Rainer Fischer schreibt Kurztexte, Erzählungen und Experimentelles. 1992 »Jungen Literaturforum Hessen«. Bisher erschienen die Kurzprosa-Sammlung »Küchendienst in der Hölle«, der Roman »Der Kaktusforscher« und »Das Laubsägenmassaker – drei Erzählungen«.

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© 2020 Rainer Fischer

Alle Rechte vorbehalten.

Herstellung und Verlag: BoD - Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN 9783752630602

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Inhaltsverzeichnis

Köder

Der Köder war geschluckt. Ein Wurm oder eine Fliege oder wahrscheinlicher ein Nachbildung davon. Ich wusste, dass es ein Köder war. Ich wusste auch, dass die Schatten am Ufer, die sich kaum bewegen, Angler waren, und dass ein Angler mich nicht so ohne weiteres aus dem Wasser bekam, und wenn doch, dass dann nicht mehr viel zum Angeln bliebe. So konnte ich mich auf diese Kraftprobe einlassen. Andererseits wollte keiner Köder und Haken opfern und die Schnur durchtrennen, und so wurde ich den Angler ebensowenig los wie er mich.

Tatsächlich war das nicht der erste Köder, den ich geschluckt hatte, sondern der dritte oder der vierte, alle vor verschiedenen Ufern, von verschiedenen Anglern. Keiner der Angler hätte dem anderen den Fang gegönnt. Ihre Haken sind ineinander verfangen, glaube ich. Hätte einer versucht, mich mit aller Gewalt aus dem Wasser zu ziehen, müsste er seine Kollegen von den anderen Ufern ins Wasser ziehen.

Die Angelschnüre behinderten mich nicht sehr, nur manchmal, wenn ich gar nicht mehr daran dachte, riefen sie sich schmerzhaft wieder in Erinnerung. Die Köder sahen recht verlockend aus, waren aber meist unverdaulich,. Ich hätte sie auch ignorieren können, aber warum sollte ich mich immer nur verstecken und allem ausweichen. In diesem Teich war ich in meinen Bewegungen sehr beschränkt, konnte und wollte ihn aber nicht verlassen. Die Köder und Schnüre waren die einzigen Verbindungen zu anderen Welten und würden es bleiben, denn sie werden uns noch lange festhalten, die Angler und mich.

Bibliophilie

Mein erster Roman ›Der Werkspion streikt‹ hatte einigen Erfolg. Die Verkäufe waren gar nicht schlecht. Hier und da erschien eine wohlwollende Rezension, und der Verlag leitete mir einige Briefe von Lesern weiter. Die meisten davon waren lobend bis begeistert, nur zwei oder drei Besserwisser meinten, mich über gewisse fachliche Details belehren zu müssen. Die Geschichte spielte hauptsächlich in den technischen Büros eines Unternehmens. Zugegebenermaßen verstehe ich von den technischen Hintergründen nicht so viel wie meine Romanfiguren, mir ging es aber auch mehr um die menschlichen Wechselwirkungen. Dazu schrieben mir einige Leser, dass sie in ihrem Arbeitsleben ganz ähnliche haarsträubende Dinge erlebt hätten. Anhand der Fanpost hätte ich glatt eine Fortsetzung schreiben können.

Mein Werkspion lernte in einem Handlungsstrang – der Roman hat mehrere ineinander verschlungene, er ist gleichsam multitaskingfähig – eine Frau kennen, die beiden fingen eine stürmische Beziehung an, die Frau machte schließlich wieder Schluss mit ihm, und die zwei tauschten danach einige Briefe aus, in denen sie miteinander abrechneten. Diese relativ konventionelle Nebenhandlung betrachtete ich nicht unbedingt als den besten oder originellsten Teil des Romans. Eine Leserin namens Sandra schrieb mir, dass ihr das Buch gar nicht so schlecht gefallen habe, diese Briefe allerdings hätten sie sehr fasziniert, weil sie sich so echt gelesen hätten, sie habe genau dasselbe auch schon durchgemacht.

Die Leserbriefe habe ich alle beantwortet, in der Regel nur kurz, aber immerhin persönlich und jeden individuell. Sandra bekam eine etwas längere Antwort, auch, weil sie außer ihrem Lob zur Abschiedsbriefgeschichte noch ein paar kluge Bemerkungen zu anderen Themen im Roman geschrieben hatte, darunter ein paar kritische Punkte, bei denen sie nicht ganz unrecht hatte.

Kurze Zeit später schickte mein Verlag einen neuen Brief von Sandra. Sie habe sich sehr über meine Antwort gefreut. Sandra schrieb weiter: »Ich habe die Briefe aus dem ›Werkspion‹ noch einmal gelesen, und es ist schon unheimlich, dass sie teilweise bis in den Wortlaut mit meinen eigenen übereinstimmen, die ich meinem langjährigen Freund geschickt habe, nachdem er mit mir Schluss gemacht hatte. Und mit denen, die ich bekommen habe. Meine Briefe habe ich damals auf dem Computer geschrieben und ausgedruckt mit der Post verschickt. Auf einer alten Sicherungs-CD habe ich die Kopien noch gefunden und mit den Briefen im Buch verglichen. Sind Sie sicher, dass wir uns noch nie getroffen haben?«

Sandra lebte in Bremen. Ich war jedoch in meinem ganzen Leben selten in Norddeutschland gewesen und in Bremen noch nie. Die letzte Sandra, die ich gekannt hatte, war in meine Grundschulklasse gegangen.

Mein Verlag hatte recht kurzfristig eine paar Lesungstermine für mich organisieren können, und der erste fand in einer Buchhandlung ausgerechnet in Bremen statt. Das war mir sehr recht, ich musste daran arbeiten, bekannter zu werden, und Bremen war überdies mit dem Zug bequem zu erreichen.

Ich schrieb Sandra noch einmal und lud sie zu meiner Lesung ein, bekam aber keine Antwort.

Die Reise nach Bremen verlief ganz angenehm. Ich wurde vom Bahnhof abgeholt und sehr nett empfangen. Die Lesung fand in der Filiale einer Buchhandelskette statt, deren Leiterin als Gastgeberin fungierte. Sie veranstaltete vorher einen Rundgang durch die Innenstadt und zeigte mir den Roland, der größer war, als ich erwartet hatte, und die Bremer Stadtmusikanten, die ich ziemlich klein fand. Ich mochte das Märchen, schon wegen des Satzes: »Etwas Besseres als den Tod findest du überall.«

Im Eingangsbereich der Buchhandlung gab es genug Platz für die vielleicht fünfzig Leute, die gekommen waren. Ich las zwei ältere und einen neuen Kurztext, vor allem aber Auszüge aus ›Der Werkspion streikt‹. Es war nicht meine erste Lesung, daher fand ich das Publikum recht normal, nur wenige junge Leute waren da. Die meisten Zuhörer wirkten etwas verkrampft kulturbeflissen. Wenn ich ins Publikum blickte, fragte ich mich, ob Sandra gekommen war, und welche der anwesenden Frauen sie sein könnte. Ich wusste nicht, wie alt sie war, wie sie aussah, sie konnte allein gekommen sein, mit einer Freundin oder mit einem Mann.

Das Publikum lachte an einer nicht komischen Stelle. Ich musste mich verlesen oder versprochen haben. Den letzten Satz wiederholte ich richtig und versuchte, mich nur noch auf den Text zu konzentrieren. Als ich fertig war, wurde das Publikum eingeladen, Fragen zu stellen und Kommentare abzugeben. Es gab lobende Worte über die geistreiche Sprache, die überraschenden Wendungen und die scharfsinnigen Beobachtungen aus dem Arbeitsleben und mehrmals die Frage, ob ich das selbst so erlebt habe. Ich antwortete sinngemäß, dass es darauf nicht ankäme, da derartiges jedem jeden Tag passieren könne. Ein Frau meinte, die Motivation des Werkspions sei widersprüchlich, wozu sie zwei verschiedene Stellen im Roman anführte.

Das musste Sandra sein, sie sprach, wie sie schrieb. Obwohl ich sie mir anders vorgestellt hatte, eher wie einen Bücherwurm oder wie eine Studienrätin. Wie hatte ich sie vorher nicht bemerken können! Mich um Fassung bemühend antwortete ich, der Werkspion sei eben kein eindimensionaler Charakter, und mir sei es darauf angekommen, Erwartungen und Assoziationen beim Lesen zu wecken, weniger einen streng logischen Ablauf zu konstruieren.

Einige Gäste ließen sich ihr Buch signieren, als letzte Sandra. Ohne sich vorzustellen hielt sie mir das Buch hin und bat maliziös lächelnd um eine Handschriftprobe. Ich schrieb ihr einige Zeilen ins Buch, und erklärte, dass die Briefe nichts mit ihr zu tun hatten. Ich konnte ihr in Bremen nie begegnet sein, in Hamburg nicht, wo sie studiert hatte, und auch sonst hatten sich unsere Lebenswege nie gekreuzt. Schade eigentlich, ich hatte lange kein so anregendes Gespräch mehr geführt. Dummerweise wollte meine Gastgeberin mich, eine Kollegin und einen Reporter, der ein paar Zeilen über die Lesung schreiben wollte, noch ausführen, um eine Kleinigkeit zu essen und zu trinken. Also gab ich Sandra kurz entschlossen meine Telefonnummer und verabschiedete mich.

Die nächsten Lesungen in Oldenburg, Lübeck und Peine waren eher lauwarm. Das Publikum erschien mir eher mäßig interessiert und weniger wohlwollend. Vielleicht war man in kleineren Städten nicht so aufgeschlossen für moderne Literatur, vielleicht sind mir die Norddeutschen überhaupt zu unterkühlt. Vielleicht habe ich es auch nur so wahrgenommen, weil ich nicht recht bei der Sache war, als habe Sandras Blick mich aufgespießt und nicht mehr losgelassen. Immerhin signierte ich jeden Abend einige Bücher und konnte mich mit Lesern und Buchhändlern unterhalten.

Kaum saß ich im Zug von Peine nach Hannover, klingelte mein Smartphone. Sandra war dran und meinte, sie habe angenommen, mich auf einer Lesereise am besten tagsüber erreichen zu können. Ob ich Lust hätte, sie wiederzusehen? Ich hatte ein paar Monate vorher eine Trennung durchlebt, die mit denen im ›Werkspion‹ verarbeiteten Erfahrungen zwar nichts mehr zu tun hatte, mich aber auch ziemlich mitgenommen hatte. Sandra war eigentlich nicht mein Typ, irgend etwas faszinierte mich aber an ihr. Also versprach ich ihr, am kommenden Samstag wieder nach Bremen zu kommen.

Wir hatten einen hinreißenden Samstag, gingen zusammen essen, spazieren und in eine Ausstellung, hatten endlose Gespräche über Literatur, Kunst, Kino und Musik. Und über uns. Es kam mir vor, als habe ich in den wenigen Stunden mehr erlebt als sonst in Monaten. Von vorn herein war klar gewesen, dass ich mit dem letzten Zug nach Hause fahren würde, aber immerhin küssten wir uns zum Abschied. Jeden Abend telefonierten wir lange, bis am nächsten Samstag Sandra zu mir kam.

Zum Schreiben war ich in dieser Woche kaum gekommen, abends hing ich am Telefon, tagsüber überlegte ich, was ich mit Sandra unternehmen wollte, wohin wir gehen, was ich ihr zeigen könnte. Für andere Dinge hatte ich kaum noch Aufmerksamkeit übrig.

Der Anblick der Frau, die am Samstag aus dem Zug stieg, faszinierte mich aufs Neue, ohne dass ich genau sagen konnte, warum. So viele tiefe Gespräche hatte ich schon mir ihr geführt, aber irgend etwas an ihr kam mir plötzlich fremd vor.

Das Fremde verging fast so schnell wie es gekommen war, wir verbrachten einen aufregenden Nachmittag. Ich las ihr ein paar neue Sachen vor und ich zeigte ihr einige Orte, die im ›Werkspion‹ ein Rolle spielten oder mich inspiriert hatten.

Als wir abends in meinem Lieblingsrestaurant saßen, fing sie wieder mit dem Thema an, dass sie seit einiger Zeit nicht mehr angesprochen hatte:

»Und du bist sicher, dass du dir die Briefe in deinem Roman nur ausgedacht und nicht vorher mal so etwas gelesen hast?«

»Nein, Sandra, das habe ich dir doch erklärt. Die Briefe basieren lose auf meiner Korrespondenz am Ende einer Beziehung, das liegt auch alles schon Jahre zurück. Vielleicht steht im Buch auch das, was ich damals hätte schreiben sollen. Oder was ich fürchtete, noch geschrieben zu bekommen.«

»Schreiben als Eigentherapie, mal wieder. Ja, vielleicht. Aber ich komme immer noch nicht darüber hinweg, dass ich die Briefe schon vorher bis in den Wortlaut gekannt habe.«

Wir hatten an diesem Punkt schon eine Flasche Rotwein getrunken, ich mehr als sie, und dass sie das Thema wieder aufbrachte, reizte einen Nerv bei mir. Sie bedrohte die ganze schöne Atmosphäre zwischen uns.

»Weißt du«, sagte ich, »ich hatte da mal einen Freund, mit dem ich manchmal einen feuchtfröhlichen Abend verbracht habe. Eines Abends haben wir uns über unsere Frauengeschichten ausgetauscht, und er hat mir zum Spaß aus alten Liebesbriefen vorgelesen. Das muss dann wohl dein Exfreund gewesen sein.«

Sandras Blick wurde hart. »Ich wusste doch, dass da etwas nicht stimmt!«

»Weißt du noch, vorhin in der Ausstellung, als wir über found objects gesprochen haben, und über das Element des Zufälligen in der Kunst? Ich hatte mal eine Phase, in der ich in dieser Richtung experimentiert habe. Über und mit Fundsachen habe ich geschrieben, gern mit Zeitschriften und Papieren, die ich aus Altpapiercontainern gefischt habe. Einmal habe ich eine Papiertüte mit einem Stapel Briefe gefunden, die ich später gut für meinen Roman gebrauchen konnte.«

»Machst du dich gerade über mich lustig?«

»Ja, ein bisschen.«

»Ich glaube, du erzählt mir die Wahrheit absichtlich so, dass ich sie nicht glauben soll. Hast du vielleicht noch eine dritte Variante?«

»Nein, Sandra. Entschuldige bitte meine dummen Witze, aber zu dem Thema gibt es nichts mehr zu sagen. Es ist einfach Zufall oder meinetwegen Geistesverwandtschaft, wenn wir dieselben Dinge geschrieben haben.«

Sandra bestellte eine weitere Flasche, und wir kamen über die Themen Geistesverwandtschaft und Synchronizität auf die eigenartigsten psychologischen Fragen zu sprechen. Am Ende waren wir ziemlich angetrunken. Sandra übernachtete auf meinem Sofa und fuhr nach einem späten Frühstück nach Hause.

Am Sonntag und Montag Abend ging sie nicht ans Telefon. Am Dienstag lag ein Brief von ihr in der Post, ausgedruckt und von Hand unterschrieben:

»Tatsächlich sind wir geistesverwandt. Wir interessieren uns beide für so viele gleiche Dinge. Ich sehe bei dir so viel, das ich von mir kenne, ungewöhnliche Gedanken, phantastische Pläne, die großen Entwürfe mit dem Pfusch im Detail. Vor allem aber das nicht-richtig-dazu-Stehen. Wenn Kritik kommt, weichst du aus oder ergehst dich in Plattitüden oder Witzeleien, um dein Gegenüber zu verwirren. Man kommt nie an den Kern. Das sind alles Sachen, die ich an mir seit Jahrzehnten versuche zu ändern. Bei mir funktioniert das, aber nur, solange mich niemand wieder mit solchem Verhalten infiziert. Wir zwei sind wie füreinander gemacht, prädestiniert für eine gemeinsame Trennung.«

Aus der Traum. Ich würde eine Geschichte daraus machen.

Buchvergiftung

Jemand hatte mir das Buch empfohlen, aber ich wusste nicht mehr wer. Die ›Aufzeichnungen eines Getäuschten‹ hatte ein russischer Autor unter Pseudonym veröffentlicht. Ich hatte gehofft, es würde mir neue Impulse für meine literaturwissenschaftliche Arbeit geben, die in letzter Zeit auf der Stelle trat. Grundsätzlich war mir das Buch sympathisch. Die Sprache gefiel mir, das Buch war in einem witzigen und gleichzeitig betulichen Plauderton erzählt. Eine richtige Handlung entwickelte sich nicht, viele Personen kamen nicht vor, dafür sehr interessante Gedanken über das Leben, die Kunst, Gott und die Welt und alles mögliche. Die Seiten füllten sich mit Erinnerungen an Menschen, Häuser, Bäume und anderes, Beschreibungen vom Wodkatrinken mit einem Ofensetzer, von der Teegesellschaft einer kaukasischen Kaufmannstochter und vom Grillen mit einem georgischen Bergbauingenieur, alles voller schön beobachteter, überraschender Details.

All diese Beschreibungen führten zu nichts, außer zu einer leichten Benommenheit bei mir als Leser. Ständig hatte ich das Gefühl, etwas Wichtiges für den Fortgang und das Verständnis zu verpassen, weil ich Mühe hatte aufmerksam zu bleiben. Meine Gedanken schweiften ab zu Dingen, die mir heute passiert waren, mir fiel ein, was ich morgen erledigen sollte oder was mir vor Jahrzehnten begegnet war. Dann zwang ich mich wieder zur Konzentration auf das Buch, teils zum Zurückblättern und zum noch einmal Lesen.

Nach fünfzig Seiten schien eine Rahmenerzählung abzubrechen, die die Entstehung des Buches beschrieb. Danach wurde über jemanden in der dritten Person in einer anderen Umgebung erzählt,, aber eigentlich ging es weiter wie zuvor – wenig Handlung, viele Beschreibungen, Erinnerungen und Gedanken. Zwischendurch und am Ende meldete sich der Autor wieder.

Was war das, ein Roman, Autobiographisches, ganz freie Prosa? Ob der Autor ein zweites Buch veröffentlich hat, war nicht in Erfahrung zu bringen. Möglicherweise hatte hier ein gar nicht mal Unbekannter ein Experiment oder etwas zu Persönliches veröffentlicht, dass er von seinem Hauptwerk fern halten wollte.

Als ich die ›Aufzeichnungen eines Getäuschten‹ ausgelesen hätte, war ich nicht in der Lage, eine Zusammenfassung zu geben, nichts, dass über vage Eindrücke und Stimmungen hinausgegangen wäre. Mir war der Autor sehr sympathisch, das Buch jedoch bereitete mir Unbehagen, das schlechte Gefühl, dass ich nicht in der Lage war, es zu verstehen.

Danach wählte ich ein komplett anderes Buch, das mir allerdings auch noch unbekannt war, ein längst nicht mehr neuer, dystopischer Roman einer österreichischen Autorin, der eine strikt regulierte, weil überbevölkerte Gesellschaft entwarf, die sich nur durch Isolation der einzelnen Menschen vor sich selbst retten konnte. Eine düstere, karge, handlungsarme Erzählung, die sich in Abstraktionen und kunst-vollen Wiederholungen und Variationen erging. Und wieder hatte ich Mühe, der Lektüre zu folgen. Ich füllte die Andeutungen des Textes mit eigenen Erinnerungen und schon war ich aus der Geschichte raus. Jedes der wenigen Details aus der engen Behausung des Helden entstand plastisch in meinem Kopf und wirkte so heimatlich, dass ich am liebsten mit ihm getauscht hätte. Das lief mit Sicherheit den Intentionen der Autorin zuwider, falls ich diese richtig erfasste. Wahrscheinlich wollte sie vor einer überregulierten Gesellschaft warnen, ich fand aber, dass die kafkaesken Instanzen ihr Möglichstes taten, um Schaden vom Einzelnen in dieser verfahrenen Lage fernzuhalten, vielleicht ein bisschen ruppig und manipulativ, aber manchmal wünschte ich mir so viel Konsequenz in den Regeln, die das echte Zusammenleben heute ordnen mussten.

Wahrscheinlich hätte ich dieses Buch gleich noch einmal lesen sollen, um die Dinge, die mir entgangen waren oder die ich falsch aufgefasst hatte, endlich richtig zu verstehen. Meine Aversion dagegen war entschieden zu stark.

Um das richtige, aufmerksame, lustvolle Lesen wieder zu lernen, las ich wieder einige meiner Lieblingsbücher, die ich fesselnd und gut erzählt fand, Hermann Hesse, Philip K. Dick, einen Band Gruselgeschichten von Edgar Allen Poe, und am Ende ein altes Kinderbuch, bloß nichts zu Modernes, Überambitioniertes – aber es war immer dasselbe, meine Konzentration war dahin, ich kam immer wieder von der Geschichte ab und vergaß die Zusammenhänge. Ich hatte mich angesteckt, mir eine unheilbare Leseschwäche zugezogen.

Hellsehen

Auf dem Heimweg von der Arbeit reihte ich mich, als ich die Bundesstraße verlassen musste, wie immer auf der Linksabbiegerspur ein. Der weiße Toyota, der seit der Autobahn dicht hinter mir hergefahren war, schob sich rechts an mir vorbei. Für einen Sekundenbruchteil fühlte ich so etwas wie Herzrasen. Ich verkürzte trotzdem den Abstand zum Vordermann, bis ich eigentlich schon viel zu nah aufgefahren war, da wechselte der Toyota ohne zu blinken die Spur und drängelte sich vor mich. Ich musste bremsen. Woher hatte ich gewusst, dass er das tun würde? Das Nummernschild sagte mir nichts, außer, dass er hier aus der Gegend kam. Ansonsten war an dem Wagen nichts Wiedererkennbares, keine Aufkleber oder Beulen. Ich konnte ihn kaum als rücksichtslosen Drängler in meinem Hinterkopf gespeichert haben. Wenn es ein schwarzer BMW oder Audi gewesen wäre, wäre das Vordrängeln nicht ungewöhnlich gewesen. Hatte ich das rücksichtslose Manöver vorausgeahnt, weil er vorher so dicht aufgefahren war, oder hatte er es, als er an mir vorbei fuhr, durch eine kleine Bewegung zur Seite schon vorher angedeutet? Das war jetzt unmöglich zu beantworten.

Später am Abend schaltete ich mich durch die Kanäle im Fernseher und blieb, weil nirgendwo etwas Interessanteres lief, bei einem Fußballspiel hängen. Irgendein Sportkanal übertrug ein Spiel aus einer Regionalliga. Ein Stürmer der Blauen schoß auf’s Tor und traf den Arm eines weißen Verteidigers. Es gab einen Elfmeter wegen Handspiel. Ruhig beobachtete ich, wie der blaue Schütze den Ball knapp über die Latte jagte. Das Spiel wogte hin und her, bis es einen Eckball für die Weißen gab. Vor dem Tor der Blauen drängten sich die Spieler beider Mannschaften. Als der Weiße zum Eckball anlief, wurde ich plötzlich nervös und wusste, woher auch immer, dass jetzt ein Tor fallen würde. Der Eckball wurde kurz ausgeführt auf einen Spieler, der sich an der Strafraumgrenze freigelaufen hatte und ihn auf einen weiteren Spieler weiter passte, der den Ball an der Spielertraube vorbei im Tor versenkte.