Cover

Zum Buch

Bart ist Journalist, liebt Radrennen und ist fast fünfzig, als seine Jugendfreunde André, Joost und David unerwartet wieder in seinem Leben auftauchen. Und mit ihnen der Sommer des Jahres 1982. Ein Sommer, in dem sie alle in die schöne Laura verliebt waren, ein Sommer der großen Gefühle – und eines tödlichen Unglücks auf dem Mont Ventoux.

Die Freunde waren achtzehn, als sie zu fünft die legendäre Etappe der Tour de France hinauffuhren – und zu viert zurückkehrten. Als auf einen Schlag ihre Träume zerplatzten. Und Laura, die mit ihnen in der Provence war, spurlos verschwand. Dreißig Jahre später, im Sommer 2010, will Laura die vier Männer am Ventoux wiedertreffen. Sie will darüber sprechen, was damals wirklich geschah. Und die Freunde folgen ihrer Einladung: die Rennräder auf dem Autodach, ihren Krempel im Anhänger und jede Menge Fragen auf dem Rücksitz …

Zum Autor

BERT WAGENDORP, Jahrgang 1956, ist als Kolumnist für die niederländische Zeitung De Volkskrant und eine flämische Tageszeitung tätig. Zwischen 1989 und 1994 berichtete er unter anderem von der Tour de France. Zudem hat er das literarische Radrennmagazin De Muur mitbegründet. »Ventoux« war der große Überraschungsbestseller der letzten Jahre in den Niederlanden und wurde dort erfolgreich verfilmt.

Bert Wagendorp

Ventoux

Roman

Aus dem Niederländischen
von Andreas Ecke

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Die niederländische Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel
»Ventoux« bei Uitgeverij Atlas Contact, Amsterdam/ Antwerpen.
Der Verlag dankt der Niederländischen Literaturstiftung
für die Förderung der Übersetzung.
Copyright © 2013 by Bert Wagendorp
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2016 by btb Verlag
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: semper smile, München
Umschlagmotiv:© Shutterstock/nikiteev_konstantin
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-18218-2
V002
Besuchen Sie unseren LiteraturBlog www.transatlantik.de!
www.btb-verlag.de
www.facebook.com/btbverlag

Für Hannah

Dort schwang ich mich auf den Flügeln des Geistes vom Körperlichen zum Unkörperlichen hinüber und ging mit mir selbst mit ungefähr folgenden Worten ins Gericht: »Was du heute so oft bei der Besteigung dieses Berges erfahren hast, wisse, dass dies dir und vielen widerfährt, die das selige Leben zu gewinnen suchen. Aber es wird deswegen nicht leicht von den Menschen richtig gewogen, weil die Bewegungen des Körpers offensichtlich sind, die der Seele jedoch unsichtbar und verborgen. In der Tat liegt das Leben, das man das selige nennt, auf hohem Gipfel, und ein schmaler Pfad, so heißt es, führt zu ihm hin.«

Francesco Petrarca, Die Besteigung des Mont Ventoux

PROLOG

Das Foto hat jahrelang in einem Umschlag gesteckt, vergraben in einem weißen Umzugskarton. Auf dem braunen Paketband, mit dem ich den Karton irgendwann Mitte der Achtzigerjahre verschlossen hatte, stand »Verschiedenes«. Bestimmt achtmal habe ich ihn aus einem dunklen Schrank, von einem Dachboden oder aus einem Schuppen geholt und dann ungeöffnet wieder zurückgestellt. Nachdem sie plötzlich wieder auf der Bildfläche erschienen war, wusste ich gleich, wo ich den Umschlag finden würde.

Fotos von anderen Reisen sind ordentlich in Alben mit Beschriftungen wie Italien 1984 oder Route 66 (1986) eingeklebt. Dieses eine blieb tief unten in meinem Gedächtnis und in einem Tresor aus Karton versteckt, bis der Moment gekommen war, es hervorzuholen. Die Zeit hatte ihm einen Stich ins Rötliche gegeben.

Ich legte es vor mich auf den Esstisch und sog das Bild in mich ein. Minutenlang starrte ich den Menschen auf dem Foto in die Augen, ohne etwas zu denken. Dann kamen, langsam, die Erinnerungen. Die Geräusche, die Gerüche, die Wörter. Ich wusste wieder, was ich beim Blick in die Kamera gedacht hatte: Irgendwann werde ich mir dieses Foto anschauen, später, viel später, und mich daran erinnern, dass dies ein Moment des Glücks war. Die Zeit schien zu verschwinden, bis ich fast zu dem Jungen geworden war, der dort stand. Ich fühlte wieder die Erregung, die Freude, die Hoffnung. Ich fühlte wieder ihren Körper an meinem.

Dreißig Jahre sind vergangen, seit es aufgenommen wurde, auf dem Campingplatz eines kleinen Ortes in der Provence, einen Tag, bevor Joost, Peter und ich den Mont Ventoux hinaufgefahren sind. Auf der Rückseite steht: »Zelten in Bédoin, Juni 1982. V.l.n.r. David, Peter, Laura, Bart, Joost, André.« Im Hintergrund sieht man ein blaues Bungalowzelt und ein kleines orangefarbenes Tunnelzelt. An einem Zaun lehnt ein Rennrad. Die junge Frau trägt einen roten Bikini und weiße Flipflops. Sie lächelt verlegen, als wäre ihr nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass gerade dieser Moment verewigt wird.

André hat eine Selbstgedrehte im Mund und blickt durch eine Rauchwolke gleichgültig in die Linse. Joost hat sich in Positur geworfen, Hände auf dem Rücken, Brust raus. David hat die rechte Hand gehoben und gibt ein Zeichen: Das Foto wurde mit seiner Kamera aufgenommen, und er hat den Selbstauslöser eingestellt.

Peter trägt einen Hut und eine Sonnenbrille. Deshalb sieht man seine Augen nicht. Sein Grinsen ist vieldeutig. Er hat die Hände in die Taschen einer abgeschnittenen Jeans geschoben und schmiegt sich mit dem nackten Oberkörper an Laura. Man sieht, dass sie einfach vollkommen ist, wie schön ihre Brüste sind und wie endlos lang ihre Beine. Ihr Blick nimmt einen gefangen, sogar auf einem alten Kodak-Abzug. Ich habe ihr den rechten Arm um die Schulter gelegt und schaue triumphierend in die Kamera, wie ein Fußballer, der auch einmal den Pokal halten darf.

I

Mein Name ist Bart Hoffman. Eigentlich heiße ich Johannes Albertus Hoffman – Hoffman wie Dustin, mit Doppel-f und einem n. Ich wurde vor bald fünfzig Jahren in Zutphen im Achterhoek geboren, einem Städtchen an einem großen Fluss. Mein Vater war dort Rektor einer protestantischen Grundschule.

Ich bin Gerichtsreporter bei einer überregionalen Zeitung – in meiner Generation landeten noch viele Studienabbrecher bei der Presse. Ein Bekannter, der auch Niederländisch studierte, schrieb damals hin und wieder Artikel für die Kunstseite der Volkskrant. Von ihm hörte ich, dass die Sportredaktion jemanden fürs Abtippen von Ergebnissen an den Sonntagabenden suchte. Bei knapper Besetzung durfte ich sogar manchmal über ein unbedeutendes Fußballspiel berichten. Das Schreiben fiel mir leicht. Als die Stelle eines Sportreporters frei wurde, bewarb ich mich und wurde eingestellt.

Mein Studium brach ich ohne Bedauern ab. Die Leute dort lagen mir nicht. Das Gelaber über die Werke von Reve und Lucebert ging mir auf die Nerven, auch Chomskys generativer Transformationsgrammatik konnte ich nichts abgewinnen. Ich war der Einzige meines Studienjahrgangs, der Voetbal International las. Dass ich mühelos die ersten fünf Minuten von Herman Kuiphofs Livebericht vom WM-Finale 1974 vortragen konnte, ein fantastisches Stück Zufallspoesie, machte auf meine Mitstudenten keinen Eindruck. Ich hatte schon lange, bevor das in Mode kam, eine sehr gute Cruijff-Imitation auf Lager, aber die erkannten sie nicht einmal.

Als nach zwei Jahren der Radsportjournalist der Zeitung in Ruhestand ging, konnte ich seine Sparte mit übernehmen. Im Frühling reiste ich dem Radzirkus nach und berichtete zuerst über Paris–Nizza oder Tirreno–Adriatico, anschließend über die Frühjahrsklassiker. Und im Sommer über die Tour de France.

Tagsüber ein bisschen dem Peloton hinterherfahren, dann ein paar Teilnehmer interviewen, einen Bericht tippen und abends mit Kollegen in einem guten Restaurant über das Rennen und das Leben philosophieren – ich konnte mir nichts Besseres vorstellen, und es tat mir immer leid, wenn im Herbst nach der Straßenweltmeisterschaft, nach Paris–Tours und der Lombardei-Rundfahrt, wieder für fünf Monate Schluss war.

Ich war vierundzwanzig, als ich mit einer Frau zusammenzog, in der Woche, nachdem die Niederlande die Fußballeuropameisterschaft gewonnen hatten. Hinke war hübsch, sie hatte die helle Haut und die graublauen, herausfordernd blickenden Augen des Nordens. Mühelos konnte sie ihre langen Beine in den Nacken legen, da sie von klein auf Gymnastik gemacht hatte. Ich war verliebt und fand sie liebenswert. Das war, bevor ich das Unliebenswerte in ihr geweckt hatte.

Am vierten Geburtstag unserer Tochter Anna, im Jahr 1995, stellte sie mich vor die Wahl. Ich konnte mich zwischen dem Vatersein und der Nomadenexistenz des Radsportjournalisten entscheiden. In dem einen Fall wollte sie Teil meines Lebens bleiben, im anderen daraus verschwinden und unsere Tochter mitnehmen. Ich entschied mich dafür, ein richtiger Vater zu werden.

Ich ging zu unserem Chefredakteur und erklärte ihm die Situation. Einen Monat vorher war der Gerichtsreporter an einem Herzinfarkt gestorben. Der Chefredakteur fragte, ob ich etwas von Kriminalität und Justiz verstünde.

»Ich bin Radsportjournalist, und ich habe Schuld und Sühne gelesen«, antwortete ich eher zum Scherz.

»Okay, dann bist du der, den wir brauchen. Meinen Glückwunsch.«

Als ich vierzig wurde, gab ich das Rauchen auf, holte mein altes Batavus-Rennrad aus dem Schuppen und brachte es wieder in Schuss. Eine meiner besseren Entscheidungen, wage ich zu behaupten. Beim Radfahren kam mir allmählich die Erkenntnis, dass man jederzeit die Wahl zwischen rechts und links hat. Dass man immer dieselbe Strecke fahren, aber auch eine andere ausprobieren kann. Dass sich zwar manches einfach so ergibt, vieles aber von einem selbst abhängt. Es vergingen übrigens noch fünf Jahre, bevor wir uns scheiden ließen. Anna war dann achtzehn, und es gab keinen Grund mehr, noch länger zusammenzubleiben.

Seit ich wieder allein bin, habe ich eine großzügige Wohnung im Zentrum von Alkmaar. Ich bin in diese Stadt gezogen, weil ich Amsterdam zu groß und die Amsterdamer zu laut und viel zu selbstgefällig fand, und jetzt fühle ich mich sehr wohl hier. Die Zimmer sind ziemlich leer, aber das stört mich nicht. Alles, was ich brauche, ist da, und ich habe gern viel Platz.

Ich kenne jeden fahrradtauglichen Meter Straße und Weg zwischen Den Helder und Purmerend. Auf dem Fahrrad hat man das Gefühl, dass die Zeit stillsteht, oder dass sie zumindest keine Bedrohung ist. Das Fahrrad ist ein Wundermittel gegen Verzweiflung.

Anna hat sich ein Bianchi gekauft, sie ist gut erzogen. Kein deutsches Rennrad aus dem Internet, keins von den neuen amerikanischen, die jetzt in Mode kommen, sondern ein klassisches italienisches. Sie weiß, wer Coppi und Bartali waren, und der Giro ist ihr lieber als die Tour.

»Tolle Farbe«, sagte ich, als sie vorbeikam, um mir das Rad zu zeigen. »Ein schönes Meergrün.«

»Celeste heißt das.«

Ich hatte gar nicht gewusst, dass es das gibt. Dafür muss man eine Radsportlerin sein.

»La Dama Bianca«, sagte ich.

»Giulia Occhini.«

»Der Arzt?«

»Locatelli. Enrico.«

»In?«

»Varano Borghi.«

»Am …«

»Lago di Comabbio.«

»Nie gehört.«

»Gab’s vorher auch nicht, es sind die Tränen von Dottore Locatelli, vermischt mit dem Schweiß von Fausto Coppi.«

»Und dem Pflaumensaft von Giulia Occhini.«

Sie prustete los. »Bart! Doch nicht vor dem Kind!«

Ein Zitat ihrer Mutter. Sofort hatte ich unser Zelt auf dem italienischen Campingplatz vor Augen, das schäbige Frühstückstischchen, Annas verschwörerisches Lächeln.

»Leidenschaft oder Verrat?«

»Leidenschaft. Wenn sie nicht mit Fausto weggegangen wäre, das wäre Verrat gewesen.«

»Sehr gut.«

»Bart! Du setzt dem Kind unmoralische Ansichten in den Kopf! Natürlich war es Verrat.«

Das war einer unserer Standarddialoge geworden. Anna und ich hatten ein knappes Dutzend davon und kannten beide unseren Text genau. Dieser war etwas ganz Spezielles. Als Anna zehn war, sind wir während unseres Italienurlaubs einmal nach Varano Borghi nicht weit vom Lago Maggiore gefahren, in das Dorf, aus dem Giulia stammte. Ich hatte kurz vorher ein Theaterstück mit dem Titel Fausto und Giulia gesehen und wollte wissen, ob in Varano Borghi irgendetwas zu finden wäre, das an die berühmteste Liebesgeschichte des Radsports erinnerte.

Es gab nichts. Als ich einen Passanten nach dem Haus von Dottore Locatelli fragte, zuckte er nur mit den Schultern.

Es war Ende Februar, man sprach noch von der Elfstedentocht, aber Anna war schon ein paar Touren gefahren. Sie zeigte auf ihren Fahrradcomputer: 195 Kilometer. »An vier Tagen. Nicht schlecht, oder? Und allein, das muss man auch berücksichtigen. Im Schnitt 26,1.« Wir verabredeten uns für den übernächsten Tag. Ich freute mich. Gemeinsam Rad fahren, das ist Freundschaft, Liebe, Verbundenheit.

Wir fuhren nach Westen. Bei Egmond ging es in die Dünen. Sonnenstrahlen sogen die Kälte aus dem Boden. »Ein bisschen langsamer, Papa«, rief Anna. »Ich kann noch nicht die volle Leistung abrufen.«

Sie sprach wie ein Radprofi am Ende des Winters. Ich ließ mich neben sie zurückfallen und schob sie an. »Du trittst zu große Übersetzungen! Alle Frauen treten zu große Übersetzungen. Das liegt daran, dass sie sich meistens auf diesen blöden Omarädern abquälen. Locker treten, runterschalten.« Sie tat, was ich sagte. Ich legte beide Hände auf den Lenker und für einen Augenblick auf das Glück.

In einem Ausflugslokal in Bakkum brachte ein hübscher junger Mann unseren Kaffee. Anna hatte die Jacke ausgezogen, er betrachtete ihr Trikot.

»Steht dir gut«, sagte er.

»Danke«, erwiderte sie und schenkte ihm ein himmlisches Lächeln.

»Die Radhose übrigens auch.« Mit einer achtlosen Handbewegung schickte sie ihn weg.

Ich trank einen Schluck Kaffee und schaute sie an. »Es passieren seltsame Dinge, Anna«, sagte ich.

»Sehr seltsame«, antwortete sie. »In Amerika hat sich ein Panther in einem Vorort in ein Haus geschlichen und ist auf dem Sofa eingeschlafen. Hab ich heute Morgen gelesen, im …«

»Mit mir. In meinem Leben.«

»Ach so. Was denn?«

»Tja, zuerst sehe ich meinen alten Freund André im Gerichtssaal wieder.«

»Ist er Richter?«

»Nein.«

»Anwalt?«

»Nein, er ist ein Krimineller.«

»Meine Güte. Und er ist dein Freund? Ist er verurteilt worden?«

»Nein, freigesprochen, aus Mangel an Beweisen.«

»Na, ein Glück. Für ihn, meine ich. Und was für seltsame Dinge noch?«

»Kurz danach lese ich, dass mein Freund Joost für den Spinoza-Preis nominiert worden ist.«

»Was macht er?«

»Er ist ein genialer Physiker. Schreibt jedenfalls die Zeitung.«

»Aha. Den Preis kannte ich nicht.«

»So was wie ein niederländischer Nobelpreis, könnte man sagen.«

»Lustig, was du für Freunde hast. Und dieser andere, wie heißt der noch …«

»David. Mit dem Reisebüro. Der zählt nicht mit in diesem Zusammenhang, weil ich ihn regelmäßig sehe und er mich jede Woche zweimal anruft.«

»Und was ist jetzt so seltsam?«

»Dass alles wiederkommt.«

Sie blickte mich nachdenklich an. »So seltsam finde ich das eigentlich nicht. Es gibt solche Zufälle.«

»Es gab zwei weitere Freunde«, sagte ich. »Genauer gesagt einen Freund und eine Freundin, Peter und Laura.«

Sie zog die Augenbrauen hoch. »Und die sind auch wieder aufgetaucht?«

»Nein.«

Ich gab dem Kellner ein Zeichen und bestellte noch zwei Kaffee. Ich überlegte, ob ich ihr die Geschichte erzählen sollte, entschied mich aber dagegen. Der Tag war zu schön.

»Oder sind sie tot?«, fragte sie.

Auf Andrés Namen war ich Anfang 2012 in einer Artikelsammlung über einen Fall von Kokainhandel gestoßen, in den möglicherweise »hohe Beamte und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens« als Abnehmer verwickelt waren. »Sieh mal an, André«, hörte ich mich sagen.

Am ersten Verhandlungstag setzte ich mich im Gerichtssaal auf einen der Presseplätze und wartete gespannt auf das Eintreten des Angeklagten. André hatte sich den Kopf kahl rasiert. Er sah beeindruckend aus, sein Anzug hatte mit Sicherheit mehr gekostet als meine gesamte Garderobe. Suchend glitt sein Blick über die Anwesenden. Ein kaum wahrnehmbares Nicken verriet, dass er mich erkannte. Ich glaube, schon bevor er mich sah, hatte er gewusst, dass ich da sein würde.

Nach einigen Wochen kam dann der Freispruch aus Mangel an Beweisen. André sah mich nun nicht mehr nur verstohlen an, er lächelte. Zweifellos hatte er meinen Blick richtig gedeutet: klug gespielt und gewonnen, gut gemacht, Junge.

Eine Woche später las ich einen Artikel über Professor Dr. Joost M. Walvoort und seine Forschungen zur Stringtheorie. Joost wurde als aussichtsreicher Kandidat für den Spinoza-Preis gehandelt. Zweieinhalb Millionen Euro für Forschungsvorhaben. »Eine hübsche Summe, mit der man als Forscher viel erreichen kann«, lautete sein Kommentar. Ich konnte mir genau vorstellen, wie er das gesagt hatte, entspannt und selbstgefällig zugleich, und was für ein Gesicht er dabei gemacht hatte.

Ich suchte seinen Namen auf der Website der Universität Leiden. »Prof. Dr. J. M. Walvoort (Joost)«, stand da, »Theoretical Physics«. Dem Foto nach zu urteilen, hatten die Jahre bei ihm keine allzu tiefen Spuren hinterlassen. Selbstsicher schaute er in die Kamera, mit diesem leisen Spott in den Augen.

Ich wählte die angegebene Nummer, und er nahm sofort ab.

»Hier ist Bart.«

»Ach Pol, du wieder«, sagte er, als würden wir zum vierten Mal an diesem Tag telefonieren. Wenn wir Rad fuhren, hatte Joost mich Pol genannt, er selbst war Tuur. Das klang nach flämischen Rennfahrer-Assen.

»Ich hab gedacht: Ich muss mich doch mal wieder bei Joost melden.«

»Sehr gut. Wie geht’s denn so? Kriegst du ihn noch hoch?«

Das ist das Schöne an alten Freundschaften. Nach gut einem Vierteljahrhundert, in dem man sich aus den Augen verloren hat, spricht man sich wieder, und der gelehrte Freund möchte als Erstes wissen, ob man noch einen hochkriegt.

»Na, und ob«, antwortete ich.

»Schön. Trinken wir mal wieder ein Bierchen?«

»Deshalb rufe ich an.«

»Fein. Sag, wann.«

Ich schlug ein Datum vor.

»In Ordnung. Bei dir in Amsterdam oder bei mir in Leiden? Oder wohnst du nicht mehr in Amsterdam? Alkmaar? Dann lieber Leiden. Huis De Bijlen, kennst du das? Acht Uhr. Dann essen wir erst eine Kleinigkeit. Fein!«

Er übernahm die Initiative und gleich auch die Regie, als hätte er mich angerufen oder wenigstens im Begriff gestanden, das zu tun.

»Gut«, sagte ich. »Schön, dass wir uns bald wiedersehen, Joost.« Auch bei mir nichts Neues. Sofort bereit, Joosts Führungsrolle zu akzeptieren.

»Okay. Wenn du willst, kannst du hier übernachten. Mehr als genug Platz.«

Er hatte immer noch diesen leichten Amsterdamer Akzent.

Ich sagte nicht, dass ich drei Tage vor unserer Verabredung mit André Rad fahren würde.

II

1970 gewann Eddy Merckx zum zweiten Mal die Tour de France. Ich war sechs, saß mit meinem Vater vor dem Fernseher und sah Merckx, das »Wunderkind«. »Der Kannibale«, sagte mein Vater. »So jung und schon so gut. Der wird alles gewinnen. An den reicht keiner ran.«

Ich zog den Lenker meines Fahrrads aus dem Lenkerschaft, baute ihn umgedreht wieder ein und fuhr eine Runde durch unseren Stadtteil. Dabei stellte ich mir vor, ich sei Merckx auf dem Tourmalet. Ich warf einen Blick über die Schulter: Niemand! Alle abgehängt. Vor dem Haus von Andrés Eltern hielt ich an.

André lag auf dem Sofa und las einen seiner Lieblingscomics über einen Fußballer mit Wunderschuhen.

»Dré, lass uns Radrennfahrer werden!«

»Häh?«

»Wir werden Radrennfahrer, wie Eddy Merckx. Du weißt doch, bei der Tour. Wir drehen deinen Lenker auch um.«

»Mein Vater ist schon Radrennfahrer. Hab keine Lust, auch Radrennfahrer zu werden. Ich werde Fußballer.«

Es war das erste Mal, dass einer von uns nicht sofort auf die Fantasie des anderen aufsprang.

»Schade.« Wenn André keine Lust auf Radrennen hatte, brauchte ich auch nicht damit anzufangen. »Schwimmbad?«

»Gut.«

Trotzdem war in jenem Sommer meine Begeisterung für den Radsport geweckt worden. Jahrelang sollte er mein Verlangen nach Helden befriedigen.

Der Wunsch, mich selbst aufs Rennrad zu setzen, kam erst viel später zurück. Das war, als ich Das Rennen von Tim Krabbé gelesen hatte. Ich war fünfzehn, verschlang Krabbés Roman und wusste sofort, was ich zu tun hatte. Natürlich wäre es besser gewesen, wenn ich mit sechs Jahren am Ball geblieben wäre, aber Merckx hatte auch erst spät angefangen.

Ich plünderte mein Sparbuch, lieh mir zusätzlich zweihundert Gulden von meiner Mutter und kaufte im Fahrradladen Van Spankeren ein Batavus. Joost und André schauten mich mitleidig an. Der Radrennsport galt damals noch als Betätigung für Dumpfbacken, die keinen verständlichen Satz ins Mikrofon sprechen konnten. Aber das war mir egal. Ich schloss mich einer Trainingsgruppe an, die jeden Sonntagmorgen vom Zaadmarkt zu einer Achtzig-Kilometer-Fahrt aufbrach. Als ich das erste Mal auftauchte, schauten die Jungs komisch, sprachen über meine unrasierten Beine und meine Fußballhose. Aber für dieses Mal sahen sie darüber hinweg.

Auf dem Rad machten sie mich fertig. Etwa zehn Kilometer konnte ich mithalten, dann hängten sie mich ab. Sie schauten sich nicht um, natürlich wussten sie, was hinter ihnen passierte. Es war ein Einweihungsritual. In der Woche danach fuhr ich an ein paar Abenden allein, in der Hoffnung, dass es am nächsten Sonntag besser klappen würde. Tatsächlich konnte ich in meiner neuen Rennhose etwas länger Anschluss halten, aber nicht sehr viel länger.

Am fünften Sonntag fuhren wir ins Montferland. Unterwegs erzählte Kees Nales von seiner Fahrt auf den Mont Ventoux. Den Mont Ventoux! Ich kannte den Berg aus Berichten über Tommy Simpson, den Jesus des Radrennsports, der auf dem Kahlen Berg für alle Dopingsünder gelitten hat und gestorben ist.

Kees Nales dagegen hatte den Aufstieg überlebt. Ich war tief beeindruckt, und während unsere Räder summend in Richtung Montferland rollten, fasste ich den Entschluss, selbst den Mont Ventoux zu bezwingen.

»Wie war das«, fragte ich, »auf dem Ventoux?«

»Schwer.«

»Hast du viel dafür trainiert?«

»Nö.«

Ich wusste damals noch nicht, dass Radrennfahrer immer behaupten, kaum trainiert zu haben. »Glaubst du, ich könnte das auch?«

Kees musterte meine noch immer nicht rasierten Beine. »Siehst nicht aus wie ’n Kletterer. Eher wie ’n Sprinter, würd ich sagen.«

Wir kamen nach Beek. Am Dorfrand begann ein längerer Anstieg, der Peeskesweg. Die Jungs gingen sofort in den Wiegetritt und sprinteten aufwärts. Nur Kees Nales warf noch einen Blick zurück, um zu sehen, ob ich vielleicht doch ein Kletterer war. Aber ich wusste schon nach hundert Metern Bescheid. Alle Kraft schien meine Beine verlassen zu haben.

»Verdammte Scheiße, wieso kann ich nicht klettern«, rief ich als eine Art Anklage gegen den Schöpfer. Niemand hörte es.

Oben warteten die anderen. Sie schauten mich mitleidig an. Konnte nicht klettern, die arme Sau.

»Hab ich mir gedacht«, verkündete Kees Nales. »Zu schwer und keine Klettermuskeln.«

Anschließend fuhren wir den Eltenberg hinauf, über die grüne Grenze zu Deutschland. Dieser Anstieg war noch ein bisschen steiler und länger als der Peeskesweg. Als ich oben ankam, warteten sie nicht einmal mehr auf mich. Ich beschloss, von nun an allein zu fahren. Einmal versuchte ich noch, André auf die alte Rennmaschine seines Vaters zu locken, aber ohne Erfolg.

Der Radrennsport lebt von der Einbildungskraft. Allein war ich das große Talent, und meine unrasierten Beine störten niemanden. Andere fuhren mich und meine Fantasien zuschanden.

Meinen fünfundvierzigsten Geburtstag feierte ich allein, weil ich seit ein paar Monaten geschieden war. Am ersten Tag, nachdem die Scheidung durch war, hatte ich mir ein Pinarello Angliru gekauft, ein blaues mit roten und grauen Farbakzenten. Zum Trost, redete ich mir ein, aber eigentlich war es eher zur Belohnung.

Und auf einmal spukte mir der Ventoux wieder durch den Kopf.

III

Als wir Joost zum ersten Mal reden hörten, gleich nachdem er unser Vorschulklassenzimmer betreten hatte, mussten wir lachen. Über seinen Akzent. Das war 1969, Oktober oder November wahrscheinlich, denn wir bastelten Püppchen aus Kastanien und Streichhölzern.

Fräulein Hospes stellte ihn vor. »Das ist Joost«, sagte sie, mit dem schönen langen o, wie man es im Achterhoek spricht.

»Das ist aber eine kleine Klasse«, meinte Joost. »In Amsterdam sind die Klassen viel größer. Wir haben auch ein Aquarium. Und unsere Lehrerin heißt Prins.«

»Joosts Vater ist Arzt«, erklärte Fräulein Hospes. Joost nickte. »Früher hatte Joosts Vater eine Praxis in Amsterdam, und jetzt hier bei uns. Vielleicht lernt ihr Joosts Vater ja einmal kennen, wenn ihr krank seid.«

»Ja, oder wenn ihr sterbt.« Joost lachte laut über seinen eigenen Scherz, aber wir erschraken. Cora Berg fing an zu weinen.

»Sag nicht solche schlimmen Sachen, Joost«, ermahnte ihn Fräulein Hospes.

»Und meine Mutter spielt Saxophon.« Niemand wusste, was ein Saxophon war.

»Ach, das ist aber schön. Dann erzähl mal deinen neuen Klassenkameraden, was für hübsche Lieder sie spielt.«

»Keine Lieder. Mama spielt Jazz.«

»Aha«, sagte Fräulein Hospes, die auch eher Kirchenlieder kannte.

»Sie hat Platten von Tschallie Parker, und dann spielt sie mit. Das macht Papa verrückt. ›Wann ist mal Schluss mit diesem Gemuhe‹, schreit er, ›das ist ja wie im Kuhstall!‹ Und dann wird meine Mutter wütend und ruft: ›Du blöder Sack!‹« Joost schien das sehr witzig zu finden, er prustete los.

»Hast du auch Geschwister?«, fragte Fräulein Hospes, deren Wangen plötzlich gerötet waren.

»Ich habe zwei Schwestern, die eine heißt Louise und die andere Sandra. Louise ist sieben, Sandra auch. Sie sind Zwillinge. Ich kann sie nicht auseinanderhalten, so ähnlich sind sie sich. Aber ich finde Sandra netter als Louise.«

»Gut, Joost«, sagte Fräulein Hospes, »dann setz dich mal neben Bart. Das ist der Junge mit dem roten Pullover. Siehst du ihn?«

»Ja, der sieht aus wie eine Erdbeere.«

Er kam zu mir und sagte, wir sollten zum Knetkasten gehen. Die anderen Kinder beachtete er kaum. Ich gab André, der mir am Tisch gegenübersaß, ein Zeichen. »Wir gehen zum Knetkasten, komm mit.«

»Das ist Knete«, sagte Joost am Knetkasten wie ein Kommentator im Fernsehen. »Wenn ich ein Stück Knete nehme, kann ich etwas daraus machen. Zum Beispiel ein Männchen. Aber wenn ich das Männchen dann hinwerfe und draufhaue, wird es wieder Knete.« Er sagte es, als würde er selbst gerade etwas Neues erfahren und wäre verwundert über das, was er hörte. André starrte ihn mit offenem Mund an.

Nach einem Tag waren wir unzertrennlich, Andréjoostundbart.

IV

André wohnte jetzt in einem Apartmentkomplex in Rotterdam-Süd. Ich parkte meinen Wagen am Maas-Ufer, überquerte die Straße und ging zu der großen gläsernen Eingangstür. Ich suchte Nummer 85 und klingelte. Über einen befreundeten Anwalt hatte ich seine Adresse herausbekommen und ihm eine Ansichtskarte geschickt. Darauf stand, dass ich am 16. März um elf Uhr kommen würde und dass er mir Bescheid geben sollte, wenn es nicht passte. Ich bekam eine Mail. »Bring dein Rad mit«, schrieb er. »Siehst topfit aus.«

»Bartje!«, rief eine bekannte Stimme. »Gut, dass du da bist, Mann! Unverändert! Nicht rasiert heute Morgen, wie ich sehe.« Ein Summton ertönte. »Die Tür ist offen. Komm schnell rauf. Vierter Stock. Hast du dein Rad dabei?«

Ich antwortete nicht, drückte die Tür auf und ging zum Aufzug.

Von meinen alten Freunden bedeutet mir André am meisten. Vielleicht sollte ich besser sagen: Die Erinnerungen an André bedeuten mir am meisten. Unsere Freundschaft ist älter als wir selbst. Unsere Mütter waren Freundinnen, weil auch unsere Omas Freundinnen gewesen waren. Wir waren schon Kumpel, als unsere Mütter sich mit ihren dicken Bäuchen am Tisch gegenübersaßen. Nachdem wir auf die Welt gekommen waren, mit einer Woche Abstand, wurden wir unzertrennlich.

Ich habe ein Foto, auf dem wir zusammen im Laufstall sitzen, zwei anderthalbjährige Jungen in den gleichen rosa Pluderhosen und den gleichen weißen Pullovern. »November 1965, Bart und Dré«, hat meine Mutter auf die Rückseite geschrieben. Wir stapeln Bauklötze, ich mit der linken, André mit der rechten Hand. Den freien Arm haben wir dem anderen um den Leib gelegt. »So konntet ihr stundenlang dasitzen«, sagte meine Mutter.

Ich glaube, dass Freundschaft mehr auf gemeinsamen Erlebnissen als auf Sympathie oder Anziehungskraft beruht. Mit André zusammen habe ich mehr erlebt als mit jedem anderen Menschen.

Er umarmte mich wie ein Russe, lange und fest, küsste mich auf beide Wangen und strahlte mich an. Er war wirklich gerührt, was aber vermutlich außer mir niemand auf der Welt hätte wahrnehmen können.

»Bartje, Mann, ich bin so froh, dich wiederzusehen.«

»Bin auch froh, Dré.«

»Kaffee? Cappuccino?«

»Gern.«

Das riesige Wohnzimmer war weiß. Weiße Wände, weiße Fliesen auf dem Boden, weiße Decke. In der Mitte stand ein schwarzer Gispen-Tisch mit sechs Jacobsen-Stühlen, vor dem Fenster, mit Aussicht auf die Maas, ein geräumiges Sofa. An der Wand hing ein Flachbildfernseher im Kinoleinwandformat. Hohe Lautsprecherboxen füllten zwei der Ecken. Ansonsten war das Zimmer leer.

Andrés Vater war Hausmeister am Baudartius-Kolleg gewesen, unserer Sekundarschule in Zutphen, und ein bekannter, enorm sprintstarker Radamateur. Bei André zu Hause war das Wohnzimmer mit Schirmlampen, Vasen und anderem Krempel vollgestellt, den der alte Gerrit bei den Kriterien im Osten des Landes gewonnen hatte. Vielleicht erklärte das Andrés sparsame Einrichtung.

Es war eine selbstverständliche Leere, die nicht danach schrie, gefüllt zu werden. Und in dieser Leere stand ein Fahrrad, eine fantastische Rennmaschine. Ich betrachtete sie aus jedem möglichen Winkel, berührte das Oberrohr, streichelte den Sattel. Er war erdbraun wie das Lenkerband und die Streifen auf den Reifenflanken. Der Rahmen war weiß. Auf Unterrohr, Steuer- und Sitzrohr schien Blattgold angebracht zu sein.

»Wow«, sagte ich. André lächelte zufrieden, als er mit zwei Tassen auf einem Tablett ins Zimmer zurückkehrte.

»Hör mal gerade.« Er nahm eine Fernbedienung vom Tisch und drückte auf eine Taste. Ich hörte eine Gitarre, kurz darauf ein paar Streicher. Und dann Nick Drake: »When the day is done, down to earth then sinks the sun …«

André sang mit, ein wenig heiser. »When the night is cold, some get by but some get old …«

Er stellte die Musik leiser und schaute mich fragend an.

»Five Leaves Left

Er nickte fröhlich. »Sjaaks erste LP, ich glaube, von 1970.« Sjaak war sein älterer Bruder.

»Wenn er weg war, habe ich immer dieses Lied gespielt, weißt du noch? Eigentlich durfte ich seinen Plattenspieler nicht anfassen. Auf der Platte waren lauter Kratzer, wo ich die Nadel aufgesetzt hatte, kurz vor ›Day is Done‹. Wir waren ja noch ziemlich klein. Für mich war es das schönste Lied, das ich je gehört hatte. Ist es im Grunde heute noch. Die Gitarre am Anfang. Oder die Streicher. Worum es im Text ging, wusste ich nicht. Jetzt schon.«

Mir war nicht klar, worauf er hinauswollte. »Ein fantastisches Rad, Dré. Ganz was anderes als das alte Raleigh von deinem Vater.«

Er lächelte geheimnisvoll. »Pegoretti, handgemacht. Dario Pegoretti heißt der Mann. Bin extra nach Caldonazzo gefahren, wo er wohnt. In seiner Werkstatt läuft nur Jazz. Und in seinen Rädern steckt Liebe, Junge, ganz viel Liebe, so was hab ich noch nie gesehen. Stundenlang hätte ich ihm zuschauen können, ich wollte gar nicht mehr weg.« Jetzt schallte »Day is Done« in einer Jazzfassung durchs Zimmer. »Pegoretti ist ein Jazzfreak. Ich steh da und seh ihm bei der Arbeit zu, und er lässt das hier laufen, eine Version von Brad Mehldau.« Ich verstand immer noch nichts.

Er legte die Hand auf den Sattel. »Dieses Modell ist das Pegoretti ›Day is Done‹.« Er schwieg und schaute aus dem Fenster. »Begreifst du, was Zufall ist, Bartje?«

»Zufall gibt es nicht. Wir nennen Ereignisse Zufall, wenn wir keine bessere Erklärung für sie finden. Dass du eine italienische Fahrradmanufaktur besuchst und der Besitzer eins seiner Räder nach einem Lied benennt, von dem du vor vierzig Jahren nicht genug kriegen konntest, das sieht nur aus wie Zufall, weil wir nicht verstehen, wie es möglich ist. Weil wir panische Angst davor haben, vielleicht festzustellen, dass es gar kein Zufall ist.«

»Du hast dich kein bisschen verändert, Bartje, auf alles eine Antwort. Also ist es auch kein Zufall, dass du hier bist. Es war kein Zufall, dass du mit deinem Notizblock im Gerichtssaal gesessen hast.« Er machte ein ernstes Gesicht.

»Das war kühle Berechnung. Ich dachte, ich muss mich doch mal wieder bei Dré melden. Wo könnte er stecken, mal sehen. Ah, er steht vor Gericht.«

»Tja, sie konnten mir nichts anhaben. Keine Chance. Stümper.«

»Ich weiß nicht.«

»Was soll’s. Das müssen wir nicht weiter erörtern. Wie hast du es so schön formuliert: ›André T., mutmaßlicher Händler der Ekstase und des Vergessens.‹ So ist es. Besser gesagt, so war es. Ich werde was anderes machen. Wichtigeres. Für mich Wichtigeres.«

Ich sah ihm an, dass er über seine neuen Aktivitäten nicht mehr sagen wollte. Nicht jetzt jedenfalls.

»Bartje, alter Wichser. Es kommt mir so vor, als wärst du erst gestern hier gewesen, mit deinem lahmen Puch-Moped. Haha.«

»Konnte mich nie mit Kreidlers anfreunden. Bis heute nicht.«

Wieder schaute er mich ernst an. »Tut mir leid«, sagte er dann. »All die Jahre des Schweigens. Ich hätte mich mal melden müssen. Wenigstens auf die Geburtsanzeige deiner Tochter antworten.«

»Du hattest bestimmt viel um die Ohren.«

»Ziemlich.«

»Ist keine Entschuldigung, du Mistkerl.«

»Nein.«

»Sie wird demnächst einundzwanzig.«

»Ja. Trotzdem noch herzlichen Glückwunsch zu der Kleinen.«

»Danke.«

»Hast du ein Foto bei dir? Bin neugierig, was du so zustande gebracht hast.«

Es habe sich so ergeben, sagte er kurz danach. »Die Leute wollen immer wissen, wie es so weit kommen konnte. Wie man auf Abwege gerät. Ganz einfach: in kleinen Schritten. Man merkt kaum, dass man unwiderruflich eine bestimmte Richtung einschlägt. Genau wie Leute, die ihr Leben lang denselben Bürojob haben. Wie passiert denen das?«

»Ich glaube, es war schon passiert, als ich geheiratet habe. Du hattest damals einen Porsche. Und diese Mandy.«

»Stimmt. Das mit Mandy ist übrigens nichts geworden.«

»Und, was hast du dir so gedacht?«

»Man sagt sich: Es ist leicht verdientes Geld, und ich habe offensichtlich Talent für dieses Geschäft. Warum soll ich nicht weitermachen.«

»Keine Skrupel?«

»Skrupel sind wie Muskelschmerzen. Die massiert man weg.«

Er machte eine Handbewegung, die sagte: genug von diesem Thema. Dann nahm er meinen Arm. »Ich bin froh, dich wiederzusehen, Bartje, wirklich froh. Hier, schau mal.« Er führte mich zu einem Bild, das aus Dutzenden auf den ersten Blick völlig gleicher Fotos von einem Bahnfahrer kurz vor der Ziellinie bestand. Bei genauerem Hinsehen stellte man fest, dass jedes Foto ein klein wenig anders war.

Stundenweltrekord Tony Rominger, Bordeaux, 5.11.1994 stand darunter. »Tom Koster«, erklärte André, »Grafiker, sehr sympathischer Kerl. Vor vier Jahren gestorben. Ich hab ihm regelmäßig was abgekauft. Hat immer Sport getrieben, Leichtathletik, Radsport, Eisschnelllauf. Eines Tages merkt er: Ich komme nicht mehr von der Stelle. Was ist los? Der Arzt sagt: Tom, mein Freund, du hast Lungenkrebs. Nichts mehr zu machen. Hat noch elf Monate gelebt. Verkauft all seine Bilder, um die Beerdigung bezahlen zu können, und das war’s. Dabei hatte er sich noch ein neues Rennrad gekauft. Schade. Hat sich immer mit Zeit auseinandergesetzt, und auf einmal war die Zeit um.«

Ich betrachtete die Fotos und suchte nach den Unterschieden.

»Stillstand ist Bewegung«, fuhr André fort. »Bewegung ist Stillstand. Alle geben wir unser Bestes, versuchen unseren eigenen Stundenweltrekord zu verbessern, und was haben wir davon?« Er zuckte mit den Schultern.

»Romingers Stundenweltrekord ist annulliert worden«, sagte ich. »Wegen seines Spezialrads, glaube ich. Oder weil es die Epo-Zeit war. So oder so, alles umsonst.«

»Das Schönste, was von ihm bleibt, ist dieses Werk«, antwortete André, »nur kennt Rominger es nicht. Ich sollte ihn mal anrufen und ihm davon erzählen. Vielleicht wär das ein Trost für ihn.«

Hinter uns betrat jemand das Zimmer. Als ich mich umdrehte, zweifelte ich an meinem Verstand. Sie gab mir die Hand und stellte sich vor, aber ich brachte kein Wort heraus.

»Das ist Bart«, sagte André. Er tat, als bemerke er meine Verblüffung nicht. »Ich hab dir von ihm erzählt. Bart Hoffman, verwandt mit Dustin.«

»Bart!«, sagte die Frau zu mir. »André hat oft von dir gesprochen. Schön, dich endlich kennenzulernen.« Sie hatte einen englischen Akzent.

»Ludmilla«, erklärte André. »Tolstoj. Du siehst hier die Gene des Autors von Krieg und Frieden

»Hör auf, André«, erwiderte Ludmilla.

Ich war immer noch sprachlos. Laura. André hatte sie wiedergefunden, in Russland, in England, in Rotterdam oder Gott weiß wo. Vielleicht hatte er sie ja von einem plastischen Chirurgen nachmachen lassen, einem seiner Koks-Kunden.

Laura im Alter von dreißig, fünfunddreißig. Genau die gleiche Art, das Haar zurückzustreichen, genau der gleiche Blick, irgendetwas zwischen Verlegenheit und Herausforderung.

Ludmilla wollte noch kurz in die Stadt. »Bis nachher. Ich nehme an, du bleibst zum Essen.«

»Richtig«, sagte André, als sie hinausgegangen war. »Ich hab auch erst gedacht, ich hätte eine Vision. Aber es war Wirklichkeit. Wer nicht suchet, der findet. Wer sucht, zieht die Arschkarte.«

Ich holte mein Pinarello aus dem Auto und baute das Vorderrad ein. André wartete auf seinem Pegoretti, einen Fuß auf dem Boden. Er trug ein rot-schwarzes Trikot vom Team Amore & Vita, auf der Brust das McDonald’s-M.

Ich drückte auf meinem Fahrradcomputer herum, bis ich den Tageskilometerstand auf null gestellt hatte, und stieg auf. Wir mussten auf die andere Seite der Maas, weil wir Andrés Trainingsrunde fahren wollten, seine »Rotte-Runde«.

»Du wirst vom Papst gesponsert«, sagte ich.

»Ja. Ich verbreite die frohe Botschaft. Keine Abtreibung, keine Sterbehilfe, nur Liebe und Hamburger. Geschenk von Ludmilla. Meiner kleinen Moralistin.«

Nach einem Kilometer erreichten wir die Erasmusbrücke. »Die Rampe ist mein Berg«, verkündete André. »Wenn ich Lust habe, sprinte ich zehnmal rauf und runter. Mit dem großen Kettenblatt, gut für die Kondition.«

»Klingt nach ernsthaftem Training.«

»Ich lebe wie ein Mönch. Kein Alkohol, kein Nikotin, keine Drogen. Jeden Tag eine Stunde Kopfstand. Yoga. Ruhe, Reinheit, Regelmäßigkeit, die drei R, das ist mein neues Motto. Und viel Rad fahren, damit der Kopf frei wird. Im Nachhinein finde ich es schade, dass ich damals nicht gewollt habe.«

»Wann, was?«

»Als du mich gefragt hast, ob wir Radrennfahrer werden sollten, weißt du nicht mehr? Ich lag bei uns zu Hause mit einem Comic auf dem Sofa. Vielleicht wär ich ja doch ein erfolgreicher Fahrer geworden. Ich hatte die richtigen Gene. Und die nötige Gemeinheit.«

Er ging aus dem Sattel und zog an. Ich schaute auf die Maas. Schönes Ausreißerduo, vorn ein Koksdealer, an seinem Hinterrad ein Gerichtsreporter. Wir fuhren durch die Stadt bis zur Rotte und dann am Flüsschen entlang weiter nach Nordosten.

Ich fragte, wann er zum ersten Mal mit dem Rennrad gefahren sei.

»Vor einem Jahr. Mit dem Raleigh von meinem Alten. Ist sozusagen ein Erbstück. Ich hab es aufmöbeln lassen und bin bis letzten Monat darauf gefahren. Mit meinem toten Vater, so fühlte es sich an. Lange Gespräche. Gute Gespräche. Hielt natürlich gar nichts von meinem Broterwerb, der gute Gerrit. Erzähl ich dir später mal.« Er schwieg einen Moment. »Sein Rad ist verhext.«

»Das kenne ich. Manchmal glaube ich, jeder Rennfahrer, dem man begegnet, fährt in einem unsichtbaren Peloton.«

»Zuletzt hatte ich das Gefühl, dass wir mehr oder weniger fertig waren, dass ich ihm eigentlich alles gesagt hatte. Da dachte ich: Zeit für was Neues. Das Raleigh ist Baujahr 1977, also alt genug. Und der Gedanke, gerade auf diesem Rad zu fahren, hatte auch ein bisschen was Unheimliches. Eigentlich doch kein Wunder, oder?«

»Nein. Ich würde keinen Meter damit fahren wollen.«

Wir kamen zu einer weißen Ziehbrücke, überquerten die Rotte und fuhren am anderen Ufer zurück in die Stadt. In der Crooswijksebocht fuhr André einen Moment neben mir und legte mir die Hand auf die Schulter. Dann ging er aus dem Sattel und machte einen kurzen Schlusssprint. Ein gutes Stück vor mir richtete er sich auf und riss die Arme hoch.

Ich freute mich mit ihm.

In meinen Radsportschuhen klapperte ich ins Wohnzimmer. André reichte mir ein Handtuch und zeigte mir, wo das Badezimmer war. Der Boden war mit schwarzem Marmor gefliest, die Wände dunkelrot gekachelt. Als ich mir die hieroglyphenartigen Motive auf den Kacheln genauer ansah, erkannte ich alte Ägypter auf Rennrädern.

Ludmilla Laura hatte eine russische Spezialität zubereitet, ein Gericht mit Gehacktem und Kohl. Wir aßen schweigend.

»Was hast du gedacht, als du mich im Gerichtssaal gesehen hast?«, fragte André. »So eine Schweinebacke?«

»Über dieses Stadium bin ich hinaus.«

»Hättest aber recht gehabt. Ich war eine Schweinebacke. Und ich hatte Spaß daran.«

»Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen.«

Er lächelte und füllte sich noch einmal nach.

»Täusch dich nicht, ich war ein gerissener Händler.« Er sagte »Händler«, nicht »Dealer«. »Wie oft hab ich erlebt, dass Politiker vor der Kamera einen auf tugendhaft machten, nachdem sie erst am Vortag ihren Schnee-Vorrat bei mir aufgefüllt hatten. Oder bekannte Fernsehleute, Unternehmer, Banker. Ach, Bartje, dir brauche ich doch nicht zu erklären, wie der Hase läuft, du bist Journalist. Was glaubst du, warum ich damit durchgekommen bin?«

Ich sagte nichts.

»Genau. Wissen ist Macht, hat dein Vater früher immer gesagt, damit lag er goldrichtig. Und zu wissen, an wen man sich im Notfall wenden kann, ist noch mehr Macht.«

»Und jetzt?«

»Jetzt ist Schluss. Die Zeitungen haben über meinen Fall berichtet, ich bin sozusagen verbrannt. Ich könnte jetzt nur noch als gewöhnlicher Händler arbeiten, und das will ich nicht. Das ist mir wirklich zu gewöhnlich. Hab ich übrigens auch nicht mehr nötig. Im Grunde bin ich froh, dass dieses Kapitel abgeschlossen ist.«

»Was hast du stattdessen vor?«

»Vielleicht was mit Oldtimern. Alte Peugeots und Citroëns. Vier hab ich schon in einer Halle am Stadtrand untergebracht. Zum Rumbasteln. Und Reinsetzen. In Autos riecht man die Vergangenheit, wusstest du das? Ich hab eine DS von 1968, und ich schwör dir, sie riecht wie unser Vorschulklassenzimmer.«

»Toll.«

»Und ich lese Bücher über mittelalterliche Dichtung und Philosophie. Gehe auch zu Versteigerungen von Wiegendrucken. Du weißt, was Wiegendrucke sind, oder? Du erinnerst dich doch an die Bibliothek der Walburgiskirche, an diese dicken Schwarten, die mit Ketten gesichert waren? Da sind wir mit der Klasse jedes Jahr einmal hingegangen. Ich fand die damals schon wahnsinnig interessant.«

»Red keinen Blödsinn. Du hast immer nur an den Ketten gezogen. Hat die Bibliothekare fast verrückt gemacht.«

Er lachte. »Musste halt den starken Mann spielen. Komm mit.« In seinem Arbeitszimmer standen ein antiker englischer Schreibtisch und an drei Wänden Bücherregale, schon ziemlich gut gefüllt. An der vierten hing ein großes Foto, auf dem wir zu sechst auf dem Mont Ventoux standen. Er stellte sich davor und zeigte auf Peter. »Er ist schon dem Tod geweiht, aber er weiß es noch nicht. Kennst du noch diese persische Geschichte vom Gärtner und dem Tod? ›Dass morgens noch auf dem Ventoux stehn kann, den ich abends holen soll in Isfahan‹.«

»Carpentras.«

»Reimt sich nicht.«

Ich berührte mit dem Finger Peters Gesicht.