Jenseits unserer Haut
Körper als umkämpfter Ort im Kapitalismus
aus dem amerikanischen Englisch
von Margarita Ruppel
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Silvia Federici
Jenseits unserer Haut
1. Auflage, März 2020
eBook UNRAST Verlag, März 2021
ISBN 978-3-95405-080-2
Titel der Originalausgabe:
Beyond the Periphery of the Skin:
Rethinking, Remaking, and Reclaiming the Body in Contemporary Capitalism
© 2020 PM Press
© Titelbild: Silvia Federici
© UNRAST-Verlag, Münster 2020
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Umschlag: David Hellgermann, Münster
Satz: Andreas Hollender, Köln
Danksagung
Einführung
Teil Eins
Eins: Erste Vorlesung
Körper, Kapitalismus und die Reproduktion der Arbeitskraft
Zwei: Zweite Vorlesung
›Körperpolitik‹ in der feministischen Revolte
Drei: Dritte Vorlesung
Der Körper in der heutigen Krise der Reproduktion
Teil Zwei
Vier: Körper, Gender und Performanz
Fünf: Umgestaltung unseres Körpers, Umgestaltung der Welt?
Sechs: Leihmutterschaft – ein Geschenk des Lebens oder verwehrtes Mutterglück?
Teil Drei
Sieben: Durch Philosophie, Psychologie und Terror – die Umwandlung des Körpers in Arbeitskraft
Acht: Ursprünge und Entwicklung der Sexarbeit in den USA und Großbritannien
Neun: Mormon*innen im All?
Teil Vier
Zehn: Gepriesen sei der tanzende Körper
Nachwort: Über freudvollen Aktivismus
Quellen
Anmerkungen
Teil Eins
Teil Zwei
Teil Drei
Teil Vier
Die Entstehung von Jenseits unserer Haut ist einer Einladung zu verdanken, die ich 2015 von der Fakultät für Anthropologie und sozialen Wandel des California Institute of Integral Studies erhielt. Ich sollte drei Vorlesungen zum Thema Körper halten, die anschließend von PM Press veröffentlicht werden sollten. Damit bot sich mir nicht nur die Möglichkeit, zentrale Motive meiner Arbeiten zu überdenken, sondern in einem Band alle bisherigen Artikel zu diesem Thema zusammenzufassen. Mein erster Dank gebührt also dem Leiter der Fakultät für Anthropologie und sozialen Wandel, Andrej Grubačić, sowie PM Press.
Ich möchte auch den Gründerinnen der »Free Home University« danken, die an einem Workshop über den Körper und die gesellschaftliche Reproduktion vom 11. bis zum 16. Juni 2019 in meiner Heimatstadt Parma, Italien, teilnahmen und mit denen ich die Artikel las und diskutierte, die in diesem Buch den ersten Teil bilden. Ich danke vor allem Gaia Alberti, Sarah Amsler, Edith Bendicente, Carla Bottiroli Greil, Claire Doyon, Daria Filardo, Jesal Kapadia, Aglaya Oleynikova, Alessandra Pomarico, Teresa Roversi, Begonia Santa Cecilia sowie dem »Art-Lab«-Gemeinschaftszentrum in Parma, das unseren Workshop großzügig beherbergte.
Mein Dank gilt auch Jesse Jones, Tessa Giblin, Rachel Anderson und Cis Boyle für ihre Freundschaft, Unterstützung und die gemeinsame Zeit, die wir mit Diskussionen über Körperpolitik und der Gestaltung von Sheela-na-Gigs verbrachten. Danke dir, Jesse, für Tremble Tremble (2017), worin der mütterliche Körper in eine neue politische Betrachtungsweise gerückt wird.
Ein besonderer Dank gilt Camille Barbagallo, die das vorliegende Werk lektoriert hat, sowie den Publikationen, in denen einige der Artikel in diesem Band bereits zuvor erschienen sind.
Anerkennend erwähnen möchte ich den Beitrag zu meiner Arbeit durch Feminist Research on Violence, der New Yorker Frauengruppe, mit der ich konspiriere, um die Welt zu verändern, und die gleichnamige Webseite betreibe (http://feministresearchonviolence.org). Danke für das Wissen, die Zuneigung und den Enthusiasmus, die wir bei unseren Treffen teilen und die meinen Schreibprozess aufrechterhalten und inspirieren.
Schließlich gebührt Dank den Herausgeber*innen der Bücher und Magazine, in denen einige der hier gesammelten Artikel erstmals erschienen.
»Durch Philosophie und Terror: Die Umwandlung des Körpers in Arbeitskraft« wurde ursprünglich veröffentlicht in Athanasios Marvakis et al., Hg., Doing Psychology under New Conditions (Concord, Ontario: Captus Press), S. 2–10.
»Mormon*innen im All?« ist eine Neuauflage des Artikels, den ich zusammen mit George Caffentzis in Midnight Notes 2 veröffentlichte, Nr. 1 (1982), S. 3–12.
»Gepriesen sei der tanzende Körper« erschien zuvor in Gods and Radicals, Hg., A Beautiful Resistance Nr. 1 (22. August 2016), S. 83–86.
»Über freudvolle Militanz« ist ein bearbeiteter Auszug aus einem Interview mit dem Titel »Feeling Powers Growing«, der veröffentlicht wurde in Joyful Militancy: Building Thriving Resistance in Toxic Times, Hg. Nick Montgomery und carla bergman (Chico, CA: AK Press, 2018).
Jenseits unserer Haut sollte ursprünglich zur Beantwortung der Fragen dienen, die im Rahmen meiner drei Vorlesungen im Winter 2015 am California Institute of Integral Studies über die Bedeutung des Körpers und der Körperpolitik in der feministischen Bewegung der 1970er-Jahre und in meinen eigenen theoretischen Arbeiten entstanden waren. Diese Vorlesungen verfolgten unterschiedliche Ziele: den Beitrag hervorzuheben, den der Feminismus der 1970er zur Theorie des Körpers geleistet hat und der von neueren Generationen von Feminist*innen hochgradig unterschätzt wird; gleichzeitig die Einsicht zu betonen, dass es versäumt wurde, Strategien zu entwickeln, die die materiellen Lebensbedingungen von Frauen signifikant verändern könnten; und des Weiteren, den theoretischen Rahmen zu präsentieren, den ich in Caliban und die Hexe entwickelt habe, um die Ursprünge der Ausbeutungsformen zu untersuchen, denen Frauen in der Geschichte der kapitalistischen Gesellschaft unterworfen wurden.
In diesem Sinne sollte meine Präsentation der Auseinandersetzung mit den Lehren der Vergangenheit dienen. Die Diskussionen im Anschluss an die Vorlesungen warfen jedoch Fragen auf, die über den ursprünglichen Rahmen hinausgingen, was mich zu dem Entschluss brachte, den Horizont meiner Vorlesungen und dieses Buchs zu erweitern. Vier Fragen spielen in diesem Band die Hauptrolle. Erstens: Ist ›Frau‹ noch immer eine notwendige Kategorie für feministische Politik angesichts der unterschiedlichen Lebensgeschichten und Erfahrungen, die sich hinter diesem Etikett verbergen, oder sollten wir sie lieber verwerfen, wie Butler und andere poststrukturalistische Theoretiker*innen vorschlagen? Allgemeiner ausgedrückt, sollten wir jegliche politische Identität automatisch als fiktiv abtun und Einheiten vorziehen, die auf rein oppositionellen Grundlagen basieren? Wie sollen wir die neuen Reproduktionstechnologien einordnen, die uns versprechen, unsere physische Erscheinung zu restrukturieren und unsere Körper unseren Wünschen entsprechend umzugestalten? Geben uns diese Technologien mehr Kontrolle über unsere Körper oder verwandeln sie sie in Versuchsobjekte und Quellen des Profits für den kapitalistischen Markt und den medizinischen Sektor?
Mit Ausnahme von Teil Eins dreht sich das Buch um diese Fragen, wobei Teil Eins als Vorbereitung dient, da ich darin demonstrieren möchte, dass die feministische Bewegung der 1970er in erster Linie anhand ihrer Strategien und nicht ihres Gender-Standpunktes bewertet werden sollte. In diesem Sinne unterscheidet sich meine Sichtweise deutlich von der der Performanztheoretiker*innen, die die Frauenbefreiungsbewegung der 1970er eher für ihre vermeintliche Identitätspolitik als für ihre tatsächlich verfolgten politischen Strategien kritisieren.
In den 1990ern – zu Zeiten einer großen Krise des Feminismus aufgrund der Auswirkungen einer institutionellen Übernahme, des Eintritts von Frauen in männlich dominierte Berufe und einer wirtschaftlichen Umstrukturierung, die eine genderfluidere Arbeiterschaft erforderte – entwickelten sich poststrukturalistische Theorien, die postulierten, dass Körper und Gender die Produkte diskursiver Praxis und Performanz sind. Zweifellos besaßen sie damals – und für manche noch heute – ihren Reiz. Wenn ›Frau‹ jedoch als analytische/politische Kategorie abgeschafft wird, dann auch entsprechend der ›Feminismus‹, denn es fällt schwer, sich eine oppositionelle Bewegung ohne gemeinsam erlittene Ungerechtigkeit als Grundlage vorzustellen. Tatsächlich haben sowohl Arbeitgeber*innen sowie Gerichte nur allzu gern ihren Vorteil daraus gezogen, dass sich Feminist*innen auf die nicht reduzierbare Diversität unter Frauen beriefen, indem Sammelklagen wegen Diskriminierung von Arbeiterinnen (beispielsweise bei Walmart) als solche abgewiesen wurden und die Arbeiterinnen stattdessen gezwungen wurden, jeweils einzeln vor Gericht zu ziehen.[1] Wichtiger noch – wir können doch sicherlich Erfahrungen wie die Mutterschaft, Kindererziehung und soziale Unterordnung gegenüber Männern als gemeinsames Terrain des sozialen Kampfes der Frauen betrachten, selbst wenn sich daraus gegensätzliche Strategien entwickeln? Sind etwa alternative Identitäten wie ›homosexuell‹, ›trans‹ und ›queer‹ in geringerem Maße Fragmentierungen auf Grundlage von Klasse, ›Rasse‹[2], Herkunft und Alter ausgesetzt?
Ich schreibe diese Worte, nachdem ich die erstaunlichen Bilder aus den Straßen von Buenos Aires und anderen Teilen Argentiniens gesehen habe, wo sich seit Jahren Hunderttausende Frauen versammeln, trotz ihrer Unterschiedlichkeit und manchmal auch Uneinigkeit, um zu kämpfen – gegen Gewalt gegen Frauen, gegen die Verschuldung von Frauen und für das Recht auf Abtreibung – und um kollektive Entscheidungen zu treffen, die verändern, was es heißt, eine Frau zu sein. Was wären solche Kämpfe ohne die Anerkennung der ›Frau‹ als politisches Subjekt, als Identität, die natürlich umstritten ist, aber auch stetig neu definiert wird, was eine wichtige Rolle beim Aufbau einer Vision von der Welt, die wir erschaffen wollen, spielt?
Diese Argumentation entwickle ich im zweiten Teil des Buchs, wo ich meinen Standpunkt darlege, dass die Verleugnung jeglicher sozialen, politischen Identifikation die sichere Niederlage bedeutet. Dies bedeutet eine Verleugnung der Solidarität unter den Lebenden sowie mit den Toten und setzt in Wahrheit die Vorstellung von Menschen ohne Vergangenheit voraus. Ein weiterer ernüchternder Gedanke ist, dass jedes allgemeingültige Konzept einmal unter großen Differenzen entstanden ist. Wie können wir entschlossener von Liebe, Bildung und Tod sprechen als von Frauen, Männern und Trans, wenn wir Diversität als Ausschlusskriterium annehmen? Wir wissen zum Beispiel, dass die Liebe im antiken Griechenland oder Rom eine ganz andere Form hatte als die Liebe im Europa oder den USA des 20. Jahrhunderts oder Liebe in einem polygamen Kontext. Das hindert uns nicht daran, dieses und viele andere ähnlich konstruierte Konzepte zu benutzen, denn sonst wären wir zum Schweigen verdammt.
In Teil Zwei wird zudem die – nennen wir sie – Körperumgestaltungsbewegung untersucht, bei der sowohl technologische Innovationen als auch der medizinische Sektor eine große Rolle spielen. Hierbei liegt mein Ziel eher darin, zu betonen, was auf dem Spiel steht, und vor den indirekten Gefahren zu warnen, als die jeweiligen Praktiken zu kritisieren. Es gibt ein breites Spektrum an Körperumgestaltungen, von plastischer Chirurgie über Leihmutterschaft bis hin zur Geschlechtsumwandlung. Was jedoch in jedem dieser Fälle hervorsticht, sind die Macht und das Prestige, die medizinische Expert*innen durch ihre Verheißungen erlangt haben. Die Abhängigkeit von einer Institution mit einer so langen Geschichte der Kooperation mit dem Kapital und dem Staat sollte uns Sorgen bereiten. Die Geschichte sollte uns eines Besseren belehren.
Teil Drei enthält Artikel über die Rolle der Medizin und Psychologie bei der Organisation und Disziplinierung der Industriearbeiter*innen sowie der Frauen als Subjekte der Reproduktionsarbeit. In diesem Teil findet sich ebenfalls ein Rückblick auf die zur Zeit der Reagan-Ära aufkommenden Diskussionen darüber, wie die Arbeiterschaft, die für die Arbeit in neuen technologischen und extraterrestrischen Umgebungen benötigt wird, beschaffen sein muss. Der in »Mormon*innen im All« gespiegelte kapitalistische Traum von einem asketischen Arbeiter, der die Trägheit eines über Millionen von Jahren entwickelten Körpers überwindet und beispielsweise in Weltraumkolonien funktioniert, ist heute sehr lehrreich, da die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz nach neuen Fähigkeiten und neu geformten Subjektivitäten verlangt. Momentan zeigt sich dieser Traum konkret in der Einpflanzung von Mikrochips ins Gehirn, was denjenigen, die es sich leisten können, ein Leben frei von Pässen und Schlüsseln ermöglicht. Doch es mehren sich bereits die Visionen von einer Zukunft, in der ausgewählte Personen geistig verstärkt werden, riesige Mengen von Erinnerungen speichern und mit enormer Geschwindigkeit denken können, sodass sie beispielsweise dazu fähig sind, ein Buch in einer halben Stunde durchzulesen. Indessen gehen auch die Experimente um das Zerteilen und Neuzusammensetzen unseres Körpers immer schneller voran und deuten auf eine Zukunft hin, in der Klone, Genmanipulation und Gentransfers – heute schon bei Tieren angewandt – fester Bestandteil der Medizin sein werden, was vermutlich dem Kapitalismus ermöglicht, zukünftig nicht nur unbelebte Waren zu produzieren, sondern auch neue Formen des menschlichen Lebens.
In diesem Sinne beginnt die Wiederaneignung unseres Körpers, unserer Selbstbestimmung über unsere körperliche Realität damit, dass wir die Kraft und Weisheit des Körpers anerkennen, des Körpers, wie wir ihn kennen, wie er über einen langen Zeitraum in beständiger Interaktion mit der Entwicklung unseres Planeten geformt wurde – ein Prozess, der jetzt zum großen Nachteil für unser Wohlergehen leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird. »Gepriesen sei der tanzende Körper«, der abschließende Artikel des Buchs, den ich schrieb, nachdem ich einen Tanz der Choreografin Daria Fain über die Entstehung des Bewusstseins und der Sprache gesehen hatte, ist eine Ode an diese Kraft und Weisheit, die der Kapitalismus heute zerstören will. Meine Vision unterscheidet sich hier von Bachtins Konzept[3] des Pantagruelischen Körpers, wie ihn sich Rabelais[4] im 16. Jahrhundert erdacht hat. Dieser Körper geht über seine Haut hinaus, und zwar durch Einverleibung, indem er alles Essbare auf der Welt in einer Orgie des sinnlichen Vergnügens und der Befreiung von allen Hemmungen verschlingt. Von einem Über-sich-Hinausgehen spreche auch ich, jedoch von einem anders gearteten. Was der Körper nämlich jenseits seiner Haut vorfindet, ist kein kulinarisches Paradies, sondern eine magische Kontinuität mit den anderen lebendigen Organismen, die die Erde bevölkern: den Körpern der Menschen und Nicht-Menschen, den Bäumen, den Flüssen, den Meeren, den Sternen. Dieses Körperbild vereint, was der Kapitalismus entzweit hat. Es ist das Bild von einem Körper, der nicht länger als leibnizsche Monade ohne Fenster und Türen konstruiert ist, sondern sich im Einklang mit dem Kosmos bewegt, in einer Welt, in der Diversität für alle einen Reichtum darstellt und eine Grundlage für Gemeinschaftlichkeit, anstatt eine Quelle der Spaltung und Feindseligkeit.
Der Körper steht heutzutage zweifellos im Fokus des politischen, fachlichen und wissenschaftlichen Diskurses. In jedem dieser Felder versucht man, seine wesentlichen Eigenschaften und Möglichkeiten neu zu definieren. Er ist die Sphinx, die es auf dem Weg zum gesellschaftlichen und persönlichen Wandel zu befragen und deren Antworten es zu befolgen gilt. Dennoch ist es beinahe unmöglich, auf Grundlage der vorherrschenden Theorien der intellektuellen und politischen Arena eine kohärente Sichtweise auf den Körper zu artikulieren. Auf der einen Seite stehen die extremsten Formen des biologischen Determinismus, in welchen die DNA als Deus absconditus (der verborgene Gott) gilt, der angeblich hinter unserem Rücken über unser physiologisches und psychologisches Leben bestimmt. Auf der anderen Seite stehen (feministische, Trans-)Theorien, die uns dazu anhalten, alle ›biologischen‹ Faktoren zugunsten von performativen oder textuellen Repräsentationen des Körpers zu verwerfen und die wachsende Assimilation mit der Welt der Maschinen als grundlegend für unser Dasein zu akzeptieren.
Selten findet sich jedoch ein Standpunkt, von dem aus man die sozialen Kräfte analysieren kann, die unseren Körper beeinflussen. Mit beinahe religiöser Obsession beschränken Biolog*innen den Bereich der relevanten Aktivität auf eine mikroskopisch kleine Welt von Molekülen, die ebenso mysteriös verfasst ist wie die Erbsünde. Ihnen zufolge sind wir, wenn wir auf die Welt kommen, bereits befleckt von, anfällig für, prädestiniert für oder verschont von Krankheiten, denn alles liegt in der DNA, die uns ein unbekannter Gott zugeteilt hat. Auch die diskursiven/performativen Körpertheorien schweigen zur sozialen Grundlage, auf der Ideen über den Körper und Körperpraktiken entwickelt werden. Vielleicht wird befürchtet, dass uns die Suche nach einer einheitlichen Basis die Augen davor verschließen könnte, dass unsere Körper auf unterschiedliche Art und Weise unsere Identitäten und Machtverhältnisse artikulieren. Des Weiteren gibt es die Tendenz, angeführt von Foucault, die ›Auswirkungen‹ statt der Ursachen der Kräfte zu untersuchen, die auf unsere Körper einwirken. Ohne eine Rekonstruktion des Kraftfeldes, in dem sie sich bewegen, bleiben unsere Körper jedoch zwangsläufig unverständlich oder erzeugen mystifizierende Vorstellungen über ihre Operationen. Wie können wir beispielsweise über ›die Binarität‹ hinausdenken, ohne ein Verständnis ihrer ökonomischen, politischen und sozialen Funktion innerhalb bestimmter Ausbeutungssysteme oder auch der Kämpfe, durch welche Gender-Identitäten kontinuierlich transformiert werden? Wie können wir von der ›Performativität‹ unseres Geschlechts, unserer ›Rasse‹ oder unseres Alters sprechen, ohne den Zwang anzuerkennen, der durch bestimmte Formen der Ausbeutung und Strafe entsteht?
Wir müssen die Welt der gegensätzlichen Politiken und Machtverhältnisse, denen unser Körper unterliegt, erkennen und die Kämpfe gegen die ›Norm‹ überdenken, um Strategien für einen Wandel zu entwickeln.
Dieser Arbeit habe ich mich in Caliban und die Hexe (2004, dt. 2017) gewidmet. Darin habe ich untersucht, wie der Übergang zum Kapitalismus das Konzept von und den Umgang mit ›dem Körper‹ veränderte,[5] unter der Prämisse, dass eines der Hauptprojekte des Kapitalismus die Verwandlung unserer Körper in Arbeitsmaschinen war. Daraus folgt, dass die Notwendigkeit, die Ausbeutung der lebendigen Arbeitskraft zu maximieren, auch durch die Differenzierung der Arbeits- und Zwangsformen, mehr als alles andere unsere Körper in der kapitalistischen Gesellschaft geformt hat. Dieser Ansatz steht bewusst im Gegensatz zu Foucault,[6] der das disziplinäre Regime, dem der Körper zu Beginn der ›Moderne‹ unterworfen wurde, in dem Wirken einer metaphysischen ›Macht‹ verortet, welche in ihren Absichten und Zielen nicht näher identifiziert wird.[7]
Im Gegensatz zu Foucault vertrete ich die Ansicht, dass es nicht eine, sondern mehrere Geschichten des Körpers gibt, damit meine ich mehrere Geschichten der Mechanisierung des Körpers, da die Hierarchien entlang von ›Rasse‹, Geschlecht und Generation, die der Kapitalismus von Beginn an konstruiert hat, die Möglichkeit eines universalen Standpunktes ausschließen. Folglich muss die Geschichte ›des Körpers‹ die Geschichten derer zusammenweben, die versklavt, kolonisiert, in Lohnarbeiter*innen oder unbezahlte Hausfrauen verwandelt wurden, wie auch die Geschichten der Kinder, wobei diese Kategorisierungen sich wohlgemerkt überschneiden und wir uns bewusst machen müssen, dass unsere Abhängigkeit von ›ineinandergreifenden Herrschaftssystemen‹ stets eine neue Realität hervorbringt.[8] Ich möchte noch ergänzen, dass wir ebenso eine Geschichte des Kapitalismus aus der Sicht der Tierwelt und natürlich der Länder, Meere und Wälder brauchen.
Wir müssen ›den Körper‹ aus all diesen Perspektiven betrachten, um die Dimensionen des Krieges zu begreifen, den der Kapitalismus gegen Mensch und ›Natur‹ führt, und Strategien entwickeln zu können, mit denen sich diese Zerstörung beenden lässt. Diese Formulierung soll keine idealisierte Idee von einer vollkommenen ursprünglichen ›Natur‹ vermitteln. Sie soll vielmehr den Ausnahmezustand verdeutlichen, in dem wir aktuell leben, und hinterfragen, welche Vorteile wir in einer Zeit, in der die eigene Körpermodellierung als Weg zum gesellschaftlichen Empowerment und zur Selbstbestimmung gilt, aus Politiken und Technologien ziehen können, die nicht von unten kontrolliert werden. Bevor wir unsere Verwandlung in Cyborgs zelebrieren, sollten wir besser über die gesellschaftlichen Konsequenzen des Mechanisierungsprozesses nachdenken, den wir bereits durchlaufen haben.[9] Es ist doch naiv, zu glauben, dass unsere Symbiose mit Maschinen unweigerlich zu einer Erweiterung unserer Kräfte führt, ohne die Zwänge zu berücksichtigen, denen die Technologie unser Leben unterwirft, sowie deren zunehmende Nutzung als Mittel der gesellschaftlichen Kontrolle oder die ökologischen Kosten ihrer Produktion.[10]
Der Kapitalismus behandelt unsere Körper wie Arbeitsmaschinen, weil er als Gesellschaftssystem die menschliche Arbeitskraft am systematischsten zur Essenz der Akkumulation des Wohlstands gemacht hat und somit ihre Ausbeutung am dringendsten maximieren musste. Das geschah auf vielfältige Weise: durch die Durchsetzung von intensiveren und einheitlicheren Arbeitsformen sowie unterschiedlicher Disziplinarregimes und -institutionen oder durch Terror und Rituale der Erniedrigung. Exemplarisch dafür sind die Insassen der niederländischen Arbeitshäuser im 17. Jahrhundert, die gezwungen wurden, mit den rückständigsten und mühevollsten Mitteln Holzblöcke zu zermahlen, ohne dass es einem anderen Zweck gedient hätte, als ihnen Gehorsam einzutrichtern und sie ihre Machtlosigkeit in jeder Faser ihres Körpers spüren zu lassen.[11]
Ein weiteres Beispiel für die entwürdigenden Rituale, die eingesetzt wurden, um den menschlichen Widerstandswillen zu brechen, sind die Praktiken der südafrikanischen Ärzte zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Umgang mit den Afrikaner*innen, die zur Arbeit in den Goldminen bestimmt waren (Butchart 1998, S. 92–110). Im Zuge vorgeblicher ›Hitzeverträglichkeitstests‹ oder ›Auswahlverfahren‹ wurden afrikanische Arbeiter*innen angewiesen, sich nackt auszuziehen, in Reih und Glied aufzustellen, Geröll zu schaufeln und sich dann Röntgenuntersuchen oder Messungen des Körperumfangs und -gewichts zu unterziehen, all das unter den Augen der Mediziner*innen, die für die Testpersonen oft im Verborgenen blieben (S. 94, 97, 100). Ziel des Ganzen war es wohl, den künftigen Arbeiter*innen die Überlegenheit der Bergbauindustrie zu demonstrieren und die Afrikaner*innen in ein Leben einzuführen, in welchem sie »jeglicher Menschenwürde beraubt« (S. 94) sein würden.
Zur selben Zeit machten die Zeit- und Bewegungsstudien des Taylorismus – welche später in der Fließbandarbeit mündeten – die Mechanisierung des Arbeiterkörpers zu einem wissenschaftlichen Projekt und zwar durch die Fragmentierung und Atomisierung von Aufgaben, die Verbannung jeglicher Entscheidungsbefugnis aus dem Arbeitsprozess und vor allem die Entkoppelung der Arbeit von jeglichem Wissen und sämtlichen Motivationsfaktoren.[12] Der Automatismus war jedoch auch die Folge eines Arbeitslebens nie endender Wiederholungen, der Existenz in einer »Geschlossenen Gesellschaft«[13], im Nine-to-five-Rhythmus einer Fabrik oder eines Büros, wo selbst die Urlaubszeiten durch ihre Einschränkungen und Berechenbarkeit zur mechanisierten Routine geworden sind.
Foucault hatte jedoch recht: Die ›Repressionshypothese‹ reicht nicht aus, um die Geschichte des Körpers im Kapitalismus zu erklären.[14] Von ebenso großer Bedeutung wie das, was unterdrückt wurde, waren die ›Fähigkeiten‹, die sich entwickelten. In seinem Handbuch der Volkswirtschaft (1905 [1890]) feierte der britische Ökonom Alfred Marshall die Fähigkeiten, die die kapitalistische Disziplin in der industriellen Arbeiterschaft hervorgebracht hatte, und erklärte, dass nur wenige Bevölkerungen auf der Welt zu dem fähig waren, was europäische Arbeiter*innen damals leisteten. Er pries die ›allgemeinen Fähigkeiten‹ der Industriearbeiter*innen, kontinuierlich zu arbeiten, stundenlang, an derselben Aufgabe, sich alles zu merken, zu wissen, welche Aufgabe nach der aktuellen kommt, mit Werkzeug zu arbeiten, ohne es zu beschädigen, ohne Zeit zu verschwenden, mit teuren Gerätschaften vorsichtig umzugehen und selbst die monotonsten Arbeiten beharrlich zu verrichten. Das, so befand er, seien einzigartige Fähigkeiten, die wenige Menschen auf der Welt besäßen, wodurch er zeigte, dass aus seiner Sicht scheinbar unqualifizierte Arbeit eigentlich hochqualifiziert sei (Marshall 1905 [1890], S. 241).
Marshall verriet nicht, wie solch wundersame, roboterähnliche Arbeiter*innen erschaffen wurden. Er verlor kein Wort darüber, dass dafür Menschen von ihrem Land getrennt und mit exemplarischen Folterungen und Exekutionen terrorisiert werden mussten. Vagabund*innen wurden die Ohren abgeschnitten. Prostituierte wurden Opfer von ›Waterboarding‹, derselben Foltermethode, der die CIA und das US-Militär jene unterziehen, die sie des ›Terrorismus‹ beschuldigen. An einen Stuhl gefesselt, wurden Frauen, denen man unanständiges Verhalten vorwarf, in Teiche und Flüsse getaucht, bis sie fast ertranken. Versklavte wurden ausgepeitscht, bis sich das Fleisch von den Knochen löste, wurden verbrannt, verstümmelt und unter der sengenden Sonne liegen gelassen, bis ihre Körper verwesten.
Wie ich in Caliban und die Hexe dargelegt habe, wurde im Zuge des sich entwickelnden Kapitalismus nicht nur das kollektive Land ›eingehegt‹, sondern auch der Körper. Dieser Prozess war unterschiedlich für Männer und Frauen, genauso wie für jene, die für die Versklavung bestimmt waren, und jene, die andere Formen der Zwangsarbeit ausführen mussten, einschließlich der Lohnarbeit.