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Originalausgabe

9. Auflage 2020

© 2010 by riva Verlag, ein Imprint der FinanzBuch Verlag GmbH

Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
 

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Redaktion: Michael Gösele, München

Umschlaggestaltung: Moritz Röder, München

Umschlagabbildung: stockxpert

Satz: Manfred Zech, Landsberg am Lech

EPUB: Grafikstudio Foerster, Belgern
 

ISBN Print: 978-3-86883-064-4
ISBN E-Book (PDF) 978-3-86413-080-9
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-86413-005-2
 

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Dieses Buch ist all denen gewidmet,
deren Geschichten hier erzählt werden.

Inhalt

  1. Spielbericht – Die verhängnisvolle Schlagzeile
  2. Aufwärmprogramm – Das erste Mal Gewalt
  3. Mannschaftsaufstellung – Blue Army Bielefeld
  4. Anpfiff – Als Hooligan zur Polizei
  5. Probetraining – Ein klassischer Knock-out
  6. Freistoß – Die Mauer in Berlin fällt
  7. Angriff – Das Ende einer Rocker-Gang
  8. Abwehrschlacht – Der Polizeikessel von Edenkoben
  9. Kantersieg – Eine verhängnisvolle Begegnung
  10. Zeugwart – Zwei Koffer zu viel
  11. Länderspiel – England verliert im Elfmeterschießen
  12. Spieltaktik – Über Jäger und Gejagte
  13. Halbzeitpause – Rinnesaufen auf der Reeperbahn
  14. Der Unparteiische – Der Türsteher im Trenchcoat
  15. Auswärtsbegegnung – Bürgerkrieg in Bremen
  16. Foul – Wenn Autonome in der Küche sitzen
  17. Seitenwechsel – Ein Dealer muss büßen
  18. Blutgrätsche – Showdown auf Mallorca
  19. Ergänzungsspieler – Ein Gewalttäter Sport
  20. Videobeweis – Aufstiegsfeier mit Nebenkriegsschauplätzen
  21. Gelbe Karte – Ein Polizist vor dem Platzverweis
  22. Rote Karte – Im Namen des Volkes
  23. Nachspielzeit – Das zerstörerische Grinsen
  24. Schlusspfiff – Gebrandmarkt für immer
  25. Spielanalyse – Das Leben danach

Bildteil

Ich danke

1.
Spielbericht –
Die verhängnisvolle Schlagzeile

Dienstag, 5. November 1996

Die Nachtschicht wollte nicht enden. Es war gerade 04:15 Uhr und es passierte mal wieder nichts. Keine Einsätze, keine Notrufe – nur quälende Langeweile. Noch zwei Stunden bis zum Dienstende. Und noch zwei Stunden bis zum lästigen Dienstabschlussbier. Morgens um kurz nach 6 Uhr! Das gehörte dazu. Wer nicht mittrinken wollte, galt als Außenseiter. Das Ganze fand jeden Morgen im Partyraum unserer Dienststelle statt. Ein Partyraum in gut deutscher Gemütlichkeit. Eckbänke, überzogen mit muffigen Bezügen oder abgewetzten Sitzkissen. Deutsche Beamtengeselligkeit bei Bier und frischen Brötchen im Morgengrauen. Holzgetäfelte Wände, Polizeiwappen, Pokale, schummrige Beleuchtung aus Lampenschirmen, die von dem dicken Qualm der Zigaretten gelblich braun von der Decke hingen.

Der Biervorrat stammte von einem Unternehmen, das mit uns Polizisten gute Umsätze machte. Jede Stadt hat unzählige Abschleppfirmen und Autowerkstätten. Aber die Polizei ruft bei Pannen oder Unfällen immer nur eine an. Und die dankt die lukrativen Schleppfahrten und Reparaturaufträge mit vollen Kühlschränken. Bier, Spezi, Cola – es war wie immer alles da. Und jeder Polizist wusste, wo er seinen Privatwagen günstig warten lassen konnte …

Diese lustige Frühstücksrunde verließ man als junger Polizist erst, wenn ein Dienstältester den Anfang machte. Neulinge sollten diese Polizeitradition nicht durchbrechen, sonst hätten sie verloren. Auch wenn sie nach einer langen Nacht gerne ins Bett wollten. Aufgebrochen wurde erst, wenn sich die Runde nach drei oder vier Absacker-Bieren langsam auflöste. Erst dann fuhren die Hüter über Recht und Ordnung nach Hause. Promillegrenzen gab es in diesem Raum keine. Wer nicht kontrolliert wurde, hatte auch nicht zu viel getrunken und Polizisten überprüften keine Polizisten. Das war schon immer so.

Seit acht Monaten war ich nun in Bielefeld im Dienst. Nach acht Jahren beim Bundesgrenzschutz, der Landespolizei Nordrhein-Westfalen und bei der Bereitschaftspolizei in Wuppertal und in der Nähe von Dortmund wurde ich in meine Heimatstadt versetzt. In die Polizeiinspektion Süd. Streifendienst. Eigentlich der Traum vieler Polizisten: eine Stelle in der Heimat. Da, wo man aufgewachsen ist, wo man jeden kennt und von jedem gekannt wird. Oder auch anerkannt.

Da war ich also. Eine alte Dienststelle mit 15 Mann. Eine reine Altherrenwelt – gestört nur von einer jungen Kollegin und von mir. Verjüngung nannte man so etwas wohl. Oder auch Ruhestörung für die, die schon seit 15 Jahren und länger hier auf Streife gingen. Zwei junge Polizisten, die beim Dienstabschluss morgens um 6 Uhr allenfalls Malzbier trinken wollten. Und dann auch noch eine Frau, wegen der man die Pin-ups von den Wänden hängen musste.

Diese Nachtschicht wollte wieder nicht zu Ende gehen. Es war gerade mal 04:30. Müde und gelangweilt schaute ich bei der Doppelkopfrunde vorbei, obwohl mir dieses Spiel gerade um diese Tageszeit eher fremd war. Bis es endlich an der Wachtür klingelte. Der erste Lichtblick seit Stunden in dieser Ödnis – die frisch gedruckten Tageszeitungen.

Mein Kollege Rolf saß über dem Westfalen-Blatt. Rolf war zu jener Zeit ein Kollege, den ich sehr schätzte und respektierte, schließlich war er sieben Jahre beim SEK, dem Spezialeinsatzkommando, bei dem ich gerade eine Bewerbung laufen hatte. Was er aus seiner SEK-Zeit erzählte, klang nach Abenteuer. Und nach Actionfilm. Eine völlig andere Welt als die der Polizeiinspektion Süd. Spannender als alles, was man hier im Streifendienst erleben konnte. Sturmhauben, Maschinenpistolen, gefährliche Einsätze – das war das SEK und da wollte ich hin. Für das SEK wäre ich sogar bereit gewesen, mein Leben zu ändern. Wenn es mit meiner Bewerbung endlich klappen würde.

Rolf sah mich mit einem durchdringenden Blick an: »Wie alt bist du jetzt?«, fragte er. Ich? Wie alt? Was soll die Frage um diese Uhrzeit, dachte ich, ohne etwas zu ahnen. »Bist du nicht 26?«, bohrte er weiter.

»Wenn du es sowieso weißt, was fragst du dann?«

»Lies das hier!«, flüsterte er mir zu und zeigte mit seinem Finger auf die aufgeschlagene Zeitungsseite. »Polizeibeamter ist Fußball-Hooligan«, stand da. In großen Buchstaben. Die Schlagzeile. Polizist – Hooligan – Bielefeld – 26 Jahre. Die meinten mich. Das war meine Geschichte. Um Gottes willen.

Mir wurde auf der Stelle übel. Es war wie ein Schlag in die Magengrube. In derselben Sekunde verschwamm alles um mich herum. Das Gemurmel meiner Kollegen beim Kartenspiel, die verbrauchte Luft, die Töne aus dem Funkgerät – alles wurde blass und verzerrt. Mein Herz raste wie verrückt. Cool bleiben. Lies den Artikel, Schubert, und tu so, als wüsstest du von nichts, versuchte ich mir einzureden. Diese Schmierfinken von der Zeitung! Diese Scheiß-Bürokraten im Polizeipräsidium! Die wollten es mir also tatsächlich besorgen. Acht Jahre lang hatten die mich nicht erwischt und sie würden es auch jetzt nicht schaffen. Oder doch? Meine Gedanken überschlugen sich im Sekundentakt.

Mit mir hatte keiner gesprochen. Kein Vorgesetzter hatte mich zur Rede gestellt. Was sollte das also? Woher wusste dieser Journalist von der Sache? Wie kam der zu seinen Informationen? Wollten die mich rausekeln? Hintenherum? Nicht von Mann zu Mann, sondern ganz perfide über die Medien? Was in diesem Text stand, stimmte sogar. Irgendwie. Aber ich würde kämpfen. So schnell würde ich mich nicht kleinkriegen lassen. Ich nicht!

Ich versuchte, ruhiger zu werden. »Das ist ja ein Ding«, sagte ich – wie in Trance, als zöge mir jemand den Boden unter den Füßen weg. Rolf schaute mich nur an. Wortlos fragend und enttäuscht zog er die Zeitung wieder vor sich auf den Tisch und starrte ins Leere.

Acht Jahre lang konnte mir niemand etwas anhaben. Acht Jahre lang hatte ich im Polizeidienst für Recht und Ordnung gesorgt und in meiner Freizeit als Fußball-Hooligan Nasenbeine und Kieferknochen unzähliger Menschen gebrochen, aber ich wurde bis dahin nie erwischt. Kein Eintrag in der Personalakte, keine Strafanzeige, keine Verurteilung. Gut, es kamen im Laufe der Zeit sechs Ermittlungsverfahren zusammen und das war schon eine ordentliche Anzahl. Aber alle blieben ohne Erfolg. Bewiesen konnte nie etwas werden. Dazu gab es bestimmt noch ein gutes Dutzend Verfahren, bei denen ich als Täter nicht ermittelt werden konnte, aber darüber wusste nur ich Bescheid. Und ein paar meiner Jungs. Die konnten schweigen. Warum also sollte mich mein Glück plötzlich verlassen?

2.
Aufwärmprogramm
Das erste Mal Gewalt

Der Tod kam drei Mal, als ich gerade einmal 13 Jahre alt war. Innerhalb von nur sechs Monaten verlor ich drei Menschen, die mir nahestanden. Zuerst starb mein Vater an Krebs. Mein Vater, mit dem ich als kleiner Junge zum ersten Mal auf die Bielefelder Alm gegangen war und der mich nach der Scheidung meiner Eltern regelmäßig zu den Heimspielen der Arminia mitgenommen hatte. Drei Monate später verstarb meine Großmutter und weitere drei Monate später war der Lebensgefährte meiner Mutter tot – auch er erlag einer Krebserkrankung. Meine Mutter musste während eines halben Jahres drei Beerdigungen und drei Haushaltsauflösungen abwickeln – von der Trauer über den Verlust dieser Menschen einmal ganz zu schweigen.

Mich hatten diese Todesfälle in der Schule so sehr zurückgeworfen, dass ich vom Gymnasium auf die Realschule wechseln musste, was – wie sich noch herausstellen wird – auch der Grundstein für meine spätere Hooligan-Karriere sein sollte. Denn mit dem Schulwechsel kam auch ein neuer Schulweg. Mit dem Bus, was sich als fatale Wende in meinem Leben erweisen sollte. Mein Lebensinhalt zu jener Zeit war der Fußball. Mit den Jungs aus meinem Bielefelder Stadtteil Stieghorst zusammen verbrachte ich einen Großteil meiner Jugend auf Bolzplätzen. Gewalt und Aggressionen kannten wir zu jener Zeit nicht. Es war eine heile Welt, in der wir da lebten. Fußball spielen, Arminia gucken, über Fußball reden und ein paar schwärmerische Blicke zu den Mädchen am Spielfeldrand, das war unser Leben. Alles war gut – oder so gut es eben ging. Aber irgendwann sollte diese heile Welt die ersten Risse bekommen.

Mit meinem damals besten Freund Thomas musste ich jeden Morgen mit dem Bus zur Schule fahren. Nur eine Station weiter musste der Schulbus in der sogenannten »Bronx« halten. Es war eine neu errichtete Sozialbausiedlung, in der überwiegend Türken lebten. Dort stiegen fast täglich fünf junge Türken in unserem Alter zu. Die Jungs spielten sich fürchterlich auf und begannen, kaum im Bus, uns anzupöbeln. Sie gehörten zu einer größeren Gruppe, und wann immer sich die Gelegenheit für sie ergab, nahmen sie uns in die Zange. »Scheißdeutsche«, »Drecks-Kartoffelfresser«, »Scheiß-Nazis« – wir Jungs mit unseren 14 oder 15 Jahren wurden fast täglich beschimpft, bedroht und angerempelt, ohne dass wir uns zu wehren wussten. Und ohne zu wissen, was wir eigentlich verbrochen hatten. An manchen Tagen warteten ein paar von ihnen an der Bushaltestelle vor unserem Haus. Jeden Morgen suchte ich von meinem Zimmerfenster aus die Gegend um die Haltestelle herum ab, um zu sehen, ob die Luft rein war.

Was wird heute passieren? Das fragte ich mich fast jeden Morgen. Würden sie uns verprügeln, wie in der Vergangenheit ständig angekündigt? Würden sie uns wieder durch den Bus stoßen, anrempeln und beleidigen? Die Kinder auf dem Weg zur Schule hatten nur noch Angst. Nicht nur Thomas und ich waren das Ziel ihrer Attacken – alle, die nicht Teil dieser Türken-Gang waren, mussten ständig mit dem Schlimmsten rechnen. Mein Magen begann regelmäßig zu brennen, wenn ich morgens verstohlen aus meinem Zimmerfenster schaute und einen von ihnen sah. Wie viele würden in der »Bronx« noch zusteigen? Und würden sie mir heute vielleicht eine knallen? Oder mich bespucken, wie sie es gestern mit Thomas getan hatten? Wir waren mittlerweile 16 Jahre alt und nach zwei Jahren Angst und Demütigungen von harmlosen Jugendlichen zu wütenden jungen Männern gereift. Es musste endlich etwas geschehen – und es sollte etwas geschehen.

Wir mussten uns rüsten. In die umliegenden Kampfsportschulen konnten wir nicht gehen, weil genau dort auch unsere türkischen Gegner und deren Freunde trainierten. Also besorgten wir uns einen Sandsack, befestigten ihn an der Decke unseres Wäschekellers und droschen stundenlang darauf ein. Dazu machten wir Liegestütze auf den Fäusten, so wie wir es in Chuck-Norris-Filmen gesehen hatten. Das gab Kraft und härtete die Hände ab. Wir trainierten wie besessen und meldeten uns nach einiger Zeit in einem Fitness-Studio zum Boxtraining an. Der Laden musste gut sein, schließlich verkehrten und trainierten zahlreiche Bielefelder Türsteher in dem Studio. Unser Plan begann langsam zu reifen.

Frank schloss sich uns an. Damals, mit 16 Jahren, war er schon 1,95 Meter groß und wog knapp 100 Kilo. Uns verband die gemeinsame Leidenschaft zur Arminia Bielefeld und zu unserer Hobby-Mannschaft, mit der wir jedes Wochenende kickten. Frank, Thomas und ich trainierten zweimal die Woche mehrere Stunden und wurden in kürzester Zeit so fit, dass wir uns zusätzlich zum Boxtraining auch noch beim Kickboxen anmeldeten. Es dauerte keine sechs Monate und aus uns Milchbubis wurden junge Kämpfer. Stark, trainiert, ausgebildet und zu vielem bereit. Und uns war klar: Von nun an würden wir unsere Haut teuer verkaufen. Demütigungen, Beleidigungen und Anfeindungen würden wir uns ab sofort nicht mehr gefallen lassen. Und schon bald sollte es zum High Noon kommen.

Thomas und ich saßen im Schulbus und wie erwartet stiegen in der »Bronx« die vier türkischen Jungs ein. Sie steuerten sofort auf den hinteren Busteil zu und pöbelten uns schon vom Eingang aus an. Thomas und ich blickten uns nur kurz an, nickten uns zu und standen von unseren Sitzen auf. Wir wussten, was wir zu tun hatten. Die Fahrten, bei denen wir eingeschüchtert sitzen geblieben waren, gehörten nun endgültig der Vergangenheit an. Ab sofort würden wir ihnen zeigen, wer künftig Angst vor dem Schulweg haben sollte.

Und dann ging es ganz schnell: Der erste Türke versuchte, Thomas mit dem rechten Arm vor die Brust zu stoßen. Doch der wich geschickt aus und knallte ihm blitzschnell die rechte Faust aufs Auge. Da das Ganze so überraschend kam, setzte er direkt eine Links-rechts-Kombination nach, was die anderen drei in eine Art Schockstarre versetzte. Der Türke, der mir am nächsten stand, bekam mit voller Wucht meine rechte Faust auf die Nase, die in Sekundenschnelle am oberen Kamm platzte und sofort blutete. Der Junge hielt seine blutende Nase, beugte sich nach vorne und wimmerte vor Schmerzen. Seine beiden Kumpels starrten wie gelähmt auf diese bizarre Szenerie, schnappten die beiden verletzten Freunde am Arm und verließen an der folgenden Haltestelle fluchtartig den Bus. Adrenalin und Endorphine durchjagten unsere Körper. Völlig aufgeputscht blieben wir im Bus stehen und blickten in die erschrockenen Gesichter der anderen Schüler. Dann nickten uns die ersten anerkennend zu und der Busfahrer, der die Auseinandersetzung im Rückspiegel beobachtet hatte, setzte – ohne ein Wort zu sagen – die Fahrt zur Schule fort. Thomas und ich schauten uns schweigend an. Was war das? Hatten wir es getan? Hatten wir uns tatsächlich zur Wehr gesetzt? Unsere verlorene Ehre zurückerkämpft? Ja! Wir hatten es geschafft. Oder?

Die Schlägerei im Bus sprach sich wie ein Lauffeuer in unserem Viertel herum und nur zwei Wochen später forderte die Türken-Clique Revanche für die erlittene Schmach im Schulbus. Die meisten jungen Deutschen hatten schon ähnliche Erfahrungen mit der türkischen Gruppe gemacht und bewunderten unsere Gegenwehr. Mit unserem jugendlichen Verstand hatten wir uns geschworen, gemeinsam das Viertel wieder zurückzuerobern.

Wir wollten keine Demütigungen mehr ertragen müssen. Damit war endgültig Schluss. Bald zumindest, hofften wir. Es stand nur noch der Rückkampf aus. Und an einem Freitag sollte es zum Showdown auf unserem Schulhof kommen.

Die Anspannung stieg bis ins Unerträgliche. Die Tage davor hatten Frank, Thomas und ich noch leidenschaftlicher und härter trainiert. Der Freitag kam und niemand wusste, ob es tatsächlich zu einem Fight kommen würde. Wir fühlten die Angst in uns aufsteigen. Die Angst vor einer Niederlage. Aber wir wollten uns dieser Sache auch stellen. Und so läutete es zur zweiten Pause. Der Schulhof füllte sich, wir standen da und warteten. Wir waren bereit – der Gegner musste nur noch kommen.

Und die Türken kamen. Sie stürmten den Lehrerparkplatz entlang, zwischen den Gebüschen durch und rannten direkt auf uns zu. In kürzester Zeit entwickelte sich eine wüste Massenschlägerei. Absolutes Chaos. Manche fielen hin. Andere traten mit Füßen auf die Liegenden, Fäuste krachten in Gesichter und in Rippen. Überall nur dumpfes Krachen, Schreie und Gestöhne. Frank mit seiner gewaltigen Körpergröße erwischte einen der Anführer der Gegenseite hart im Gesicht. Dieser konnte sich nur noch taumelnd auf den Füßen halten. Thomas kämpfte weiter hinten links im Getümmel, sodass ich ihn nicht richtig sehen konnte. Ich selbst rang in einem großen Knäuel mit fünf, sechs Türken. Jeder schlug, würgte und trat seinen Gegner. Meine erlernten Boxkenntnisse konnte ich in der chaotischen Schlägerei längst nicht mehr anwenden. Das hier war Straßenkampf – ohne jede Regel. Und diesen Straßenkampf hatten wir für uns entschieden. Dachten wir zumindest, ohne zu wissen, dass die ganze Sache noch ein Nachspiel haben könnte.

Die Lehrer an unserer Schule waren völlig entsetzt über diese Form von Gewalt. Sie konnten und wollten nicht verstehen, was da auf ihrem Schulhof geschehen war, schon gar nicht als typische Vertreter einer ganzen Lehrergeneration – der Alt-68er. Sie weigerten sich beharrlich, zu glauben, dass Jungs aus Einwandererfamilien grundlos uns Schüler angepöbelt und geschlagen hatten. Immer wieder prasselten dieselben Fragen auf uns herein: »Was habt ihr ihnen getan, dass sie sich so verhalten? Euch sogar bis in die Schule verfolgen und angreifen?« Dass die jungen Türken einfach nur Spaß daran hatten, uns zu schikanieren, überstieg das Heile-Welt-Denken unseres Lehrerkollegiums.

Nach der Schlägerei wurde umgehend der Lehrplan geändert. Die verbleibenden zwei Jahre unserer Schulzeit gab es in den Fächern Deutsch, Geschichte und Politik nur noch ein Thema: »Das dritte Reich«. Unsere Fragen, warum diese Jungs sich derart aggressiv und gewalttätig verhalten durften, wurden mit nur einem Begriff beantwortet: Auschwitz. In einem Land, das den Holocaust zu verantworten hatte, durften Ausländer weder beschimpft noch geschlagen werden. Dass wir uns nach monatelangen Bedrohungen, Beleidigungen, Demütigungen und Schlägen nur unserer Haut erwehren wollten, blendeten die Pädagogen völlig aus. Es passte nicht in ihre Ideologie einer multikulturellen Welt.

Dabei hatten wir diese Fragen längst beantwortet. Es folgten noch ein paar weitere Schlägereien und Revierkämpfe. Wem gehörte der Bolzplatz? Das neu eröffnete Jugendzentrum? Das Freibad in unserem Viertel? Gekämpft wurde um ziemlich alles – es gab Siege und Niederlagen, aber mit der Zeit ebbten die Provokationen, Beschimpfungen und Bedrohungen im Viertel langsam ab. Niemand wurde mehr geschlagen. Es gab plötzlich ein Zusammenleben. Irgendwie. Wenn wir ein paar von den türkischen Jungs zufällig trafen, gab es keine feindseligen Blicke mehr. Sie schauten weg und ließen uns in Ruhe. Wir hatten uns Respekt verschafft.

Was also war nun mit der These unserer Lehrer, dass Gewalt keine Lösung sei? Sie hatten sich geirrt. Wir konnten das Gegenteil beweisen: Gewalt ist eine Lösung!

3.
Mannschaftsaufstellung
Blue Army Bielefeld

Mein Vater hatte mich als kleinen Jungen regelmäßig mit auf die Bielefelder Alm genommen, das Fußballstadion DSC Arminia Bielefeld notorisch erfolglos mit einigen wenigen Höhen und vielen schmerzhaften Tiefen. Der klassische Underdog-Verein einer Stadt, die seit Jahrzehnten verschworen hinter ihrem Club stand. Das war der Verein meines Vaters und es war auch meiner. Als kleiner Junge hatte ich erstaunt das Spiel, die Reaktionen meines Vaters und die seiner Sitznachbarn beobachtet. In seinen Parka gehüllt, aufgebracht das Spielgeschehen kommentierend. Nun setzte ich die Familientradition also fort und ging wieder regelmäßig zur Arminia. Und die spielte zu jener Zeit in der 3. Liga – damals hieß das noch »Amateuroberliga Westfalen«.

Frank und ich standen meistens im Block 5 und feuerten unsere Arminia an. Mit einem Auge schauten wir aber auch in den Nachbarblock 4. Dort waren nur junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren. Einige kannten wir flüchtig aus Kneipen und Diskotheken und es geisterten zu jener Zeit viele Geschichten über diese Männer durch die Stadt Schlägereien rund um das Stadion und im Bielefelder Nachtleben. Wenn diese Männer eine Kneipe betraten, verstummten die Gespräche der anderen Gäste. Es wurde ihnen Platz gemacht und auch an der vollbesetzten Theke mussten sie nie drängeln, sondern erhielten schnell ihre Getränke. Das waren die Jungs aus Block 4. Die Jungs der Blue Army Bielefeld oder auch OWT genannt. OWT wie Ostwestfalenterror.

Die Arminia spielte im DFB-Pokal gegen den Erstligisten VfL Bochum. Das war die Liga, in der wir wieder spielen wollten und wo wir unserer Meinung nach auch hingehörten. Es war das Duell des reichen Erstligisten gegen den klaren Außenseiter. Die Arminia hatte nur mittels ihrer Lauf- und Kampfbereitschaft eine Chance, dieses Spiel zu gewinnen. Kampf, das wollten die Leute hier schon immer sehen. Man konnte verlieren, ja sogar absteigen, aber es durfte nie kampflos geschehen.

Block 4 war an jenem Tag besonders gut gefüllt. Das lag einerseits am DFB-Pokal – für die Blue Army aber stand auch noch das Spiel nach dem Spiel auf dem Programm. Der Gegner: die Bochumer Hooligans, organisiert in der »Bo-City«. Beide Gruppierungen standen sich seit Jahren feindselig gegenüber. Das hatte schon zu größeren Massenschlägereien mit vielen Verletzten bei früheren Aufeinandertreffen geführt. Die Polizei wusste von dem Aggressionspotenzial an diesem Tag und war mit deutlich stärkeren Einheiten im Einsatz als sonst. Die Unruhe im Blue-Army-Block war auch für uns Außenstehende deutlich zu spüren. Die führenden Köpfe der Hooligan-Truppe hatten kaum Zeit, sich um das Spiel der Arminia zu kümmern – sie waren nur damit beschäftigt, die bevorstehende Schlägerei zu organisieren. Ständig gingen die Anführer von einer Gruppe zur anderen, um sich kurz zu unterhalten – und um sich auf den bevorstehenden Kampf vorzubereiten. So zumindest machte es für uns den Anschein. Frank und ich beobachteten mehr das Treiben im Nachbarblock als das Geschehen auf dem Spielfeld. Was machten die da? Was würde nach dem Spiel noch alles passieren? Wir platzten fast vor Neugier, wussten aber auch, dass wir nicht einfach hinübergehen und nach dem Stand der Dinge fragen konnten. Die Informationen gelangten niemals an Fremde, sondern nur an Jungs, die dazugehörten. Und wir standen in Block 5!

Ein paar von den Blue-Army-Jungs kannten wir vom Sehen. Man nickte sich mal flüchtig zu, aber mehr war da nicht drin. Wir wussten: Eine ordentliche Begrüßung oder gar ein Gespräch mit Mitgliedern des OWT musste man sich erst verdienen. Alles war geregelt – wie in einer militärischen Elite-Einheit. Es gab strenge Hierarchien bei der Blue Army. Und an die musste man sich halten.

Den Anführer der Blue Army nannten alle nur den »Onkel«. Der Onkel war ein gewaltiger Typ. Mitte zwanzig vielleicht, bestimmt 1,95 Meter groß mit einer kräftigen, bulligen Figur. Er musste wohl schon an Dutzenden von Schlägereien beteiligt gewesen sein. Es kursierten zahlreiche Geschichten über den engsten Kreis der Blue Army. Geschichten über Krawalle bei Länderspielen und großen internationalen Wettbewerben. Vor einem wie dem Onkel hatte man Respekt. Wenn Frank und ich uns die Länderspiele der deutschen Nationalmannschaft im Fernsehen anschauten, konnten wir häufig die Fahne der Blue Army Bielefeld im deutschen Block hängen sehen. Auffällig oft dann, wenn die Berichterstatter sich wieder einmal für das Verhalten sogenannter deutscher »Fans« im Ausland öffentlich entschuldigen mussten.

Frank und ich standen in der Halbzeitpause am Bierstand, wo einige der OWT-Jungs auch schon mal das gesamte Spiel verbrachten. Wir bekamen mit, dass nach dem Spiel ein Treffpunkt mit »Bo-City« vereinbart worden war – wo und wann das sein würde, sagte uns niemand. Die Arminia indes kämpfte weiter auf dem Spielfeld und trotzte dem Erstligisten ein 0:0 nach Verlängerung ab. Es würde also 14 Tage später zu einem Rückspiel in Bochum kommen. Davor sollte es allerdings noch ein Nachspiel irgendwo in Bielefeld geben …

Das wollten wir sehen. Die Gefahr, der Reiz des Verbotenen und die Macht der Gewalt zogen uns magisch an. Zum Ende der Verlängerung bemerkten wir, dass die Blue Army in Block 4 sich in Zweier- und Dreiergruppen langsam aus dem Stadion absetzte. Die Jungs wollten sich in ihrer Stammkneipe, der »Karlsklause« etwa 500 Meter vom Stadion entfernt –, sammeln. Wie wir später erfuhren, war das Treffen mit den Bochumern auf eine Viertelstunde vor Abpfiff in einem angrenzenden Park verabredet.

Bis zum Schlusspfiff war kein einziger Bochumer Hooligan mehr zu sehen. Was war los? Wollten die etwa kneifen? Sich auf Schleichwegen heimlich verziehen? Frank und ich konnten unsere Enttäuschung kaum verbergen. Da wollten wir endlich Zeuge einer ordentlichen Schlägerei werden und dann so was. Außer den Zuschauermassen, welche die Straße vor der »Karlsklause« immer mehr verstopften, war nichts in dem Gewühl zu entdecken. Die geordnete Unordnung nach einem Fußballspiel, mehr auch nicht. Doch dann konnten wir auf der gegenüberliegenden Straßenseite plötzlich die etwa 50 Mann von Bo-City ausmachen, die sich im Schutze der Zuschauer unauffällig in unsere Richtung bewegten. An einer Baustelle, die sie passieren mussten, bewaffneten sie sich lautlos und fast unbemerkt mit Steinen und Knüppeln. Die Sache stieg also doch!

Die Bochumer hatten das Parkgelände erreicht. Und die Jungs des OWT waren schon unterwegs. Wir konnten erkennen, wie sie sich in einer dichten Traube aus ihrer Kneipe in den Park schlängelten. Still, leise und diszipliniert. Kein Gegröle, keine Gesänge, nichts. Lautlos marschierend bewegten sie sich dahin, bewaffnet mit Biergläsern und Flaschen. Es war wie in einem Film. Die Bochumer formierten sich auf einer kleinen Anhöhe. Und dann, urplötzlich, fingen sie an, mit ihren Knüppeln und Steinen rhythmisch auf den Asphalt zu schlagen. Klatsch, klatsch, klatsch. Die Jungs vom OWT – ebenfalls 50 Mann – waren noch etwa 70 Meter entfernt. Ganz vorne gingen der Onkel und der harte Kern der Gruppe. Ihre Gesichter waren angespannt. Ihr Gang wandelte sich, wie auf ein geheimes Zeichen hin, in einen leichten Trab. Der Angriff stand unmittelbar bevor. Und dann setzten sich auch die Bochumer in Bewegung und stürmten den Bielefeldern entgegen.

Genau in diesem Augenblick preschte eine Gruppe von Polizisten zwischen die Fronten. Sie sprühten sofort Tränengas, noch bevor es zu einem direkten Kontakt zwischen den beiden Gruppen kam. Die Schlägertrupps beider Seiten zogen sich sofort zurück, um den Gummiknüppeln der Polizei und den drohenden Verhaftungen zu entgehen. Die Polizei erhielt von allen Seiten Verstärkung und versuchte, das gesamte Areal abzusperren. 1:0 für die Staatsgewalt. Gar nicht so schlecht, dachten wir uns. Einige Beamte hatten sich offenbar nach Spielende unauffällig an die Bochumer Hooligans gehängt und waren somit noch rechtzeitig im Park, um die Schlägerei zu verhindern. Und keiner hatte es bemerkt.

Die Jungs beider Gruppen verschwanden so unauffällig, wie sie gekommen waren. Sie setzten sich in Kleingruppen oder alleine in Richtung Innenstadt ab. Zwischendurch kam es doch noch zu vereinzelten Festnahmen. Aber die Mobs waren zu verstreut und es standen zu viele Polizisten auf den Straßen Bielefelds, um ein weiteres spontanes Aufeinandertreffen kurzfristig organisieren zu können. Die Sache war gelaufen. Frank und ich ließen uns mit den abziehenden Zuschauermassen in die Innenstadt treiben. Dort sahen wir noch einige von den Jungs, die sich erneut sammelten. Aber der Gegner blieb leider aus. Noch voller Adrenalin – fasziniert von dem Erlebten –, beschlossen Frank und ich, mit zu dem Rückspiel nach Bochum zu fahren. Wir konnten die Macht und Stärke der Blue Army sehen und spüren. Die zerstörerische Gewalt aber, die von solchen Gruppierungen ausgeht, konnten wir nur erahnen. Und wir wollten sie endlich selbst erfahren …

Beim folgenden Heimspiel ein paar Tage später trafen wir zufällig an einem Bierstand auf ein paar Jungs der Blue Army. Mit knapp 18 Jahren waren wir mit Abstand die Jüngsten vor der Bude. Und Ben sprach uns tatsächlich an. Ben gehörte zur Führungscrew des OWT und war ein angesehener Kämpfer der Blue Army. Ich kannte ihn flüchtig, da er der Cousin eines guten Schulfreundes war. Er begrüßte uns freundlich. »Hallo! Ich hab euch schon gegen Bochum hier gesehen. Schade, hat ja nicht geklappt. Aber nächste Woche kriegen wir sie. Fahrt ihr mit?« Frank und ich konnten es nicht glauben. Wir und die Blue Army? »Ja, auf jeden Fall. Wir haben auch schon die Karten fürs Spiel«, antwortete ich aufgeregt. »Sehr gut, ihr könnt bei uns mitfahren. Wir nehmen den Zug um 18 Uhr.« Ben und seine Kumpane ließen uns an dem Bierstand zurück. Wir waren sprachlos. Die Blue Army wollte uns haben?

Endlich Mittwoch. Frank und ich fieberten schon die ganze Woche dem DFB-Pokal-Rückspiel entgegen. Ein Abendmatch unter Flutlicht. Wir gingen zum Hauptbahnhof und kauften uns einen 10er-Container Herforder Pils. Am Bahnhof angekommen trauten wir unseren Augen nicht. Der gesamte Vorplatz war voll mit Jungs. Es müssen wohl um die 200 gewesen sein. Und keiner trug auch nur ein Trikot oder einen Schal, um nicht sofort von der Polizei als Bielefelder erkannt zu werden.

Die war allerdings in großer Zahl bereits vor Ort. Und stieg komplett mit in den Zug, um uns nach Bochum zu begleiten. Frank und ich erwischten das Abteil, in dem Marius saß. Marius gehörte wie Ben zur engsten Führungsschicht der Blue Army. Er kam ursprünglich aus der Skinhead-Szene, wechselte dann aber zum OWT. Er war als ein Schläger bekannt, der ohne zu zögern und aus geringstem Anlass hart zuschlug. Wir waren in der richtigen Gesellschaft.

Nach einer halben Stunde Fahrt öffneten sechs Polizisten unsere Abteiltür. Sie kontrollierten sämtliche Wagen, verlangten unsere Personalausweise und fragten die Personalien über Funk ab. Danach durchsuchten sie jeden Einzelnen von uns nach Waffen. Für uns eine völlig neue Erfahrung. Als Marius aufstand, fragte einer der Polizisten: »Haben Sie noch andere Oberbekleidung dabei?« »Nein, wieso?« »Ihr T-Shirt ist beschlagnahmt. Wegen Verwendung eines verfassungswidrigen Symbols.« Ich schaute mir sein Shirt an. Ein brennendes Keltenkreuz. Der Bundesinnenminister warf Neonazis vor, dieses Symbol als Ersatz für das bereits verbotene Hakenkreuz zu verwenden. Die Darstellung des Keltenkreuzes in jeglicher Form war somit untersagt. Warum Marius noch immer mit den Shirts aus seiner Vergangenheit he­rumlief, blieb mir verborgen. Als er aber sein T-Shirt auszog, mussten die Polizisten erkennen, dass auf seinem voll tätowierten Oberkörper drei große Keltenkreuze eingestochen waren … Dem Polizeibeamten fehlten die Worte. Nachdem er die Fassung wiedererlangt hatte, sagte er: »Ich glaube, es wäre eine gute Idee, wenn Sie sich etwas überziehen würden.« Marius streifte sich eine Jacke über seinen bloßen Oberkörper, zog den Reißverschluss zu und sagte zu dem verstörten Polizisten: »Ja, ja, ich weiß. Letztes Mal musste ich 500 Mark bezahlen.« Dann streckte er sein Bier in die Höhe und schrie: »Scheiß drauf. Auf die Arminia!« Das gesamte Abteil stimmte in den Chor mit ein.

Die 200 Mann starke Bielefelder Zugbesatzung wurde von der Polizei auf kürzestem Weg zum Stadion eskortiert. Es war eine beeindruckende Masse an Schlagkraft, die sich da durch Bochum bewegte. Viele Gesichter kannten wir vom Bielefelder Nachtleben und von Schlägergeschichten rund um die Stadt. Es waren völlig unterschiedliche Leute in dieser Gruppe zusammengefasst. Einige von denen gingen seit Jahren nicht mehr zum Fußball, aber elektrisiert durch das Entscheidungsspiel und die erwartete Schlägerei, strömten sie an diesem Abend herbei. Jetzt zählte nur noch die Arminia Bielefeld. Der große Showdown stand unmittelbar bevor.

Um kurz vor 20 Uhr erreichten wir das Stadion und wurden unter den neugierigen Blicken der 2000 Bielefelder Zuschauer von der Polizei in den Block verfrachtet. Dort trafen Frank und ich ein paar Bekannte und Freunde, die wir von Alm-Besuchen, Kneipen oder Diskos kannten. Einige fragten leise, beinahe ehrfürchtig: »Seid ihr mit den Jungs im Zug gefahren?« Völlig cool antworteten wir: »Ja, klar. Ganz schön großer Haufen heute. Da passiert bestimmt noch was.« Wir schauten den Jungs in die Augen. Und da war es wieder. Wie damals in dem Schulbus – dieses Gefühl von Macht. Man hatte Respekt vor uns. Ehrfurcht. Hochachtung!

In der neunten Minute gab es kein Halten mehr. Die Arminia schoss das 1:0. Nun brachen alle Dämme – die 2000 Bielefelder sangen, tanzten und schrien wie besessen. Der Onkel kletterte auf ein Geländer und gab alte Schlachtlieder vor. Wir waren in Trance. Was für eine Atmosphäre. Was für eine Kraft, was für ein Zusammenhalt. Und das Ganze in Dunkelheit. Unter Flutlicht.

Ein Rausch, der in der 93. Minute abrupt erstarb. Das Spiel hätte längst zu Ende sein müssen, da erhielt Bochum einen Elfmeter. Wir waren alle total geschockt. Tor. 1:1, Verlängerung. Das war’s. Die Kräfte der Spieler reichten nicht mehr aus. In der Verlängerung verlor die Arminia und musste mit einem 4:1 vom Platz gehen. In unserem Block verwandelten sich Freude und Begeisterung in Wut und Aggression. Wut auf den Schiedsrichter, in der Nachspielzeit einen Elfmeter zu geben. Enttäuschung wegen des unverdienten Ausscheidens im DFB-Pokal. Hass auf die Bochumer. Sie sollten für all das bezahlen müssen.

Die Polizei versuchte uns noch lange nach dem Spiel im Stadion zu halten, um erst die Bochumer Zuschauer abziehen zu lassen. Doch für diese Maßnahme war das Aggressionspotenzial an diesem Abend viel zu hoch. Niemand wollte sich länger einsperren lassen. Das war zu viel. Wir traten und drückten immer heftiger gegen die Absperrzäune. Auf der anderen Seite des Gitters bezogen Polizeieinheiten mit Helm und Gummiknüppel bewaffnet ihre Positionen. Die Maulkörbe der Polizeihunde wurden entfernt. Und dann gab es kein Halten mehr. Das Tor brach auf und Hunderte Bielefelder drängten auf einen Schlag nach draußen. Die Polizei versuchte, die Zuschauermassen zu lenken und kontrolliert zum Hauptbahnhof zu bewegen. Aber das war unmöglich.

Marius hatte uns in der Halbzeit erzählt, dass 100 Bochumer mit Unterstützung von anderen Vereinen in den dunklen Nebenstraßen auf uns lauern würden. Diese galt es nun zu finden und sofort anzugreifen. Es herrschte das absolute Chaos. Wir liefen von einer Straßenseite auf die andere. Hin und her. Leuchtkugeln flogen uns um die Köpfe. Feuerwerkskörper explodierten krachend neben unseren Ohren. Bierflaschen und Gläser prasselten nieder und dazwischen die Polizei, die auf jeden Mann zwischen 18 und 40 einfach nur noch eindrosch. Da es dunkel war, konnte ich kaum noch zwischen Feind und Freund unterscheiden, zumal ich auch noch nicht alle Jungs der Blue Army kannte. In meiner direkten Umgebung kam es zu mehreren Schlägereien. Ein wildes Durcheinander. Für mich viel zu chaotisch und zu hektisch. Und dann war da ja noch die Polizei, die wahllos mit ihren Gummiknüppeln zuschlug. Zu schnell, als dass ich all das richtig hätte einschätzen können.

Durch den überharten Schlagstockeinsatz gelang es der Polizei langsam, die Kontrolle zurückzuerobern. Wer nicht spurte, bekam den Gummiknüppel übergezogen. Wir wurden gleichsam in den wartenden Zug hineingeprügelt und wie streunende Hunde aus der Stadt verjagt.

Die Rückfahrt verlief gedämpft. Wir waren furchtbar enttäuscht. Schon wieder hatte uns die Polizei das Spiel vermasselt – und dann auch noch die unverdiente Niederlage gegen Bochum. Ein beschissener Tag. Irgendwie. Und doch waren wir wie berauscht. Diese Stimmung in dem Fan-Block, diese Lautstärke, die Kraft und die Macht, die von dieser Gruppe ausgingen, waren überwältigend. Und Frank und ich waren nun dabei. Bei der Blue Army Bielefeld. Wir waren jetzt ein Teil dieser Armee. Wir waren Hooligans geworden!

4.
Anpfiff
Als Hooligan zur Polizei

Die deutsche Übersetzung für Hooligan ist Krawallmacher oder Raufbold. Laut Definition treten Hooligans häufig in größeren Gruppen auf und zeigen vor allen im Rahmen größerer Sportereignisse eine erhöhte Gewaltbereitschaft, die sich nicht im alltäglichen Leben widerspiegeln muss. Eine Begriffserklärung, die ich für mich so annehmen konnte. Und gerade weil sich die Gewaltbereitschaft auch in meinem Fall überhaupt nicht in den Alltag geschlichen hatte, hatte ich keine moralischen Bedenken, den Polizeidienst in Betracht zu ziehen.

Meine Schulzeit ging zu Ende. Ich war 18 Jahre alt und musste eine Entscheidung treffen. Ein Studium hätte ich vergessen können, weil es unsere einfachen finanziellen Verhältnissen nicht erlaubt hätten, drei weitere Schuljahre bis zum Abitur anzuhängen. Da ich eine feste Freundin hatte, aber noch in meinem Jungendzimmer bei meiner Mutter wohnte, wollte ich so schnell wie möglich mein eigenes Geld verdienen. Ein reiner Bürojob kam nicht infrage. Und eine Hand­werks­ausbildung kam für mich leider auch nicht in Betracht, da es mir hierfür an der notwendigen Begabung gefehlt hätte.

Wie fast jeder junge Bursche wäre ich am liebsten zum Geheimdienst gegangen und ein deutscher James Bond geworden. Das war aber leider nicht realistisch. Also: Polizei! Nicht die Landespolizei, denn die war in meinen Augen uncool und spießig. Allein schon die schrecklichen Polyester-Uniformen. Das war keine Option. Also entschied ich mich, genau wie mein Freund Thomas ein Jahr zuvor, zum Bundesgrenzschutz zu gehen. Der Bundesgrenzschutz besaß ein elitäres Image. Der BGS war keine gewöhnliche Polizei, die sich um läppische Verkehrsunfälle und Familienstreitigkeiten kümmerte. Mit diesem Kleinkram gab man sich dort nicht ab. Die hoch motivierten, austrainierten Hundertschaften des BGS wurden per direkten Befehl des Bundesinnenministers in Marsch gesetzt. Dahin, wo sie am dringendsten gebraucht wurden. Und über all diesen Einheiten thronte die GSG 9, die Grenzschutzgruppe 9. Elite-Polizisten, die es seit der spektakulären Befreiungsaktion in Mogadischu weltweit zu Ruhm und Anerkennung gebracht hatten. Genau da wollte ich hin.

Ich trainierte noch härter beim Boxtraining, um den strengen Auswahltest bestehen zu können. Verschiedene Aufgaben wie Intelligenztest, Aufsatz zu einem aktuellen politischen Thema, Diktat, ärztliche Untersuchung, Sehtest, Hörtest und Belastungs-EKG standen mir bevor. Nach dem ersten Tag des Aufnahmetestes wurden von den bereits zuvor streng ausgewählten Bewerbern vier nach Hause geschickt. Der zweite Tag des Verfahrens begann mit einer sehr anspruchsvollen Hindernisbahn, dann ein 100-Meter- und ein 5000-Meter-Lauf. Zum Abschluss stand noch ein persönliches Gespräch vor einem dreiköpfigen Prüfungsausschuss an. Ich war also gefordert. In meiner Bewerbergruppe waren 14 junge Männer, davon schafften es nur vier. Ich war einer von ihnen. Ich wurde aufgenommen und fand mich erneut in einem Kreis von jungen Männern, in den nicht jeder aufgenommen wurde, der das wollte. Wie beim Fußball.

Meine Ausbildung zum Polizeihauptwachtmeister im Bundesgrenzschutz – so die offizielle Bezeichnung – trat ich im Oktober 1988 in Bodenteich an. Ein kleines Dörfchen in der Nähe von Uelzen, nicht weit entfernt von der damals hermetisch abgeriegelten DDR-Grenze. In der Kaserne befanden sich vier Hundertschaften mit neuen Auszubildenden. Am zweiten Tag der Ausbildung traten wir im Hundertschaftsrahmen unserer Einheit an. Wir erhielten unsere Ernennungsurkunde zum Polizeibeamten auf Probe. Bei der Zeremonie ergriff der stellvertretende Hundertschaftsführer das Wort. »Männer: Wie Sie alle wissen, ist es gemäß dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland nur Deutschen gestattet, Polizeibeamter zu werden. So frage ich Sie: Befinden sich hier nur Deutsche? Oder haben wir Ausländer unter uns? Oder gar Türken?« Wir schauten uns verstohlen aus den Augenwinkeln an. Hatten wir richtig gehört?

Die Ausbildung war eine gute Mischung aus körperlicher und geistiger Anforderung. Die Themen waren interessant aufgearbeitet und die Ausbilder alle gestandene Polizeibeamte, die selbst jahrelang für das Innenministerium gearbeitet hatten. Wenn sie von ihren eigenen Einsätzen erzählten, herrschte bei uns Schülern anerkennendes Schweigen. Hamburg Hafenstraße, die Schlachten von Wackersdorf und Gorleben, RAF-Fahndungen und Anti-Terror-Einsätze. Und dann noch die Erfahrungen mit den DDR-Grenztruppen, die nur 40 Kilometer entfernt von uns an der innerdeutschen Grenze patrouillierten.

Viele der Ausbilder machten aus ihrer rechtskonservativen Einstellung kein Geheimnis. Und wir jungen Anwärter sogen ihre anspruchsvollen und gleichzeitig antikommunistischen Ausführungen auf. Die Grenztruppen der DDR wurden in unserer Ausbildung als das Feindbild Nummer eins hervorgehoben. Dicht gefolgt von den Steine werfenden Autonomen der Hamburger Hafenstraße. Schon in den ersten Wochen unserer Ausbildung wurden wir auf unsere künftigen Gegner heiß gemacht – und entsprechend trainiert. Ganz egal, ob beim Schießtraining mit Maschinenpistole, Gewehr oder Pistole, beim Jiu-Jitsu-Kampftraining oder beim Schlagstocktraining in größeren Einheiten, immer wieder gab es dieselben fiktiven Gegner – Autonome oder DDR-Grenztruppen. Wir wurden über die Strukturen der linksradikalen Autonomen unterrichtet und erfuhren alles über Molotowcocktails. Unsere Vorgesetzten bildeten uns taktisch erstklassig aus. Wir lernten, Situationen in Sekundenbruchteilen zu lesen und zu analysieren – eine Fähigkeit, die mir auch bei der Blue Army noch nützen sollte.

Die Kameradschaft unter den Auszubildenden war einzigartig. Sie wurde geformt durch ständige Strapazen und durch die sogenannte politische Bildung. Einerseits wurden wir permanent körperlich an unsere Grenzen gebracht – durch Nachtmärsche bei strömendem Regen, stundenlange Waldläufe noch vor dem Frühstück und Schießtraining. Wenn wir abends unsere geschundenen Füße versorgten und dabei noch ein kühles Bier tranken, entstand Kameradschaft gleichsam von allein. Alle für einen, einer für alle. Wie bei meinen Kameraden auf der Tribüne.

Das geistige Klima in unserer Truppe war zeitgemäß. Bei einer simulierten Bundestagswahl in unserem Klassenraum war das Ergebnis eindeutig: Republikaner 50 Prozent, CDU 40 Prozent – SPD und Grüne je 5. Unser Staatskundelehrer war verzweifelt, aber was hätte er ändern können? Unsere Biografien? Unsere Lebenserfahrungen oder die Menschen, die uns geformt hatten?

Die Ausbildung bereitete mir überhaupt keine Schwierigkeiten. In den mehrstündigen Klausuren schrieb ich nur gute Noten und gehörte mit zwei, drei anderen zusammen zu den Besten meines Jahrgangs. Es wurde weiterhin kräftig ausgesiebt, im Einzelfall wurden einige von uns auch nach einem Jahr noch fristlos rausgeschmissen. Meine Clique blieb davon unberührt und so ließen wir uns alle zusammen für das zweite Dienstjahr nach Lüneburg versetzen. Im Gegensatz zur Landespolizei durften wir schon im zweiten Ausbildungsjahr an realen Einsätzen teilnehmen – unter anderem bei Grenzpatrouillen an der innerdeutschen Grenze in unserem Streifenabschnitt Lüchow-Dannenberg.

Das letzte Ausbildungsjahr in Walsrode, der sogenannte Laufbahnlehrgang, bestand fast nur aus theoretischem Unterricht. Die Abschlussklausuren in Einsatzrecht, Einsatzlehre, Politische Bildung und Verkehrsrecht dauerten jeweils fünf Stunden und ich beendete die Polizeiausbildung als Klassenbester. Von 1200 Absolventen des Laufbahnlehrgangs erhielt ich das fünftbeste Zeugnis. Nach der Abschlussfeier in der Kaserne zogen meine Polizeiclique und ich in eine Diskothek weiter, das »Amazonas«. Dort hatten wir viele Nächte auf der Suche nach etwas Zerstreuung verbracht. An jenem Abend aber feierten dort nicht nur die einheimischen Dorfschönheiten, sondern auch eine Gruppe holländischer NATO-Soldaten.

Eine explosive Mischung. Zu viel Testosteron lag in der Luft. Wir ließen uns nicht lange bitten und in kürzester Zeit tobte eine kurze, heftige Schlägerei. Wie so häufig in diesem ewigen Duell der Punkt ging an Deutschland. Die Schlägerei sprach sich bis zu unseren Vorgesetzten herum. Erstaunlicherweise hatten die jedoch überhaupt kein Problem mit diesem Scharmützel. Sie bläuten uns le-
diglich zwei Dinge ein: »Handeln Sie sich keine Anzeige ein. Ist eine Strafanzeige in der Welt, läuft alles seinen bürokratischen Weg, inklusive Disziplinarverfahren, Strafversetzung, Degradierung bis hin zum Rausschmiss.« Der zweite Rat war noch deutlicher: »Wenn Sie schon glauben, sich prügeln zu müssen, dann gewinnen Sie wenigstens! Sie wollen doch nicht den tadellosen Ruf des Bundesgrenzschutzes beflecken!« Nein, das wollte ich beileibe nicht. Weder im Dienst noch bei der Blue Army.