Galen ist 22 und lebt mit seiner Mutter auf einer Walnussplantage in Kalifornien. Seine einzigen Bezugspersonen sind die dominanten Frauenfiguren der Familie. Die Mutter erdrückt ihn mit ihrer Liebe, seine siebzehnjährige Cousine erkennt ihre erotische Macht über ihn und nutzt sie schamlos für sich. Die demente und wohlhabende Großmutter lässt ihn nicht studieren, und auch seine Tante hat nur Hohn für ihn übrig. Bei einem Familienausflug in die Wälder enthüllt seine Mutter ein wohlgehütetes Geheimnis. Plötzlich setzt Galen alles daran, endlich frei zu sein …
David Vann, geboren 1966 auf Adak Island/Alaska, lebt in Kalifornien und lehrt an der University of Warwick in England. Seine Romane sind vielfach preisgekrönt und erscheinen in 22 Ländern.
Miriam Mandelkow, 1963 in Amsterdam geboren, lebt als Übersetzerin in Hamburg. Zuletzt hat sie Werke von Pat Barker, NoViolet Bulawayo und Anne Landsman ins Deutsche übertragen.
Im Suhrkamp Verlag sind von David Vann erschienen:
Goat Mountain. Roman (2014), Die Unermesslichkeit. Roman (st 4438) und Im Schatten des Vaters. Roman (st 4331).
David Vann
Dreck
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch
von Miriam Mandelkow
Suhrkamp
Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel Dirt bei Harper Collins, New York.
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2014
Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuchs 4533
© Suhrkamp Verlag Berlin 2013
David Vann © 2012
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Satz: Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn
Umschlagfotos: Tim Daniels/Arcangel Images
Umschlag: ZERO Werbeagentur, München
eISBN 978-3-518-73182-6
www.suhrkamp.de
Galen wartete unter dem Feigenbaum auf seine Mutter. Zum hundertsten Mal las er Siddhartha; der junge Buddha, der in den Fluss blickt. Er spürte die mächtige Präsenz des Feigenbaums, lauschte dem Nicht-Wind, der Stille. Sommerhitze, die alles nach unten drückte, die Erde plan. Ein Schweißfilm praktisch am ganzen Körper, glitschig.
Dieses alte Haus, die Bäume uralt. Vom langen Gras juckende Beine. Aber er versuchte, sich zu konzentrieren. Den Nicht-Wind zu hören. Nur zu atmen. Das Nicht-Ich vorüberziehen zu lassen.
Galen, rief seine Mutter im Haus, Galen.
Er atmete tiefer, versuchte, seine Mutter vorüberziehen zu lassen.
Ach, da bist du, sagte sie. Wie wär's mit Tee?
Er antwortete nicht. Konzentrierte sich auf seinen Atem, hoffte, sie würde weggehen. Allerdings wartete er ja hier auf sie, wartete auf den Tee.
Hilf mir mit dem Tablett, sagte sie, also ließ er seufzend das Buch sinken und stand auf, die Beine steif vom Schneidersitz.
Da bist du ja, sagte sie, als er in die Küche trat. Altes Holz, das sich unter seinen bloßen Füßen bog. Rau von abblätterndem Lack. Er nahm das Tablett, das schwere alte Silber, die verzierte Silberteekanne, die weißen Porzellantassen, all das deprimierende Zeug, und als er mit vollen Händen dastand, beugte sie sich von hinten zu ihm und gab ihm einen Kuss, ihre Lippen an seinem Hals und dazu ihr kleines Schniefen, das niedlich sein sollte und ihn zusammenzucken ließ, innerlich aufheulen. Aber er ließ das Tablett nicht fallen. Er trug es zum schmiedeeisernen Tisch im Schatten der Feige, gleich neben der Wand des Schuppens mit der kleinen Wohnung im Dachboden. Er überlegte, hierher zu ziehen, weg von ihr, raus aus dem Haus.
Jetzt war sie neben ihm, seine Mutter mit den Häppchen, Gurke und Brunnenkresse. Sie waren nicht in England. Hier war nicht England. Sie waren in Carmichael, einem Vorort von Sacramento, in Kalifornien, im Central Valley, einer langgestreckten, heißen Senke Stumpfsinn, erdenklich weit weg von England, doch jeden Nachmittag tea time. Sie stammten nicht mal aus England. Die Großmutter aus Island, der Großvater aus Deutschland. Nichts in ihrem Leben würde jemals zusammenpassen.
Setz dich, sagte seine Mutter. Schöne Lektüre?
Sie schenkte ihm Tee ein. Sie trug Weiß. Eine sommerliche weiße Bluse zu einem langen Kleid, alles weiß, mit Sandalen. Bauschige Oberschenkel, ihre untere Hälfte wuchs schneller als die obere.
Ein Sandwich, sagte sie. Du musst was essen.
Die Häppchen mit abgeschnittenen Kanten. Gurke und Frischkäse. Selbst, wenn er hungrig gewesen wäre, hätte das ganz weit unten auf seiner Liste aller auf der Welt erhältlichen Lebensmittel gestanden.
Du siehst abgemagert aus.
Er kehrte zum Atem zurück. Wann immer sie sprach, kehrte er zu seinem Atem zurück, dem Ausatmen, um alle Bindung an die Welt entweichen zu lassen. Er atmete zehn Mal aus, dann nippte er an seinem Tee, der heiß war und minzig und süß.
Du hast ganz eingefallene Wangen, und es sieht aus, als hättest du Knochen vorne am Hals.
Ich habe keine Knochen vorne am Hals.
Aber es sieht so aus. Du musst was essen. Und du musst dich duschen und rasieren. Du bist so ein hübscher Junge, wenn du dir ein wenig Mühe gibst.
Der Atem beschleunigt, die Wut stets ein Auflodern, breiter in Nacken und Schultern, die Schädeldecke weg. Er könnte alles sagen in solchen Augenblicken, aber er bemühte sich, nichts zu sagen.
Es ist bloß Essen, Galen. Himmel noch mal, da ist nichts bei. Schau her, ich zeig's dir. Und sie hob ein Gurkenhäppchen in die Luft, ein kleines Viereck, das sie sich langsam in den Mund schob.
Galen blickte auf seine Teetasse, der Tee eine Art Fleck im Wasser, dunkler zum Boden hin. Welke grüne Minzblätter, borkig mit winzigen Höckern. Die Welt eine große Flut, in der nichts stillstand, nie. Die sich nicht kontrollieren, die sich nicht aufhalten ließ. Die anschwoll und sich zusammenzog, sich ballte. Das Semester fängt in einem Monat an, sagte er. Ich sollte aufs College gehen. Und nicht noch ein beschissenes Jahr damit zubringen, Tee zu trinken.
Nun, du kannst gern gehen.
Wir haben kein Geld. Schon vergessen?
Das ist nicht meine Schuld. Wir behelfen uns mit dem, was wir haben. Und wir wohnen an diesem wunderschönen Ort, ganz für uns.
Jeder andere wäre mir lieber.
Seine Mutter hob das Löffelchen und rührte in ihrem Tee, und Galen wartete. Warum willst du mich kränken?, fragte sie.
Die Luft war nicht atembar. So heiß, sein Hals ein vertrockneter Tunnel, seine Lunge dünn wie Papier und nicht dehnbar, und er hatte keine Ahnung, wieso er nicht einfach ging. Sie hatte ihn zu einer Art Ehemann gemacht, ihren eigenen Sohn. Sie hatte ihre Mutter, ihre Schwester und ihre Nichte rausgeworfen und diese Zweisamkeit geschaffen, und jeden Tag hatte er das Gefühl, es nicht einen einzigen weiteren Tag auszuhalten, und jeden Tag blieb er.
Nach dem Tee ging Galen auf sein Zimmer. Das Elternschlafzimmer, seine Mutter schlief in ihrem alten Kinderzimmer. Also schlief er dort, wo seine Großeltern geschlafen hatten, in einem langgestreckten offenen Raum aus dunklem Holz, mit geölten, abgetretenen Dielen. Holz an den Wänden, der Sims in Brusthöhe. Darüber alter Stoff, dunkelblaues Fleur-de-Lis-Muster in meterbreiten Bahnen, durchbrochen von dunklen, bis unter die Decke reichenden Balken. Die Decke eine Reihe von ebenfalls dunklen Holzpaneelen mit Schnitzereien über dem Kronleuchter. Ein schnörkeliger, schwerer Raum, zu pompös für sein unerhebliches Leben, etwas aus einer anderen Zeit.
Galens Bettgestell war aus Walnussholz, das von dieser Plantage stammte. Das zumindest passte. Wenn er nach draußen ging, konnte er sich auf den Stumpf des Baumes setzen. Ansonsten aber hatte er keine Ahnung, wie alles so gekommen war oder was aus ihm werden sollte.
Er ging hinunter, um am Auto auf seine Mutter zu warten. Eine Kreisauffahrt vor dem Haus, dahinter ein langer, inzwischen überwucherter Heckenweg. Blumen in der Mitte des Kreisels, ebenso überwuchert. Disteln und hohes Gras, braun von der Sonne. Es hatte mal einen Gärtner gegeben, und noch immer wurde ein wöchentlicher Fonds für einen Gärtner ausbezahlt, nur lebten jetzt Galen und seine Mutter von diesem Geld. Davon und von dem Fonds für die wöchentliche Haushaltshilfe.
Der Wagen jetzt zwölf Jahre alt, ein Buick Century 1973 mit weit geschwungenen Kotflügeln. Ein Schiff. Orangemetallic, vor einem Jahr neu lackiert, weil seine Mutter Geld zum Fenster rauswerfen musste. Tun wir's, hatte sie gesagt. Tun wir's einfach.
Die Metallic-Farbe ein riesiger Reflektor, vor dem Galen schmorte, ohne Hut oder Sonnenbrille, mit dunkel und rissig gewordener Haut. Rund hundert Meter weiter eine riesige Eiche und kühler Schatten, eine Zweierbank aus Holz, aber Galen blieb hier stehen. Riss die Augen so weit wie möglich auf im gleißenden Licht.
Er spürte, wie die Erde sich der Sonne entgegenneigte, wie das Land voranpflügte und den heißen Sack Schmelze hinter sich herzog.
Und dann erschien seine Mutter. Sonnenhut und mehrere kleine Taschen in den Händen, mit den Schlüsseln hantierend, sechzehn Sachen dabei, obwohl sie nur drei Meilen weit fuhren. Jeden Tag nach dem Tee besuchten sie seine Großmutter im Altersheim. Alles eine Inszenierung, und der Star jeder Inszenierung seine Mutter.
Mit einem Lächeln kam sie auf ihn zu, einem breiten, reizenden Lächeln, das Schönste an ihr. Ein langer Weg von der Tür zur Auffahrt, links und rechts Rasen, der zum Teil noch grün war. Die Wasserrechnung für die Sprinkler wurde direkt aus dem Treuhandvermögen bezahlt.
Da bist du ja, sagte sie. Wollen wir?
Für seine Mutter hatte es noch nie einen schwierigen Moment gegeben. Sie hatten sich beim Tee eben nicht gestritten. Sie hatten sich noch nie gestritten. In ihrem ganzen Leben war nie etwas Unangenehmes passiert. Galen wusste nicht, was er sagen sollte. Also starrte er auf die Kühlerhaube, eine blendende Sonne, und versuchte, die Augen zu dehnen.
Galen, sagte seine Mutter. Mach die Tür auf und steig ein. Die Beine zuerst. Es ist nicht schwer, und es hat wirklich keine Bedeutung.
Galen machte die Tür auf, setzte ein Bein hinein und beschloss dann, das andere nachzuziehen, ohne die Arme zu benutzen. Er schlug schwer auf dem Kies auf, mit der Schulter zuerst. Die Beine verknotet in der Türöffnung.
Herrgott noch mal, sagte seine Mutter. Ich habe heute wirklich keine Zeit für so was, Galen. Sie lief ums Auto herum packte ihn unter den Achseln, verfrachtete ihn auf den Sitz und schloss die Tür, ohne sie zu knallen.
Du hältst dich für ganz schlau, sagte sie, als sie sich mit eingezogenem Kopf auf die Fahrerseite setzte. Sie schloss ihre Tür, und schon fuhren sie über knirschenden Kies den Heckenweg hinunter.
Bei Bel-Air gibt es leckeren Kürbiskuchen, sagte er, als sie am Shoppingcenter vorbeifuhren.
Lass das, sagte seine Mutter.
Sie machen wirklich herrlichen Kuchen, sagte er. Genau das hatte seine Großmutter jeden Tag gesagt, bevor seine Mutter sie ins Altersheim steckte.
Seine Mutter versuchte, ihn zu ignorieren, was ihr nicht immer gelang. Vor allem Kürbis, sagte er.
Seine Mutter hielt sich für eine gute Mutter und eine gute Tochter und einen guten Menschen, also verkniff sie sich hässliche Worte. Sie sah angeschlagen aus, das Gesicht düster, kein Lächeln mehr.
Wenn ich doch bloß nicht ins Altersheim gesperrt wäre, sagte er. Dann könnte ich noch mal Kürbiskuchen essen.
Galens Großmutter war bei bester Gesundheit, nur am Gedächtnis haperte es. Suzie-Q, sagte sie, als Galens Mutter hereinkam. Sie umarmten sich, und dann war Galen dran.
Galen mochte keine Umarmungen. Seine Familie bestand nur aus Frauen, und dauernd umarmten sie ihn, viele Male am Tag. Er hätte es vorgezogen, in seinem ganzen Leben nie wieder umarmt zu werden.
Sieh einer an, sagte sie. Mein hübscher Enkel. Bereitest du dich aufs College im Herbst vor?
Galens Oberarme steckten fest in ihren Händen. Er versuchte, seine Arme locker zu lassen, als gehörten sie jemand anders. Aber sie ließ nicht los. Ihr Gesicht war sehr nah. Ein anderes Gesicht als vor einigen Monaten. Neue Zähne, irgendwie hatten die ihr Gesicht vollkommen verändert, es runder, weicher und fremd gemacht. Als wäre sie nie seine Großmutter gewesen, sondern jemand anders, der sich darin versteckte.
Diesen Herbst nicht, sagte er schließlich. Ich warte noch ein Jahr.
Sie betrachtete ihn eingehend, musterte Gesicht und Augen, versuchte vielleicht, sich zu erinnern. Nicht erinnern konnte sie sich daran, dass dies sein fünfter Aufschub war. Ja, sagte sie. Ja, natürlich, warte noch ein bisschen. Wir haben ja darüber gesprochen. Immer eine gute Idee. Vielleicht ein bisschen reisen, erst mal die Welt sehen.
Das Phantasie-Jahr in Europa, der gut betuchte junge Mann mit dem kleinen Koffer, der in Ozeandampfer und Züge stieg und in hundert alten Kammern die Fensterläden aufstieß, um über Türme und Steine zu blicken. Im Leinenanzug, in Cafés, plaudernd in einem halben Dutzend Sprachen. Galen war wütend, weil es hätte sein können. Wenn er einen Vater und eine normale Mutter gehabt hätte, Eltern mit Arbeit und eine Großmutter ohne Gedächtnisverlust, hätte das überschüssige Geld seiner Großmutter die Phantasie verwirklichen können. Stattdessen ging es für das Altersheim drauf, für Autolack und für eine Mutter, die nie arbeiten würde.
Mom, du reißt Galen die Arme aus.
Ja nun, sagte seine Großmutter und ließ los. Weißt du, dass du mein Lieblingsenkel bist?
Weißes Haar, das sich in einem Bob wellte, blaue, noch immer strahlende Augen. Bevorzugung war eigentlich nicht sehr nett, aber er mochte seine Großmutter. Er hatte sie immer lieber gemocht als alle anderen.
Danke, Grandma, sagte er. Du bist meine liebste Grandma.
Hm, sagte sie und umarmte ihn wieder.
Das Zimmer war sehr klein, und Galens Großmutter teilte es mit einer älteren Frau, die ans Bett gefesselt war. Ihre Augen waren immer feucht, und jetzt lächelte sie Galen an und sah aus, als würde sie weinen.
Vielleicht sollten wir spazieren gehen, sagte Galen. Er musste aus diesem Zimmer raus. Linoleumböden und schlichte weiße Wände, Plastikvorhänge um die Betten. Ein Ort zum Sterben, aber seine Großmutter war gesund. Ein Doppelzimmer, weil seine Mutter so viel wie möglich vom Treuhandvermögen sparen wollte, und es war nicht klar, ob seine Großmutter sich daran erinnerte, dass sie Geld hatte.
Gute Idee, sagte seine Mutter. Wir machen einen Spaziergang im Garten.
Den Letzten beißen die Hunde, sagte seine Großmutter.
Also veranstalteten sie ein kleines Wettrennen in den Garten. Winkten den Schwestern im Korridor zu, als würden sie für immer verschwinden. Galens Mutter mit einem Lächeln, weil sie etwas Besonderes waren. Sie war zu gern etwas Besonderes.
Ah, atmete sie aus, als sie den Garten erreichten und das Rennen beendet war. Sie nahm ihre Mutter beim Arm und beugte sich zu ihr. Das hat Spaß gemacht, nicht wahr?
Der Garten ein Betonhof mit Pflanzkübeln auf Rädern. Sie waren beweglich, also war es nie derselbe Garten. Keine der Pflanzen war höher als eineinhalb Meter, Schatten gab es nicht.
Galen Großmutter schenkte ihm ein breites Lächeln. Er wollte es erwidern, aber es fühlte sich an wie ein windschiefes Grinsen mit geschlossenem Mund, ein bisschen gedehnte Haut. Vielleicht hatte er eine andere Wangenmuskulatur. Von allein hob sie sich nicht.
Seht nur, die vielen Blumen, sagte seine Mutter, und es stimmte, überall Blumen. Sie zogen einen Kübel Petunien heran, weiß und rosa und violett in der Sonne. Wie kleine Gesichter, sagte seine Mutter.
Wie spät ist es?, fragte Galens Großmutter.
Sieh nur, Mom, die Rosen.
Sie gingen zu den Rosen, rot und lose und dornig. Galen beugte sich vor, um an ihnen zu schnuppern. Er mochte den Duft roter Rosen.
Wie Ferdinand, der Stier, sagte seine Mutter.
Danke, sagte Galen.
Erinnerst du dich an Ferdinand, den Stier, Mom?
Aber Galens Großmutter blickte sich besorgt um. Wie spät ist es?, wiederholte sie.
Das ist der Stier, der nur rumliegt und an Blumen schnuppert.
Vielleicht sollten wir gehen, sagte Galens Großmutter. Es wird spät. Wir sollten nach Hause fahren.
Sieh doch hier, sagte Galens Mutter. Sie haben Kapuzinerkresse.
Wir sollten nach Hause fahren.
Galen versuchte, sich aufs Ausatmen zu konzentrieren.
Wo ist hier der Ausgang?, fragte seine Großmutter und blickte sich um. Schweiß auf ihrem Gesicht von der Hitze, das Hemd allmählich dunkel. Kein Schatten. Nie kann ich mich erinnern, wo der Ausgang ist.
Hier entlang, Mom. Wir gehen zurück auf dein Zimmer.
Wir müssen nach Hause.
Vielleicht können wir Karten spielen, sagte Galen im Bemühen zu helfen. Er konnte das alles nicht ertragen.
Das ist eine tolle Idee, sagte seine Mutter. Lass uns eine Runde Karten spielen, Mom.
Ich will nach Hause. Warum bringt ihr mich nicht nach Hause?
Als Galen und seine Mutter nach Hause zurückkehrten, warteten Galens Tante und Cousine bereits auf sie. Seine Tante an der Tür, seine Cousine Jennifer hingelümmelt auf der Zweierbank unter der Eiche. Wie Gangster. Galens Mutter parkte hinter deren schepprigem Oldsmobile.
Seine Mutter ging zur Tür, und Galen schlenderte zu seiner Cousine. Zu dieser Eiche mit Ästen, die sich fünfzehn Meter in alle Richtungen streckten. Als Kinder hatten sie hier gespielt, endlose Stunden im Schatten mit Barbies und G. I. Joes.
Hey, sagte Jennifer.
Galen bemühte sich, nicht hinzusehen. Aber sie hatte einen Fuß auf die Bank gestellt, das gebeugte Knie weit hochgezogen und trug einen kurzen Rock. Er konnte ihren Schlüpfer sehen, hellblau, und die weiche Haut ihres Schenkels. Sie war siebzehn, und seit mindestens vier Jahren erhaschte er solche Blicke, unerträglich. Er sah zu Boden, auf das Gras, das ihm bis zu den Waden reichte.
Hey, sagte sie. Du siehst gut aus. Echt scharf. Dieser Look, als würdest du nie wieder duschen – das gefällt mir. Penner sind so was von sexy.
Du duschst genug für uns beide.
Stimmt, sagte sie. Meine Haut ist hinterher immer so schön weich. Sie fuhr mit den Fingern über die Innenseite ihres Schenkels. Unglaublich, sagte sie. Willst du mal fühlen?
Hör auf, sagte er und ging weg, ins Haus. Das Wohnzimmer kühl und dunkel, die Vorhänge vorgezogen, dort verharrte er einen Augenblick am Fuß der Treppe. Der Stutzflügel, auf dem keiner spielen konnte. Die alten Fotos an den Wänden. Die staubigen breiten Dielen. Er stieg die knarrende Treppe hoch in sein Zimmer und schloss die Tür ab. Holte einen Hustler hervor und legte sich aufs Bett.
Die Lust nichts anderes als Verzweiflung, ein tiefes, schlimmes Bedürfnis, und seine Phantasie, schrecklich. Samsara, die Welt des Leidens. Also legte er die Zeitschrift beiseite, ließ die Hand ruhen, und sein Schwanz blieb steif. Er nahm den Kassettenrekorder vom Nachttisch, setzte die Kopfhörer auf, hörte Kitaro. Machte die Augen zu und sah Kamele in der Wüste, lange Wanderungen durch Sand und Wind und Zeit. Spürte, wie sein Geist Leben überspannte und Inkarnationen, spürte Freiheit. Der Körper ein bloßer Traum.
Das Hämmern an seiner Tür war allerdings kein Traum, und schließlich musste er den Kopfhörer abnehmen. Komme, rief er. Himmel. Die Welt geht nicht unter, wenn wir nicht zu Abend essen.
Er zog Unterhose und Shorts hoch und beschloss dann, stattdessen Jeans anzuziehen. Jeans konnten einen Steifen verbergen. In ihrer Nähe bekam er sofort einen Steifen. Unaufhaltsam.
Als er die Treppe hinunterging, empfand er eine tiefe Beklemmung, wie ein Tier, das zur Schlachtbank geführt wird. Das Mahl der hundert Demütigungen, murmelte er, weil es besser war, der Sache vorher einen Namen zu geben. Um ihr etwas von ihrer Macht zu nehmen. Er bewegte sich langsam, nackte Füße auf dem Holz, das verglichen mit der Luft beinahe kühl war.
Warum trägst du Jeans?, fragte seine Mutter.
Mir war so, sagte er. Alle drei sahen ihm auf die Hose.
In dieser Hitze?
Er setzte sich. Ein langer, schmaler Tisch für zwölf. Er saß in der Mitte, seiner Cousine gegenüber, kaum einen Meter entfernt. Mutter und Tante weiter weg zu beiden Enden. Sie aßen bereits, Würstchen im Schlafrock. Und sie hatten ihm eins auf den Teller gelegt, ein halber Hotdog im Teigmantel, gebacken. Ketchup und Senf als Beilagen.
Du musst essen, sagte seine Tante. Selbst deine Augenhöhlen stehen allmählich vor.
Galen schloss die Augen. Sie befanden sich in einem riesigen heißen Tal, einem Staubbecken, dem Central Valley of California, und er hoffte auf einen Wirbelwind, einen heißen, trockenen Tornado, der sich über dreihundert Meilen aufbaute und durch die Walnussplantage zog und das Haus sprengte. Tante und Mutter und Cousine, die es von ihren Stühlen hob und durch die Luft jagte, Holzsplitter, die wie Schrapnells umherflogen, kleine Würstchen, die aus ihren Schlafröcken schossen.
Himmlischer Vater, sagte seine Cousine. Gib uns unser täglich Hals und Bäckchen und sonstiges Fleisch.
Lass das, Jennifer, sagte Galens Mutter.
Ich finde, wir sollten dafür beten, dass der arme Galen wieder ganz wird.
Ich sagte, lass das.
Suzie-Q, sagte seine Tante.
Schön, sagte seine Mutter. Ich werde deinen kleinen Engel nicht schelten, Helen.
Galen machte die Augen auf. Jetzt, da das Kreuzfeuer eröffnet war, befand er sich vielleicht in Sicherheit.
Das ist stark, sagte seine Tante. Galen wird an deiner Brust nuckeln, bis er fünfzig ist. Erzähl du mir nichts von Verhätschelung.
Galen lächelte. Er mochte seine Tante. Sie hielt sich nicht zurück. Er stellte sich vor, wie er sich an die Brust seiner Mutter klammerte, mit kleinem Babygaumen im ansonsten ausgewachsenen Körper. Er lachte, und das gefiel ihm, also streckte er sich und kultivierte das Lachen, gluckste und fügte kleine Japser hinzu.
Okay, Galen. Das reicht, sagte seine Mutter.
Aber Galen lachte weiter, ließ es blubbern, und irgendwie machte es sich selbstständig, er fühlte sich viel besser, leichter, beinahe frei.
Seine Mutter stand auf und ging, und ohne ihren Ansporn erstarb das Lachen. Galen hatte Tränen in den Augen. Ah, sagte er. War das gut.
Du bist ein Freak, sagte Jennifer. Aber irgendwie war es ganz lustig. Vielleicht solltest du zum Zirkus gehen.
Wir sind schon im Zirkus.
Seine Tante lächelte – jedenfalls zeigte sie das, was bei ihr als Lächeln galt, nämlich gerade zurückgezogene Lippen – und blickte mit verschränkten Armen an die gegenüberliegende Zimmerdecke. Tja, sagte sie. Tja, tja, tja.
Galen betrachtete das kleine Würstchen. Er war Vegetarier. Außerdem war er am Verhungern, heftige Krämpfe, die sein Inneres zusammenknautschten, die es falzten und tackerten. Es tat so weh, dass er kaum aufrecht sitzen konnte. Seine Mutter wusste, dass er Vegetarier war, und das hier hatte sie ihm vorgesetzt. Einen roten Hotdog-Stummel, der aus dem Teig lugte. Würzsaucen als Beilage.
Dir ist schon klar, sagte seine Tante, dass du irgendwann mal was werden musst. Du musst studieren oder arbeiten oder irgendwas. Du kannst nicht ewig Kind bleiben.
Da wär ich mir nicht so sicher, sagte Galen. Sieh dir zum Beispiel meine Mutter an.
Seine Tante lachte. Stimmt, sagte sie. Stimmt. Kleine Suzie-Q.
Du bist der Hammer, sagte Galen. Ich mag dich.
Na ja, sagte seine Tante.
Die Tür zur Kammer ging auf, und Galens Mutter kam zurück. Sind wir jetzt fertig?, fragte sie.
Wir haben gerade erst angefangen, flötete Galen.
Lächelnd schob Jennifer ihm unterm Tisch ihren Fuß in den Schritt. Ihr nackter Fuß auf seiner Jeans, ganz leicht, und er wurde wieder steif.
Wie ging es Mom heute?, fragte seine Tante seine Mutter.
Gut.
Geht es genauer?
Fahr selber hin, wenn du es genauer wissen willst.
Reicht es nicht, dass du ihr Liebling bist? Und dass du in diesem Haus wohnst und die Schecks kassierst? Musst du auch noch patzig werden?
Du wirst hier nicht mehr eingeladen, wenn du dich weiter so benimmst.
Keine leeren Drohungen, bitte.
Herrgott, sagte Galen. Ihr solltet euch mal hören.
Es ist das einzige Geräusch auf der Welt, sagte seine Tante. Wie könnten wir irgendwas anderes hören?
Jennifer drückte stärker auf seinen Steifen, angenehm zunächst, und dann tat es eher weh. Er versuchte, ihren Fuß mit der Hand wegzuschieben, aber sie war zu stark. Er sah sie an, und sie lächelte. Zu viel Wimperntusche, Kinderschminke. Blaue Augen, hell wie Murmeln. Aber was ihm immer am meisten auffiel, war der Flaum, richtiger Flaum auf Hals und Wangen. Er sah die winzigen blonden Härchen, so weich. Etwas, das er an seiner Wange spüren wollte.
Was treibt ihr beiden da?, fragte Galens Mutter.
Bloß wer am längsten gucken kann, sagte Galen. Wer zuerst blinzelt, muss hier sitzen bleiben und mit euch beiden reden.
Hört auf damit, sagte Galens Mutter. Jennifer, du siehst aus wie eine kleine Schlampe. Ihr solltet alle aufhören damit. Wieso könnt ihr nicht einfach normal sein? Wieso können wir nicht einfach eine Familie sein?
Galen seufzte. Na gut, sagte er. Reicht ihr mir bitte die Würstchen?
Danke, sagte seine Mutter. Und sie reichte ihm den Teller. Ein Dutzend Würstchen im Schlafrock. Galen schob sie alle auf seinen Teller und stopfte sie sich dann mit beiden Fäusten in den Mund, heißes, teigiges Innereienfleisch, das nach Metzgereiboden, Zungen und Hufen schmeckte. Seine Cousine lachte, und seine Mutter war wieder weg, und er stopfte und kaute und schluckte diese kleinen Widerlichkeiten, bis nur noch Fitzel auf dem Teller lagen, die Trümmer des Gelages, und dann beugte er sich zum Teller, um ihn abzulecken, stand auf mit wogendem Magen und schleppte sich die Treppe hinauf, ins Bad, und kotzte ins Klo. Als er fertig war, verschränkte er die Arme auf der Klobrille, mit saurem Geschmack im Mund, und legte ein Nickerchen ein. Schloss die Augen und schlief auf dem Klo mit dem Dreckwasser unter sich und erwog, den Kopf zum Trinken reinzustecken, und hätte es getan, hätte seine Mutter zugesehen.
Als Galen aufwachte, war es dunkel. Das Haus still. Die Zeit des Friedens. Wie er sich die Welt wünschte. Ohne Menschen.
Er musste seinen Arm schütteln, um ihn aufzuwecken. Er spülte die Toilette und putzte sich die Zähne. Dann ging er barfuß die Treppe hinunter, so leise wie möglich, ohne Gewicht. Sein Körper erhob sich in die Luft, schwerelos. Diese Welt ein Traum, das Haus aus Erinnerungen gemacht. Seine Mutter als Kind, das über dieselben Stufen geht.
Hinaus durch die Kammer, dann weiter unter den riesigen Blättern des Feigenbaums, er roch die Früchte, ließ Jeans und Unterwäsche und Hemd zu Boden gleiten, stand nackt. Beinahe Vollmond, und als er um den Schuppen herum in die Walnussplantage ging, sah er die Knochenschar. Lange Reihen weißer Stämme und Äste, die sich in diesem Licht allesamt in Knochen verwandelt hatten. Jeder Ast hohl und zu groß, leuchtend. Die Blätter als Schatten zu substanzlos, um zu verhüllen.
Galen rannte, wie er es in den Büchern von Carlos Castaneda gelesen hatte, ließ die nackten Füße ihren Weg durch die Nacht finden, ihren eigenen Pfad, schloss die Augen und streckte die Arme zur Seite, Handflächen nach oben. Die Erdklumpen bröckelig unter seinen Füßen, die Steine hart, kleine Zweige und Blätter. Das tat weh und hielt ihn auf, aber er wollte abheben, frei sein. Er wollte ohne Geräusch oder Gefühl über dem Boden schweben, die Füße von einer magnetischen Kraft eben über dem Grund gehalten. Stattdessen sanken sie tief in die Furchen, stockten und strauchelten, und nie wusste er, was als Nächstes kam. Er machte die Augen auf und ging weiter, ließ die Arme sinken.
Der Mond der hellste Knochen. Dunkle Flecken, die ein offenes Schlangenmaul bildeten, darunter ein kleiner Mann, der meditierte. Immer derselbe Mond. Nie drehte er sich, nie änderte er sich. Immer Schlangenmaul und kleiner Mann, eingeätzt in eine Knochenscheibe.
Die Bäume standen stramm vor dem Mond, aufgereiht, hochgereckt. Selbst die Furchen wurden von ihm angezogen. Die ganze Erde wollte sich ausbreiten, die Lücke schließen. Die Luft so dünn, was hielt Erde und Mond auseinander?
Galen saß im Schneidersitz da, im Kreuz eine Furche, und starrte in den Mond. Die Handflächen offen auf den Knien. Langes Ausatmen, tiefes Einatmen. Ausatmen. Kein Gedanke, nur diese leuchtende Scheibe, dieser Spiegel.
Aber dann dachte er an seine Cousine, an die Innenseite ihrer Schenkel, ihre Lippen, an ihren Fuß in seinem Schritt. Samsara, ein ewiger Eindringling. Aber vielleicht war es zu etwas nütze. Vielleicht konnte es Kraft spenden.
Galen stand auf und legte die Hand auf seinen Steifen. Streichelte ihn ein wenig und versuchte dann, so die Furche entlangzulaufen, mit der rechten Hand streichelnd, die linke nach außen gekehrt, Handfläche nach oben, eine Meditationspose mit geschlossenen Augen. Er versuchte, sich von seinen Beinen führen zu lassen, von seinem Steifen führen zu lassen, über die Furchen dem Mond entgegen. Und die Füße fühlten sich tatsächlich leichter an. Er wurde schneller, die Erde ein Geriesel weiter unten, die Luft zunehmend präsent, und vielleicht war das der Schlüssel. Nicht irgendein Erdmagnetismus, sondern die Anziehungskraft der Luft. Die Luft war das Medium, nicht die Erde.
Er versuchte, seinen Körper zu verlassen, versuchte, sein Bewusstsein nach außen zu verlagern, sich selbst aus weiter Ferne zu betrachten. Weiße Knochenbeine, die liefen, zum Leben erweckt wie die Baumstämme.
Sein Atem aber zu hastig, er fesselte ihn an diese Welt, hielt ihn fest, wo er sich doch lösen wollte. Hohes Unkraut, das an ihm zerrte, nach ihm schlug, eine Schlinge zwischen den Zehen, und beinahe wäre er hingefallen. Er musste die Augen aufmachen und ausweichen, um das ärgste Gewächs herum. Und das war das Problem. Stets eine Unterbrechung. Wann immer er einem Ziel nahe kam.
Also hielt er an. Hörte auf zu laufen, hörte auf zu streicheln. Er versuchte, niemals zu kommen, weil er gelesen hatte, der Mann verliere dabei seine Kraft. Aber er wollte so gern kommen. Und er hatte es satt, dass es immer nur seine Hand war.
Galen legte sich in die Kuhle zwischen zwei Furchen, er lag auf der Seite, eingerollt. Keuchend, schweißnass, die Luft kühl auf seiner Haut. Stirn auf der Erde, im Dreck. Die Welt nur eine Illusion. Diese Plantage, die langen Baumreihen, bloß ein Seelenraum, hier, um an der Illusion des Selbst und der Erinnerung festzuhalten. Fahrten mit seinem Großvater auf dem alten grünen Traktor, das Knattern des Motors. Der Panamahut seines Großvaters, braunes Hemd, Weinfahne, Riesling. Der spürbare Vorwärtsdrang des Traktors, das Schlingern, wenn die Vorderräder über eine Furche fuhren. Alles eine Übung, um die Grenzen zu spüren, das Hinübergleiten, nichts davon wirklich. Die einzige Frage war, wie er über die Ränder des Traums gleiten konnte. Die Erde fühlte sich wirklich an wie Erde.
Galen wachte ein ums andere Mal auf in der Nacht, zitternd. Der Mond ein Reisender, der seitlich durch die Sterne krebste. Galen auf der Oberfläche der Erde. Der Planet nicht glaubwürdig, so wie er sich drehte, Tausende von Meilen pro Stunde. Wenn das stimmte, müsste man es hören können. Ein Brummen oder Vibrieren. Das Erdreich jedoch war lautlos und fühlte sich zu leicht an, als wäre die Kruste gerade mal einen Meter tief. Im Grunde wollte Galen, dass die Kruste aufbrach, damit er hineinfallen konnte, Tausende von Meilen durch leeren Raum zum Erdmittelpunkt, immer schneller, und dann am Mittelpunkt vorbei auf die andere Seite, um schließlich von der Schwerkraft gebremst zu werden. Bis er die Unterseite der anderen Seite der Welt erreichte und sie mit den Fingerspitzen streifte und dann zurückfiel. Nie würde er Boden unter die Füße bekommen, und das wäre gut.
Galen fror so heftig, dass er mit den Zähnen klapperte. Aber er stand nicht auf. Er schlief immer wieder ein, und die Nacht war endlos. Jede Nacht ein Leben, und immer das Warten auf das Ende.
Als es schließlich kam, als der Himmel heller, das Schwarz blau wurde, war Galen noch nicht bereit. Zu schnell würde sich die Luft aufheizen, würde sich die Erde aufheizen, würde sich der Tag wiederholen. Tee mit seiner Mutter und der Besuch bei seiner Großmutter und der Besuch von Tante und Cousine. Galen hatte das Gefühl, er würde es nicht noch einmal durchstehen.
Er musste so dringend, dass er schließlich aufstand und in hohem Bogen einen Baum anpinkelte, dann steckte er sich die Daumen unter die Achseln und sandte ein lautes Kikerikiiiii ins Morgengrauen. Stolzierte nackt umher, flappte mit den Armen, wärmte sich, begrüßte den Tag. Sein Magen eine leere Grube, ein Loch, das ihn von innen her schrumpfen ließ. Aber er stolzierte weiter, joggte zwischen den Bäumen, dann zum Haus. Stellte sich unter das Fenster seiner Mutter, krähte so laut er konnte und stampfte im Gras.
Verdammt noch mal, Galen, hörte er endlich. Jetzt bin ich wach, und du weißt genau, dass ich nicht wieder einschlafen kann.
Galen spürte, wie ein Lächeln, ein echtes, sein Gesicht erfasste, wie die Wangen sich von allein hochzogen. Nichts Verkümmertes, sein Gesicht nicht verzerrt. Er hörte auf zu krähen, ging zum Feigenbaum, um seine Kleider zu holen, und dann durch die Kammer ins Haus. Leise die Treppe hinauf in sein Zimmer, er schloss die Tür, duschte, um endlich sauber zu sein, vergrub sich unter den Decken, in einem warmen Nest, und fiel in tiefen Schlaf.