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Carla Manns Sterbeurkunde, ausgestellt
am 31. Juli 1910 vom Standesamt Polling.

Nathanaels Geheimnis

Am 31. Juli 1910 erscheint die »der Persönlichkeit nach bekannte« Leichenfrau Leokadia Walch auf dem Standesamt der Gemeinde Polling bei München, um anzuzeigen, »dass die ledige Carla Augusta Olga Maria Mann im Alter von 28 Jahren und 10 Monaten am 30. Juli 1910 nachmittags um vier Uhr« im Haus ihrer Mutter verstorben sei. Ursache und Umstände des Todes werden nicht registriert. Die Leichenfrau erklärt lediglich, »dass sie Zeuge von dem Tode der Carla Mann sei«. Bei der so jung Verstorbenen handelt es sich um die Schwester der Schriftsteller Thomas und Heinrich Mann, Schauspielerin am Stadttheater Mülhausen (Elsass). Später heißt es in der Familienversion, sie habe sich selbst mit ­Zyankali vergiftet. Allerdings wird diese Todesursache von den amtlichen Stellen nicht bestätigt, und es liegt auch kein Abschiedsbrief vor. Offensichtlich soll zunächst der Eindruck eines »natürlichen Todes« erweckt werden. Man veranlasst eine schnelle Beerdigung ohne medizinische Untersuchung oder Obduktion. Als die Leichenfrau bei den Behörden ihre Totenmeldung macht, liegt schon eine gedruckte Traueranzeige vor. »Die Hinterbliebenen« verkünden darin, dass ihre »liebe Tochter, Schwester, Schwägerin und Braut Carla« am Tag zuvor »nachmittags um 4 Uhr schnell und unerwartet im 28. Lebensjahr verschied« und die Beerdigung am 2. August auf dem Münchner Waldfriedhof stattfinden werde.

Auch in den Zeitungsmeldungen ist von einem »natür­lichen« Todesfall die Rede. »Die Schauspielerin Fräulein Carla Mann« sei »dieser Tage in München einem Schlaganfall erlegen«, heißt es am 4. August in der Neuen Mülhauser Zeitung. »Die Theaterbesucher werden mit großer Anteilnahme von dem Ableben dieser geschätzten Künstlerin Kenntnis nehmen, erfreute sie sich doch während ihrer Zugehörigkeit zu unserem Stadttheater großer ­Beliebtheit.« Und L’Express meldet »mit Bedauern« den Tod der Mademoiselle Carla Mann, »einer Schauspielerin, die seit meh­reren Jahren am Theater von Mulhouse ihre Qualität bewiesen« habe. Sie sei »in den letzten Tagen plötzlich und unerwartet [survenu brusquement] in München verstorben«. Wichtiger als die ­Todesursache erscheint dem Blatt die Information über die Bedeutung ihrer Brüder. »Dank des Talentes ihrer Schriftstellerbrüder Thomas und Heinrich Mann«, so kann man erfahren, sei auch Carlas Name »mit dem Ruhm der modernen deutschen Literatur verbunden«.

Einzelheiten der Vorgeschichte, des Motivs und der Ausführung einer möglichen Verzweiflungstat Carla Manns sind bis heute nicht geklärt. Klaus Mann berichtet, dass das Unglück von Polling zu jenen »Geheimnissen« seiner Kindheit gehörte, »an die man nicht rühren durfte«. Der Erklärung seiner Großmutter zufolge sei »die Tante Carla« an einem »jähen Herzschlag« gestorben. Erst sehr spät habe er von den »melancholischen Details« ­eines Selbstmordes erfahren. Aber warum hat sich Carla umgebracht? Oder war es gar kein Suizid?

Dass es dunkle Geheimnisse in der Mann’schen Familiengeschichte und ihren Künstlerexistenzen geben muss, ahnt man. Heinrich Mann wollte seinen 1925 erschienenen Roman Kopf ursprünglich sogar Die Blutspur nennen. Dabei meinte er keineswegs nur die kriegerischen Verstrickungen des Kaiserreichs, sondern vor allem die dargestellte Ödipustragödie, »die durch das gesamte (eigene) Leben« führe. Aber kein Literaturdetektiv hat es bisher vermocht, konkrete Spuren von »Blaubartzimmern« in den Biographien frei zu legen. Die Frage aber, ob und wie man angesichts des Mangels an handfesten autobiographischen Zeugnissen dem dichterischen Werk der Familie das »Trauma« früher Schock- und Schanderlebnisse »entreißen« kann, bleibt bestehen. Das gilt vor allem für das kurze Leben und den jähen Tod von Carla Mann. Man hat keinen »Nachlass« gefunden – auch ihr Tagebuch ist verschwunden. Erhalten sind nur die meisten ihrer Briefe an den Bruder Heinrich. Schemenhaft bleibt vor allem ihr letztes Umfeld im elsässischen Mülhausen/Mulhouse. In den offiziellen Archiven der Stadt und des Theaters weiß man nichts über sie und die Familie ihres Verlobten Arthur Gibo sowie die schicksalhafte ­Affäre mit einem Arzt. Aufschlussreicher sind Werk und Lebensbeschreibungen ihrer Brüder (vor allem Heinrichs), Briefe der Mutter und auch Zeugnisse von wichtigen Bezugspersonen wie Theodor Lessing oder dem Rivaner Arzt Christoph von Hartungen. Aus diesen Dokumenten geht hervor, dass Carla Manns Tod in erster Linie eine Familienaffäre war.

Am ausführlichsten hat der jüngste Bruder Viktor das tragische Geschehen und die unmittelbare Vorgeschichte in seiner Fami­lienbiographie Wir waren fünf dargestellt. Demnach ereignete sich die Tragödie, so wie angezeigt, am späten Nachmittag des 30. Juli auf dem Schweighart’schen Gutshof im oberbayerischen Polling, dem damaligen Wohnsitz der Mutter Julia. Das auf mittelalterlichem Klostergrund entstandene Landhaus war schon lange vor der Jahrhundertwende ein Sommertreff von Malern und anderen Künstlern, die aus der nahen Großstadt München gern zur Erholung kamen. »Polling hat Atmosphäre«, pflegte Thomas Mann zu sagen. Für Carla schien diese »Atmosphäre« vor allem Geborgenheit zu bedeuten. Diese suchte sie in Polling meist dann, wenn ihr persönliche Probleme über den Kopf zu wachsen drohten und der Lieblingsbruder Heinrich für Trost und Schutz nicht zur Verfügung stand.

So auch im Juni 1910. Carla, die mit Unterbrechungen seit September 1907 am Stadttheater im elsässischen Mülhausen engagiert ist, hat die Sommerpause zur Flucht nach Polling genutzt. Wenig später kommt auch Viktor. Er leistet beim Münchener Feldartillerie-Regiment sein Freiwilligenjahr ab und darf sich nach anstrengenden Manövermärschen und Gefechtsübungen ein paar Tage bei seiner Mutter ausruhen. Stolz berichtet der Zwanzigjährige, dass man ihn demnächst zum Korporal ernennen wolle. Doch sosehr er sich auch bemüht, »Lustiges aus der Kaserne« zu erzählen, die »Mama« bleibt »von Sorgen ganz verdüstert«. Der Grund ist offensichtlich »das gespannte Wesen der Schwester«, das auch Viktor sofort bemerkt. Carla »fiel aus ner­vöser Heiterkeit in Grübeln und wechselte von Ansätzen der Aufgeschlossenheit zu spröder Abwehr jeder Teilnahme«. Alle seine »burschikosen Tröstungen« taugen nur wenig dazu, die Stimmung der Schwester zu »mildern«. Nur einer – da ist er sich sicher – »hätte mehr, viel mehr vermocht: Heinrich«. Aber der befindet sich in Südtirol. Immerhin vermag Viktors »naiver Zuspruch« für Carlas »Nervenzustand eine endliche Entspannung durch Mitteilsamkeit« zu bewirken. So erfährt er »ungefähr«, was in Mülhausen in den letzten Wochen und Monaten vorgegangen war.

Seit einiger Zeit ist die Schwester »mit einem elsässischen Herrn, einem jungen Großindustriellen, verlobt«. Er heißt Arthur Gibo und wirkt auf Viktor, wie der beim Anblick einer Photographie empfindet, als »ein außerordentlich gutaussehender, ja schöner Mann; schöner eigentlich, als es Männer sein dürfen«. Arthurs Familie, das heißt seine verwitwete Mutter, hatte Carla zunächst freundlich aufgenommen und die Verlobung gebilligt. Aber dann »waren geschäftspolitische Pläne aufgetaucht«, denen die Heirat des einzigen Sohnes mit einer offensichtlich nicht vermögenden Schauspielerin »zuwiderlief«, und »ein zäher, heim­licher Kampf« hatte begonnen. Für Viktor stellt sich das Geschehen so dar, dass man »nach Gründen für einen nachträglichen Einwand« suchte, »und da das Kommerzielle nicht zugegeben werden sollte, benutzte man den um eine schöne Schauspielerin natürlich besonders regen Klatsch, um Arthur wankend zu machen«. Dazu gehörten vor allem die in denunziatorischer Absicht verbreiteten Hinweise auf ein heimliches Verhältnis Carlas mit einem Arzt. Da ihr Verlobter sich im Kampf gegen die Familien­intrige als »Schwächling« zu erweisen schien, »musste Carla in diesem Ringen Kraft für zwei einsetzen, was natürlich zermürbend war«, ­konstatiert Viktor Mann. Er sei damals aber noch »zu jung« gewesen, »um die ganze Schwere der seelischen Belastung« der Schwester zu begreifen, »dieses Entweder-Oder, das bei ihrem Charakter Himmel oder Abgrund hieß«. Er »wusste noch nicht, dass die Dinge sind, was sie uns scheinen«. Und »ganz im Stillen« war er geneigt, Carlas »Affäre« lediglich als bühnendramatisches Spiel zu betrachten, als ein Stück »von Kabale und Liebe«, aus dem sie ihr Herz wieder herausziehen könne, »wenn der Vorhang gefallen war«.

Bei ihren Spaziergängen durch die »sommerlich prunkende Landschaft« Pollings bringt er mit vermeintlicher »Forschheit, die ernüchtern sollte«, die Sache »auf ihre einfachste Formel«: »Entweder sei dieser hübsche Arthur Carlas Liebe wert und daher wirklich ihr Lebensglück, dann werde er sich als stark erweisen. Sei er aber schwach, dann wäre eben alles ein Irrtum gewesen; gewiss schmerzlich, aber immer noch besser als spätere Enttäuschung.« Die Schwester gibt ihm »bis zu einem gewissen Grad« recht und erklärt, dass sie auf eine grundsätzliche Aussprache mit dem Verlobten warte. Anfang Juli schließlich kommt ein »Brief aus dem Elsass«, der Clara glücklich zu stimmen scheint. Die letzten gemeinsamen Urlaubstage der Geschwister in Polling verlaufen, so Viktor, »heiter und ungetrübt«. Mutter und Schwester begleiten ihn zum Bahnhof. Es wird ein »lustiger Abschied«, Carla ruft ihm »im Ton eines Heinrich von Kleistschen Stückes« nach: »›Mach er’s gut, Korporal!‹« – und die Frauen »winkten lange«.

Nur wenige Wochen später kommt es dann in Polling zu der Tragödie, die Viktor Mann für seine Familienchronik rekonstruiert hat. Nach eigenen Angaben erfährt er von dem schrecklichen Ereignis etwas früher als seine beiden älteren Brüder und die Schwester Julia. Das Telegramm mit dem Wortlaut »Carla tot komme sofort!« erreicht ihn am Abend des 30. Juli auf seiner Münchner Wachstation. Noch in der Nacht macht er sich mit ­einer Autodroschke auf den Weg, um den Unglücksort, wie es in seinem Bericht heißt, »im fahlen Morgenlicht« zu erreichen. »Nicht der Anblick der toten Schwester, die unentstellt, friedlich und weiß gewandet in Blumen lag«, ist für ihn »das Schmerzlichste«, sondern der Zustand seiner Mutter. Sie scheint sich in einer Art Trance zu befinden, hat »ein graues Gesicht mit starren Augen«, ist unfähig zu weinen und flüstert mit tonloser Stimme: »Mein Kind, meine Carla! Sie hat es ja selbst getan.«

Über die unmittelbare Vorgeschichte will Viktor von der Mutter Folgendes erfahren haben: Carlas Verlobter war, ihrer Bitte folgend, aus dem Elsass gekommen, doch der Versuch einer Aussprache scheiterte bereits im ersten Anlauf. Nach einer heftigen Auseinandersetzung seien bei Carla »Entschluss und Tat innerhalb weniger Minuten« gereift. Sie eilte »mit wirrem Lächeln an Mama vorbei, hinauf in das Zimmer«, schloss sich ein und nahm das Gift. Die Mutter rüttelte in banger Ahnung an der Tür, hörte noch ein Röcheln und das Klirren eines zersprungenen Glases, aber es war zu spät. Abschiedszeilen hatte Carla für niemanden aus der Familie hinterlassen, selbst für den geliebten Bruder Heinrich nicht – nur der Verlobte fand eine in französischer Sprache aufgekritzelte Mitteilung: »Ich liebe Dich. Ich habe Dich einen Abend betrogen, dennoch liebe ich Dich, Carla«.

Jetzt steht er da, »mit wirr hängenden Haaren, dunklen Bartspuren im Gesicht und großen, verzweifelten Augen«. Obwohl er kaum noch dem schönen Photoporträt gleicht, erkennt Viktor ihn sofort. Arthur hebt die Arme »ein wenig«, kommt »zögernd« näher, wirft sich ihm »an die Brust« und schluchzt: »Du siehst ihr so ähnlich!« Stammelnd versucht er, »sein Nichtbegreifen dieses Todes« zu artikulieren. Einen »eigentlichen Bruch« zwischen ihm und Carla habe es nicht gegeben, erklärt er, »nur einen Streit«, wie er »zwischen Liebesleuten« nun mal vorkomme. Viktor kann den weinenden jungen Mann »nicht hassen«, aber meint zu wissen, »dass das endgültige Erkennen seines Wesens tödlich« für seine Schwester gewesen sei. »Carla war es gnadenlos klar geworden, dass Herz und Hoffen an ein Phantom verspielt waren und dass es für sie kein Sichzurücknehmen gab, weil ihr Stolz, dieser in den Enttäuschungen der letzten Jahre immer härter gewordene Stolz, ein Zurück nicht mehr zuließ.«

Für die Vorbereitung der Beerdigung – und selbst für die An­wesenheit auf der Trauerfeier – soll Arthur die Kraft gefehlt haben. Zur Erleichterung Viktors hatte sein Bruder Thomas »alles auf sich genommen, was für ein würdiges Begräbnis notwendig war«. Dazu gehörte nicht zuletzt eine »den Pastor von einer unglückseligen Verwirrung überzeugende Unterredung«, um den Tenor der Grabrede mit der Familienehre in Einklang zu bringen. Dass Carla gegen den Familiencodex verstoßen habe, betont Thomas unmittelbar nach ihrer Beerdigung in einem Brief an den Bruder Heinrich nachdrücklich: »Wir sind Alle übel dran. Es ist das Bitterste, was mir geschehen konnte. Mein geschwister­liches Solidaritätsgefühl lässt es mir so erscheinen, dass durch Carla’s Tat unsere Existenz in Frage gestellt, unsere Verankerung gelockert ist. Anfangs sagte ich immer vor mich hin: ›Einer von uns!‹ Was ich damit meinte, verstehe ich erst jetzt. Carla hat an niemanden gedacht, und Du sagst: ›das fehlte auch noch!‹ Und doch kann ich nicht anders, als es so zu empfinden, dass sie sich nicht hätte von uns trennen dürfen. Sie hatte bei ihrer Tat kein Solidaritätsgefühl, nicht das Gefühl unseres gemeinsamen Schicksals. Sie handelte sozusagen gegen eine stillschweigende Abrede. Es ist unaussprechlich bitter.«

Der »Hauptzweck dieses Briefes« ist jedoch, wie Thomas Mann in einer Art Vorahnung betont, die ältere Schwester Julia vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren, denn sie steht ihm in ihrer bürgerlichen Existenz als Bankiersgattin näher als Carla. Und dieses »weibliche Neben-Ich« sieht er durch die kritische Distanz des Bruders bedroht. »Es besteht die Gefahr«, schreibt er, »dass der Bruch zwischen Dir und Lula etwas so Definitives wie Carla’s Tod, ja etwas dem Tode Carla’s ganz Ähnliches wird.« Es sollte etwas »Ähnliches« werden, mit dem Unterschied, dass Thomas Manns Selbstmitleid nach Lulas Tod noch größer war. 1930 klagt er in seinem in der Neuen Rundschau veröffentlichten Lebensabriss: »Unsere beiden Schwestern sind von eigener Hand gestorben. Vom Schicksal der älteren, das sich siebzehn Jahre nach der Pollinger Katastrophe vollendete, schon hier zu berichten, widerstrebt mir. Ihr Grab ist zu frisch …«

Selbstkritische Reflexionen zum familiären Umgang mit Carlas Leben und Tod sind bei Thomas Mann nicht erkennbar. Im Lebensabriss erinnert er nicht nur an seinen alten Vorwurf, dass ihm Carlas Tat »auf irgendeine Weise wie ein Verrat an unserer geschwisterlichen Gemeinschaft erschien«, sondern kritisiert zusätzlich, dass sie »ihre Schreckenstat in unmittelbarer Nähe des schwachen Herzens [der Mutter] hatte begehen müssen«. Zudem erscheint ihm die Zyankali-Dosis als nicht dezent genug, denn er moniert, dass die Schwester »eine Menge« nahm, »mit der man wohl eine Kompanie Soldaten hätte töten können«.

Viktor Manns Bericht über das Schicksal Carlas ist offensichtlich von der Darstellung im Lebensabriss des Bruders Thomas und entsprechenden Szenen aus dessen Roman Doktor Faustus beeinflusst. Im Roman tritt Carla als Clarissa auf, und Pfeiffering ist unschwer als Polling zu erkennen. Im Lebensabriss werden ihre schauspielerischen Talente grundsätzlich in Frage gestellt und »eine außerkünstliche Überbetonung ihrer Person und Weiblichkeit« als Ursache für einen »schiefen« und »unglücklichen« Verlauf ihrer »Selbstverwirklichung« benannt. »Entbürgerlicht, aber vornehm« sei sie »durch eine unentwickelte, ihrer Stufe ungünstige Zeit ins unselig Bohemehafte gedrängt« worden. Schon als »junges Ding« habe sie eine »excentrisch-ästhetische Liebhaberei« praktiziert, die darin bestand, wie Thomas sich anklagend erinnert, »mit einem Totenkopf auf ihrer Kommode«, den sie Nathanael nannte, zu kommunizieren. Nathanael ist der verschwiegene Mitwisser all ihrer Geheimnisse.

Anders als Thomas Mann bekennt sich sein Bruder Heinrich öffentlich zu einer Mitschuld am tragischen Ende seiner Schwester. Seine »Verantwortung«, so heißt es im Memoirenwerk Ein Zeitalter wird besichtigt, sei »schwer« gewesen. Er behauptet sogar, in Carlas Todesstunde mit ihr in einer übernatürlichen Seelenverbindung, einem »Fluidum zwischen Getrennten«, gestanden zu haben: »Gegen Mittag erging ich mich in einem kahlen Garten, dem einzigen auf diesem Südtiroler Berg. Es war still, da wurde ich gerufen: ich meinte, aus dem Haus. Ich war so wenig vorbereitet, dass mir im ersten Augenblick nicht einfiel: hier ruft niemand mich bei meinem Vornamen. Später am Tage kam das Telegramm mit der Nachricht.« Und in seinem Autobiographischen Abriss von 1911 heißt es: »Das Wesen, das ich mir am nächsten gewusst habe, war meine Schwester. Sie war Schauspielerin, schön und elegant, ein Kind des Lebens, so voll Bereitschaft, es ganz durch ihr Herz gehen zu lassen.« Erst als »sie vollkommen ›ernst‹ sein wollte, musste sie sterben«.

In der Familie Mann ist man sich weitgehend einig, dass die Hauptschuld für Carlas Tod bei der »elenden Bagage in Mülhausen« zu suchen sei, das heißt vor allem bei ihrem »Bräutigam« Arthur und dessen Mutter, die von Julia Mann als »Hyäne« bezeichnet wird. Als schuldig gilt auch ein Arzt aus Mülhausen, der »erpresserischen Druck« auf Carla ausgeübt haben soll. Heinrich Manns Bekenntnis zu einer eigenen Mitschuld und seine besondere Trauergeste stoßen in der Familie kaum auf Verständnis. Mehr Mitgefühl bringt ihm die befreundete Ärztefamilie von ­Hartungen aus Riva entgegen, in deren Sanatorium er Stammgast ist. Christoph von Hartungen und seine Söhne Erhard und Christl wussten um das spezielle Verhältnis zwischen Heinrich und Carla und waren mit allen körperlichen Leiden und see­lischen Deformationen der Geschwister vertraut. So bietet Christl von Hartungen dem Freund in einem einfühlsamen Kondolenzbrief vom 5. August 1910 die eigene Familie als Ersatzheimat an:

»Lieber, armer Freund und Mann!

Seien Sie versichert, dass uns alle drei die Nachricht schwer traf und dass wir mit Ihnen fühlen können. Sie haben in Ihrer Schwester eine edle und hehre Frauengestalt verloren. Haben Sie das? Nein, sie lebt in Ihnen und uns weiter, schöner, herrlicher denn je. Sie hat sich doch nur jenen entzogen, die sie nicht verstanden und von denen sie wusste, nie in ihrem feinen Sein verstanden zu werden. Der Gedanke muss Ihnen das Unglück leichter tragen lassen. Sie haben Ihre Lieblingsschwester nicht mehr; vielleicht, sicher ist sie unersetzbar. Aber schauen Sie, lieber Herr Mann, Sie haben einen alten Freund, der Sie wirklich liebt, und zwei junge, die Ihnen gerne Bruder und Schwester sein möchten. Vielleicht gelingt es uns dreien, Ihnen etwas die Verlorene zu ersetzen.

Dies hofft Ihr Christl v. Hartungen«

Heinrich, Thomas, Carla und
Julia (Lula) Mann im Jahr 1885

Die Eltern Thomas Johann Heinrich Mann
und Julia Mann (geb. da Silva-Bruhns)

Die »verrottete« Familie

Vieles spricht dafür, dass in der dramatischen Biographie von Carla Mann der Schlüssel zum tieferen Verständnis der gesamten Tragik der berühmten Dichterfamilie liegt. Carlas Freitod stand am Anfang der zerstörerischen und selbstzerstörerischen Entwicklung. Ihr folgten die Schwester Julia (1927), dann Heinrich Manns zweite Ehefrau Nelly (1944) – und nach dem Zweiten Weltkrieg Thomas Manns Söhne Klaus (1949) und höchstwahrscheinlich auch Michael (1977). Angesichts der antiken Dimension dieser Tragödien sehen sich auch Wissenschaftler zur Auseinander­setzung mit mythischen Erklärungsversuchen eines »Familien­fluches« veranlasst. Ist es wirklich eine irrationale Ab­­wegigkeit, davon zu sprechen, »dass die Kunst ihre Opfer fordert, dass, wer schreibt, sein Lebensglück verspielt und oft sogar das Glück der anderen Familienmitglieder, die zum literarischen Objekt werden, mitverspielt«? Zweifellos beschwört die destruktive Familiengeschichte der Manns archaische Bilder des Zusammenhangs von Kunst, Eros und Tod. Dabei mischen sich »normale« bürger­liche Verlusterfahrungen mit extremen künstlerischen Sehnsüchten und Leiden. »Die Bürgerlichkeit« der Manns, so eine familienbiographische Erkenntnis, kam nicht ohne »Grenzüberschreitungen« aus. Man habe das »Unbürgerliche« immer benötigt, »um das Bürgerliche darstellen und aushalten zu können«. Für die Künstler in der Familie gab es die Möglichkeit, das Leiden am Leben in der Kunst zu sublimieren. Dennoch haben sich die Schauspielerin Carla und der Schriftsteller Klaus »statt zum Leben zum Tode hin entwickelt«, eine Erkenntnis, die sich auch in Heinrich Manns Entwurf zum Gedenkband für den Neffen – der letzte Text, an dem er gearbeitet hat – findet:

»Was ist eigentlich der freiwillige Tod, genannt freiwillig, weil verstanden nicht als auferlegt, sondern mitgebracht? Die An­ziehung des Todes, – ein Leben wäre von ihr beherrscht seit dem letzten Atemzug? Nicht gleich bewusst, aber das wird kommen, arbeitet in einer Physis, einem Sinn dennoch ein Grundgefühl, das dem Leben absagt. Es färbt jede seiner Stunden. Die glücklichsten des Menschen, Stunden der Hingabe, des Vergessens, mahnen sogar noch den Entrückten, den Verzauberten zu ge­denken. Da gedenkt er: ich bin nicht dies. Jetzt küsse ich, jetzt weine ich, hasse ich, will ich und schmiede Pläne. Aber nahe von mir, ganz nahe stehe ich wieder. Dunkel liegt auf mir. Ich warte …«

War der selbstgewählte Tod von Carla und Klaus ausschließlich eine Antwort auf das Scheitern der Integration des Unbürgerlichen in das Leben? Die familiären Strukturen und Traditionen des Mann’schen Zauberbergs waren komplexer. Es ging um patriarchalische Vorherrschaft und ödipale Verstrickungen, um eine dramatische Beziehungsgeschichte der Generationen, Geschwister und Geschlechter, die mit den Katastrophen der Zeitalter verknüpft war. Selbstmord und Selbstmorddrohungen stellten im Beziehungsgeflecht der Mann’schen Familie »eine harte Valuta« dar. Psychologen bezeichnen Selbstmord als »psychogenen Mord«, wenn die Betroffenen sich als ungewollte, ungeliebte und überflüssige Kinder betrachten, deren einzige Aufgabe darin lag oder liegt, der Familie in der Rolle des Opfers zu dienen. Für Thomas Mann schien die Schwester Carla für die Opferrolle vorbestimmt. »Als kleines Kind schon war sie dem Tode nahe gewesen: eine furchtbare Komplikation von Zahnkrämpfen, Keuchhusten und Lungenentzündung hatte die Ärzte an ihrem Aufkommen verzweifeln lassen. Ihr Wesen blieb zart, gefährdet, heikel.« Leben oder überleben vermochten in der Mann’schen Familie nur die­jenigen, die als Heranwachsende einen Menschen fanden, der ihre Existenzberechtigung nicht völlig in Frage stellte.

Eine unselige Rolle spielte in diesem Zusammenhang das Testament des früh gestorbenen Lübecker Senators Thomas Johann Heinrich Mann. Im Juli 1891 musste der Senator sich einer Blasenoperation unterziehen, bei der eine Krebserkrankung im fortgeschrittenen Stadium festgestellt wurde. Drei Monate später starb er im Alter von 51 Jahren und hinterließ Frau und fünf Kinder. Als offizielle Todesursache gab man eine mit der Krankheit und Operation zusammenhängende »Blutvergiftung« an, heimliche Vermutungen jedoch gingen davon aus, dass der Senator selbst eine Maßnahme zur Verkürzung seines Leidens ergriffen hätte. Die Krankheit hatte ihn in einer unglücklichen Situation getroffen. Seine Ehe mit der aus Brasilien stammenden, lebenslustigen Julia da Silva – ihr wurde unter anderem ein Verhältnis mit dem Lübecker Kapellmeister Alexander von Fielitz nachgesagt – war nicht spannungsfrei, und auch das Geschäft mit dem Getreidehandel lief zuletzt schlecht.

Viktor Mann berichtet die Merkwürdigkeit, dass sein Vater bereits einige Wochen zuvor im »Traum« das Sterbedatum exakt vor­ausgesagt habe. Vor der Operation hatte er auch ein mehrteiliges Testament aufgesetzt, das akribisch alle Bestattungs- und Erb­angelegenheiten regelte. Ganz offensichtlich hielt der Senator seine Nachfahren nicht für fähig, die traditionsreiche Handelsfirma fortzuführen. So verfügte er nicht nur die Liquidation des Un­ternehmens, sondern auch den Verkauf des hochherrschaft­lichen Hauses in der Beckergrube. Der erzielte Gesamterlös in Höhe von 400 000 Mark war zwar für die damaligen Verhältnisse eine durchaus stattliche Summe, doch da die Senatorenwitwe nur von der festgelegten »Nutznießung« profitieren konnte und von dem jährlichen Zinsertrag von etwa 12 000 Mark die Kinder unterhalten musste, war die großbürgerliche Ära der Familie mit dem Tod von Thomas Johann Heinrich Mann zu Ende. »Wir sind nicht reich, aber wohlhabend«, lautete die Formel, mit der die Witwe versuchte, sich und die Kinder zu beruhigen. Auch wenn Thomas Mann diese Formulierung gefallen hat, ist seine Kritik an der väterlichen Erbverfügung in den Buddenbrooks unübersehbar. Die Vollstreckung des Testamentes nahm einen »außer­ordentlich kläglichen Verlauf«, das Unternehmen wurde »mit großem Schaden zu Gelde gemacht«.

Die eigentliche Erblast des Testaments bestand jedoch nicht in den finanziellen Nachteilen, sondern in den Vorschriften. Den bestellten Vormündern, zu denen auch der Vermögensverwalter Paul Alfred Mann gehörte, machte der Vater »die Einwirkung auf eine praktische Erziehung« seiner Kinder »zur Pflicht«. So sollten sie »den Neigungen« seines ältesten Sohnes Heinrich »zu einer sogenannten literarischen Tätigkeit« entgegentreten, da ihm »zu gründlicher, erfolgreicher Tätigkeit in dieser Richtung« die »Vorbedingnisse« wie »genügendes Studium und umfassende Kenntnisse« fehlten. »Der Hintergrund« seiner Neigungen sei »träume­risches Sichgehenlassen und Rücksichtslosigkeit gegen andere, vielleicht aus Mangel am Nachdenken«. Sein zweiter Sohn Thomas sei »ruhigen Vorstellungen zugänglich«, habe »ein gutes Gemüt« und werde »sich in einen praktischen Beruf hineinfinden«. Von ihm könne man erwarten, »dass er seiner Mutter eine Stütze« sein werde. Demgegenüber müsse man seine älteste Tochter Julia »strenge beobachten«, ihr »lebhaftes Naturell« sei »unter Druck zu halten«. Carla hingegen sei »weniger schwierig zu nehmen« und werde »neben Thomas ein ruhiges Element bilden«. Und für den »kleinen Vicco«, der »so gute Augen« habe, erhoffte er sich den Schutz Gottes, denn: »Oft gedeihen Kinder späterer Geburt geistig besonders gut.« Sorgen schien ihm auch seine Frau zu machen, denn er empfahl ihr mit Nachdruck, sie möge sich »allen Kindern gegenüber fest zeigen und alle immer in Abhängigkeit halten. Wenn sie je wankend würde, so lese sie König Lear …«

Shakespeares König Lear hatte seine drei Töchter völlig falsch beurteilt und sein Erbe daraufhin ungerecht verteilt und damit noch zu Lebzeiten den eigenen Untergang und die Selbstzer­störung seiner Dynastie vorbereitet. Thomas Johann Heinrich Manns düstere Warnung vor dieser Tragödie sollte sich angesichts seiner eigenen Fehleinschätzungen als selbsterfüllende Prophe­zeiung erweisen. Für alle seine Erben war das Testament ein unerfüllbarer Auftrag und zugleich eine permanente Bedrohung. Wie konnte sich die abrupt von ihren großbürgerlichen Ressourcen getrennte und gesetzlich von der Vormundschaft ausgeschlos­sene Julia Mann als alleinerziehende Mutter »stark« und »nicht wankend« erweisen? Und wie sollten die entmündigten Kinder unter diesen Umständen gehorsam und loyal sein? So legte das negative Urteil des Vaters über die unterschiedlichen geistigen und prak­tischen Fähigkeiten seiner Söhne Heinrich und Thomas schon den Keim für die spätere erbitterte Bruderkonkurrenz, die sich auch auf die Entwicklung der beiden Schwestern auswirken sollte. Für Carla und Julia (Lula), die beim Tod des Vaters zehn beziehungsweise vierzehn Jahre alt waren, nahmen die älteren Brüder eine größere Autoritätsrolle ein als die Mutter.

Im engstirnigen Lübeck respektierte man die Witwe nicht mehr als »Frau Senatorin« – sie wurde vielmehr als »Fremde« abgelehnt, und der Pastor, der die Grabrede für ihren Mann gehalten hatte, prägte das abfällige Wort von der »verrotteten« Familie. Und in der Tat begann sich mit Julia Manns Übersiedlung – besser gesagt mit ihrer Flucht – nach München im Sommer 1893 der Familienzusammenhang aufzulösen. Sie etablierte sich mit ihren Töchtern und dem kleinen Viktor nach mehrfachen Wohnungswechseln schließlich in der ersten Etage eines hochherrschaft­lichen Hauses in der Schwabinger Herzogstraße Nr. 3. Hier war die Atmosphäre offener und erlaubte gesellschaftliche Aktivitäten, auf die die Senatorenwitwe so lange hatte verzichten müssen. Doch das, was Julia Mann als Befreiung von traditionellen Zwängen empfand, muss ihren Töchtern eher als schmerzliche Zerstörung der Familienhierarchie und generell als krisenhafte Entwicklung vorgekommen sein. Schon bald sollten sich zwischen der immer noch attraktiven Mutter und ihren Teenager-Töchtern auch Gefühle der Konkurrenz und Eifersucht herausbilden. Viktor Mann berichtet von häufigem Künstlerbesuch und gesellschaftlichem Verkehr im »gut belichteten« großen Salon der ­Herzogstraße. »Sein Mittelpunkt war wieder der große Bechsteinflügel, an dem Mama fast täglich spielte und oft mit ihrer nicht starken, aber schönen und musikalischen Stimme sang.«

München »leuchtete« damals, wie Thomas Mann es ausdrückte. Das galt vor allem für die Schwabinger »Atmosphäre der Menschlichkeit, des duldsamen Individualismus, der Maskenfreiheit sozusagen; eine Atmosphäre von heiterer Sinnlichkeit, von Künstlertum; eine Stimmung von Lebensfreundlichkeit, Jugend …« Offensichtlich waren die männlichen Besucher des Salons der Mutter, wie Katia Mann später anmerkte, schwankend, ob sie eher der »Frau Senator« oder deren Töchtern den Hof machen sollten. »Und die Töchter litten ein bisschen darunter, dass die Mutter immer noch solchen Wert auf das Weibliche legte und Verehrer hatte.« Natürlich waren auch die Söhne eifersüchtig auf die Verehrer ihrer Mutter. Thomas und Heinrich haben in verschiedenen Romanen und Novellen Frauen, die der Mutter glichen, in erotischen Situationen dargestellt, die sie als Kinder so – oder so ähnlich – erlebt hatten. Das gilt für die musikalischen Seelenfreundschaften von Gerda Buddenbrook ebenso wie für die Rolle der »unbefriedigten« Dora in Heinrichs Erstlingswerk In einer Familie oder die Eskapaden einer von Langeweile geplagten Gabriele West in Eugénie oder Die Bürgerzeit. In diesem Roman beschreibt der Autor ein Kindheitserlebnis, bei dem er wegen Mitwisserschaft in einer amourösen Angelegenheit zur Verschwiegenheit gegenüber dem Vater verpflichtet wurde. Die Mutter nahm den kleinen Jungen »bei beiden Schultern«, und »sagte ihm einschmeichelnd: ›Er hat mich auf die Schultern geküsst‹, sie errötete, ›nur auf die Schulter, verstehst du? Das ist nicht schlimm.‹« Und in einer seiner späten Zeichnungen thematisierte Heinrich auch das komplizierte Dreiecksverhältnis zwischen ihm, seinem jüngeren Bruder und der Mutter: Julia Mann flirtet mit einem jungen Offizier im Garten, während der vierjährige Heinrich in der Nähe auf dem Rasen liegt und Thomas als Baby (mit dem Geburtsjahr 1875 markiert) im Hintergrund des Hauses zu erkennen ist. Heinrich Mann hat die festlichen Auftritte seiner Mutter mit der historischen Erscheinung von Kaiserin Eugénie, der Gemahlin Napoleons III., verglichen und erinnerte sich: »Ich darf Mama bewundern … Nackte Schultern, mild von Licht überzogen, Haare, schimmernd wie Schmuck und Juwelen, die blitzen vom Leben, wenden sich mühelos im Tanz.«

Julia Mann arrangierte aber nicht nur Ballabende, sie vermittelte ihren Kindern in bestimmten Grenzen auch Anregungen für Bildung und Kultur. So las sie ihnen aus romantischen Texten von Fouqué, Clemens Brentano oder Bettina von Arnim vor und erteilte Musikunterricht. Ihr Klavierspiel jedoch war, wie der ­Enkel Klaus Mann anmerkte, »gerade ein wenig zu gut für eine Dame in ihrer Stellung«, und die »fremdländischen Lieder«, die sie sang, klangen »lieblich, aber auch verfänglich«. Julia Mann war auf beide Schriftstellersöhne stolz, am nächsten stand ihr dabei – wie ihre Briefe belegen – der erstgeborene »Luiz« Heinrich. Thomas fühlte sich zwar als Kind auch vom »wohlgeübten« Spiel der Mutter angezogen, klagte aber gleichzeitig über die »eigentüm­liche Kälte ihres Charakters«. Dennoch war auch er sich des Geschlechterprivilegs bewusst: »Das Leben zu bestehen, scheint die tragende und nährende Liebe uns Söhne besser ausgestattet zu haben als die Mädchen.« Dieses Privileg begünstigte vor allem den Aufbau einer männlichen Schriftstellerexistenz. Obwohl ­Julia Mann selbst ihre Kindheitserinnerungen unter dem Titel Aus Dodos Kindheit niederschrieb und auch ihre Töchter versuchten, Verse zu Papier zu bringen, galt das von den Frauen Geschriebene in ihren Augen nur für den Hausgebrauch. Eine Veröffent­lichung lehnte sie mit dem Hinweis ab: »Für die Welt werden Heinrich und Thomas genug Schönes schreiben.«

Heinrich hatte Lübeck schon 1889 als Achtzehnjähriger verlassen und führte nach ersten Berufserfahrungen in Buchhandel und Verlagswesen ein literarisches Wanderleben mit Stationen in Paris und Italien. Der vier Jahre jüngere Thomas war zwar 1894, nach Abschluss seiner Mittleren Reife, der Mutter nach München gefolgt, strebte aber nach dem Volontariat bei einer Versicherungsgesellschaft ebenfalls nach einer selbständigen Autorenexistenz. Aufschlussreich ist, dass die ersten Romane beider Brüder konkurrierende Schilderungen und Aufarbeitungen eigener Familienerlebnisse waren. 1894 erschien Heinrichs In einer Familie und 1901 präsentierte Thomas die Buddenbrooks. In beiden Büchern geht es um hierarchische Konflikte und libidinöse Ambi­valenzen zwischen Eltern, Söhnen und Töchtern. In der Zeit dazwischen entstand in Italien das einzige gemeinsame »Werk« der Brüder, das Bilderbuch für artige Kinder. Das handgeschriebene, handillustrierte und handgebundene Einzelstück war als »Konfirmationsgeschenk« für die vierzehnjährige Carla gedacht, hat aber auch auf den jungen Viktor einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass er in seiner Familienbiographie ausführlich dar­über berichtet. Und für seine Nichte Erika soll bei ihrem ersten Wiedersehen im Herbst 1945 eine der »vordringlichsten« Fragen gewesen sein: »Wo ist das Bilderbuch für artige Kinder?« Das Ori­ginal, das Thomas Mann etliche Jahre nach dem Tod Carlas wieder an sich genommen hatte, gilt als »verschollen«. Viktor Manns Teilrekonstruktionen von Versen und Illustrationen lassen eine monströse Mischung von Männerphantasien und sexuellen Alpträumen erkennen, die sich aus der Verarbeitung traumatischer kindlicher Erlebnisse speist und typisch für das konkurrierende Frühwerk seiner Brüder war. Ihnen scheint es gelungen zu sein, den Schwestern zu schmeicheln und sie durch ihr Imponiergehabe zu beeindrucken. Lula und Carla fühlten sich dadurch aufgewertet und verdrängten vorübergehend ihre Verlusterfahrungen und das Kindheitstrauma des Überflüssigseins.

Klaus Mann hat sich in seinem Lebensbericht Der Wendepunkt  

Als Lulas tristes Eheleben begann, war Carla 19 Jahre alt und konnte die Existenzform der älteren Schwester als abschreckendes Beispiel erleben. Demonstrativ hatte sie schon als Schülerin ihr Interesse für das antibürgerliche Theatermilieu bekundet und ­versuchte, wie der Bruder Viktor berichtet, »mit rollendem Bühnen-R« zu sprechen. Ihr großer Schwarm war damals Mathieu Lützenkirchen, ein beliebter Schauspieler am Münchner Hoftheater, den Heinrich Mann in seiner Novelle Schauspielerin als Armand Hellfried verewigt hat. Er war mit seinen dunklen Haarlocken und dem Temperament seiner Kölner Herkunft eine muntere rheinländische Erscheinung, die von Carla aber als »typisch jüdisch« angesehen wurde. So erklärt dann auch die Verehrerin Hellfrieds in der Novelle: »Wer mir aufgefallen ist, war noch immer Jude; und Erfolg habe ich auch nur bei ihnen.« In München hat Carla jede Vorstellung Lützenkirchens besucht und beklatscht. Einmal, so berichtete sie, habe sie den Verehrten unverhofft auf der Straße getroffen. »Es war im dichten Gedränge, so dass wir beide nicht weiter konnten. Wir standen uns gegenüber, ganz nahe, und sahen uns an. Ja, er hat mich angesehen, lange Zeit!« Die Brüder machten sich lustig über Carlas schwärmerische Leidenschaft für den »Monsieur Lucène-Querquène« und die philosemitische Überhöhung seiner Herkunft. Viktor berichtet, dass die Schwester nach jeder diesbezüglichen Neckerei »in Tränen der Wut ausbrach«.

Waren solche frühen »Leidenschaften« vielleicht der Grund, dass man die 17-jährige Carla nach Abschluss der Höheren Töchterschule auf das sehr fromme, vornehme und teure Mädchenpensionat Villamont in Lausanne schickte? Für den bürger­lichen Feinschliff der vier Jahre älteren Lula hatte die Mutter 1896 den Besuch einer weitaus anspruchsloseren Einrichtung in Karlsruhe für ausreichend gehalten. Die Pensionatszeit sollte sich jedoch für beide Schwestern gleichermaßen als unergiebig erweisen. Auch Julia hatte sich – trotz aller Bürgerlichkeit – ein anderes, ein selbständigeres und kunstsinnigeres Leben erhofft. Als Vorbild ­betrachtete sie offensichtlich die Karriere ihrer Schulfreundin Natalia Mannhardt, der es gelungen war, durch eine »gute Partie« mit dem Lübecker Bürgermeistersohn und Rechtsanwalt Eduard Gustav Kulenkamp großbürgerlichen Aufstieg, Kunst­interesse und emanzipierten Lebensstil zu verbinden. In München haben sich die Wege der beiden höheren Töchter aus Lübeck gelegentlich noch gekreuzt. Es existiert ein Photo aus dieser Zeit, das Lula und ihren Bruder Heinrich in heiterer Stimmung gemeinsam mit Natalia und deren Tochter in einer lockeren Runde zeigt, in der sich der steife Bankier Löhr ganz sicher nicht wohl gefühlt hätte. Doch auf weitergehende Kontakte zur Schwabinger Boheme – wie Natalia und Heinrich sie unterhielten und von denen Carla träumte – legte Lula keinen Wert.