Anaïs Meier, geboren 1984 in Bern, studierte Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Ihr Kurzgeschichtenband über Berge, Menschen und insbesondere Bergschnecken erschien 2020 bei mikrotext. Mit einem Fuss draussen ist ihr Debütroman. Sie schreibt die Kolumne „Aus dem Réduit“ für die Fabrikzeitung in Zürich und gehört dem Autorinnenkollektiv RAUF an.

Das Buch wurde unterstützt durch SWISSLOS/Kultur Kanton Bern, durch die Fachstelle Kultur der Stadt Bern, durch die Fachstelle Kultur der Stadt Zürich sowie durch die Fachstelle Kultur Kanton Zürich.

Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen und Orten sind Zufall.

(c) by Verlag Voland & Quist GmbH, Berlin und Dresden 2021
Lektorat: Helge Pfannenschmidt
Umschlaggestaltung und Satz: Guerillagrafik
Druck und Bindung: PBtisk, Příbram

ISBN 978-3-86391-296-3
eISBN 978-3-86391-311-3
www.voland-quist.de

ANAÏS MEIER

MIT EINEM FUSS DRAUSSEN

Für Ursli

„I’m a loner
Been a loner
since high
school
And a loner
ain’t no fool“

Daniel Johnston

Inhalt

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

I

Ich atme in den Schilfbast.

Ich atme in den Schilfbast und hoffe, dass sie mich nicht sehen. Haben sie aber.

Hier, im hinteren Bast des Sees. Gleich werden sie mich herausholen, aber vorher werden sie noch ihre Gummihosen anziehen müssen, weil sie ohne nicht Mann genug sind.

Wie ich hierhin gekommen bin, in der nassen Erde liegend, ganz kalt am Bauch – ist alles die Schuld vom Fuss, der im See ist.

Es ist mein Selbstverständnis, ihn herauszuholen und zu untersuchen, woher er kommt und was er will.

Ein Zischen, ich schaue nach links. Da ist die Ente und sie lacht mich aus. Wie ich hier liege, ist die Ente plötzlich grösser als ich. Der Fuss ist nah, aber zu weit weg.

Jetzt kommen sie aus ihrem Vereinshaus.

Ich will nicht, dass sie den Fuss sehen. Die dürfen meine Mission nicht kennen, die verpfuschen mir nur alles, ich mache das alleine.

Sie kommen näher.

Ich robbe weg, durch die Erde und alles, der Bast ist nicht dicht genug, ich bin wohl visuell auszumachen. Angst klopft in den Schlamm.

Jetzt sehe ich ihre Gesichter, ich krieche rückwärts und greife in den Schmutz der Böschung. Ziehe mich am Bast, am Schilf, hoch und renne weg. Die kriegen mich nicht, die nicht.

Wie ich gerannt bin, raus aus dem Park, der Park, in dem der See ist, bin ich hinten über den niedrigen Drahtzaun gehechtet. Zum Baugrund, und habe mich hinter die Büsche gekauert. Eine Position, wie sie eigentlich nicht wünschenswert ist für einen über fünfzigjährigen Mann.

Es hat noch nicht allzu viele Blätter am Gebüsch, es ist ja erst Anfang April. Hinter mir ist ein riesiges Loch im Boden, sie wollen da Mehrfamilienhäuser bauen. Aber sie fangen nie recht damit an, ja nu, umso besser, jetzt habe ich hier ein schönes Versteck. Ich linse durch die spärlichen Blätter und Zweige und sehe, wie die vom AFS, wie die in ihren Gummihosen im See herumstehen und die Köpfe hin und her bewegen, wie sie mich suchen. Die habe ich fürs Erste ausgetrickst, die AFSler. Anglerfischer Schweiz, die haben sich noch nie durch Intelligenz hervorgetan, nur durch Biertrinken und dumme Sprüche, den ganzen Tag.

Von hier überblicke ich den Park doch recht gut, und mich sieht niemand, das ist auch gut. Aber ich sehe mit meinem Fernglas die anderen ganz hervorragend! Ich sehe die Jugendlichen, wie sie auf dem Steg sitzen und die Cannabis-Zigaretten hinter ihre Rücken halten, ich sehe die Ente, wie sie mit gleichgültigem Blick zwischen den Gummihosen vom AFS Slalom schwimmt. Die Ente immer, mit ihrem Etepetete-Gehabe, die denkt wohl, sie sei was Besseres.

Jetzt steigen die ersten wieder aus dem Wasser und gehen zurück zu ihrem Vereinshaus, wo sie immer vornedran sitzen und in die Welt glotzen. Die Vereinshütte ist nicht weit, der Park ist ja klein. Er hat keinen richtigen Namen. Er heisst einfach nach dem See, weil viel mehr ist da nicht: der See, der Egelsee, ein Weg, die Vereinshütte, ein Steg in den See, drei Bänke am Weg und Bäume. Der See hat die Form einer Niere.

Das alles sehe ich von hier. Ich kenne den Park gut, wie auch den See. Ich bin jeden Morgen und jeden Abend hier, um meine Balance- und Atemübungen zu machen. Es ist der Flamingo, den ich immer mache. Dann gehe ich eine symbiotische Beziehung zum See ein und habe Kontakt zum Universum.

So halte ich das alles hier im Gleichgewicht. Aber mir sagt ja nie jemand Danke, nie. Niemals kommt einer und sagt, Danke Gerhard, das hast du jetzt aber gut gemacht, Supergerhard, du. Das bin ich. Ich bin Gerhard.

Seit der Fuss im See ist, kann ich meine Übungen nicht mehr machen. Er stört das Gleichgewicht der Umgebung. Ich verliere die Balance und muss immer wieder abstehen. Was nicht elegant aussieht, den Flamingo mit zwei Beinen machen. Das zeigt, es stört den See, wenn der Fuss da drin ist. Der See wendet sich an mich und fragt mich um Hilfe. Das geht, weil ich ein hypersensibler Mensch bin. Ich habe Kontakt zu den Dingen.

Ich muss den Fuss also aus dem See schaffen. Erstens um dem See zu huldigen, aber auch, weil ich dann herausfinden kann, wem er gehört. Dann bin ich Kommissär und kläre einen Kriminalfall auf, das passt schon lange zu mir. Die zuständige Vertreterin des Gesetzes wäre ja eigentlich die Securitas-Sicherheitsangestellte Blüehler, aber der steht die Faulheit ins Gesicht geschrieben und auf die fetten Hinterbacken. Ich sage der sicher nichts vom Fuss, den hole ich selber und dann heimse ich die ganze Anerkennung ein. Einmal hatte Blüehler sogar den Hosenstall offen und ich habe ihr nichts gesagt!

Blüehler hat einen Hund, einen Collie. Er heisst Grimsel und ist eigentlich ganz in Ordnung. Aber ich verstehe nicht, was er mit der will. Der könnte sich eine viel bessere suchen! Grimsel hat Streit mit der Ente, deshalb verstehen wir uns.

Die Ente regt mich ungemein auf. Ich mache immer so Geräusche, um sie zu nerven, aber so, dass es die Leute nicht merken. Ich weiss auch nicht, vielleicht hat sie den Fuss schon gesehen, aber das würde sie mir nicht sagen. Manchmal habe ich Angst, die schwimmt da raus und stiehlt mir den Fuss oder macht ihn kaputt, am Schluss frisst sie den noch auf!

Ich glaube, noch bin ich der Einzige, der den Fuss gesehen hat. Obwohl der so poppig und farbig leuchtet, er steckt nämlich in einem Turnschuh. Einem für Männer, mit mehrfarbigen Schuhbändeln, die eine gute Stimmung machen, so stelle ich mir die vor. Aber so nahe bin ich ja noch nicht herangekommen, nur fast.

Vor einer Woche war das, als ich den Fuss das erste Mal gesichtet habe. Da war es noch März, jetzt ist es April und es wird wieder wärmer. Dann installieren die vom AFS ihre Liegestühle und stecken Aschenbecher in den Boden, die sie bestimmt im Sommer-Freibad gestohlen haben. Dann liegen sie den ganzen Tag in den Liegestühlen herum, trinken Bier aus Dosen und verhöhnen mich mit Sprüchen. Immer wieder wird es April, jedes Jahr.

Nun bin ich wieder hier, zu Hause in meiner Klause und sinniere bei einem guten Thymiantee. Es ist Thymianwoche, nächste Woche ist wieder Salbei. Ich freue mich auf den Salbei! Aber das nur nebenbei.

Es ist doch so: Mit einem Fuss draussen weiss man nicht, wo man steht! Man muss ihn einholen und genauer untersuchen.

Ich habe es bis jetzt mit einem langen Stockast versucht, mit einer Angelrute und einem Netz, aber er entgleitet immer. Es wäre ja einfach, wenn ich ein Boot wässern könnte, aber die Statuten vom See verbieten das. Also bin ich vor einigen Tagen zu denen vom AFS, um ihre Geräte zu fordern, weil die dürfen ja in den See.

Vor dem Häuschen waren einzig Kevin, der gewalttätige Junior, und Krückenpatrick, der zum Abstützen seines Übergewichts immer eine Krücke dabei hat. Krückenpatrick ist der neue Freund von Blüehler, ich musste also achtgeben. Kevin und Patrick werden höchstwahrscheinlich an Leberinsuffizienz sterben, weil sie hatten schon wieder ein Bier in der Hand. Ich fragte nach Boot und Rechen, ich hätte etwas zu tun, im See.

Die beiden waren kurz ruhig, um die Räder in ihren Oberstübchen ins Getriebe zu bringen. Dann machten sie die Schlünde auf und heulten. Sie nennen das Humor, ich habe das schon mal erlebt. Kevin verschluckte sich und lief rot an. Ich hoffte kurz, dass er erstickt. Dann sagte Krückenpatrick, der See werde irgendwann Mitte, Ende Frühling gesäubert und fertig.

Gestern habe ich die Gummistiefel angezogen, mit dickem Plastikklebestreifen zu den Hosen abgedichtet und weiter hoch, bis über den Bauchnabel, alles wasserdicht verklebt. Dann habe ich einen langen Stockast genommen und bin in den See gewatet, am Ufer entlang nach hinten, bis zum Bast, durch den der Fuss mit dem Schuh grell und farbig leuchtet.

Normalerweise lassen mich die vom AFS, aber siehe da, will ein Bürger etwas Gutes tun, sind sie sofort von ihren Liegestühlen aufgesprungen und haben mir gesagt, ich solle herauskommen. Natürlich bin ich nicht heraus, also sind sie hinein, aber zuerst mussten sie ihre blöden Spezialhosen anziehen, und als sie damit fertig waren, da bin ich schon fast beim Fuss gewesen. Der gewalttätige Kevin hat noch mit Steinen nach mir geworfen, sobald ich den mal alleine erwische, bekommt der mit dem Stockast eine Tracht Prügel, ich bin ja jetzt Kommissär.

Und dann war ich eben hinter den Büschen beim grossen Loch im Bodengrund. Ich muss mir alles genau überlegen, es geht hier schliesslich um einen Fall. Auch geht es darum, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Wenigstens im Park.

Weil hier bei mir zu Hause ist immer Lärm, das Haus ist alt und wie von Rockytocky und wir haben alle nur eine Einzimmerklause. Lange ging es gut, ich wohne seit zwanzig Jahren hier. Viele Süchtige waren es früher, und Punkfrisuren. Die sind mir alle recht, nur nerven sollen sie mich nicht. Aber jetzt sind junge Männer einer kriminellen Schlägergruppierung eingezogen. Als Gruppierung erkennbar machen sie sich durch ihre Uniform. Alle tragen dieselben weissen Turnschuhe und längsgestreiften weissen Trainerhosen, obwohl denen ihre Einstellung ganz und gar nicht sportlich ist. Zuerst war es nur einer, über die letzten Jahre wurden es immer mehr, und ehe man sich versieht, ist das ganze Haus voll mit denen!

Jede Nacht lärmen sie unter meinem Fenster, jede Nacht. Man hört hier alles, was die anderen tun. Das Haus hätte schon längst abgerissen werden sollen, aber die Herren Architekten haben wohl Angst, hierherzukommen und alles zu vermessen. Jedenfalls kriege ich jedes Jahr einen Brief, in dem steht, dass das Haus noch ein weiteres Jahr stehen bleibt. Und jedes Jahr wird es schlimmer mit den Bewohnern. Hier kann ich nichts mehr ausrichten, aber der Park, der kann mein Garten Eden sein.

Wie ich das alles denke, beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Was, wenn der Krückenpatrick gelogen hat mit dem Datum der Seereinigung? Unbedingt muss ich den Fuss selber einholen, bevor die möchtegernischen Angelfischer mit ihren Rechen zwischen die Tiere steigen und ihre Sprüche in den See streuen. Ich muss herausfinden, wann sie dieses Jahr rechen werden, um ihnen zuvorzukommen. Dazu muss ich ins Internet surfen, dort haben die vom AFS einen Fotoklick-Kalender.

Ich bin auf dem Weg. Wieder zum Park, zum See. Ich muss ja in das Internet hineingehen, als Nächstes. Das Internet, finde ich, ist eine tolle Sache, das hätte ich mir erfinderisch ausdenken sollen, wie ich mir vieles ausgedacht habe. Aber das Internet, nein, das habe ich nicht geschafft, dass das meiner Hirnstruktur entsprang. Was in mir grosse Ehrfurcht auslöst.

Jedenfalls weiss ich, dass die Jugendlichen solche Smartphones haben, und es entstand in mir das Gedankengut, dass ich mich mal zu denen geselligen werde. Zwar rufen sie mir manchmal Blödheiten zu, wenn mir der Flamingo nicht recht gelingen will, aber das ist selten und ansonsten lassen sie mich in Ruhe. Ausserdem sind sie wegen ihren Cannabis-Zigarettenstummeln in ewigem Zwist mit dem AFS. Ich habe anno dazumal auch noch solche geraucht, da nannte ich sie Jazz-Zigaretten. Wie Kerouac on the Road, sozusagen. Aber das war damals. Heute ist das Internet.

Überhaupt bin ich derjenige, der denen immer die Stummel aufsammelt und in die Tonne wirft, die können sich auch mal dankbar zeigen. Dass die den Fuss noch nicht gesehen haben. Vielleicht haben sie ihn schon gesehen.

Ich schlurfe also zu den Jugendlichen, extra langsam, ich weiss genau, wie was cool wirkt. Ich denke mir so eine Dungdedungdedung-Musik, wie in den Krimis, oder wenn jemand Cooles zum Beispiel über ein Stück Rasen geht. Dann muss man so gehen, als wären die Beine ein bisschen wie aus Gummi, und das Gesicht muss man gleichgültig halten.

Die Jugendlichen blicken mich an. Ich blicke zurück und sage nichts. Das habe ich gut gemacht. Dann frage ich sie, wer der Anführer sei. Sie lachen, aber dann schauen alle zu einem grossgewachsenen Buben mit einer Kreiselbrille, wie sie früher die Hippies hatten, es sind gute Brillen, finde ich. Sie machen lustig. Der Anführer hat alte Rollschuhe an und liegt irgendwie unbequem auf dem Steg, irgendwie weil er zu gross ist für alles. Ich wende mich also an ihn, Corsin heisst er. Ich sage: „Corsin, es ist Krieg. Es ist Krieg, hier im Park.” Corsin sagt, er möge Spinner, die seien nicht so wie seine Eltern. Ich sage: „Corsin, ich erlaube euch, mir bei meinen Ermittlungen zu helfen, unter meinem Kommando.” Er sagt, seine Eltern seien beide total konservativ. „Corsin”, sage ich. Ich sage: „Corsin, im See liegt eine Leiche.”

Ich weiss nicht, warum ich Leiche gesagt habe. Corsin sagt jedenfalls nichts mehr. Ein Mädchen mit pinkfarbenem Haar beginnt, vom Kraut benebelt, zu kichern. Ich korrigiere mich umgehend: „Also keine ganze Leiche in dem Sinn, aber ein Fuss.“ Ich sage: „Die Leiche muss aber auch irgendwo sein.“ Das wird mir da grad wie klar, in diesem Moment, dass hier ja auch irgendwo eine Leiche sein muss!

„Wo“, sagen die Jugendlichen.

„Dort hinten, im hinteren Bast“, sage ich. Und sie schauen. Das Mädchen sagt, das sei Schilf. So was mag ich gar nicht und mir fällt auf, dass das Mädchen eigentlich wie ein Giftzwerg aussieht, mit ihrem dummgrell gefärbten Haar. Doch da erinnere ich mich der Frisuren, die ich als junger Gerhard getragen habe, und beschliesse, ruhig zu verbleiben.

Also, die Jugendlichen schauen. Und sie sehen den Fuss. Sie sehen den Fuss und sagen definitiv gar nichts mehr. Das habe ich gut gemacht.

Dann erkläre ich, wie wichtig es eben ist, in das Internet zu surfen, wegen wann die Angelfischer den See sieben. Die Jugendlichen schauen zum Mädchen mit Kaugummihaar. Die öffnet den Rucksack, holt ein Smartphone hervor und schiebt ihren Finger darauf herum. Und dann zeigt sie uns die ungeheuerliche Wahrheit: Der AFS hat das Datum der Seereinigung vorverlagert. Dieses Jahr sieben sie schon Anfang April, in sechs Tagen, um genau zu sein.

Da spüre ich eine Schwäche in mir aufsteigen, die sich wie Gallensaft anfühlt und mir die Augen zuschleiert, dass ich die Scheibenwischer einschalten muss. Ich mich hinsetze und wohl etwas desolat den Eindruck mache. Die Jugendlichen schauen mich mit grossen Augen an, dann schiebt sich Corsin zu mir und nimmt mich in seine Arme. Zuerst will ich ihn wegstossen, aber wie ich ihn anschaue und er einfach nur nett aus seiner lustigen Kreiselbrille zurückblickt, lasse ich es sein. Wie ich mich etwas beruhige, hören mir die Jugendlichen genau und gut zu. Ich erzähle vom Fuss, vom AFS, von meinem Plan. Sie nicken und schauen einander und mich an und sagen, dass sie mir helfen würden. Und dann sagen sie auch noch, sie seien jetzt meine Freunde. Wir verabreden uns für morgen, selbe Zeit, Steg.