Lieblingsplätze
zum Entdecken
Ute Böttinger
Hohenlohe pur genießen!
Für Feinschmecker, Reingeschmeckte und Eingefleischte
Vom dicht besiedelten Großraum Stuttgart kommend, nehme ich auf der A 6 in Richtung Nürnberg mal wieder die Ausfahrt Neuenstein / Forchtenberg. Ja, es ist immer das gleiche Gefühl. Egal, ob ich im frühen Sommer entlang der satten Wiesen und gelb blühenden Rapsfelder fahre und das Fenster herunterkurble, um die reine Luft zu atmen, oder im tiefsten Winter das schneebedeckte Land durchstreife, das durch das Weiß noch grenzenloser wirkt: Ich tauche ein in eine unglaubliche Weite, passiere Dörfer, bin angekommen und daheim. Und das, obwohl ich gar keine Hohenloherin bin, sondern eine Reingeschmeckte! Eine, die diesen Landstrich im Nordosten von Baden-Württemberg erst seit einigen Jahre kennt. Nein, vielmehr immer noch entdeckt, vor allem beim Wandern, Radfahren oder auch im Kanu, denn dazu lädt diese Region geradezu ein.
Die Grenzen werden heute noch heiß diskutiert, doch versteht man unter Hohenlohe im Wesentlichen die fränkischsprachige Gegend rund um die Flüsse Kocher, Jagst sowie Tauber und damit den Hohenlohekreis, den südlichen Abschnitt des Main-Tauber-Kreises und den östlichen Landkreis Schwäbisch Hall sowie Bereiche der Grenzregion zu Bayern. Die Teilregion von Heilbronn-Franken erstreckt sich über rund 5.000 Quadratkilometer, weites Land also, und darüber hinaus mit gut 300.000 Einwohnern nicht dicht besiedelt. Da bleibt viel Platz für die Natur: Streuobstwiesen, Weinberghänge, Steinhalden und Bachklingen, Wald- und Hügellandschaften, Feuchtwiesen und Heideflächen. Was für eine Vielfalt an Landschaftsformen! Und was für ein Paradies für Pflanzen und Tiere!
Seltene Orchideen, Wildblumen und Kräuter wachsen auf den Hohenloher Böden. In Tauber, Kocher und der Jagst schwimmen über zwanzig verschiedene Fischarten, an den Ufern brütet der Eisvogel und der Rotmilan zieht am Himmel seine Kreise über dem weiten Land. Wasseramsel und Feuersalamander fühlen sich an Bachklingen in den kühlen Wäldern pudelwohl, Schmetterlinge tummeln sich auf den Wacholderheiden.
Aber wissen Sie, was das Schönste ist? Man geht einfach frühmorgens los, per pedes natürlich, und lässt sich von den Begegnungen des Tages überraschen – in der Hohenloher Natur oder mit dem Hohenloher selbst. ›Sou, kummsch alloonich doher?‹, könnte eine Frage lauten, die Ihnen gestellt wird, denn in puncto Dialekt sind die Menschen hier vermutlich so selbstbewusst wie die Bayern. Und Besucher aufgepasst: Es ist ein fränkischer Schlag, erwähnen Sie ja nicht das Wort ›Schwabe‹, auch wenn die Region heute zu Württemberg zählt. Und noch etwas Wissenswertes für alle Gäste: Der Hohenloher ist deswegen als schlitzohrig bekannt, weil er so gekonnt liebenswert seine Mitmenschen auf den Arm nehmen kann. Wie? Herausfinden müssen Sie das schon selbst!
Entdecken Sie auch unbedingt, was es mit Hohenlohe als ›Genießerregion‹ auf sich hat – so das Lob der Tourismus-Marketing GmbH Baden-Württemberg. Die Hiesigen wissen nur allzu gut, dass in ihrer Heimat überall feinste lukullische Verführungen lauern: Man stolpert über Blootz und Holunderblütensekt, verfängt sich genüsslich im Hohenloher Ziegenkäse oder im Schwäbisch-Hällischen Landschweinschinken, strandet in einer der vielen ausgezeichneten Küchen, um sich schließlich willenlos der Speisekarte zu ergeben.
So weit eine erste Kostprobe Hohenlohes. Habe ich Ihnen den Mund wässrig gemacht? Dann kommen Sie mit auf den folgenden Spaziergang zu meinen persönlichen Lieblingsplätzen in meiner Lieblingsregion! Sie werden schnell merken, dieser Landstrich ist ein Potpourri an Naturschätzen, kulturellen Highlights, kulinarischen Köstlichkeiten, historischen Orten und vielen einzigartigen Geschichten. Eine bunte Welt, die es als Reisender genauso wie als Einheimischer zu entdecken gilt und in die meine 66 einen Einstieg bieten. Suchen Sie sich dabei Ihre ganz eigenen Hohenloher Lieblingsplätze aus und lassen Sie einfach nur die Seele baumeln!
Sie liegen sich gegenüber und sind auch sonst sehr gegensätzlich: Die Großcomburg und Kleincomburg im Schwäbisch Haller Ortsteil Steinbach. Das imposante ehemalige Benediktinerkloster und der frühere Standort einer Propstei vis-à-vis haben eine unterschiedliche Vergangenheit und Gegenwart – sowie eine bestechende Gemeinsamkeit. Sie beherbergen heute beide einmalige Kunstschätze.
1078 zunächst dem Benediktinerorden gestiftet, diente die Großcomburg von 1817 bis 1909 als Unterkunft für das Ehreninvalidenkorps. Im weiteren Verlauf nutzte man sie als Heimvolks- und Bauhandwerkerschule, bevor sie nach der Gründung der Bundesrepublik zur Fortbildungsstätte für Lehrer umfunktioniert wurde. Die Kleincomburg wurde 1684 dem Kapuzinerorden überlassen und diente ihm lange als Hospiz. Seit 1877 ist die ehemalige Propstei nun die landwirtschaftliche Außenstelle der Justizvollzugsanstalt Schwäbisch Hall und damit ein besonderer Arbeitsplatz für straffällig Gewordene, die im Bioland-Landwirtschaftsbetrieb Limpurger Rinder züchten.
Bei der Justizvollzugsanstalt kann man sich auch den Schlüssel für die Ägidiuskirche Kleincomburg abholen. Deren Besichtigung lohnt sich neben einem Rundgang durch die Großcomburg wirklich, denn die kleine Kirche ist noch nahezu vollständig im ursprünglichen Zustand erhalten. Der sparsamen Bauzier steht im Innern die üppige Ausmalung des Chors gegenüber, darunter auch eine seltene Darstellung von Christus in der Kelter. In der Stiftskirche St. Nikolaus der Großcomburg kann man hingegen einen von nur drei Radleuchtern in ganz Deutschland bestaunen. Mit seinen 48 Kerzen war er wohl einst die einzige Lichtquelle in der romanischen Kirche. Ebenso wertvoll ist die Verkleidung des Altarunterbaus, die vor allem mit der Weltgerichtsdarstellung besticht.
Die Großcomburg nebst Kleincomburg liegt oberhalb des
Schwäbisch Haller Stadtteils Steinbach.
Näheres erfahren Sie von der Touristinformation Stadt
Schwäbisch Hall /// Am Markt 9 /// 74523 Schwäbisch Hall ///
07 91 / 75 12 46 /// www.schwaebischhall.de ///
»Are you ready to take off?« Wer auf der Homepage des Hängegleiterklubs ›Einkorn Schwäbisch Hall e. V.‹ surft, wird mit Sicherheit Lust bekommen abzuheben, das kann ich Ihnen versprechen! Und wenn Sie dann auf dem 510 Meter hohen Berg Einkorn bei Schwäbisch Hall stehen und den Blick über die Hohenloher Ebene schweifen lassen, wird Sie die Vorstellung, über diese herrliche Landschaft zu schweben, nicht mehr loslassen.
Christoph Wankmüller, Vorstandsmitglied des Vereins, kennt dieses Gefühl nur allzu gut. »Es ist einfach schön mitzuerleben, wenn ein Schüler nach dem ersten Höhenflug das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekommt«, freut sich der Fluglehrer. 180 Mitglieder zählt der Schwäbisch Haller Drachenflugklub und ist damit einer der größten im Deutschen Hängegleiterverband und im Schwäbisch Haller Luftsportverband. Gegründet 1979, ist er auch einer der ersten, denn die Historie des Drachenflugs ist noch nicht alt. 1974 startete mit dem Kalifornier Mike Harker der erste Drachenfliegerpilot in Europa von der Zugspitze in die Luft. Der Einkorn sei vor allem für Anfänger und zum Üben »geradezu ideal«, sagt Wankmüller. Die besten Flugzeiten seien im Herbst, wenn der Wind oft aus Südwest oder West komme und damit frontal auf den Berg und die Startfläche treffe. 71 Kilometer weit und damit fast bis nach Nürnberg verbuchen die Haller Hängegleiter den längsten Flug vom Einkorn aus.
Der Berg ist die höchste westliche Erhebung der Limpurger Berge und zweifellos auch auf Schusters Rappen gut zu erobern. 60 Kilometer lang umfassen die ausgewiesenen Wanderwege rund um die Aussichtsplattform. Einkehr inbegriffen: Im schmucken und gemütlichen Gasthaus und Biergarten ›Einkorn‹ mitsamt Hostel lässt es sich entspannt verweilen.
LASSEN SIE IHR AUTO AUF DEM PARKPLATZ AM BAHNHOF IN DER
EINKORNSTRASSE IN SCHWÄBISCH HALL STEHEN UND WANDERN
SIE AUF DEN EINKORN HINAUF.
INFORMATION ÜBER DAS DRACHENFLIEGEN FINDEN SIE UNTER
www.hgc-einkorn.de ///
NÄHERES ÜBER DAS GASTHAUS-BIERGARTEN-HOSTEL EINKORN
ERFAHREN SIE UNTER www.der-einkorn.de ///
Wissen Sie was ein ›Zwiebelesfisch‹ und ein ›Trampeleswalzer‹ gemein haben? Nein? Es sind traditionelle Tänze, um genau zu sein Siederstänze. Heute noch wird alljährlich auf dem Schwäbisch Haller Grasbödele, einer kleine Landzunge am Kocher, das Tanzbein geschwungen und das Lagerleben wie zu alten Salzsiederzeiten gezeigt. Beim Kuchen- und Brunnenfest, kurz Siedersfest, werden Einblicke in altes Brauchtum gewährt.
Sie ahnen es schon, es ist ein Highlight. Fahnen-, Kannen-, Kuchenträger, Trommler und Pfeifer ziehen vom Marktplatz durch die Stadt zum Kocher. Die Geschichte, die die Vereinsmitglieder des Kleinen und Großen Siedershofs auf dem Grasbödele erzählen, fand allerdings einst an anderer Stelle statt: Rings um den Haalbrunnen am heutigen Haalplatz hatten sich die Salzsieder im Mittelalter niedergelassen. Unter großer Anstrengung schöpften sie hier die Sole aus dem Brunnen und erhitzten sie in großen Pfannen so lange, bis das Wasser verdampfte und nur das Salz übrig blieb. Doch die mühselige Arbeit lohnte sich, mit dem weißen Gold kam auch Reichtum in die Stadt. Selbstbewusst meldeten sich die Salzsieder in Prozessen gegen den Haller Rat zu Wort, dem sie Vetternwirtschaft vorwarfen. Aber sie konnten auch ›Hof halten‹, also gesellig feiern. Zum ersten Mal ist ein solcher Hof 1501 erwähnt, als Salzsiederburschen ein Zunftfest ausrichteten.
Dieses Brauchtum wurde mit der Einweihung der Eisenbahnlinie Heilbronn – Schwäbisch Hall 1862 wiederbelebt, als man die Salzsiederstadt auch als Kurmetropole entdeckte. Aus ersten historischen Theaterstücken um 1907 wurde schließlich das Kuchen- und Brunnenfest. Bald nach dem Zweiten Weltkrieg gründete sich dann der Verein Siedershof neu. Bis heute haben die Traditionspfleger keinen Nachwuchsmangel: Jedes Jahr warten sie von Neuem zahlreich und kostümprächtig zum Siedersfest auf.
Mit und ohne Siederstänzer lädt das Grasbödele zum Verweilen
ein. Sie erreichen den Ort über den Haalplatz in der Stadtmitte.
Informationen zu den Traditionspflegern Erhalten Sie vom
Verein Großer Siedershof Schwäbisch Hall /// Zwinger 2 ///
74523 Schwäbisch Hall /// 07 91 / 7 18 18 /// www.siedershof.de ///
Lassen Sie mich mal vorsichtig spekulieren: Ohne diesen Mann würden die Konzertveranstaltungen des Hohenloher Kultursommers nicht so schön klingen. Geigenbaumeister Michael Hatting ist in Hohenlohe wohl der Einzige seiner Zunft. Aus der ganzen Region – und noch weit darüber hinaus – kommen Musiker nach Schwäbisch Hall in seine Werkstatt, um ihre Instrumente zum Klingen zu bringen.
Michael Hatting restauriert alte Geigen, baut neue Geigen, vermietet Geigen und versteht sich darin, die Lieblinge der Musiker wieder auf Vordermann zu bringen. Da gibt es etwa Ansprachprobleme der Saiten, eine falsche Stegrundung oder eine schlechte Klangeinstellung. »Viele meiner Arbeiten sind natürlich Wartungs- und Reparaturarbeiten«, konstatiert der Meister. Eine Mutter etwa lässt regelmäßig die Violine ihres Sohnes, der im bekannten Windsbacher Knabenchor musiziert, in seiner Werkstatt durchchecken. Sie weiß das Können von Michael Hatting zu schätzen: »Man gibt so ein Instrument nicht jedem in die Hand, da muss schon ein besonderes Vertrauensverhältnis da sein.«
Unweit der Schwäbisch Haller Werkstatt, im Kloster Schöntal im Nordwesten Hohenlohes, findet seit 1997 alle zwei Jahre der Internationale Wettbewerb für Violine statt, durch den junge Talente entdeckt und frühzeitig gefördert werden. Die Veranstaltung ist ein zentraler Programmpunkt des Hohenloher Kultursommers, der 2011 sein 25-jähriges Bestehen feierte. Aus anfänglich zwei Dutzend Konzerten sind mittlerweile über 70 geworden. Das Festival ist immer eine kulturelle Reise durch Hohenlohe, verteilen sich doch die Veranstaltungsorte über den ganzen Landstrich. Als ein Aushängeschild der Region zieht der Hohenloher Kultursommer, wie auch im Jubiläumsjahr 2011, über 15.000 Besucher an. Und ganz oft spielen Instrumente aus der Haller Meisterwerkstatt die erste Geige.
Tipp: Das Musikfest in Weikersheim ist schlichtweg der Renner des Hohenloher Kultursommers. Auf jeden Fall rechtzeitig Karten besorgen!
Geigenbauwerkstatt Hatting /// Gelbinger Gasse 12 ///
74523 Schwäbisch Hall /// 07 91 / 9 46 68 90 ///
www.stimmstock.de ///
Auskunft über den Kultursommer erteilt die
Kulturstiftung Hohenlohe /// Allee 17 /// 74653 Künzelsau ///
0 79 40 / 1 83 48 /// www.hohenloher-kultursommer.de ///
Seit Anfang des Jahres 2012 breitet Maria ihren Mantel in der Schwäbisch Haller Johanniterkirche aus. Mit der ›Madonna des Bürgermeisters Jacob Meyer zum Hasen‹ von Hans Holbein dem Jüngeren hat das Museum unterm Kirchendach ein Meisterwerk dazugewonnen. Über 50 Millionen Euro, so schätzt man, habe der Künzelsauer Weltkonzern Würth für das bedeutende Gemälde auf den Tisch gelegt.
Quasi einen Katzensprung von der Johanniterkirche entfernt liegt die Kunsthalle Würth und das Sudhaus. Einfach vorbeigehen, es lohnt sich!