Die großen Western Classic
– 86 –

Revolvermarshal Carrigan

… und die Endstation der Zivilisation

John Gray

Impressum:

Epub-Version © 2021 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: https://ebooks.kelter.de/

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Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74098-724-4

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Die sengende Hitze brannte unbarmherzig auf die kleine Stadt. Die Dunstwolke, die vermischt mit dem feinkörnigen Staub penetrant über dem Ort hing, schien sich aus der Mündung eines Revolverlaufs zu kräuseln, mit dem ein Höllensohn die Stadt mit einem Donnerhall in die einst so stille, friedliche Landschaft der Black Hills geschossen hatte. Das also war Deadwood! Deadwood – das war eine Insel für Gestrauchelte, Existenzialisten, Abenteurer, Junge und Alte, Reiche und Arme, das waren Hoffnungen, Wünsche und Träume, das war ein Strohhalm für jene, die diese Hoffnungen, Wünsche und Träume noch nicht verloren hatten, ein Strohhalm, nach dem sie griffen, um sich und ihr jämmerliches, verkommenes Leben zu retten – und sei es nur für kurze Zeit.

Deadwood – das waren sagenhafte Goldfunde, tausend verschiedene Schicksale und dramatische Tragödien, die namenlos untergingen im Strudel des wilden, ungebärdigen Lebens, das jeder, der hierherkam, wie einen gefüllten Krug bis zur Neige auskosten wollte, denn jeder Tag konnte der letzte sein. Die Männer, die auf dem Rand des Kistenbretter-Stepwalks hockten, waren längst Opfer dieser Stadt geworden. Sie rührten sich nur noch, um ab und zu eine Whiskyflasche an den Hals zu setzen, den gepanschten Fusel zu trinken und danach wieder schweigend, apathisch vor sich hin zu starren. Und erst, als ein kleiner, dürrer Mann mit kreischender Stimme etwas schrie, horchten sie zögernd aus ihrer alkoholumnebelten Lethargie auf.

»Die Kutsche kommt! Die Kutsche kommt!«

Über den breiten, von unzähligen Wagenrädern geebneten und karg bewachsenen Weg rollte die Postkutsche heran. Die Pferde hatten sich hart ins Geschirr gestemmt, und ihr Fell war mit mausgrauem Gesteinsstaub überdeckt, ebenso wie das Gesicht des Kutschers, der hell und scharf die Peitsche knallen ließ und raue, heisere Anfeuerungsschreie ausstieß.

Die rasenden Räder des Wagens und die im wilden Stakkato über den steinigen Weg trommelnden Hufe der Gespannpferde schleuderten Wogen von Staub in die Höhe, der durch die offenen Fenster in die Kutsche schwebte.

Männer blieben auf den Stepwalks stehen, als die Kutsche polternd, stampfend und schwankend wie ein Schiff im Sturm in die verkrüppelte Main Street hineinraste und mit quietschenden Achsen und schleudernd vor dem kleinen Postoffice hielt.

Die Flanken der Pferde zitterten. Schaumflocken standen vor ihren Nüstern, und der Kutscher erhob sich auf dem Bock, riss seine doppelläufige Parker-Schrotflinte in die Höhe und schoss beide Läufe ab.

Mit dröhnendem Donnerhall fuhren unter Rauch und Blitz die Ladungen in den hitzeflimmernden, wolkenlosen Himmel. Mit rostiger, staubknirschender Stimme schrie der riesige rotbärtige Driver: »Aussteigen, Ladies und Gentlemen! Aussteigen! Deadwood, Endstation der Stage, Endstation der Zivilisation! Vergessen Sie jede menschliche Kultur und Moral, steigen Sie aus, und sehen Sie sich um in diesem Nest, das der Satan selbst ausgebrütet hat! Steigen Sie aus und sehen Sie sich um! Hier könnten Sie auf dem Unterkiefer des Teufels eine Polka tanzen, und seine Großmutter macht dazu Musik!«

Dann sprang er vom Bock und warf einem der Post-Line-Angestellten die Zügel zu. Fluchend und hustend verschwand er im Postoffice.

Der Kutschenschlag öffnete sich. Zwei untersetzte Männer und eine grell geschminkte, dick gepuderte Frau mit buntem Federhut stiegen zuerst aus. Dann folgte noch ein schlanker, über sechs Fuß großer Mann.

Die Bewegungen seiner sehnigen Gestalt waren so geschmeidig wie die eines hageren Wolfes, sein Gesicht war schmal und asketisch geschnitten, und die stechenden, wasserhellen Augen lagen im Schatten der breiten Krempe des tiefschwarzen Stetsons. Sein mittelblondes Haar quoll unter dem Hut hervor und hing lang über den Kragen des schwarzen weichgegerbten Wildlederhemdes, das über der Brust offen stand. Schwarz waren auch die wildledernen Hosen des Mannes und seine hochhackigen, mexikanischen Reitstiefel, an denen er handtellergroße, schwersilberne Visaliasporen trug. Um seine schmalen Hüften schlang sich ein breiter, patronengespickter Waffengurt, der rechts und links die Halfter mit den langläufigen, vernickelten und gravierten 45er Colt hielt, deren Elfenbeinkolben abgegriffen und matt gelblich im gleißenden Sonnenlicht schimmerten.

Die Reisenden standen noch vor der Kutsche, die sich jetzt langsam in Bewegung setzte und von einem Stallmann von der Straße gebracht wurde. Stumm ließen sie ihre Blicke über die schäbigen, wetterzerfressenen Fassaden der Gebäude gleiten und über die mit Zeitungspapier verstopften Fensterhöhlen, denn Glas war teuer in ­Deadwood, zu teuer, und es hielt nicht lange, dafür gab es zu viele Revolver.

Sie bewegten sich einige Augenblicke nicht und schauten sich nur um, und auch der Fremde, der seine Mitreisenden um Haupteslänge überragte, rührte sich nicht. Nachdenklich strich er sich über den schmalen Schnurrbart auf der Oberlippe. Im grellen Sonnenlicht schimmerten dunkel die Bartschatten auf seinen hohlen Wangen.

Seine Blicke glitten über die Schilder der Saloons und Boardinghäuser mit den hochtrabenden Namen, und erst, als er wieder den Kopf wandte, sah er sie kommen. Drei hagere Männer mit tiefhängenden Revolvern und tückisch flimmernden Augen waren vom Stepwalk getreten und kamen mit schleppenden Schritten auf die vier Menschen zu. Langsam, drohend, unaufhaltsam …

Der Fremde wartete ab. Er fühlte die Gefahr, die von diesen Männern ausging, doch er wusste nicht, was sie wollten, wusste nicht, was das alles zu bedeuten hatte.

Sand knirschte unter ihren Stiefelsohlen, und silbern hell klirrten ihre Sporen. Dunkel und drohend ragten die abgewetzten Kolben der schweren Revolver aus den Halftern.

Dann blieben sie stehen. Ihre Blicke glitten stumm über die Reisenden, und der eine krächzte plötzlich: »Willkommen in Deadwood, Ladies und Gentlemen.«

Die beiden untersetzten Männer wurden blass, und die Frau raffte ihren Rock und machte entschlossen einige Schritte vor, doch eine knarrende Stimme hielt sie auf.

»Bleib lieber stehen, Mädchen. Es ist besser für dich, bestimmt!«

Sie warf trotzig den Kopf in den Nacken und wandte sich um. Ihre flammenden Blicke trafen den Sprecher, und dieser grinste hämisch.

»Was – was wollen Sie denn von uns, Gentlemen …?«, stotterte einer der Reisenden, und sein Blick flog nervös über die Männer auf dem Stepwalk. Doch nicht einer von ihnen rührte sich. Sie standen schweigend und gleichgültig unter dem Vorbau und schauten uninteressiert herüber.

»Sieh mal, Joe, was der Große für feine Revolver hat«, sagte der dritte grinsend, und die Blicke der drei Männer richteten sich auf den schwarz gekleideten Fremden.

»Donnerwetter!«, entfuhr es dem einen, und er trat einen Schritt vor. In seinen Augen funkelte es. Bedächtig fuhr er sich mit der Zungenspitze über seine ausgetrockneten Lippen und blickte den großen Mann prüfend an.

»Deine Waffen sind viel zu schön für Deadwood, Bruder«, sagte er heiser. »Willst du nicht mit mir tauschen? Ich glaube, du willst es gern, nicht wahr?«

Der Fremde rührte sich nicht. In seinem harten Gesicht zuckte kein Muskel.

»Wirklich feine Colts«, sagte der Mann wieder und kam langsam näher. Er stand knapp zwei Yards vor dem Fremden entfernt breitbeinig im Straßenstaub und wippte leicht mit den Zehenspitzen.

»Gib sie mir!«, sagte er plötzlich befehlend, und ein drohender Unterton schwang in seiner Stimme mit. »Gib sie her!«

Der Fremde bewegte sich noch immer nicht. Er hatte seine Augen zu Schlitzen zusammengekniffen und schaute den Banditen stumm, aber warnend an. Er sah, wie sich auf dem Stepwalk eine Menschengruppe ansammelte und neugierig zuschaute, doch niemand rührte eine Hand.

Der Bandit trat wieder einen Schritt vor, und in seinen Augen stand nackte Brutalität. »Her mit den Revolvern!«, schrie er, und seine rechte Faust streckte sich langsam aus und langte nach dem linken Colt.

Noch immer sagte der Fremde nichts, und der Bandit entblößte sein gelbes lückenhaftes Gebiss. »Sei nur friedlich, Bruder! Diese Stadt gehört uns, und wenn du nicht tust, was wir wollen, dann wirst du hier nicht alt!«

Die Fingerspitzen des Mannes berührten den Elfenbeinkolben des Revolvers, und im selben Moment schoss die schmale Faust des Fremden ohne Ansatz aus der Hüfte vor.

Knallhart traf sie den Banditen. Die geballte Wucht des Schlages schleuderte den Mann herum.

Stechender Schmerz durchfuhr den Kopf des Banditen. Er wirbelte von den Beinen, riss den Mund weit auf, um zu schreien, schmeckte das Blut seiner aufgeplatzten Lippen auf der Zunge, warf verzweifelt die Arme hoch und schlug dann lang in den Straßenstaub. Fluchend wälzte er sich herum. Seine blutunterlaufenen Augen richteten sich auf den hochgewachsenen Mann, der schweigend dastand, als wäre nichts geschehen.

»Warte …«, stöhnte er. »Na warte …« Ächzend stemmte er sich hoch. Die schlanke Gestalt des Fremden spannte sich, und seine Finger hingen mit gespreizten Fingern wie zupackende Raubtierkrallen über den Revolverkolben. Bohrend richteten sich seine Augen auf die beiden Banditen, die ratlos und erstaunt auf ihren Kumpan starrten.

Der Bandit kam torkelnd auf die Beine und strich sich mit zorniger Handbewegung einige Haarsträhnen aus der Stirn. Sein Hut lag zerknautscht im Straßenstaub, und von seiner Unterlippe zog sich ein dünner Blutfaden zum Kinnwinkel hinunter.

Langsam stampfte er heran, groß, breit und vom Hass erfüllt bis in die Stiefel hinein.

Der Fremde bemerkte die geweiteten, angsterfüllten Augen seiner Mitreisenden. Er sah das breitflächige, unrasierte Gesicht des Banditen vor sich, und als er das wilde Flackern in den Augen des anderen erkennen konnte, schoss seine Faust auf den Kopf des Banditen zu. So schnell, dass er nicht mehr ausweichen konnte. Mit wildem Brüllen hob der Bandit die Fäuste. Dann sprang er heran …

Der Fremde wich gedankenschnell aus, wirbelte herum und hämmerte dem Heranrasenden seine Fäuste entgegen. Mit heiserem Röhren stürzte der Mann in den Staub und rührte sich nicht mehr. Der Fremde bückte sich, und als er den Schatten hinter sich sah, warf er sich zu Boden. Er wälzte sich herum und zog die Beine an. Der Angreifer wurde von einem Tritt von den Füßen geschleudert und krümmte sich stöhnend am Boden.

Dann brachen sich die Sonnenstrahlen auf matt blinkendem, bläulich schimmerndem Stahl.

»Ho, Bruder, jetzt ist es genug!«, schrie der dritte Bandit mit schriller, erregter Stimme. »Steh auf und warte, bis Joe und Herley wieder auf den Beinen sind! Du wirst es schon lernen, wer hier bestimmt!«

Der Fremde atmete schwer und erhob sich langsam. Er schob sich den Hut weit in den Nacken, und seine bohrenden Augen richteten sich auf den letzten Mann.

»Nimm den Revolver weg, Junge.«

Die sonore Stimme klang sanft, aber zwingend. Der Bandit musterte den hageren Fremden unsicher. Doch er hob den Colt höher an.

»Nimm die Waffe weg«, sagte der Fremde wieder leise – dann krachte Sekundenbruchteile später schon von seiner Hüfte ein Schuss.

Der lange, vernickelte Revolverlauf blitzte im gleißenden Sonnenlicht wie pures Silber. Die schwere Waffe lag wie angewachsen in der Faust des Fremden. Der grelle Feuerblitz schoss aus der Mündung der Waffe und raste unaufhaltsam auf den Banditen zu, der nicht einmal dazu gekommen war, den Hammer seines Colts zu spannen.

Der Mann schrie auf und ließ die Waffe fallen. Dann schleuderte ihn das schwere Weichbleigeschoss zu Boden. Er drehte sich halb um die eigene Achse und fiel schwer in den Staub. Seine linke Hand lag verkrallt über der Schulterwunde. Dunkel rann das Blut durch die Finger und tropfte auf die Straße.

»Mister – Vorsicht!«, rief einer der Mitreisenden, und der Fremde reagierte blitzschnell. Er warf sich augenblicklich zu Boden. Der Schuss hinter ihm brüllte auf, und die Kugel fetzte einen Splitter aus einem der Kistenholzhäuser. Dann donnerte schon die Waffe des Fremden. Die Kugel riss dem hinterhältigen Schützen den Revolver aus der Hand.

Dann stand der Fremde wieder auf den Beinen, schlank und sehnig wie ein Wolf, breitbeinig, mit stechenden Augen, und in seiner Faust lag schwer der langläufige Revolver, aus dessen Mündung sich eine Pulverfahne kräuselte.

»Und jetzt hoch mit euch und verschwindet! Bis heute Abend habt ihr die Stadt verlassen, oder ich hänge euch eigenhändig am Ortsschild auf!«

Die drei Banditen erhoben sich taumelnd. Der Verwundete stützte sich halb bewusstlos auf die beiden anderen. Ein hassvoller Blick traf den Fremden, und einer der Männer spuckte grimmig aus und wischte sich das Blut vom Gesicht. »Warte nur! Warte nur ab! Du wirst es auch noch lernen. Wir sehen uns wieder!«

Der Fremde schwieg und winkte leicht mit dem Coltlauf. Stumm torkelten die Männer davon.

Und alle blickten auf den hageren Mann, der jetzt geschickt die abgeschossenen Patronen auswechselte, und die Waffe in die Halfter zurückgleiten ließ.

»Großartig, Mister!«, sagte eine Stimme, und als er den Kopf hob, sah er seine Mitreisenden vor sich stehen. Er winkte ab. Die Frau drängte sich an ihn heran. Der Hauch ihres billigen, süßlichen Parfüms traf ihn, und er rümpfte angewidert die Nase.

»Danke«, raunte sie leise. »Ich …«

Der Fremde tippte sich stumm an den Hut und wandte sich rasch ab.

Die morschen, spröden Dielen des Stepwalks knarrten unter seinen Schritten, als er den Gehsteig betrat und den Kutscher der Stage, der jetzt vor der Tür des Postoffices stand, ansah.

»War großartig von Ihnen, Mister«, knurrte der riesige Fahrer und fuhr sich über sein feuerrotes Haar, das struppig von dem kantigen Schädel abstand. Er kaute auf einer Zigarre und nickte dem Mann anerkennend zu. »Aber passen Sie auf, Mister. Die drei waren Dixon-Leute. Sie werden noch Schwierigkeiten bekommen.«