DER AUTOR
© Danny Fitzpatrick
CHRIS BRADFORD recherchiert stets genau, bevor er mit dem Schreiben beginnt: Für seine neue Serie »Bodyguard« belegte er einen Kurs als Personenschützer und ließ sich als Leibwächter ausbilden. Bevor er sich ganz dem Bücherschreiben widmete, war Chris Bradford professioneller Musiker und trat sogar vor der englischen Königin auf. Seine Bücher wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Chris Bradford lebt mit seiner Frau, seinen beiden Söhnen und zwei Katzen in England.
Bereits erschienen:
Band 1: Bodyguard – Die Geisel
Band 2: Bodyguard – Das Lösegeld
Band 3: Bodyguard – Der Hinterhalt
Mehr Informationen zur Bodyguard-Serie unter:
www.cbj-verlag.de/bodyguard
CHRIS BRADFORD
IM FADENKREUZ
Aus dem Englischen von
Karlheinz Dürr
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Erstmals als cbj Taschenbuch September 2016
© 2016 der deutschsprachigen Ausgabe
cbj Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
© 2016 Chris Bradford
Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »Target«
bei Puffin Books, einem Imprint von Penguin Books Ltd., Uk
Übersetzung: Karlheinz Dürr
Lektorat: Andreas Rode
Umschlaggestaltung: semper smile, München
Umschlagmotiv: © Cover art by Larry Rostant
represented by Artist Partners
MP · Herstellung: UK
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN 978-3-641-18721-7
V007
www.cbj-verlag.de
Meinem Patenkind Lucinda gewidmet –
immer für dich da
PROLOG
Die heiße Sonne Kaliforniens funkelte auf den Hochglanz-Alufelgen des SUV, der durch die stille Vorortstraße kreuzte. Der Mann hinter dem Steuer entdeckte ein Schulmädchen, das den Gehweg entlanghüpfte; sein Blick wurde automatisch zu ihrem goldblonden Pferdeschwanz gezogen, der vergnügt hin und her wippte. So sorglos und unbekümmert, wie sie die Straße entlanglief, konnte sie bestimmt nicht älter als zehn sein.
Nach einem schnellen Blick in den Rückspiegel ging er vom Gas. Er war fast gleichauf mit dem Mädchen, als plötzlich eine Stimme rief: »Charlotte!«
Charlotte blieb stehen und drehte sich um. Ein weiteres Mädchen erschien unter dem Portikus eines großen Hauses, klein und zierlich, mit mandelförmigen Augen. Sein rosafarbener Rucksack hüpfte weit auf den Schultern hoch, als es quer über den ausgedorrten Rasen rannte.
» Kerry!«, rief Charlotte zurück.
Ihre Freundin strahlte sie an, und man konnte sehen, dass sie eine Zahnspange trug. »Hi – dein Chinesisch wird immer besser.«
»Ich lerne auch viel«, sagte Charlotte, während der SUV unbemerkt davonglitt.
»Willst du noch mehr lernen?«, fragte Kerry.
»Ja, klar!«, gab Charlotte eifrig zurück. »Dann könnten wir es in der Schule als unsere Geheimsprache benutzen!«
»Cool.« Kerry beugte sich näher und flüsterte: »Eine Beste-Freundin-Geheimsprache.« Sie hielt die Hand hoch, mit dem kleinen Finger abgespreizt. »Freundinnen auf ewig?«
Charlotte hakte ihren kleinen Finger um Kerrys Finger. »Freundinnen auf ewig.«
Dann gingen sie Hand in Hand weiter. Der silberfarbene SUV mit den getönten Scheiben hatte inzwischen an der nächsten Kreuzung angehalten; als die Mädchen an dem Fahrzeug vorbeigehen wollten, wurde die Beifahrertür aufgestoßen.
»Entschuldigt, Girls«, sagte der Fahrer mit ratloser Miene. »Könnt ihr mir vielleicht helfen? Ich habe mich verfahren.«
Die beiden Mädchen starrten den Mann an, bemerkten den kahlen Schädel, die geröteten Wangen und die Ansätze eines Doppelkinns. Sein Akzent klang eigenartig, und Charlotte fragte: »Sind Sie aus England?«
Der Mann nickte. »Mache hier Urlaub. Ich wollte mich mit meiner Tochter im Disneyland treffen, aber ich habe wohl auf dem Highway die richtige Ausfahrt verpasst.«
»Dann haben Sie sich aber wirklich total verfahren«, sagte Kerry. »Disneyland ist nämlich in Anaheim, und hier sind wir in North Tustin.«
Der Mann seufzte, hob kurz eine Straßenkarte vom Beifahrersitz hoch und warf sie frustriert wieder hin. »Amerikanische Straßen! Fast so breit, wie sie lang sind. Könnt ihr mir zeigen, wo genau ich jetzt eigentlich bin?«
»Klar«, nickte Kerry und beugte sich über die Karte.
Der Mann schien zu zögern, warf einen nachdenklichen Blick auf Charlotte, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Kerry zu.
Charlotte bemerkte einen kleinen, leuchtenden Monitor auf dem Armaturenbrett. »Aber Sie haben doch ein Navi! Das zeigt Ihnen doch, wo Sie hinfahren müssen, oder?«
Der Mann antwortete mit gezwungenem Lächeln. »Keine Ahnung, wie das Ding funktioniert. Das ist ein Mietfahrzeug.«
Charlottes Augen verengten sich misstrauisch. Die Erklärung klang nicht sehr überzeugend, sogar ihr Dad konnte mit einem Navi umgehen. »Kerry, ich glaube, wir sollten jetzt weiter …«
Doch bevor Kerry reagieren konnte, rammte ihr der Mann plötzlich einen Elektroschocker in den Nacken. Kerry schrie auf, ihr Körper zuckte heftig, als ein Stromstoß mit einer Viertelmillion Volt durch ihren Körper schoss. Ihre Augen verdrehten sich, die Beine knickten weg und sie fiel mit dem Oberkörper auf den Beifahrersitz. Der Mann packte die Rucksackgurte, riss Kerry mit einem brutalen Ruck in das Auto und stieß sie in den Fußraum.
Charlotte stand wie erstarrt. Sie versuchte nicht, Kerry festzuhalten, rief nicht um Hilfe. Sie verfolgte mit angehaltenem Atem, wie die Beifahrertür hinter ihrer besten Freundin zuschlug. Der starke Motor heulte auf und der SUV schoss davon, bog um die Ecke und verschwand im dichten Berufsverkehr.
KAPITEL 1
Vier Jahre danach
Charley blickte zu der dünnen Horizontlinie hinaus, die das Meer vom Himmel trennte. In der heißen Sonne wartete sie auf das charakteristische Kräuseln, das allmählich zu einer perfekten Welle anschwellen würde – zu einer Welle, auf der man surfen konnte. Doch während der Ozean sanft gegen ihr Surfboard plätscherte, lief Charley ein unbehaglicher Schauder über den Rücken.
Instinktiv blickte sie sich um, sah aber nur die Köpfe ein paar anderer Surfer, die im Wasser auf und ab schaukelten und auf eine wenigstens halbwegs ordentliche Welle warteten. Charley schüttelte das düstere Gefühl ab und konzentrierte sich wieder auf den Horizont. Diesen herrlichen Tag wollte sie sich nicht von alten Erinnerungen verderben lassen.
Sie surfte, um zu vergessen.
Hier draußen auf dem Meer verschwand der Rest der Welt. Hier gab es nur noch sie, ihr Board und die Wellen.
Das leichte Kräuseln in der Ferne hatte sich zu einem vielversprechenden Swell entwickelt. Charley spritzte sich Salzwasser ins Gesicht und fuhr mit den Händen durch ihr sonnengebleichtes Haar – beides half ihr, sich zu konzentrieren. Doch dann hörte sie einen Namen, den sie für alle Zeiten hinter sich gelassen hatte. Jedenfalls hatte sie das geglaubt – bis zu diesem Augenblick.
»Hey, Charlotte!«, rief eine Stimme. »Charlotte Hunter?«
Charley drehte sich um. Ein junger, sonnengebräunter Surfer paddelte auf sie zu und ging längsseits. Niemand hatte sie Charlotte gerufen, seit sie von North Tustin nach San Clemente an der Küste gezogen war.
»Du bist es wirklich!«, verkündete er triumphierend und setzte sich rittlings auf sein Board. Ein wirrer sandfarbener Haarschopf fiel ihm halb über die Augen, darunter war ein offenes, freundliches Lächeln zu sehen. Es wurde nicht erwidert. Der Junge mochte zwei Jahre älter sein als Charley und trug ein enges schwarzes Neopren-Shorty, das seinen eindrucksvollen Körperbau betonte.
So gut er auch aussehen mochte: Sie kannte ihn nicht und antwortete deshalb kühl: »Sorry, aber du verwechselst mich mit jemandem.«
Der junge Surfer schaute sie aufmerksam an. »Nein, tu nicht so, du bist es. Ich hab dich im vorletzten Sommer bei der Quiksilver Surf Championship gesehen. Du warst absolut phänomenal! Hast völlig verdient gewonnen. Um solche Top Turns zu fahren, muss man echt was draufhaben. Und dein finaler Kickflip war einfach genial!«
Charley, von seinem Lob für den Augenblick aus der Fassung gebracht, murmelte nur etwas, das sich wie »Danke« anhörte, und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der herannahenden Welle zu.
Offenbar kapierte er nicht, was sie ihm damit klarmachen wollte. »Und wo hast du dich die ganze Zeit versteckt?«, fragte er hartnäckig. »Nach dem Sieg bist du praktisch vom Radarschirm verschwunden.«
Ohne den Blick von der Welle abzuwenden, gab sie zurück: »Kurz danach kamen meine Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.« Es kostete sie Mühe, die Trauer aus ihrer Stimme fernzuhalten.
Der Surfer öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Eine peinliche Pause entstand, nur das Plätschern der Wellen an den Boards und am Ufer war zu hören.
Noch immer brauchte Charley ihre gesamte Willenskraft, um die Verzweiflung niederzukämpfen, die sie plötzlich wieder zu überwältigen drohte. Als sei es nicht schon genug gewesen, dass ihre beste Freundin vor ihren Augen entführt und nie mehr gefunden worden war, war keine zwei Jahre später auch noch das Flugzeug ihrer Eltern von Terroristen entführt worden. Ihre Eltern waren damals ums Leben gekommen. Zwei Tragödien, an denen Charley beinahe zerbrochen wäre.
Charley starrte die Welle an, drängte sie förmlich mit ihrer Willenskraft, sich schneller heranzuwälzen. Sie musste in ihren Pocket kommen, in den Bereich der Welle, der bereits gebrochen sein würde. Nur wenn sie sich einer Herausforderung stellte, die sie bis an die Grenze ihres Könnens brachte, würde es ihr gelingen, jeden Gedanken an ihre Eltern und an Kerry von der schieren Gewalt des Ozeans buchstäblich wegspülen zu lassen.
»Sei mir nicht böse, aber ich surfe am liebsten allein«, sagte sie, während sie ihr Board auf die herannahende Welle ausrichtete.
»Klar, verstehe ich«, sagte der junge Surfer betont gleichgültig. »Aber wenn du mal ein bisschen abhängen willst – wir haben heute Abend eine Strandparty. Äh, übrigens, ich heiße Bud …« Aufgeregtes Hupen von der Küstenstraße unterbrach ihn. »Was ist denn jetzt los? Drehen die durch oder wie?«, fragte er verblüfft.
Charley blickte sich um – und beide bemerkten gleichzeitig eine riesige Rückenflosse, die elegant durch die Wellen schnitt.
Vom Ufer war ein Schrei zu hören: »HAI!« Das Wort jagte jedem Surfer im Wasser einen Schock durch den Körper.
»Komm, wir hauen ab!«, rief Bud und begann, wie wild zum Ufer zu paddeln – wie jeder andere vernünftige Surfer.
Bis auf Charley. Sie blieb, wo sie war. Hai oder kein Hai, sie war entschlossen, auf ihre Welle zu warten. Denn die Woge hatte sich zu einer wahren Schönheit aufgetürmt – mächtig, riesig, glasig, die perfekte A-Frame. In ihrem bisherigen Leben hatte sie eins gelernt: dass das Schicksal die Karten längst ausgeteilt hatte. Was passieren würde, würde sie nicht mehr ändern können. Diese Tatsache nahm ihr zwar nicht die Angst vor dem Hai, aber sie half ihr, die Gefahr realistisch einzuschätzen.
Sie behielt die unheilvolle Rückenflosse genau im Auge, bis sie plötzlich im Wasser verschwand. Wenigstens kannte sie jetzt die Ursache für ihre innere Unruhe.
Der Swell rollte hinter ihr heran, Charley begann zu paddeln. Sie spürte, wie sich der Ozean anhob, fühlte die ungeheure Energie der Welle, die sich unter ihr aufbaute. Schon verspürte sie die Erregung, die durch ihre Adern pulsierte, als das Board schnell an Fahrt gewann – und gerade, als sie aufspringen wollte, brach der Hai durch die Wasseroberfläche. Ein großer Weißer Hai, ungefähr vier Meter lang.
Im ersten Schock wäre Charley beinahe vom Brett gestürzt. Schlagartig wurde ihr klar, dass sie sich durch ihre Surfbegeisterung in Lebensgefahr gebracht hatte; sie hatte ihren Überlebensinstinkt buchstäblich ausgeschaltet. Aber der Hai interessierte sich gar nicht für sie, sein Ziel war ein junger Surfer auf einem Longboard, der schon viel näher an der Küste war. Charley verfolgte in atemlosem Entsetzen, wie der große Raubfisch auf seine Beute zujagte, wie er die gewaltige Schnauze mit den messerscharfen Zahnreihen weit öffnete und den Jungen mitsamt dem Board mit sich in die Tiefe riss.
Charley hatte inzwischen ihr Gleichgewicht wiedergefunden. Sie schätzte ihr Timing und den Drop und fuhr die Welle hinunter. Die Welle hatte einen sauberen Break und ließ einen sicheren Ritt bis zum Strand erwarten …
Doch plötzlich tauchte der Kopf des Jungen wieder auf und Charley traf blitzartig eine andere Entscheidung. Er schrie um Hilfe, aber der Weiße Hai hielt ihn immer noch gepackt, nur das Board verhinderte, dass er den Jungen in Stücke riss.
Charley korrigierte die Richtung und carvte auf den schreienden Jungen zu. Eher instinktiv als rational nahm sie an, dass sie eine minimale Chance hatte, ihn zu retten, wenn sie den Abwärtsschwung auf der Welle nutzte, um mit möglichst großer Wucht gegen den Schädel des Hais zu krachen.
Einen Sekundenbruchteil vor dem Zusammenprall wurde ihr klar, wie verrückt ihr Stunt war – und schon krachte die Spitze ihres Boards mit solcher Wucht gegen den Hai, dass sie in hohem Bogen vom Board geschleudert wurde. Sie stürzte kopfüber ins Meer. Im selben Moment brach die Welle hart, riss alles mit sich, was ihr im Weg war. Charley wurde wie eine Stoffpuppe umhergewirbelt, Wasser drang ihr in die Ohren, für einen kurzen Augenblick war sie überzeugt, dass sie nie mehr an die Oberfläche kommen würde. Doch dann wälzte sich die mächtige Welle über sie hinweg und ihr Kopf tauchte aus dem schäumenden Meer auf.
Gierig schnappte sie nach Luft, blickte sich nach dem Jungen um. Wie durch ein Wunder hatte ihr wahnsinniger Plan funktioniert – der Weiße Hai hatte seinen todbringenden Biss wieder gelockert, der Junge trieb ein paar Meter weiter im Wasser, Blut strömte aus mehreren Wunden.
Charley zog an der Sicherungsleine ihres Boards, holte es heran und paddelte, so schnell sie nur konnte, zu ihm hinüber. Das Blut im Wasser ließ den Weißen Hai noch gieriger werden, lockte ihn bereits wieder näher, nicht weit entfernt kreiste er, jede Sekunde würde er wieder angreifen.
»Nimm meine Hand!«, brüllte sie.
Der Junge hob schwach die Hand aus dem Wasser, Charley zog ihn mit aller Kraft heran, im selben Augenblick schoss der gereizte Hai aus dem Wasser. Er verpasste den Jungen um Haaresbreite, stattdessen schlug sein mächtiges Gebiss in das Longboard, das noch immer durch die Sicherungsleine mit dem Jungen verbunden war. Die Hand des Jungen wurde Charley fast entrissen; hastig zog sie das kleine Tauchermesser aus dem Holster an ihrem Fußgelenk und schnitt die Sicherungsleine durch.
Der Junge verlor viel Blut, das durch das Wasser wirbelte und den Weißen Hai buchstäblich ausrasten ließ. Innerhalb von Sekunden zerfetzte der Hai das Longboard, dann richtete er die kalten, schwarzen Killeraugen auf Charley. Mühsam kämpfte sie die aufsteigende Panik nieder, packte den schlaff im Wasser treibenden Jungen und zog ihn auf das Board.
»Festhalten!«, schrie sie ihm zu und blickte sich nach der nächsten Welle um, die heranrollte.
Sie paddelte hart und body-surfte in Richtung Strand. Die Welle trug sie mit sich, spülte sie auf den seichten Uferauslauf. Vier Surfer rannten herbei, zogen sie die letzten Meter auf den sicheren Sandstrand. Sie betteten den Jungen auf den Sand, ein Rettungsschwimmer begann sofort mit der Wiederbelebung des Jungen, der inzwischen das Bewusstsein verloren hatte.
»Ruft einen Notarzt!«, befahl er einem der Surfer.
»Wird er es schaffen?«, fragte Charley und rappelte sich mühsam auf. Ihr Herz raste, sie rang keuchend um Atem und ihre Beine zitterten so sehr, dass sie fast unter ihr wegbrachen. Ein paar Umstehende fragten, ob sie ihr helfen könnten, aber sie winkte erschöpft ab.
»Ich glaube schon«, antwortete der Rettungsschwimmer, während er versuchte, den Blutverlust des Jungen einzudämmen. »Wenn, dann hat er es dir zu verdanken.«
Charley nickte, nahm ihr Surfboard, drängte sich durch die inzwischen stark angewachsene Menschenmenge und ging davon.
KAPITEL 2
Nachdem sie sich das Blut abgewaschen und auch ihr Board gesäubert hatte, zog Charley sich in eine abgelegene Sanddüne zurück und untersuchte den Schaden. Nicht an sich selbst, denn zu ihrer Verblüffung hatte sie nur ein paar Kratzer und Schürfwunden abbekommen, sondern an ihrem kostbaren Surfbrett. Doch auch das Board hatte bei der Begegnung mit dem Weißen Hai bemerkenswert wenig gelitten, nur an der Nose war eine Delle zu sehen.
Das wird schon ein bisschen was kosten, dachte Charley. Aber Geld war eigentlich nicht das Problem, solange ihre Pflegeeltern ihr nicht den Zugriff auf ihr eigenes Geld sperrten, das auf einem Treuhandkonto lag.
Sie flickte die Delle provisorisch mit etwas Epoxidharz, den sie wie immer in ihrer Surftasche hatte. Erst als sie die Tube über der Delle ausdrückte, bemerkte sie, dass ihre Hände zitterten – das Zittern und ihre absurde Fixierung auf den Schaden am Board waren Anzeichen, dass sie sich noch immer im Schock befand. Etwas wurde ihr erst jetzt schlagartig klar: Sie hatte keine Ahnung, welcher Teufel sie dazu getrieben hatte, einen Weißen Hai frontal anzugreifen. Das war doch reiner Wahnsinn gewesen!
Doch trotz der furchtbaren Begegnung hatte sie auch eine eigenartige Erregung verspürt. Zum ersten Mal war sie direkt mit dem Tod konfrontiert gewesen – und hatte gesiegt.
Wie sie sich wünschte, sie hätte auch nur eine Spur dieses Muts besessen, als Kerry entführt worden war! Kein Tag verging, an dem sie nicht an ihre Freundin dachte. Obwohl die Polizei sofort im ganzen Staat eine intensive Suche und die Fahndung nach dem silberfarbenen SUV eingeleitet und der Fall in den Medien größte Aufmerksamkeit erregt hatte, war Kerry nicht mehr gefunden worden. Und auch von dem Entführer fehlte bis zum heutigen Tag jede Spur.
In den letzten vier Jahren hatte sich Charley die albtraumartige Szene immer wieder in Erinnerung gerufen. Wie anders hätte die Sache ausgehen können, wenn sie schon damals gewusst hätte, dass sie ihren Instinkten vertrauen konnte! Wenn sie nur schneller reagiert und ihre Freundin festgehalten … oder auch nur um Hilfe geschrien hätte … Wenn sie sich nur das Kennzeichen des SUV gemerkt hätte. Wenn … wenn … wenn …
Plötzlich stiegen Charley Tränen in die Augen. Zitternd saß sie in den Dünen, die Knie bis zur Brust hochgezogen, und blickte auf die endlose Weite des Pazifik hinaus. Möwen flogen kreischend über den wolkenlosen, tiefblauen Himmel, die Sonne glitzerte auf dem smaragdgrünen Wasser. Gläserne grüne Wellen, auf denen jetzt kein einziger Surfer mehr reiten wollte, rollten in perfekten weißen Linien an den Strand. Der Anblick war atemberaubend schön.
Und es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass ein tödlich gefährliches Raubtier direkt unter der Oberfläche lauerte.
Genau wie im Leben, dachte Charley bitter.
»Überlegst du, noch einmal hinauszugehen?«, erkundigte sich eine tiefe, raue Stimme.
Charley zuckte zusammen, ihr Kopf flog herum. Hinter ihr, auf dem Kamm der Düne, stand ein Mann. Sie schirmte die Augen gegen die tiefstehende Sonne ab, um ihn genauer sehen zu können. Er war groß, mit breiten Schultern und kurz geschnittenem, silbergrauem Haar. Obwohl er ein ausgebleichtes O’Neill-T-Shirt und Surfshorts trug, war er offenbar kein Surfer. Eine lange, unregelmäßige weiße Narbe zog sich über seinen Hals. Aber es war nicht die Narbe, die sie sofort misstrauisch werden ließ, sondern sein britischer Akzent.
»Vielleicht«, antwortete sie kurz angebunden.
Der Mann zog skeptisch eine Augenbraue hoch. »Du sehnst dich nach dem Tod?«
Charley zuckte die Schultern. »Wenigstens hätte ich jetzt die Wellen ganz für mich allein.«
Der Fremde lachte ein freudloses, raues Lachen und blickte den Strand entlang, wo inzwischen ein Krankenwagen angekommen war und in diesem Moment der Junge auf einer Bahre in den Wagen geschoben wurde. Blaulicht blitzte über den Strand; ein Fernsehteam filmte die Szene.
»Das war bemerkenswert mutig«, sagte der Fremde. »Alle anderen haben sich in Sicherheit gebracht, aber du bist direkt in die Gefahrenzone gesurft. Kennst du den Jungen?«
Charley schüttelte den Kopf.
»Warum hast du dein Leben für einen Fremden riskiert?«, bohrte der Unbekannte weiter.
Charley gefiel die eingehende Befragung nicht. »Ich weiß nicht«, sagte sie aufrichtig, dann kniff sie die Augen zusammen und fügte nachdenklich hinzu: »Vielleicht mag ich es einfach nicht, dass die Starken immer die Oberhand behalten.«
Das rang ihm ein leichtes Lächeln ab. »Aber warum bist du dann weggelaufen? Du könntest jetzt im Fernsehen sein, alle Welt würde erfahren, was du getan hast, stattdessen hockst du hier einsam in den Dünen.«
»Ich bin nicht gern im Mittelpunkt«, antwortete sie gereizt.
»Das ist gut«, sagte der Fremde und kam einen Schritt näher, »mir geht es nämlich genauso.«
Charley verspannte sich, wurde immer misstrauischer. Der Mann verhielt sich sehr seltsam.
»Wie heißt du?«, fragte er.
»Was geht Sie das an?«, schoss sie zurück.
»Ich bin kein Reporter, falls du das glaubst.«
»Das glaube ich auch gar nicht!«
Der Mann schaute sie durchdringend an, schließlich blieb sein Blick an dem beschädigten Surfbrett hängen. »Schon gut – ich weiß, du möchtest jetzt in Ruhe gelassen werden.«
Er legte zwei Finger an die Schläfe, fast wie ein militärischer Gruß, dann drehte er sich um und schlenderte davon. Erst als er hinter der nächsten Düne verschwunden war, atmete Charley auf – und ihr Griff um das Messer entspannte sich, das sie unter dem Surfbrett verborgen gehalten hatte. Als sie völlig überzeugt war, dass er nicht mehr zurückkommen würde, schob sie das Tauchermesser mit einem Seufzer der Erleichterung wieder in das Beinholster zurück.
KAPITEL 3
»Lüg uns nicht an!«, fauchte Jenny. Charleys Pflegemutter war blass vor Wut. »Wir wissen, dass du die Schule geschwänzt hast! Wir haben gerade mit deiner Klassenlehrerin telefoniert.«
Trotzig starrte Charley auf die Holzdielen. Klar, dass die Sache hatte herauskommen müssen. Schließlich kam es nicht alle Tage vor, dass ein Weißer Hai einen Surfer angriff – die Medien hatten sich gierig auf die Story gestürzt, und als Charley am Abend nach Hause gekommen war, wurde im lokalen Fernsehen bereits heiß über die geheimnisvolle Surferin spekuliert. Charley war fast das Herz stehen geblieben, als Bud in einem der TV-Berichte interviewt wurde. Auf keinen Fall durften ihre Pflegeeltern erfahren, dass sie die Schule geschwänzt hatte und stattdessen surfen gegangen war. Obwohl Bud nicht verraten hatte, wer sie war – wofür sie ihm wirklich sehr dankbar sein musste –, hatten ihre Pflegeeltern nicht lange gebraucht, bis sie erraten hatten, wer die mysteriöse Lebensretterin war. Und so gab es in ihrem »glücklichen« Zuhause eben wieder einmal Streit.
»Du hättest umkommen können!«, blaffte Pete und starrte sie unter wulstigen Augenbrauen wütend an.
»Bin ich aber nicht«, murmelte Charley. Die Scheinheiligkeit ihrer Pflegeeltern nervte sie gewaltig. Jeden Sonntag polierten sie die Kirchenbank, aber jetzt regten sie sich nur über Charleys Lüge auf. Dass sie einem Menschen das Leben gerettet hatte, war ihnen offenbar völlig gleichgültig.
Jenny verschränkte die Arme. »Ab sofort gehst du nicht mehr surfen. Nie mehr.«
Charley blickte entsetzt auf. »Das kannst du nicht machen – das dürft ihr mir nicht wegnehmen!«, bettelte sie.
»Und ob wir das können! Du weißt genau, was wir vom Surfen halten.« Jenny sprach das Wort aus, als sei es obszön. »Es führt zu unmoralischem und sündigem Verhalten – und du bist der beste Beweis dafür, mit deiner Sturheit und deinen unzähligen Lügen!«
»Das Surfbrett kommt auf den Müll«, verkündete Pete entschlossen.
Charley blieb buchstäblich der Mund offen stehen. Surfen war ihre Rettungsleine, das Einzige, woran sie sich festhalten konnte. Von Wut überwältigt, schrie sie: »Ich wünschte, ihr wärt tot und nicht meine Eltern!«
Sie stürmte aus dem Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Im Flur blieb sie stehen, mit geballten Fäusten, von Kopf bis Fuß zitternd. Durch die Wucht war die Tür wieder aufgesprungen und stand einen Fingerbreit offen. Sie hörte Jenny schluchzen.
»Gott im Himmel, gib mir Kraft! Warum tun wir uns das überhaupt an? Das Mädchen ist ein hoffnungsloser Fall!«
»Kann sein, aber wir müssen auch daran denken, dass sie eine Menge durchgemacht hat«, sagte Pete beschwichtigend. »Darauf müssen wir Rücksicht nehmen.«
»Immer müssen wir Rücksicht nehmen! Sie kann sich alles erlauben! Sie macht unser Leben zur Hölle! Ich weiß gar nicht mehr, wie oft sie uns schon belogen hat, wie oft sie schon die Schule geschwänzt hat oder die Polizei vor der Tür stand, weil sie wieder mal etwas ausgefressen hat! Ich wünschte, sie wäre nicht mehr da!«
Pete seufzte. »Wenn du dir das wirklich wünschst, meine Liebe, wäre es vielleicht besser, wenn wir das Jugendamt bitten würden, sie wieder ins Heim zurückzubringen …«
Charley wischte sich die Tränen weg. Klar, sie machte es den beiden nicht gerade leicht. Aber es war auch eine Tatsache, dass ihre Pflegeeltern keinerlei Verständnis für sie aufbrachten. Sie waren nicht ihre Eltern und würden es auch nie werden. Und doch versetzte ihr der Gedanke, so behandelt zu werden wie ein Hund, der wieder ins Tierheim zurückgeschickt werden musste, weil er nicht folgsam genug war, einen schmerzhaften Stich. Zugleich steigerte dies ihren Widerspruchsgeist und sie war fest entschlossen, sich ihren Pflegeeltern zu widersetzen.
Charley stürmte aus dem Haus, kickte eine von Jennys verhätschelten Topfpflanzen aus dem Weg und lief quer über Petes manikürten, saftig-grünen Rasen zur Straße. Ein weißer SUV mit dunkel getönten Fenstern fiel ihr auf, der ein Stück weit vom Haus entfernt am Straßenrand parkte. Charley war sich nicht sicher, glaubte aber, diesen Wagen schon gestern Abend gesehen zu haben. Weiße SUVs gab es in diesem Wohnbezirk in Hülle und Fülle, aber dieser Wagen war durch die Straße gekreuzt, als suchte der Fahrer nach einer bestimmten Adresse. Charley hatte angenommen, dass darin irgendein freier Reporter saß, der hoffte, das mysteriöse Surfgirl vor die Kameralinse zu bekommen. Aber dass der Wagen heute Morgen wieder dastand, ließ bei ihr sämtliche Alarmglocken schrillen.
Als sie die Straße überquerte, blickte sie wie beiläufig in beide Richtungen und prägte sich die Nummer des SUV ein – 6GDG468. Sie wollte kein Risiko mehr eingehen. Nach Kerrys Entführung hatten sich Charleys Eltern verständlicherweise ständig Sorgen um ihre Sicherheit gemacht. In den ersten paar Monaten hatten sie sie nicht mehr aus den Augen gelassen, bis ihnen irgendwann klar wurde, dass sie mehr Freiheit brauchte, um ein normales Leben führen zu können. Als Kompromiss hatten sie vorgeschlagen, dass Charley einen Selbstverteidigungskurs absolvierte; außerdem durchlief sie eine Wahrnehmungsschulung, bei der sie vor allem lernte, ständig auf ungewöhnliches Verhalten oder wiederholtes Auftauchen bestimmter Leute oder Autos zu achten.
Auch an der nächsten Kreuzung schaute sich Charley wie üblich nach herannahenden Autos um, aber eigentlich war sie nur an einem einzigen Fahrzeug interessiert: an dem weißen SUV.
Er war nicht zu sehen. Charley entspannte sich. Offenbar hatte sie überreagiert. Sie überquerte die Straße und setzte ihren Schulweg fort. Jetzt drängte sich eine andere Sorge in den Vordergrund: Würde sie ihre Pflegeeltern dazu überreden können, sie heute Abend zu Buds Strandparty gehen zu lassen? Sie wollte sich bei ihm dafür bedanken, dass er den Reportern ihren Namen nicht genannt hatte.
Null Chance, dachte sie verbittert, niemals geben sie mir die Erlaubnis – erst recht nicht nach dem Streit heute Morgen. Sie werden mit Sicherheit sagen, ich sei zu jung.
Und wenn sie einfach behauptete, eine Freundin habe sie zu einer Schlafsackparty eingeladen? Nein, das ging auch nicht – so wie es aussah, war sie für den Rest ihres Lebens in ihr Zimmer verbannt. Wenn sie sie nicht bereits ins Heim zurückgeschickt hatten! Sie würde sich wohl aus dem Haus schleichen müssen, sobald ihre Pflegeeltern eingeschlafen waren.
An der Ampel musste sie auf das Fußgängersignal warten. Mehrere Autos hielten an, das fünfte in der Reihe war ein weißer SUV. Charley warf einen verstohlenen Blick auf das Kennzeichen – 6GDG468 – und spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte. Konnte das noch ein Zufall sein? Denkbar war es, schließlich führte die Straße zum Highway. Aber um auszuschließen, dass der SUV ihr tatsächlich folgte, bog sie nach links ab, statt geradeaus weiterzugehen. Sie durchquerte einen kleinen Park zu einer Vorortstraße, die parallel zum Highway verlief.
Auf dieser Straße herrschte keinerlei Verkehr, doch keine Minute später sah sie den SUV einbiegen. Charley beschleunigte den Schritt, ihr Herz begann schneller zu schlagen. Sie rief sich die Ratschläge des Trainers im Wahrnehmungskurs in Erinnerung: eine belebte Gegend ansteuern, einen sicheren Ort suchen – das Haus von Freunden, ein Polizeirevier, ein Restaurant, die Stadtbücherei. Charley schlug den Weg zum Zentrum von San Clemente ein, eine breite, von Alleebäumen gesäumte Einkaufsstraße mit Tante-Emma-Läden und sonstigen Geschäften auf beiden Seiten. Die meisten Geschäfte waren noch geschlossen, sodass nur wenige frühe Kunden zu sehen waren.
Charley blieb vor einem Schönheitssalon stehen. Sie wollte erst einmal sicher sein, dass ihr Misstrauen begründet war, und dazu musste sie den Fahrer genauer in den Blick bekommen, ohne dass dieser etwas merkte. Sie tat so, als würde sie die Preisliste studieren, die im Schaufenster aushing, während sie in der Spiegelung den weißen SUV beobachtete, der heranrollte und auf der gegenüberliegenden Straßenseite in eine Parkbucht manövrierte. Niemand stieg aus.
Charley spürte förmlich die Blicke, und ihr lief ein kalter Schauder über den Rücken. Die getönten Autoscheiben machten den Fahrer fast unsichtbar, aber immerhin konnte sie feststellen, dass sein Kopf kahl war. Plötzlich spürte sie einen Kloß im Hals, eine alte Angst legte sich wie eine eiserne Klammer um ihre Brust: Der Mann, der Kerry entführt hatte, wollte nun auch sie holen!
Panik ergriff sie. Sie lief los, halb ging sie, halb rannte sie die Straße entlang. Ihre Pflegemutter arbeitete im Rathaus in der Nähe des Piers. Dort würde sie sich sicherer fühlen. Sie riskierte einen Blick über die Schulter. Der Fahrer war ausgestiegen, ein kräftig gebauter, untersetzter Mann mit kurzem Ziegenbart. Seine blasse Haut ließ sie vermuten, dass er nicht hier in der Gegend wohnte. Eine dunkle Sonnenbrille verbarg Augen und einen Teil des Gesichts. Nach all den Jahren konnte sich Charley nur noch sehr undeutlich an den Kidnapper erinnern – aber eins war jetzt sicher: Dieser Kahlkopf hier verfolgte sie.
Sie hatte sich so sehr ablenken lassen, dass sie frontal mit einem anderen Mann zusammenprallte.
»Hallo, langsam, langsam!«, sagte der und hielt sie an den Armen fest, als sie zurückprallte und beinahe gestürzt wäre.
Charley starrte in die stahlgrauen Augen des Fremden, dem sie in den Dünen begegnet war.
»Wir wollen nur mit dir reden, Charley«, sagte er und wies mit einer Kopfbewegung auf den kahlköpfigen Mann, der sich hinter ihr näherte. Jetzt war Charley erst recht entsetzt. Woher kannte der Unbekannte ihren Namen?
»Lassen Sie mich los!«, schrie sie und riss ihre Arme aus seinem Griff, gleichzeitig kickte sie ihn, so hart sie konnte, gegen das Schienbein, genau wie man es ihr im Selbstverteidigungskurs beigebracht hatte.
Der Mann stöhnte vor Schmerz auf und ließ sie los. Charley sprang zur Seite und rannte an ihm vorbei quer über die Straße, nur um dort erneut mit einem Mann zusammenzuprallen, der gerade aus einem Coffeeshop kam. Ein frisch gebrauter Cappuccino und ein Donut mit Zuckerguss flogen durch die Luft.
»Verdammt, was soll das!«, brüllte Deputysheriff Jay Valdez, während er den heißen Kaffee von den Händen schüttelte und wütend die Flecken auf seiner Uniform betrachtete.
»Gott sei Dank, Sheriff«, sagte Charley und fasste den Polizisten am Arm. »Die Männer dort drüben verfolgen mich!«
Der Deputy blickte über sie hinweg zur anderen Straßenseite hinüber und runzelte verwirrt die Stirn. »Welche Männer meinst du?«
Charley wirbelte herum. Von dem weißen SUV war nichts mehr zu sehen. Der Fremde und sein Komplize hatten sich offenbar in Luft aufgelöst.
KAPITEL 4
»Wir haben schon mal darüber gesprochen, Charley«, sagte der Deputysheriff, als er ihr auf einem der mit rotem Kunstleder gepolsterten Sessel des Coffeshops gegenübersaß. »Du kannst nicht ständig die Schule schwänzen.«
»Aber die haben mich verfolgt!«, antwortete sie trotzig, die Hände um ein Glas mit warmem Caffè Latte gelegt.
»Dann ist das also dieses Mal deine Ausrede?« Der Deputy seufzte und warf frustriert die Papierserviette, mit der er sich die Kaffeeflecken von der Uniform gewischt hatte, auf den Tisch. Trotz der Flecken lächelte er sie milde an. »Ich weiß, du hast eine schlimme Zeit hinter dir, es ist bestimmt nicht leicht für dich gewesen. Aber du musst dich jetzt zusammenreißen, Charley. Dein Leben liegt noch vor dir. Wirf es nicht weg, nur weil der Anfang hart war.«
»Hart?« Charleys Hände verkrampften sich so sehr um das Glas, dass sie dachte, es würde jeden Augenblick zerbrechen. »Meine beste Freundin wird entführt und meine Eltern kommen bei einer Flugzeugentführung ums Leben. Was kommt als Nächstes? Sorry, aber auf den Rest meines Lebens freue ich mich nicht besonders!«
Valdez beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf den Tisch. Eindringlich sagte er: »Hör mir zu, Charley. Wir können nicht beeinflussen, welche Karten uns das Leben austeilt. Aber wie wir mit den Karten spielen, bestimmen wir selbst.«
Charley starrte missmutig auf den Milchschaum in ihrem Glas. »Was meinen Sie damit?«
»Dass es nicht die Probleme sind, die uns das Leben stellt, die uns zu dem machen, was wir sind. Auch nicht die Rückschläge, die wir einstecken müssen. Wichtig ist, wie wir darauf reagieren. Du hast immer eine Wahl. Du kannst aufgeben und dich vom Leben unterkriegen lassen – oder du kannst dich aufraffen und kämpfen. Irgendwann entdeckst du, dass du mit jeder Herausforderung noch stärker wirst.«
»Sie haben leicht reden«, murmelte sie bedrückt.
»Kann sein. Weil ich selber auch einen harten Anfang hatte.« Valdez schob den linken Ärmel seines Uniformjacketts ein wenig zurück; auf der Unterseite des Handgelenks kam eine kleine, verblasste Tätowierung zum Vorschein, eine fünfzackige Krone. »Als ich in deinem Alter war, gehörte ich zu einer Straßengang.«
Charley blickte überrascht auf.
»Drogen, Alkohol, Gewalt, Waffen. Das war damals meine Welt als Junge. Mein Bruder wurde bei einer der unzähligen Straßenschlachten getötet, die wir uns mit rivalisierenden Banden lieferten. Und mein Leben wurde zu einer einzigen Spirale der Gewalt – bis ich von einem Polizisten verhaftet wurde. Aber er nahm mich nicht mit aufs Revier, er brachte mich nach Hause und erklärte mir genau das, was ich dir gerade gesagt habe.« Er blickte sie mit seinen braunen Augen eindringlich an. »Und ich hab auf ihn gehört. Sein Rat hat mein Leben verändert. Ich kann nur hoffen, dass er auch bei dir wirkt.«
Sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, und starrte deshalb weiter auf den Milchschaum in dem Glas. Aber mit seinen Worten hatte er bei ihr einen empfindlichen Nerv getroffen: Sie hatte schon selbst darüber nachgedacht. Das Problem war nur, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie es anfangen oder woher sie die Kraft nehmen sollte, gegen die Herausforderungen des Lebens anzukämpfen.
»Du hast großes Potenzial, Charley, wenn du es nur anwenden würdest!«, fuhr der Deputy fort. »Ich weiß, dass Jenny und Pete nicht mehr wissen, wie es mit dir weitergehen soll. Möchtest du denn nicht, dass sie stolz auf dich sind?«
»Das kann denen doch egal sein! Sie sind nicht meine Eltern.«
»Nein, aber sie sind gute Menschen, sie wollen nur das Beste für dich. Doch du machst es ihnen nun wirklich nicht leicht, mit deinem ständigen Schulschwänzen und all den Lügen.«
»Ich hab das nicht erfunden!«
»Okay, ich glaube dir.« Der Deputy hielt beide Hände hoch, dann tippte er an seine Brusttasche, in der sein Notizblock steckte. »Ich überprüfe das Kennzeichen, keine Sorge. Aber du musst mir versprechen, wenigstens über das nachzudenken, was ich dir gesagt habe.«
»Klar doch«, nickte Charley, erleichtert, dass er wenigstens das Kennzeichen überprüfen wollte.
Deputy Valdez lehnte sich zurück und schaute nachdenklich durch das Fenster auf die Straße. »Und du weißt nicht zufällig, wer gestern den Jungen vor dem Hai rettete, oder?«
»Äh … nein … keine Ahnung, was Sie meinen«, sagte Charley, momentan durch den plötzlichen Themenwechsel aus der Fassung gebracht.
Valdez warf ihr einen Seitenblick zu, ein wissendes Lächeln spielte um seine Mundwinkel. »Du weißt genau, was ich meine. Potenzial. Verstehst du? Du hast es. Vergeude es nicht.«
Die Tür schwang auf, ein neuer Kunde kam herein und setzte sich in eine der Nischen am Fenster. Charley, die gerade einen Schluck trank, verschluckte sich fast. Rasch beugte sie sich über den Tisch und zischte Valdez leise zu: »Das ist einer von den Männern, die mich verfolgt haben!«
Der Deputy blickte zu dem Mann hinüber. Silbernes, kurz geschnittenes Haar, saß kerzengerade am Tisch, bestimmt kein Mann, mit dem man Streit anfangen wollte. Valdez schätzte ihn auf Mitte vierzig, aber er sah so durchtrainiert und fit aus, dass er viel jünger wirkte. Er trug einen gut geschnittenen, modischen Anzug, aber sein wettergegerbtes, kantiges Gesicht und die deutlich sichtbare Narbe am Hals deuteten darauf hin, dass es in seinem Leben schon viel Gewalt gegeben hatte.
»Okay, ich rede mit ihm«, sagte Valdez und stand auf. »Du bleibst hier.«
Der Polizist ging zu dem Fremden hinüber und beugte sich leicht über ihn, die Hand ruhte wie beiläufig auf der Waffe an seiner Hüfte. Charley war zu weit weg, um die Unterhaltung verstehen zu können, aber sie sah, dass der Fremde eine Brieftasche zückte und Valdez einen Ausweis zeigte. Der Polizist betrachtete den Ausweis eingehend, dann schaute er den Fremden mit fragend gehobenen Augenbrauen an. Der Fremde schob eine dünne Akte über den Tisch. Der Deputy blätterte darin; die beiden Männer unterhielten sich mehrere Minuten lang. Verwirrt und zunehmend besorgt verfolgte Charley die Szene. Schließlich gab Valdez die Akte wieder zurück und – zu Charleys völliger Verblüffung – salutierte dem Fremden.
Valdez kehrte zu Charleys Tisch zurück und setzte sich wieder. Seine Miene war undurchdringlich. »Ich denke, du solltest dir anhören, was er dir zu sagen hat.«