Übertragen und erläutert
von Jakob Fromer
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Jakob Fromers Übertragung des babylonischen Talmuds erschien
zuerst 1924 in der Brandusschen Verlagsbuchhandlung in Berlin.
Orthografie und Interpunktion wurden unter Wahrung von
Lautstand und sprachlich-stilistischen Eigenheiten den Regeln
der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst. Die Umschrift
hebräischer Namen und Begriffe blieb unverändert,
die Interpunktion konnte nicht durchgängig vereinheitlicht
und geglättet werden.
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Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.
© 2013 Anaconda Verlag,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.
ISBN 978-3-7306-9039-0
V002
www.anacondaverlag.de
In den Talmudausgaben zählt das Titelblatt eines jeden Traktates als Blatt 1, sodass der Text stets mit Blatt 2 beginnt.
Einleitung
Pirke Abot. Sprüche der Väter
Erste Ordnung
1. Traktat: Berakot, Lobsprüche. Blatt 2a–9b
Zweite Ordnung
1. Traktat: Schabbat, Sabbat. Blatt 2a–4a
4. Traktat: Pesachim, die Passahfeste. Blatt 2a –4b
5. Traktat: Joma, der Tag (Versöhnungstag). Blatt 2a; 9a–10a
7. Traktat: Rosch Haschana, Neujahr. Blatt 2a; 16a–18a
8. Traktat: Taanit, Fasten. Blatt 2a–3a; 5a; 7a–7b
Dritte Ordnung
1. Traktat: Jebamot, Schwägerinnen. Blatt 2a –3b
2. Traktat: Ketubot, Verschreibungen, Ehekontrakte. Blatt 2a–3b
3. Traktat: Gittin, Scheidebriefe. Blatt 55b–57b
4. Traktat: Kidduschin, Heiligungen, Trauungsformen. Blatt 2a–4b
Vierte Ordnung
1. Traktat: Baba Kamma, Erste Pforte. Blatt 2a–4b
2. Traktat: Baba Mezia, Mittlere Pforte. Blatt 2a–4a; 83a–86a
3. Traktat: Baba Batra, die letzte Pforte. Blatt 73a–74b
5. Traktat: Synhedrin, Synedrion. Blatt 37a–37b; 90a–91b; 99a–101a
5. Traktat: Aboda Sara, Götzendienst. Blatt 2a–3b
Nachwort
Moses empfing die Thora, die Gotteslehre, am Berge Sinai (in einer schriftlichen und mündlichen Gestalt. Die schriftliche Lehre enthielt die nach ihm genannten fünf Bücher. In der mündlichen Lehre, dem Talmud, war alles angedeutet, was die maßgebenden Schriftgelehrten in der Folgezeit von der schriftlichen Thora ableiten würden) und überlieferte sie dem Josua. Josua überlieferte sie den Ältesten, (die zur Zeit der Richter das Volk regierten. Mit ihnen endete die erste Überlieferungsepoche. Sie kennzeichnete sich durch die Zeitrechnung nach dem Auszug aus Ägypten). Die Ältesten übergaben sie den Propheten und die Propheten den Männern der großen Synode, (die von der Zerstörung des ersten Tempels bis zu der Zeit, da Palästina unter die Herrschaft des griechischen Königs Seleucos kam, an der Spitze des jüdischen Volkes standen). Der letzte unter den Männern der großen Synode war Simon der Gerechte. (Mit ihm endete die zweite Epoche. In ihr zählten die Juden nicht mehr nach dem Auszug aus Ägypten, sondern nach der Regierungszeit ihrer Könige.
Die Männer der großen Synode übergaben die Thora den Talmudlehrern. Mit ihnen begann die dritte Epoche. Sie kennzeichnet sich durch die Zählung nach der Herrschaft der Seleuciden (Lischetarot) und zerfällt in vier Perioden.
In der ersten Periode heißen die Talmudlehrer Peruschim, Pharisäer, Abgesonderte, weil sie die Berührung mit den talmudisch ungebildeten Volksmassen, den Amme-haarez, ängstlich mieden. Der Nasi, Patriarch, der an der Spitze ihres Synhedrion, des hohen Rates, stand, wurde durch Wahl ernannt.
Die zweite Periode begann mit dem Patriarchen Hillel, der in der zweiten Hälfte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts gelebt hat. Mit ihm wurde das Patriarchat erblich. Die Talmudlehrer hießen fortan Rabbanan, unsere Herren (Einzahl: Rabbi, mein Herr [Matthäus 23,7: ›und haben’s gerne, dass sie … Rabbi genannt werden‹]) und Chakamim, die Weisen. Der Nasi hieß Rabban, unser Herr.
Die dritte Periode beginnt mit der Zerstörung des zweiten Tempels (70 n. Chr.). Neben den früheren Bezeichnungen erhielten die Talmudlehrer noch den Titel Tannaim, Tannaiten, Überlieferer, weil sie die auf mündlichem Wege sich fortpflanzenden Entscheidungen (Mischnajot, Einzahl Mischna) sammelten.
Die vierte Periode beginnt mit dem Abschluss der Mischna (Anfang des dritten nachchristlichen Jahrhunderts) und endet mit dem Abschluss des babylonischen Talmud (Ende des fünften nachchristlichen Jahrhunderts).
Die palästinensischen Lehrhäuser verkümmern, während die babylonischen zur Blüte gelangen. Die Talmudlehrer heißen jetzt Amoraim, Amoräer, Erläuterer, weil sie sich hauptsächlich mit der Herstellung einer Gemara, Erklärung zur Mischna, befassten. In Babylonien wurden sie nicht mehr Rabbi, sondern Rab oder Mar, Herr, genannt. Die vierte Periode umfasst die Zeit von dem Abschluss des Talmud bis in die Gegenwart. In ihr wird nach der Weltschöpfung gezählt. Der babylonische Talmud ist die einzig maßgebende Rechtsquelle. Die VÄTER, von denen die Sprüche dieses Traktates herrühren, sind die Talmudlehrer der ersten und zweiten Periode der dritten Epoche, die Pharisäer und Tannaiten.)
1. Ein köstlich Kleinod ist die Gotteslehre, sie beglückt in diesem und im künftigen Leben. 6,7. Wer sie ehrt, wird geehrt, wer sie missachtet, wird verachtet. 4,8.
Wer ihren Dienst auf sich nimmt, wird von den weltlichen Lasten befreit; wer sich ihr entzieht, dem wird der Gesellschaft Joch aufgebürdet. 3,6.
Seinen Liebling, seinen Freund nennt dich Gott, so du dich ihr liebevoll ergibst. Sie schmückt dich mit Demut und Gottesfurcht, begnadet dich mit Gerechtigkeit und Redlichkeit, Frömmigkeit und Treue. Sie bekleidet dich mit Macht und Würde, verleiht dir Einsicht und Scharfsinn in der Rechtsergründung, sodass alle deines Rates und deiner Tatkraft sich erfreuen. So erhöht und erhebt sie dich über alle Menschen. 6,1.
Eher kann man zum Hohepriesteramt und zur Königswürde gelangen als zu ihr. Zahlreiche Tugenden heischt ihr Erwerb: emsigen Fleiß und unermüdliches Forschen, Ohrenspitzen und deutliches Sprechen, Einsicht und Verstand, Gottesfurcht und Sündenscheu, heiteres Gemüt und lauteren Sinn, Verkehr mit Lehrern, Umgang mit Genossen und Auseinandersetzung mit den Schülern, Einschränkung des geschäftlichen Erwerbs und des weltlichen Verkehrs, Mäßigkeit im Schlaf, der Unterhaltung und Zerstreuung, Langmut und Herzensgüte, festen Glauben und Geduld im Leiden, Bescheidenheit und Genügsamkeit, Knappheit im Reden und Prunklosigkeit im Handeln, Liebe zu Gott und zu den Menschen, Liebe zur Tugend und zur Redlichkeit, willige Hinnahme der Zurechtweisung und Flucht vor Ehrenbezeugungen … 6,6.
2. Trachte immer tiefer in die Gotteslehre einzudringen, denn alles ist in ihr enthalten. Bis ins höchste Alter lass nicht ab von ihr, denn die Beschäftigung mit ihr ist der beste Beruf. 5,25. Wer nicht lernen will, ist des Lebens unwert; wer nicht zulernt, nimmt an Wissen ab. 1,13.
Befleißige dich ihrer, denn sie ist kein erblich Gut. 2,17.
Sprich nicht, ›wenn ich Muße habe, will ich lernen‹, du möchtest dann nie Muße haben. 2,5.
Wer sie pflegt in der Not, der wird sie auch im Wohlstand pflegen können. Wer sie im Glück verschmäht, der wird sie auch in der Armut vernachlässigen müssen. 4,11.
Wer nur eines ihrer Worte vergisst, der hat sein Seelenheil verwirkt. 3,10.
Wer sich mit ihr auf dem Wege beschäftigt und sich unterbricht und sagt: wie schön ist dieser Baum, wie schön ist dieser Acker, der vergeht sich an seinem Seelenheil. 3,9; 3,5.
Ein Sitz der Spötter ist der Ort, wo zwei zusammensitzen und nicht von der Lehre reden, ein Aufenthalt Gottes aber, wo sie sich mit der Lehre befassen. 3,5.
Wenn drei an einem Tische essen, ohne von Gottes Wort zu reden, ist es, als ob sie ein Götzenmahl zu sich nähmen, reden sie aber von Gott, dann ist es, als äßen sie am Tische Gottes. 3,4.
Wo zehn zusammensitzen und sich mit der Thora befassen, weilt Gottes Geist unter ihnen und sie bilden eine Gottesgemeinde … 3,7.
3. Wandere dahin, wo die Thora heimisch ist, und wähne nicht, dass sie zu dir kommen werde. Nur im Verkehr mit Lerngenossen erhältst du dich in ihrem Besitz. Verlass dich nicht auf deinen Scharfsinn. 4,18. Verschaff dir einen Lehrer, um den Zweifel zu umgehen. 1,16.
Ein Sammelplatz der Weisen sei dein Haus. Sitze zu ihren Füßen und trinke dürstend ihre Worte. 1,4.
Wer ist weise? Der sich belehren lässt von jedermann. 4,1.
Sei lieber ein Schweif vom Löwen als ein Haupt vom Fuchse. 4,20.
Wo es (jedoch) an Männern fehlt, sei bestrebt, ein Mann zu sein. 2,6.
Ein Rabbi erzählte: Einst wanderte ich des Weges, da begegnete mir ein Mann. Er bot mir den Friedensgruß und ich erwiderte ihn. Er fragte mich: Rabbi, von welchem Orte bist du? Ich erwiderte ihm: Aus einer großen Stadt, reich an Weisen und Gelehrten. Weiter fragte er: Rabbi, möchtest du dich nicht entschließen, deinen Wohnsitz in unserem Orte zu nehmen? Ich würde dir Tausende von Golddenaren, Edelsteinen und Perlen geben. Ich aber sprach zu ihm: Wenn du mir alle Reichtümer der Welt gäbest, ich wohnte doch nur an einem Ort, wo die Thora heimisch ist … Wenn der Mensch von hinnen scheidet, geleiten ihn nicht Silber und Gold, nicht Edelsteine und Perlen, sondern sein Wissen und seine guten Werke … 6,9.
4. Was man in der Kindheit lernt, gleicht der Tintenschwärze, die auf neues Papier aufgetragen wird. Was man aber im Alter erlernt, das ist wie Tinte auf beschriebenem Papier. 4,25. Ein Rabbi sagte einst: ›Wer von Kindern lernt, der ist, als wenn er nicht gereifte Trauben äße und Wein aus der Kelter tränke. Wer aber von den Alten lernt, der gleicht dem, der die Trauben genießt, wenn sie reif sind, und den Wein trinkt, wenn er alt geworden ist.‹ Ihm entgegnete ein anderer: ›Achte nicht auf den Krug, sondern darauf, was darin ist. Mancher Krug ist neu und hat doch alten Wein, und mancher Krug ist alt und hat nicht einmal jungen Wein.‹ 4,26–27.
Vier Arten gibt es unter den Jüngern der Weisheit: Schwamm, Trichter, Seihe und Schwinge. Der Schwamm saugt alles ein; der Trichter lässt hinaus, was er eingenommen hat; die Seihe lässt den Wein hindurch und behält die Hefe zurück; die Schwinge wirft die Kleie hinaus und behält das Mehl. 5,17.
Vierfach unterschieden sind die Fähigkeiten der Schüler: leicht fassen und leicht vergessen: da wird der Vorzug von dem Fehler aufgewogen. Schwer fassen und schwer vergessen: da wird der Fehler von dem Vorzug aufgewogen. Leicht fassen und schwer vergessen: das ist das Beste. Schwer fassen und leicht vergessen: das ist das Schlimmste. 5,15.
Der Tor und der Weise verraten sich in sieben Dingen. Der Weise schweigt vor dem, der ihn an Einsicht überragt; er fällt dem andern nicht ins Wort und ist bedachtsam in der Antwort, er fragt zur Sache und antwortet nach Gebühr, spricht vom Ersten zuerst und vom Letzten zuletzt, wovon er nichts weiß, sagt er, ich weiß es nicht. Wenn er einsieht, dass er sich geirrt hat, gesteht er seinen Irrtum unumwunden ein. Gegenteilig von alledem handelt der Tor. 5,10.
Wer von einem anderen einen Abschnitt oder einen Satz, einen Vers, selbst auch nur ein Wort oder einen Buchstaben nur gelernt hat, ist verpflichtet, diesem ehrerbietig zu begegnen. 6,3.
… Frage immer wieder, wenn du nicht verstanden hast. Der Schüchterne taugt nicht zum Weisheitsjünger. 2,6.
Die Achtung vor deinem Genossen gleiche der Ehrfurcht vor deinem Lehrer, und die Ehrfurcht vor deinem Lehrer gleiche der Ehrfurcht vor Gott. 4,15.
Wärme dich am Feuer der Weisen und nimm dich in acht vor ihren Kohlen, damit du dich nicht verbrennest. Denn der Biss der Weisen ist wie der des Fuchses und ihr Stich wie der des Skorpiones und ihr Zischen das einer Schlange. 2,15.
5. Seid, ihr Lehrer, bedachtsam mit euren Lehren, denn ein Versehen wird leicht zum Frevel. 4,16. Trage nichts vor, was nicht öffentlich bekannt werden darf; es könnte doch in die Öffentlichkeit gelangen. 2,5.
Die Ehre deines Schülers sei dir lieb wie die eigene. 4,15.
(Übe Nachsicht mit den Schülern) Nicht zum Lehrer taugt der Zornige. 2,6.
Lehre, um zu lernen, lerne, um danach zu leben. 4,6.
(Wenn du zu Gericht sitzest) Frage sorgfältig die Zeugen aus. Sei aber behutsam mit deinen Fragen, dass sie nicht aus ihnen lernen, die Wahrheit zu umgehen. 1,9.
Wirf dich nicht zum Sachwalter der Parteien auf, betrachte vielmehr beide für schuldig, solange sie vor dir stehen. Sobald sie aber von dir gegangen sind, siehe sie als schuldlos an, wenn sie deinem Urteil sich gefügt haben. 1,8.
Richte nie allein, denn richten darf nur Gott. Sprich nicht zu deinen Gerichtsgenossen: Schließt euch meiner Meinung an. Darüber sollen sie entscheiden und nicht du. 4,10.
6. Hast du vieles gelernt, so tue dir nichts darauf zugute, denn zum Lernen bist du geschaffen. 2,9. Mache die Gotteslehre nicht zu einer Krone, um damit zu prunken, und nicht zu einem Spaten, um damit zu graben. 4,7.
Wer die Gotteslehre missbraucht, geht zugrunde. l, 13.
Heilsam ist die Gotteslehre, wenn sich ihr ein weltlicher Beruf gesellt; beider Pflege hält die Sünde fern. 2,2.
Ohne Gotteslehre keine Gesittung, ohne Gesittung keine Gotteslehre. Ohne Weisheit keine Gottesfurcht, ohne Gottesfurcht keine Weisheit. Ohne Wissen keine Einsicht, ohne Einsicht kein Wissen. Ohne Nahrung keine Gotteslehre, ohne Gotteslehre keine Nahrung. 3,21.
Liege (jedoch) weniger den Geschäften und desto mehr der Thora ob, und sei bei allem Wissen demütig gegen jedermann … 4,12.
Wer allzu sehr dem Erwerbe sich ergibt, wird nicht weise. 2,6.
Dies ist der Weg zur Thora: Brot mit Salz sollst du essen, selbst Wasser zugemessen trinken, auf der Erde sollst du schlafen, ein entbehrungsvolles Leben sollst du führen und bei alledem rastlos ihr dich widmen. Wenn du also tust, dann heil dir hienieden und wohl dir im künftigen Leben. 6,4.
Trachte nicht nach Ruhm noch nach Ehre. Achte mehr auf Tun denn auf Wissen. Lass dich nicht gelüsten nach der Tafel der Fürsten. Denn deine Tafel und deine Krone stehen höher denn die ihren. 6,5.
Viel Fleisch, viel Gewürm; viel Güter, viel Sorgen; viel Weiber, viel Zauberei; viel Mägde, viel Unzucht; viel Knechte, viel Untreue; viel Thora, viel Leben … 2,8.
7. Auf drei Dingen steht die Welt: auf der Thora, dem Gottesdienst und der Nächstenliebe. Höher als die Erforschung der Lehre steht die gute Tat. 1,17. Bestandlos ist das Wissen, wenn es nicht auf der Tat begründet ist. 3,12.
Was frommt die Weisheit, wenn sie nicht vor der Sünde zu schützen vermag. 3,11.
Einem Baume mit vielen Zweigen und wenig Wurzeln gleicht, der vieles weiß und wenig tut. Bricht ein Sturm herein, dann beugt er ihn nieder und wirft ihn um. 3,22.
(Höher aber als die Tat steht die Gottesfurcht.) Wer die Heiligtümer entweiht, die Feste verachtet, seinen Nächsten öffentlich beschämt, den Bund Abrahams zerstört und die Thora missdeutet, der hat keinen Teil am Jenseits, selbst wenn er die Thora lernt und Wohltaten übt. 3,15.
Drei Kronen gibt es: die Krone der Thora, des Priestertums und des Königtums. Die Krone eines guten Namens überstrahlt sie alle. 4,17.
8. Seid nicht wie die Knechte, die dem Herrn nur um des Lohnes willen dienen, sondern wie jene, die ihrem Herrn dienen ohne Rücksicht auf den Lohn. Die Ehrfurcht vor Gott walte in euch. 1,3. Sei mutig wie der Tiger und aufstrebend wie der Adler, schnell wie der Hirsch und stark wie der Leu, um den Willen deines himmlischen Vaters zu vollbringen. 5,23.
Sei eifrig in der Übung der unscheinbarsten guten Tat und in dem Meiden einer noch so geringen Sünde, denn unübersehbar sind die Folgen. 4,2.
Wenn du betest, dann tue es nicht, um nur dem Herkommen zu genügen, sondern es sei ein inbrünstiges Flehen vor Gott … und zweifle niemals an seiner Gnade. 2,18.
Gib Gott von dem Deinen, denn alles ist sein: du und alles, was du hast. 3,8.
Mache Gottes Willen zu dem deinen, damit er deinen Willen zu dem seinen mache. Unterdrücke deinen Willen vor dem seinen, damit er jeden Willen deiner Feinde vor dem deinen unterdrücke. 2,4.
Was du auch unternimmst, das tue im Namen Gottes. 2,17.
Jeder Streit um Gottes Willen ist von bleibendem Wert. Jeder Streit um persönliche Dinge stiftet Unheil. Das Vorbild eines segensreichen Streites sind die Schulen Hillels und Schammais, das eines unheilvollen Streites hingegen der persönliche Zwist der Rotte Korah. 5,20. Jeder im Namen Gottes gestiftete Verein hat Bestand. 4,14. Wer den Namen Gottes auch nur heimlich entweiht, der entgeht der öffentlichen Strafe nicht, gleichviel ob er es fahrlässig oder mutwillig getan. 4,5.
Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich? Wenn ich nur für mich bin, was bin ich? Und wenn nicht jetzt, wann denn? 1,14.
Der Tag ist kurz, der Arbeit ist gar viel. Die Arbeiter sind träge, der Lohn ist groß und der Hausherr drängt. 2,20.
Es liegt dir nicht ob, selbst das Werk zu vollenden, aber du hast nicht die Freiheit, dich ihm zu entziehen. 2,21.
Dein Werkmeister ist zuverlässig und zahlt dir den Lohn deines Wirkens; doch wisse, dass dem Frommen die Belohnung erst jenseits zuteilwird. 2,21.
Das Leben hienieden gleicht einer Vorhalle der künftigen Welt. Rüste dich in der Vorhalle, damit du würdig werdest, in den Palast zu treten. 4,21.
Einen Fürsprecher erwirbt sich, wer ein göttliches Gebot erfüllt, einen Ankläger, wer eine schlechte Tat begeht. Die Bußfertigkeit zusammen mit der guten Tat bilden einen Panzer gegen das Strafgericht. 4,13.
Eine Stunde der Buße und guter Werke hienieden ist mehr wert als das ganze Jenseits, und die Seligkeit einer Stunde im Jenseits ist mehr wert als alle Freuden dieses Lebens. 4,22.
Alles ist vorhergesehen, dennoch ist die freie Wahl gegeben. Nach Gnade wird die Welt gerichtet, dennoch wird alles nach dem Übergewicht der guten Handlungen entschieden. 3,19.
Alles wird auf Borg gegeben und ein Netz ist über alles Lebende ausgebreitet. Der Laden ist offen, und der Krämer borgt. Das Buch ist aufgeschlagen, und die Hand schreibt. Wer geliehen haben will, mag kommen und leihen. Die Schuldforderer gehen täglich umher und ziehen die Schulden ein, gleichviel ob der Schuldner willig ist oder nicht, denn sie haben eine feste Stütze. Der Urteilsspruch ist ohne Fehl … 3,20.
Als Hillel einst einen Schädel auf dem Wasser schwimmen sah, sprach er: ›Weil du ertränkt hast, haben sie dich ertränkt, und auch die, welche dich ertränkt haben, werden ertränkt werden.‹ 2,7.
Demütig sei der Mensch, denn was des Sterblichen harrt, ist der Wurm. 4,4.
Bedenke drei Dinge und du wirst nie in eine Sünde verfallen. Bedenke, woher du kommst, wohin du gehst und vor wem dereinst du Rechenschaft abzulegen haben wirst. Du kommst von einem verfaulten Tropfen, gehst zu Staub und Gewürm und wirst dereinst vor dem König der Könige Rede stehen müssen. 3,1.
Der Geborenen harrt der Tod und des Todes die Auferstehung, und der Auferstehung das Gericht vor dem, der Schöpfer und Bildner, Kläger, Zeuge und Richter ist, vor dem es weder Unrecht noch Vergessen, weder Begünstigung noch Bestechung gibt. Und lass dich nicht vom bösen Trieb beschwichtigen, dass das Grab eine Zufluchtsstätte für dich sei. Gegen deinen Willen wurdest du erschaffen, gegen deinen Willen lebst du, gegen deinen Willen wirst du sterben, und gegen deinen Willen wirst du Rechenschaft ablegen müssen vor dem König der Könige, dem Heiligen, gelobt sei er. 4,29.
Traue dir selbst nicht bis zum Tage deines Todes. 2,3.
9. Unterordne dich dem Haupte, sei nachsichtig gegen die Jugend und komme jedermann freundlich entgegen. 3,16; 4,20; 1,15. Liebe den Frieden und jage ihm nach. Liebe die Menschen und leite sie zur Thora. 1, 12.
Dein Haus sei weit geöffnet, und die Armen seien deine Hausgenossen. 1,5.
Manche unterstützen die Armen, sehen es aber nicht gern, dass es auch andere tun: das sind die Eifersüchtigen. Andere handeln umgekehrt: das sind die Geizigen. Die Frommen geben und wünschen, dass es auch andere tun. Die Bösen geben nichts und verleiten auch die anderen dazu. 5,6.
Mein ist mein und dein ist dein, das ist die Gesinnungsart der gewöhnlichen Menschen oder gar der Sodomiter. Mein ist dein und dein ist mein, so spricht der Pöbel. Mein ist dein und Dein ist dein, das ist die Gesinnung der Frommen. Mein ist mein und Dein ist mein, das ist die Gesinnungsart des Bösewichtes. 5,13.
Jede Liebe, die auf einer Sache beruht, verschwindet mit der Sache. Nur die Liebe, die auf nichts beruht, ist von Dauer. Bestandlos war die sinnliche Liebe zwischen Amnon und Tamar, unvergänglich hingegen die Freundschaft zwischen Jonatan und David. 5,19.
Die Ehre deines Nächsten sei dir so viel wert wie die eigene. 2,15.
(Auch) der Besitz deines Nächsten sei dir heilig wie der deine. 2,17.
Verschaffe dir einen Lehrer, gewinne dir einen Freund und beurteile jeden Menschen nach der günstigen Seite. 1,6.
Verdamme niemand, solange du nicht in seiner Lage warst. 2,5.
Freue dich nicht über die Trübsal deines Feindes, dein Herz frohlocke nicht, wenn er gestrauchelt ist. Der Ewige könnte es missfällig sehen und seinen Zorn auf dich wenden. 2,24.
Versuche es nicht, deinen Nächsten zu besänftigen, wenn er vom Zorn überwältigt ist. Tröste ihn nicht, solange der Tote vor ihm liegt. Suche ihn nicht von seinem Ziele abzubringen in dem Augenblick, in dem er es gefasst hat, und besuche ihn nicht in der Stunde seiner Erniedrigung. 4,23.
10. Wahrheit, Gerechtigkeit und Friede sind die Pfeiler der menschlichen Gesellschaft. 1,18. Sondere dich nicht von der Gesamtheit ab. 2,5.
An wem die Menschen Wohlgefallen haben, an dem hat auch Gott Wohlgefallen … 3,13.
Welches ist der rechte Weg, den der Mensch erwählen soll? Der, der nicht nur dem, der ihn betritt, sondern auch den andern Menschen ehrenhaft erscheint. 2,1.
Wer sich der Menschenfreundlichkeit, der Bescheidenheit und der Genügsamkeit befleißigt, gehört zu den Jüngern Abrahams, die missgünstigen, Übermütigen und Habgierigen hingegen zu denen Bileams. 5,23.
Bete für das Wohl der Obrigkeit. Wenn die Furcht vor ihr nicht wäre, würde einer den andern lebendig verschlingen. 3,2.
11. Liebe die Arbeit, fliehe die Ehrsucht und dränge dich nicht zu den Großen. 1,10. Seid behutsam im Verkehr mit den Großen, die den Menschen nur um des eigenen Vorteils willen an sich ziehen. Sie begegnen ihm freundlich, solange ihr Nutzen es heischt, und stehen ihm nicht bei, wenn er in Not gerät. 2,3.
Wer Prozesse meidet, der entgeht der Feindschaft, dem Raub und dem Meineid. Wer sich bei der Rechtsentscheidung überhebt, ist töricht, frevlerisch und hochmütig. 4,9.
Halte dich fern von einem bösen Nachbar. Geselle dich nicht zu einem schlechten Menschen und wähne nicht, dass die Strafe ausbleiben werde. 1,7.
Mein Leben lang habe ich unter Weisen verbracht und habe gefunden, dass für den Menschen nichts heilsamer sei als Schweigen. 1,17.
Sprich wenig und tue viel. 1,15.
Spare mit deinen Worten bei der Frau, sei es eine fremde oder die eigne. Wer viel mit ihr schwatzt, zieht sich Böses zu, wird von der Thora abgelenkt und gerät am Ende in die Hölle. 1,5.
Vergnügungssucht und leichter Sinn lenken von Zucht und Sitte ab. Die mündliche Überlieferung ist ein Zaun für die geschriebene Gotteslehre. Die Zehntengaben bilden einen Damm gegen übermäßigen Reichtum, die Gelübde sind Gehege für die Mäßigkeit. Schweigen ist der Weisheit Zaun. 3,17.
Der Schlaf in den Morgen hinein, das Weingelage am Mittag, das Schwatzen mit Kindern, der Aufenthalt unter Ungebildeten führen zur Versumpfung. 3,14.
Verachte niemand und unterschätze nichts. Es gibt keinen Menschen, der nicht seine Stunde finden, und kein Ding, das nicht irgendwie zur Geltung kommen könnte. 4,3.
Ein Rabbi fragte einst seine Schüler: ›Was ist’s, worauf der Mensch im Leben den größten Wert zu legen habe?‹ Der eine sagte: ›Ein wohlwollendes Auge‹, der andere: ›Ein guter Freund‹, der dritte: ›Ein guter Nachbar‹, der vierte: ›Das Schauen der kommenden Dinge‹, der fünfte: ›Ein gutes Herz.‹ Der Rabbi schloss sich der letzten Ansicht an, weil in ihr alle andere enthalten ist. 2,13.
Vier Gemütsarten gibt es: schwer zu erzürnen und schwer zu besänftigen, leicht zu erzürnen und leicht zu besänftigen: bei beiden wiegt der Nachteil den Vorteil auf; schwer zu erzürnen und leicht zu besänftigen: das ist die Gemütsart der Frommen; leicht zu erzürnen und schwer zu besänftigen: das ist die Gemütsart der Frevler. 5,14.
Wer ist ein Held? Wer sich selbst beherrscht. Wer ist reich? Der mit seinem Lose zufrieden ist. Wer wird verehrt? Der die Menschen ehrt. 4,1.
Schönheit und Kraft, Reichtum, Ehre und Weisheit, hohes Alter und tugendhafte Kinder sind ein Schmuck der Frommen und ein Schmuck der Welt. 6,8.
Im fünften Lebensjahre ist der Mensch reif für das Lesen der Thora, im zehnten für das Lesen der Mischna, im dreizehnten für die Übung der göttlichen Gebote, im fünfzehnten für die Erklärung der Mischna, im achtzehnten für die Ehe, im zwanzigsten für den Lebensberuf, im dreißigsten gelangt er zu voller Kraft, im vierzigsten zu vollem Verstand, im fünfzigsten zu einsichtigem Rat, im sechzigsten zum gesetzten Alter, mit siebzig zum Greisenalter, im achtzigsten zum hohen Alter, im neunzigsten zum Verlöschen, im hundertsten ist er wie tot. 5,24.
Die jüdische Religion weist einen ausgesprochenen demokratischen Zug auf. Die altägyptischen Priester haben ihre heiligen Schriften, im Gegensatz zu den demotischen, volksgebräuchlichen, in einer dem Volke unverständlichen Schrift, den Hieroglyphen, abgefasst, um das Volk von den Geheimnissen der Religion fernzuhalten und um so fester an die Hierarchie zu fesseln. Aus demselben Grunde hat die katholische Kirche die Übersetzung der heiligen Schrift aus der dem Volke unverständlichen lateinischen Sprache in die Landessprache verboten. Im Pentateuch findet sich eine Reihe von Geboten und Verboten, die ausdrücklich als eine Reaktion gegen die ägyptischen Sitten und Gebräuche bezeichnet werden, so das Verbot des Totenkultus, worin ausdrücklich gesagt wird, dass man es nicht so wie die Ägypter machen solle. Ebenfalls im Gegensatz zu den Ägyptern scheint der Verfasser des Pentateuch vorgegangen zu sein. Er bedient sich einer durchaus volkstümlichen Sprache und mahnt das Volk auf das Nachdrücklichste, sich mit dieser Schrift eingehend zu befassen. ›Und du sollst von ihnen – den Geboten der Thora – reden, wenn du im Hause sitzest und auf dem Wege gehest, dich niederlegest und aufstehest‹ 5. B. M. 6,7. Ein zweiter charakteristischer Zug der jüdischen Religion ist die Verharrung bei dem einmal Festgesetzten. Andere Nationen pflegen die Gesetze, die mit den Zeitverhältnissen nicht mehr übereinstimmen, abzuändern oder ganz aufzuheben. Anders die Juden.
Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass sie tatsächlich vor dem Einzug in Kanaan in der Wüste geweilt und dort Gesetze erhalten haben, so könnte man ihn aus dem oben angeführten Gebote unzweideutig erbringen. Nur von einem in der Wüste sich aufhaltenden Volke, das von Nahrungssorgen nicht abgelenkt wurde, konnte man verlangen, dass es vom Morgen bis zum Abend sich unablässig mit der Schrift befassen sollte. Sobald die Hebräer in Kanaan eingewandert waren und sich dem Ackerbau ergeben hatten, war die Befolgung dieses Gebotes unmöglich geworden. Anstatt es aber aufzuheben, wurde es umgedeutet. Man legte das Schwergewicht dieses Gebotes auf die Schlussworte: ›Wenn du dich niederlegest und wenn du aufstehest.‹ Also nicht den ganzen Tag, sondern nur am Abend, kurz vor dem Schlafengehen, und nur am Morgen, kurz nach dem Aufstehen. Man hielt es auch nicht für erforderlich, täglich die ganze Thora zu studieren, sondern beschränkte sich auf einige ihrer wichtigsten Stellen. Als solche galten: ›Höre Israel, der Herr unser Gott, der Herr ist einzig. Du sollst deinen Gott lieben von ganzer Seele, von ganzem Herzen und von ganzem Vermögen …‹ 5. B. M. 6,4–9, u. a. Verse. Das Wort ›Höre‹, mit welchem die erste Stelle beginnt, lautet in der Schrift ›Schemá.‹ Nach diesem Worte wird die ganze Auslese bezeichnet. Nach einem alten jüdischen Brauche, der später umgangen wurde, durfte man die Worte der heiligen Schrift nicht auswendig hersagen, sondern man musste sie lesen, daher ›Keriat Schemá‹, ›Lesen des Schema.‹ An diese wahrscheinlich aus der frühesten biblischen Zeit stammende Rezitation knüpfte sich später die ›Tefilla‹, das Abend- und Morgengebet, das aus einer Reihe von Lobsprüchen besteht.
Unsere Mischna befasst sich mit der Frage, innerhalb welchen Zeitraums diese Rezitation stattzufinden hat. Mit andern Worten, welche Zeitpunkte unter ›Und wenn du dich niederlegest und aufstehest‹ gemeint sind. Die Zeitbestimmung des Keriat Schemá am Morgen behandelt sie im nächsten Kapitel. Hier sucht sie zunächst die des Abends festzustellen. Bei dieser Frage bedient sie sich des ungenauen Ausdrucks: ›Von wann an liest man das Schemá am Abend?‹ Genauer hätte es heißen müssen: ›von wann an bis wann.‹ Als Antwort gibt sie das Ergebnis einer Debatte wieder, die hierüber im Synedrion zu Jabne unter dem Vorsitz des Rabban Gamliel stattgefunden hat. Über die Anfangszeit waren alle einig, dass sie mit dem Zeitpunkt zusammenfällt, zu dem die Priester, die sich in religiösem Sinne verunreinigt hatten, nach erfolgter Reinigung eintreten (beginnen) durften, von der heiligen Gabe zu essen, ›… und wer irgendein Gewürm anrührt, dadurch er unrein wird … ist unrein bis zum Abend und soll von dem Heiligen nicht essen, sondern zuvor den Leib in Wasser baden, und wenn die Sonne untergegangen und er rein geworden ist, so mag er davon essen‹ 3. B. M. 22,7. Schwieriger war die Frage über die Endzeit. Hier musste man zu einer astronomischen Bestimmung greifen. Die Mehrheit des Synedrion, die ›Chakamim‹, die Weisen, entschieden sich für Mitternacht. Eines der Mitglieder hingegen setzte diesen Zeitpunkt auf das Ende der ersten ›Nachtwache‹, der Vorsitzende des Synedrion, Rabban Gamliel, sogar bis zum Erscheinen des Morgensterns. Unsere Mischna verweist noch auf einen Vorfall, wonach die Söhne des Gamliel in später Nacht von einem Gastmahl heimkehrten und auf die Frage, ob sie noch das Schemá lesen dürften, von ihrem Vater die Antwort erhielten, dass dies bis zum Erscheinen des Morgensterns gestattet sei. Auch die Chakamim, fügt die Mischna hinzu, seien dieser Ansicht; sie hätten aber grundsätzlich bestimmt, dass alle religiösen Wandlungen, die bis zum Aufsteigen des Morgensterns auszuüben sind, bis Mitternacht vollbracht sein müssen, da man sie sonst verschlafen könnte. Die Mischna führt noch zwei solcher Fälle an: das Verbrennen der Fettstücke und bestimmter Teile der Opfertiere, das in der dem Schlachttage folgenden Nacht geschehen muss; ferner das Verzehren der Opfer, das innerhalb eines Tages erfolgen muss.
Bemerkenswert ist, dass die Ansichten der Opponenten erwähnt werden, während die Mischna sonst ihrem kodifizierenden Charakter gemäß nur die geltenden Entscheidungen ausdrücklich hervorhebt. Endlich fällt auch die Erzählung auf, die von den Söhnen Gamliels eingestreut wird. Derartige Illustrationen sind sonst in der Mischna nicht gebräuchlich.
Von welcher Zeit an liest man das Schemá am Abend? Von der Zeit an, da die Priester hineingehen, von ihrer heiligen Gabe zu essen, bis zum Ende der ersten Nachtwache. Die Worte des Rabbi Elieser. Die Chakamim aber sagen: bis Mitternacht. Rabban Gamliel sagt: bis der Morgenstern aufsteigt. Es begab sich, dass seine Söhne vom Gastmahl kamen. Sie sprachen zu ihm: ›Wir haben (noch) nicht das Schemá gelesen.‹ Er erwiderte ihnen: ›Wenn der Morgenstern noch nicht aufgestiegen ist, seid ihr verpflichtet, zu lesen.‹ Und nicht dies allein haben sie gesagt, sondern überall, wo die Weisen gesagt haben: bis Mitternacht, gilt ihr Gebot: bis der Morgenstern aufsteigt. Das Abdampfen des Fettes und der Glieder, ihr Gebot gilt: bis dass der Morgenstern aufsteigt. Und alle (Opfer), die an demselben Tage verzehrt werden müssen, ihr Gebot ist: bis dass der Morgenstern aufsteigt. Wenn dem so ist, warum haben die Chakamim gesagt: bis Mitternacht? Um den Menschen von der Sünde fernzuhalten.
Scholie 1. Von welcher Stelle der Thora leitet die Mischna das Keriat Schemá ab? Warum wird der Abend dem Morgen vorausgeschickt? Zur Beantwortung dieser beiden Fragen verweist die Gemara auf 5. B. M. 6,7: ›Wenn du dich niederlegest und wenn du aufstehest.‹ Hieraus geht hervor, dass man zweimal am Tage das Schemá lesen muss, und dass ferner der Tag mit dem Abend beginnt. Als zweiten Beleg für die Tatsache, dass bei den Hebräern der Tag mit dem Abend beginnt, wird 1. B. M. 1,5 angeführt: ›Und es ward Abend und es ward Morgen, ein Tag.‹ In dem nächstfolgenden Mischnastück werden die Lobsprüche behandelt, die dem Schemá voraus- und nachgeschickt werden. Bei dieser Gelegenheit ist zuerst vom Morgen und dann vom Abend die Rede. Diesen scheinbaren Widerspruch erklärt die Gemara damit, dass die Mischna, die vorher bereits mit dem Abend begonnen hat, nunmehr mit dem Morgen fortfährt.
Der Mischnalehrer, worauf bezieht er sich, dass er lehrt: ›von welcher Zeit an?‹ Und dann, warum verändert er, indem er zuerst ›am Abend‹ lehrt. Sollte er doch zuerst vom Morgen lehren. Der Mischnalehrer bezieht sich auf die Schrift. Denn es ist geschrieben: ›Wenn du dich niederlegest und wenn du aufstehest‹, und er lehrt so: Wann ist die Zeit des Keriat Schemá beim Niederlegen? Von der Stunde an, da die Priester hineingehen, von ihrer heiligen Gabe zu essen. Und wenn du willst, sage ich: Er entnimmt es aus der Schöpfung der Welt. Denn es ist geschrieben: ›Und es ward Abend und es ward Morgen, ein Tag.‹ Wenn es so ist, hätte doch das letzte (das nächste Mischnastück), welches lehrt ›am Morgen sagt man zwei Lobsprüche vorher und einen nachher, und am Abend sagt man zwei vorbei und zwei nachher‹, zuerst mit dem Abend beginnen sollen. Der Mischnalehrer fängt an mit dem Abendlichen, dann lehrt er das Morgendliche, da er sich beim Morgendlichen befindet, erklärt er die Dinge des Morgens und dann erklärt er die Dinge des Abends.
Scholie 2. Wir haben bereits die im 3. B. M. 5–7 angeführte Bestimmung kennengelernt, wonach der unrein gewordene Priester erst dann vom Heiligen wieder essen darf, wenn die Sonne untergegangen ist und er sich gereinigt hat. Dieser Satz lautet im hebräischen Texte: ›u-ba ha-schemesch we-taher‹ – ›und die Sonne ist gekommen, und er ist rein.‹ Unter ›die Sonne ist gekommen‹ kann man ebenso gut den Anfang wie das Ende des Sonnenuntergangs verstehen. [Die Gemara bedient sich hierbei unklarer Bezeichnungen. Sie nennt den Anfang des Sonnenunterganges ›Biat oro‹ – ›das Kommen seines Lichtes‹, und das Ende ›Biat schimscho‹ – ›das Kommen seiner Sonne.‹ ›Seiner‹ bezieht sich auf den Priester.] Ebenso zweideutig ist der Ausdruck ›we-taher‹ – ›und er ist rein.‹ Er kann sich auf den Priester beziehen und also besagen, dass dieser sich beim Sonnenuntergang reinigen muss. In diesem Falle muss man unter ›die Sonne ist gekommen‹ den Anfang des Sonnenunterganges verstehen. Er kann sich aber auch auf den Tag beziehen und ›zu Ende gehen‹ bedeuten. So lautet eine babylonische Redewendung: ›Die Sonne ist untergegangen und der Tag ist rein geworden.‹ In diesem Falle darf der Priester von der heiligen Gabe essen, wenn die Sonne untergegangen ist, gleichviel ob er die zur Sühnung vorgeschriebene Waschung vorgenommen hat oder nicht. Unter ›und die Sonne ist untergegangen‹ muss dann das Ende des Sonnenunterganges verstanden werden. Die Gemara hält die letztere Deutung für richtiger, weil es sonst ›wa-jithar‹ – ›und er soll gereinigt sein‹, und nicht ›we-taher‹ (Perfektum) hätte heißen müssen. Während es beim Sonnenuntergang bezüglich des Priesters nicht zweifelsfrei ist, ob es sich um den Anfang oder das Ende handelt, ist die Anfangszeit des Keriat Schemá am Abend entschieden am Ende des Sonnenuntergangs oder, genauer, wenn die Sterne hervortreten. Das geht unzweideutig aus den Worten ›wenn du dich niederlegest‹ hervor. Unsere Mischna hätte auch auf die Frage, von wann an das Schemá am Abend gelesen wird, direkt antworten können: ›Von der Zeit, da die Sterne hervortreten.‹ Sie zog es aber vor, auf die Priesterzeit hinzuweisen, um bei dieser Gelegenheit zu entscheiden, dass darunter das Ende und nicht der Anfang des Sonnenuntergangs zu verstehen ist, und demgemäß das Fähigwerden der Priester, von der heiligen Gabe zu essen, das nicht von der zur Sühne vorgeschriebenen Waschung abhängt.
In Palästina oder – wie es der Redaktor unserer Gemara nennt – im Westen war den Amoräern dieser Beweis, dass u-ba hasche-mesch Ende des Sonnenunterganges bedeutet und we-taher sich auf den Tag bezieht, nicht bekannt. Sie erbrachten ihn aus einer Mischna, die in das Mischnawerk des Rabbi Jehuda nicht aufgenommen wurde und daher ›Borajta‹, die Auswärtige oder Apokryphe, heißt.
Der Herr hat gesagt: ›Von der Zeit an, da die Priester hineingehen, von ihrer heiligen Gabe zu essen.‹ Fürwahr, wann essen die Priester von der heiligen Gabe? Doch von der Zeit an, da die Sterne hervortreten. Sollte er doch lehren: ›Von der Zeit an, da die Sterne hervortreten.‹ Er lässt uns eine Sache nebenbei hören: Wann essen die Priester von der heiligen Gabe? Von der Zeit an, da die Sterne hervortreten. Und er lässt uns hören, dass die Sühnung nicht hindere. Wie gelehrt wurde: ›u-ba haschemesch we-taher‹ – das Kommen seiner Sonne hält ihn vom Genuss der heiligen Gabe ab, und nicht hält ihn seine Sühnung vom Genuss der heiligen Gabe ab. Und woher, dass dieses uba haschemesch, das Kommen der Sonne, und we-taher ›der Tag hat sich gereinigt‹, bedeutet? Vielleicht bedeutet es das Kommen seines Lichtes, und was ist we-taher? Der Mensch hat sich gereinigt. Es sagte Rabbabar Rab Schila: ›Wenn dies so wäre, hätte die Schrift sagen müssen: ›wa-jithar‹, was ›we-taher‹? Der Tag hat sich gereinigt. Wie die Menschen sagen: ›Die Sonne ist untergegangen und der Tag ist rein geworden.‹ Im Westen ist ihnen dieses von Rabba bar Rab Schila nicht bekannt gewesen, und sie fragten: ›Ist dieses u-ba haschemesch ein Untergang seiner Sonne und dieses we-taher ›der Tag hat sich gereinigt‹ oder das Kommen seines Lichtes, und was ist we-taher? Der Mann hat sich gereinigt. Und alsdann haben sie es abgeleitet von einer Borajta. Weil gelehrt wurde in der Borajta: ›Ein Zeichen für die Sache ist das Hervortreten der Sterne.‹ So ist daraus zu entnehmen, dass es der Untergang seiner Sonne ist. Und was ist we-taher? Der Tag hat sich gereinigt.
Scholie 2. Anhang 1. In einer andern Borajta wird der Beginn und das Ende des Keriat Schemá am Abend nach der Zeit bestimmt, in der ›der Arme‹, womit der Tagelöhner oder Arbeiter im Gegensatz zu den Bürgern, die ›Menschen‹ genannt werden, gemeint ist, sein Abendbrot zu verzehren beginnt und damit zu Ende ist. Dass die hier angegebene Endzeit mit denen unserer Mischna nicht übereinstimmt, ist ohne Weiteres zu ersehen, wohl aber sind die beiden Anfangszeiten einander gleich, oder, wie sich die Gemara ausdrückt: ››der Arme‹ und ›der Priester‹ ist dieselbe Zeitbestimmung.‹
Der Herr hat gesagt: ›Von der Zeit an, da die Priester anfangen, von ihrer heiligen Gabe zu essen.‹ Dem wurde entgegengehalten: ›Von wann an liest man das Schemá am Abend? Von der Zeit an, da der Arme sein Brot mit Salz zu essen beginnt, bis zu der Zeit, da er von seinem Mahle aufsteht, um sich zu entfernen.‹ Das Ende widerspricht entschieden unserer Mischna. Der Anfang aber, sollen wir sagen, dass er unserer Mischna widerspricht? Nein. Der Arme und der Priester ist dieselbe Zeitbestimmung.
Scholie 2. Anhang 2. In einer Borajta werden zwei verschiedene Bestimmungen über die Anfangszeit des Keriat Schemá am Abend angeführt. Nach Rabbi Meir beginnt sie, wann ›die Menschen‹ am Vorabend des Sabbat zu speisen anfangen. Die Chakamim hingegen vertreten die in unserer Mischna bereits angeführte Zeitbestimmung: ›der Priester.‹ Als Zeichen dafür geben sie das Hervortreten der Sterne an. Für dieses Zeichen, fügen sie hinzu, ist in der Bibel wohl kein Beweis, aber doch eine Andeutung vorhanden. Im Buche Nehemia 4,15 wird nämlich erzählt, welche Maßnahme die aus Babylonien heimgekehrten Juden beim Wiederaufbau Jerusalems getroffen haben, um sich gegen die Überfälle der ihnen feindlich gesinnten Landbevölkerung zu schützen. ›Und wir arbeiteten‹, lautet der Bericht, ›an dem Werke, und die Hälfte hielt die Lanzen vom Aufgange der Morgenröte bis zum Hervortreten der Sterne.‹ (Diese Stelle ist, nebenbei bemerkt, nicht in Ordnung. Dem Wortlaute nach haben die Bewaffneten vom Morgen bis Abend Wache gehalten, während sie es in Wirklichkeit nur des Nachts getan haben. In dem folgenden Vers wird auch ausdrücklich hervorgehoben: ›So ward uns die Nacht zur Wache und der Tag zur Arbeit.‹ Die Chakamim gehen indessen über diesen Widerspruch stillschweigend hinweg. Ihnen kommt es hier einzig auf die Feststellung an, dass der Erzähler den Tag mit dem Aufgang der Morgenröte beginnen und mit dem Hervortreten der Sterne enden lässt.) Freilich würden für diese Feststellung die Worte: ›Vom Aufgang der Morgenröte bis zum Hervortreten der Sterne‹ allein nicht genügen. Man könnte nämlich einwenden, dass der gewöhnliche Arbeitstag in Wirklichkeit mit dem Sonnenaufgang beginnt und mit dem Anfang des Sonnenunterganges endet, die Juden aber, die am Bau Jerusalems arbeiteten, hätten in ihrem Eifer für das Werk schon vor dem Morgen angefangen und bis zum Anbruch des Abends gearbeitet, oder, wie die Gemara, die die umgekehrte Reihenfolge gebraucht, sich ausdrückt: ›Sie hätten gedunkelt und gefrüht.‹ Um diesem Einwand zu begegnen, führen die Chakamim auch noch den folgenden Vers an: ›So ward uns die Nacht zur Wache und der Tag zur Arbeit.‹ Daraus, meinen sie, geht unzweideutig hervor, dass es sich hier um einen gewöhnlichen Arbeitstag handelte und dass der Tag also mit dem Hervortreten der Sterne oder, was dasselbe ist – mit dem Ende des Sonnenunterganges endet. Die Gemara stellt nun fest, dass erstens ›der Priester‹ und ›die Menschen‹ nicht dieselbe Zeit ist, da sonst Rabbi Meir mit dem Chakamim übereinstimmen würde, dass zweitens ›der Arme‹ und ›der Priester‹ dieselbe Zeit ist, dass drittens daraus geschlossen werden muss, dass ›der Arme‹ und ›die Menschen‹ verschieden sind.
Und sie hielten dem entgegen: Von wann an beginnt man das Schemá am Abend zu lesen? Von der Zeit an, da die Menschen an den Vorabenden der Sabbate ihr Brot zu essen beginnen. Worte des Rabbi Meir. Die Chakamim aber sagen, von der Zeit an, da die Priester fähig sind, von ihrer Hebe zu essen. Ein Zeichen für die Sache ist das Hervortreten der Sterne. Und obwohl kein Beweis für die Sache vorhanden ist, so ist doch dafür eine Andeutung da. Denn es heißt: ›Und wir arbeiteten an dem Werke, und die Hälfte hielt die Spieße vom Aufgang der Morgenröte bis zum Hervortreten der Sterne.‹ Und dann sagt er: ›Und die Nacht ward uns zur Wache und der Tag zur Arbeit.‹ Wozu: ›und dann sagt er‹? Und wenn du sagen wolltest, von der Zeit an, wo die Sonne untergegangen ist, ist es Nacht, jene aber haben gedunkelt und gefrüht, komm und höre: ›Und die Nacht ward uns zur Wache und der Tag zur Arbeit.‹ Du denkst doch wohl, dass ›der Arme‹ und ›die Menschen‹ dieselbe Zeit ist? Und wenn du sagst: ›der Arme‹ und ›der Priester‹ ist dieselbe Zeit, sind doch die Chakamim wie Rabbi Meir. Ist also daraus zu entnehmen, dass ›der Arme‹ eine besondere Zeit ist und ›der Priester‹ eine besondere Zeit ist? Nein. Der Arme und der Priester ist dieselbe Zeit und der Arme und die Menschen ist nicht dieselbe Zeit.
Scholie 2. Anhang 3. In einer dritten Borajta äußeren sich fünf Tannaiten über die Anfangszeit des Keriat Schemá am Abend. Rabbi Jehoschua sagt: ›Von der Zeit, da die Priester gereinigt sind, um von ihrer Hebe zu essen‹; Rabbi Chanina: ›Da der Arme sein Brot mit Salz zu essen beginnt‹; Rabbi Achai oder Acha: ›Da die Menschen ihr Abendbrot zu verzehren beginnen‹, (wörtlich: ›sich anlehnen.‹ Das Abendbrot als Hauptmahlzeit verzehrte man nämlich liegend); Rabbi Elieser: ›Da der Tag an den Vorabenden der Sabbate heilig wird‹; Rabbi Meir: ›Da die Priester baden, um von ihrer Hebe zu essen.‹ Gegen die letzte Ansicht wendet Rabbi Jehuda ein, dass die Priester doch während des Tages das Bad zu nehmen pflegen. Die Gemara entnimmt nun aus dem Gegensatz zwischen Rabbi Jehoschua und Rabbi Chanina, dass die oben erfolgte Feststellung, wonach ›der Priester‹ und ›der Arme‹ dieselbe Zeit sei, irrig war. Ferner folgert die Gemara, dass unter allen hier angeführten Zeiten ›der Arme‹ die späteste ist, sonst würde sie mit der des Rabbi Elieser zusammenfallen.
Sind denn der Arme und der Priester dieselbe Zeit? Und sie hielten dem entgegen: ›Von wann an beginnt man das Schemá am Abend zu lesen? Von der Zeit an, da der Tag heilig wird an den Vorabenden der Sabbate. Worte des Rabbi Elieser. Rabbi Jehoschua sagt: ›Von der Zeit an, da die Priester gereinigt sind, um von ihren heiligen Gaben zu essen.‹ Rabbi Meir sagt: ›Von der Zeit an, da die Priester baden, um von ihren heiligen Gaben zu essen.‹ Es sagte Rabbi Jehuda zu ihm: ›Fürwahr, die Priester baden doch während es noch Tag ist.‹ Rabbi Chanina sagt: ›Von der Zeit an, da der Arme sein Brot mit Salz zu essen beginnt. Rabbi Achai, und nach manchen Rabbi Acha, sagt: ›Von der Zeit an, da die meisten Menschen, sich anzulehnen beginnen.‹ Und wenn du sagst, der Arme und der Priester sei dieselbe Zeit, so wäre doch Rabbi Chanina wie Rabbi Jehoschua. Ist also daraus zu entnehmen, dass die Zeit des Armen anders ist und Zeit des Priesters anders ist? Entnimm daraus.
Welche von ihnen ist später? Es leuchtet ein, dass die des Armen später ist. Denn wolltest du sagen, die des Armen sei früher, so wäre Rabbi Chanina wie Rabbi Elieser. Ist also daraus zu entnehmen, dass die des Armen später ist? Entnimm daraus.
Scholie 2. Anhang 4. Nach der Ansicht des Rabbi Jehuda liegt zwischen dem Anfang und dem Ende der Abenddämmerung, das mit dem Hervortreten der Sterne zusammentrifft, ein Zeitraum, in dem man eine halbe Mil (eine Mil = 2000 Ellen) zurücklegen kann. Von dieser Ansicht ausgehend, hatte also Rabbi Jehuda recht, wenn er gegen Rabbi Meir einwandte, dass der Zeitpunkt für den Beginn des Keriat Schemá am Abend, der nach allgemeiner Übereinstimmung nach dem Hervortreten der Sterne beginnt, nicht mit der Zeit zusammenfallen kann, in der die Priester die Sühnewaschung, die vor der Dämmerung erfolgen muss, vornehmen. Nach einer anderen Ansicht aber, die von Rabbi Jose vertreten wird, gibt es bei der Abenddämmerung keinen Anfang und kein Ende, sie tritt vielmehr in dem Augenblick ein, da die Sterne sichtbar werden. Rabbi Meir, meint nun die Gemara, schließt sich der letzteren Ansicht an. Die Priester können demnach die Sühnewaschung kurz vor dem Sichtbarwerden der Sterne vornehmen. Hingegen liegt ein Widerspruch zwischen dieser und der von ihm in der vorher angeführten Borajta angegebenen Zeit vor, da ›die Menschen‹ ihr Abendbrot am Freitagabend später zu verzehren beginnen, als die Priester die Sühnewaschung vornehmen. Ebenso steht die in dieser Borajta angeführte Ansicht des Rabbi Elieser im Widerspruch mit unserer Mischna, in der er nur der von den andern vertretenen Endzeiten widerspricht, gegen die allgemeine Ansicht aber, wonach das Keriat Schemá mit der Priesterzeit beginnt, nichts einwendet; woraus geschlossen werden muss, dass er damit einverstanden ist. Die Gemara erklärt nun die beiden Widersprüche damit, dass zwei Tannaim die Ansicht des Rabbi Meir und des Rabbi Elieser in zwei verschiedenen Fassungen überliefert haben. Es kann aber auch sein, meint sie, dass Rabbi Elieser sich trotz des Stillschweigens der in dem Vordersatz unserer Mischna ausgesprochenen allgemeinen Ansicht nicht anschließt; demnach läge also bei ihm kein Widerspruch vor.