Existenz wir immer wussten, ein antikes Markenzeichen zu verleihen: der Macht der weiblichen Sexualität. Auch ihr Timing konnte schlechter nicht sein. Nicht nur, dass ihre Geschichte von ihren Feinden geschrieben wurde, sie hatte auch noch das Pech, in aller Munde zu sein, als die lateinische Dichtkunst erblühte. So hat sie buchstäblich in einer ihr feindlichen Sprache überlebt. Damit konnte die Fiktion ins Kraut schießen. George Bernard Shaw nennt unter seinen Quellen für Caesar und Cleopatra die eigene Fantasie. Zahlreiche Historiker beziehen sich auf Shakespeare, was man verstehen kann. Aber das ist, als nähme man die Worte des berühmten Schauspielers George C. Scott für die von General Patton, den er im Film dargestellt hat.

Kleopatras Bild wiederherzustellen bedeutet, die wenigen Fakten zu sichern, zugleich aber auch die Kruste der Mythen und der jahrhundertelangen Propaganda abzutragen. Sie war eine griechische Frau, deren Geschichte Männern in die Hände fiel, die ihre Zukunft in Rom sahen, die Mehrzahl Beamte des Reichs. Die Methoden ihrer Geschichtsschreibung liegen für uns im Dunkeln.11 Quellen führten sie nur selten an. Zumeist verließen sie sich auf ihr Gedächtnis.12 Nach heutigen Standards wären sie allesamt als Polemiker, Apologeten, Moralisten, Fabulierer, Wiederverwerter, Flickwerker oder Hacker eingestuft worden. Kleopatras Ägypten hat bei seinem hohen Bildungsstand selbst keinen großen Historiker hervorgebracht. Daher kann man nur auf die Quellen zurückgehen. Die mögen mangelhaft sein, aber es sind die einzigen, die wir haben. Bis heute gibt es darin keine generelle Übereinstimmung zu den Grunddaten ihres Lebens – wer ihre Mutter war, wie lange sie in Rom lebte, wie oft sie schwanger war, ob sie und Antonius verheiratet waren, wie die Schlacht verlief, die ihr Schicksal besiegelte, oder wie sie starb.13 Ich habe versucht zu berücksichtigen, wer von den Verfassern ein ehemaliger Bibliothekar und wer ein Klatschreporter war, wer Ägypten mit eigenen Augen gesehen hat, wer es verachtet hat und wer dort geboren wurde, wer ein Problem mit Frauen hatte und wer mit dem Eifer eines römischen Konvertiten schrieb, wer eine Rechnung begleichen, seinem Kaiser schmeicheln oder seinen Hexameter vervollkommnen wollte. (Ich stütze mich nur wenig auf Lucan. Er erschien zeitig auf der Bildfläche – vor Plutarch, Appian oder Cassius Dio. Zudem war er Dichter und sehr sensationslüstern.) Selbst wenn Berichte weder tendenziös noch konfus wirken, sind sie oft übertrieben. Wie bereits festgestellt, gab es in der Antike keine klaren, unausgeschmückten Geschichten.14 Man wollte vor allem blenden. Ich habe nicht versucht, die Leerstellen zu füllen, aber gelegentlich die Interpretationsmöglichkeiten eingegrenzt. Was kaum wahrscheinlich war, bleibt kaum wahrscheinlich, obwohl auch hier die Meinungen radikal auseinandergehen. Das Unversöhnliche bleibt unversöhnt. In den meisten Fällen habe ich den Kontext wiederhergestellt. Kleopatra hat in der Tat ihre Geschwister umgebracht, aber Herodes die eigenen Kinder. (Später jammerte er, er sei der »unglücklichste der Väter«.15) Plutarch erinnert uns daran, dass solches Verhalten unter Herrschern geradezu axiomatisch war. Kleopatra muss nicht unbedingt schön gewesen sein, aber ihr Reichtum und ihr Palast verschlugen einem Römer den Atem. Von den beiden Seiten des Mittelmeers nahmen sich die Dinge stets sehr verschieden aus. Neuere Forschungen aus den letzten Jahrzehnten zu Frauen in der Antike und im hellenistischen Ägypten haben das Bild beträchtlich aufgehellt. Ich habe versucht, den Schleier des Melodrams von den Schlussszenen des Lebens der Kleopatra wegzuziehen, der selbst aus nüchternen Chroniken Seifenopern macht. Zuweilen wird das Geschehen in der Tat dramatisch, und das aus gutem Grund. Kleopatras Zeit war eine Ära der übergroßen, faszinierenden Persönlichkeiten. An ihrem Ende verlassen die größten Akteure abrupt die Szene. Hinter ihnen bricht eine Welt zusammen.

Vieles, was Kleopatra betrifft, wissen wir nicht, aber eine Menge war ihr selbst unbekannt. Sie wusste weder, dass sie im 1. Jahrhundert v. Chr. noch im Zeitalter des Hellenismus lebte, denn beides sind Konstrukte einer späteren Zeit. (Das hellenistische Zeitalter beginnt mit dem Tod Alexanders des Großen im Jahr 323 v. Chr. und endet mit Kleopatras Tod 30 v. Chr. Am besten ist es vielleicht einmal definiert worden als eine griechische Periode, in der Griechen keine Rolle spielten.16) Aus mehreren Gründen wusste sie auch nicht, dass sie Kleopatra VII. war; denn eigentlich war sie die sechste Kleopatra. Sie kannte keinen Mann namens Octavian. Der Mann, der sie besiegte, absetzte, in den Selbstmord trieb und sie für die Nachwelt zurechtmachte, wurde als Gaius Octavius geboren. Als er für Kleopatras Leben Bedeutung erlangte, nannte er sich Gaius Julius Caesar nach seinem berühmten Großonkel und Kleopatras Liebhaber, der ihn in seinem Testament adoptiert hatte. Wir kennen ihn heute als Augustus, einen Titel, den er erst drei Jahre nach Kleopatras Tod annahm. In diesem Buch erscheint er als Octavian, denn zwei Caesars sind wie immer einer zu viel.

Die meisten Ortsnamen haben sich seit der Antike geändert. Lionel Cassons sinnvoller Führung folgend, habe ich vertraute Namen den logisch richtigen vorgezogen. Daher ist Berytus in diesem Buch Beirut, während Pelusium, das nicht mehr existiert und heute östlich von Port Said an der Einfahrt zum Suezkanal läge, Pelusium bleibt. Die Geografie hat sich in vieler Hinsicht gewandelt: Küstenlinien sind eingebrochen, Sümpfe ausgetrocknet, Berge erodiert. Alexandria wirkt heute flacher als zu Kleopatras Lebzeiten. Das alte Straßennetz gibt es nicht mehr, und die Stadt strahlt auch nicht mehr in blendendem Weiß. Der Nil liegt etwa drei Kilometer weiter östlich. Aber der Staub, die schwülwarme Meeresluft und die purpurfarbenen Sonnenuntergänge sind immer noch da. Die menschliche Natur bleibt erstaunlich beständig. Der Gang der Geschichte ist nicht mehr zu verändern. Berichte aus erster Hand gehen nach wie vor weit auseinander.17,18 Seit über zweitausend Jahren gelingt es einem Mythos, die Geschichte zu überholen und zu überleben. Wenn nicht anders angegeben, sind alle Jahreszahlen als v. Chr. zu verstehen.

1 Florus, 2,21,2.

2 Euripides, Helena, nach der Übersetzung von Christoph Martin Wieland, Wien 1814, 5. Akt, S. 247.

3 Josephus, Jüdische Altertümer, 15,101.

4 Sallust, Brief des Mithridates, 21.

5 Josephus, Jüdische Altertümer, 13,408–430.

6 Rowlandson, 1998, S. 322.

7 Cassius Dio, 58,2,5.

8 Cicero an Quintus, 2 (1.2), November 59. Cicero mochte »den ganzen Stamm« der Orientalen nicht. »Im Gegenteil, ich habe ihre frivole, kriecherische Art so satt. Immer denken sie an den Vorteil des Augenblicks und nicht daran, das Rechte zu tun.«

9 James Anthony Froude, Caesar: A Sketch, New York 1879, S. 446.

10 Plutarch, »Pompeius«, 24.

11 Josephus, der 130 Jahre nach Caesar schrieb, bezweifelte stark die Aufrichtigkeit und die Methoden seiner Zeitgenossen: »Selbst von unseren jüngsten Kriegen gibt es sogenannte Geschichten aus der Feder von Personen, die weder die Schlachtfelder aufgesucht haben noch je in die Nähe des Geschehens gekommen sind. Sie haben lediglich ein paar Dinge vom Hörensagen zusammengestellt, die sie mit der Dreistigkeit betrunkener Zecher Geschichte nennen.« (Gegen Apion, 1,46). Er zog auch über die alten Griechen her, sie hätten von ein und demselben Ereignis widersprüchliche Berichte geliefert. Das hielt ihn nicht davon ab, selbst so zu verfahren.

12 Siehe K. R. Bradley, Einführung zu Suetonius, Lives of the Caesars, Bd. 1, Brüssel 1978, S. 14.

13 Nicht einmal die Schriftsteller und Künstler sind sich über Caesar und Kleopatra einig: Er liebt sie (Georg Friedrich Händel), er liebt sie nicht (George Bernard Shaw), er liebt sie (Thornton Wilder).

14 Siehe Andrew Wallace-Hadrill, Suetonius, London 2004, S. 19. Siehe auch Fergus Millar, A Study of Cassius Dio, Oxford 1999, S. 28. Zur Praxis, brillante Geschichte »wie aus dem Nichts« zu erschaffen, siehe T. P. Wiseman, Clio’s Cosmetics: Three Studies in Greco-Roman Literature, Bristol 1979, S. 23–53. Siehe ebenso Josephus, Gegen Apion, 1,24 f. Sie alle erhellen, was Quintilian im 1. Jahrhundert n. Chr. meinte: »Geschichte steht der Dichtung sehr nahe und kann in gewissem Sinne als Dichtung in Prosa angesehen werden.«

15 Josephus, Jüdischer Krieg, 1,556.

16 Daniel Ogden prägte den Ausdruck von einer »griechischen Welt, aus der man die Griechen entfernt hat«. Siehe Daniel Ogden, The Hellenistic World: New Perspectives, London 2002, S. X.

17 So ist es seit undenklichen Zeiten gewesen. »Und das Streben nach Sicherung der Tatsachen war eine mühselige Aufgabe, denn jene, die Augenzeugen der verschiedenen Ereignisse waren, berichteten über dieselben Dinge nicht in gleicher Weise, sondern unterschiedlich je nach ihrer Parteinahme für die eine oder andere Seite und nach ihrer Erinnerung«, grollte Thukydides fast vierhundert Jahre vor Kleopatra.

18 Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges, 1,22,4–23,3.