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Alexandre Dumas

Die drei Musketiere

Illustrierte Fassung

Alexandre Dumas

Die drei Musketiere

Illustrierte Fassung

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2019
Illustrationen: Adolphe Gusman, Vivant Beaucé
Übersetzung: Karl August Christoph Friedrich Zoller, J. Schulze
2. Auflage, ISBN 978-3-954183-53-1

www.null-papier.de/dumas

null-papier.de/katalog

Inhaltsverzeichnis

Das Buch

Band 1

I – Die drei Ge­schen­ke von Herrn d’Ar­ta­gnans Va­ter.

II – Das Vor­zim­mer des Herrn von Tre­ville.

III – Die Au­di­enz.

IV – Die Schul­ter von Athos, das Wehr­ge­hän­ge von Por­thos und das Ta­schen­tuch von Ara­mis.

V – Die Mus­ke­tie­re des Kö­nigs und die Leib­wa­che des Herrn Kar­di­nals

VI – Sei­ne Ma­je­stät Kö­nig Lud­wig der Drei­zehn­te.

VII – Das Haus­we­sen der Mus­ke­tie­re.

VIII – Eine Hof-Int­ri­ge.

IX – D’Ar­ta­gnan zeigt sich in ei­nem ei­gen­tüm­li­chen Lich­te.

X – Eine Mau­se­fal­le im sieb­zehn­ten Jahr­hun­dert.

XI – Die Int­ri­ge schürzt sich.

XII – Ge­or­ge Vil­liers, Her­zog von Buck­ing­ham.

XIII – Herr Bo­nacieux.

XIV – Der Mann von Meung.

XV – Be­am­ter und Kriegs­mann.

XVI – Wo­rin der Herr Sie­gel­be­wah­rer Se­guier mehr­mals die Glo­cke such­te, um zu läu­ten, wie er auch sonst ge­tan.

XVII – Die Haus­hal­tung Bo­nacieux.

XVIII – Der Lieb­ha­ber und der Gat­te.

XIX – Feld­zugs­plan.

XX – Die Rei­se.

XXI – Die Grä­fin von Win­ter.

XXII – Das Bal­let der Mer­lai­son.

XXIII – Das Ren­dez­vous.

XXIV – Der Pa­vil­lon.

XXV – Por­thos.

XXVI – Die The­se von Ara­mis.

XXVII – Die Ma­da­me von Athos.

XXVIII – Rück­kehr.

Band 2

I – Die Equi­pie­rungs­jagd.

II – Myla­dy.

III – Eng­län­der und Fran­zo­sen.

VI – Ein Pro­ku­ra­tors­mahl.

V – Zofe und Ge­bie­te­rin.

VI – Wo­rin von der Equi­pie­rung von Ara­mis und Por­thos die Rede ist.

VII – Bei Nacht sind alle Kat­zen grau.

VIII – Ra­che­traum.

IX – Das Ge­heim­nis Myla­dys.

X – Athos, ohne sich die ge­rings­te Mühe zu ge­ben, sei­ne Equi­pie­rung fand.

XI – Eine hold­se­li­ge Er­schei­nung.

XII – Der Kar­di­nal.

XIII – Die Be­la­ge­rung von La Ro­chel­le.

XIV – An­jou-Wein.

XV – Die Wirt­schaft zum Ro­ten Tau­ben­schlag.

XVI – Von dem Nut­zen der Ofen­röh­ren.

XVII – Ehe­li­che Sze­ne.

XVIII – Die Bas­tei Saint Ger­vais.

XIX – Der Rat der Mus­ke­tie­re.

XX – Fa­mi­li­en-An­ge­le­gen­heit.

XXI – Wi­der­wär­tig­kei­ten.

XXII – Plau­de­rei ei­nes Bru­ders und ei­ner Schwes­ter.

XXIII – Of­fi­zier!

XXIV – Ers­ter Tag der Ge­fan­gen­schaft.

XXV – Zwei­ter Tag der Ge­fan­gen­schaft.

XXVI – Drit­ter Tag der Ge­fan­gen­schaft.

XXVII – Vier­ter Tag der Ge­fan­gen­schaft.

XXVIII – Fünf­ter Tag der Ge­fan­gen­schaft.

XXIX – Ein Vor­wurf zu ei­ner klas­si­schen Tra­gö­die.

XXX – Die Flucht.

XXXI – Was in Ports­mouth am 23. Au­gust 1628 vor­fiel.

XXXII – In Frank­reich.

XXXIII – Das Klos­ter der Kar­me­li­te­rin­nen in Bethu­ne.

XXXIV – Zwei Abar­ten von Teu­feln.

XXXV – Ein Trop­fen Was­ser.

XXXVI – Der Rot­man­tel.

XXXVII – Das Ge­richt.

XXXVIII – Die Hin­rich­tung.

XXXIX – Eine Bot­schaft des Kar­di­nals.

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Das Buch

Der be­kann­tes­te Ro­man Du­mas’ und ei­ner der ers­ten und be­lieb­tes­ten Aben­teu­er­ro­ma­ne der Li­te­ra­tur: Der jun­ge d’Ar­ta­gnan kommt 1624 nach Pa­ris um Mus­ke­tier, ein Leib­wäch­ter des Kö­nigs, zu wer­den. Statt des­sen schafft er es in sei­nem Un­ge­stüm, sich am Tage sei­ner An­kunft Duel­le mit drei Mus­ke­tie­ren ein­zu­han­deln; mit Athos, Por­thos und Ara­mis.

Der Rest ist, wie man so schön sagt, ge­schrie­be­ne Ge­schich­te: Statt sich zu du­el­lie­ren, freun­den sie sich an, müs­sen die Kö­ni­gin vor Int­ri­gen des arg­lis­ti­gen Kar­di­nals Ri­che­lieu be­wah­ren, das Ge­heim­nis der zwie­lich­ti­gen „Myla­dy“ auf­de­cken und zahl­lo­se Schar­müt­zel und Schlach­ten be­ste­hen.

Du­mas er­zählt atem­los, von Hö­he­punkt zu Hö­he­punkt ei­lend, aus­ge­schmückt mit ei­ner far­ben­präch­ti­gen Spra­che, so bunt und opu­lent wie das Zeit­al­ter des Ba­rock selbst. Vor dem his­to­ri­schen Hin­ter­grund der Epo­che Lud­wigs XIII. meint der Le­ser zum stil­len, „vier­ten Mus­ke­tier“ zu wer­den, der d’Ar­ta­gnan über die wehr­haf­te Schul­ter schaut.

Der aus his­to­ri­schen Tat­sa­chen und er­fun­de­nen Be­ge­ben­hei­ten ge­mix­te Stoff wur­de be­reits früh mehr­mals ver­filmt, kol­por­tiert und für Opern und Mu­si­cals ver­ar­bei­tet. Der Aus­druck „Ei­ner für alle, alle für einen“ fin­det hier sei­nen Ur­sprung.

Band 1

I – Die drei Geschenke von Herrn d’Artagnans Vater.

Am ers­ten Mon­tag des Mo­nats April 1625 schi­en der Markt­fle­cken Meung, wo der Ver­fas­ser des Ro­mans der Ro­se ge­bo­ren wur­de, in ei­nem so voll­stän­di­gen Aufruhr be­grif­fen zu sein, als ob die Hu­ge­not­ten ge­kom­men wä­ren, um ein zwei­tes Ro­chel­le dar­aus zu ma­chen. Meh­re­re Bür­ger be­eil­ten sich, als sie die Frau­en die Stra­ßen ent­lang flie­hen sa­hen und die Kin­der auf den Tür­schwel­len schrei­en hör­ten, den Küraß um­zu­schnal­len und, ihre et­was un­si­che­re Hal­tung durch eine Mus­ke­te oder eine Par­ti­sa­ne un­ter­stüt­zend, sich nach der Her­ber­ge zum Frei­mül­ler zu wen­den, vor der sich von Mi­nu­te zu Mi­nu­te an­wach­send eine lär­men­de, neu­gie­ri­ge, dich­te Grup­pe dräng­te.

Zu die­ser Zeit wa­ren die pa­ni­schen Schre­cken gar häu­fig, und we­ni­ge Tage ver­gin­gen, ohne dass eine oder an­de­re Stadt ir­gend ein Er­eig­nis die­ser Art in ihre Archi­ve ein­zu­tra­gen hat­te. Da gab es ade­li­ge Her­ren, wel­che un­ter sich Krieg führ­ten; da war der Kö­nig, der den Kar­di­nal be­krieg­te; da war der Spa­nier, der den Kö­nig be­krieg­te. Au­ßer die­sen stil­len oder öf­fent­li­chen, ge­hei­men oder ge­räusch­vol­len Krie­gen, gab es Die­be, Bett­ler, Hu­ge­not­ten, Wöl­fe und La­kai­en, wel­che mit al­ler Welt Krieg führ­ten. Die Bür­ger be­waff­ne­ten sich im­mer ge­gen die Die­be, ge­gen die Wöl­fe, ge­gen die La­kai­en; – häu­fig ge­gen die ade­li­gen Her­ren und die Hu­ge­not­ten; – zu­wei­len ge­gen den Kö­nig; – aber nie ge­gen den Kar­di­nal und den Spa­nier. In­fol­ge die­ser Ge­wohn­heit ge­sch­ah es, dass die Bür­ger an ge­nann­tem ers­tem Mon­tag des Mo­nats April 1625, als sie das Geräusche hör­ten und we­der die gelb und ro­ten Stan­dar­ten, noch die Li­vree des Her­zogs von Ri­che­lieu sa­hen, nach der Her­ber­ge zum Frei­mül­ler lie­fen.

Hier an­ge­langt, ver­moch­te je­der die Ur­sa­che die­ses Lärms zu er­schau­en und zu er­ken­nen.

Ein jun­ger Men­sch… ent­wer­fen wir sein Por­trät mit ei­nem Fe­der­zu­ge: man den­ke sich Don Qui­xo­te im acht­zehn­ten Jah­re; Don Qui­xo­te ohne Brust­stück, ohne Pan­zer­hemd und ohne Bein­schie­nen; Don Qui­xo­te in ei­nem Wamms, des­sen blaue Far­be sich in eine un­be­stimm­ba­re Nuan­ce von Wein­he­fe und Him­mel­blau ver­wan­delt hat­te. Lan­ges, brau­nes Ge­sicht, her­vor­sprin­gen­de Ba­cken­kno­chen, Zei­chen der Schlau­heit, au­ßer­or­dent­lich stark ent­wi­ckel­te Kie­fer­mus­keln, ein untrüg­li­ches Zei­chen, an dem der Gas­co­gner selbst ohne Ba­ret zu er­ken­nen ist, und un­ser jun­ger Mann trug ein mit ei­ner Art von Fe­der ver­zier­tes Ba­ret; das Auge of­fen und ge­scheit; die Nase ge­bo­gen, aber fein ge­zeich­net; zu groß für einen Jüng­ling, zu klein für einen ge­mach­ten Mann, und ein un­ge­üb­tes Äuge wür­de ihn für einen rei­sen­den Päch­ters­sohn ge­hal­ten ha­ben, hät­te er nicht den lan­gen De­gen ge­tra­gen, der an ei­nem le­der­nen Wehr­ge­hän­ge be­fes­tigt an die Wa­den sei­nes Ei­gen­tü­mers schlug, wenn er zu Fuß war, und an das raue Fell sei­nes Pfer­des, wenn er ritt.

Denn un­ser jun­ger Mann hat­te ein Pferd, und die­ses Ross war eben so merk­wür­dig, als es auch wirk­lich in die Au­gen fiel. Es war ein Klep­per aus dem Bearn, zwölf bis vier­zehn Jah­re alt, von gel­ber Far­be, ohne Haa­re am Schweif, aber nicht ohne Fes­sel­ge­schwü­re an den Bei­nen, ein Tier, das, wäh­rend es den Kopf im Ge­hen tiefer hielt, als die Knie, was die An­wen­dung des Sprun­g­rie­mens über­flüs­sig mach­te, mu­tig noch sei­ne acht Mei­len im Tage zu­rück­leg­te. Un­glück­li­cher­wei­se wa­ren die ge­hei­men Vor­zü­ge die­ses Pfer­des so gut un­ter sei­ner selt­sa­men Haut und un­ter sei­nem feh­ler­haf­ten Gan­ge ver­steckt, dass in ei­ner Zeit, wo sich je­der­mann auf Pfer­de ver­stand, die Er­schei­nung der ge­nann­ten Mäh­re in Meung, wo­selbst sie vor un­ge­fähr ei­ner Vier­tel­stun­de durch das Beau­gen­cy­tor ein­ge­trof­fen war, eine all­ge­mei­ne Sen­sa­ti­on her­vor­brach­te, de­ren Un­gunst bis auf den Rei­ter zu­rück­sprang.

Und die­se Sen­sa­ti­on war für den jun­gen d’Ar­ta­gnan (so hieß der Don Qui­xo­te die­ser zwei­ten Ro­zi­nan­te), umso pein­li­cher, als er sich die lä­cher­li­che Sei­te nicht ver­ber­gen konn­te, die ihm, ein so gu­ter Rei­ter er auch war, ein sol­ches Pferd gab. Es war ihm nicht un­be­kannt, dass die­ses Tier einen Wert von höchs­tens zwan­zig Li­vres hat­te; die Wor­te, von de­nen das Ge­schenk be­glei­tet wur­de, wa­ren al­ler­dings un­schätz­bar.

»Mein Sohn,« sag­te der gas­co­g­ni­sche Edel­mann in dem rei­nen Pa­tois des Bearn, von dem sich Hein­rich IV. nie hat­te los­ma­chen kön­nen, »mein Sohn, die­ses Pferd ist in dem Hau­se Dei­nes Va­ters vor bald drei­zehn Jah­ren ge­bo­ren, und seit die­ser Zeit hier ge­blie­ben, was Dich be­we­gen muss, das­sel­be zu lie­ben. Ver­kau­fe es nie, lass es ru­hig und eh­ren­voll an Al­ters­schwä­che ster­ben, und wenn Du einen Feld­zug mit ihm machst, so scho­ne es, wie Du einen al­ten Die­ner scho­nen wür­dest. Am Hofe,« fuhr d’Ar­ta­gnan’s Va­ter fort, »wenn Du die Ehre hast da­hin zu kom­men, eine Ehre, auf die wir üb­ri­gens ver­mö­ge un­se­res al­ten Adels An­spruch ma­chen dür­fen, hal­te wür­dig Dei­nen Na­men als Edel­mann auf­recht, der von un­sern Ah­nen seit fünf­hun­dert Jah­ren auf eine ruhm­volle Wei­se ge­führt wor­den ist, hal­te ihn auf­recht für Dich und für die Dei­ni­gen. Un­ter den Dei­ni­gen ver­ste­he ich Dei­ne Ver­wand­ten und Dei­ne Freun­de; dul­de nie et­was, au­ßer von dem Herrn Kar­di­nal und von dem Kö­nig. Durch sei­nen Mut, höre wohl, nur durch sei­nen Mut, macht ein Edel­mann heut zu Tage sein Glück. Wer eine Se­kun­de zit­tert, lässt sich viel­leicht den Kö­der ent­ge­hen, wel­chen ihm das Glück ge­ra­de wäh­rend die­ser Se­kun­de dar­reich­te. Du bist jung. Du musst aus zwei Grün­den tap­fer wer­den; ein­mal weil Du ein Gas­co­gner und dann weil Du mein Sohn bist. Fürch­te die Ge­le­gen­heit nicht und su­che die Aben­teu­er; ich habe Dich den De­gen hand­ha­ben ge­lehrt. Du be­sit­zest einen ei­ser­nen Knie­bug, eine stäh­ler­ne Hand­wur­zel; schla­ge Dich bei je­der Ver­an­las­sung; schla­ge Dich umso mehr, als Zwei­kämp­fe ver­bo­ten sind, und weil es des­halb ei­nes dop­pel­ten Mu­tes be­darf, sich zu schla­gen. Mein Sohn, ich habe Dir nur fünf­zehn Ta­ler, mein Pferd und die Ratschlä­ge zu ge­ben, die Du so eben ver­nom­men hast. Dei­ne Mut­ter wird das Re­zept zu ei­nem ge­wis­sen Bal­sam bei­fü­gen, das sie von ei­ner Zi­geu­ne­rin er­hal­ten hat, und das die wun­der­ba­re Kraft be­sitzt, jede Wun­de zu hei­len, die nicht ge­ra­de das Herz be­rührt. Zie­he aus al­lem Nut­zen, lebe glück­lich und lan­ge.

Ich habe nur ein Wort bei­zu­fü­gen. Ich will Dir ein Bei­spiel nen­nen, nicht das mei­ni­ge, denn ich bin nie bei Hof er­schie­nen und habe nur die Re­li­gi­ons­krie­ge als Frei­wil­li­ger mit­ge­macht: ich spre­che von Herrn von Tre­vil­le, der einst mein Nach­bar war und die Ehre hat­te, als Kind mit un­se­rem Kö­nig Lud­wig XIII., den Gott er­hal­ten möge, zu spie­len. Zu­wei­len ar­te­ten ihre Spie­le in Schlach­ten aus, und bei die­sen Schlach­ten war der Kö­nig nicht im­mer der Stär­ke­re. Die Schlä­ge, wel­che er er­hielt, flö­ßten ihm große Ach­tung und Freund­schaft für Herrn von Tre­ville ein. Spä­ter schlug sich Herr von Tre­ville fünf­mal wäh­rend sei­ner ers­ten Rei­se nach Pa­ris mit an­de­ren? vom Tode des se­li­gen Kö­nigs an bis zur Voll­jäh­rig­keit des jun­gen, ohne die Krie­ge und Be­la­ge­run­gen zu rech­nen, sie­ben­mal, und von die­ser Voll­jäh­rig­keit an bis auf den heu­ti­gen Tag hun­dert­mal! – Nun ist er, al­len Edik­ten, Or­don­nan­zen und Ur­teilss­prü­chen zum Trotz, Ka­pi­tän der Mus­ke­tie­re, d. h. An­füh­rer ei­ner Le­gi­on von Cäsa­ren, wel­che der Kö­nig sehr hoch ach­tet und der Kar­di­nal fürch­tet, der sich sonst be­kannt­lich vor nichts zu fürch­ten pflegt. Noch mehr, Herr von Tre­ville nimmt jähr­lich 10.000 Ta­ler ein; er ist also ein sehr vor­neh­mer Herr. – Er hat an­ge­fan­gen wie Du, be­su­che ihn mit die­sem Brie­fe und rich­te Dein Be­neh­men nach sei­nen Vor­schrif­ten ein, da­mit es Dir er­ge­he, wie ihm.«

Da­rauf gür­te­te Herr d’Ar­ta­gnan’s Va­ter dem Jüng­ling sei­nen ei­ge­nen De­gen um, küss­te ihn zärt­lich auf bei­de Wan­gen und gab ihm sei­nen Se­gen.

Das vä­ter­li­che Zim­mer ver­las­send, fand der jun­ge Mann sei­ne Mut­ter, wel­che ihn mit dem be­rühm­ten Re­zep­te er­war­te­te, zu des­sen häu­fi­ger An­wen­dung die so eben er­hal­te­nen Ratschlä­ge ihn nö­ti­gen soll­ten. Der Ab­schied war von die­ser Sei­te län­ger und zärt­li­cher als von der an­de­ren. Nicht als ob Herr d’Ar­ta­gnan sei­nen Sohn, der sein ein­zi­ger Spröß­ling war, nicht ge­liebt hät­te, aber Herr d’Ar­ta­gnan war ein Mann, und er hät­te es als ei­nes Man­nes un­wür­dig er­ach­tet, sich sei­ner Rüh­rung hin­zu­ge­ben, wäh­rend Ma­da­me d’Ar­ta­gnan Weib und über­dies Mut­ter war. Sie wein­te schreck­lich, und wir müs­sen es Herrn d’Ar­ta­gnan zum Lob nach­sa­gen, dass er sich trotz sei­ner An­stren­gun­gen, ru­hig zu blei­ben, wie es die Pf­licht ei­nes zu­künf­ti­gen Mus­ke­tiers war, von der Na­tur hin­rei­ßen ließ und eine Men­ge Trä­nen ver­goss, von de­nen er nur mit großer Mühe die Hälf­te ver­ber­gen konn­te.

Am sel­ben Tage be­gab sich der jun­ge Mann auf den Weg, aus­ge­rüs­tet mit den drei vä­ter­li­chen Ge­schen­ken, wel­che, wie ge­sagt, aus fünf­zehn Ta­lern, dem Pfer­de und dem Brie­fe an Herrn von Tre­ville be­stan­den; die Ratschlä­ge wa­ren, wie man sich wohl den­ken kann, in den Kauf ge­ge­ben wor­den. Mit ei­nem sol­chen Va­de­me­cum er­schi­en d’Ar­ta­gnan in mo­ra­li­scher, wie in phy­si­scher Be­zie­hung als eine ge­treue Ko­pie des Hel­den von Cer­van­tes, mit dem wir ihn so glück­lich ver­gli­chen, als wir uns durch un­se­re Ge­schicht­schrei­ber­pflich­ten ver­an­lasst sa­hen, sein Bild zu ent­wer­fen. Don Qui­xo­te hielt die Wind­müh­len für Rie­sen und die Scha­fe für Ar­meen, d’Ar­ta­gnan nahm je­des Lä­cheln für eine Be­lei­di­gung und je­den Blick für eine Her­aus­for­de­rung. Dem­zu­fol­ge hielt er sei­ne Faust von Tar­bes bis Meung ge­schlos­sen und fuhr we­nigs­tens zehn­mal des Tags an sei­nen De­gen­knopf; die Faust traf in­des­sen kei­nen Kinn­ba­cken und der De­gen kam nicht aus der Schei­de. Nicht als ob der An­blick der un­glück­se­li­gen gel­ben Mäh­re nicht oft­mals ein Lä­cheln auf den Ge­sich­tern der Vor­über­ge­hen­den her­vor­ge­ru­fen hät­te, aber da über dem Klep­per ein De­gen von ach­tungs­wer­ter Grö­ße klirr­te und über die­sem De­gen ein mehr wil­des als stol­zes Auge glänz­te, so un­ter­drück­ten die Vor­über­ge­hen­den ihre Hei­ter­keit, oder wenn die­se Hei­ter­keit mäch­ti­ger wur­de, als die Klug­heit, so such­ten sie we­nigs­tens, wie die an­ti­ken Mas­ken, nur auf ei­ner Sei­te zu la­chen; d’Ar­ta­gnan blieb also ma­je­stä­tisch und un­ver­letzt in sei­ner Emp­find­lich­keit bis zu dem un­se­li­gen Städt­chen Meung.

Hier aber, als er an der Türe des Frei­mül­lers vom Pferd stieg, ohne dass ir­gend­je­mand, Wirt, Kell­ner oder Haus­knecht er­schi­en, um ihm den Steig­bü­gel am Auf­tritt zu hal­ten, er­blick­te d’Ar­ta­gnan an ei­nem halb­ge­öff­ne­ten Fens­ter des Erd­ge­schos­ses einen Edel­mann von schö­ner Ge­stalt und vor­neh­mem Aus­se­hen mit leicht ge­run­zel­tem Ge­sicht, der mit zwei Per­so­nen sprach, wel­che ihm mit großer Un­ter­tä­nig­keit zu­zu­hö­ren schie­nen. D’Ar­ta­gnan glaub­te ganz na­tür­lich, sei­ner Ge­wohn­heit ge­mäß, der Ge­gen­stand des Ge­sprä­ches zu sein, und horch­te. Dies­mal hat­te sich d’Ar­ta­gnan nur zur Hälf­te ge­täuscht; es war zwar nicht von ihm die Rede, aber von sei­nem Pfer­de, des­sen Ei­gen­schaf­ten der Edel­mann sei­nen Zu­hö­rern auf­zähl­te, und da die­se Zu­hö­rer, wie ge­sagt, große Ehr­furcht vor dem Er­zäh­ler zu he­gen schie­nen, so bra­chen sie je­den Au­gen­blick in ein neu­es schal­len­des Ge­läch­ter aus. Da nun ein hal­b­es Lä­cheln hin­reich­te, um den jun­gen Mann zum Zor­ne zu rei­zen, so be­greift man leicht, wel­chen Ein­druck eine so ge­räusch­vol­le Hei­ter­keit auf ihn her­vor­brin­gen muss­te.

D’Ar­ta­gnan woll­te sich je­doch vor­erst über die Phy­sio­gno­mie1 des Fre­chen be­leh­ren, der es wag­te, sich über ihn lus­tig zu ma­chen. Er hef­te­te sei­nen Blick voll Stolz auf den Frem­den und er­kann­te in ihm einen Mann von vier­zig bis fünf­und­vier­zig Jah­ren, mit schwar­zen, durch­drin­gen­den Au­gen, blei­cher Ge­sichts­far­be, stark her­vor­tre­ten­der Nase und schwar­zem, voll­kom­men zu­ge­stutz­tem Schnurr­bart; der­sel­be trug ein Wamms und veil­chen­blaue Bein­klei­der mit Schnür­nes­teln von ähn­li­cher Far­be. Die­ses Wamms und die­se Bein­klei­der schie­nen, ob­wohl neu, doch zer­knit­tert, wie lan­ge in ei­nem Man­tel­sack ein­ge­schlos­se­ne Rei­se­klei­der. D’Ar­ta­gnan mach­te alle sei­ne Be­mer­kun­gen mit der Ge­schwin­dig­keit des schärfs­ten Beo­b­ach­ters und ohne Zwei­fel von ei­nem in­stinkt­ar­ti­gen Ge­fühl an­ge­trie­ben, das ihm sag­te, die­ser Frem­de müs­se einen großen Ein­fluss auf sein zu­künf­ti­ges Le­ben aus­üben.

Da nun in dem Mo­ment, wo d’Ar­ta­gnan sein Auge auf den Edel­mann mit der veil­chen­blau­en Hose hef­te­te, die­ser Herr eine sei­ner ge­lehr­tes­ten und gründ­lichs­ten Er­läu­te­run­gen in Be­zug der be­ar­ni­schen Mäh­re zum Bes­ten gab, so bra­chen sei­ne Zu­hö­rer in ein schal­len­des Ge­läch­ter aus, und er selbst ließ au­gen­schein­lich ge­gen sei­ne Ge­wohn­heit ein blei­ches Lä­cheln, wenn man so sa­gen darf, über sein Ant­litz schwe­ben. Dies­mal konn­te kein Zwei­fel ent­ste­hen, d’Ar­ta­gnan war wirk­lich be­lei­digt. Er­füllt von die­ser Über­zeu­gung, drück­te er sein Ba­ret tief in die Au­gen und rück­te, in­dem er sich Mühe gab, ei­ni­ge von den Hof­mie­nen nach­zuah­men, die er in der Gas­co­gne bei rei­sen­den vor­neh­men Her­ren auf­ge­fan­gen hat­te, eine Hand auf das Stich­blatt sei­nes De­gens, die an­de­re auf die Hüf­te ge­stützt, vor. Lei­der ver­blen­de­te ihn der Zorn im­mer mehr, je wei­ter er vor­schritt, und statt ei­ner wür­di­gen stol­zen Rede, die er im Stil­len zu ei­ner Her­aus­for­de­rung vor­be­rei­tet hat­te, fand er auf sei­ner Zun­gen­spit­ze nichts mehr, als eine plum­pe Grob­heit, die er mit ei­ner wü­ten­den Ge­bär­de be­glei­te­te.

»He, mein Herr,« rief er, »mein Herr, der Ihr Euch hin­ter je­nem La­den ver­bergt, ja Ihr, sagt mir doch ein we­nig, über wen Ihr lacht, dann wol­len wir ge­mein­schaft­lich la­chen.«

Der Edel­mann rich­te­te lang­sam die Au­gen von dem Pfer­de auf den Rei­ter, als ob er ei­ni­ger Zeit be­dürf­te, um zu be­grei­fen, dass so selt­sa­me Wor­te an ihn ge­spro­chen wur­den; da ihm so­dann kein Zwei­fel mehr üb­rig blieb, so run­zel­te er leicht die Stir­ne, und ant­wor­te­te nach ei­ner ziem­lich lan­gen Pau­se mit ei­nem un­be­schreib­li­chen Aus­druck von Spott und Keck­heit:

»Ich spre­che nicht mit Euch.«

»Aber ich spre­che mit Euch,« rief der jun­ge Mann, ganz au­ßer sich über die­se Mi­schung von Frech­heit und gu­ten Ma­nie­ren, von An­stand und Ver­ach­tung.

Der Un­be­kann­te be­trach­te­te ihn noch einen Au­gen­blick mit sei­nem leich­ten Lä­cheln und zog sich lang­sam vom Fens­ter zu­rück, ging dann aus dem Wirts­hau­se, nä­her­te sich d’Ar­ta­gnan bis auf zwei Schrit­te und blieb vor dem Pfer­de ste­hen. Sei­ne ru­hi­ge Hal­tung und sei­ne spöt­ti­sche Mie­ne hat­ten die Hei­ter­keit der­je­ni­gen ver­mehrt, mit de­nen er plau­der­te, und die am Fens­ter ge­blie­ben wa­ren. Als d’Ar­ta­gnan ihn auf sich zu­kom­men sah, zog er sei­nen De­gen einen Fuß lang aus der Schei­de.

»Die­ses Pferd ist of­fen­bar oder war viel­mehr in sei­ner Ju­gend ein Gold­fuchs,« sprach der Un­be­kann­te, wäh­rend er in den be­gon­ne­nen Un­ter­su­chun­gen fort­fuhr, und wand­te sich da­bei an sei­ne Zu­hö­rer am Fens­ter, ohne dass er die Er­bit­te­rung d’Ar­ta­gnan’s im Ge­rings­ten zu be­ach­ten schi­en. »Es ist eine in der Bo­ta­nik sehr be­kann­te, aber bis jetzt bei den Pfer­den sehr sel­te­ne Far­be.«

»Wer über das Pferd lacht,« rief der Ne­ben­buh­ler Tre­vil­le’s wü­tend, »wür­de es nicht wa­gen, über den Herrn zu la­chen.«

»Ich la­che nicht oft, mein Herr,« er­wi­der­te der Un­be­kann­te, »wie Ihr selbst an mei­nen Ge­sichts­zü­gen wahr­neh­men könnt, aber ich möch­te mir doch ger­ne das Recht wah­ren, zu la­chen, so oft es mir be­liebt.«

»Und ich,« rief d’Ar­ta­gnan, »ich will nicht, dass ir­gend­je­mand über mich la­che, wenn es mir miss­fällt.«

»Wirk­lich, mein Herr?« er­wi­der­te der Un­be­kann­te, ru­hi­ger als je, »nun denn, das ist nicht mehr als bil­lig.«

Und auf sei­nen Fer­sen sich dre­hend, schick­te er sich an, durch das große Tor in das Gast­haus zu­rück­zu­keh­ren, wo d’Ar­ta­gnan ein völ­lig ge­sat­tel­tes Pferd wahr­ge­nom­men hat­te.

Aber d’Ar­ta­gnan be­saß nicht den Cha­rak­ter, mit dem es ihm mög­lich ge­we­sen wäre, einen Men­schen los­zu­las­sen, der die Frech­heit ge­habt hat­te, über ihn zu spot­ten. Er zog sei­nen De­gen vollends aus der Schei­de und fuhr fort, sei­nen Streit zu ver­fol­gen.

»Um­ge­dreht, mein Herr Spöt­ter, da­mit ich Euch nicht auf den Rücken schla­ge.«

»Mich schla­gen, mich?« sag­te der an­de­re, sich auf den Fer­sen um­dre­hend, und schau­te den jun­gen Mann mit eben so großer Ver­wun­de­rung als Ver­ach­tung an. »Geht, mein Lie­ber, Ihr seid ein Narr!« Dann fuhr er mit lei­ser Stim­me und als ob er mit sich selbst sprä­che, fort: »Das ist är­ger­lich; welch ein Fund für Sei­ne Ma­je­stät, wel­che über­all nach Leu­ten sucht, um die Mus­ke­tie­re zu re­kru­tie­ren.«

Er hat­te kaum vollen­det, als d’Ar­ta­gnan mit sei­ner De­gen­spit­ze einen so wü­ten­den Stoß nach ihm führ­te, dass er, ohne einen sehr ra­schen Sprung rück­wärts, wahr­schein­lich zum letz­ten Mal ge­scherzt hät­te. Der Un­be­kann­te sah jetzt, dass die Sa­che über den Spaß hin­aus­ging; er zog sei­nen De­gen, be­grüß­te sei­nen Geg­ner und nahm eine Fechter­stel­lung ein. Aber in dem­sel­ben Au­gen­blick fie­len sei­ne zwei Zu­hö­rer in Beglei­tung des Wir­tes mit Stö­cken, Schau­feln und Feu­er­zan­gen über d’Ar­ta­gnan her. Dies gab dem An­griff eine so ra­sche und voll­stän­di­ge Di­ver­si­on, dass d’Ar­ta­gnan’s Geg­ner, wäh­rend sich die­ser um­wand­te, um einen Ha­gel von Schlä­gen ab­zu­weh­ren, sei­nen De­gen mit der größ­ten Ge­las­sen­heit ein­steck­te und aus ei­nem dar­stel­len­den Mit­glied, das er bei­na­he ge­wor­den wäre, wie­der Zuschau­er des Kamp­fes wur­de, – eine Rol­le, de­ren er sich mit sei­ner ge­wöhn­li­chen Un­emp­find­lich­keit ent­le­dig­te. Nichts­de­sto­we­ni­ger mur­mel­te er durch die Zäh­ne:

»Die Pest über alle Gas­co­gner! Setzt ihn wie­der auf sein oran­ge­far­bi­ges Pferd, er mag zum Teu­fel ge­hen.«

»Nicht ohne Dich ge­tö­tet zu ha­ben, Feig­ling!« rief d’Ar­ta­gnan, wäh­rend er sich so gut als mög­lich und ohne einen Schritt zu­rück­zu­wei­chen ge­gen sei­ne drei Fein­de, die ihn mit Schlä­gen über­häuf­ten, zur Weh­re setz­te.

»Aber­mals eine Gas­con­na­de«, mur­mel­te der Edel­mann. »Bei mei­ner Ehre, die­se Gas­co­gner sind un­ver­bes­ser­lich! Setzt also den Tanz fort, da er es durch­aus ha­ben will. Wenn er ein­mal müde ist, wird er schon sa­gen, es sei ge­nug.«

Aber der Un­be­kann­te wuss­te noch nicht, mit was für ei­nem hart­nä­cki­gen Men­schen er es zu tun hat­te; d’Ar­ta­gnan war nicht der Mann, der Gna­de ge­for­dert hät­te. Der Kampf dau­er­te also noch ei­ni­ge Se­kun­den fort, doch end­lich ließ d’Ar­ta­gnan er­schöpft sei­nen De­gen fah­ren, den ein Schlag mit ei­ner Heu­ga­bel ent­zwei brach. Ein an­de­rer Schlag, wel­cher sei­ne Stir­ne traf, schmet­ter­te ihn bei­na­he zu der­sel­ben Zeit blu­tend und fast ohn­mäch­tig nie­der. In die­sem Au­gen­blick ka­men von al­len Sei­ten Leu­te auf den Schau­platz ge­lau­fen, der Wirt fürch­te­te ein är­ger­li­ches Auf­se­hen und trug den Ver­wun­de­ten mit Hil­fe ei­ni­ger Kell­ner in die Kü­che, wo man ihm Pfle­ge an­ge­dei­hen ließ.

Der Edel­mann aber hat­te sei­nen frü­he­ren Platz am Fens­ter wie­der ein­ge­nom­men und be­trach­te­te mit ei­ner ge­wis­sen Un­ge­duld die um­her­ste­hen­de Men­ge, de­ren Ver­wei­len ihm sehr är­ger­lich zu sein schi­en.

»Nun! wie geht es dem Wü­ten­den?« sag­te er, in­dem er sich bei dem durch das Öff­nen der Türe ver­ur­sach­ten Geräusch um­kehr­te und an den Wirt wand­te, der sich nach des­sen Be­fin­den er­kun­digt hat­te. – »Ew. Ex­zel­lenz ist ge­sund und wohl­be­hal­ten?« frag­te der Wirt. – »Ja, voll­kom­men wohl und ge­sund, mein lie­ber Wirt, und ich fra­ge Euch, was aus un­se­rem jun­gen Men­schen ge­wor­den ist?« – »Es geht bes­ser mit ihm,« er­wi­der­te der Wirt: »er ist in Ohn­macht ge­fal­len.« – »Wirk­lich?« sprach der Edel­mann.

»Doch ehe er in Ohn­macht fiel, raff­te er alle sei­ne Kräf­te zu­sam­men, rief nach Euch und for­der­te Euch her­aus.« – »Die­ser Bur­sche ist also der leib­haf­ti­ge Teu­fel!« rief der Un­be­kann­te. – »O nein, Ew. Ex­zel­lenz, es ist kein Teu­fel,« ent­geg­ne­te der Wirt mit ei­ner ver­ächt­li­chen Gri­mas­se, »denn wäh­rend sei­ner Ohn­macht ha­ben wir ihn durch­sucht und in sei­nem Päck­chen nicht mehr als ein Hemd, in sei­ner Bör­se nicht mehr als zwölf Ta­ler ge­fun­den, was ihn je­doch nicht ab­hielt, kurz be­vor er in Ohn­macht fiel, zu be­mer­ken, wenn der­glei­chen in Pa­ris ge­sche­hen wäre, so müss­tet Ihr dies so­gleich be­reu­en, wäh­rend Ihr es hier erst spä­ter be­reu­en wür­det.« – »Dann ist er ir­gend ein ver­klei­de­ter Prinz von Ge­blüt,« sag­te der Un­be­kann­te kalt. – »Ich tei­le Euch dies mit, gnä­di­ger Herr,« ver­setz­te der Wirt, »da­mit Ihr auf Eu­rer Hut sein mö­get.« – »Und er hat nie­mand in sei­nem Zorn ge­nannt?« – »Al­ler­dings, er schlug an sei­ne Ta­sche und sag­te: ›Wir wol­len se­hen, was Herr von Tre­ville zu der Be­lei­di­gung sa­gen wird, die sei­nem Schütz­ling wi­der­fah­ren ist.‹« – »Herr von Tre­ville?« sprach der Un­be­kann­te mit stei­gen­der Auf­merk­sam­keit; »er schlug an sei­ne Ta­sche, wäh­rend er den Na­men des Herrn von Tre­ville aus­sprach?… Hört, mein lie­ber Wirt, in­des Euer jun­ger Mann in Ohn­macht lag, habt Ihr si­cher­lich nicht ver­säumt, ein we­nig in die­se Ta­sche zu schau­en. Was fand sich dar­in?« – »Ein Brief, mit der Adres­se des Herrn von Tre­ville, Ka­pi­täns der Mus­ke­tie­re.« – »Wirk­lich?« – »Es ist, wie ich Ew. Ex­zel­lenz zu sa­gen die Ehre habe.«

Der Wirt, wel­cher eben nicht mit über­großem Scharf­sinn be­gabt war, ge­wahr­te den Aus­druck nicht, den sei­ne Wor­te auf dem Ge­sich­te des Un­be­kann­ten her­vor­rie­fen. Die­ser ent­fern­te sich von dem Ge­sim­se des Kreuz­stocks, auf das er sich bis jetzt mit dem Ell­bo­gen ge­stützt hat­te, und fal­te­te die Stir­ne, wie ein Mensch, den et­was be­un­ru­higt.

»Teu­fel!« mur­mel­te er zwi­schen den Zäh­nen, »soll­te mir Tre­ville die­sen Gas­co­gner ge­schickt ha­ben? Er ist noch sehr jung! Aber ein De­gen­stich bleibt ein De­gen­stich, wel­ches Al­ter auch sein Spen­der ha­ben mag, und man nimmt sich vor ei­nem jun­gen Bür­sch­chen we­ni­ger in Acht, als vor an­de­ren Leu­ten; Zu­wei­len ge­nügt ein schwa­ches Hin­der­nis, um ei­nem großen Plan in den Weg zu tre­ten.«

Und der Un­be­kann­te ver­sank in ein Nach­den­ken, das ei­ni­ge Mi­nu­ten währ­te.

»Hört ein­mal, Wirt,« sag­te er, »wer­det Ihr mich nicht von die­sem Wü­ten­den be­frei­en? Ich kann ihn mit gu­tem Ge­wis­sen nicht tö­ten, und den­noch,« füg­te er mit ei­nem kalt dro­hen­den Aus­dru­cke bei, »ist er mir un­be­quem. Wo ver­weilt er?« – »Im ers­ten Stock in der Stu­be mei­ner Frau, wo man ihn ver­bin­det.« – »Hat er Klei­dungs­stücke und sei­ne Ta­sche bei sich? Er hat sein Wamms nicht aus­ge­zo­gen?« – »Al­les dies blieb im Ge­gen­teil un­ten in der Kü­che. Aber wenn Euch die­ser jun­ge Laf­fe un­be­quem ist…?«

»Ge­wiss. Er ver­an­lasst in Eu­rem Gast­haus ein Är­ger­nis, das ehr­li­che Leu­te nicht aus­hal­ten kön­nen. Geht hin­auf, macht mei­ne Rech­nung und be­nach­rich­tigt mei­nen La­kai­en.« – »Wie! gnä­di­ger Herr, Ihr ver­las­set uns schon?« – »Ihr konn­tet es dar­aus se­hen, dass ich Euch Be­fehl ge­ge­ben hat­te, mein Pferd zu sat­teln. Hat man mir nicht Fol­ge ge­leis­tet?« – »Al­ler­dings, und das Pferd steht völ­lig auf­ge­zäumt un­ter dem großen Tor, wie Ew. Ex­zel­lenz selbst hat se­hen kön­nen.« – »Das ist gut. Tut, was ich Euch ge­sagt habe.«

»Oh weh!« sprach der Wirt zu sich selbst; »soll­te er vor dem klei­nen Jun­gen ban­ge ha­ben?«

Aber ein ge­bie­te­ri­scher Blick des Un­be­kann­ten mach­te sei­nen Ge­dan­ken rasch ein Ende. Er ver­beug­te sich de­mü­tig und ging ab.

»Myla­dy soll die­sen Bur­schen nicht ge­wahr wer­den,« fuhr der Frem­de fort; »sie muss bald kom­men; sie bleibt schon all­zu­lan­ge aus. Of­fen­bar ist es bes­ser, wenn ich zu Pfer­de stei­ge und ihr ent­ge­gen­rei­te… Könn­te ich nur er­fah­ren, was die­ser Brief an Tre­ville ent­hält!« Und un­ter fort­wäh­ren­dem Mur­meln wand­te sich der Frem­de nach der Kü­che.

In­zwi­schen war der Wirt, der nicht dar­an zwei­fel­te, dass die Ge­gen­wart des jun­gen Men­schen den Un­be­kann­ten aus sei­ner Her­ber­ge trei­be, zu sei­ner Frau hin­auf­ge­gan­gen und hat­te d’Ar­ta­gnan hier wie­der ge­fun­den. Er mach­te ihm be­greif­lich, die Po­li­zei könn­te ihm einen schlim­men Streich spie­len, da er mit ei­nem vor­neh­men Herrn Streit an­ge­fan­gen habe, denn nach der Mei­nung des Wir­tes konn­te der Un­be­kann­te nur ein vor­neh­mer Herr sein, und er ver­an­lass­te ihn, trotz sei­ner Schwä­che auf­zu­ste­hen und sei­nen Weg fort­zu­set­zen. Halb be­täubt, ohne Wamms und den Kopf mit Lein­wand um­wi­ckelt, stand d’Ar­ta­gnan auf und ging, vom Wir­te ge­drängt, die Trep­pe hin­ab; aber als er in die Kü­che kam, war das ers­te, was er be­merk­te, sein Geg­ner, der am Fuß­tritt ei­ner schwe­ren, mit zwei plum­pen nor­man­ni­schen Pfer­den be­spann­ten Ka­ros­se ru­hig plau­der­te.

Die Frau, mit der er sprach, war eine Frau von zwan­zig bis zwei­und­zwan­zig Jah­ren, de­ren Kopf in den Kut­schen­schlag ein­ge­rahmt schi­en. Wir ha­ben be­reits er­wähnt, mit wel­cher Rasch­heit d’Ar­ta­gnan eine Phy­sio­gno­mie auf­zu­fas­sen wuss­te; er sah also auf den ers­ten Blick, dass die Frau jung und hübsch war. Die­se Schön­heit fiel ihm umso mehr auf, als sie eine in den süd­li­chen Ge­gen­den, wel­che d’Ar­ta­gnan bis jetzt be­wohnt hat­te, ganz frem­de Er­schei­nung war. Es war eine Blon­di­ne mit lan­gen, auf die Schul­tern her­ab­fal­len­den Lo­cken, großen, schmach­ten­den, blau­en Au­gen, ro­si­gen Lip­pen und Ala­bas­ter­hän­den; sie sprach sehr leb­haft mit dem Un­be­kann­ten.

»Also be­fiehlt mir Sei­ne Emi­nenz…« sag­te die Dame. – »So­gleich nach Eng­land zu­rück­zu­keh­ren und sie zu be­nach­rich­ti­gen, ob der Her­zog Lon­don ver­las­sen hat.« – »Und was mei­ne üb­ri­gen In­struk­tio­nen be­trifft?…« frag­te die schö­ne Rei­sen­de. – »Sie sind in die­ser Kap­sel ent­hal­ten, wel­che Ihr erst jen­seits des Kanals öff­nen dür­fet.« – »Sehr wohl; und Ihr, was macht Ihr?« – »Ich keh­re nach Pa­ris zu­rück.«

»Ohne das fre­che Bür­sch­chen zu züch­ti­gen?« frag­te die Dame.

Der Un­be­kann­te war im Be­griff zu ant­wor­ten, aber in dem Au­gen­blick, wo er den Mund öff­ne­te, sprang d’Ar­ta­gnan, der al­les ge­hört hat­te, auf die Tür­schwel­le.

»Das fre­che Bür­sch­chen züch­tigt an­de­re,« rief er, »und ich hof­fe, dass der­je­ni­ge, wel­chen er zu züch­ti­gen hat, ihm dies­mal nicht ent­kom­men wird, wie das ers­te­mal.«

»Nicht ent­kom­men wird?« ent­geg­ne­te der Un­be­kann­te, die Stir­ne fal­tend.

»Nein, vor ei­ner Dame, den­ke ich, wer­det Ihr nicht zu flie­hen wa­gen.«

»Be­denkt,« rief Myla­dy, als sie sah, dass der Edel­mann die Hand an den De­gen leg­te, »be­denkt, dass die ge­rings­te Zö­ge­rung al­les ver­der­ben kann.«

»Ihr habt recht,« rief der Edel­mann, »reist also Eu­rer­seits, ich tue des­glei­chen.«

Und in­dem er der Dame mit dem Kopf zu­nick­te, sprang er zu Pfer­de, wäh­rend der Kut­scher der Ka­ros­se sein Ge­spann kräf­tig mit der Peit­sche an­trieb. Die zwei Spre­chen­den ent­fern­ten sich also im Ga­lopp, je­des in ei­ner ent­ge­gen­ge­setz­ten Rich­tung der Stra­ße.

»Heda! Eure Rech­nung,« schrie der Wirt, des­sen Er­ge­ben­heit für den Rei­sen­den sich in tie­fe Ver­ach­tung ver­wan­del­te, als er sah, dass er ab­ging, ohne sei­ne Ze­che zu be­zah­len.

»Be­zah­le, Sch­lin­gel,« rief der Rei­sen­de stets ga­lop­pie­rend sei­nem Be­dien­ten zu, der dem Wirt ein Paar Geld­stücke vor die Füße warf und dann ei­ligst sei­nem Herrn nach­ga­lop­pier­te.

»Ha, Feig­ling, ha, Elen­der, ha, falscher Edel­mann!« rief d’Ar­ta­gnan und lief dem Be­dien­ten nach.

Aber der Ver­wun­de­te war noch zu schwach, um eine sol­che Er­schüt­te­rung aus­zu­hal­ten. Kaum hat­te er zehn Schrit­te ge­macht, so klan­gen ihm die Ohren, er sah nichts mehr, eine Blut­wol­ke zog über sei­ne Au­gen hin und er stürz­te un­ter dem be­stän­di­gen Ge­schrei: »Feig­ling! Feig­ling! Feig­ling!« auf die Stra­ße nie­der.

»Er ist in der Tat sehr feig!« mur­mel­te der Wirt, in­dem er sich d’Ar­ta­gnan nä­her­te und sich durch die­se Schmei­che­lei mit dem ar­men Jun­gen zu ver­söh­nen such­te, wie der Held in der Fa­bel mit sei­ner Schne­cke.

»Ja, sehr feig,« sag­te d’Ar­ta­gnan mit schwa­cher Stim­me, »aber sie ist sehr schön.«

»Wer sie?« frag­te der Wirt.

»Myla­dy,« stam­mel­te d’Ar­ta­gnan und fiel zum zwei­ten Mal in Ohn­macht.

»Gleich viel,« sprach der Wirt, »es bleibt mir doch die­ser da, den ich si­cher­lich ei­ni­ge Tage be­hal­ten wer­de. Da las­sen sich im­mer­hin elf Ta­ler ver­die­nen.«

Man weiß be­reits, dass sich der In­halt von d’Ar­ta­gnans Bör­se ge­ra­de auf elf Ta­ler be­lief.

Der Wirt hat­te auf elf Tage Krank­heit den Tag zu ei­nem Ta­ler ge­rech­net; aber er hat­te die Rech­nung ohne sei­nen Rei­sen­den ge­macht. Am an­de­ren Mor­gen stand d’Ar­ta­gnan schon um fünf Uhr auf, ging in die Kü­che hin­ab, ver­lang­te au­ßer ei­ni­gen an­de­ren In­gre­di­en­zi­en, de­ren Lis­te uns nicht zu­ge­kom­men ist, Wein, Öl, Ros­ma­rin, und be­rei­te­te sich, das Re­zept sei­ner Mut­ter in der Hand, einen Bal­sam, mit dem er sei­ne zahl­rei­chen Wun­den salb­te; dann er­neu­er­te er sei­ne Kom­pres­sen selbst und woll­te kei­ne ärzt­li­che Hil­fe­leis­tung ge­stat­ten. Der Wirk­sam­keit des Zi­geu­ner­bal­sams und ohne Zwei­fel auch ein we­nig der Ab­we­sen­heit je­des Arz­tes hat­te es d’Ar­ta­gnan zu dan­ken, dass er schon an dem­sel­ben Abend wie­der auf den Bei­nen und am an­de­ren Tag bei­na­he völ­lig ge­heilt war.

In dem Au­gen­blick aber, als er den Ros­ma­rin, das Öl und den Wein be­zah­len woll­te – die ein­zi­ge Aus­ga­be des Herrn, der stren­ge Diät hielt, wäh­rend das gel­be Ross, we­nigs­tens nach der Aus­sa­ge des Wir­tes, drei­mal so viel ge­fres­sen hat­te, als sich ver­nünf­ti­ger­wei­se bei sei­ner Ge­stalt vor­aus­set­zen ließ – fand d’Ar­ta­gnan m sei­ner Ta­sche nur noch sei­ne klei­ne Samt­bör­se, so­wie die elf Ta­ler, wel­che sie ent­hielt; je­doch der Brief an Herrn von Tre­ville war ver­schwun­den.

Der jun­ge Mann such­te an­fangs die­sen Brief mit großer Ge­duld, dreh­te sei­ne Ta­schen um und um, durch­wühl­te sei­nen Man­tel­sack, öff­ne­te und schloss sei­ne Bör­se wie­der und wie­der, als er aber die Über­zeu­gung ge­won­nen hat­te, dass der Brief nicht mehr zu fin­den war, ge­riet er in einen drit­ten An­fall von Wut, der ihn leicht zu ei­nem neu­en Ver­brauch von aro­ma­ti­schem Wein und Öl ver­an­las­sen konn­te; denn als man sah, dass die­ser jun­ge Brau­se­kopf sich er­hitz­te und droh­te, er wer­de al­les im Hau­se kurz und klein schla­gen, wenn man sei­nen Brief nicht fin­de, da er­griff der Wirt einen Spieß, sei­ne Frau einen Be­senstiel, und sein Auf­wär­ter nahm von den­sel­ben Stö­cken, wel­che zwei Tage vor­her be­nützt wor­den wa­ren.

»Mei­nen Emp­feh­lungs­brief,« schrie d’Ar­ta­gnan, »mei­nen Emp­feh­lungs­brief, oder ich spie­ße Euch alle wie Or­to­la­ne.«

D’Artagnan

Un­glück­li­cher­wei­se trat ein Um­stand der Aus­füh­rung sei­ner Dro­hung in den Weg; sein De­gen war er­wähn­ter­ma­ßen beim ers­ten Kampf in zwei Stücke zer­bro­chen wor­den, was er völ­lig ver­ges­sen hat­te. Als d’Ar­ta­gnan wirk­lich vom Le­der zie­hen woll­te, sah er sich ganz ein­fach mit ei­nem De­gen­stump­fe von acht bis zehn Zoll be­waff­net, den der Wirt sorg­fäl­tig wie­der in die Schei­de ge­steckt hat­te. Den üb­ri­gen Teil der Klin­ge hat­te der Herr der Her­ber­ge ge­schickt auf die Sei­te ge­bracht, um sich einen Brat­spieß dar­aus zu ma­chen.

Die­se Ent­täu­schung dürf­te wohl un­sern jäh­zor­ni­gen jun­gen Mann nicht zu­rück­ge­hal­ten ha­ben, aber der Wirt be­dach­te, dass die For­de­rung, die sein Rei­sen­der an ihn stell­te, eine völ­lig ge­rech­te war.

»In der Tat,« sprach er und senk­te da­bei sei­nen Spieß, »wo ist der Brief?«

»Wo ist die­ser Brief?« rief d’Ar­ta­gnan. »Ich sage Euch vor al­lem, dass die­ser Brief für Herrn von Tre­ville be­stimmt ist, und dass er sich wie­der­fin­den muss; ist dies nicht der Fall, so wird Er schon ma­chen, dass er ge­fun­den wird!«

Die­se Dro­hung schüch­ter­te den Wirt vollends ein. Nach dem Kö­nig und dem Herrn Kar­di­nal war Herr von Tre­ville der­je­ni­ge Mann, des­sen Na­men viel­leicht am öf­tes­ten von den Mi­li­tär­en und so­gar von den Bür­gern wie­der­holt wur­de. Wohl war noch der Pa­ter Jo­seph vor­han­den, aber sein Name wur­de im­mer nur ganz lei­se aus­ge­spro­chen, so groß war der Schre­cken, den die graue Emi­nenz ein­flö­ßte, wie man den Ver­trau­ten des Kar­di­nals nann­te.

Er warf also sei­nen Spieß weit von sich, be­fahl sei­ner Frau, das­sel­be mit ih­rem Be­senstiel zu tun, und sei­nen Die­nern, ihre Stö­cke weg­zu­le­gen; dann ging er mit gu­tem Bei­spiel vor­an und be­gann nach dem ver­lo­re­nen Brief zu su­chen.

»Ent­hielt die­ser Brief et­was Wert­vol­les?« sag­te der Wirt, nach­dem er einen Au­gen­blick frucht­los ge­sucht hat­te. – »Hei­li­ger Gott, ich glau­be es wohl!« er­wi­der­te der Gas­co­gner, der mit Hil­fe die­ses Schrei­bens sei­nen Weg zu ma­chen hoff­te, »er ent­hielt mein Glück.« – »An­wei­sun­gen auf Spa­ni­en?« frag­te der Wirt un­ru­hig. – »An­wei­sun­gen auf den Pri­vatschatz Sei­ner Ma­je­stät,« er­wi­der­te d’Ar­ta­gnan, der dar­auf zähl­te, er wer­de durch die­se Emp­feh­lung in den Dienst des Kö­nigs auf­ge­nom­men wer­den, und des­halb ohne zu lü­gen die­se et­was ke­cke Ant­wort ge­ben zu kön­nen glaub­te.

»Teu­fel!« rief der Wirt ganz in Verzweif­lung.

»Aber dar­an liegt nichts,« fuhr d’Ar­ta­gnan mit ganz na­tio­na­ler Dreis­tig­keit fort, »dar­an liegt nichts, das Geld kommt gar nicht in Be­tracht; der Brief war al­les. Ich hät­te lie­ber tau­send Pis­to­len ver­lo­ren, als die­sen Brief.«

Er wür­de nicht mehr ge­wagt ha­ben, wenn er zwan­zig tau­send ge­sagt hät­te, aber eine ge­wis­se ju­gend­li­che Schüch­tern­heit hielt ihn zu­rück.

Ein Licht­strahl durch­drang plötz­lich den Geist des Wir­tes, der von ei­nem ent­setz­li­chen Grau­en be­fal­len wur­de, als er nichts fand.

»Die­ser Brief ist durch­aus nicht ver­lo­ren,« rief er.

»Ah!« seufz­te d’Ar­ta­gnan. – »Nein, er ist Euch ge­stoh­len wor­den.« – »Ge­stoh­len! und von wem?« – »Von dem Edel­mann von ges­tern. Er ist in die Kü­che hin­ab­ge­gan­gen, wo Euer Wamms lag, und da­selbst al­lein ge­blie­ben. Ich woll­te wet­ten, dass er ihn ge­stoh­len hat.«

»Ihr glaubt?« er­wi­der­te d’Ar­ta­gnan nicht sehr über­zeugt, denn er kann­te den ganz per­sön­li­chen Be­lang die­ses Brie­fes und sah nichts da­bei, was einen an­de­ren nach dem Be­sitz des­sel­ben hät­te lüs­tern ma­chen kön­nen. Kei­ner von den Die­nern, kei­ner von den an­we­sen­den Gas­ten wür­de et­was da­mit ge­won­nen ha­ben, wenn er sich das Pa­pier zu­ge­eig­net hät­te.

»Ihr sagt also,« ver­setz­te d’Ar­ta­gnan, »Ihr ha­bet die­sen fre­chen Edel­mann im Ver­dacht?«

»Ich sage, dass ich voll­kom­men hier­von über­zeugt bin,« fuhr der Wirt fort; »als ich ihm mit­teil­te, Ew. Herr­lich­keit sei ein Schütz­ling des Herrn von Tre­ville, und Ihr hät­tet so­gar einen Brief an die­sen er­lauch­ten Herrn, da schi­en er sehr un­ru­hig zu wer­den und frag­te mich, wo die­ser Brief sei; dann ging er so­gleich in die Kü­che hin­ab, weil er wuss­te, dass Euer Wamms dort lag.«

»Dann ist er mein Dieb,« sag­te d’Ar­ta­gnan, »ich wer­de mich bei Herrn von Tre­ville dar­über be­kla­gen, und Herr von Tre­ville wird sich beim Kö­nig be­kla­gen.« So­fort zog er ma­je­stä­tisch zwei Ta­ler aus sei­ner Ta­sche, gab sie dem Wirt, der ihn mit dem Hut in der Hand bis vor die Türe be­glei­te­te, und be­stieg wie­der sein gel­bes Ross, das ihn ohne wei­te­ren Un­fall bis zu der Por­te Saint-An­to­i­ne in Pa­ris trug, wo es der Ei­gen­tü­mer um drei Ta­ler ver­kauf­te, was sehr gut be­zahlt war, da d’Ar­ta­gnan es auf dem letz­ten Marsch be­deu­tend über­trie­ben hat­te. Der Ross­kamm, wel­chem d’Ar­ta­gnan die Mäh­re ge­gen er­wähn­te neun Li­vres ab­trat, ver­barg auch dem jun­gen Mann kei­nes­wegs, dass er die­se au­ßer­or­dent­li­che Sum­me nur we­gen der ori­gi­nel­len Far­be des Tie­res be­zah­le.

D’Ar­ta­gnan hielt also zu Fuß sei­nen Ein­zug in Pa­ris, trug sein Päck­chen un­ter dem Arm und mar­schier­te so lan­ge um­her, bis er eine Stu­be zu mie­ten fand, die der Ge­ring­fü­gig­keit sei­ner Mit­tel ent­sprach. Die­se Stu­be war eine Art von Man­sar­de und lag in der Rue de Fos­soy­eurs in der Nähe des Lu­xem­burg.

So­bald d’Ar­ta­gnan die Mie­te be­zahlt hat­te, nahm er Be­sitz von sei­ner Woh­nung und brach­te den üb­ri­gen Teil des Ta­ges da­mit hin, dass er an sein Wamms und an sei­ne St­rümp­fe Po­sa­men­ten an­näh­te, die sei­ne Mut­ter von ei­nem bei­na­he neu­en Wamm­se des Herrn d’Ar­ta­gnan’s Va­ters ab­ge­trennt und ihm ins­ge­heim zu­ge­steckt hat­te. Dann ging er auf den Quai de la Fer­rail­le, um eine neue Klin­ge in sei­nen De­gen ma­chen zu las­sen, hier­auf nach dem Lou­vre und er­kun­dig­te sich bei dem ers­ten Mus­ke­tier, dem er be­geg­ne­te, nach dem Ho­tel des Herrn von Tre­ville, wel­ches in der Rue du Vieux-Co­lom­bier lag, das heißt, ganz in der Nähe der Woh­nung, wel­che d’Ar­ta­gnan ge­mie­tet hat­te – ein Um­stand, der ihm als ein glück­li­ches Vor­zei­chen für den Er­folg sei­ner Rei­se er­schi­en.

Zufrie­den mit der Art und Wei­se, wie er sich in Meung be­nom­men hat­te, ohne Ge­wis­sens­bis­se we­gen der Ver­gan­gen­heit, voll Ver­trau­en aus die Ge­gen­wart, voll Hoff­nung für die Zu­kunft, leg­te er sich hier­auf nie­der und schlief den Schlaf des Ge­rech­ten.

Die­ser noch ganz pro­vinz­mä­ßi­ge Schlaf währ­te bis zur neun­ten Stun­de des Mor­gens, wo er auf­stand, um sich zu dem be­rühm­ten Herrn von Tre­ville, der drit­ten Per­son des Rei­ches nach der vä­ter­li­chen Schät­zung, zu be­ge­ben.


  1. Die äu­ße­re Er­schei­nung von Le­be­we­sen, ins­be­son­de­re des Men­schen und hier spe­zi­ell die für einen Men­schen cha­rak­te­ris­ti­schen Ge­sichts­zü­ge.  <<<

II – Das Vorzimmer des Herrn von Treville.

Herr von Trois­ville, wie sei­ne Fa­mi­lie in der Gas­co­gne noch hieß, oder Herr von Tre­ville, wie er sich selbst am Ende in Pa­ris nann­te, hat­te wirk­lich ge­ra­de wie d’Ar­ta­gnan an­ge­fan­gen, näm­lich ohne einen Sou Gel­des­wert, aber mit je­nem Grund­stock von Kühn­heit, Geist und Aus­dau­er, worin der ärms­te gas­co­g­ni­sche Kraut­jun­ker mehr an Hoff­nun­gen zum vä­ter­li­chen Erb­teil er­hält, als der reichs­te Edel­mann des Pe­rigord oder Ber­ry in Wirk­lich­keit emp­fängt. Sein ke­cker Mut und sein noch viel ke­cke­res Glück in ei­ner Zeit, wo die Schlä­ge wie Ha­gel fie­len, hat­ten ihn auf die Höhe der schwer er­klimm­ba­ren Lei­ter ge­ho­ben, die man Hof­gunst nennt, und de­ren Stu­fen er vier und vier auf ein­mal er­stie­gen hat­te.

Er war der Freund des Kö­nigs, der, wie je­der­mann weiß, das An­den­ken sei­nes Va­ters Hein­rich IV. sehr in Ehren hielt. Der Va­ter des Herrn von Tre­ville hat­te ihm in sei­nen Krie­gen ge­gen die Ligue so treu ge­dient, dass er ihm in Er­man­ge­lung von ba­rem Geld – eine Sa­che, die dem Bear­ner sein gan­zes Le­ben lang ab­ging, denn er be­zahl­te sei­ne Schul­den stets mit dem ein­zi­gen Ding, das er nicht zu ent­leh­nen brauch­te, mit Witz – dass ihm in Er­man­ge­lung von ba­rem Geld, sa­gen wir, nach der Über­ga­be von Pa­ris die Voll­macht ver­lieh, als Wap­pen ei­nes gol­de­nen Lö­wen im ro­ten Fel­de mit dem Wahl­spruch: fi­de­lis et for­tis zu füh­ren; das war viel in Be­zug auf Ehre, aber mit­tel­mä­ßig in Be­zug auf Ver­mö­gen. Als der be­rühm­te Ge­fähr­te des großen Hein­rich starb, hin­ter­ließ er also sei­nem Herrn Sohn als ein­zi­ges Erbe nur sei­nen De­gen und sei­nen Wahl­spruch. Die­ser dop­pel­ten Gabe und dem fle­cken­lo­sen Na­men, von dem sie be­glei­tet war, hat­te Herr von Tre­ville sei­ne Auf­nah­me un­ter die Haus­trup­pen des jun­gen Fürs­ten zu ver­dan­ken, wo er sich so gut sei­nes Schwer­tes be­dien­te, und sei­ner De­vi­se so treu war, dass Lud­wig XIII., ei­ner der bes­ten De­gen sei­nes Kö­nig­reichs, zu sa­gen pfleg­te, wenn er einen Freund hät­te, der sich schla­gen woll­te, so wür­de er ihm den Rat ge­ben, zum Se­kun­dan­ten zu­erst ihn selbst und dann Herrn von Tre­ville oder so­gar viel­leicht die­sen vor ihm zu neh­men.

Lud­wig XIII. heg­te eine wah­re An­häng­lich­keit an Tre­ville, eine kö­nig­li­che An­häng­lich­keit, eine selbst­süch­ti­ge An­häng­lich­keit al­ler­dings, dar­um aber nicht min­der eine An­häng­lich­keit. In die­ser un­glück­li­chen Zeit streb­te man mit al­ler Macht da­nach, sich mit Män­nern von dem Schla­ge Tre­vil­le’s zu um­ge­ben. Vie­le konn­ten sich den Bein­amen for­tis ge­ben, der die zwei­te Hälf­te sei­ner De­vi­se bil­de­te, aber we­ni­ge Edel­leu­te hat­ten An­spruch dar­auf, sich fi­de­lis zu nen­nen, wie der ers­te Teil hieß. Tre­ville ge­hör­te zu den letz­te­ren; er war eine von den sel­te­nen Or­ga­ni­sa­tio­nen mit dem ge­hor­chen­den Ver­stan­de des Hun­des, dem blin­den Mut, dem ra­schen Auge, der schnel­len Hand, ein Mann, dem das Auge nur ge­ge­ben schi­en, um zu se­hen, ob der Kö­nig mit je­mand un­zu­frie­den war, und die­sen je­mand, einen Bes­me, einen Mau­re­vers, einen Pol­trot von Meré, einen Vitry nie­der­zu­schla­gen. Tre­ville hat­te bis jetzt nur die Ge­le­gen­heit ge­fehlt, aber er lau­er­te dar­auf, er hat­te sich ge­lobt, sie beim Schop­fe zu fas­sen, so­bald sie in den Be­reich sei­ner Hand käme. Lud­wig XIII. mach­te Tre­ville zum Ka­pi­tän sei­ner Mus­ke­tie­re, wel­che in Be­zug auf Er­ge­ben­heit oder viel­mehr auf Fa­na­tis­mus für ihn das­sel­be wa­ren, was die schot­ti­sche Leib­wa­che für Lud­wig XI. und die Or­di­nären für Hein­rich III.

Der Kar­di­nal sei­ner Sei­te blieb in die­ser Be­zie­hung nicht hin­ter dem Kö­nig zu­rück. Als die­ser zwei­te oder viel­mehr ers­te Kö­nig von Frank­reich die furcht­ba­re Eile wahr­nahm, mit der sich Lud­wig XIII. sei­ne Um­ge­bung schuf, woll­te er eben­falls sei­ne Leib­wa­che ha­ben. Er hat­te also sei­ne Mus­ke­tie­re, wie Lud­wig XIII. und man sah die­sen mäch­ti­gen Ne­ben­buh­ler in al­len Pro­vin­zen Frank­reichs und so­gar in aus­wär­ti­gen Staa­ten die be­rühm­tes­ten Kampf­häh­ne aus­he­ben. Lud­wig XIII. und Ri­che­lieu strit­ten sich auch oft, wenn sie abends eine Par­tie Schach spiel­ten, über die Ver­diens­te ih­rer An­hän­ger. Je­der lob­te den Mut und die Hal­tung der sei­ni­gen, und wäh­rend sie sich laut ge­gen Zwei­kämp­fe und Hän­del aus­spra­chen, sta­chel­ten sie die­sel­ben ganz in der Stil­le ge­gen­ein­an­der auf, und das Un­ter­lie­gen oder der Sieg ih­rer Leu­te be­rei­te­te ih­nen wah­ren Kum­mer oder eine maß­lo­se Freu­de. So er­zäh­len we­nigs­tens die Me­moi­ren ei­nes Man­nes, der bei ei­ni­gen die­ser Nie­der­la­gen und bei vie­len von die­sen Sie­gen be­tei­ligt war.

Tre­ville hat­te sei­nen Herrn bei der schwa­chen Sei­te ge­fasst, und die­ser Ge­schick­lich­keit ver­dank­te er die lan­ge und be­stän­di­ge Gunst ei­nes Kö­nigs, der nicht den Ruf großer Treue in sei­nen Freund­schaf­ten hin­ter­las­sen hat. Mit ei­nem ver­schmitz­ten Lä­cheln ließ er sei­ne Mus­ke­tie­re vor dem Kar­di­nal Ar­mand Dup­les­sis pa­ra­die­ren, wo­bei sich die Haa­re im Schnurr­bart Sr. Emi­nenz vor Zorn sträub­ten. Tre­ville ver­stand sich vor­treff­lich auf den Krieg die­ser Zeit, wo man, wenn man nicht auf Kos­ten des Fein­des le­ben konn­te, auf Kos­ten sei­ner Lands­leu­te leb­te; sei­ne Sol­da­ten bil­de­ten eine ge­gen je­der­mann, nur ge­gen ihn nicht, un­bot­mä­ßi­ge Le­gi­on le­ben­di­ger Teu­fel.

Hals und Brust ent­blö­ßt, be­trun­ken, ver­brei­te­ten sich die Mus­ke­tie­re des Kö­nigs, oder viel­mehr des Herrn von Tre­ville, in den Schen­ken, auf den Spa­zier­gän­gen, bei den öf­fent­li­chen Spie­len, schri­en, stri­chen ih­ren Schnurr­bart, lie­ßen ihre De­gen klir­ren, ver­setz­ten aus lau­ter Mut­wil­len den Leib­wa­chen des Herrn Kar­di­nals Rip­pen­stö­ße und zo­gen un­ter tau­sen­der­lei Scher­zen am hel­len Tag auf of­fe­ner Stra­ße vom Le­der; sie wur­den zu­wei­len ge­tö­tet, aber sie wuss­ten ge­wiss, dass man sie in die­sem Fal­le be­wein­te und räch­te; zu­wei­len tö­te­ten sie, aber sie wuss­ten eben­so ge­wiss, dass sie nicht im Ge­fäng­nis zu ver­schim­meln hat­ten, denn Herr von Tre­ville war da, um sie zu­rück­zu­for­dern. Das Lob­lied des Herrn von Tre­ville wur­de auch in al­len Ton­ar­ten von die­sen Leu­ten ge­sun­gen, die den Sa­tan nicht fürch­te­ten, aber vor ihm zit­ter­ten, wie Schü­ler vor ih­rem Leh­rer, sei­nem ge­rings­ten Wor­te ge­horch­ten und stets be­reit wa­ren, sich tö­ten zu las­sen, um einen Vor­wurf ab­zu­wa­schen.

Herr von Tre­ville hat­te sich An­fangs die­ses mäch­ti­gen He­bels für den Kö­nig und die Freun­de des Kö­nigs – dann für sich selbst und für sei­ne Freun­de be­dient. Üb­ri­gens fin­det man in kei­nem Me­moi­ren­werk die­ser Zeit, wel­che so vie­le Me­moi­ren hin­ter­las­sen hat, dass die­ser wür­di­ge Edel­mann, selbst nicht ein­mal von sei­nen Fein­den – und er hat­te de­ren so vie­le un­ter den Leu­ten von der Fe­der, als un­ter de­nen vom De­gen – nir­gends, sa­gen wir, fin­det man, dass die­ser wür­di­ge Edel­mann an­ge­klagt wor­den wäre, er habe sich für die Mit­wir­kung sei­ner Seï­den be­zah­len las­sen. Bei ei­nem sel­te­nen Ta­lent für Int­ri­gen, das ihn auf die­sel­be Stu­fe mit den stärks­ten Int­ri­gan­ten stell­te, war er ein ehr­li­cher Mann ge­blie­ben. Noch mehr, trotz der großen Stoß­de­gen, wel­che len­den­lahm ma­chen, und der an­ge­streng­ten Übun­gen, wel­che er­mü­den, war er ei­ner der ga­lan­tes­ten Bou­doir­läu­fer, ei­ner der feins­ten Jung­fern­knech­te, ei­ner der ge­wür­felts­ten Schön­red­ner sei­ner Zeit ge­wor­den; man sprach von Tre­vil­le’s Lie­bes­glück, wie man zwan­zig Jah­re frü­her von Bas­som­pi­er­re ge­spro­chen hat­te, und das woll­te viel sa­gen. Der Ka­pi­tän war also be­wun­dert, ge­fürch­tet und ge­liebt, und dies bil­det wohl den Hö­he­punkt mensch­li­cher Glücks­um­stän­de.

Lud­wig XIV. ver­schlang alle klei­nen Gestir­ne sei­nes Ho­fes in sei­ner wei­ten Auss­trah­lung, aber sein Va­ter, eine Son­ne plu­ri­bus im­par, ließ je­dem sei­ner Günst­lin­ge sei­nen per­sön­li­chen Glanz, je­dem sei­ner Höf­lin­ge sei­nen ei­gen­tüm­li­chen Wert. Au­ßer dem Le­ver des Kö­nigs und dem des Kar­di­nals zähl­te man da­mals in Pa­ris mehr als zwei­hun­dert ei­ni­ger­ma­ßen be­such­te Le­vers. Un­ter den zwei­hun­dert klei­nen Le­vers war das von Tre­ville ei­nes von den­je­ni­gen, zu wel­chen man sich am meis­ten dräng­te.

Der Hof sei­nes in der Rue du Vieux-Co­lom­bier ge­le­ge­nen Ho­tels glich ei­nem La­ger, und dies von mor­gens sechs Uhr im Som­mer und von acht Uhr im Win­ter. Fünf­zig oder sech­zig Mus­ke­tie­re, wel­che sich hier ab­zu­lö­sen schie­nen, um stets eine im­po­san­te Zahl dar­zu­stel­len, gin­gen be­stän­dig in völ­li­ger Kriegs­rüs­tung und zu je­dem Tun be­reit um­her. Auf ei­ner der großen Trep­pen, auf de­ren Raum un­se­re mo­der­ne Zi­vi­li­sa­ti­on ein gan­zes Ge­bäu­de er­rich­ten wür­de, stie­gen die Bitt­stel­ler von Pa­ris aus und ab, die ir­gend eine Gunst zu er­ha­schen such­ten; fer­ner die Edel­leu­te aus der Pro­vinz, de­ren höchs­ter Wunsch war, ins Korps auf­ge­nom­men zu wer­den, und die in al­len Far­ben ver­bräm­ten La­kai­en, die an Herrn von Tre­ville die Bot­schaf­ten ih­rer Ge­bie­ter über­brach­ten. In den Vor­zim­mern ruh­ten auf lan­gen, kreis­för­mi­gen Bän­ken die Au­ser­wähl­ten, das heißt die­je­ni­gen, wel­che be­ru­fen wa­ren. Das Ge­sum­me dau­er­te vom Mor­gen bis zum Abend, wäh­rend Herrn von Tre­ville in sei­nem an die­ses Vor­zim­mer sto­ßen­den Ka­bi­net Be­su­che emp­fing, Kla­gen an­hör­te, sei­ne Be­feh­le er­teil­te und, wie der Kö­nig auf sei­nem Bal­kon im Lou­vre, sich nur an das Fens­ter zu stel­len hat­te, um Men­schen und Waf­fen Re­vue pas­sie­ren zu las­sen.

Den Tag, an wel­chem d’Ar­ta­gnan sich hier ein­fand, war die Ver­samm­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­