Inhalt

TITEL

WIDMUNG

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

IMPRESSUM

Richelle Mead

Roman

Ins Deutsche übertragen
von Frank Böhmert

 

Für Michael,
dem das hier immer am besten gefiel

KAPITEL 1

Ich hatte schon Merkwürdigeres gesehen als einen Schuh, in dem es spukte, aber nicht oft.

Der Nike Pegasus stand harmlos im Arbeitszimmer auf dem Schreibtisch. Es war das Modell in den Farbtönen Grau, Weiß und Orange. Die Schnürsenkel waren gelockert, und an der Sohle klebte ein bisschen Erde. Es war der linke Schuh.

Und was mich betraf … tja, also ich trug unter meinem knielangen Mantel eine Glock 22 mit Projektilen, deren Stahlgehalt nicht mehr legal war. In der Manteltasche steckte ein Magazin mit Silberprojek­tilen. An meiner Hüfte lagen zwei Messerscheiden; darin befanden sich ein Athame – ein Ritualdolch – aus Silber und eines aus Eisen. Gleich daneben im Gürtel steckte ein Zauberstab aus handgeschnitzter Eiche, den ich wahrscheinlich lange genug mit Energiesteinen aufgeladen hatte, um den ganzen Schreibtisch in die Luft zu jagen, wenn ich wollte.

Zu behaupten, dass ich mir overdressed vorkam, wäre leicht untertrieben.

„Also dann.“ Ich bemühte mich um einen neutralen Tonfall. „Was bringt Sie auf die Idee, dass Ihr Schuh … ähm, besessen sein könnte?“

Brian Montgomery, ein Enddreißiger mit zurückweichendem Haaransatz, den er nicht wahrhaben wollte, musterte den Schuh nervös und befeuchtete die Lippen. „Er bringt mich beim Laufen immer zum Stolpern. Jedes Mal. Und er ist ständig woanders. Ich kriege es nicht mit, aber … ich ziehe sie zum Beispiel bei der Tür aus, und wenn ich sie dann wegräumen will, liegt er unterm Bett oder so. Und manchmal … manchmal fasse ich ihn an, und er fühlt sich kalt an … richtig kalt … wie …“ Er suchte nach einem Vergleich und wählte schließlich den abgegriffensten. „Wie Eis.“

Ich nickte und sah wieder zu dem Schuh, ohne etwas zu sagen.

„Hören Sie, Miss … Odile … oder wie auch immer. Ich bin kein Spinner. In diesem Schuh spukt es. Er ist böse. Sie müssen etwas unternehmen, ja? Ich bereite mich gerade auf einen Marathon vor, und bevor das hier losging, waren das meine Glücksschuhe. Und billig waren sie auch nicht. Ich hab da richtig was investiert.“

Für mich klang er sehr nach einem Spinner – und ich bin einiges gewöhnt. Aber wo ich schon einmal hier war, konnte eine kurze Überprüfung nicht schaden. Ich griff in die Manteltasche, in der keine Munition war, und zog mein Pendel hervor, ein schlichtes Silberkettchen mit einem kleinen Quarzkristall.

Ich schob einen Finger durch die Kette und hielt die Hand flach über den Schuh, sammelte mich und ließ den Kristall frei hängen. Einen Moment später begann er langsam von selbst zu kreisen.

„Hölle und Verdammnis“, fluchte ich leise und steckte das Pendel wieder ein. Da war irgendwas. Ich wandte mich zu Montgomery um und machte einen auf knallhart. Das erwartete die Kundschaft. „Vielleicht wäre es am besten, Sie verließen kurz das Zimmer, Sir. Zu Ihrer eigenen Sicherheit.“

Das stimmte nur zum Teil. Vor allem nervte es einfach, wenn Kunden dabei waren. Sie stellten dumme Fragen und neigten zu noch düm­meren Handlungen, und oft brachten sie damit nicht sich in Gefahr, sondern mich.

Er hatte keine Einwände. Kaum war die Tür zu, da holte ich ein Marmeladenglas mit Salz aus meiner Umhängetasche und streute auf dem Fußboden einen großen Kreis aus. Ich trat hinein, warf den Schuh in die Mitte und rief mit dem Silberathame die vier Himmelsrichtungen an. Der Kreis wirkte unverändert, aber ich spürte ein leichtes Auflodern von Kraft, was bedeutete, dass wir jetzt in ihm eingeschlossen waren.

Ich unterdrückte ein Gähnen und zog meinen Zauberstab, ohne das Silberathame wieder wegzustecken. Die Fahrt nach Las Cruces hatte vier Stunden gedauert, und nach der kurzen Nacht war sie mir doppelt so lang vorgekommen. Ich sandte ein bisschen Willen in den Zauberstab, klopfte damit gegen den Schuh und sagte mit Singsangstimme:

„Komm heraus, komm heraus, wer du auch seist.“

Einen Moment lang war es still, dann fauchte eine hohe Männerstimme: „Hau ab, Schlampe.“

Na super. Ein Schuh mit Kampfgeist. „Wieso? Hast du etwa was Besseres vor?“

„Auf jeden Fall etwas Besseres, als meine Zeit mit einer Sterblichen zu vergeuden.“

Ich grinste. „In einem Schuh? Sei nicht albern. Ich meine, ist mir nicht neu, dass manche gern auf Ghettogangster machen, aber findest du nicht, dass du ein bisschen übertreibst? Der Schuh ist nicht mal neu. Da hättest du echt was Besseres auftun können.“

Der Kerl in dem Schuh klang nicht bedrohlich, sondern einfach nur gereizt, verärgert über die Störung. „Ich mache einen auf Gangster? Glaubst du denn, ich weiß nicht, wer du bist, Eugenie Markham? Odile Dark Swan bist du. Eine Blutsverräterin. Ein Mischling. Eine Attentäterin. Eine Mörderin.“ Das letzte Wort spie er förmlich aus. „Du bist unter deinesgleichen ebenso allein wie unter meinesgleichen. Ein blutdurstiger Schatten. Du tust alles, Hauptsache, jemand bezahlt anständig dafür. Das macht dich nicht bloß zu einer Söldnerin. Das macht dich zu einer Hure.“

Ich setzte eine gelangweilte Miene auf. Mit solchen Schimpfworten hatte man mich schon des Öfteren belegt. Allerdings ohne mich dabei mit meinem richtigen Namen anzusprechen, das war neu – und durchaus beunruhigend. Was ich mir natürlich nicht anmerken ließ.

„Hast du jetzt genug rumgewinselt? Weil ich mir nämlich nicht end­los anhören kann, wie du Zeit schindest.“

„Wirst du denn nicht pro Stunde bezahlt?“, fragte er giftig.

„Ich nehme eine Pauschale.“

„Oh.“

Ich verdrehte die Augen und hielt wieder den Zauberstab an den Schuh. Diesmal verwendete ich meinen ganzen Willen darauf, schöpfte dabei Kraft sowohl aus meiner körperlichen Verfassung als auch aus der mich umgebenden Energie. „Schluss jetzt mit den Spielchen. Wenn du freiwillig rauskommst, brauche ich dir nicht wehzutun. Komm raus.“

Diesem Befehl konnte er nicht standhalten. Der Schuh fing an zu beben, Rauch strömte hervor. Du lieber Gott. Hoffentlich fackelte ich ihn nicht gerade ab. Das würde Montgomery gar nicht gefallen.

Der Rauch wallte empor und verdichtete sich zu einer großen, dunklen Gestalt, die bestimmt einen halben Meter größer war als ich. Wegen seiner schlauen Sprüche hatte ich eher mit so etwas wie einem vorlauten Weihnachtselfen gerechnet. Stattdessen ähnelte dieser Bursche oben herum einem Muskelprotz, während sein Unterkörper etwas von einem Mini-Zyklon hatte. Der Rauch verfestigte sich zu ledriger grauschwarzer Haut, und bis ich begriff, was ich da vor mir hatte, blieb mir kaum noch Zeit zu reagieren. Ich vertauschte den Zauberstab mit der Pistole und öffnete gleichzeitig die Trommel der Pistole. Der Dämon stürzte sich auf mich, und ich rollte innerhalb der Grenzen des Kreises außerhalb seiner Reichweite.

Ein Ker. Ein männlicher Ker – äußerst ungewöhnlich. Ich hatte mit irgendeinem Elfenwesen gerechnet, für das Stahlprojektile erforderlich gewesen wären, oder mit einem Gespenst, bei dem man Schusswaffen völlig vergessen konnte. Keres waren alte Todesdämonen, die ursprünglich in Kanopenkrüge – in denen die alten Ägypter ihre Toten beisetzten – eingeschlossen worden waren. Als die Krüge im Laufe der Zeit verfielen, tendierten die Keres dazu, sich neue Behausungen zu suchen. Sie waren in dieser Welt nicht mehr allzu zahlreich, und gleich würde es noch einen weniger geben.

Er stieß auf mich herab, und ich kerbte ihn ordentlich mit dem Silberathame. Ich führte es mit der rechten Hand, an der ich ein Armband aus Onyx und Obsidian trug. Schon allein diese Steine setzten einem Todesdämon ordentlich zu, auch ohne Messer. Und richtig, er fauchte schmerzerfüllt und zögerte einen Moment. Ich nutzte die Verschnaufpause, um das Magazin mit den Silberprojektilen herauszuholen.

Ich schaffte es nicht ganz, weil er mit einem dieser massigen Arme nach mir schlug und ich gegen die Umgrenzung des Kreises krachte. Sie mochte vielleicht durchsichtig sein, aber sie fühlte sich an, als wäre sie aus Ziegelsteinen gemauert. Das war der Nachteil, wenn ich einen Geist in einen Kreis sperrte; ich war dann mit eingesperrt. Mein Kopf und die linke Schulter bekamen das meiste ab, und der Schmerz durchschoss mich in kleinen Attacken. Der Ker war anscheinend sehr mit sich zufrieden, wie es bei übertrieben selbstbewussten Bösewichten ja öfter der Fall ist.

„Du bist so stark, wie sie sagen, aber es war dumm von dir, mich austreiben zu wollen. Du hättest mich besser in Ruhe gelassen.“ Seine Stimme war jetzt tiefer, fast schon heiser.

Ich schüttelte den Kopf, sowohl zur Verneinung als auch, um die Benommenheit loszuwerden. „Ist doch nicht dein Schuh.“

Ich konnte dieses gottverdammte Magazin immer noch nicht einschieben. Nicht jetzt, wo er mich jeden Moment erneut angreifen konnte und ich beide Hände voll hatte. Eine der Waffen fallen zu lassen war einfach zu riskant.

Er griff nach mir, und ich stach erneut zu. Die Wunden waren klein, aber das Athame war wie Gift. Es würde ihn auslaugen – wenn ich es schaffte, so lange am Leben zu bleiben. Ich hieb noch einmal nach ihm, aber er rechnete damit und packte mein Handgelenk. Er verdrehte es mir, sodass ich das Athame mit einem Aufschrei fallen lassen musste. Hoffentlich war nichts gebrochen. Mit einem selbstgefälligen Grinsen packte er mich bei den Schultern und hob mich hoch, bis ich direkt vor seinem Gesicht hing. Seine Augen waren gelb mit geschlitzten Pupillen, fast wie bei einer Schlange. Sein Atem war heiß und stank nach Verwesung.

„Du bist klein, Eugenie Markham, aber du bist auch schön, und dein Fleisch ist warm. Vielleicht sollte ich dich selbst nehmen, bevor es die anderen tun. Es wäre ein Genuss, dich unter mir schreien zu hören.“

Igitt. Hatte dieses Vieh mich gerade angebaggert? Und da war mein Name schon wieder. Woher in aller Welt kannte er ihn? Die wussten ihn doch gar nicht. Für die war ich Odile, benannt nach dem schwarzen Schwan in Schwanensee. Das hatte sich mein Stiefvater ausgedacht, wegen der Gestalt, die mein Geist in der Anderswelt annahm. Der Name war zwar nicht besonders furchteinflößend, aber trotzdem hängen geblieben, wobei ich nicht glaubte, dass irgendeine der Kreaturen, die ich bekämpfte, mit der Anspielung etwas anfangen konnte. Ins Ballett gingen die eher nicht.

Der Ker hielt meine Oberarme im Zangengriff – morgen würde ich blaue Flecken haben –, aber meine Hände und Unterarme waren frei. Er war dermaßen von sich überzeugt, dermaßen arrogant und selbstbewusst, dass er meinen sich windenden Händen keine Beachtung schenkte. Wahrscheinlich nahm er die Bewegungen nur als vergeblichen Versuch wahr, mich zu befreien. Binnen Sekunden hatte ich das Magazin draußen und in der Pistole. Ich drückte ab, ohne großartig zielen zu müssen, und er ließ mich fallen – keine besonders sanfte Landung. Stolpernd gewann ich mein Gleichgewicht wieder. Wahrscheinlich war er mit Schusswaffen gar nicht totzukriegen, aber weh tat so eine Ladung Silber in der Brust bestimmt.

Er stolperte ziemlich überrascht nach hinten, und ich fragte mich, ob er überhaupt je mit einer Knarre Bekanntschaft gemacht hatte. Ich feuerte erneut, immer wieder. Der Lärm war enorm; hoffentlich kam Montgomery nicht auf die dumme Idee, hier hereinzuplatzen. Der Ker brüllte vor Wut und vor Schmerzen. Jeder Schuss ließ ihn ­rückwärtsstolpern, bis ganz an die Begrenzung des Kreises. Ich klaubte das Athame vom Boden auf und ging zum Angriff über. Mit einigen schnellen Bewegungen ritzte ich ihm das Todeszeichen in den Teil der Brust, der noch unversehrt war. Prompt knisterte elektrische Ladung in der Luft. In meinem Nacken richteten sich die Härchen auf, und ich konnte Ozon riechen, wie kurz vor einem Gewitter.

Der Ker schrie auf und warf sich nach vorn, angetrieben von Wut oder Adrenalin oder womit immer diese Wesen funktionierten. Aber es war zu spät, er war markiert und verwundet. Ich erwartete ihn schon. In anderer Stimmung hätte ich ihn vielleicht einfach in die Anders­welt verbannt; ich verzichtete wenn möglich auf das Töten. Aber diese sexuelle Anmache eben war einfach daneben gewesen, und in mir bro­delte es. Er würde ins Totenreich gehen, schnurstracks zum Tor der Persephone.

Ich feuerte erneut, um ihn aufzuhalten. Mit der Linken war ich nicht so treffsicher, aber dafür reichte es. Ich hatte das Athame bereits gegen den Zauberstab ausgetauscht. Diesmal bezog ich die Energie nicht aus dieser Ebene. Mit der Leichtigkeit langer Übung ließ ich einen Teil meines Bewusstseins aus dieser Welt schlüpfen. Momente später erreichte ich den Kreuzweg zur Anderswelt. Das war ein einfacher Übergang; so etwas machte ich ständig. Der nächste Wechsel fiel ein bisschen schwerer, zumal der Kampf mich geschwächt hatte, aber auch ihn beherrschte ich im Schlaf. Ich achtete hübsch darauf, dass mein eigener Geist außerhalb des Totenreichs blieb, aber ich berührte es und sandte diese Verbindung durch den Zauberstab. Der Ker wurde aufgesaugt, und sein Gesicht verzerrte sich vor Angst.

„Diese Welt ist nicht die deine“, sagte ich mit leiser Stimme und spürte, wie in mir und um mich herum die Kraft loderte. „Die deine ist sie nicht, und ich vertreibe dich aus ihr. Zum schwarzen Tor schicke ich dich, ins Totenreich, wo du entweder wiedergeboren werden mögest oder der Vergessenheit anheimfallen oder in den Flammen der Hölle brennen. Es ist mir wirklich scheißegal. Geh.“

Er schrie, aber der Zauber fing ihn ein. Ein Zittern in der Luft, ein Druckanstieg, und dann war es ebenso rasch wieder vorbei, wie aus einem Luftballon die Luft entwich. Von dem Ker war nichts geblieben als ein grauer Funkenregen, der rasch verging.

Stille. Ich sank auf die Knie und holte tief Luft, schloss für einen Moment die Augen, während mein Körper sich entspannte und mein Bewusstsein in diese Welt zurückkehrte. Ich war erschöpft, aber auch aufgekratzt. Ihn zu töten hatte sich gut angefühlt. Ich war regelrecht berauscht. Er hatte bekommen, was er verdiente, und zwar durch meine Hand.

Minuten später kehrte ein Teil meiner Kraft zurück. Ich stand auf und öffnete den Kreis, der mir plötzlich beengend vorkam. Ich verstaute meine Werkzeuge und meine Waffen und ging hinaus zu Montgomery.

„Ich habe Ihren Schuh exorziert“, sagte ich nüchtern. „Der Geist ist tot.“ Es brachte nichts, den Unterschied zwischen einem Ker und einem eigentlichen Geist zu erklären; er hätte es doch nicht begriffen.

Zögernd betrat er den Raum und hob den Schuh auf. „Ich habe Schüsse gehört. Wie kann man einen Geist denn mit Kugeln treffen?“

Ich zuckte mit den Schultern. Die Stelle, wo der Ker mich gegen die Wand gerammt hatte, tat weh. „Er war ziemlich stark.“

Montgomery barg den Schuh an seiner Brust wie einen Säugling, dann sah er missbilligend nach unten. „Da ist Blut auf dem Teppich.“

„Lesen Sie sich den Papierkram durch, den Sie unterschrieben haben. Keine Haftung für Schäden an persönlichem Eigentum.“

Bevor er zahlte – in bar – und ich einen Abflug machte, meckerte er noch ein bisschen rum. Aber eigentlich war er dermaßen aus dem Häuschen über seinen Schuh, dass ebenso gut das ganze Büro hätte in Schutt und Asche liegen können.

Im Auto durchwühlte ich das Handschuhfach nach einem Milky Way. Solche Kämpfe erforderten sofortigen Zucker- und Kaloriennachschub. Ich schob mir den Schokoriegel praktisch in einem Stück in den Mund und machte mein Handy an. Ein Anruf von Lara war mir entgangen.

Sobald ich einen zweiten Riegel verputzt hatte und wieder auf der I-10 war, rief ich sie an.

„Ja“, sagte ich.

„Hey. Haben Sie die Montgomery-Sache abgeschlossen?“

„Jepp.“

„War der Turnschuh wirklich besessen?“

„Jepp.“

„Hui. Wer hätte das gedacht? Aber irgendwie ist es auch witzig, weil … wissen Sie … verlorene Seelen und Sohlen …*“

„Sehr schlechter Witz“, beschied ich. Lara war vielleicht eine gute Sekretärin, aber deshalb musste ich mir so was noch lange nicht anhören. „Also, was gibt’s Neues? Oder wollten Sie sich bloß mal melden?“

„Nein. Ich habe vorhin eine sehr seltsame Anfrage reingekriegt. Der Mann klang ehrlich gesagt ziemlich nach einem Spinner. Aber er behauptet, seine Schwester wäre von Feen entführt worden – äh, von den Feinen. Er will, dass Sie rübergehen und die Kleine zurückholen.“

Ich schwieg und starrte auf die Straße und zum klaren blauen Himmel hinauf, ohne beides richtig wahrzunehmen. Mein Verstand versuchte zu verarbeiten, was Lara gerade gesagt hatte. Solche Anfragen bekam ich nicht oft. Eigentlich nie. Eine derartige Rettung erforderte, dass man körperlich in die Anderswelt wechselte. „So etwas mache ich grundsätzlich nicht.“

„Habe ich ihm auch gesagt.“ Aber in ihrer Stimme schwang Un­sicherheit mit.

„Also gut. Was verschweigen Sie mir gerade?“

„Nichts eigentlich. Ich weiß nicht. Es ist nur so … Er hat gesagt, sie wäre jetzt schon seit fast anderthalb Jahren fort. Sie war vierzehn, als sie verschwunden ist.“

Mein Magen zog sich leicht zusammen. Himmel. Was für ein grausames Schicksal für ein so junges Mädchen. Dagegen kam mir die plumpe Anmache des Kers eben richtig banal vor.

„Er klang ganz schön verzweifelt.“

„Gibt es Anhaltspunkte dafür, dass sie wirklich entführt wurde?“

„Das weiß ich nicht. Er wollte nichts weiter sagen. Er war irgendwie paranoid. Als ob er dächte, dass sein Telefon abgehört wird.“

Ich lachte auf. „Durch wen denn? Die Feinen?“ So nannte ich die Wesen, die in der westlichen Kultur zumeist als Feen oder Elfen bezeichnet werden. Sie sahen genauso aus wie Menschen, nur dass sie statt der Technik die Magie bevorzugten. Für sie war „Fee“ ein abfälliger Begriff, und ich wurde dem gewissermaßen gerecht, indem ich ein Wort aus der mittelalterlichen Dichtung für sie benutzte: die Feinen. Gute Leute. Gute Mitmenschen. Eine fragwürdige Bezeichnung, durchaus. Die Feinen zogen den Begriff „die Glanzvollen“ vor, aber das war ja einfach albern. So weit reichte das Ansehen dann doch nicht.

„Keine Ahnung“, sagte Lara. „Wie ich schon sagte, er klang sehr nach einem Spinner.“

Schweigen machte sich breit, während ich mir immer noch das Telefon ans Ohr hielt und an einem Auto vorbeizog, das mit siebzig auf der linken Spur fuhr.

„Eugenie! Sie denken doch nicht ernsthaft darüber nach.“

„Vierzehn, ja?“

„Sie haben immer gesagt, das wäre gefährlich.“

„Was denn? In der Pubertät zu sein?“

„Sparen Sie sich Ihre Scherze. Sie wissen genau, was ich meine. Rüberzugehen.“

„Ja. Stimmt.“

Es war gefährlich – extrem gefährlich. Sicher, man konnte auch sterben, wenn man in seiner geistigen Form dort unterwegs war, aber da hatte man eine größere Chance zu entkommen, weil der erdgebundene Körper einen mit der wirklichen Welt verband. Wenn man ihn mitnahm, änderte das sämtliche Spielregeln.

„Das ist nicht Ihr Ernst.“

„Machen Sie einen Termin“, wies ich sie an. „Kann nichts schaden, mich einmal mit ihm zu unterhalten.“

Ich sah richtig vor mir, wie sie sich auf die Lippe biss, um mir nicht zu widersprechen. Aber schließlich war ich es, die ihre Gehaltsschecks unterschrieb, und das respektierte sie. Nach ein, zwei Sekunden durchbrach sie die Stille, indem sie mich bei einigen anderen Aufträgen auf den neuesten Stand brachte, dann ging sie zu weniger heiklen Themen über: irgendein Sonderverkauf im Center, ein rätselhafter Kratzer an ihrem Auto …

Irgendwie brachte mich Laras munteres Geplauder immer zum Schmunzeln, aber gleichzeitig fand ich es beunruhigend, dass ich den Großteil meiner Gespräche mit einer Person bestritt, die ich eigentlich nie traf. In der letzten Zeit beschränkte sich mein persönlicher Umgang vor allem auf Geistwesen und Feine.

Die Zeit fürs Abendessen war schon vorbei, als ich zu Hause ankam, und mein Mitbewohner Tim schien ausgegangen zu sein, wahrscheinlich zu irgendeiner Lesung. Trotz seines polnischen Hintergrunds hatten ihm seine Gene unerklärlicherweise einen starken indianischen Einschlag gegeben. Er sah sogar indianischer aus als manch einer hier aus der Gegend. Tim hatte beschlossen, daraus Kapital zu schlagen, und sich lange Haare und den Namen Timothy Red Horse zugelegt. Er verbrachte seine Tage damit, in irgendwelchen Kneipen pseudo­indianische Lyrik zum Besten zu geben und sich an naive Touristinnen heranzumachen, indem er massenhaft Floskeln wie „mein Volk“ und „der Große Geist“ einsetzte. Es war gelinde gesagt abscheulich, aber er kriegte sie ziemlich oft rum. Nur mit dem Geld klappte es nicht so; darum ließ ich ihn umsonst bei mir wohnen, und er machte dafür den Haushalt. Ein ziemlich guter Deal, soweit es mich betraf. Wenn man sich den ganzen Tag mit Untoten herumschlug, war es irgendwie zu viel verlangt, auch noch die Badewanne zu schrubben.

Das Schrubben meiner Athame musste ich unglücklicherweise selbst erledigen. Keresblut hinterließ manchmal Flecken.

Anschließend aß ich zu Abend, dann zog ich mich aus und saß lange in meiner Sauna. An meinem Häuschen draußen in den Ausläufern des Gebirges gefiel mir vieles, aber mit am meisten die Sauna. Man könnte meinen, dass so etwas in der Wüste überflüssig ist, aber in Arizona gab es zumeist trockene Hitze, und ich mochte die feuchte Luft und das Gefühl der Wassertropfen auf meiner Haut. Ich lehnte mich an die Holzwand und genoss es, den Stress auszuschwitzen. Mir tat alles weh, manche Stellen besonders stark, und die Hitze sorgte dafür, dass sich die Muskeln langsam wieder lockerten.

Die Einsamkeit tat auch gut. Es war zwar zum Heulen, aber dass ich so selten etwas mit anderen unternahm, lag ausschließlich an mir. Ich verbrachte einen Großteil meiner Zeit allein und störte mich auch nicht daran. Als mein Stiefvater Roland angefangen hatte, mich zur Schamanin auszubilden, erzählte er mir, dass Schamanen in vielen Kulturen notwendigerweise außerhalb der normalen Gesellschaft lebten. Damals, in der siebten oder achten Klasse, war mir diese Vorstellung verrückt vorgekommen, aber jetzt, wo ich älter war, leuchtete sie mir durchaus ein.

Ich litt zwar nicht gerade unter sozialer Phobie, aber es fiel mir oft schwer, mit anderen Leuten zu interagieren. Mich zu unterhalten, wenn noch jemand anders zuhörte, war mörderisch. Selbst Zweiergespräche hatten ihre Tücken. Ich konnte weder bei Haustieren noch bei Kindern mitreden, und Sachen wie die Aktion in Las Cruces heute eigneten sich auch kaum für Small Talk. Mann, war das ein Tag heute. Erst vier Stunden Fahrt, dann der Kampf gegen einen Dämon der Antike. Ich musste ihm mehrere Kugeln und Messerstiche verpassen, bevor ich ihn auslöschen und in die Unterwelt befördern konnte. Herrgott noch mal, ich werde echt nicht gut genug bezahlt für so einen Mist. Das Stichwort für höfliches Gelächter.

Als ich aus der Sauna kam, hatte ich wieder eine Nachricht von Lara auf dem Handy. Der Termin mit dem verzweifelten Bruder war auf morgen angesetzt. Ich machte eine Notiz in meinen Tagesplaner, duschte und zog mich in mein Zimmer zurück, wo ich in einen schwarzen Seidenschlafanzug schlüpfte. Aus irgendeinem Grunde war schöne Nachtwäsche der einzige Luxus, den ich mir in meinem ansonsten schmutzigen und blutigen Leben gönnte. Das Ensemble für heute Nacht hatte ein Miederoberteil, das ordentlich Dekolleté zeigte. Es war bloß niemand da, der es hätte sehen können. Wenn Tim da war, zog ich mir immer noch einen schlabberigen Bademantel über.

Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und kippte ein neues Puzzle aus, das ich mir gerade gekauft hatte. Es zeigte ein Kätzchen, das auf dem Rücken lag und mit einem Wollknäuel spielte. Meine Vorliebe für Puzzles war ebenso seltsam wie das mit der Nachtwäsche, aber ich fand es entspannend. Vielleicht, weil es so gegenständlich war. Man konnte die Teile in die Hand nehmen und an den richtigen Stellen zusammenfügen, ganz im Gegensatz zu den wenig greifbaren Sachen, mit denen ich mich sonst so herumschlug.

Während meine Finger die Teile herumbewegten, versuchte ich, aus der Tatsache schlau zu werden, dass der Ker meinen richtigen Namen gekannt hatte. Was bedeutete das? Ich hatte mir in der Anderswelt jede Menge Feinde gemacht. Die Vorstellung, dass sie vielleicht meine Identität kannten, gefiel mir gar nicht. Ich zog es vor, Odile zu bleiben. Ach wie gut, dass niemand weiß. Aber wahrscheinlich machte ich mir umsonst Sorgen. Der Ker war tot. Er konnte nichts mehr ausplaudern.

Zwei Stunden später war ich mit dem Puzzle fertig und bewunderte es. Das Kätzchen war braun getigert, mit fast azurblauen Augen. Das Wollknäuel war rot. Ich holte meine Digitalkamera, machte ein Foto und nahm das Puzzle wieder auseinander, tat es in die Schachtel zurück. Wie gewonnen, so zerronnen.

Mit einem Gähnen schlüpfte ich ins Bett. Tim hatte heute Wäsche gewaschen; das Bettzeug war frisch und sauber. Es geht nichts über den Duft von frischer Bettwäsche. Doch trotz meiner Erschöpfung konnte ich nicht einschlafen. Das war auch so eine Ironie des Lebens. Im Wachzustand konnte ich mit einem Fingerschnippen in Trance fallen. Mein Geist konnte meinen Körper verlassen und durch andere Welten reisen. Mit dem Schlafen tat ich mich dagegen aus irgendeinem Grunde schwer. Verschiedene Ärzte hatten mir Beruhigungsmittel verschrieben, aber die nahm ich nicht so gern. Drogen und Alkohol fesselten den Geist an diese Welt, und ich gönnte mir zwar auch gelegentlich eine kleine Auszeit, aber eigentlich zog ich es vor, jederzeit hinüberwechseln zu können.

Diesmal war meine Schlaflosigkeit wohl auf ein gewisses Teenager­mädchen zurückzuführen … Aber nicht doch. Daran durfte ich nicht einmal denken, jedenfalls jetzt noch nicht. Erst musste ich mit dem Bruder sprechen.

Ich brauchte etwas anderes, womit ich meine Gedanken beschäf­tigen konnte. Seufzend drehte ich mich auf den Rücken und starrte an die Decke mit ihren fluoreszierenden Plastiksternen. Ich zählte sie, wie schon in vielen anderen schlaflosen Nächten. Es waren dreiunddreißig Stück, genau wie letztes Mal. Aber noch mal kontrollieren war nie verkehrt.

* Anmerkung des Übersetzers: Unübersetzbares Wortspiel, das auf dem Gleichklang der englischen Wörter soul (dt. Seele) und sole (dt. Schuhsohle) beruht.