F. Scott Fitzgerald
Neu übersetzt von Kim Landgraf
Anaconda
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Die Kurzgeschichte The Curious Case of Benjamin Button erschien zuerst am 27. Mai 1922 in der Zeitschrift Collier’s, erste Buchausgabe 1922 in der Sammlung Tales of the Jazz Age.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.
© 2016 Anaconda Verlag,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Lektorat: Dr. Jan Strümpel, Göttingen
Umschlagmotiv: Egon Schiele (1890–1918),
»Rainerbub« (1910), Österreichische Galerie Belvedere, Wien / Bridgeman Images
Umschlaggestaltung: www.katjaholst.de
ISBN 978-3-7306-9134-2
V002
www.anacondaverlag.de
Um das Jahr 1860 war es noch üblich, zu Hause geboren zu werden. Heute haben die hohen Götter der Medizin, wie ich höre, bestimmt, dass die ersten Schreie der Kleinen in der narkotischen Luft eines Krankenhauses zu ertönen hätten, vorzugsweise in der eines vornehmen. Also waren die jungen Mr und Mrs Roger Button ihrer Zeit um fünfzig Jahre voraus, als sie eines Tages im Sommer 1860 entschieden, dass ihr erstes Kind in einem Krankenhaus geboren werden sollte. Ob diese Unzeitgemäßheit irgendeinen Einfluss auf die erstaunliche Geschichte hatte, die ich nun aufschreiben will, werden wir nie erfahren.
Ich erzähle Ihnen, was geschah, und lasse Sie selbst darüber urteilen.
Die Buttons befanden sich im Baltimore der Vorkriegszeit* gesellschaftlich wie finanziell in einer beneidenswerten Lage. Sie unterhielten Beziehungen zu der Familie Soundso und der Familie Dieunddie, was sie, wie jeder Südstaatler wusste, dazu berechtigte, sich zu jenen Heerscharen an Hochadel zu zählen, der die Konföderation damals im Wesentlichen bevölkerte. Die folgende Begebenheit war ihre erste Erfahrung mit der reizenden alten Sitte des Kinderkriegens – Mr Button war selbstverständlich nervös. Er hoffte auf einen Jungen, damit man ihn aufs Yale College nach Connecticut schicken konnte, jene Institution, an der Mr Button selbst vier Jahre lang unter dem recht naheliegenden Spitznamen »Manschette«* bekannt gewesen war.
An diesem Septembermorgen, dem gewaltigen Ereignis ganz und gar hingegeben, stand er ruhelos um sechs Uhr auf, kleidete sich an, rückte einen tadellosen Kragen zurecht und hastete durch die Straßen von Baltimore zum Krankenhaus, um nachzusehen, ob die Dunkelheit der Nacht ein neues Leben aus ihrem Schoß entlassen hatte.
Als er noch etwa hundert Meter vom Maryland Privathospital für Damen und Herren entfernt war, sah er seinen Hausarzt Doktor Keene die Eingangsstufen hinabsteigen und sich mit waschender Geste die Hände reiben – ganz wie es das ungeschriebene Ethos ihres Berufsstandes von allen Ärzten verlangte.
Mr Roger Button, Generaldirektor des Eisenwaren-Großhandels Roger Button & Co., begann auf Doktor Keene deutlich weniger würdevoll zuzurennen, als man von einem Südstaaten-Gentleman dieser malerischen Ära erwarten durfte. »Doktor Keene!«, rief er. »Ach, Doktor Keene!«
Der Arzt hörte ihn, drehte sich um und wartete, während seine strenge Mediziner-Miene einen seltsamen Ausdruck annahm und Mr Button sich näherte.
»Was ist passiert?«, fragte Mr Button, als er keuchend vor ihm stand. »Was ist es? Wie geht’s ihr? Ein Junge? Wer ist es? Was …«
»Reden Sie vernünftig!«, raunzte Doktor Keene ihn an. Er schien etwas ungehalten.
»Ist das Kind geboren?«, flehte Mr Button. Doktor Keene runzelte die Stirn. »Nun ja, durchaus, so kann man sagen … also, irgendwie schon.« Abermals warf er einen seltsamen Blick auf Mr Button.
»Geht es meiner Frau gut?«
»Ja.«
»Ist es ein Junge oder ein Mädchen?«
»Jetzt reicht’s aber!«, rief Doktor Keene in einem heftigen Ausbruch von Verärgerung. »Jetzt gehen Sie schon hinein und schauen Sie selbst nach. Empörend!« Er stieß das letzte Wort fast wie einen Einsilbler aus, dann wandte er sich ab und murmelte: »Glauben Sie etwa, dass ein solcher Fall meinem Ruf als Mediziner dienlich ist? Ein zweiter würde mich ruinieren … würde jeden ruinieren.«
»Was ist denn los?«, fragte Mr Button entsetzt. »Drillinge?«
»Nein, keine Drillinge!«, antwortete der Arzt scharf. »Und im Übrigen sollten Sie jetzt endlich gehen und selbst nachschauen. Und besorgen Sie sich einen neuen Arzt. Ich habe Sie zur Welt gebracht, junger Mann, und bin vierzig Jahre lang Hausarzt Ihrer Familie gewesen, aber jetzt reicht’s mir! Ich will weder Sie noch irgendjemanden aus Ihrer Verwandtschaft je wiedersehen! Leben Sie wohl!«
Dann drehte er sich abrupt um, stieg ohne ein weiteres Wort in seine Kutsche, die am Bordstein wartete, und fuhr rasch davon.
Mr Button stand wie betäubt auf dem Gehsteig und zitterte von Kopf bis Fuß. Was für ein grausames Unglück war geschehen? Plötzlich hatte er jedwede Lust verloren, das Maryland Privathospital für Damen und Herren zu betreten – und nur mit größter Mühe zwang er sich kurz darauf, die Stufen emporzusteigen und durch den Haupteingang zu gehen.
In der trüben Düsternis der Eingangshalle saß hinter einem Schalter eine Schwester. Mr Button überwand seine Scham und trat auf sie zu.
»Guten Morgen«, sagte sie und sah freundlich zu ihm auf.
»Guten Morgen. Ich … ich bin Mr Button.«