Erschaffe die Welt von »Kings & Fools«:
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Für Oma,
die Coolste.
Ich wische mir über die Handrücken.
Was soll das werden, Lucas?
Der silberne Mond ist nur noch eine undeutliche Ahnung oben zwischen den Wipfeln. Die dunklen Bäume rufen nach mir, sie wollen, dass ich zwischen ihnen verschwinde, abtauche in die Schwärze und weg von den lichten Bereichen am Fluss. Sie laden mich ein, endlich abzuhauen. Tom zu finden.
Das war alles, was ich wollte, seit ich in Favilla gelandet bin. Und jetzt habe ich meine Chance, und trotzdem stehe ich noch hier. Ich presse die Lippen aufeinander, klammere meine Hand um den Griff der Fackel, als wolle ich ihn zerquetschen. Meine Füße sinken immer tiefer in den weichen Boden. Warum habe ich angehalten?
Doch ich kenne die Antwort schon.
Es ist Sam. Und es sind auch Estelle und Callan.
Ich kann sie nicht einfach so mit den Verrätern alleine lassen.
Schwachsinn. Sam ist die beste Kämpferin des Internats. Und auch Callan und Estelle werden den Nichtzirklern durch ihre Ausbildung weit überlegen sein, sage ich mir eindringlich.
Aber ich bleibe immer noch stehen, bringe es einfach nicht über mich, weiterzurennen. Was, wenn ich mich irre?
Aron ist dort draußen, er ist verschlagener als sie alle zusammen. Was, wenn ich sie dem Tod überlasse?
»Verdammt«, fluche ich leise, als ich mich umdrehe. »Du dämlicher Vollidiot, Lucas.«
Ich mache die ersten Schritte zurück in Richtung Fluss. Das Brechen der Äste klingt wie von toten Knochen, so als würde ich über die Beinhäuser von Favilla laufen. Mein Herz hämmert, mein Atem geht flach. Vorwärts durch die Dunkelheit. Ich muss, ich kann nicht anders. Ich werde nur kurz nachsehen, ob alles in Ordnung ist. Ich werde mich nur absichern, dass die anderen klarkommen. Und dann bin ich weg. Es hat sich nichts geändert.
Allmählich dringt das Klingen von Metall auf Metall zwischen den dichten Baumreihen zu mir hindurch.
Los jetzt. Ich muss schneller machen. Je eher ich dort bin, desto eher bin ich auch …
In diesem Moment verhakt sich mein Fuß in einer Wurzel, es hebelt mich regelrecht in die Luft, und ich fliege nach vorne.
Ich kann noch die Arme vorstrecken, dann lande ich mit Wucht auf dem Waldboden. Meine Hände schaben durch das Laub und über die dornendurchsetzte Erde darunter. Mit dem Kinn schlage ich gegen etwas Hartes. Der Schmerz ist plötzlich und dröhnend, ich höre meinen Puls. Schmecke Blut, weil ich mir auf die Zunge gebissen habe.
Schnell! Wieder hoch! Ich richte meinen Oberkörper auf, erstarre.
Mir bleibt beinahe die Luft weg.
Nur einen Fingerbreit vor meinen Augen schwebt eine Schwertspitze in den fahlen Lichtfetzen des Mondes.
Das war keine Wurzel, die mich zu Fall gebracht hat.
»Ich habe bis zum Schluss gehofft, dass Jon falschliegt.«
Ich wage es immer noch nicht, mich zu bewegen, aber ich richte meinen Blick von der Schwertspitze nach oben.
Ich kann Emmas Gesicht kaum erkennen, kann eigentlich nur die dunklen Konturen ausmachen. Doch ich weiß ganz genau, wie sie mich mit steinharter Miene anschaut, ich kann es in ihrer Stimme hören, in dieser kompromisslosen Kälte.
»Du nimmst jetzt vorsichtig deine Schwerter vom Rücken«, sagt sie. »Und wenn du auch nur eine verdächtige Bewegung machst, dann ramme ich dir meine Klinge so in den Hals, dass du ganz langsam daran verreckst. Das schwöre ich dir, Lucas.«
Ich schlucke trocken. Drehe mich ganz langsam, ganz vorsichtig auf die Seite, greife nach dem ersten Schwert, lege es zu Boden – bloß ruhig bleiben, bloß kein falsches Signal geben, Emma blufft ganz sicher nicht –, dann greife ich mit bebenden Händen nach dem zweiten und lege es ebenfalls auf den Boden.
Emma tritt vor, kickt die beiden Schwerter weg von mir, es raschelt wie von flüchtenden Tieren. Ich fühle mich wehrlos, ja, richtig nackt. Ich bin ihr ausgeliefert.
»Steh auf«, sagt Emma, ohne die Schwertspitze von mir zu nehmen.
Ich gehorche, richte mich langsam vom kalten Waldboden auf. Und nun stehe ich vor ihr, nur das Schwert zwischen uns.
»Hör zu, Emma, ich …«
»Spar dir das, Lucas. Wir wissen alles«, schneidet sie mir das Wort ab und beugt sich ein Stück nach vorne. »Du musst mir jetzt eine Frage beantworten: Hast du bislang im Gedankenunterricht auch nur eine einzige der Versenkungsstufen erreichen können?«
Verwirrt blicke ich in ihr schattenumrissenes Gesicht. Was will sie von mir?
Egal. Sie muss jetzt die Wahrheit erfahren, sie muss verstehen, warum ich das getan habe. »Ihr wisst nicht alles!«, sage ich. »Der Grund ist, mein Vater …«
»War ein Säufer, der dich regelmäßig misshandelt hat. Auch das wissen wir, Lucas. Jon stellt Nachforschungen über den Hintergrund jedes Zirklers an. Und bei dir war er besonders misstrauisch. Er hat etwas geahnt. Ich habe ihm immer widersprochen. Ich habe gedacht, Estelle wird einen Fluchtversuch wagen.« Emma schüttelt leicht den Kopf. »Die ganze Zeit, während ich euch gefolgt bin, habe ich das gedacht. Ich habe sogar vermutet, sie spielt die Schwäche eigens dafür vor. Aber wie so oft hat Jon recht behalten.«
Aus der Richtung des Flusses dringt verzerrt ein Brüllen herüber, erfüllt von Wut und Schmerz.
»Emma«, sage ich verzweifelt. »Die anderen …«
»Sie werden klarkommen. Sonst taugen sie ohnehin nicht für den Zirkel. Jetzt sag mir: Hast du je eine der Versenkungsstufen erreicht?«
»Warum …«
»Hast du, oder hast du nicht?!«
»Nein, noch nie.«
Emma hält inne, ich höre, wie sie Luft ausstößt. »Das habe ich befürchtet«, sagt sie. »Auch Roland hat sich nicht geirrt.«
»Emma«, sage ich eindringlich und hebe beschwörend die Hände. »Bitte hör mir zu! Ich stehe hinter eurer Idee. Ich will gegen den Brennenden König kämpfen. Ich wollte bloß zuerst meinen Bruder Tom …«
»Dein Bruder ist tot, Lucas«, unterbricht Emma mich mit scharfer Stimme. »Dein Vater hat ihn im Trunkenheitswahn erschlagen.«
Nein.
Ich taumele nach hinten.
Nein. Nein, nein, nein, nein, nein.
Ich starre Emma an, und alles verschwindet. Nein. Ich kann das nicht glauben. Das kann nicht. Ich. Das.
»Es tut mir leid.« Und jetzt klingt es doch, als schmerze ihr, was sie sagt. »Aber es gibt keine andere Möglichkeit. Du wirst deinem Bruder nun folgen.«
Sie macht einen Satz auf mich zu und sticht mit dem Schwert nach vorne. Und obwohl mein Kopf eigentlich komplett abgeriegelt ist, reagiert etwas in mir. Es reagiert so blitzschnell wie noch nie irgendetwas zuvor: Ich greife mit den bloßen Händen nach der vorschießenden Klinge und reiße sie zur Seite. Ich spüre den Schmerz nicht, ich balle die Hand zur Faust, Blut quillt hindurch, ich schmettere sie Emma ins Gesicht.
Die wankt bloß einige Schritte zurück, aber da habe ich mich schon herumgedreht und fliehe in die Schwärze der endlosen Baumreihen.
»Lucas!«, schreit Emma, »bleib sofort …«
Ich höre sie nicht mehr. Ich jage zwischen Ästen, Sträuchern, Stämmen hindurch wie ein tollwütiger Hund. In meinem Kopf tost ein Wirbelsturm. Mein Gesicht brennt, als würde echtes Feuer darauf lodern und die Haut wegfressen.
Und ich renne immer weiter durch die Finsternis des Waldes. Aber eigentlich nicht weg vor Emma. Weg vor der Wahrheit. Ich will sie nicht, das darf nicht stimmen, das darf nicht passiert sein. Ich renne.
»Geh mir aus dem Weg, Noel. Oder ich werde dich umbringen.«
Ich strecke meinem alten Freund die Klinge entgegen, verzerrt spiegelt sich mein Gesicht auf dem Metall. Mein Atem geht stoßweise, und in meinem Kopf ist es wild. Was tue ich, wenn er mich nicht vorbeilassen will?
Noel schaut mich noch immer so ungläubig an, als stünde dort nicht ich, sondern ein Geist vor ihm. Er hält seine Axt schlaff in der Hand, und ich glaube, er will genauso wenig kämpfen wie ich.
Aber jetzt hebt er ganz langsam die Waffe, umfasst den Griff fester. Seine riesige Gestalt ist starr aufgerichtet, und er spricht mit grimmiger Miene. »Du gehst nicht, bevor du mir nicht erklärt hast, was das hier alles zu bedeuten hat.«
Ich werfe einen schnellen Blick über die Schulter. Nebelschlieren bewegen sich in der Dunkelheit, verdichten sich weiter hinten zu einer undurchdringlichen weißen Mauer. Dann sehe ich wieder Noel an. »Ich sage es nicht noch einmal, Noel. Geh mir aus dem Weg.«
Er bleibt weiterhin stehen. »Wie kommst du …«
Mein Schwert saust so schnell auf ihn zu, dass er nur gerade noch so seine Axt hochreißen kann, um den Schlag frontal abzublocken. Funken jagen über das Metall. Noel taumelt von der unvermittelten Wucht nach hinten, fast gegen das Flügeltor, fängt sich. Da bin ich schon wieder heran.
Ich decke ihn mit einer schnellen Folge von Schlägen ein. Er pariert mit Wucht, hat seinen Stand schneller gefunden, als ich erwartet hätte.
Doch ich lasse ihn nicht einen Moment aufatmen. Will ihn zurückdrängen, das klappt nicht. Jetzt weicht er urplötzlich zur Seite aus, dreht sich um die eigene Achse und wirbelt seine Waffe dabei über seine Schulter.
Ich reiße mein Schwert hoch. Die Axt donnert so kraftvoll auf meine Klinge, dass ich den Schlag kaum abfangen kann, beinahe lasse ich den Griff los. Schnell mache ich einen Ausweichschritt zur Seite, als Noel wieder angreift. Dann einen nach hinten. Abstand.
Wir umkreisen uns.
Er ist besser geworden, das muss ich ihm lassen. Ich habe ihn unterschätzt.
»Ich versteh das nicht, Lucas«, keucht Noel. »Was tust du hier? Was hast du getan? Ihr habt Emma ermordet. Beinahe Melvin. Erklär es mir!«
Das Flügeltor ragt hinter ihm auf wie eine gewaltige Kerkerwand, der Anblick lässt mein erhitztes Blut hektisch durch meinen Körper rasen. Ich muss da durch. Mir bleibt vielleicht nicht mehr viel Zeit. Auch wenn der Nebel uns abschirmt, die anderen könnten uns trotzdem finden.
Ich greife erneut an. Diesmal werde ich mich nicht überraschen lassen.
Ich führe drei kurze, kräftige Schläge über links. Dann ramme ich meine Faust vor, zu schnell für Noel. Sie kracht gegen sein Auge, er schreit auf. Lässt seine Deckung ein wenig runter. Jetzt.
Blitzartig hake ich mein Schwert unter seinem Axtblatt ein, hebele. Egal, wie stark er ist, dagegen kann er nichts tun. Die Axt fliegt durch die Luft, und ich drehe mich übergangslos zum entwaffneten Noel, trete ihm so stark ich kann in den Bauch. Noel stürzt, ich bin vor ihm, halte ihm meine Schwertspitze an die Kehle. So erstarren wir, blicken uns schwer atmend an.
Ich kann Noels Ausdruck nicht deuten. Ich weiß nicht, ob er sich fürchtet, ob er denkt, dass ich zusteche, oder ob er einfach nur abwartet, was ich tun werde – ohne Gedanken dazu.
Und plötzlich schießt mir das Bild durch den Kopf, wie wir damals in der Großen Halle voreinanderstanden. Zwei Verbündete, die man in eine Welt aus Schatten geworfen hatte.
Ich lasse das Schwert sinken.
»Würdest du den Brennenden König töten, wenn du die Chance dazu hättest?«, frage ich.
Noel zögert einen Moment. Er greift sich abwesend an die Kehle, als würde er das Metall meines Schwertes dort immer noch spüren. »Ja«, sagt er dann langsam. Er steht vorsichtig auf, und ich lasse es zu. »Ja, wenn es nur diese Möglichkeit gäbe, würde ich das tun.«
»Warum?«, frage ich.
»Lucas, worauf willst du hinaus? Was ist …«
»Willst du die Wahrheit wissen? Willst du wissen, was sie mit Aron gemacht haben, nachdem sie ihn hatten?« Ich mache eine fahrige Bewegung mit dem Schwert, gehe ein paar Schritte nach rechts und dann wieder nach links. Mich wühlt es jedes Mal auf, jedes Mal, wenn ich nur daran denke.
»Nachdem Sam und Estelle Aron im Wald besiegt hatten, haben die Lehrenden übernommen. Sie haben ihn zurück nach Favilla gebracht und ihn gesund gepflegt. Sie haben dafür gesorgt, dass er sich wieder komplett erholt. Und dann hat Roland ihn sich vorgenommen.« Ich schnaube, fahre mir mit den Zähnen über die Lippen.
»Als ich Aron in Akila entdeckt habe, hat er mich nicht einmal erkannt. Er war als Sklave dort, Jon hatte ihn für einen Austausch verwendet, und so wurde er von den echten verhüllten Männern geholt. Ich habe Aron befreit, aber … es war nicht mehr Aron. Er dachte, er ist ein treuer Diener des Brennenden Königs, der immer seinen Befehlen gefolgt ist und ihm nun heimlich und loyal Bericht erstattet. Er konnte sich nicht mal mehr an Julia erinnern. Noel. Sie haben seinen Kopf überschrieben. Sie haben Aron Aron weggenommen, verstehst du? Sie haben das mit jedem einzelnen Schüler gemacht, der ausgetauscht wurde!«
»Das kann nicht sein«, keucht Noel, ich höre das Entsetzen in seiner Stimme.
»Welchen Grund sollte ich haben, mir das auszudenken?«, frage ich. »Du weißt genau wie ich, dass das immer eine Frage war, die uns nie beantwortet wurde – wie sie sich absichern, dass die Spione nichts verraten. Es ist wahr, Noel. Du weißt selbst, dass es wahr sein muss. Sie haben mit ihnen etwas gemacht, das noch schlimmer ist als der Tod.«
Noel erwidert nichts. In seinem Gesicht verdunkelt sich etwas. Wie muss es für ihn sein, das zu hören?
Wie steht er überhaupt zu Jon, zu Favilla, zu alldem?
Plötzlich möchte ich ihn einfach nur fragen, wie es ihm ergangen ist, was er erlebt hat, nichts weiter. Ganz ungezwungen reden, ein Wiedersehen von zwei alten Freunden.
Aber erst muss ich Noel erklären, was los ist, ja, jetzt will ich es ihm erklären. Selbst wenn er am Ende enttäuscht von mir ist, mich als Gefahr sieht – ich möchte wenigstens versuchen, dass er mir glaubt.
»Ich bin noch immer gegen den Brennenden König. Ohne seine Gesetze wäre vielleicht …« Ich breche ab, bringe den Namen meines Bruders nicht über die Lippen. Nun räuspere ich mich abrupt. »Ich bin nicht hierhergekommen, um Favilla zu zerstören. Ich bin hergekommen, um Favilla zu übernehmen. Ich wollte Jon und notfalls auch die Lehrenden ausschalten, damit so etwas nie wieder jemandem passieren muss, verstehst du? Favilla braucht einen guten Anführer. Keinen skrupellosen.«
Es ist, als wäre Noel selbst zu einer der nachtgrauen Statuen des Friedhofs geworden. Er sieht an mir vorbei, mit leerem Blick. Seine Züge wirken auf einmal viel älter, als ich sie in Erinnerung habe.
Das Schweigen dehnt sich, meine Kiefer mahlen kräftig. Er soll irgendetwas sagen!
Aber es dauert noch einige Momente, bis Noel spricht. Er klingt heiser. »Sie verändern etwas in ihren Köpfen?«
»Ja.«
»Du wolltest Jon umbringen, um Favilla zu helfen?«
»Ja.«
Ich halte die Luft an, erwarte fast, dass er jetzt losschreit. Dass er all der Wut Luft macht, die ich sicherlich verdient habe.
Aber Noel wendet mir nur den Blick zu und nickt. Er ist ganz ruhig. »Ich verstehe«, sagt er und wischt sich über den Mund. Dann: »Lucas. Favilla braucht Jonathan.«
Ich sehe ihn entgeistert an. »Was willst du damit sagen? Willst du ihn in Schutz nehmen?«
Noel schüttelt den Kopf. »Nein, das nicht. Ich … ich finde es abscheulich, was Roland tut. Es ist nichts als grausam. Am liebsten würde ich runterlaufen, sie zur Rede stellen, gegen sie kämpfen. Aber es geht nicht.«
»Du willst ihn also doch in Schutz nehmen.«
»Ich will sagen, dass mir in den letzten Tagen einiges klar geworden ist über Jon. Er ist das Gehirn der Rebellen. Favilla hat nur durch ihn so lange überlebt. Nur durch sein taktisches Kalkül konnte Favilla ein Informationsnetz aufbauen, das dem des Königs möglicherweise ebenbürtig ist.«
»Aber zu welchem Preis?!«, gebe ich aufgebracht zurück.
»Ja, genau. Ganz genau.« Noel nickt energisch. »Darüber denke ich schon länger nach. Auch wenn ich das mit Roland bislang nicht einmal wusste. Doch das zeigt mir nur, dass ich mich nicht irre: Wir müssen dafür sorgen, dass das aufhört, was Jon tut. Aber wir helfen Lavis nicht, indem wir uns gegen ihn wenden. Wir müssen einen anderen Weg finden, das System von Favilla zu zerstören. Und zwar, indem wir dafür sorgen, dass Favilla nicht mehr benötigt wird.« Noel macht eine Pause, in seinen Zügen liegt Entschlossenheit. »Wir haben uns zu lange verkrochen. Wir müssen nicht Jons Herrschaft brechen. Wir müssen die Herrschaft des Brennenden Königs brechen.«
Ich schweige. Dann schüttele ich den Kopf und schnaube. »Du redest so geplant.«
»Das hat mir jemand beigebracht.« Noel zuckt mit den Schultern, und ein schwaches Lächeln huscht über sein Gesicht.
»Sagen wir, du hast recht. Was bedeutet das dann jetzt?«, frage ich.
»Keine Ahnung. Du warst mein bester Freund, und ich glaube dir, dass du nur das Beste für uns wolltest. Aber nicht so, das war völlig verrückt, Lucas. Und wenn du weiter gegen Jon kämpfen willst, dann kämpfst du auch weiter gegen uns. Vielleicht solltest du einfach gehen.« Er holt tief Luft. »Oder du bleibst hier, und wir reden mit den anderen. Ich weiß nicht, wie sie reagieren werden. Aber ich weiß, dass auch sie dem Kampf nicht länger aus dem Weg gehen wollen. Vielleicht können wir einen gemeinsamen Weg gegen den Brennenden König finden.« Er hebt die rechte Hand. »Sieh mal, Lucas …«
In diesem Moment taucht ein schwarzer Umriss aus dem Weiß. Bewegt sich rasend schnell auf uns zu.
Ich hebe die Waffe – und lasse sie dann gleichzeitig mit Sam sinken, als ich sie erkenne. Sie hat angehalten.
Ihre blonden Haare sind zu einem Zopf nach hinten gebunden, ihr Gesicht ist blass und angespannt, ihr Brustkorb bewegt sich hektisch auf und ab. Sie starrt mich misstrauisch an, aus ihren großen grüngrauen Augen, die mich auch nach meiner Flucht immer wieder begleitet haben. Und obwohl das nun wirklich bescheuert ist, fängt mein Herz plötzlich wie wild zu pochen an.
»Du?«, fragt sie leise.
Ich zögere. Aber nicht lange, meine Entscheidung hatte ich schon vorher getroffen. Ich stecke demonstrativ mein Schwert weg und gehe an ihr vorbei auf die Nebelwand zu. Ein kurzer Blick nach hinten zu Noel, dann zu ihr. »Kommt. Wir haben einiges zu bereden«, sage ich.
Und mein Herz schlägt noch immer ganz schnell.
Die Runde schweigt.
Über uns ist der Mond endgültig durch die Wolken gebrochen. Ein fast kompletter Kreis aus bleichem Licht. Die undeutlichen dunklen Flecken darauf zeichnen sich ab wie Narbenflächen.
Die Ader an meiner Schläfe pocht kräftig. Mein Blick fällt auf Aron, er sitzt mit gefesselten Füßen und Händen ein Stück entfernt von uns. Weit genug weg, um unser Gespräch nicht hören zu können, aber nah genug, dass er nicht auf dumme Gedanken kommen sollte.
Fast fühle ich mich schlecht, immerhin waren wir Verbündete – zumindest so etwas in der Art. Doch mir ist auch klar, dass er nicht einfach mit den anderen verhandeln wird, so wie ich.
Mein Blick wandert weiter zu Melvin, der im Halbkreis, den die anderen vor mir auf den Stufen des Amphitheaters gebildet haben, ganz links außen sitzt. Er hat die Stirn in Falten gelegt und schaut hinter mich auf den dunklen Eingang, der nach Favilla runterführt.
Es war seltsam genug, sich als Schatten in Favilla aufzuhalten, zu wissen, dass nur eine Reihe von Gängen entfernt meine alten Freunde schlafen. Doch nun vor ihnen zu sitzen, ist ein völlig unwirkliches Gefühl.
Ich schlucke trocken, meine Kehle brennt. Ich habe ihnen fast alles erzählt, von Emmas Versuch, mich zu töten – den Teil mit meinem Bruder habe ich ausgelassen –, bis hin zu meinem Entschluss, zurückzukehren und Jon zu stürzen.
Ich habe berichtet, wie Aron den Wissenschaftler und die beiden Begrabenen umgebracht hat. Aber auch mich habe ich nicht geschont. Wenn Melvin es nicht geschafft hätte, wäre das auf uns gegangen; bei dem Gedanken daran wird mir ganz übel. Selbst dass ich es war, der Emma getötet hat, habe ich erzählt.
Und ich habe ihnen gesagt, was für ein Fehler das alles war, dass ich sie niemals in solche Gefahr hätte bringen dürfen. Dass ich ihnen nun beim Kampf gegen den Brennenden König helfen will.
Und das werde ich. Noel hat recht. Der König ist die Wurzel allen Übels. Gebt mir eine Chance, und wir werden diese Tyrannei beenden.
»Ich habe große Bedenken.«
Es ist das Mädchen aus Akila, das sie Kyara nennen. Sie wirkt extrem selbstbewusst auf mich, und so wie sie kämpft, kann sie das auch sein.
»Natürlich kennt ihr Lucas besser als ich. Aber eins habe ich hier gelernt: Man kann nicht jedem glauben, was er sagt. Lucas hat Emma getötet. Er hat Melvin in Lebensgefahr gebracht. Woher wissen wir, dass er uns nun die Wahrheit sagt?«
»Warum sollte er uns belügen?«, fragt Noel mit ruhiger Stimme.
»Er könnte versuchen, durch uns wieder an Jon heranzukommen«, schaltet sich jetzt der kleine, blasse Junge namens Lennart ein, dessen Kopf irgendwie schief auf seinen langen, zerbrechlichen Hals gesetzt wurde, so scheint es.
Noel sieht ihn kurz an, er wirkt verwundert. Dann schüttelt er energisch den Kopf. »Damit würde Lucas uns ja verraten. Er weiß, wir würden ihm niemals folgen, wenn er uns nun wieder nicht die Wahrheit sagt. Jon wäre tot, aber Lucas könnte Favilla nicht übernehmen. Er hat also keinen Grund mehr, Jon zu töten.«
»Rache«, sagt Lennart.
Ich will auch etwas sagen, doch da ergreift Kyara erneut das Wort, und ich klappe den Mund wieder zu.
»Wenn ihr so gut befreundet seid, Lucas, warum hast du deinen Freunden nicht einfach die Wahrheit über Jon und die Kopflöschungen gesagt?«, fragt sie. »Warum hast du nicht versucht, gemeinsame Sache mit ihnen und gegen Jon zu machen? Stattdessen hast du als vermeintlicher Feind Anschläge auf den Internatsleiter verübt.«
»Aber damit hätte ich euch doch nur in Gefahr gebracht, versteht ihr?« Ich muss mich darauf konzentrieren, möglichst ruhig zu sprechen. »Denkt doch an Alexis, Swen, all die anderen. Die waren einfach so weg. Emma wollte mich im Wald umbringen, kurzer Prozess. Was, denkt ihr, hätte Jon unternommen, wenn er auch nur annähernd etwas davon mitbekommen hätte, dass ihr etwas gegen ihn im Schilde führt? Er hätte jeden von euch beseitigt, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.« Ich mache eine fahrige Geste. »So, wie ich es gemacht habe, war es auch nicht richtig, das weiß ich jetzt. Aber … ich wollte nicht, dass Jon euch etwas antut.«
»Und hast im Gegenzug in Kauf genommen, dass ein Schlangenzahn einen von denen tötet, die du in Schutz nehmen willst. Das ist doch irre«, sagt Kyara, und ich sehe, wie Lennart nickt.
Noel will gerade das Wort ergreifen, da schaltet sich Melvin ein: »Okay, Leute. Eins muss ich hier mal klarstellen.« Er schaut Kyara an und zieht die Augenbrauen hoch. »Niemand, der bei gesundem Verstand ist, hat geglaubt, mich könnte so ein kleines Giftabenteuer wirklich umbringen.« Er zeigt kurz die obere Zahnreihe, wird dann allerdings von einem Moment auf den nächsten ernst. »Aber sagen wir doch jetzt mal, was Sache ist. Sache ist nämlich, dass wir alle Befehlsverweigerer sind und dass wir die Schnauze voll haben von Jons Versteckspiel. Sonst säßen wir nicht hier draußen. Wir können in unserer Lage jede Hilfe gebrauchen, und Lucas ist Hilfe. Er wollte Jon töten, nicht uns. Ich glaube ihm das. Ich glaube auch, dass er jetzt die Wahrheit sagt. Und selbst wenn nicht, ich schätze, wir haben kaum eine andere Wahl, als ihm zu vertrauen.«
»Wir haben eine Wahl«, sagt Kyara und schüttelt beharrlich den Kopf. »Wir können ihn gefangen nehmen und einsperren. Er hat sich als hinterlistig erwiesen. Er könnte sich wieder als hinterlistig erweisen.«
Lennart nickt stumm, und Noel greift sich ins Haar, setzt zum Sprechen an, lässt es dann aber.
Und jetzt sagt einen Moment niemand mehr etwas, und alle Augen richten sich auf eine Person. Sam.
Sie sitzt rechts außen im Kreis auf den Stufen. Sie hat die Knie angewinkelt und drückt sie gegen ihre Brust, das Kinn darauf abgelegt.
Die Sache schwebt unausgesprochen zwischen uns allen: Zwei sind für mich, zwei sind gegen mich. Es fehlt eine letzte Stimme.
Sam lässt die Knie sinken, streckt die Beine durch. Erst schaut sie eine ganze Weile auf die grauen Stufen, die vom Braun und Grün der hindurchgebrochenen Pflanzen gemasert sind. Dann sieht sie zu mir hoch.
Meine Wangen sind ganz heiß, meine Hände fühlen sich zittrig an. Ruhig bleiben, Lucas. Warten.
»Ich glaube ihm.« Sams Stimme ist fest, und ihr Gesicht bleibt hart, während sie das sagt. Doch ich muss mir jetzt richtig ein dämliches Lächeln verkneifen. Danke, Sam. Erleichterung strömt durch meinen Körper, kühlt mein erhitztes Blut.
»In Ordnung«, ergreift Noel das Wort und schaut in die Runde. »Dann haben wir eine Entscheidung getroffen, richtig?«
Kyara nickt, und Lennart zuckt mit den Schultern, seine Miene spitz zusammengekniffen.
»Wir sollten einen Plan aufstellen«, sagt Noel. »Was denkt ihr? Ich glaube, das Wichtigste derzeit ist, dass wir an eine Phönixträne kommen. Nur so haben wir eine Chance, den Thronfolger vor dem Brennenden König zu finden.«
Niemand widerspricht ihm, nur ich schaue ihn vollkommen verwirrt an, was er sofort bemerkt. »Wir müssen dir später noch alles ausführlich erklären, Lucas. Für den Moment musst du nur wissen: Wir brauchen unbedingt eine Phönixträne. Davon könnte alles abhängen. Und die einzige Träne, von der wir wissen, wo sie ist, befindet sich im Zepter des Brennenden Königs.«
Ich blase Luft durch den Mund, wie um meinen Kopf freizupusten. Thronfolger? Phönixtränen, um ihn zu finden? Es scheint wirklich eine Menge geschehen zu sein, seit ich geflohen bin.
Doch eins nach dem anderen, da kann ich Noel verstehen. Ich versuche, mich wieder zu sammeln.
Wir müssen ins Königshaus. Das steht also fest. Alles andere kommt dann hoffentlich später.
»Ich will ja jetzt nicht der Spielverderber sein«, sagt Melvin. »Aber wir sollten uns ein wenig beeilen. Garred könnte schon bald zurückkehren. Und je länger wir hier oben sind, desto größer ist das Risiko, dass unten in Ebene Drei doch etwas auffällt.«
»Garred?«, frage ich verwundert.
»Er ist der neue Totengräber«, sagt Melvin. »Ärgerlich. Der alte hätte uns vielleicht sogar in Ruhe gelassen.«
Ich sehe aus den Augenwinkeln, wie Sam kurz nickt, und über ihr Gesicht schleicht eine Gefühlsregung, die ich nicht einordnen kann. Angst? Schmerz? Oder ist es doch gar nichts?
Ich sehe nach oben zum Ausgang des Amphitheaters, wo der Nebel wie eine unruhige Kreatur lauert. Garred hat also den alten Totengräber ersetzt. Er ist es nun, der zu den Totenlichtern ausreitet, zu den Minenarbeitern, den Kräutersammlern, den Schwarzgewändlern und … ich halte inne.
Und zum Königshaus.
Mein Blick wandert über die fünf ernsten Gesichter. Melvin, Lennart, Noel, Kyara, Sam. Der neue Zirkel.
»Ich habe eine Idee«, sage ich.
Ich entriegele die Tür und betrete die kleine Ruhekammer.