Warnung
Dieses Buch enthält explizite Gewaltdarstellungen und
thematisiert sexuelle Gewalt und deren Folgen, sowie die
Themen Flucht, Tod und psychische Erkrankungen, zum
Beispiel posttraumatische Belastungsstörungen.
Über die Autorin
Schon bevor L. Ochrasy mit dem Schreiben begann, interessierte sie sich für das Zusammenleben von Menschen und Kulturen. Dieses Interesse zog sie schon früh in die weite Welt. Um mehr über fremde Gesellschaften zu lernen, absolvierte sie Praktika in Kanada und England und entschied sich dann für ein Studium der Soziologie. Die Debatten mit ihren Kommilitonen, Freunden und Familienmitgliedern zur Flüchtlingskrise 2015 inspirierte sie zu ihrem zweiten Roman “Unser Schicksalssommer”.
Ihr Debütroman “Vor meiner Zeit” wurde bereits im April 2021 veröffentlicht.
WREADERS TASCHENBUCH
Band 103
Dieser Titel ist auch als E-Book erschienen
Vollständige Taschenbuchausgabe
Deutsche Erstausgabe
Copyright © 2021 by Wreaders Verlag, Sassenberg
Verlagsleitung: Lena Weinert
Druck: BoD – Books on Demand, Norderstedt
Umschlaggestaltung: Lee J. Mammoth
Lektorat: Lara Andrea Habegger, Anna Mackner
Satz: Leoni Triltsch
www.wreaders.de
ISBN: 978-3-96733-202-5
Kapitel 1
»Ich sehe furchtbar aus!«, beschwerte sich Kira und zupfte ihre Haare noch einmal zurecht. »Los, noch eins!« Wieder streckten wir unsere Gesichter in die Frontkamera und grinsten, als wären wir mit Breitmaulfröschen verwandt. »Ich habe die Augen zu«, meckerte Paula beim nächsten Foto. Also wurde wieder der Selfie Stick in Richtung Himmel gereckt, der heute makellos und wolkenfrei war. »Cheese!«, rief ich und drückte den Auslöser. Kaum war das Bild geschossen, begutachtete jede von uns kritisch ihr Gesicht. »Damit kann ich leben«, gab sich Paula mehr oder weniger zufrieden und fand Zustimmung von uns.
Ich steckte mein Telefon wieder in die Tasche und kontrollierte, ob bei meinem Dekolleté noch alles saß. Dieses Kleid war nicht nur wunderschön, sondern durch den tiefen Ausschnitt auch risikobehaftet. Wir hatten alle vier geblümte Kleider an und die Haare im französischen Stil geflochten. Lediglich ein paar vereinzelte Strähnen fielen uns ins Gesicht und über die Schultern.
Es war der letzte Schultag und traditionell gab unsere Schule zu diesem Anlass ein Sommerfest. Sogar dieses Jahr. Man hatte lange diskutiert, ob man es diesen Sommer nicht besser ausfallen lassen sollte, doch die verbliebenen Schüler in unserem Jahrgang hatten darauf bestanden. Wir wollten wenigstens ein bisschen Normalität erhalten, auch wenn wir nicht wussten, dass im Moment nichts mehr normal war. Es sah trotzdem alles aus wie in den letzten Jahren. Es gab Stände mit Essen und Getränken. Überall waren bunte Luftballons angebracht und unsere Schulband coverte ein paar Songs aus den 90ern. Bei diesem Anblick könnte man wirklich meinen, dass wir in einer friedlichen Welt lebten. Der einzige Unterschied war, dass es nicht einmal halb so viele Schüler wie sonst waren. Die meisten hatten Angst, andere waren geflüchtet und ein paar waren gestorben. Doch ich wollte mich nicht einschüchtern lassen. Das war mein Leben und das würde ich mir nicht nehmen lassen. Meine Eltern teilten meine Meinung. Sie wollten sich nicht unterdrücken lassen. Sie waren Gegner der Deutschen Patrioten und somit auch Ziel von Angriffen. Bis jetzt waren es zum Glück nur harmlose Farbbeutel gewesen, die an unseren Fenstern zerschellt waren. Ein anderes Mal hatte man die Reifen unseres Autos zerstochen, doch ansonsten waren wir verschont geblieben.
»Ich will einen Mango-Lassi!«, rief Paula, als sie das entsprechende Schild dafür erblickte. Sofort kramte sie in ihrem Portemonnaie herum.
Paula und Greta waren Zwillinge. Jedoch nicht die Art von Zwillingen, die stets im Partnerlook erschienen und die Gedanken des jeweils anderen lesen konnten. Sie sahen sich nicht einmal ähnlich. Paula war blond, Greta hatte rote Haare. Und genauso gegensätzlich waren auch ihre Charaktere. Paula hatte eine sehr extrovertierte Persönlichkeit, während Greta stets sehr zurückhaltend war. Da sich Gegensätze bekanntermaßen jedoch anzogen, waren sie trotzdem nicht nur Schwestern, sondern auch beste Freundinnen. Wir vier waren das. Seit der siebten Klasse. Wir hatten uns schon am ersten Tag an der neuen Schule gesucht und gefunden. »Ich nehme auch einen«, ließ ich alle wissen. »Ich auch«, kam es von Greta.
Wir alle wussten, dass Kira laktoseintolerant war und somit ein Schluck des joghurthaltigen Getränks für sie eine Nacht über der Kloschüssel bedeuten würde. »Na ja, ein frisch gepresster Orangensaft ist ja auch etwas Leckeres«, versuchte ich sie aufzubauen. Sie lächelte nur halbherzig.
Zwei Minuten später standen wir vor der Bühne und wippten zur Musik hin und her. Ich schoss weitere Fotos. So jung kamen wir schließlich nicht noch einmal zusammen. »Was macht ihr denn hier?«, hörte ich eine Stimme rufen. Ich drehte mich um und sah, wie Adrian auf uns zukam. Er war ein Jahrgang über uns und wir hatten uns ein paar Mal getroffen. Zu meinem eigenen Bedauern hatte es jedoch nie mehr als einen Wangenkuss gegeben. Adrians Blick fiel sofort mit hochgezogenen Augenbrauen auf mein Dekolleté. Das Kleid verfehlte seine Wirkung also nicht. »Das Schulfest genießen«, entgegnete ich selbstverständlich. »Und das erlauben euch eure Eltern?« Greta und Paula sahen beide zu Boden.
»Mir schon«, sagten Kira und ich im Chor, woraufhin wir uns angrinsten. Wir waren stolz darauf, Eltern zu haben, die uns unsere Freiheiten ließen. »Ihr habt euch rausgeschlichen, nehme ich mal an«, sprach Adrian die Blondine und den Rotschopf mahnend an. Sein Lächeln zeigte jedoch, dass er es nicht so ernst meinte, wie es klang.
»Wir wollen uns nicht all unseren Spaß nehmen lassen, nur weil irgendwelche Idioten meinen, sie müssten Terror und Angst verbreiten«, ergriff Paula das Wort und ging in die Offensive. »Sehe ich auch so«, stimmte Adrian zu. »Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass hier heute irgendetwas passiert. Da haben die doch andere Ziele als unsere kleine Schule.« Das hofften wir alle, aber sicher konnten wir uns nicht sein. Außerdem waren in letzter Zeit immer wieder öffentliche Einrichtungen zum Ziel geworden. Es war verrückt. Wir kannten die Gefahr. Jeder von uns hatte schon von Menschen im eigenen Umfeld gehört, die einfach verschwunden waren. Wir alle hatten bereits die Explosionen und Schüsse gehört. Und wir hatten auch schon Menschen verloren. Manche von uns sogar Familienmitglieder. Doch wir waren fest davon überzeugt, dass es uns nicht treffen würde.
»Auf eine grandiose Zukunft!«, sagte ich in die Runde und erhob meinen Plastikbecher. Optimismus war mein Kampf gegen den Terror. Die Mädels taten es mir nach. Adrian streckte seine Bierflasche nach oben. »Auf eine grandiose Zukunft«, ertönte es im Chor. Wir stießen an.
Wir waren jung und wir wollten uns auch so fühlen. Wir wollten ausgehen und Spaß haben. Und genau das taten wir heute. Wir lebten unser Leben so, wie es unsere Eltern damals getan hatten, als es noch keine Explosionen und Heckenschützen gab. Dieser Abend gehörte uns. Die Stimmung wurde immer besser. Wir tanzten und lachten, als wäre die Welt in Ordnung.
Das Schulfest ging bis um 22 Uhr. Dann begann es merklich dunkler zu werden. Die Sonne küsste den Horizont und der Himmel wurde blutrot. Es sah wunderschön aus, doch die nahende Dunkelheit war gefährlich. »Soll ich euch nach Hause bringen?«, fragte Adrian, als wir in Aufbruchstimmung waren und uns unsere Jacken überwarfen. »Nein, brauchst du nicht. Wir können schon ganz gut auf uns aufpassen«, beschwichtigte ich ihn. »Außerdem sind wir zu viert. Wir gehen alle noch zu mir nach Hause und schauen uns noch einen Film an. Pass du lieber auf dich auf.«
»Mach ich!«, versicherte uns Adrian voller Zuversicht. Er umarmte uns. Ich war die Einzige, die auch einen Wangenkuss von ihm bekam, und sofort kribbelte es in meinem Bauch. Dann gingen wir in entgegengesetzte Richtungen. Wir in Richtung der Dämmerung und Adrian ging auf die Dunkelheit zu.
Kaum war er außer Hörweite, fing Paula an loszuplappern. »Mann, wieso seid ihr nicht schon längst ein Paar? Ihr seid echt süß zusammen«, schwärmte sie. Ich verdrehte die Augen. »Man muss doch nichts überstürzen«, tat ich es mit leicht roten Wangen ab, auch wenn ich mir insgeheim wünschte, dass wir schon längst ein Paar wären.
Ein Knall riss mich aus den Gedanken. Er war laut. Wir wirbelten erschrocken herum. Auch wenn uns dieses Geräusch bekannt war, hatte ich es noch nie so nahe gehört hatte. Es war ein Schuss gewesen. Und als ich mich umdrehte, sah ich, wer den Schuss abbekommen hatte. »Adrian!«, kam es heiser aus meiner Kehle. Er lag auf dem Boden. Sein gesamter Körper zuckte unkontrolliert. So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Nicht einmal im Fernsehen. Meine Luftröhre zog sich zusammen und ließ mich nur schwer atmen.
Ich wollte zu ihm rennen, doch eine Hand packte mich am Unterarm. »Nicht, Lola!«, schrie Kira panisch. »Wir müssen rennen.« Ihre Augen waren weit aufgerissen. Ich schüttelte hysterisch den Kopf. Wir konnten ihn doch nicht einfach dort liegen lassen. »Aber Adrian braucht Hilfe«, kreischte ich zurück. Kira zog mit der Stärke eines Tigers an meinem Handgelenk. »Komm! Wir müssen rennen! Wenn du zu ihm gehst, erschießen sie dich auch!« Ich blieb wie angewurzelt stehen. Ich konnte Adrian doch nicht zurücklassen. Er lag dort in seinem eigenen Blut und kämpfte um sein Leben. Er war noch nicht tot und er wusste, dass wir in der Nähe waren. Sicherlich wartete er nur darauf, dass einer von uns ihm zu Hilfe kam.
Ein zweiter Schuss erklang. Ich setzte mich in Bewegung. Es war die Todesangst, die mich von Adrians Körper wegrennen ließ. Der nächste Schuss könnte mich treffen. Wir vier rannten um unser Leben. Wir kannten die Gefahr von Heckenschützen, doch noch nie war einer in unserem Viertel gewesen. Unsere Wohngegend hatte bis zuletzt als sicher gegolten, aber nun hatten sie Adrian tödlich getroffen und langsam wurde mir bewusst, dass der Terror auch mein Leben erreicht hatte. Immer wieder stolperten wir und kamen ins Straucheln. Keine von uns hatte Schuhe an, die zum Rennen geeignet waren. Mein Herz schlug schnell. Zu schnell.
Wir rannten bestimmt einen Kilometer, ehe wir uns sicher genug fühlten, um das Tempo zu verlangsamen. Ich sah in kreidebleiche Gesichter. Wir alle atmeten schwer und zitterten. Wir konnten nicht glauben, dass Adrian, mit dem wir den gesamten Abend verbracht hatten, soeben vor unseren Augen erschossen worden war. »Meint ihr, er ist tot?«, fragte Greta vorsichtig mit wässrigen Augen. Sie war die Naivste von uns und das zeigte auch ihre Frage. »Wenn er es noch nicht ist, dann wird er es bald sein. Heckenschützen lassen niemanden am Leben«, sagte Kira kühl. Sie hatte schon zwei Brüder durch Heckenschützen verloren. Ihre Mutter war bei einer Explosion in der U-Bahn ums Leben gekommen. Aus diesem Grund hatte sie heute auch mit aufs Schulfest kommen können. Sie hatte nur noch ihren Vater und dieser war ein psychisches Wrack, welches unfähig war, sich um seine Tochter zu kümmern. Er hatte nicht mehr die Kraft, sich mit Kira auseinanderzusetzen, um ihr das Schulfest zu verbieten.
Greta vergrub ihr Gesicht in den Händen und weinte. »Komm!«, sagte Paula und zog sie am Arm. »Wir müssen weiter. Bald ist es dunkel.« Eigentlich wollten wir den Bus nehmen, doch nun waren wir so weit gerannt, sodass wir den Rest auch laufen konnten.
Schweigend gingen wir zügigen Schrittes weiter. Jede versunken in ihren eigenen Gedanken. Mir ging Adrian nicht aus dem Kopf. Ich hoffte, dass er schon tot war und sich nicht mehr quälen musste. Die Vorstellung, dass er voller Schmerzen noch auf der Straße lag, trieb mir die Tränen in die Augen. Auch wenn ich nicht gläubig war, betete ich dafür, dass er schnell gestorben war.
Plötzlich spürte ich, wie eine Hand meine Finger umgriff. Es war Kira. Sie sah mich mit weichen Gesichtszügen an. »Tut mir leid«, flüsterte sie. »Ich weiß, wie sehr du ihn gemocht hast.« Ja, ich hatte ihn gemocht. Er hatte mich auf die Wange geküsst. Vielleicht war ich sogar in ihn verliebt. »Er hat das nicht verdient«, schluchzte ich und Tränen bildeten sich in meinen Augen. Mir kam das Bild wieder in den Kopf, wie er in seiner Blutlache dort gelegen hatte. Sein Körper zuckte wie ein Fisch, den man achtlos aufs Trockene geworfen hatte. »Ich weiß«, hauchte sie und drückte meine Hand fester.
Sie ließ sie nicht mehr los und so gingen wir händchenhaltend durch die Straßen. Wir versuchten nahe an der Hauswand zu gehen, um Schutz vor Heckenschützen zu haben. Es war dunkel und das ließ die ganze Szenerie noch unheimlicher wirken. Es war offensichtlich mal wieder Stromausfall und so waren sogar die Laternen aus. Auf die Taschenlampen unserer Smartphones verzichteten wir, um nicht aufzufallen. Bei jeder Bewegung wurden wir hellhörig.
Wir mussten eine letzte Kreuzung überqueren, ehe wir bei mir zu Hause waren. Es war eine vielbefahrene Straße. Die Scheinwerfer der Autos spendeten uns Licht. Mittlerweile hielten wir uns alle an den Händen. Schmerz war leichter zu ertragen, wenn man ihn teilen konnte. Es waren viele Menschen an der Kreuzung und wir fühlten uns dadurch etwas sicherer. So gab es andere potenzielle Ziele als uns. Und dann knallte es wieder. Dieses Mal lauter. Viel lauter. Ich hatte das Gefühl, dass mein Trommelfell zersprang. Das war kein Schuss aus einer Pistole. Das hier war deutlich größer.
Eine Druckwelle erwischte uns. Auf einmal hatte ich niemanden mehr an der Hand. Dafür verlor ich kurz die Bodenhaftung und landete dann schmerzhaft auf dem Beton. Ich sah einen Feuerball, der jedoch nicht bis zu mir reichte. Die Hitze konnte ich trotzdem spüren. Menschen schrien.
Kapitel 2
Ich befand mich in der Hölle. Eben war das hier eine normale Kreuzung gewesen, an der Menschen in Cafés saßen, sich unterhielten und lachten. Nun sah ich nur noch einen Kriegsschauplatz. Ich sah eine Frau, die wie eine lebende Fackel über die Kreuzung stolperte. Ich konnte meinen Blick nicht von ihr abwenden. Gleichzeitig war ich erstaunt, wie weit sie ihren Körper mit all den Flammen schleppen konnte. Die Frau schrie wie am Spieß, doch niemand half ihr. Sie lief über die gesamte Kreuzung, ehe sie zusammenbrach. Dann verstummten die Schreie. Wie Adrian zuckte auch sie noch, ehe sie endgültig starb und von den Schmerzen erlöst wurde. Auf meinem gesamten Körper breitete sich eine Gänsehaut aus, jedoch nicht vor Kälte. Autos brannten. Überall war Feuer und es war heiß. Menschen schleppten sich orientierungslos über die Straßen. Mein Blick fiel auf einen Mann, von dessen rechter Gesichtshälfte die Haut in Fetzen herunterhing. Er trug ein kleines Kind, das leblos in seinen Armen hing. Es roch nach verbranntem Fleisch.
»WIR MÜSSEN HIER WEG!«, schrie Kira. Ich war froh, ihre kräftige Stimme zu hören. Ihr konnte nichts Schlimmes passiert sein. Ich spürte Hände, die mich hochzogen. »Komm, Lola! Wir müssen hier weg! Du weißt, dass eine zweite Explosion kommen kann!«, ertönte es panisch. Ja, das wusste ich. Die erste Explosionswelle sollte Zivilisten treffen. Die Zweite sollte die töten, die den Verletzten helfen wollten. Wir mussten uns beeilen. Ich sah nun auch Greta und Paula. Außer ein paar Schürfwunden sahen alle okay aus. Erleichterung durchströmte meinen Körper. Offensichtlich waren wir weit genug von dem Explosionsherd entfernt. Wieder liefen wir los. In ständiger Angst, dass es gleich erneut knallen könnte. Ich wusste nicht, woher ich die Kraft hatte, noch zu rennen, aber Fakt war, dass sich meine Beine erstaunlich schnell und regelmäßig bewegten. Während ich rannte, sah ich auf den Boden. Das war ein Fehler. Da war Blut. Überall. Ich lief durch ein Meer von Blut. Das Blut der Unschuldigen. Mit jedem Schritt spritzte es. Es klebte an meinen Füßen und an meinen nackten Unterschenkeln. Ich sah Körperteile, ohne die passenden Körper zu sehen. Manche Teile waren so klein, dass sie zu Kindern gehört haben mussten. Ich musste Leichen ausweichen und über Wrackteile klettern. Kira ließ meine Hand nicht los. Sie trieb mich voran.
Wir liefen in die Straße, in der ich mit meinen Eltern wohnte. Sofort fühlte ich mich ein wenig sicherer. »Alle okay?«, brachte ich über die Lippen. »Glaube schon«, antwortete Paula als Erste. Die anderen zwei nickten nur mit weit aufgerissenen Augen, in denen sich das Grauen widerspiegelte. Dann hörten wir die zweite Explosion. Sie kam mir leiser vor. Wir waren weit genug weg, um nicht von ihr erwischt zu werden. Trotzdem schmissen wir uns instinktiv auf den Boden. So hatten wir es in der Schule gelernt. Wir warteten kurz ab. Als uns bewusst wurde, dass uns keine Druckwelle erreichte, flüchteten wir in mein Wohnhaus. Ich hatte das Gefühl, dass sich die Länge der Treppe verdoppelt habe.
Irgendwann musste ich meine Tasche verloren haben. Mein Handy hatte ich aus irgendeinem Grund jedoch noch in der Hand. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich es herausgenommen hatte, aber ich war froh, dass es noch da war. Ich hatte keinen Schlüssel, also hämmerte ich fünfmal gegen die Tür, machte eine Pause und hämmerte dann drei Mal. Das war unser Erkennungszeichen. Zwar hatten wir auch einen Spion, doch unsere Tür war nicht kugelsicher. Meine Eltern legten auf diese Sicherheitsmaßnahme Wert. In den letzten Jahren waren sie sehr vorsichtig geworden. Dad riss die Tür auf und fiel mir um den Hals. Er weinte. Wir alle drängten uns in den kleinen Flur und schlossen dann die Tür hinter uns. Die blutigen Fußabdrücke brachten wir jedoch mit in die Wohnung. »Du lebst!«, schluchzte er. Ihm war die Explosion offensichtlich nicht entgangen. »Wo ist Mum?«, fragte ich sofort. Sein Gesicht wurde ganz rot und die Augen wässrig. Er schaffte es nicht, mich anzusehen. »Dad?«, fragte ich mit Nachdruck. »Wo ist Mum?« Er schüttelte den Kopf und da wusste ich es. Sie würde nicht wiederkommen. »Sie haben sie mitgenommen?«, flüsterte ich und suchte Halt an einer Kommode. Er hatte Mühe, seinen Kopf zu einem Nicken zu bewegen. »Sie haben sie auf der Arbeit abgefangen«, erklärte er mit schwacher Stimme. Auch Greta, Kira und Paula lauschten mit aschfahlen Gesichtern. »Sie haben fast die ganze Redaktion mitgenommen. Nur ein paar Mitarbeiter konnten fliehen. Deine Mutter leider nicht.« Ich biss mir auf die Lippe, um nicht laut loszuschreien. Wenn Mum Glück hatte, war sie jetzt tot. Wenn sie Pech hatte, steckte man sie ins Gefängnis, wo man sie qualvoll foltern würde. Ich hatte immer gewusst, dass ihre Arbeit für die Freiheitszeitung gefährlich war, doch erst in diesem Moment begriff ich es. Ich hatte soeben meine Mutter verloren. Ich würde sie nie wiedersehen. Ich war jetzt Halbwaise. Ich wollte mich einfach auf den Boden schmeißen und heulen. Ich hatte den Gedanken, dass einer meiner Eltern sterben könnte, immer verdrängt. Umso heftiger traf mich nun diese Nachricht.
»Lola, du hörst mir jetzt zu!«, sagte Dad eindringlich und versuchte, sich zusammenzureißen. »Du musst weg. Sie greifen gerade die gesamte Stadt an. Es ist nicht mehr sicher. Du hast hier keine Zukunft. Sie haben die Universität gesprengt und viele Schulen. Auch das Krankenhaus. Es gibt hier kein Leben mehr.«
»Dad, was redest du da?«, fragte ich weinerlich. Ich konnte seine Verzweiflung spüren. Ich hatte meinen Vater noch nie so erlebt wie jetzt. »Du musst fliehen!«
»WIR müssen fliehen«, korrigierte ich ihn. »Wir beide müssen hier weg.« Tränen strömten über sein Gesicht. Er nahm meine Hände. »Ich kann hier nicht weg. Deine Grandma schafft keine Flucht. Ich kann sie nicht zurücklassen. Du musst allein gehen!«
»Ich kann das nicht allein!«, widersprach ich sofort. »Doch. Du musst. Ich habe schon lange darüber nachgedacht. Ich habe genug Bargeld zurückgelegt. Du musst über Frankreich und Spanien nach Gibraltar. Von dort kommst du nach Marokko. Und von dort aus bringen sie Flüchtlinge in die USA. Tante Julia würde dich aufnehmen.« Was redete er da? »Ich soll allein durch ganz Europa?« Panik stieg in mir auf. Das konnte ich unmöglich tun.
»Ich komm mit«, hörte ich Kiras Stimme sagen. Entgeistert sah ich zu ihr. »WAS?« Sie schluckte schwer. »Mein Vater wollte mich auch schon zur Flucht überreden. Bis jetzt habe ich immer abgelehnt, aber dein Vater hat recht. Wenn wir hierbleiben, sterben wir.« Das konnte sie nicht ernst meinen. Ich würde meinen Vater nicht zurücklassen. Auf gar keinen Fall! Doch Dad holte plötzlich einen gepackten Rucksack aus meinem Zimmer. Was geschah hier gerade? Er drückte ihn mir in die Hand. »Ich liebe dich, Lola. Und genau deshalb muss du hier weg!« Er wischte sich eine Träne von der Wange. »Und zwar ohne mich.«
Mein Vater hatte gerade seine Ehefrau verloren und jetzt sollte ich ihn auch noch verlassen? Das konnte ich ihm nicht antun. »Dad, bitte«, flehte ich. »Vielleicht bekommt die Regierung bald alles wieder unter Kontrolle.« Er schüttelte traurig den Kopf. »Spätestens seit heute weiß jeder, dass die Regierung gar nichts mehr unter Kontrolle hat. Im ganzen Land waren am Abend Angriffe. Die DePa sind zu mächtig geworden und es wird nur noch schlimmer werden.«
»Er hat recht«, flüsterte nun auch Greta. »Die DePa sind mittlerweile überall.« Die DePa - die Deutschen Patrioten. Mit ihnen hatte das Grauen langsam Einzug genommen. Und irgendwann war alles außer Kontrolle geraten. Niemand konnte ihnen noch etwas entgegensetzen. Wir lebten in Anarchie. Es gab keine Gesetze mehr, die galten.
»In deinem Rucksack ist eine Plastiktüte mit 50.000 US-Dollar«, sprach Dad weiter. »Deine Mum und ich habe sie genau für diesen Zweck gespart. Mit Dollar kommst du weiter als mit Euro. Damit solltest du erst einmal ganz gut gewappnet sein. Ansonsten habe ich alles Wichtige in den Rucksack getan. Auch deine Reiseroute, wie du am schnellsten hier rauskommst.« Er meinte es ernst. Er meinte es wirklich ernst. Und er hatte nicht erst seit gestern darüber nachgedacht. Das hier war lange geplant gewesen. Warum hatten sie mir nichts erzählt? Ich war 16. Wie sollte ich ganz allein durch einen Kontinent reisen?
Dad umarmte mich. »Du schaffst das. Du bist doch mein Mädchen und ich weiß, dass du stark bist.« Ich war unfähig, etwas zu sagen. Ich hatte mehr Angst vor einer Flucht als vor Bomben. Denn auf der Flucht würde ich ganz auf mich allein gestellt sein. »Immer um ein Uhr morgens fährt an der alten Fabrikhalle ein Transporter an die französische Grenze. Den musst du nehmen. In zwei Stunden fährt er ab. Man bezahlt vor Ort in bar.« Das war alles zu viel für mich. Er stellte mich vor vollendete Tatsachen. »Ich kann das nicht«, wimmerte ich völlig verzweifelt. Er konnte mich doch nicht von jetzt auf gleich auf eine Flucht schicken. Diese Flucht bedeutete auch, dass ich meine Heimat hinter mir ließ. Ich hatte Freunde hier und vor allem einen Dad. Wenn ich ging, würden wir uns vielleicht nie wiedersehen. Ich würde ein ganzes Leben hinter mir lassen. »Ich komm doch mit«, sagte Kira. »Wir zwei schaffen das schon.«
»Und dein Vater?«, gab ich zu bedenken. »Er hat keine Kraft, mitzukommen. Wir haben da schon oft drüber gesprochen. Er will hier nicht weg. Zu viele aus unserer Familie haben hier ihr Leben verloren. Er will hier auch sterben.« Manchmal vergaß ich, dass Kira schon deutlich länger von dem Terror betroffen war. Ihre Mutter und ihr Brüder waren bereits vor einiger Zeit der DePa zum Opfer gefallen.
»Wir kommen auch mit«, hörte ich plötzlich Paula und Greta sagen. »Unsere Eltern haben mit uns auch schon darüber gesprochen. Sie selbst können hier nicht weg, weil Leon noch zu klein ist, aber sie wollen fliehen, sobald er alt genug ist, um selbst ein paar Kilometer laufen zu können.« Ich sah wieder zu meinem Dad. Er schien einerseits froh, dass ich diese Flucht offensichtlich nicht allein antreten musste, doch auf der anderen Seite war es sehr wahrscheinlich, dass wir uns nie wiedersehen würden. Diesen Gedanken konnte ich ihm vom Gesicht ablesen. Es war ein Abschied für immer. Das konnte ich doch nicht tun. Ich liebte mein Vater und jetzt, wo meine Mutter auch noch tot war, konnte ich ihn nicht allein lassen.
Wir hatten nur noch zwei Stunden, bis wir am Treffpunkt sein mussten. Ich wusste zwar, dass wir kaum eine andere Wahl hatten, als jetzt zu fliehen. Doch ich hatte keine Ahnung, wie ich es über mein Herz bringen sollte, meinen Vater zurückzulassen. »Wir treffen uns in zwei Stunden an der alten Fabrikhalle und hoffen, dass sie uns alle vier mitnehmen, okay?«, begann Paula nun konkret zu werden. Offensichtlich passierte das hier gerade wirklich. Ich würde fliehen. Der Entschluss stand fest, auch wenn ich mich nicht erinnern konnte, dafür gestimmt zu haben. Ich konnte meine Gefühle nicht sortieren. Ich hatte eben erst gesehen, wie jemand erschossen worden war. Dann war eine Bombe explodiert. Ich war über Leichen gestiegen und durch Blut gerannt, welches noch immer an meiner Kleidung und meinem Körper klebte. Ich hatte erfahren, dass meine Mutter praktisch tot war und ich sie nie wiedersehen würde, und nun musste ich auch noch meine Heimat verlassen. Ohne Eltern. Und dafür mit noch mehr Ängsten. Ich würde meinen Vater vielleicht nie wieder zu Gesicht bekommen. Ich hatte weder Zeit zum Trauern noch zum Verarbeiten.
Dad schien mir mein Gefühlschaos anzusehen. Er nahm mich in den Arm und drückte mich fest. Dann legte er seine Hände auf meine Wangen und sah mich an. Sie waren eiskalt, der Blick umso wärmer. »Ich weiß, wie schwer das ist, aber du musst das tun! Du hast keine andere Wahl. Wenn du mal eine Familie haben willst oder einen Job oder einfach nur ein normales Leben, dann musst du hier raus.« Das erste Mal nickte ich einsichtig. Ich wollte irgendwann mal eine Familie haben, und die sollte in Frieden leben. Also musste ich fliehen.
Kapitel 3
Jede von uns hatte einen Rucksack auf dem Rücken, an dem ein Schlafsack baumelte. Das war alles, was wir noch besaßen. Darin war unser Leben.
Dad war in der Wohnung geblieben. Dort hatten wir uns auch tränenreich voneinander verabschiedet. Wir hatten keine Ahnung, wann und ob wir uns jemals wiedersehen würden. Aus diesem Grund hatte ich versucht, mir jedes Detail von ihm einzuprägen. Seinen Geruch, seine Falten und seine Augen. Ich hatte auf meinem Handy zwar viele Fotos von ihm, doch das war nicht das Gleiche. Ich wollte diese Bilder auch im Gedächtnis haben. Wir hatten uns ewig umarmt und geweint. Dann sprachen wir uns gegenseitig Mut zu und redeten uns ein, dass wir uns wiedersehen würden. Wir wussten beide, dass es eine Lüge war, doch keiner wagte es, das auszusprechen.
Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Ich hatte innerhalb weniger Stunden mein gesamtes Leben verloren. Alles, was übriggeblieben war, waren dieser Rucksack und meine drei besten Freundinnen.
Wir standen vor dem alten Fabrikgebäude, das mehr als angsteinflößend war. Nur der Mond spendete uns Licht. Wir hatten Angst, doch darüber sprachen wir nicht. Stattdessen sagten wir uns immer wieder, dass alles gut werden würde.
Ein weißer Kleintransporter fuhr vor. Der Wagen blieb stehen. Wir waren hier nicht allein. Eine Familie und ein junger Mann wollten auch in Richtung Frankreich. Die Fahrertür ging auf und ein Mann, der gefühlt doppelt so groß war wie ich, stieg aus. Zuerst wandte er sich an uns Mädchen. »Ihr vier wollt alle mit?«, sprach er mit rauchiger Stimme. Er stank nach Alkohol. Wir nickten verängstigt.
»Pro Nase 10.000«, antwortete er kühl. Es war absurd, so viel Geld zu verlangen, doch wir alle zahlten. Wir hatten genug. Unsere Eltern hatten immer gut bezahlte Jobs. Auch Greta, Paula und Kira hatten unglaublich viel Bargeld dabei. Der Mann zählte eine ganze Weile die Scheine. Dann öffnete er die Tür zum Frachtraum. Viele Augen sahen mich an. Irgendwie hatte ich nicht damit gerechnet, dass da schon Menschen drinsitzen. »Der ist doch schon voll«, flüsterte Greta. »Rein da!«, sprach uns ein Mann mit harschem Ton an. »Da passen wir niemals rein«, protestierte Paula. Wir alle hatten mittlerweile Jeans und feste Schuhe an. Unsere blutverschmierten Sommerkleider hatten wir zurückgelassen.
»Und ob ihr da reinpasst«, entgegnete er genervt. Dann packte er Paula unsanft am Handgelenk und zerrte sie zur Tür. Geschockt sah ich zu, wie er sie in den Transporter quetschte. »Autsch!«, rief Paula.
Ich schluckte schwer. Wir anderen sahen uns an. Wir mussten da jetzt auch rein. Wir hatten keine Wahl. Bis zur französischen Grenze waren es bestimmt fünf oder sechs Stunden Fahrt. Vielleicht sogar noch mehr. Und das in diesem kleinen Ding? Mit Menschen, die ich nicht kannte? Mit denen ich aber eng an eng sitzen musste? »Na los, kommt, oder ich lass euch zurück!«, drängte der Mann.
Zögerlich stiegen wir ein. Ich trat mindestens drei Menschen dabei auf die Füße und entschuldigte mich sofort. Es war stickig und heiß. Am schlimmsten war jedoch der Gestank. Es roch wie im Bahnhofsklo, nur tausend Mal schlimmer. Mir wurde schlecht.
Es war Punkt ein Uhr, als wir losfuhren. Eigentlich wollte ich nur schlafen. Schlafen und vergessen, was heute geschehen war. Doch stattdessen saß ich eingepfercht wie ein Stück Vieh in einem Transporter. Die Türen schlossen sich und plötzlich war alles dunkel. Ich konnte mich kaum bewegen, weshalb ich auch nicht an mein Handy im Rucksack kam. Ich dachte an Hühner in Käfighaltung. Genauso fühlte ich mich gerade. Wie ein Tier in der Massentierhaltung. Ich traute mich nicht, etwas zu sagen, denn ich wusste, dass jeder mithören könnte, wenn ich meinen Freundinnen meine Ängste mitteilen würde. Keiner sagte etwas. Ich hörte nur ein leises Wimmern, das von einem Kind zu kommen schien. Ich weinte auch leise. Ich dachte an meine Mum, die vielleicht schon tot war oder gerade gefoltert wurde. Es war allgemein bekannt, welche Methoden man anwendete. Stockschläge waren noch die harmloseste. Ich wollte gar nicht daran denken, was sie alles mit ihr anstellen könnten, doch die Gedanken setzten sich in mir fest und verschlimmerten sich mit jeder Minute. Vielleicht rissen sie ihr die Fingernägel raus oder verätzten ihr die Augen mit Säure, sodass sie nichts mehr sehen konnte. Sie könnten ihr auch die Zähne einzeln ausschlagen oder die Hand abhacken. Die Zunge rausschneiden oder ihre die Haare rausreißen. Man könnte sie mit heißem Wasser übergießen oder sie vergewaltigen. Ich wurde verrückt in dieser Dunkelheit.
»Ich muss auf’s Klo«, flüsterte mir Paula zu. Ihre Stimme war erstaunlich nahe. »Ich glaube nicht, dass wir eine Pause machen«, sagte ich leise, auch wenn mir bewusst war, dass alle es hören konnten. »Aber ich muss echt dringend.«
»Und ich habe meine Tage«, sagte Kira jammernd. Auch wenn es bei mir noch nicht so weit war, war mir bewusst, dass auch ich irgendwann mal eine Toilette benötigen würde. Ich kannte meine Blase zu gut. »Laufen lassen«, sprach eine fremde Frauenstimme mit nordischem Dialekt. »Früher oder später hat man keine Wahl.« Mir war bewusst, dass andere das schon gemacht hatten. Der Gestank kam schließlich nicht von irgendwo. Doch die Vorstellung, mir in die Hose zu machen, widerstrebte mir. Ich war 16. Da machte man sich nicht in die Hose. Das konnte ich nicht.
»Ich kann das nicht«, sagte auch Paula. »Warte ab! Irgendwann kannst du«, sagte die Frau, zu der ich kein Gesicht kannte. Dann verfielen wir wieder ins Schweigen. Ich verlor jegliches Zeitgefühl und durchlief mehrere Phasen.
Zuerst drehten meine Gedanken durch. Ich war unruhig und versuchte ständig, meine Position irgendwie zu ändern. Dann wurde ich ruhiger. Ich ergab mich meinem Schicksal und versuchte mir in Gedanken auszumalen, dass ich eine schöne Zukunft haben könnte. Dass sich diese Strapazen hier lohnen würden. Ich stellte mir vor, wie ich irgendwann mal meinen Kindern in einer friedlichen Welt von meiner Flucht erzählte. Ich würde berichten, wie ich in diesem Transporter gesessen hatte, nachdem ich meine Mutter verloren hatte. Wie ich geflohen war, um eine Chance auf ein Leben zu haben. Dann kam die Phase der Angst. Vielleicht würde ich nie eine Familie haben, weil ich die Flucht nicht überlebte. Vielleicht starb ich heute oder in den nächsten Tagen. Viele kamen auf der Flucht ums Leben. Das hatte sich herumgesprochen. Wer sagte mir, dass ich die USA erreichen würde? Und dann kam die Phase, in der ich merkte, wie schwach ich geworden war. Ich bekam kaum noch Luft. Es war unglaublich stickig. Meine Atmung war flach und die Haut glühte.
Der Todeskampf begann. »Ich kann nicht mehr«, flüsterte ich. »Ich auch nicht«, hörte ich Greta. »Meint ihr, wir fahren noch lange?«, ertönte auch Kiras schwache Stimme. »Ich habe keine Ahnung, aber wenn wir hier noch lange drinbleiben, ersticken wir«, raunte Paula deutlich geschwächt.
Es verging eine weitere Ewigkeit, in der mich immer mehr die Kräfte verließen. Dann hörte ich ein Klopfen. Jemand klopfte aus unserem Laderaum gegen die Wand zum Fahrerhaus. Wer immer das auch war: Ich war erstaunt, dass die Person die Kraft hatte, so heftig dagegen zu schlagen.
Es kam jedoch keine Reaktion vom Fahrer. Das Auto fuhr weiter. Irgendwann hörte das Klopfen auf. Es folgten wieder qualvollen Minuten in der Dunkelheit. Dann fing eine Frau an, wie am Spieß zu schreien. Ich spürte, wie Dynamik in unsere Gruppe kam. Alle versuchten, sich irgendwie zu bewegen, was aufgrund des Platzmangels eigentlich nicht möglich war. Ich hatte Schmerzen, weil mein Körper zusammengestaucht wurde. Panik brach aus und ich wusste nicht warum.
»Mein Baby!«, schrie eine Frau. »Mein Baby!« Auch wenn sie nicht sagte, was mit ihrem Baby war, war ich mir sicher, dass es nicht mehr lebte. Anders konnte ich mir den Schmerz und ihre Verzweiflung in der Stimme nicht erklären. Sie schrie immer und immer wieder »Mein Baby«. Am Anfang tat sie mir leid. Dann war ich genervt und dann tat sie mir wieder leid. Das hier war alles wie ein furchtbarer Albtraum und ich bekam zunehmend das ungute Gefühl, dass ich nicht mehr daraus erwachen würde. Aus ihrem Schreien wurde immer mehr ein Flüstern. Ich hörte Wimmern und Schluchzen.
Viele Menschen atmeten mittlerweile schwer. Wir waren hier gefangen. Dann lehnte ein männlicher, verschwitzter Körper an mir. Ich begann nach einem Puls zu suchen, wurde aber nicht fündig. Bitte nicht. Es lehnte gerade tatsächlich eine Leiche an mir. Ein Toter. Wann hatte der Horror endlich ein Ende? Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht. Ich versuchte erfolglos, den Körper von mir wegzudrücken. Ich wollte hier nur noch raus. Ich war kurz davor, komplett durchzudrehen. Ich wusste, dass eine Flucht schwer war, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich so schnell in Lebensgefahr sein würde. Ich war doch gerade erst aufgebrochen und schon saß ich hier zwischen Toten und war wahrscheinlich selbst bald eine von ihnen.
»Seid ihr okay?«, fragte ich meine Mädels. Es kamen drei leise »Ja«. Immerhin etwas. Ich wedelte mit meiner Hand vor meiner Nase herum, um mir Sauerstoff zufächeln zu können, jedoch erfolglos. Meine Kleidung klebte mittlerweile an meinem schweißgebadeten Körper. Auch die Haare waren pitschnass. Ich hoffte, mein Vater würde, falls ich hier drin sterben sollte, nie davon erfahren.
Der Wagen blieb plötzlich stehen. Durch das Bremsen wurden wir alle durchgeschüttelt. Ich hörte eine Autotür zuklappen. »Sind wir da?«, fragte ein kleines Kind, ohne eine Antwort zu bekommen. Dann wurde die Tür aufgeschoben. Ich hatte mich noch nie so sehr über frische Luft gefreut. Das Sonnenlicht brannte zwar in den Augen, doch der Genuss von Sauerstoff überwältigte mich in dem Moment.