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TERESA SIMON

Die Frauen der Rosenvilla

Roman

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

 

Zum Buch

Anna Kepler, Erbin einer alten Schokoladendynastie, hat gerade ihre zweite Chocolaterie in der Dresdner Altstadt eröffnet. Auch die Familienvilla hat Anna wieder in Familienbesitz gebracht. Als sie den legendären Rosengarten, der der Villa einst ihren Namen gab, neu anlegt, stößt sie auf eine alte Schatulle. Sie enthält das Tagebuch einer Frau, die vor hundert Jahren in der Villa gelebt hat. Doch Anna hat noch nie von dieser Emma gehört und begibt sich auf Spurensuche. Dabei stößt sie auf ein schicksalhaftes Familiengeheimnis …

Zur Autorin

Teresa Simon ist das Pseudonym einer bekannten deutschen Autorin, die mit ihrem Mann in München lebt. Sie reist gerne (auch in die Vergangenheit), ist neugierig auf ungewöhnliche Schicksale, hat ein Faible für Katzen, bewundert alles, was grünt und blüht, hat sich schon seit Jugendtagen für die aufregende Geschichte der Schokolade interessiert – und liebt die wunderschöne Elbmetropole Dresden, aus der ein Teil ihrer mütterlichen Linie stammt.

 

 

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Originalausgabe 03/2015

Copyright © 2015 by Teresa Simon

Copyright © 2015 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Redaktion: Catherine Beck

Umschlaggestaltung: © Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Nejron Photo

Satz: Christine Roithner Verlagsservice, Breitenaich

ISBN: 978-3-641-14472-2
V006

www.heyne.de

 

 

Für Anna & Isabella

 

 

Schokolade ist der Stoff, aus dem die Träume sind.

Üppige, dunkle, samtweiche Träume,

die die Sinne umhüllen und Leidenschaft wecken.

Schokolade ist Wahnsinn, Schokolade ist Entzücken.

Judith Olney (amerikanische Autorin)

Wenn der Sommer sich verkündet,

Rosenknospe sich entzündet,

wer mag solches Glück entbehren?

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

Prolog

Dresden, Juni 1913

Dieser Brief ist an Dich gerichtet, meine geliebte Emma, obwohl er Dich niemals erreichen darf, selbst dann nicht, wenn meine Augen für immer geschlossen sind. Aber ich muss ihn schreiben, weil die Schuld mir sonst den Atem raubt.

Während ich hier an dem zierlichen Biedermeiersekretär aus Wien sitze, der noch von Gustavs Großmutter Hermine stammt, schläfst Du nur wenige Türen weiter in Deinem Himmelbett – kein Kind mehr, das kann ich deutlich sehen, und dazu wären nicht einmal die bewundernden Männerblicke nötig, die jetzt immer öfter Dir anstatt mir folgen, wenn wir beide zusammen im Großen Garten flanieren. Aber natürlich bist Du auch noch keine erwachsene Frau. Noch lange nicht.

Ich weiß, Du bräuchtest die Mutter, die Dich auf diesem schwierigen Weg begleitet. Niemand hätte es mehr verdient als Du, mein Zaubermädchen! Mit Deinem Lachen, Deiner Fröhlichkeit, der Lebendigkeit, die aus Dir sprudelt, hast Du uns alle angesteckt, vom allerersten Tag an, als ich in Deine dunklen Augen geschaut habe.

Manche behaupten ja, alle Kinder kämen blauäugig zur Welt, doch Deine Augen waren so rund und groß wie polierte Kastanien, und genauso sind sie bis heute geblieben. Ich kann mich in ihnen verlieren, Dein Vater tut es für sein Leben gern – und nicht anders wird es einmal dem Glücklichen ergehen, der in Liebe zu Dir entbrennt.

Wie sehr würde ich mir wünschen, sein Werben um Dich mit jeder Faser auskosten zu können, doch es wird mir nicht vergönnt sein, meine Emma. Ich spüre, wie meine Kraft schwindet, von Tag zu Tag ein wenig mehr. Sie rinnt aus mir heraus, und ich finde nichts, womit dies aufzuhalten wäre.

Was habe ich getan!

Und tat es doch nur Deinetwegen …

Bis jetzt ist mir noch niemand auf der Spur, aber ich rechne jeden Tag mit einem herrischen Pochen an unserer Tür. Ob Dein Vater das überleben wird, weiß ich nicht. Gustav ist nicht so stark, wie er scheint. Das wirst Du auch noch bemerken, falls Du es nicht schon längst weißt, was ich vermute. Sein Ordnungssinn, sein Streben nach Redlichkeit und Anstand sind nichts anderes als eine geschickt kaschierte Furcht vor den starken, wilden Gefühlen, die in ihm brodeln. In dieser Hinsicht ist er wirklich Dein Vater, Emma.

Manchmal kann ich es kaum ertragen, welch starke Verbündete Ihr beide geworden seid, obwohl es auch ganz anders hätte kommen können, so, wie die Dinge nun einmal liegen …

Es gibt Tage, da fühle ich mich fast wie eine Fremde, wenn ich Euch beide zusammen sehe. Ich erschrecke darüber und bin gleichzeitig froh, denn es wird Dir den Abschied von mir leichter machen. Das niederzuschreiben fällt mir schwer. Und doch muss ich es tun, wenigstens ein einziges Mal, bevor ich Euch verlasse.

Ja, Du hast richtig gehört, Emma: Ich kann nicht länger bleiben, obwohl ich mir nichts anderes wünsche. Das Glück mit Euch beiden war alles, was ich jemals wollte. Dafür habe ich alles riskiert – und alles verspielt. Das Unsagbare lässt sich nicht mehr abwischen. Wie ein feiner roter Film hat es sich auf meine Haut gelegt, verfolgt mich im Wachen, im Träumen.

Wenn ich überhaupt noch schlafe …

Die Nächte, früher Freunde, die mir bunte Träume geschenkt haben, sind längst zu Feinden geworden. Ich liege im Bett neben deinem Vater, hellwach und mit entzündeten Augen, in denen ungeweinte Tränen brennen. Du würdest dich voller Grauen von mir abwenden, hättest Du nur die geringste Ahnung, Du, die jedes aus dem Nest gefallene Vögelchen, jedes weinende Kind, jedes Unrecht dieser Welt berührt. An Gustavs Reaktion will ich lieber erst gar nicht denken …

Ich habe den Faden zerschnitten, der mich unlösbar an Euch beide band. Dabei habe ich sie niemals gehasst – nicht einmal an jenem schrecklichen Tag, an dem sie mir alles nehmen wollte. Denn was ich in ihr sah, hat mich weich gemacht, versöhnlich. Ich spürte ihre Not, hatte sie ja viele Jahre selbst durchlitten. Doch dann kam jener kalte, jener entsetzliche Moment, in dem sie mir drohte – und ich außer mir geriet.

Eine schwarze Wand. Dumpfes, leeres Rauschen. Und dann – nichts.

Ich weiß nur noch, dass sie plötzlich auf dem Boden lag. Leblos. Unfassbar jung, fast wie ein schlafendes Mädchen, wäre da nicht ein rotes Rinnsal aus ihrem Kopf geflossen … Ich wusste, dass ich fliehen musste, so schnell wie möglich. Niemand war in der Nähe. Keiner hatte uns beobachtet – bis auf jenes seltsame Kind. Ein Junge. Sechs, höchstens sieben Jahre alt. Mager, fast schon spillerig. Auf dem Kopf eine dunkle Schiebermütze, unter der er beinahe verschwand. Darunter ein weißes, dreieckiges Gesicht mit einem energischen Kinn. Nie werde ich seinen Blick vergessen. Kieselgraue Augen, wissend und abwägend, als würden sie einem erwachsenen Mann gehören.

Einem Mann, der seine Rache plant …

Ach, meine Emma, ich verliere mich in Ängsten und habe dabei noch nicht einmal das Wichtigste zu Papier gebracht:

Du bist das Licht meines Lebens.

Das Kind, das ich mir stets gewünscht habe.

Mein über alles geliebtes, kluges Mädchen.

Verzeih mir, wenn Du kannst! Und bring mir eine Rose, wenn sie mich gefunden haben, eine cremeweiße Damaszenerrose mit zartrosa Innenleben, wie wir beide sie so sehr lieben.

Ich fürchte, ich bin die schlechteste Mutter der Welt. Und wollte Dir doch vom ersten Tag an die allerbeste sein! Ich küsse Dich und schicke Dir einen Engel, der über Dich wachen soll.

Leb wohl, geliebtes Herz!

Deine Mutter