Erwin Strittmatter

Nachrichten aus meinem Leben

Aus den Tagebüchern 1954–1973

Herausgegeben von Almut Giesecke

Inhaltsübersicht

Tagebücher 1954–1973

1.7.1954–19.12.1954

1.1.1955–29.12.1955

1.1.1956–19.12.1956

1.1.1957–31.12.1957

1.1.1958–31.12.1958

1.1.1959–6.2.1959

23.6.1960–Ende 1960

6.1.1961–7.1.1962

9.1.1962–24.12.1962

7.1.1963–31.12.1963

2.1.1964–4.1.1965

22.1.1965–7.12.1965

3.1.1966–5.12.1966

6.12.1966–31.12.1967

2.1.1968–31.12.1968

6.1.1969–31.12.1969

3.1.1970–25.12.1970

2.1.1971–16.11.1971

20.1.1972–31.12.1972

1.1.1973–31.12.1973

Anhang

Nachwort

Anmerkungen

Chronik

Abkürzungsverzeichnis

Werkregister

Personenregister

Zu dieser Ausgabe

Informationen zum Buch

Über Erwin Strittmatter

Impressum

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

Im Gedenken an Eva Strittmatter, die diese Edition anregte, aber nicht mehr daran mitwirken konnte. Nach schwerer Krankheit starb sie am 3. Januar 2011.

1954

[1. Juli 1954]

Nach Schulzenhof mitnehmen:

Lampenkabel

Sämereien

Geld

Fahrradscheine

Wasch- und Rasierzeug

Altbrot

Kater

Hella

1 Decke

[…]

Nach Buckow:

Notizen über Kreidekreis

Katzgraben

Wasserprojekt

»Tinko«-Fahnen

Wegen Theaterhonorare mit Brecht sprechen.

[…]

7.VII.54

Garten

Mangold 40 cm-Reihen

Möhren 20cm mit Salat oder Radies mischen

Herbstrüben säen

Winterendivien erst aussäen

Kohlrabi säen

Winterrettich

Blumenkohl pfl.

Grünkohl pfl.

[…]

17.VII.54

Aus dem Konsum:

Mundspülglas

Natron

Feuerzeugbenzin

Hundenapf

Spankorb

Butter

18.VIII.54

»Es ist besser klein zu sein, denn die meiste Arbeit ist unten«, sagte die kleine Frau Hoffmann, als sie beim Kirschenpflücken die höheren Äste nicht erreichen konnte. […]

17.X.54

Ich traf zwei Schauspieler vom Ensemble. Sie waren empört, dass sie bei der Volkswahl nur die Möglichkeit hatten, den ihnen überreichten Wahlzettel mit den Kandidaten des Friedens in die Wahlurne zu stecken. »Seid ihr denn nicht für den Frieden?« fragte ich sie. »Ja«, antworteten sie, »aber so nicht.« »Na, wie denn?« […]

18.X.54

[…]

Die Eva-Mutter fuhr fort. Die sie am liebsten haben, standen am Weg und winkten: Der Vater und Ilja, Pit rannte sogar ein Stück hinter Eva-Mutters Fahrrad her. […]

20.X.54

Sonne, gelbe Baumkronen, die sich lichten. Ich pflücke die bunten Äpfel. Aus den Haselbüschen schreit der Tannenhäher. Mein kleines Pferd grast neben mir. Sein Rupfgeräusch hat etwas beruhigendes. Ab und zu schaut das Pferdchen zu mir herüber. Ich pflücke die bunten Äpfel in einen blauen Kescher. Ein Handwagen voll reifer Früchte. Der blaue Herbsthimmel darüber. Leise rauscht der Wald. – Glück.

Der Apfeldieb

Als die Äpfel noch an den unteren Zweigen hingen, naschte Brandy gern einmal davon. Äpfel sind schließlich für die Winterabende und keine Pferdekost. Ich erntete die unteren Äste ab in der Meinung, Brandy die Gelegenheit, die Diebe macht, entzogen zu haben. Heute musste ich erleben, wie er trotzdem an die reifen Früchte zu kommen wusste: Er zog einfach an einem herabhängenden Ast, rüttelte ihn hin und her, und aus der Apfelbaumkrone fielen ihm die schönsten Äpfel vor’s Maul. – Das war eine Erfahrung für Brandy und für mich. […]

21.X.54

[…]

Wir fuhren um Holz. Der Weg am Thörn-See war abschüssig. Der schmalspurige Wagen kippt. Wir kullerten die Böschung hinunter. Ich war sofort wieder hoch und sah, wie sich der Wagen in Stücke auflöste. An jedem Baum blieb etwas hängen. Brandy ging mit den Vorderrädern und der Schere durch. Schliesslich fielen die Vorderräder ab. Mit der Schere preschte das Pferdchen zwischen die Bäume hindurch. Ich rannte hinterdrein. »Wenn er nur nicht stürzt, wenn er sich nur nicht die Beine bricht«, jammerte es in mir. Erst während des Laufens dachte ich an Christa und Ilja, die mit auf dem Wagen waren. Es ist nichts und niemand etwas passiert, aber ich schämte mich, dass ich zuerst an das Pferd und dann an die Menschen gedacht hatte. […]

29.X.54

[…]

In Gransee gewesen. Beim Rat des Kreises, Abt. Materialversorgung versucht eine Bescheinigung zu erhalten, um im Sägewerk Abfallbretter kaufen zu können. Schulterzucken, Ausflüchte, Abweisung. Ich legte meinen Nationalpreisträger-Ausweis auf den Tisch. Da erhielt ich sogar nicht nur Abfallbretter, sondern gute Bretter. Wann endlich wird sich der Deutsche das Kriechen abgewöhnen? […]

30.X.54

[…]

Wenn du etwas sehen willst, was schöner glänzt als Seide, dann nimm die Taschenlampe und geh nachts in den Pferdestall. Da wirst du staunen, wie das Fell meines kleinen Hengstes glänzt.

31.X.54

Beim Holzeinfahren sah ich von einer Höhe auf den grossen Thörnsee. Mit seinem gilbenden Schilf und den widerspiegelnden gilbenden Laubbäumen sah er aus wie ein alterndes Auge. Das alternde Auge der Erde.

Erziehung von Kindern und Dressur von Tieren ist eine Sache der Konsequenz. Kinder erziehen fällt mir schwer. Tiere dressieren leicht. Nicht, dass es mir in solchen Fällen an Konsequenz ermangele, aber Kinder beanspruchen einen auch dann, wenn man sich aus zeitlichen Gründen nicht mit ihnen abgeben möchte.

Eine stille Stunde im Walde, um meine bis zur Raserei gespannten Nerven zu beruhigen. In diesem Zustande muss ich mich vor Menschen hüten, weil ich dann ungerecht werde. […]

Der letzte Tag für Glühwürmchen war bis jetzt der 10. Oktober. Das stand fest wie ein Termin, weil ich vor 22 Jahren am Geburtstag meines Bruders mit einem Mädchen durch den Wald ging, und die »letzten« Glühwürmchen »bewunderte«. Dieses Jahr sah ich die letzten am 28. Oktober, und es ist nicht heraus, ob es wirklich die letzten waren. […]

13.XI.54

Gedacht:

Wenn ich’s in der Stadt mit meinen Künstlerkollegen zu tun habe, denke ich oft: Sie wissen allerlei in der Kunst, aber ich weiss davon auch fast soviel wie sie. Was wissen sie aber zum Beispiel von der Landwirtschaft, von der Viehzucht, der Waldwirtschaft, der Gärtnerei usw.?

Wenn ich’s mit meinen Freunden unter den Bauern zu tun habe, denke ich: Sie wissen allerlei von der Landwirtschaft, von der Viehzucht, der Waldwirtschaft, der Gärtnerei usw, aber ich weiss davon auch fast soviel wie sie. Was wissen sie aber zum Beispiel von der Kunst?

Dann drängt sich mir die Frage auf: Kann ich bei meiner universellen Veranlagung je in einem Fache Meisterschaft erlangen. Gehört zur Meisterschaft in einem Fache nicht Blindheit anderen Fächern gegenüber? […]

19.XII.54

Kann man im Flugzeug schreiben? – Man kann. Jetzt liegt Warschau, die erste Zwischenlandestation hinter uns.

[…] Ich warte gespannt auf den Augenblick, an dem wir nach unten gehen, die Wolkendecke durchstossen werden und eine ganz unbekannte Landschaft vor uns haben werden. […]

Herzliche Begrüssung auf dem Flugplatz in Moskau. Alles küsst sich nach russischer Art. Stefan Heyms Frau ist zum Flugzeug gekommen. Ich steh ein wenig abseits und allein da. Ich habe hier noch keine Bekannten. […]

An der Abendtafel will mich Verzagtheit beschleichen. Die Gespräche sind so intellektuell. Ich komme mir vor, wie einer, der nichts weiss. Alle, besonders die deutsch-sprechenden sowjetischen Genossen tragen ihre Meinungen über Dichter und literarische Werke vor, als ob es sich um geschriebene Gesetze handele. Alles wird abgemessen. Das werde ich wohl nie können. Willi B. hilft sich durch Spässe und Wortspiele. Anna Seghers scheint meine Beklommenheit zu spüren. Sie lobt mich, nennt mich ein tüchtiges, neues deutsches Talent und weiss nicht, dass sie mich damit in Verlegenheit stürzt und meine Lage verschlimmert. Aus Verzweiflung ziehe ich Flugzeugwatte aus der Rocktasche und kündige zu Anna gewandt an, dass ich mir damit die Ohren verstopfen werde. Einen Toast muss ich trotzdem über mich ergehen lassen. […]

Ach, hätte ich Evchen hier, um mich allabendlich mit ihr über das Gesehene und Gehörte zu verständigen! Wie sehr ich diese tägliche »Einordnung« nötig habe, fühle ich jetzt noch mehr als sonst. […]

1955

1. Januar 55

Die Nacht ist Schnee gefallen. Die Schneeschicht ist noch dünn; man durchtritt sie. Der Himmel ist bis 2h nachmittags schneegrau-wolkig. Nach 2h tritt für eine halbe Stunde die Sonne durch. Das Sonnenlicht wird durch ganz dünne Wolken gefiltert. Der Neuschnee glitzert. Es ist nicht kalt, vielleicht 1–2°. Um drei Uhr hat sich der Himmel wieder bezogen. Zwischen 16 + 17h dunkelt es.

Wir gingen mit Evchen zum grossen und kleinen Thörn-See und freuten uns über die Stille. Zweimal flogen Wildgänse über den Wald. Einmal waren es mehr als hundert Stück. Sie flogen in der bekannten Winkelform, nur war der eine Schenkel des Winkels lückenhaft. Die Gänse hielten jedoch trotz der Lücken eine gerade Schenkellinie ein. Einmal sahen wir etwa 50 Gänse aus dem Grossen Thörnsee aufsteigen. Sie flogen zuerst dicht an dicht und wirr durcheinander. Über dem Wald aber konnten wir sehen wie sie sich zu formieren begannen. Der Abstand von Gans zu Gans wurde grösser.

13. Jan. 1955

Betriebsgruppen-Sitzung

Parteileitungswahl. Zwei Tage wird diskutiert. Rechenschaftsbericht. Kandidatenvorschläge. Es stellt sich heraus: Das Vertrauen der gesamten Belegschaft gehört solchen Leuten, die schon mehrere Funktionen haben. Andere Funktionen kann man ihnen nicht abnehmen. Wird’s also wieder so, dass die Arbeit der Leitung nur halb gemacht werden kann. Ein teuflischer Kreis! Es mangelt an »Menschen«.

15. Jan. 55

Einen Tag nicht geschrieben – einen Tag nicht gelebt.

[…]

26.VI.55

[…]

Ich sehe:

Sehr oft die Losung: »Der Marxismus ist kein Dogma …« Trotzdem gibt es gerade in unserer Kommunistischen Partei in der DDR überwiegend Dogmatiker, »Parteikatholiken«. […]

Zugegeben, in den ersten Jahren nach 1945 gab es weniger Parteibürokratismus. (Parteikatholiken waren sofort da!) Mit den Jahren aber wird immer weniger überzeugt und mit den »Massen« gesprochen, sondern kommandiert. Diese Methode kommt den »Parteiunteroffizieren« entgegen. Sie »schaffen« in Wirklichkeit nichts. Die Einschüchterung ist gar nichts (das zeigte der 16. und 17. Juni 1953). Überzeugen an Hand von ökonomischen Verbesserungen der Lebenslage des zu Überzeugenden ist alles. Ja, es gibt viele Menschen, die nehmen sogar vorübergehend ökonomische Verschlechterungen ihrer Lebenslage in Kauf, wenn man ihnen (nachhaltig) erklärt, weshalb das nicht anders sein kann. Gegen Ungereimtheiten und Zwecklügen, wie sie in der Argumentation unserer Funktionäre gang und gäbe sind, sind sie misstrauisch. Es widerstrebt ihnen, sich verdummen zu lassen! Das sollte man bei ihrer Vergangenheit als Positivum werten.

20.VII.55

Ich sehe:

Bei uns ist der Sozialismus oder der Anfang dazu eingerichtet worden. Die sowjetischen Einrichter wie die deutschen Einrichter betrügen sich ein wenig selbst. Menschlich. Die wirkliche Verfassung der Einrichtung ist wohl den wirklich führenden Genossen in der SU am 17. Juni 1953 klargeworden. […]

[Ende August 1955]

Bei Brecht besprechen:

Revolutionäre Situation in Westdeutschland usw.

Jugoslawien

Der Fall Nico Rost

Einstein als lit. Vorwurf

Bericht über Westdeutschland

31.VIII.55

Stimmungsbild

Die ersten ausgiebigen Morgennebel. Heini zwei Tage hier. Wir fahren Lehm und Sand für den Töpfer. Machen eine Belastungsprobe mit Pony Pedro. Knut richtet eine neue Taubenzucht ein.

Grummet noch nicht gemäht. Alle Tage Gurken. Pilze wachsen immer noch nicht. […]

Doll. 4.IX.55

Stimmungsbild

Gestern morgens zogen noch einmal die Kraniche über den Hof. Die jungen Schwalben hocken nur noch nachts im Nest.

Immer noch Spätsommer. Die schönen Buchen im Naturschutzgebiet am Nehmitz-See! Evchen und ich auf dem Klipper-Klapp. Die untergehende Sonne strahlt Kiefern und die Buchenlaubschirme von unten an. »Wenn man bedenkt, dass das hier immer so schön ist, ob wir vorbeifahren oder nicht«, sagt Evchen.

Füttern schon im Dunkel. Knut geht mit der Stallaterne hin und her. Duft von verbranntem Petroleum. Kindheitserinnerung. – Man freut sich schon auf die abendliche Stube

16.IX.55

[…]

Der Apfelbaum

Wir rannten zur Bahnstation. Der Zug war schon abgefahren. Da wir schweissnass waren, und da es Februar und Winter war, liefen wir an den Schienen entlang bis zur nächsten Station, um die Schweisskühle loszuwerden. Die Station war eine Bretterbude. Wir froren. Der Zug liess auf sich warten. Wir sammelten Holz am Waldrand und machten Feuer im Öfchen der Station. Eva schlief sogar in der sanften Wärme, an meine Schulter gelehnt, ein.

Das war vor fast zwei Jahren, als wir ein Landhäuschen für uns suchen gingen.

Den Apfelbaum in der Nähe der Bretterbude sah ich erst heute, obwohl ich damals sicher auch von seinen Fallzweigen für unser Öfchen genommen haben werde.

So etwas von einem Apfelbaum! Seine Krone war wie ein Berg rotbäckiger Äpfel mit grünen Blättern dazwischen. Er gehört zu den Bäumen, die ein Gesicht haben, die man nie vergisst. Jetzt werde ich immer diesen Baum haben, wenn ich dort vorüberfahre. Ich werde sehen, wie er sich zu allen Jahreszeiten benimmt.

Doll. 3.X.55

[…]

Ernte

Höchste Maisstaude 3.10m

Höchste Topinamburstd. 2.50m

und

eben kam ein Telegramm, das besagte, es sei mir für meinen Roman »Tinko« der Nationalpreis verliehen worden. […]

Doll. 16.X.55

Stimmungsbild

Herbstnässeln. Tropfen auf letzte Baumblätter im Dunkel. Der Duft des modernden Laubes auf dem Rasen. Das Pferd am Halfter. Sein warmes Schnauben und der scharfe Duft der nassen Pferdehaut. Die verbündete Pferdekraft an meiner rechten Hand, der ich mich jederzeit bedienen kann. Auf den Tierleib schwingen, davonjagen.

Auch wenn der Regen prasselte, auch wenn es stürmte, wo immer und in welchem Lande diese Dinge zusammenkämen und kommen, dort wäre und ist Heimat. Das sind die Düfte, die Geräusche und die Gefühle der Kindheit. Wo sie wieder ersteht, ist Heimat. […]

Berl. 25.X.55

Tagwerk

Nach Berlin. Wir haben uns über acht Tage nicht gesehen. Da wir intensiv erleben, zählt jetzt jeder Tag zehn frühere Tage unseres Lebens. Bis hoch in die Nacht haben wir uns Erlebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse mitzuteilen.

Berl. 27.X.55

Tagwerk

Besorgungen. Nachmittags Jury-Sitzung im Kulturministerium. Freundschaftliches Wiedersehen mit Peter Huchel. In Dramatik sind lauter undiskutable Arbeiten eingereicht worden. In der Epik glaube ich einen Martin Selber entdeckt zu haben.

Abends Kurt Stern bei uns. Vordergründige Gespräche, die sich meist auf den Schematismus im politischen Leben beziehen. Man lernt sich erst langsam kennen.

Doll. 30.X.55

[…]

Trotz gegenteiliger Meinung ist man mit einem Kunstwerk noch so ziemlich allein. (Eva ausgenommen; denn Eva ist ich, und ich bin Eva). Entweder es ist ein Kunstwerk oder es ist keines.

Man versuche zum Beispiel sein Werk, nachdem man es für einigermassen fertig hält, nach den vielen (oft sogar gut gemeinten), aber sich widersprechenden Ratschlägen von Freunden und Genossen zu »verbessern«, und man wird alles andere als ein Kunstwerk übrig behalten; und wenn es zuvor eines war, dann kann man danach die Trümmer zusammenlesen.

Doll. 13.XI.55

Ausgebrannt und ausgedorrt scheinen Herz und Hirn. Man musste in den letzten Tagen soviel ausgeben, soviel reden.

Daneben aber wurden Erkenntnisse gewonnen. Ich studierte Aphorismen von Tagore und Aufzeichnungen von Einstein. Beiden ist das gemeinsam, was Einstein »kosmische Religion« oder »Religiosität« nennt. Mir wird immer klarer, wie richtig und wichtig Marxismus und Leninismus sind; für einen philosophisch basierten Kopf aber sind sie allerdings Nahziel – minimales Programm. Aber wie gut tut es, wenn man weiss, dass man den richtigen Weg zum Fernziel und zur Verwirklichung des Maximalprogramms geht.

21.XI.55

Tagwerk

530 hoch. 1 Seite Novelle »Der Ball fand nicht statt«. Abschrift der ersten 50–60 Seiten vom »Wundertäter« für die NDL. Dabei noch stilistisch gefeilt und umgeschrieben. 5 Briefe geschrieben. Jauche geschöpft. Komposthaufen gerichtet. Topinambur-Knollen gehackt. Gelesen: Hamsun »Die Liebe ist hart«. Lenin »Empiriokritizismus«. Zeitungen.

Berl. 24.XI.55

Tagwerk

800 hoch. Den ganzen Tag Sitzung beim Künstler-Aktiv in der Akademie. Abends mit Dudow in seine Wohnung. Sein Drehbuch »Der Hauptmann von Köln« geholt und später den Anfang gelesen.

28.XI.55

Arbeit und Befriedigung

Bei der Arbeit an einem Kunstwerk kommt man [an] einen Punkt, an dem es einem fertig zu sein scheint. Zu diesem Zeitpunkt stellt sich Zufriedenheit mit dem Werk ein. Das ist der höchste Punkt, den man bei der jeweiligen Reife erlangen kann. Mit zunehmender Reife und Erkenntnissen verliert sich die Zufriedenheit mit dem Geschaffenen wieder, dann aber mag das Werk als Meilenstein und Wegmarke für unsere Entwicklung stehen bleiben. Ausdruck des neuen Reife- und Erkenntnisstandes möge dann ein neues Werk werden. Die Hauptsache ist, dass man bei dem Werk, das man gerade unter den Händen hat, solange seine Kraft ansetzt – bis Zufriedenheit einsetzt.

Doll. 7.XII.55

Der Wind

Dieser Wanderer aus dem Weltall stürzte sich auf mein kleines Haus und brachte Botschaften. Sie liegen noch unentsiegelt in mir. Die ganze Nacht fuhr er durch’s kleine Fenster und rüttelte an der Kammertür. Ich lag und wälzte mich unruhig im Bett. Die ungelösten Aufgaben meines Lebens gingen in mir hin und her, und der leise Schlaf gegen Morgen brachte keine Erquickung. Ich musste an Rilkes Ausspruch denken: »Alles Wachsen ist schmerzhaft«.

Berl. 8.XII.55

Tagwerk

730 h hoch/Preisbegründungen für die Jury geschrieben/Besorgungen/Jury-Sitzung – Festlegen der Preisträger/Vor der Jugendgruppe des ZK aus »Stanislaus« gelesen. Festgestellt, was diese sich wissenschaftlich gebärdenden jugendlichen Greise doch in bezug auf das wirkliche Leben für Kinder sind. Etwa 80 Zuhörer, viele leuchtende Augen – ein guter Erfolg./Nachts Besprechung mit Regisseur Ballmann. Der erste noch sehr tastende Schritt zum »Tinko«-Film.

Berl. 10.XII.55

Tagwerk

730 hoch. Gelesen Dudow »Hauptmann von Köln« Drehbuch. Allerlei Murksarbeiten. […]

Abends bei Brecht mit dem jungen aus Westdeutschland gekommenen Dramatiker Peter Hacks. – Brecht wirkt abgespannt und müde. Ich habe ihn nie so von persönlichen Sorgen angegriffen gesehen wie an diesem Abend. Die Machtkämpfe seiner Frauen um ihn herum scheinen ihn doch mehr zu belasten, als man gemeinhin annimmt.

Eva sehr ausgewogen, sehr klug. Wir freuen uns aneinander und dass wir uns haben.

Brecht

»Bei uns wird kollektiv gefaulenzt – in Sitzungen.«

Er erzählte eine Episode: Einmal als die Hemden mit angenähten Kragen aufkamen, sei er mit so einem neuen Hemd zu einer Gesellschaft bei Feuchtwanger (in der Emigration in den USA) eingeladen gewesen. Man habe daraufhin erzählt, er sei in einem Nachthemd in dieser Gesellschaft erschienen. So kam es, dass er nicht mehr eingeladen wurde, wenn »ehrenwerte« Gäste erwartet wurden. Schliesslich sei er besonders um die Besuche von Kardinal Paccelli gekommen, der bei Feuchtwangers des öfteren Gast gewesen sei. Paccelli aber sei heute Papst und es sei ihm sogar Jesus erschienen; etwas, was seit Paulus kein Papst mehr fertig bekommen habe. Brecht schloss die Episode mit der Bemerkung: »Das Hemd mit dem angenähten, weichen Kragen aber hat sich durchgesetzt. (Mit viel Nachdruck und Schalkhaftigkeit in der  Stimme): Und das epische Theater wird sich auch durchsetzen.«

Wir sprachen über das Literaturinstitut in Leipzig. Brecht steht auf dem gleichen Standpunkt wie wir: eine Schriftstellerschule – unmöglich. Man kann junge Menschen, die keine Grundkenntnisse in Grammatik, Literatur usw. haben, wie auf der Universität schulen. Ein Schriftsteller aber sollte einen persönlichen Meister haben.

Frage von anderen. Es müsste möglich sein zu lehren, wie man Spannung erzielt. Brecht tat das vordergründig ab, obwohl er es besser weiss: Man müsse nicht sofort (in einer Szene zum Beispiel) alles sagen. Ein dunkler Punkt, ein vorerst Unausgesprochenes müsse bleiben, um den Leser, den Zuschauer in Spannung zu halten.

Hacks verwies auf die sieben ersten Szenen in der »Courage«, wo er festgestellt habe, dass Brecht so arbeite. Brecht tat erstaunt und liess es hingehen. Ich konnte das nicht hingehen lassen, er sollte wissen, dass ich wohl wusste, womit er Spannung erzeugt: »Wenn man etwas dialektisch vorträgt, entsteht notwendig Spannung.« Er sagte nichts, aber er wusste, dass ich ihn verstehe.

Berl. 16.XII.55

Tagwerk

8h hoch. Besorgungen in der Stadt. Markthalle besucht, Händler und Käufertypen studiert. Im Antiquariat gekrämert. 4 Bände Tagore und Sammelbände der »Jugend« von 1905 und 1906 ergattert. Dazu ein Tagebuch über Böcklin und ein Werk von Justi über Michel Angelo/Nachmittags Weihnachtspaketpackerei für die Bohsdorfer, für die Kinder in Cottbus. Der Tischler nimmt Mass für eine neue Arbeitsbank und ein Bücherregal./Hie und da wie ein Feinschmecker in den erworbenen Büchern gelesen. Zurüstungen für die Fahrt nach Dollgow. Ein schön vertrödelter Tag.

Doll./Berl. 21.XII.55

Tagwerk

630 hoch/versucht, am Vortrag für Schriftstellerkongress zu arbeiten. Keine Einfälle, Krach in der Küche und im Hause stört mich. Warum muss man unbedingt am Kongress reden, wenn man nichts zu sagen hat? Verfluchte Schablonen!

In den Wald gegangen. Dabei ist mir leider nur ein wenig besser geworden./Tiere gefüttert/Obstbäume verschnitten/Mist gefahren/Bei Schmidts gewesen, Telegramme gekommen, dass ich nach Berlin soll./Nach Berlin gefahren – was sollt ich auch sonst mit mir anfangen? Unterwegs Tagore »Sadhana« gelesen. Der Erfolg: Gleich Krach mit Evchen, als ich hier ankam. […]

29.XII.55

Tagwerk

6h hoch. Mild und Sprühregen. Mit der Umarbeitung der Novelle »Das grosse Fest« begonnen. Mit der Korrektur und Reinschrift für »Paul und die Dame Daniel« begonnen. Evchen arbeitet vor. Wir besprechen ihre Korrekturvorschläge und nach erzielter Einstimmigkeit schreibe ich Absatz für Absatz ins Reine. Eine gute Methode, bei der wir uns schöpferisch aneinander entzünden.

Alle Tiere gefüttert./Nachmittags wieder Arbeit an »Paul und die Dame Daniel«/Einige Briefe geschrieben/Pony wie jeden Tag longiert und bewegt./Gelesen: Laxness »Salka Valka«, »Eulenspiegel«, Tageszeitung.

1956

I.I.56

Gleichgewicht

Morgens lag eine dünne Schneedecke auf Feldern und Wegen. Ich fuhr sehr zeitig zur Post, um Brecht meine Neujahrsgrüsse telefonisch zu sagen. Meine Fahrradspur war die erste, die aus dem kleinen Ort führte. Auf dem Rückweg konnte ich sehen, wie ich mich da im Gleichgewicht gehalten hatte. Im dünnen Neuschnee war das deutlich abzulesen. Das Hinterrad meines Fahrrades hatte eine gerade Zeile hinterlassen, aber das Vorderrad hatte durch viele Schleifen nach rechts und nach links dem Hinterrad erst seinen geraden Weg ermöglicht. Das schien mir am ersten Tage des neuen Jahres ein gutes Symbol und eine gute Vorschrift, wie das Gleichgewicht im Leben zu halten sei. […]

Berl. 5.I.56

Tagwerk

730 hoch. Den ganzen Tag Nebel, Düsterkeit./Morgens allerlei Murks/Zur Arbeit ins Verbandsbüro./In der Auslandsabtlg. Dolmetscher und Betreuer für die ausländischen Gäste organisiert./Am Abend Kurt Stern bei uns./Evchen und er meine Kongressrede verworfen. Sie sei zu negativ./Werde wahrscheinlich überhaupt nicht sprechen./Kurt Stern sehr unruhig und zerfahren. Seine alte Krankheit belästigt ihn wohl, ohne dass er es vor sich und der Welt zugeben möchte.

Berl. 6.I.56

5h hoch. Kongressrede neu begonnen. Evchen hilft dabei ausdauernd und liebreich./Gegen Mittag ins Verbandsekretariat. In der Auslandsabteilung gearbeitet bis 17h, dann Partei-Aktiv-Sitzung des Vorstandes in der Akademie der Künste. (Sache Tschesno-Hermlin. Scheusslich und Hermlin tut mir leid. – Kurt Stern und Bernhard Seeger bei uns. Bernhard übernachtet bei uns.

Berl. 21. Jan. 56

Tagwerk

8h hoch. Besorgungen. Bücher gekauft. Ein wenig in den Büchern gerüsselt. Nachmittags am Tinko-Film mit Eva und Regisseur Ballmann gearbeitet. Zur Probe in B.s Wartburg-Wagen gefahren./Am Abend Djacenkos bei uns. Gesprochen: Was kann man darstellen und gestalten? Ist es erlaubt, ein Thema zu behandeln, wo die Partei eine Weile Unrecht hat, der einzelne aber, den sie ausschliesst, bekämpft, hat recht. Ist es möglich, zu zeigen, wie die Partei begangenes Unrecht einsieht und am Fehlverurteilten wiedergutmacht?

Zwischenzeit

In der Zeit, in der ich hier keine Notizen machte, fanden die letzten Vorbereitungen und schliesslich der Schriftstellerkongress statt. Die Tage nach dem Kongress waren noch voll von Unregelmässigkeiten und liessen uns nicht gleich zu der Ruhe und dem Quantum an Beschaulichkeit kommen, die nun einmal zum Tagebuchführen nötig sind. Oder ist das falsch? Soll man auch seiner Unruhezeiten mit einigen Worten gedenken?

Am Donnerstag, dem 19. Jan. 56 begannen wir (Eva und Regisseur Ballmann) am Tinko-Film zu arbeiten. Schon bei diesen ersten Arbeitsstunden sehe ich, dass mein Roman ins Hintertreffen kommen wird. Dieser Umstand bringt mich in keine gute Stellung zu diesem Film.

Montag den 16. Jan. und Dienstag, den 17. Jan. 1956 waren wir in Bohsdorf. Im Elternhause scheint die Zeit still zu stehen. Mir kam dort alles kalt und düster vor.

Knut, den wir auf Besuch nach Westdeutschland zu seiner Mutter geschickt hatten, kam zurück. Wir hatten ein wenig daran gezweifelt.

Doll. 24.Jan.56

Kindsliebe

Nun sitze ich hier in der Morgendämmerung und kann kaum erwarten, bis mein kleiner Sohn erwacht. Es ist das erste Mal in  meinem Leben, dass ich ein Kind so innig liebe wie diesen Spross der liebsten und grössten Frau, die mir bis nun begegnete.

Man muss nur hören, wie innig und girrend dieser kleine Mensch zu den Tieren spricht, die er ansieht wie seine Brüder. Man muss nur sehen, wie er mit seiner Mutter liebelt und schmeichelt, als wäre er immer und immer bei ihr gewesen.

Doll./Berl. 26. Jan. 56

Tagwerk

730 hoch. Verschlafen. Gefüttert. Zum Friseur nach Dollgow, Pferdepflege. Murksarbeiten bis mittags. Mittags kam Kurt Stern mit dem Auto. Erzählt: Über das Verhältnis der Schriftsteller, die aus der Emigration kamen, zu den jungen, die hier nach 1945 heranwuchsen. Die meisten Emigrationsschriftsteller lassen – wie wir alle so oft – die Dialektik aus dem Spiel: Was wären wir ohne sie? Was wären sie ohne uns?

Mit Kurt Stern im Auto nach Berlin. Streitgespräch über Brecht mit Evchen und Kurt in unserer Wohnung. (Organon).

Berl. 6. Febr. 56

Tagwerk

7h hoch/Notizen/1 Seite Roman/Arbeit mit Eva und Ballmann am Film./Am Nachmittag Sitzung der Nachwuchskommission und allerlei Arbeiten im Verband. Der Eindruck, dass die ganze Verbandsarbeit Selbstzweck und Vereinsmeierei ist, verstärkt sich mehr und mehr. Sie verursacht mir fast körperliche Übelkeit. Wie lange wird’s noch dauern, bis ich meinen Protest und Widerwillen offen herausschreie?

Am Abend Helmut Hauptmann mit seiner Frau bei uns. Ehrliche offene junge Leute, die sich bemühen zu reifen, und die man deshalb lieben muss. H.H. leidet ebenso wie ich unter der Verbandsmeierei.

Gelesen: Kisch »Schreib das auf, Kisch!«

Berl. 7.II.56

[…]

Brecht (Nachtrag)

Auf einer Friedenstagung in Brüssel wurde er mit Anna Seghers und anderen Künstlern zur Königin-Mutter geladen, die der Weltfriedensbewegung angehört. Brecht weigerte sich eigensinnig wie ein kleiner Junge, dieser »Tante« einen Besuch abzustatten. Er sagte: »Bei der ist eine Schraube locker, das ist doch klar, wäre sie sonst für den Frieden?« […]

9. Febr. 56

Liebe

Es war eine grosse Arbeitszeit, war aber auch eine grosse Liebeszeit. Sobald das Evchen mit seinen Bärchenbeinen in Pelzschuhen in der Wohnung einherging und plauderte, verliebte ich mich jeden Morgen auf’s neue in das gute Kind. Das aber war keine vordergründige Liebe, sondern eine solche, die das Herz hüpfen macht und einen Dank an das Leben auf die Lippen lockt.

Berlin/Sachsendorf/Neuzelle 10. Febr. 56

Tagwerk

6h hoch. 7h Abfahrt nach Sachsendorf, Kreis Seelow mit Peter Nell./Kulturtagung mit Becher dort auf der MTS. Eindruck: Für Becher war das ein Ausflug nach Hinterindien. Er und seine Mitarbeiter vom Kulturministerium standen den Kulturproblemen auf dem Lande völlig hilflos gegenüber.

Nach Neuzelle, um vorzulesen. Aus dem »Wundertäter« gelesen. 300–350 Zuhörer, die gut mitgingen, viel lachten und lange Ovationen darbrachten. Macht mich immer verlegen, denn das Schreiben fällt mir leicht, viel leichter als etwa Grasmähen. […]

Doll. 18. Febr. 56

Tagwerk

[…] Den ganzen Tag im Bett verbracht. Die Zeitung bringt die ausserordentlichen Berichte vom XX. Parteitag in der Sowjetunion. Die meisten neuen Erkenntnisse, besonders die der Revolution ohne Bürgerkrieg sind für mich nicht neu, wohl bemerkt: ich habe dabei nicht an das reformistische Hineinwachsen in den Sozialismus gedacht. – Leider habe ich sie weder schriftlich niedergelegt, noch ausgesprochen, weil man das angesichts der Menge von »Talmudisten« und Scholastikern, die unsere Partei bevölkern, nicht hätte wagen können. – Aber, was wäre eigentlich passiert? so frage ich heute. Mehr als ein Hinauswurf aus der Partei hätte es nicht werden können, und das wäre – so zeigt’s sich – ein vorübergehender gewesen.

Also, – von nun an: Erkenntnisse nicht mehr unterdrücken. Eine grosse Zeit bricht an, will mir scheinen – das wird sich besonders in der Kunst bald spiegeln. Indien rückt uns näher.

Doll. 21. Febr. 56

[…]

Sowjetische Literatur

Endlich die Wahrheit also über die sowjetische Literatur. Nur wenige Werke können Anspruch erheben, Literatur zu sein. Scholochow hat das ausgesprochen. Weshalb nicht ich, weshalb nicht sonstwer, der das lange wusste? Weil wir feige waren und uns fürchteten, weil wir keine Unannehmlichkeiten auf uns laden wollten, weil wir den »Parteikatholiken« der Mittelmässigkeit das Feld liessen. Dadurch wurden wir selber zu Mittelmässigen und werden jetzt nachbeten, was wir zuvor nicht auszusprechen wagten. – Was uns fehlt ist Mut, ohne ihn zu erwerben und zu zeigen, sollten wir in Zukunft lieber darauf verzichten, uns Schriftsteller zu nennen. Ohne Mut dienen wir der Menschheit nicht, sondern verhindern zusammen mit den Mittelmässigen ihr Glück und quälen sie. – Ich kenne nur einen, der seine Bedenken gegen die Masse der sowjetischen Literatur im kleinen Kreise auszusprechen wagte: Brecht.

Berl. 24. Febr. 56

Tagwerk

730 hoch/2½ Seiten Roman/Notizen/Besprechung mit Eva und Ballmann über Film und Fortgang der Arbeit. Eine »Nebenlinie«, die des zweiten Heimkehrers, fallengelassen.

Nachmittags Parteigruppensitzung. Die meisten Mitglieder haben die Berichte über die XX. Parteikonferenz noch nicht einmal gelesen! Sie gehen ganz in  der eingebildeten Wichtigkeit ihres täglichen Schlendrians auf.

Abends bei Brecht. Jakob Walcher war da. Freude über die Ergebnisse der XX. Parteikonferenz.

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2. März 56

Tagwerk

630 hoch. Starke Föhnwinde, die den Schnee verlecken und in den Himmel tragen. Notizen. […]

14h Sitzung (Präsidium) beim Schriftstellerverband. Interessant, wie die Leute sich auf die neue entkatholisierte Atmosphäre nach dem XX. Parteitag einrichten. Speichellecker, Befehlsempfänger, Schuhspitzenküsser scheint es kaum gegeben zu haben. Alle haben es natürlich schon lange gewusst, dass es so kommen würde. Bredel hatte sich schon ein- und umgestellt. Claudius aus Gründen des Existenzberechtigungsnachweises als Verbandssekretär noch nicht. […]

Berl. 3.III.56

Tagwerk

630 hoch/2 Szenen Film geschrieben./Nichts am Roman getan./Mittags mit Ballmann die ersten Szenen durchgesprochen. Von  jetzt ab werden wir mit Evchen allein am Szenarium arbeiten./Nachmittags Henrik Bereska und Nachbar, zwei junge Schriftsteller. Unterhaltung über die bessere Luft, die nach dem XX. Parteitag herüberweht. Künstlerische Themen hin und her.

Dann eine Stunde zu Brecht. Er musste sich legen. Am Bett bei ihm gesessen, über dies und das gesprochen. –  

Am Abend Kurt Stern bei uns. Mit ihm über den Filmfahrplan gesprochen. Er hat einige nützliche Hinweise zum Bau und die Aneinanderreihung der Szenen gegeben.

Gelesen: Tagore »Persönlichkeit«.

Doll. 5.III.56

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Brecht

Unser Gespräch sprang wie ein Heuhüpfer von Ding zu Ding:

Die politische Lage zum XX. Parteitag der KPdSU:

»Die Reise der sowjetischen Staatsmänner nach Indien und alles, was sonst Asien und die Befreiung der dortigen Völker betrifft, war der erste Schlag der sowjetischen Diplomatie gegen die Westmächte. Der XX. Parteitag und seine Deklarationen wird einen Einbruch nach dem Westen hin erzielen und dort die Einheit anbröckeln.« 

»Man sollte unsere Parteikonferenz in der DDR nicht gleich folgen lassen wie geplant!«

Das war auch meine Ansicht. Wie peinlich, wenn die gleichen Leute, die gestern noch dem Personenkult huldigten, Büsten von sich anfertigen und verkaufen liessen, morgen gleichsam auf dem offenen Theater ihre Büsten zu Gipsmehl zertreten. Wenn die Leute, die gern einmal nach Stalins (mir scheint hier wirklich bewährtem) Muster Feldherrn gewesen wären, die beständig mit dem Säbel rasselten und in der Nähe des grossen Bruders Kriegsdrohungen in die westliche Welt schmetterten, heute wie Osterlämmer von der unkriegerischen Möglichkeit der Revolution sprechen – wie peinlich.

Brecht: »Wir brauchten jetzt mindestens ein halbes Jahr Bewährung und Arbeit, damit man sehen könnte, welche unserer Politiker den rechten Ton für die neuen kollektiven Erkenntnisse finden. Drüben (er meinte in der Sowjetunion) hat man immerhin schon zwei Jahre nach den neuen Erkenntnissen gearbeitet und kann etwas vorweisen.«

Ich drückte meine Verwunderung aus: Wenn es wirkliche Stalinisten (viele haben sich so bezeichnet) gegeben hat, wo sind sie jetzt? Weshalb steht niemand auf und bezeichnet die neue kollektive Leitung um Chrustschow als opportunistisch, als vom revolutionären Wege abgewichen?

Brecht mit feinem Lächeln: »Das ist nicht der Charakter eines echten Stalinisten.«

In der Tat: Man sieht auf Schritt und Tritt wie gross die Befehlsempfängerei und die Heiligenanbeterei in unserer Partei waren.

Wir gingen sehr spät auseinander. Ich glaube, es ging schon auf 12 Uhr nachts zu. Ich bemerkte, dass es spät sei und unsere Unterhaltung einem Exzess gleichkomme. Er lachte. »Ich möchte hoffen, dass wir in der nächsten Zeit manchen Exzess dieser Art miteinander haben.«

Doll. 7.III.56

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Neues vom Kater Pitt

»Der Pitty ist lahm, kann sich kaum bewegen und frisst nicht«, sagte Knut. Der Pitt lag auf einem Kissen in Christas Stube und tat apathisch. – Was wird er haben? Das Bein hatte man ihm bei seinen Hochzeitsfahrten zerschlagen. »Jetzt hat der Pitt auch noch das Bein ausgerenkt, o weh, o weh!« barmte Eva zwei Tage später. Tatsächlich, da war eine Beule am oberen Gelenk des Vorderbeines. Du gerechter Schreck! Nun sollte der Pitt zum Tierarzt gebracht werden. Nein, so geht das nicht weiter. Die Quälerei! – Aber es schneite, es regnete und Christa traute sich nicht durch das Wetter. Am nächsten Tage, was soll ich euch sagen. ist die Kaule verschwunden und ein tiefes, offenes Wundloch am Gelenk. Was war los? Die Kaule war eine Eiterbeule. Der Kater hatte sich die Beule über Nacht aufgeleckt. Schrotkörner sind aus der Beule geeitert. Und heute fand ich die Patrone am Dorfrand. Es war eine hiesige Jagdpatrone. Der Kater liebt. Der Jäger jagt. Beide frönen einer Leidenschaft.

Berl. 13.III.56

Tagwerk

630 hoch/kein Roman/am Filmexposé gearbeitet/Ballmann kam nicht zur Besprechung./Karl-Marx-Buchhandlung/Antiquariat. Bücher eingekauft.

Am Nachmittag: Präsidiumssitzung im Schriftstellerverband. Erste Lockerung der Befehlsempfängerei. Manche Kollegen, die sich bisher als ehemalige Spanienkämpfer grosstaten, erweisen sich jetzt als feige, als Diener und Arschlecker von Leuten, die nichts von Kunst verstehen.

Später mit Georg Maurer in der Kantine des Berl. Ensemble. Wir sollen im Herbst zusammen nach China. Unser Gespräch hüpfte, wurde auch dauernd von Guten-Tag-Sagern unterbrochen.

Daheim ein bisschen in den neuerworbenen Büchern herum gelesen. Spass machen mir immer zu dicken Bänden gebundene alte Zeitschriften. Ich blättere darin, schau mir die verschiedenen Bilder an und bin so glücklich wie in der Kinderzeit.

Doll./Berl. 23.III.56

Tagwerk

630 hoch/gelesen/nicht am Roman geschrieben/»Tragischer Mord« des Hofhahns/Evchen will davon/Versöhnung/Notizen/Vorbereitung zur Reise nach Berlin.

Fahrt nach Berlin zur Parteikonferenz. […]

Parteikonferenz

Die Kinder sind aus den lichtlosen Häusern der Nebenstrassen gekommen. Sie kreiseln, sie wühlen im Bausand, sie freuen sich ihrer Stimmen, als hätten sie sie lang nicht gehört. Die Arbeiter machen mittags Feierabend. Es ist Sonnabend. Die Frauen kaufen ein. Sie stehen nach Eiern an. Es wird Ostern. Der Frühling ist in die Stadt gekommen. Spärlich. In den Kindern ist er am eifrigsten.

Das und diese prächtig aufgezogene Konferenz wollen mir nicht zusammen stimmen. In der Seelenbinder-Halle ersetzen sechzig grosse Scheinwerfer die Frühlingssonne. Es wird gefilmt und gefilmt und jedes Wort (auch das banalste) ins Radio genommen und die schwarzen einäugigen Fernrohre der Fernsehkameras tasten die Delegierten und vor allem die führenden Politiker ab.

W.U. spricht über den kommenden Fünfjahrplan. Zahlen, allerdings kaum direkte – Prozentzahlen. »Auf 150 Prozent gesteigert das und das.« Ja, was? Wovon hat man auszugehen. Nichts Greifbares. Woran soll man sich halten? Manchmal will mir scheinen, als ob uns die Zukunftsberauschtheit wie eine Krankheit im Hirn sitzt. Plan, Perspektive, Weltniveau. Die Worte schwirren. Die Kleinen Dinge werden ignoriert, verachtet, aber die Kleinen Dinge verursachen die grossen Unzufriedenheiten.

Haben wir aus den mutigen Bekenntnissen des XX. Parteitages in der Sowjetunion gelernt? Es scheint nicht so. Es wird schon wieder geplappert, gephrast, copiert, beteuert. Die wohltuenden Stösse und Erschütterungen, die von dort kamen, scheinen hier manchen Genossen nicht bis unter die Haut gegangen zu sein. Grosssprecherei, Lügen in die eigene Tasche, Übertreibungen sind noch an der Tagesordnung. Sehr viel Sattheit unter den kleinen Bezirks- und Kreisfunktionären. Man muss auf die nächsten Tage gespannt sein. Werden die Praktiker sprechen? Werden sie die Furcht vor den Theoretikern, die Furcht, »schief zu liegen« aufgeben? Hier ist alles Abstraktion, Pseudo und nur wenn es hoch kommt wirkliche, trockene Wissenschaft. Die grossen Arrangements herrlicher Gewächshausnelken an der Tribüne, an den Pfeilern, fühlen sich fremd und unnütz und übersehen. Der Mensch plant die Stillung seiner zivilisatorischen Bedürfnisse. Er wird nicht ewig ohne die Schönheit der Nelken auskommen.

Ich komm mir vor, als sei ich durch ein Feld trockner Nesseln gegangen. Ich habe den halben Tag lang so wenig von den Menschen gehört, die mich allein interessieren. Die Zahl und die These haben sich verselbständigt. Zahl und These, die dienen sollten, sind zu Herrschenden geworden. Aber das Leben lässt das auf die Dauer nicht zu. Lenin muss das gewusst haben. Ich muss mich mehr um ihn kümmern. Der, der ihn zitierte, nahm ihn nur als eben modern gewordenen Schmuck um, nachdem er Stalin abgelegt hat. Man muss eine neue menschliche Komödie schreiben und sich dabei von nichts und niemand beirren lassen. […]

Tagwerk vom 26.–31. III. 56

Ich wollt mich nicht übermannen lassen vom eifernden Zorn über die Dumpfheit und Geistlosigkeit dieser Konferenz, die in etwa vorauszusehen war. Es ist aber doch geschehen. Man mischt sich nur zu gern ein, man prellt mit seinen Wünschen und Erwartungen voraus. Was kann sich denn in den meisten Köpfen in der kurzen Zeit seit dem XX. Parteitag geändert haben. Einige Leute wähnen bei uns überhaupt, dass man diese tiefgreifenden Veränderungen so nebenbei neben den ökonomischen Dingen mit erledigen kann.

Der grösste Mangel der Konferenz: Es wurde nicht von Menschen gesprochen. Abstrakte sprachen über Abstraktionen. Der Sozialismus wurde um der Sache, nicht um der Menschen willen »vorangetrieben«.

Das alles hat mich unlustig und bauchkrank gemacht. Unlust und Bauchschmerzen haben mich bis auf den heutigen Tag verfolgt. Ich schrieb nicht. Ich las kaum. Ich arbeitete im ganzen schlecht. Ich hätt nur schlafen und wieder schlafen können. Den Zorn verschlafen, die Missstimmung verschlafen. 

Evchen kam nach Berlin. Wir kauften das Auto. Mir ist immer noch nicht wohl bei dem Gedanken, ein Autobesitzer zu sein.

Ich war bei Djacenkos. Ich war bei Brecht. Überall die gleiche Unzufriedenheit über die Unfähigkeit unserer derzeitigen Politiker, mit dem Volke in ein wirklich menschliches Gespräch zu kommen.

Am Karfreitag fuhren wir wieder nach Schulzenhof. Die letzten zwei Tage der Konferenz schenkte ich mir.

Die Bauchschmerzen und die Unlust gingen mir nach. Erst ganz allmählich lagere ich mich unter dem kommenden Frühling hier im Waldrauschen harmonisch. Die fortgelaufene Weisheit kehrt zurück. Sie hasst nichts so sehr als die Griesgrämigkeit und die Neugier auf vordergründige Angelegenheiten, die einen Dichter erst an zweiter Stelle interessieren sollten. Unser Platz ist nicht die politische Tribüne. Alle gegenteiligen Erklärungen der Politiker sind Demagogie. In Wirklichkeit betrachten sie uns als Hilfsknechte. Ein Dichter hat auf der Konferenz gesprochen, nur ein wenig ehrlicher und deutlicher als die anderen Redner – schon nahm man es ihm übel, schon liess man einen zweiten nicht mehr sprechen oder sorgte dafür, dass er nicht mehr sprechen wollte. Ja, ihr Dichter, was macht ihr nicht die Menschenherzen zu eurer Tribüne. Der politische Lorbeer blüht schnell und leicht – wie aber habt ihr es nicht doch ein wenig auf das Ewige abgesehen?

Berli. 16.IV.56

Tagwerk

630 hoch/Notizen, Korrespondenz/Zum Zahnarzt/Auto-Ausreiseschein aus dem »demokratischen« Berlin nach der »Demokratischen Republik« besorgt. Den ganzen Vormittag auf Amtsstellen dabei verbracht. Dabei den Überbürokratismus in unseren Breiten »bewundern« können. Wer macht das nur alles so kompliziert. Wer hat Interesse daran, willige Menschen zu verbittern. Bis heute kann mir noch niemand sagen, wozu dieser Auto-Ausfahrt-Erlaubnis-Schein nötig ist, was er für einen Sinn hat. Mir wurde er »grosszügigerweise« für ein Vierteljahr ausgestellt, weil ich doch Nationalpreisträger … na! Andere – die meisten – müssen diesen Schein für jede Fahrt neu erwerben und stundenlang Zeit auf der Polizei hinbringen.

Mit Ballmann eine Abänderung unseres Szenariums besprochen.

Präsidiumssitzung beim Schriftstellerverband. Lang und unerheblich. Viel Gequatsche, Wichtigtuerei, Vereinsgetümmel.

Danach am Abend daheim versucht zu arbeiten. Wieder Zahnschmerzen bekommen. Ein bisschen in Büchern geblättert.

Berlin 17.IV.56

Tagwerk

7h hoch/Murksarbeiten […]

Vorstandssitzung beim Schriftstellerverband. Ergebnis der wirklich einmal ganz offenen Diskussion unter den Genossen: Eine Delegation der Schriftsteller soll einige Genossen des Politbüros bitten, mit uns über einige sehr, sehr aktuelle Fragen zu sprechen. Tenor: Mit der Taktik des Verheimlichens und Herumredens entfernen sich unsere Politiker täglich mehr von den Massen. Wir wollen warnen.

In alten Jahrgängen der »Jugend« geblättert.

Brecht in der Charité besucht. Er sieht wohler und ausgeruhter aus. Hat immer noch etwas Fieber. Hab ihm einen weiss-leinenen Maureranzug gebracht, dazu eine entsprechende Mütze. Er war gerührt über die Auffrischung einer Jugendmarotte. (Einmal wollte er in so einem Anzug in das Kurhaus von Baden/Baden und wurde vom Portier hinausgeworfen.)

Berlin den 29. April 56

Tagwerk

8h hoch/Wenig Schlaf, Kopfschmerzen, Tabletten genommen, wieder hingelegt./Zeitungen – Parteiverlautbarungen gründlich gelesen. Die Parteiführung gibt zu, Fehler gemacht zu haben, aber nur kleine, und sie sagt nicht welche. Die Parteiführung behandelt uns wie Priester die Gläubigen in der alten Geschichte – im Mittelalter. Den vollen Wortlaut mit der vollen Wahrheit über die Untersuchungen im Falle Stalin enthält sie uns vor. Man muss also damit rechnen, auch ferner wie ein Unmündiger behandelt zu werden.

Am Film gearbeitet.

Am Abend: Den Film von Berta Waterstratt »Die Buntkarierten« angesehen. Das ist gelungen verfilmter Roman. Ich hatte den Film schon vor Jahren gesehen und in Erinnerung behalten, dass er gut ist. – Damals wurde also bei uns sehr wohl Kunst gemacht. Die Unsicherheit und die befohlene Verlogenheit in der Kunst kamen erst mit den falschen Theorien und Kunstdogmen, an denen auch Stalin schuld ist. Dieser Zusammenhang wird bei uns vorläufig nur in den seltensten Fällen begriffen. – Es wäre interessant in diesem Zusammenhang zu untersuchen, wieviele Künstler aus wirklicher künstlerischer Verantwortung nach dem Westen gingen, obwohl sie wussten, dass man dort nicht auf sie wartet. […]

Berlin 1. Mai 56

Tagwerk

6h hoch/Eine Weile am Film gearbeitet. Zum Umzug mit dem Schriftstellerverband. Soweit ich sah, trug man die verzerrten Zeichnungen der Politiker nicht mehr auf Stangen mit. Man klatschte auch nicht vor der Tribüne. Die Intelligenz hat den Personenkult von Herzen satt.

Nachmittags: Buchbasar. Kühles Wetter, Regenschauer. Es wurde trotzdem gut gekauft. Ich glaub, von allen Jahren war es dieses Jahr mit dem Verkauf am besten. Man hat sogar schon 1. Mai-Stammkundschaft.

Am Abend Isot Kilian, Käthe Rülicke und Otto Rohde bei uns. Allerlei Theater- und Parteiklatsch. Evchen noch immer matt und blass, doch immer freundlich.

Im Regen nachts zu Käthe in die Wohnung. Dort den Geheimbericht über Stalins Misstaten gelesen. Der Bericht kam aus Polen.

Berlin 2. Mai 56

Tagwerk

7h hoch. Um acht, wir waren gerad beim Kaffetrinken, kamen Heini und Martin zur Hochzeit. Wir wollten ursprünglich am 2.  Mai heiraten. Die Papiere sind jedoch noch nicht zusammen.

Um 1130 Sitzung im Politbüro. Versteifung. Ulbricht ist der kleine Stalin. Das wird sich nicht mehr lange halten. Die Delegation der Schriftsteller bestand aus: Becher, Bredel, Claudius, Abusch, Kuba, Inge v. Wangenheim und mir. Wir wurden zynisch abgefertigt, ausgelacht. (Dazu noch Sonderbericht!)

Den Rest des Tages zornig, aufgewühlt. Djacenkos bei uns. Mit ihnen und den Brüdern Hochzeit gefeiert. […]

Berlin 3. Mai 56

Tagwerk

Mit den Brüdern in die Markthalle, dann ins Kaufhaus am Alex/Um 10h zu Brecht ins Krankenhaus. Er ist gespannt auf meinen Bericht. Wie immer weiss er Rat und Trost: Keine Verbitterung, Arbeit. Das Erlebte für die Kunst ausnutzen!

[…] Wir fahren in den Abend nach Dollgow. Endlich Dollgow! Wieder Ruhe, grünes Gras und Sammlung.

Zeitschriften und Zeitungen gelesen.

11.V.56

Beim Mistfahren

Siebenundzwanzig Fuhren Mist auf das Kartoffelland. Wir fahren mit Wechselwagen wie die richtigen Bauern. Evchen und Knut laden auf. Ich fahre mit Pony Brandy und lade auf dem Feld Häufchen bei Häufchen ab.

Das Wetter ist maischwül. Einmal stechende Sonne, dann wieder tintenblaue Wolken, die die Sonne überklecksen, aber es regnet nicht.

Der Pirol ist diese Nacht gekommen. Nun sind alle Zugvögel da. […]

Hella, unsere Hündin, wird immer steifbeiniger. Sie kann kaum noch die Stufen vorm Haus herauf. Wir nennen sie »die Rentnerin«. Ich trage sie manchmal ins Haus.

Selbst in den Zwergziegenbockkastraten Müller Muck ist der Frühling ein wenig gefahren. Er setzte sich mit einem rollenden Kartoffelkorb auseinander. Er stiess ihn mit den kleinen krummen Hörnern vor sich her.

Zwei Kaninchen springen auf einen Stuhl, der in ihrem Stall steht, und von dort auf das breite Stallfenster. Dort lassen sie sich die Sonne auf den Pelz brennen. Von aussen sieht’s aus, als sässen sie im Schaufenster.