Michael Stavarič

ZU BRECHEN BLEIBT DIE SEE

Michael Stavarič

zu brechen bleibt die See

Gedruckt mit Unterstützung der Stadt Wien, Kultur

Stavarič, Michael: zu brechen bleibt die See / Michael Stavarič

Wien: Czernin Verlag 2021

ISBN: 978-3-7076-0730-7

© 2021 Czernin Verlags GmbH, Wien

Autorenfoto: Bogenberger Autorenfotos

Umschlaggestaltung und Satz: Mirjam Riepl

ISBN Print: 978-3-7076-0730-7

ISBN E-Book: 978-3-7076-0731-4

Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe in Print- oder elektronischen Medien

Inhalt

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Autorinnen und Autoren

I.

eins

du sagtest mir ich hätte es bald geschafft das Dunkle

zwei

mit Poesie lassen sich keine Rechnungen begleichen

was bedauerlich ist

wo doch den Dichtern reichlich Steine

von den Herzen purzeln

und sie endlich wieder aufatmen würden

ein und aus und ein und aus und überall

ein Rumpeln und Poltern

wiewohl die Leute gewiss an den Trockner oder die

Waschmaschine denken täten wieder ein paar Schaltkreise

im Eimer und womit bloß die Rechnungen begleichen

vielleicht dächten sie sich sogar schade

dass man nicht einfach ein paar Zeilen

auf den Kassebon kritzeln kann

etwas Höfliches und Freundliches

oder auch nur sinnlose Dadasilben

eine herzhafte Ehrdarbietung an den Kassier

den Regalbetreuer den Klempner den Elektriker

den Mechaniker gar Installateur

und alles wäre damit in trockenen Tüchern

wo doch Höflichkeiten oder auch bloß Dadanonsens

längst eine Mangelware darstellen

und wer wäre schließlich

nicht davon angetan dass einem jemand

ein paar Zeilen widmet

drei

mit Poesie lässt sich keine Welt verändern

was nur schwer erträglich ist

es wäre schon reizvoll

einen solchen Wandel mitzuverfolgen

er könnte sich wohl auch sehen lassen

Menschen die allesamt eine eigene Füllfeder besitzen

und Tintenflecken an den Händen oder sonst wo haben

keiner müsste sich ihrer groß schämen was einen

enormen Zeitgewinn mit sich brächte nicht

auszudenken was sich alles allein mit diesem

Zeitzuwachs bewerkstelligen ließe

man könnte am Ende ein Paradies erschaffen

mit Poesie lässt sich kein Klima beeinflussen

sie sagen alles würde weiterhin weniger werden

die Gletscher das Eis die Fischbestände die Schmetterlinge

die Urwaldpflänzchen die Edelkastanien die Bienen

und so fort

Poesie spräche die heutige Jugend nicht mehr an und

verändere nicht einmal

irgendwo das Raumklima sodass sich Einzelne mit

anderen wohler fühlen

und nicht ständig zu Boden

oder auf irgendein Display starren würden

um etwas zu lesen oder so zu tun als ob

um etwas zu schreiben oder so zu tun als ob

und falls sie doch wider Erwarten

noch lesen und schreiben

dann aber keine Poesie vielmehr

mir geht es heute nicht gut

mir fällt die Zecke auf den Kopf

mir ist langweilig und keiner beachtet mich

oder will hören was ich zu sagen habe

was für Arschlöcher

vier

mit Poesie lässt sich kein

Bundesrechenzentrum betreiben

da braucht es Daten und Fakten und Klartext der genau

das ausdrückt was man sagen will damit sich nicht

irgendwo etwas verhakt

damit alles seinem logischen Sinn und einer

Bestimmung zugeführt werden kann

die Menschen hätten da ein Recht darauf

dass so ein Bundesrechenzentrum

tadellos funktioniere dass alle ein mehr

oder weniger sauberes Hemd tragen

wenn sie die Formulare und Richtlinien

entgegennehmen weiterreichen aushändigen

hier wäre die Poesie so richtig fehl am Platz

wie der sprichwörtliche Luchs im Hühnerstall

mit Poesie lassen sich keinerlei Operationen durchführen

da würden sich Chirurgen Urologen und Co

ganz schön die Haare raufen

Poesie die an einem offenen Herzen

einer angeknacksten Harnröhre

oder gar im Kopf herumpfuscht

das wäre der Gesundheit nicht zuträglich

vielleicht wäre sie ein wenig bei der Psychoanalyse von

Nutzen das bisschen Gerede

und Geschreibsel auf der Couch da schadet es wohl

nichts wenn es auch nichts nützt

doch sei das bei der Homöopathie nicht anders

weiß auch keiner wozu das gut sein soll

doch versetzt der Glaube schließlich Särge

mit Poesie lässt sich auf der Autobahn keiner überholen

es lässt sich keiner ausbremsen

praktisch niemandem kann man beim

heim- oder zur Arbeit fahren eins auswischen

da kann man noch so viel

Poesie am Beifahrersitz bunkern

die setzt dort höchstens Laub an

was keinesfalls verboten ist doch irritierend bei

allfälligen Kontrollen bleibt das schon wahrscheinlich

macht einen das Laub sogar verdächtig

mit Poesie lässt sich kein Rund hinter

dem Ofen hervorlocken

wo es doch alle neuerdings mit Dreiecken

Quadraten und Ähnlichem haben

Ecken und Kanten machen

Biografien angeblich interessanter

ist auch so schwer genug mit und zwischen

all den ausdruckslosen Visagen

mit denen man sich arrangieren muss

auf jedem Bahnhof zeigen sie es einem vor

rangieren hin und her und koppeln was das Zeug hält

damit die richtigen Garnituren zueinander finden

um Fahrpläne überhaupt in Angriff nehmen zu können

um alle rechtzeitig dorthin zu bringen

wo sie mehr oder minder sehnsüchtig erwartet werden

Poesie kann da überhaupt nichts Produktives beitragen

fünf

mit Poesie lässt sich kein Herz mehr unter Strom setzen

es lässt sich kein Kribbeln im Bauch erzeugen

oder gar Gänsehaut

unmöglich bei der überall

leicht verfügbaren Elektrizität heutzutage

die vor gar nichts Halt macht

und ihre Steckdosenarmeen selbst

in die entferntesten Winkel entsendet

auf die Golanhöhen und in den Himalaya

nur Seelen kommen dabei nicht mehr zustande

früher vermochte Poesie noch alles

und heute vermag sie nichts

sie kann kein Trost kein Halt kein Pfand mehr sein

nicht einmal für einen Einkaufswagen

im Supermarkt langt sie

sie löst nichts und löst auch nichts aus

sie bringt nichts und bringt auch nichts ein

nicht die einfachsten alltäglichsten Dinge

Poesie baut keine Autobahnen sie leitet weder Flüsse um

noch fällt sie Bäume

sie stopft keine Tiere aus

und lässt niemanden ernsthaft hoffen

selbst die Unverbesserlichsten messen ihr

kaum noch Bedeutung bei

für diese bleibt sie bestenfalls eine Erinnerung

an frühere Zeiten

in denen Gesichter noch Gesichter

und Berührungen noch Berührungen waren

und selbst geflüsterte Worte untereinander etwas galten

mit Poesie lässt sich kein Brot backen

sie vertreibt keine Fliegen

oder anderes Ungeziefer

sie lässt keinen Politiker erbeben und

keinen Feldherrn innehalten

mit Poesie kann man sich nicht einmal zudecken

wenn kältere Tage kommen

sie ist keine Fernbedienung die einem das Gefühl gäbe

es selbst in der Hand zu haben einigermaßen heil aus

der ganzen Sache herauszukommen

sein Leben nicht vollends zu verschwenden

nicht wie die unnützen Nachbarn

mit ihren kläffenden Hunden

nicht wie die Frau im Hof nebenan

deren Leben um Lockenwickler

falsche Wimpern und High Heels kreist

nicht wie die Kinder vor dem Haus

die angeblich eine Schule besuchen und doch immer nur

die Eingangstür blockieren und einem unverblümt ins

Gesicht stieren und anschließend lachen oder tuscheln

oder beides oder in umgekehrter Reihenfolge erst

tuscheln und dann lachen lachen lachen

mit Poesie lässt sich keine Häme aufhalten

sie legt keine bissigen Hunde an die Leine

und hält freilich auch den Tod nicht von der Arbeit ab

was zugleich das einzig Gute an ihr ist

dass sie niemanden von etwas abhält

dass sich niemand auch nur einen Augenblick lang

von ihr ab- oder anhalten lässt

mit Poesie lassen sich keine Kühe melken

sie verbrennt keinen Müll und

entgiftet kein Wasser sie rettet keine Wale

und bringt keine Schätze zutage

Gold und Edelsteine alter Zivilisationen

denen sie einst wohl mehr galt

ich kann der Poesie wirklich gar nichts abgewinnen

sie kühlt kein Bier und

verhütet keine Schwangerschaften

sie hilft nicht bei Migräne und lässt

keinen Tremor außen vor

Poesie ist so nutzlos wie eingerissene Mundwinkel

wie geknickte Sonnenblumen wie undichte

Konservendosen wie abgelaufene Parkscheine

sie ist wie die letzte ihrer Art

unfähig sich selbst zu erhalten

sie ist wie der Eisbär zwischen rauchenden Schloten

sie ist wie der Kolibri über den Sojabohnenplantagen

sie ist wie der Buntfisch zwischen bleichen Riffen

deren Namen man längst vergaß

und die nur einen Wimpernschlag lang existierten

mit Poesie lässt sich kein schlechtes Gewissen erzeugen

nur den Unverbesserlichsten wird

etwas unbehaglich bei dem Gedanken

dass alles um sie herum immer weniger wird

dass die Natur nicht mehr

ganz so grün dass das Meer nicht mehr ganz so blau

dass die Sprache nicht mehr ganz so … doch ist nicht

weniger schon wieder mehr und was interessiert mich

die Nachwelt ich bin gegen- und widerwärtig

ich ich ich

mit Poesie lassen sich keine Bilanzen erstellen

sie ist kein Maßanzug kein Maßstab

keine Maßgeblichkeit sie formt kein politisches

oder sonstiges Bewusstsein

sie ist weder Heiland noch Heilbutt

sie lässt sich weder atmen

noch sonst wie gewinnorientiert verarbeiten

sie ist sogar so wertlos

dass man sie nicht einmal entsorgen muss

man kann sie immer und überall fallen lassen und selbst

jene Unverbesserlichsten werden nichts dagegen haben

sie ist die Rede und keinen schiefen Blick mehr wert

Poesie ist kein Yoga kein Zumba keine Erbschaft

und kein Gutschein am Woman Day

sie ist keine Brille mit der man etwas besser erkennt

sie ist eigentlich das Gegenteil von all dem

sie ist keine Fertigkeit kein Instrument keine Materie

sie ist kein Ding das etwas beweist nicht einmal

dass die Welt ohne sie besser dran wäre

sechs

mit Poesie lässt sich keine Jahreskarte

für die U-Bahn lösen

sie bringt einen an kein unmittelbares Ziel

wo jemand oder etwas wartet

sie ist nicht wie die Zeit der unzweifelhaft viele

eine Bedeutsamkeit zugestehen

Poesie lässt sich möglicherweise genauso wenig fassen

doch bleiben die Sekunden Minuten Stunden und Tage

ganze Lichtjahre vor ihr im Beliebtheitsranking

ja sie generiert sogar die allerwenigsten

Likes im World Wide Web

was schon wieder eine Klasse für sich sein müsste

mit Poesie lassen sich keine Schnürsenkel ersetzen keine

Schuhe zubinden oder Wunden versorgen

es sei denn man presst die beschriebenen Blätter

auf die noch blutenden Stellen am besten einen halben

oder lieber einen ganzen Lyrikband

wenn das Fleisch ordentlich ausgefranst ist

und die Misere irgendwie aufgetunkt werden muss

Papier und Poesie sind doch recht schnell zur Hand

bei näherer Betrachtung reicht

loses Papier allerdings vollends

noch besser sind wohl ein Laib Brot oder Kaisersemmeln

die eine beachtliche Saugfähigkeit aufweisen

was sich schon oft genug beim Gulascheintopf bewährte

mit Poesie lassen sich keine Baumgrenzen verschieben

weder nach oben noch nach unten

man kann das gar nicht oft genug vermerken

Poesie stellt keine Pannendreiecke auf

selbst lässlich fluchende Beifahrer

sind mir mittlerweile lieber als

ein paar rezitierte Verse oder zerknüllte

Gedichtpapierknäuel zwischen

dem Brems- und Gaspedal

Poesie geht mir auf keinen Fall unter die Haut

ein jeder spitze Gegenstand bekommt das besser hin

vielleicht gerät man mit ihr seltener in Schwierigkeiten

doch wer kann das schon ernsthaft anstreben wollen

mit Poesie erreicht man keinerlei Bergspitzen

ganz egal wie viel Wein und Zigaretten sich auch

im Rucksack befinden oder wie viele

Bergführer ein Gedicht aufsagen können

sofern sich überhaupt noch

welche auftreiben lassen die dazu in der Lage wären

Poesie ist keine Seilbahn kein Dach lässt sich mit ihr

begrünen die schütteren Haarkränze der Männer

verschüttern immer weiter und auch wenn sich Poesie

auf Dioptrie reimt sieht kein Mensch mit ihr mehr ein

und ja doch

selbst die schönsten Wesen werden

mit ihr nicht ansehnlicher

Poesie verhilft keiner Singdrossel zur Nachtigall und

keiner Feuerameise zum Steppenbrand

selbst an vergangenen Tagen brüteten keine Mauersegler

an der Berliner Mauer nur weil dort jemand

ein Gedicht versprühte

Poesie befähigt keine Kopffüßer zu Kopfbällen

auch Lamas verstehen Dilemmas keinen Tick besser

kein Tagpfauenauge erklärt den Tag zur Kathedrale

nur weil es voller Zuversicht über ein Gedicht segelte

mit Poesie lässt sich vor allem kein Selfie machen

sie zeigt weder dich noch mich wie wir wirklich sind

sie verdreht Sachverhalte

und übertreibt maßlos das schon

neuerdings betaste ich etwa den Reisebeutel als würde

ich seine inneren Organe ausmachen wollen als läge mir

etwas an seiner Gesundheit dabei bin ich nur zu faul

geworden nachzusehen ob noch alles an seinem Platz sei

ob ich nicht zum wiederholten Male die Geldbörse

liegen ließ oder die Lesebrille verlegte

mit Poesie lassen sich keine Zahnzwischenräume säubern