image image

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2005



© 2017 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim

www.rosenheimer.com


Titelfoto: Bernd Römmelt, München

eISBN 978-3-475-54694-5 (epub)

Worum geht es im Buch?

Paul Friedl

Über helle Wiesen

In einem Glasmacherdorf im Bayerischen Wald herrscht Unfrieden. Weil der Glasmacher Michl und die hübsche Julie einander lieben, ist Michls Mutter außer sich, schon seit Jahren verfolgt sie die Familie mit ihrem Hass. Julie und Michl erwarten sehnlichst den Tag, an dem sie das Dorf gemeinsam verlassen können.

Das enge Waldtal unweit des aufragenden Arbers, des höchsten Berges des Waldgebirges an der böhmischen Grenze, dampfte im sinkenden Sommertag. Die späte Sonne strahlte die Wände der kleinen Glaserhäuser an, wärmte die braune Hüttensäge und blitzte auf dem blechbeschlagenen Türmchen des Herrenhauses. Über der Glashütte mit dem qualmenden Schlot flirrte die heiße Luft, tanzte und quirlte im satten Brodem, der aus dem Überdach über den Glasöfen strömte.

Rundum stiegen die dunklen Wälder im müden Sommergrün an den Hängen auf und wehrten in ihrer Ruhe den verhaltenen Lärm ab, der sich um die Glashütte staute. Das Klirren der Glasmacherpfeifen und Zangen, das Reden und Rufen mengte sich mit dem Sausen des Feuerbrandes in den Öfen zu einem Brausen, aus dem nur ab und zu ein wüster Zornschrei oder ein helles Männerlachen auftauchte. Drüben, in der angebauten Schleife, klirrte hin und wieder ein Glas auf, als empfände es unter dem Ritzen, Reißen und Schneiden der Schleiferscheibe einen echten Schmerz.

Wenn auch die Sonne schon dicht über den Rabensteiner Wäldern stand, so erhitzte sie doch noch das knisternde Hüttendach, und vor den rotglühenden Ofenlöchern floß der Schweiß und verdampfte mit einem sauren Geruch. Hemd und Hose klebten den Glasmachern und ihren Gehilfen auf der Haut, und ihre Gesichter waren grau und schlaff vor Erschöpfung. Müde schleppten sie sich mit klappernden Holzschuhen hin und her, flüssiges Glas aus dem Schmelzhafen holend und formend, es anzublasen zum Hohlkörper, und weiterzugeben an den nächsten, bis zum Meister, der auf der hölzernen Werkbank den Krug formte und ihm den Henkel ansetzte. Der Eintragbub wartete schon mit der langen Gabel, faßte das fertige Stück und rannte damit zum Kühlofen in der Ecke. Bis er wiederkehrte, war schon der nächste Krug fertig. So ging es Tag um Tag an zwei Glasöfen mit je vier Ofenlöchern und Werkstätten, so ging es Jahr um Jahr, und wenn einer der Männer und Burschen ausfiel, ausgebrannt und ausgehöhlt von der unmenschlichen Hitze, dann trat ein anderer an.

Durch den Schlitz des gehobenen Überdaches schien die schräge Sonne und zog durch den Qualm goldene Streifen, in denen die Hitze weißlich waberte. An der rußigen Wand, über dem dunklen Hüttentor, rückte die Uhr so unheimlich langsam die Zeiger, als wäre die Zeit stehengeblieben. Mutlos und zornig gingen die Blicke der Männer von der Arbeit weg immer wieder zum grauverfärbten Zifferblatt. Aufatmend richteten sie sich auf, als aus der Tür zu den Lagern und Packräumen der alte Hüttenmeister Lerach kam, etwas gebückt und mit scharfen Augen über die Werkstätten sah, an den Ofen herantrat, noch umständlich eine Prise Schnupftabak der großen Hakennase zuführte, sich, während der Zeiger die Stunde vollmachte, die Faust abrieb und dem ihn gespannt beobachtenden Glasmacher Bredl nach einer Weile lässig zuwinkte. Das Wort Feierabend las der Bredl ihm vom Mund ab, denn er konnte es in dem herrschenden Lärm nicht hören. Langsam legte der Glasmacher das Zwackeleisen hin, mit dem er, auf dem Werkstattbankl sitzend, gearbeitet hatte, erhob sich betont träge, wischte sich die Hände an der blauen Arbeitsschürze ab und griff nach einem Plättholz und hämmerte damit auf den Glasabfalltrog. Das Trommeln ging von Werkstatt zu Werkstatt, rund um die Öfen, und klirrend die Pfeifen hinlegend, stiegen die Glasmacher und ihre Gehilfen von den Arbeitspodesten. Sie nahmen ihre Joppen von der Wand und die blechernen Suppengeschirre vom Bretterbord und klapperten aus der Hütte, hastig und schweigend.

Hinter der Schleife zog der Biebl die Wasserschütze und leitete den Bach vom Wasserrad ab in den toten Lauf, und die surrenden Scheiben in der Schleiferei kamen zur Ruhe. Auch dort strömten nun die Männer aus der Türe, und zu ihnen gesellten sich aus der Packerei und der Glaswäscherei die Frauen und Mädchen in bunten Kopftüchern und ärmlichem Arbeitsgewand. Die Jüngeren hatten es eilig, den Bretterzaun um den Hüttenhof durch das Tor zu passieren, die Älteren folgten langsamer, und die Glasmachermeister, die erst in einem Nebenraum die Holzschuhe mit den Lederschuhen vertauscht hatten und nicht die Joppen wie die andern unterm Arm trugen oder übergehängt, sondern angezogen hatten, kamen gemessenen Schrittes mit den letzten.

Auf der Dorfstraße verteilte sich der Strom der Heimkehrenden, aufwärts zum Oberdorf, zu den Glaserhäusern, und dorfabwärts, wo gegen den Bach zwei größere, zur Glashütte gehörige Wohnhäuser standen.

Sie beachteten kaum die Frau, die wartend vor dem Hüttentor auf der Straße stand, gingen mit einem scheelen Blick an ihr vorbei, oder sahen sie nur kurz und mit ein wenig Neugierde an. Sie stand lauernd, etwas vornüber gebeugt und das Kopftuch schattend in das Gesicht gezogen, die Ellenbogen an den Leib gepreßt und die Arme vorgestreckt, wie zum Angriff oder zur Abwehr. In ihrem hageren Gesicht mit den vorstehenden Backenknochen glühten, etwas aus ihren Höhlen tretend, lebhaft und groß die Augen, haßvoll, wie das Gesicht eines Geiers, der auf seine Beute wartet. Frauen und Mädchen drückten sich scheu an ihr vorbei und hasteten davon, ein Glasschleifer grinste und sagte müde zu einem anderen:

„Der Bredl wenn wüßte, daß sie wartet, der tät hinten hinaus.“

„Der Mann kann einem erbarmen“, meinte der andere.

Ob die Bredlin das gehört hatte und deshalb plötzlich in ihre Wangen eine hektische Röte schoß? Das kümmerte die beiden Schleifer nicht, doch als sie sich nur wenige Schritte entfernt hatten, blieben sie stehen und wandten sich um, denn hinter ihnen, am Tor, kreischte die Bredlin auf und stürzte sich auf ein junges Mädchen, das erschrocken wieder in den Hüttenhof zurück wollte.

„Du Luder, du miserables! Wirst du meinen Buben endlich in Ruhe lassen? Umbringen tu ich dich!“

Die Bredlin schrie mit überschlagender Stimme, und ihre gespreizten Finger fuhren der Überraschten ins Gesicht, rissen ihr das Kopftuch herunter und zerrten die vor Schrecken Wehrlose an den blonden Haaren. Es ging alles so schnell, daß die Männer und Frauen reglos stehenblieben und nicht wußten, was sie dabei tun sollten.

„Bredlin!“ stieß die Angegriffene hilflos heraus und streckte abwehrend die Hände von sich. Die Fingernägel der Wütenden hatten ihr die Wangen aufgerissen, und ihre Fäuste schlugen in das blutende Gesicht.

„Da hört sich aber doch alles auf!“ ermannte sich einer der Männer, zeigte aber trotzdem keine Lust, helfend einzugreifen. Auch andere begannen, sich laut zu entrüsten.

„Helft mir doch!“ weinte das geschlagene Mädchen auf. Aus dem Tor kam gerade ein junger Arbeiter, war mit einem Satz bei der wütenden Bredlin und riß sie zurück, daß sie gegen den Bretterzaun flog.

„Bist denn närrisch!“ brüllte er sie an und stellte sich vor das Mädchen, das hinter seinem Rücken das Blut aus dem Gesicht wischte und verstört nicht an das Weglaufen dachte.

Die Bredlin schoß nun auf den jungen Mann zu: „Waldhauser, was geht’s dich an? Misch dich net drein!“

Ruhig stand der kräftige Bursche und stieß sie zurück. „Verschwinde! Sonst hau ich dir den Buckel voll! Noch einmal muck dich, dann geb ich dir die Tracht Prügel, die dein Alter dir schon hundertmal schuldig ist!“ Und über die Köpfe der schimpfenden Umstehenden hinweg schrie er dem Glasmacher Bredl und seinem Buben, dem Michl, zu: „Da, geht her und verräumt sie! So ein Weib gehört ja net unter die Leut!“

Mit den Armen stoßend und schlagend drängte sich die Bredlin nun durch die Zuschauer und rannte davon. Der Kreis vor dem Hüttentor löste sich auf. Über den Hüttenhof, auf das Tor zu, kamen nun, als die letzten, die Glasmachermeister. Mit einem scheuen Blick auf den kräftigen und etwas korpulenten Meister Gaschler, verdrückten sich der Bredl und sein Bub und folgten mit langen Schritten der Bredlin, die mit fliegenden Röcken zu den Glaserhäusern hinaufeilte.

Ratlos stand indes der Glasmacher Gaschler vor seiner Tochter: „Julie, wie schaust du aus? Was ist denn — zum Teufel, was hat es denn gegeben?“

Nun erst kamen dem schmalgesichtigen Mädchen die Tränen, und während dem Gaschler die Wut das Blut in die Stirne trieb, erklärte der Waldhauser:

„Die Bredlin hat ihr aufgelauert und sie angefallen wie eine Wilde. So ein verrücktes Weibsbild!“

„Und der Bredl?“ sagte der Gaschler seltsam ruhig. „Und sein Bub, der Michl?“

Der Waldhauser, ein strammer Bursche, der als Stöckelschneider tagsüber das Schürholz für die Öfen richtete, zuckte nur die Schultern: „Da hinten sind sie gestanden und haben sich net gerührt.“

Der Gaschler befahl mit einer Handbewegung seiner Tochter: „Geh heim. Wird mein Krügl bald überlaufen, dann erdrück ich den Bredl, wenn er mit seinem Weib net fertig wird.“ Er sagte es zu den anderen und folgte seiner Tochter, die, mit dem Kopftuch das verkratzte Gesicht verbergend, vorangegangen war.

Der Sepp Waldhauser stand immer noch, als sich die letzten schon zu ihren Wohnungen hin entfernt hatten. Dann spuckte er in weitem Bogen auf die staubige Dorfstraße, blinzelte gegen die sinkende Sonne, rückte den Hut ins Genick und knirschte: „Feiglinge sind sie alle! Aber wenn die Julie es net anders haben will? Ein Glasmacher ist halt alleweil noch mehr als ein Stöckelschneider.“

Das Dorf war plötzlich leer geworden und brütete unter der Abendsonne. Aus der Glashütte kam das Klirren der Schürstangen. Die Schmelzer und Schürer hatten ihre Arbeit begonnen. Vor dem Hüttenwirtshaus im oberen Dorf stand ein Pferdegespann, und die Gäule schlugen mit den Schwänzen nach den blutsaugenden Bremsen.

„Feiglinge! Und auch der Gaschler weiß sich net zu helfen“, knurrte der Waldhauser und schlenderte dorfabwärts zu einem der großen Wohnhäuser.

„Die Leimer Resl hat mir schon alles erzählt“, empfing ihn seine ergraute Mutter in der Stube der kleinen Arbeiterwohnung, „hättest dich net einmischen sollen. Dich geht das nix an, was die Bredl und die Gaschler miteinander haben.“

„Freilich geht es mich was an!“ brauste er auf.

„Möcht wissen, was“, mahnte sie. „Da kommst in Sachen hinein — und überhaupt: auf eine Frau haut man net! Wird halt die Bredlin wieder ihren Schnapsrausch gehabt haben.“

„Noch einmal wenn sie die Julie anrührt, dann —“

„Wasch dich, kannst gleich essen“, beschloß die Waldhauserin das Gespräch. „Jedes hat mit sich selber zu tun, da brauchst du dich net auch noch um andere Leute zu kümmern.“

„Bekümmere mich aber!“ trotzte der Sepp. Damit war die Rede auch für ihn beendet. Er sah aus dem Fenster die stille Dorfstraße hinauf. Das Oberdorf lag bereits im Schatten des Rabensteiner Waldes. Aus den drei eingeschossigen Glaserhäusern stieg der Herdrauch kerzengerade empor in den blaugoldenen Himmel. Weiter oben lugte neben einem Kirschbaum und weiten Hollerstauden das Ziegeldach des Gaschlerhäusels hervor, und unweit davon protzte das Walmdach des Herrenhauses mit einem Türmchen.

Eigentlich müßten sie sich das selber ausmachen, und die Mutter hatte recht, wenn sie sagte, daß ihn das nichts anginge. Die Feindschaft zwischen den Familien war ja uralt, wie man sich in der Hütte erzählte. Daß aber die Julie sich dann mit dem Bredl Michl eingelassen hatte, wie die Leute auch zu sagen wußten? Mußte saudumm hergegangen sein, daß sich diese zwei zusammengefunden hatten. Beide waren stille und verschlossene Leute, und weiß der Teufel, wie es oft zugeht.

Ein Stöckelschneider ist halt ein armer Schlucker gegen einen Glasmacher, und der Bredl Michl war schon einer. Trotz seiner Jugend. Sogar ein Künstler, der das Glas zu wundervollen Pokalen formte, die er mit Perlen und Bändern in verschiedenfarbigem Glas verzierte. Auch sein Vater war ein Stiller und ebenfalls ein Meister in seinem Fach. Der alte Bredl! Konnte ihn keiner leiden in der Hütte, weil er mit seiner Alten nicht fertig wurde. Jetzt würde er, der Stöckelschneider, wohl einiges von der Bredlin zu erwarten haben! Aber die sollte ihm nur kommen!

Stumm und blaß, die Augen auf die Dorfstraße gerichtet, als suchte er etwas, trachtete der Bredl nach Hause, um den Blicken der anderen zu entgehen. Die Knie schlotterten vor Müdigkeit in den Gelenken, und der Rücken des alten Mannes war leicht gekrümmt. Neben ihm ging sein Bub, der Michl, dem die Zorntränen über das rote Gesicht liefen.

Wo ein schmaler Steig von der Straße zu den Glaserhäusern abzweigte, sah der Bredl mit einem raschen Blick seinen Sohn an. „Reiß dich zusammen! Mit zwanzig Jahren rotzt man net wie ein kleiner Bub! Die Leut lachen dich nur aus.“

„In Grund und Boden könnt ich alles schlagen“, schimpfte der Michl.

„Meinst, daß es dann besser wär?“

Heftig zischte ihm der Bub zu: „Stell einmal deinen Mann, Vater! So kann das ja net weitergehen! Ich geh noch auf und davon!“

Mitleidig und resigniert sahen die guten braunen Augen des Alten den Jüngeren an. „Soll ich etwa in ein krankes Weib hineinschlagen?“

„Krank, sagst du? Die kann sich vor Feindschaft nimmer helfen! Wenn die grad von den Gaschlerleuten was hört, dann schreit sie schon auf wie eine Närrische. Was hat sie gegen die Gaschler?“

„Bub, das ist so eine Sache“, knurrte der Bredl.

„Seit sie weiß, daß ich mit der Julie gehe, ist keine ruhige Stund mehr bei uns. Aber ich laß mich net abbringen!“ meinte der Michl störrisch.

Der Bredl gab nur mehr einen unverständlichen und mißbilligenden Laut von sich.

„Und wenn es mir zu dumm wird, dann wirst du sehen, was passiert!“ trotzte der Michl weiter, doch da fuhr ihn der Vater grob an:

„Halt’s Maul, bist doch der gleiche wie ich und willst niemanden weh tun! Bin froh, daß du so bist.“

„Darauf pfeif ich!“ knirschte der Michl. „Ich bin erwachsen genug, da braucht sich die Mutter net mehr um mich kümmern! Wirst sehen, daß das einmal kein gutes End nimmt!“

„Sag daheim nix, ist besser“, mahnte ihn der Alte noch, ehe sie in die ebenerdige Wohnung in dem niedrigen Glaserhaus traten.

Die Nachbarn hörten bis weit in den Abend hinein den keifenden Streit der Bredlin und das begütigende oder nur zaghaft Ruhe fordernde Widerreden des Bredl. Der Michl hatte das Haus bald verlassen und war dem Wald zugegangen.

„Jess Maria!“

Mehr sagte die schmächtige grauhaarige Gaschlerin nicht, als der Gaschler mit seiner Tochter heimkam. Der gewichtige Glasmacher mit dem gemütlichen bartlosen Gesicht winkte nur mit seiner großen Hand ab, und seine Frau wußte damit, daß sie nicht weiterfragen durfte.

„Reg dich net auf“, sagte er ungerührt, als wäre nichts geschehen, und hängte bedächtig Hut und Joppe an den Nagel. „Die Bredlin hat unserm Dirndl vor dem Hüttentor aufgelauert und sie ein bisserl gezottelt. Jetzt hat die Julie wenigstens ihre künftige Schwiegermutter besser kennengelernt. Wer net hören will, muß was einstecken, das ist eine alte Geschichte.“

Die Julie wollte aus der Stube, aber der rauhe Befehl ihres Vaters hielt sie zurück:

„Wasch dir das Gesicht! Die alte Bißgurn hat es dir ganz schön verkratzt. Fingernägel sind oft süchtig, und könnt dir das Gesicht ausschwären. Am End wirst du jetzt gescheiter.“

Rasch schüttete die Mutter Wasser aus einem Eimer in eine Schüssel und zog die Widerstrebende heran.

„Ui, das schaut bös aus! Warum bist du net davongelaufen?“ klagte die Gaschlerin. „Ist denn niemand dagewesen, der dir geholfen hätte?“

„O ja“, knurrte der Gaschler und setzte sich an den Tisch, „der Michl ist ja dabeigestanden. Ich bin erst dazugekommen, als der Waldhauser Sepp die Bredlin schon weggerissen hatte. Der Michl hat sich jedenfalls net gerührt.“

Das letzte hatte abfällig und spottend geklungen.

„Was kann denn der Michl dafür!“ schnappte die Julie zurück.

„Nur net vorlaut sein! Wirst schon noch innewerden, wie es auf der Welt zugeht! Bist schon alt genug, daß du dir das selber ausdenken kannst.“

Die Julie sagte nichts mehr, doch die Mutter meinte nun schüchtern, während sie ihr das Gesicht wusch:

„Ach Dirndl, wir reden dir ja eh nix ein. Aber meinst du denn, daß das einmal gut ausgeht?“

„Wenn der Michl mündig ist, dann geht er weg!“ trotzte die Julie.

„Da ist noch ein gutes Jahr hin“, meldete sich der Gaschler wieder, „bis dahin —“

„Schmier dich mit der Salbe ein“, riet die Gaschlerin, „und jetzt ist es Zeit zum Essen.“

„Ich hab keinen Hunger!“ Die Julie eilte aus der Stube, und der Gaschler meinte: „Laß sie nur gehen. Die kommt schon, wenn sie Hunger hat.“

Seufzend trug die Gaschlerin das Essen auf und setzte sich an den Tisch. Der etwas saure Geruch der Kartoffelsuppe erfüllte die Stube.

„Es wird halt keine Ruhe, die Bredlin verfolgt uns mit ihrem Haß überallhin!“ klagte die Frau leise und legte den Löffel wieder hin, ohne recht zu Essen begonnen zu haben: „Von der Spiegelau sind sie uns nachgekommen in die Au, von Theresienthal daher, und ich glaube, wenn du auf eine böhmische Hütte gingest, kämen sie auch nach. Alleweil das Passen, wenn man ins Dorf geht, ob sie einem net begegnet und zu schimpfen anfangt. Ich trau mich schon bald nimmer aus dem Haus!“

„Von da versprengen sie mich nimmer!“ grollte der Gaschler. „Bin froh, daß wir uns das Häusl haben kaufen können. Wenn der Bredl Michl nur net so ein Depp wär! Er macht ihr ja alles mit, und sie bringt ihn auch soweit, daß er uns auf eine böhmische Hütte nachzieht.“

„Ist ein Kreuz! Hab mir oft schon denkt, ob es net doch besser gewesen wär, du hättest sie geheiratet und net mich. Die haßt dich, solange du lebst.“

Begütigend legte er ihr die Hand auf den Arm: „Wie oft willst denn noch davon reden? Ich hab sie net mögen und bin froh, daß ich dich habe. Zwanzig Jahre, wie der Bredl, hätt ich es mit diesem Weibsstück net ausgehalten.“

„Er ist halt ein guter Lapp“, meinte dazu die Gaschlerin müde. „Wenn sie streitet und über die Nachbarn herfällt, dann geht er und bittet den Leuten ab. Und sie wird alleweil schlimmer. Wenn es halt doch die Julie sich anders überlegen tät!“

Er zuckte die Schultern. „Wir haben ihr versprochen, daß sie sich den Ihrigen selber aussuchen kann. Daß das dem Bredl sein mauschiger Bub sein soll, das haben wir halt auch net gedacht.“

„Vielleicht solltest einmal mit dem Herrn ein Wörtl reden? Wenn der sich den Bredl kommen läßt oder ihr die Meinung sagt, könnt es leicht besser werden“, redete sie vorsichtig.

Brüsk wehrte er ab. „Ich helfe mir schon selber, wenn es gar nimmer anders geht. Da tat der Herr sich auch umsonst einmengen.“

Er stand auf, holte sich die Pfeife und fütterte den Kanarienvogel, der, unlustig nach dem heißen Tag, im Käfig am Fenster saß. Die Gaschlerin wußte, daß ausgeredet war, wenn ihr Mann sich die Tabakspfeife angezündet hatte und den Vogel fütterte. Verstohlen wischte sie sich über die Augen, als sie beim Ofen das Geschirr spülte.

Draußen kam vom Bach eine erfrischende Kühle herauf und sättigte den Waldschatten, in dem das Haus schon lag. Drüben überm Talgrund strahlte die Abendsonne noch die Hänge und Waldungen um den Falkenstein an. Die Rauchsäule, die aus dem Hüttenkamin aufstieg, weitete sich über dem Wald im fahlblauen Himmel zu einem dunkelroten Gewölk. Vom Hüttenwirtshaus herüber kam verhaltenes Reden. Dort saßen im Freien unter der großen Linde noch einige Hüttenleute, um nach dem heißen Tag einen kühlen Trunk zu tun und den Abend in Muße vergehen zu lassen. Mit rauher Stimme verabschiedete sich der Fuhrmann und führte Pferde und Wagen polternd dorfabwärts davon.

„Heute haben sie wenigstens was zu reden“, brummte der Gaschler mehr für sich und schickte sich an, in die Kammer zum Schlafen zu gehen. Heute war ihm nicht danach, da drüben dabei zu sein, obwohl er oft gerne noch eine Stunde beim Wirt war.

„Die Julie —“, bemerkte seine Frau schüchtern.

„Laß sie nur, wenn sie ihre Ruhe haben will.“

Der Abend ging zur hellen Sommernacht über, und im Ort wurde es still. Um so lauter wurde der Bach, der vom Wald herab, vorbei am Gaschlerhaus und den weiter unten liegenden Glaserhäusern, rauschend über die Steine sprang und den Fluß im Talgrund suchte. Drunten glühte hinter den verrußten Fenstern der Glashütte ein roter huschender Schein, und ab und zu klirrten hart die stoßenden Schürstangen.

In den Häfen schmolz unter dem sausenden Feuer das Glas für den kommenden Arbeitstag.

Über dem Rabensteiner Wald zog sich der letzte Tagesschein zurück, über das Waldtal spannte sich der sternenbesäte schwarzblaue Nachthimmel. Aus den dunklen Häusern schien das schwere Atmen der schlafenden, erschöpften Hüttenleute in die schwüle Nacht zu drängen. Die Wiesen schimmerten hell neben der Finsternis, die über dem Wald und unter den Stauden am Bach lauerte.

In der Nacht kehrte der junge Glasmacher Michl Bredl ins Dorf zurück, nachdem er ziellos im Walde umhergeirrt war. Vom Waldrand herunter huschte er über den Hang, sprang über den Bach und schlich sich an das Gaschlerhaus heran. Ein einziges Fenster war an der Rückseite des Hauses gegen den Hang gerichtet, und es blinkte unter dem niederen Dach, kaum einen Meter über dem Erdboden, den Nachthimmel und die Sterne wider. Eng drückte sich der Michl neben dem Fenster an die warme Mauer und hielt lauschend den Atem an.

War es nicht, als trüge die ziehende Nachtluft leichten Tabakrauch?

Leise klopfte der Michl dreimal an die Scheibe. Drinnen knarrte die Bettstatt, und knirschend wurde das Fenster spaltweit aufgemacht.

„Hab es mir denkt, daß du kommst“, flüsterte das Gaschlerdirndl.

„Es ist furchtbar!“ keuchte der Michl erregt. „Ich kann nix dafür, hörst du, Julie? Wenn du mir net glaubst, tu ich mir was an! Daheim bin ich davon — hab einen Strick genommen und bin in den Wald hinauf. Hätt mich erhängen wollen. Hab aber an dich denken müssen —“

„Freilich kannst du nix dafür. Aber wie soll man das noch länger ertragen? Ich hab deiner Mutter nix getan! Warum haßt sie uns so? Ach, wenn nur noch das Jährl vorbei wäre! Aber gell, wenn du mündig bist, dann warten wir keine Stunde länger und gehen fort!“

„Ja!“ zischte er eifrig. „Keine Stunde warten wir länger! Ich kann in jeder Hütte als Meister anfangen — ich kann was! In der Freihand tut es mir keiner nach. Ich mache alles, was verlangt wird. Wird mich der Herr net weglassen wollen. Wir heiraten drüben, und ich such mir auf einer böhmischen Hütte einen guten Platz.“

„Meine Leut haben nix gegen dich, aber wenn das so weitergeht, hab auch ich daheim keine Ruhe mehr.“

„Müssen halt aushalten, Julie. Wenn ich nur weiß, daß du mich gernhast —“

„Ach, das weißt du ja, da brauchst du mich doch net alleweil zu fragen! Geh heim, und laß dir nix anmerken! Am End ist deine Mutter doch eine kranke Frau, und dann ist es besser, du gibst nach. Mich wundert, daß dein Vater das so aushalten kann.“

„Wenn es mir einmal zu dumm wird, dann passiert was, das kann ich dir sagen!“ flüsterte er heiser.

„Gute Nacht“, beendete die Julie das Gespräch und schloß das Fenster.

Enttäuscht lehnte er noch eine Weile an der Mauer, überlegte, ob er sie nicht noch einmal herausklopfen sollte, dann ging er hinüber zum Bach, um im Schatten der Stauden zu den Glaserhäusern hinabzugehen.

Nun roch er wieder den Tabakrauch. Da mußte doch jemand in der Nähe sein, der eine Pfeife rauchte? Sich vorsichtig umsehend, schritt er abwärts. Wo der Weg, an den Glaserhäusern vorbei, vom Dorf zum Wald hinauf führte und über eine hölzerne Brücke den Bach querte, sah er nun im Zwielicht den Schatten eines Mannes, der sich dort an das Brückengeländer lehnte. Nun richtete sich dieser auf und kam langsam auf ihn zu.

Dem Michl wurde unbehaglich, und er ging rascher, um auf den Weg zu kommen, doch auch der andere hatte es eilig, ihm den Weg abzuschneiden. Nun erkannte er ihn: Der Waldhauser.

„Was willst?“ fragte der Michl unruhig und gepreßt.

„Was ich will?“ fuhr der Waldhauser Sepp ihn mit unterdrücktem Groll in der Stimme an: „Ich will, daß ihr das Dirndl endlich in Ruh laßt: Du und deine Mutter! Hast mich verstanden? Sonst habt ihr es mit mir zu tun!“

„Was geht denn das dich an?“ fragte der Michl zögernd. „Du weißt, daß ich mit der Julie im reinen bin und daß wir heiraten.“

„Daß ich net lache! Du bist ein Feigling und wirst das tun, was deine Mutter will! Du bist kein Mannsbild für die Julie! Warum hast du dich net gerührt, als sie auf die Julie eingeschlagen hat, he? Weil du eine Letfeigen bist! Und jetzt sag es auf der Stell, daß du die Julie in Ruhe lassen wirst, sonst schlag ich dich zusammen, daß du nimmer aufstehst!“

Der Michl zuckte zurück, als die klobige Hand nach ihm griff und ihn am Hemdkragen packte. Die Atemluft wollte ihm ausgehen.

„Laß mich gehen!“ keuchte er. „Ich rede ja dir auch nix ein!“

„Sag es, oder —“, drohte der Sepp.

Mit einem Ruck riß sich der Michl los und rannte davon, erreichte schneller als sein Verfolger die Haustüre der elterlichen Wohnung im untersten der Glashäuser und drückte sie hinter sich zu. Er stieß den Riegel vor, lehnte sich schwer atmend an die Wand und lauschte in die Nacht hinaus, bis sich die Schritte des anderen entfernt hatten.

Tränen der Wut rannen ihm über die Wangen, und er knirschte: „Ich bin wirklich ein Feigling! Warum habe ich net zugeschlagen? Angst hab ich gehabt.“ Der Sepp war stark und hatte Arme wie Holzprügel. Er hatte sich gefürchtet vor diesem windigen Stöckelschneider.

Verzweifelt stieg er die schmale Treppe zum Dachboden hinauf und warf sich angekleidet auf sein Bett. Die Fäuste preßte er gegen die Augen, um den Jammer und den Haß zurückzudrängen.

Der beste Glasmacher war er, trotz seiner jungen Jahre, und alle in der Hütte respektierten sein Können. Der Hüttenherr hielt ihn wie einen der alten Meister, wenn auch der Vater in seiner Werkstatt der erste war. Stolz war er gewesen — und nun hatte ihn dieser windige Taglöhner klein gemacht, hatte wohl gespürt, daß der Bredl Michl sich vor ihm gefürchtet und seine Überlegenheit anerkannt hatte. Das mußte er ihm heimzahlen!

Wollte der Sepp die Julie? Brennheiß schoß ihm dieser Gedanke durch den Kopf. Wenn es darauf hinausging? Dann sollten sie alle sehen, daß der Bredl Michl kein Feigling war!

Aus dem Hüttenkamin stoben die Funken wie ein Sternregen in die Nacht, wirbelten auf und verglommen im Finstern.

Die harten Schritte des Schmelzers Kohlruß hallten in der weiten Leere unter dem Hüttendach. Er machte seinen Rundgang um die Öfen, sah durch die Gucklöcher in den Ofentüren, hinter denen das Feuer brauste und das Gemenge schmolz, und setzte sich dann auf die Holzstufen, die zu einer der Werkstätten hinaufführten. Reglos saß der große hagere Bursch mit dem bleichen Gesicht und dem kleinen Schnurrbärtchen, den alten unförmigen Hut zurückgeschoben und das Kinn sinnend in die Hand gestützt.

Fünf Jahre, seit er vom Militär zurück war, der Vater die Schmelzerei aufgegeben hatte, setzte er nun das Gemenge und achtete in den Nächten auf die Schmelze. Das Rauschen des Feuers hatte er Tag und Nacht im Ohr, und er kannte die gebannte Gewalt des Brandes unter der Ofenkuppel und das oftmals unheimliche Gewese in den Hüttennächten. Aus den Ritzen der Ofentüren züngelten Flammen und sandten einen huschenden Schein über die geschwärzten Wände und die leeren Werkstätten. Grüne, blaue und rote Scherben funkelten in den Trögen. Der feine Rauch sammelte sich unter dem Dach zu einem rötlichen Schleier.

Auf der rußigen Uhr an der Wand rückten die Zeiger gegen Mitternacht. Langsam und mit den Holzschuhen leise auftretend, kam der Schmelzergehilfe, ein älterer Mann, mit einem Krug voll Wasser und stellte ihn wortlos neben dem Kohlruß nieder.

„Kannst heimgehen“, sagte der Kohlruß, ohne aufzusehen, und der andere ging grußlos davon. Das Hüttentor knarrte.

Fünf Jahre, sinnierte der Schmelzer weiter, und wenn nichts dazwischenkam, dann würden es zwanzig, dreißig Jahre. Immer das gleiche, Tag um Tag und Nacht um Nacht. Er würde das tun, was der Vater ihn gelehrt hatte, das Gemenge in der Schmelzkammer zurechtmachen und die Farben geben, die verlangt wurden: das herrliche Waldgrün, dessen Rezept nur sein Vater und er kannten, das Himmelblau und das Rot für den falschen Rubin. Der Vater hatte ihm das alte handgeschriebene Rezeptbuch gegeben, die Schmelzgeheimnisse einer langen Reihe von Schmelzern, die alle Kohlruß hießen. Die letzten Einschreibungen stammten vom Vater, die Gesätze für das rosenrote Glas und das eigelbe Beinglas. Ihm selber, dem jungen Kohlruß, wollte nichts Neues gelingen, er fand nichts mehr. In einem der Öfen stand auf einem Mauersims sein kleiner Probierhafen, und viele Versuche waren erfolglos geblieben.

Das Goldglas wollte er; das strohgelbe gelüsterte Glas mit einem Goldglanz versehen! Und es wollte nicht gelingen. Er kannte nicht die Wissenschaft von den Metallen und Oxyden, die von gescheiten Leuten betrieben wurde und in den gedruckten Rezeptbüchern des Hüttenherrn geschrieben stand. Er wußte nur, daß in seinem Schmelzbüchl Dinge standen, die aus einer Erfahrung von Generationen stammten.

Deswegen hatte der Hüttenherr, der Herr Steinwald, den alten Kohlruß wie seinen ersten Mann und höher als die Glasmacher gehalten und diese Vorrangstellung auch dem Sohn des Schmelzers eingeräumt. Holzfrei und eine gute Wohnung, und zum ausgemachten Lohn bei besonders schönem Glas oder um Weihnachten ein zusätzliches Handgeld. Die Gunst, in das Herrenhaus gerufen zu werden, um an einem Abend mit dem Herrn ein Glas Wein zu trinken und von den Anliegen der Glashütte und der Hüttenleute zu reden, kam in erster Linie dem alten und dem jungen Kohlruß zu. Nur selten ließ sich der Herr den Glasmacher Bredl oder den Gaschler kommen.

In der Schüre, außerhalb des Ofenhauses, klirrten die stochernden Schürstangen und quietschte das Rad des Schubkarrens, mit dem der Schürgehilfe die Holzstöcke herankarrte. Aus den Ofenlöchern blakten die Flammen, und das Brausen nahm zu. Dann verstummten die Schürgeräusche und die hintere Hüttentüre schrie in den Angeln. Der Schürer Halletz, ein älterer Mann, kam um den Ofen und setzte sich neben dem Schmelzer auf die Holztreppe.

„Ein Hundeleben ist das“, brummte er.

„Die anderen haben es auch net leichter“, meinte der Schmelzer träge.

„Ist der Teufel los im Dorf.“

„Meinst wegen dieser narrischen Bredlin? Diese Feindschaft ist alt, und da wird es alleweil wieder was geben“, gähnte der Kohlruß.

„Und wie der Teufel es haben will, spinnen der Michl und die Julie jetzt auch noch zusammen! Grad, als täten sie es der Bredlin zum Fleiß.“

„Wär gescheiter gewesen, die Julie hätt sich einen anderen gesucht, aber man sagt ja: es zieht alleweil diejenigen zusammen, die net zusammen passen.“

„Hab gemeint, du hättest auch ein Auge auf die Julie? Ist mir oft so vorgekommen“, lauerte der Schürer.

„Auf das Dirndl sind mehr scharf. Die muß erst einmal ihre Enttäuschung haben, vorher braucht sich keiner umzutun.“ Der Kohlruß kaute verärgert an seinem Bärtchen. „Und mir pressiert es mit den Weibern gar net. Muß auch net unbedingt die Julie sein. Kann sein, daß sie die Schönste ist, darauf aber braucht sie sich nix einzubilden.“

„Der Stöckelschneider ist auch hinter ihr her. Dem fallen die Augen aus dem Kopf, wenn er sie sieht!“ lachte der Halletz.

„Pah, der Waldhauser? Ist alleweil noch ein Unterschied zwischen einer Glasmachertochter und einem Stöckelschneider!“

Der Kohlruß stand auf und ging um die Öfen, und der Schürer schlurfte wieder aus der Hütte.

Der Morgen war frisch und hell.

Mit dem ersten Hahnenschrei ließ der Waldhauser Sepp die Wasserschütze fallen und lenkte die Kraft auf das große Rad mit den braunen Taufein. Singend kam im Schuppen neben dem Bach bei der Glashütte die Kreissäge in Drehung, und dann fraßen sich die scharfen Stahlzähne kreischend in die Holzscheite, die der Waldhauser zu Ofenstücken ablängte. Unter der steil ansteigenden Rauchsäule des Hüttenkamins erwachte das Dorf und öffneten sich die Fenster, die wegen der Mücken nachtsüber geschlossen waren. Die Gaschlerin verließ das Haus mit Buckelkorb und Sichel, um droben am Waldrand Gras für die einzige Kuh zu schneiden, die im kleinen Stall brummte.

Über den Falkenstein kam die Sonne herauf. Der Wald blühte und harzte und schwängerte den Morgen im Tal mit seinem herben Ruch.

Die Taglaute waren wieder um Glashütte und Häuser und drängten das Rauschen des Baches zurück. Der Schmelzer Kohlruß ging müde und übernächtig heimwärts ins oberste der Glaserhäuser, vor dem sein Vater schon im ersten Sonnenlicht am Holzbock stand und geigend die Handsäge zog, um das Hausholz für den nächsten Winter zu schneiden.

„Guten Morgen, Vater“, begrüßte ihn der Kohlruß Karl, und, sich umständlich eine Prise Schnupftabak aus dem flachen Gläschen auf die Faust schlagend, fragte der Alte gemütlich:

„Bist spät dran! Hast wieder ein Gemeng im kleinen Hafen?“

„Will nix werden“, antwortete der Franz verdrossen und ging ins Haus.

„Ewiger Probierer!“ schmunzelte der Alte. „Aber der findet noch was!“

Weiter sägend, gab er dem Gaschler einen freundlichen Morgengruß und auch den anderen Hüttenleuten, die nun auf dem Weg zur Arbeit die Häuser verließen. Im untersten der Glaserhäuser kam ein Geschrei auf. Der Michl rumpelte aus dem Haus und schmetterte die Haustüre zu, daß es vom Wald zurückhallte. Ihm folgte bedächtig und gebeugt der alte Bredl. Das Schimpfen der Bredlin verstummte. Als die Gaschler Julie, das Gesicht verpflastert, den Häusern entlang zur Hütte hinunterging, schlug die Bredlin das Fenster zu, daß eine Scheibe klirrend aus dem Rahmen flog.

Die noch auf dem Weg befindlichen Männer, Frauen und Mädchen taten, als sähen und hörten sie nichts. Man mischte sich am besten nicht ein, wenn die Glasmacher unter sich eine Feindschaft hatten oder einen Familienzwist austrugen. Bei armen Leuten, Taglöhnern und anderen, war das anders, da gab es nicht diesen großmächtigen Stolz wie bei den Glasmachern.

Oft war es auf den Hütten schon so gewesen, daß ein beleidigter Glasmacher vom Hüttenherrn die Entlassung des Beleidigers verlangte und ihr stattgegeben wurde, wenn er ein tüchtiger Meister war.

Und der Bredl war so einer. Mehr noch sein Bub, der Michl. Die beiden standen gut im Herrenhaus. Ob da nicht sogar der Gaschler ins Hintertreffen käme, wenn es einmal so kommen sollte? Mochten sich die großen Glasmacher streiten, den kleinen Hüttenleuten verdarb das nicht den Humor, und die Schadenfreude war leicht zu verbergen.

Mißtrauisch sich umsehend und immer wieder nach der Hüttenuhr blickend, ging der Hüttenmeister Lerach um die Öfen und zog die Stirne kraus, wenn einer der Glasmachergehilfen zu langsam und bedächtig ankam und auf die Werkstatt am Ofen stieg. Da funkelten seine Augen, als wollte er die Säumigen mit den Blicken zu ihrem Arbeitsplatz stoßen. Der Minutenzeiger der Uhr hatte noch eine gute Weile zur vollen Stunde. Die Morgengrüße der Hüttenleute nur mit einem kurzen Nicken quittierend, blieb der Lerach schließlich vor der Werkstatt vom Bredl stehen, und als der alte Glasmacher einige Minuten vor der Zeit sein „Hob auf“ schrie und damit den Beginn der Arbeit ansagte, lächelte der Hüttenmeister zufrieden.

Die Glasmacherpfeifen wurden in die Häfen gestochen, und der Arbeitsgang begann, ein Klappern und Klirren, ein Blasen, Seufzen und Klopfen, vom brausenden Feuer aufgemischt zu einem wirren Arbeitslärm. Der Tanz der glühenden Glaskugeln, geschwungen an den eisernen Blasrohren, hatte begonnen. In den Räumen neben der Ofenhalle ging der Hüttenmeister an den Absprengerinnen und Schleiferinnen, den Glaswäscherinnen und Packerinnen vorbei und musterte neugierig die Gaschler Julie, die sich geflissentlich über ihre Arbeit beugte. Über die Schulter des Mädchens sagte er halblaut:

„Wenn keine Ruh wird, müssen die Bredl aus der Hütte, ich steh zu dir und deinem Vater. Sind alte Freunde.“

Sie sah nicht auf.

Die Glaser an den Öfen waren guten Mutes. Mit Reden, Lachen und Singen schmalzten sie die schwere Arbeit an jedem Morgen, bis die Tageshitze wieder auf dem Dach lastete und die Arbeit vor dem Feuer zur Hölle machte. Dann wurden sie stumm, und die Eintragbuben hatten die schlechte Laune der Männer auf der Werkstätte auszuhalten. Die Sparsamen holten die mitgebrachte Teepitsche hervor, um den brennenden Durst zu löschen, die anderen, vor allem die Meister, ließen vom Hüttenwirt in Glaskrügen das braune Bier holen.

Am ruhigsten wurde auf der Werkstätte des Bredl gearbeitet, wo der Alte sich mit seinem Buben, dem Michl, auf dem Meisterbankl abwechselte. Hier wurde kein Wort gesprochen. Als der Glasanfänger nur scherzhaft den Michl fragte, ob er schlecht geschlafen hätte, weil er rote Augen wie ein Seidenhas habe, fuhr ihn dieser grob an:

„Tu deine Arbeit, mehr wird von dir net verlangt! Das Geschmarr können wir net brauchen!“

Mitten am Vormittag, als gerade die Sonne unter dem aufgesetzten Überdach in den Hüttenqualm leuchtete, erschien der Hüttenherr, und die Unterhaltung auf den Werkstätten verstummte. Die Pfeifen wurden schneller geschwungen, die Eintragbuben liefen wie die Wiesel zwischen Meisterbankl und Kühlofen hin und her.

Steinwald war ein dicker, mittelgroßer Mann in den Fünfzigern, mit feistem, bartlosem Gesicht und einem Doppelkinn, das den Hals verdeckte. Daß er nicht der gemütliche alte Herr war, wie er aussah, das wußten die Glaserleute wohl. Schnaufend und prustend, bei jedem Schritt den Gehstock schwer aufstoßend, kritisch die Arbeitenden betrachtend, wanderte er um die Öfen und blieb schließlich vor der Werkstatt vom Bredl stehen. Er winkte dem Michl, und dieser kam eilfertig die Holzstufen herunter.

„Einen Pokal brauch ich“, schnaufte der Herr, „muß was Besonderes sein. Kein gewöhnlicher Fuß, verstehst? Stell ihn auf gedrehte Bänder, zweifarbig, verstehst? Und verzier ihn mit Nuppen, und als Deckelknopf mach ein Beerl. Muß ihn am Abend haben. Mach gleich mehrere und verschiedene. Mach was Schönes, du kannst das.“

„Ist recht, Herr“, tat der Michl geschmeichelt.

„Sag deinem Vater, er soll in einer halben Stunde bei mir im Kontor sein.“ Eine Handbewegung bedeutete dem Michl, wieder an die Arbeit zu gehen. Auch bei der Werkstatt des Gaschler blieb der Hüttenherr stehen, trat dicht an das Meisterbankl heran, wo der Gaschler gerade einem Krug einen Henkel ansetzte, und sagte halblaut:

„Nach dem Feierabend kommst du zu mir ins Haus. Hab was mit dir zu reden.“ Der Gaschler nickte nur bestätigend, ohne die Arbeit zu unterbrechen.

Auf seinem Rundgang kam der Hüttenherr auch bei der Julie vorbei, faßte sie am Arm, so daß sie sich umwenden mußte, und raunte ihr mit einem spöttischen Lächeln zu:

„Na, Dirndl, dich haben sie ja sauber zusammengerichtet! Hab schon gehört. Ja, ja, wer liebt, muß leiden!“

Das Blut schoß ihr in die Wangen, und sie wandte sich brüsk ab.

„Stolz ist sie auch noch!“ schnaufte Steinwald im Weitergehen, „aber ein hübscher Bankert.“

Wohlgefällig sah er auch auf die anderen jungen Mädchen und blieb bei einer dunkelhaarigen Glaswäscherin stehen.

„Dich hab ich noch nicht gesehen. Wo kommst denn du her?“

„Ich bin die Rankl Vroni, mein Vater ist der Schleifer“, lachte das Mädchen ihn ungeniert an, schob sich die Locken aus der Stirne und fügte, bereit, das Gespräch fortzusetzen, hinzu: „Hab erst vor zwei Tagen angefangen. Bin in Zwiesel in Dienst gewesen, beim Forstmeister.“

Weitergehend brummte der Hüttenherr vor sich hin: „Gibt einen Haufen schöner Mädel in der Hütte, da könnt sich der dumme Kerl auch eine andere finden!“

Mit dem Gehstock die Türe aufstoßend, betrat er das Hüttenkontor, das am Ende der Schleiferei angebaut war. Hinter einem Schreibtisch rumpelte ein besser gekleideter junger Mann auf, wünschte einen guten Morgen und blieb abwartend stehen.

„Mach weiter! Was schaust du denn so blöd?“ schnaufte Steinwald.

„Es hat da gestern was gegeben — nach Feierabend, gnädiger Herr“, tat der Faktor Grimm wichtig.

„Meinst das mit der Bredlin? Das hat mir unsere Marie gestern schon ausführlich erzählt. Viel zu ausführlich. Wenn der Bredl kommt, schick ihn gleich herein.“ Damit verschwand er in sein Privatkontor.

Nachdenklich rieb sich der junge Mann das Kinn und setzte sich wieder zu seiner Schreibarbeit. Ehe er damit begann, betrachtete er sich in einem kleinen Handspiegel, rückte die Krawatte zurecht und strich sich über das schwarze Haar, zog die Lippen hoch, prüfte die Zähne und war mit seinem Spiegelbild zufrieden.

„Ich bin ja auch noch da!“ flüsterte er mit einem selbstgefälligen Lächeln. Vor der Kontortüre wurden Holzschuhe von den Füßen gestoßen, und nach bescheidenem Anklopfen kam der alte Bredl barfuß in den Raum.