Karl Olsberg promovierte über Anwendungen Künstlicher Intelligenz. Er war Unternehmensberater, Marketingdirektor eines TV-Senders, Geschäftsführer und erfolgreicher Gründer mehrerer Start-ups. Heute arbeitet er als Schriftsteller und Unternehmer und lebt mit seiner Familie in Hamburg.
Bislang erschienen im Aufbau Taschenbuch seine Thriller »Das System«, »Der Duft«, »Schwarzer Regen«, »Glanz« sowie »Die achte Offenbarung«.
Mehr vom und zum Autor unter: www.karlolsberg.de
Kann eine Botschaft aus der Vergangenheit unsere Zukunft verändern?
Dem Historiker Paulus Brenner fällt ein uraltes verschlüsseltes Manuskript aus dem Besitz seiner Familie in die Hände. Doch je mehr er von dem Text dekodiert, desto rätselhafter wird der Inhalt. Denn das Buch sagt mit erstaunlicher Präzision Ereignisse voraus, die zum Zeitpunkt seiner vermuteten Entstehung noch nicht geschehen sind. Während aus einem US-Labor hoch gefährliches Genmaterial verschwindet, will irgendjemand um jeden Preis verhindern, dass Paulus auch die letzte, die achte Offenbarung entziffert ...
Ein packender Thriller um eine erschreckend realistische Apokalypse.
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Die achte Offenbarung
Thriller
Inhaltsübersicht
Über Karl Olsberg
Informationen zum Buch
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Prolog: Militärbasis Fort Fredrick, Maryland, Donnerstag 16:05 Uhr
1. Hamburg, Donnerstag 17:45 Uhr
2. Hamburg, Freitag 19:27 Uhr
3. Hamburg, Freitag 22:15 Uhr
4. Washington D. C., Maryland, Freitag 15:53 Uhr
5. Hamburg, Samstag 09:50 Uhr
6. Hamburg, Samstag 14:17 Uhr
7. Hamburg, Samstag 17:45 Uhr
8. Köln, Sonntag 10:53 Uhr
9. Köln, Sonntag 15:10 Uhr
10. Fort Meade, Maryland, Sonntag 14:03 Uhr
11. Köln, Sonntag 22:17 Uhr
12. Köln, Montag 04:47 Uhr
13. Köln, Montag 07:32
14. Köln, Montag 15:11 Uhr
15. Köln, Montag 16:35 Uhr
16. Köln, Montag 19:40 Uhr
17. Köln, Dienstag 09:11
18. Heidelberg, Dienstag 14:12 Uhr
19. Heidelberg, Dienstag 16:05 Uhr
20. Clover Hill, Maryland, Dienstag 20:50 Uhr
21. Heidelberg, Mittwoch 01:27 Uhr
22. Heidelberg, Mittwoch 04:40 Uhr
23. Heidelberg, Mittwoch 09:06 Uhr
24. Hagen, Mittwoch 15:49 Uhr
25. Olsberg-Bruchhausen, Mittwoch 17:38 Uhr
26. Olsberg-Bruchhausen, Mittwoch 17:53 Uhr
27. Hanover, Massachusetts, Mittwoch 20:55 Uhr
28. Remscheid, Donnerstag 09:34 Uhr
29. Washington D. C., Maryland, Donnerstag 11:07 Uhr
30. Speyer, Donnerstag 18:38 Uhr
31. Worms, Freitag 00:11 Uhr
32. Hagen, Freitag 09:15 Uhr
33. Düsseldorf, Freitag 11:57 Uhr
34. Düsseldorf, Freitag 15:51 Uhr
35. Lourdes, Samstag 00:15 Uhr
36. Düsseldorf, Samstag 04:27 Uhr
37. Autobahn 44 nahe Unna, Samstag 10:06 Uhr
38. Autobahn 44 nahe Soest, Samstag 10:15 Uhr
39. Berlin, Samstag 15:44 Uhr
40. Berlin, Sonntag 11:27 Uhr
41. Washington D. C., Maryland, Montag 11:37 Uhr
42. Hamburg, Montag 17:19 Uhr
43. Hamburg-Harburg, Montag 18:41 Uhr
44. Davis-Monthan Air Force Base, Tucson, Arizona, Dienstag 10:12 Uhr
45. Berlin, Dienstag 14:31 Uhr
46. Washington D. C., Maryland, Dienstag 18:41 Uhr
47. Luftraum über dem Indischen Ozean, Mittwoch 08:51 Uhr
Epilog: Hamburg, Sonntag 10:20 Uhr
Leseprobe aus: Karl Olsberg – Mirror
Weitere Informationen zur Leseprobe
Impressum
Für Carolin,
das größte Rätsel von allen
Ausgestattet mit einem einzigen Reagenzglas einer biologischen Substanz … könnten kleine Gruppen von Fanatikern oder scheiternde Staaten die Macht erlangen, um große Nationen und den Weltfrieden zu bedrohen. Amerika und die gesamte zivilisierte Welt sehen sich dieser Bedrohung in den kommenden Dekaden ausgesetzt. Wir müssen der Gefahr mit offenen Augen und unbeugsamem Willen begegnen.
Präsident George W. Bush, 11. Februar 2004
Es ist ja das große Glück,
den Wurm dann zu spüren,
wenn er noch vernichtet werden kann.
Bernhard von Clairvaux, 1142
Es riecht nicht gut. Das war der erste Gedanke, den Eddie Wheeler hatte, als er das zweistöckige Gebäude auf dem Militärgelände von Fort Fredrick betrat, etwa achtzig Kilometer nordwestlich von Washington. Der zweite: wie damals, als Oma starb.
Es war genau dieselbe Mischung des stechenden Geruchs von Desinfektionsmittel und der abgestandenen Atmosphäre von Räumen, die nie auf natürliche Weise belüftet wurden. Er konnte beinahe seine Großmutter vor sich liegen sehen, die Haut eingefallen, das bleiche Gesicht halb unter einer durchsichtigen Plastikmaske verborgen, wie sie ihn ansah. Er hatte an ihren Augen gesehen, dass sie versuchte zu lächeln, doch ihr Mund hatte nicht mehr die Kraft gehabt.
Er hatte geweint.
Erstaunlich, wie einen Gerüche plötzlich Szenen wieder erleben lassen, die Jahrzehnte zurückliegen, war sein dritter Gedanke. Er war damals erst zehn Jahre alt gewesen.
»Hier entlang bitte, Sir!« Der uniformierte Corporal, der ihn am Eingang des Militärgeländes in Empfang genommen hatte, führte ihn über einen neonbeleuchteten Gang bis zu einem Büro am Ende. Eine farbige Sekretärin blickte mit mürrischem Ausdruck von ihrem Computerbildschirm auf. Neben ihr führte eine Tür in das Büro des Laborleiters, Dr. Steve Crowe.
Crowe war Ende vierzig, ungefähr im selben Alter wie Eddie. Da hörten die Ähnlichkeiten allerdings schon auf: Während Crowe hochgewachsen und schlaksig war, hatte Eddie einen gedrungenen Körperbau, der ihn immer etwas korpulent wirken ließ, obwohl er regelmäßig in einem Fitnessstudio trainierte. Crowes volles, schon fast weißes Haar bildete einen Kontrast zu den dünnen Fransen, die von Eddies einst üppiger dunkelblonder Lockenpracht noch übrig waren.
Crowe war einer der wenigen Zivilisten, die auf dem Militärcampus arbeiteten. Seine grauen Augen wirkten müde, sein weißer Kittel war zerknittert, sein Händedruck schlaff, als er Eddie begrüßte. Sah er immer so aus, oder war der Eindruck das Ergebnis schlafloser Nächte in letzter Zeit?
»Bitte nehmen Sie Platz«, sagte Crowe. »Möchten Sie Kaffee?«
»Nein danke.« Eddie hätte nie im Leben in diesem Gebäude etwas zu sich genommen. Er war nicht unbedingt ein Hypochonder, aber er hasste Krankenhäuser und Arztpraxen. Und dieser Ort war in gewisser Hinsicht noch schlimmer. Hier heilten sie keine Krankheiten, hier brüteten sie welche aus. Zumindest vermutete er das, obwohl es natürlich offiziell verboten war, mit biologischen Kampfstoffen zu experimentieren.
Er setzte sich, wobei er sich instinktiv bemühte, seine Hände so wenig wie möglich mit den Möbeln in Berührung zu bringen, holte einen Collegeblock und einen Bleistift aus seiner Aktentasche und legte sie vor sich hin. Seiner Erfahrung nach konzentrierten sich Zeugen besser auf die Beantwortung von Fragen und schweiften weniger ab, wenn er sich während des Gesprächs Notizen machte.
»Dr. Crowe, was genau tun Sie in diesem Forschungsinstitut?«
»Dies ist kein Forschungsinstitut, Mr. Wheeler«, korrigierte Crowe. »Das National Biological Threat Defense Center ist dazu da, mögliche Gefahren, die aus infektiösen Substanzen resultieren können, zu erkennen, zu bewerten und Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Wir betreiben hier keine wissenschaftliche Forschung.«
»Und trotzdem haben Sie ein Hochsicherheitslabor.«
»Selbstverständlich. Wir müssen natürlich dazu in der Lage sein, potenziell hochletale biologische Substanzen zu analysieren.«
»Und dazu bewahren Sie solche Substanzen hier im Gebäude auf.«
»In unserem Hochsicherheitstrakt, ja.« Crowe blieb gelassen. Wenn es ihm unangenehm war, dass ihm jemand vom Office of Intelligence and Analysis – der Aufklärungsabteilung des Heimatschutzministeriums – auf den Zahn fühlte, überspielte er das geschickt.
»Wann genau haben Sie festgestellt, dass die fraglichen Substanzen verschwunden sind?«
Crowe sah ihn leicht verärgert an. »Wir haben nicht festgestellt, dass irgendwelche Substanzen verschwunden sind. Wir haben lediglich eine Inventurdifferenz bemerkt.«
»Und das heißt?«
»Das heißt, dass von einer Substanz weniger Bestand vorhanden ist, als laut unseren Bestandsdaten vorhanden sein müsste. Das kann zwei mögliche Ursachen haben: Entweder ist tatsächlich etwas von dieser Substanz verloren gegangen, oder die Daten stimmen nicht. Ich denke, Letzteres ist der Fall.«
»Was macht Sie so sicher?«
»Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wie wir hier arbeiten. Dann werden Sie sehen, dass bei uns nichts verschwinden kann.«
»Einverstanden.«
Eddie folgte Crowe zu einem Fahrstuhl, der ungewöhnlich lange brauchte, bis er die Ebene –1 erreichte. Sie mussten sich mindestens ein Dutzend Meter unter der Erde befinden. Sie gingen einen gefliesten Gang entlang bis zu einer Stahltür, die mit einem Zahlenschloss und einem Irisscanner gesichert war. Crowe drückte einen Knopf und blickte in die Kamera neben der Tür.
»Dr. Steve Crowe. Bitte um Zugang in Begleitung eines Gastes.«
Mit einem leichten Summen schwang die Tür auf. Dahinter lag ein Raum, der ein wenig wie das Kontrollzentrum einer Weltraummission wirkte. Dutzende von Monitoren an den Wänden zeigten Laborräume, in denen sich Menschen in einer Art gelben Raumanzügen bewegten. Ein großes Sichtfenster in der Mitte des Raums gab den Blick auf einen Teil des Labors frei, in dem mehrere gelb vermummte Gestalten mit Reagenzgläsern und Pipetten hantierten oder auf Computertastaturen tippten.
Zwei Soldaten erhoben sich und salutierten, als sie eintraten. »Guten Tag, Dr. Crowe«, sagte einer der beiden, der die Rangabzeichen eines Captains trug. Der andere, ein Corporal, hielt sich stumm abseits. Beide trugen schusssichere Westen und hatten Pistolenhalfter umgeschnallt.
»Das hier ist Mr. Eddie Wheeler, ein Mitarbeiter des OIA im DHS. Er ist hier, um unsere Sicherheitsvorrichtungen zu inspizieren.«
»Jawohl, Sir. Beabsichtigen Sie, zusammen mit Mr. Wheeler den BSL-4-Bereich zu betreten?«
Crowe warf einen kurzen Blick zu Eddie, dann nickte er, ohne eine Reaktion abzuwarten.
Eddie bemühte sich, nicht zusammenzuzucken. Es hätte ihm ausgereicht, hier vor Ort über die Sicherheitsabläufe informiert zu werden. Die Vorstellung, in den Raum auf der anderen Seite der Glasscheibe zu gehen, in eine Umgebung, die wahrscheinlich genauso lebensfeindlich war wie der Weltraum, gefiel ihm gar nicht. Aber er würde sich von Crowe nicht einschüchtern lassen.
»Wie Sie wünschen. Mr. Wheeler, darf ich bitte Ihren Dienstausweis sehen?«
Während der Captain den Ausweis entgegennahm und die persönlichen Daten überprüfte, betrachtete Eddie das Labor genauer. Das Glas der Sichtscheibe war mindestens zwei Zentimeter dick und garantiert schusssicher. Das Labor dahinter war mit Edelstahl ausgekleidet. Alle Ecken und Kanten waren abgerundet. Trotzdem bewegten sich die Gestalten in den gelben Schutzanzügen langsam, als hätten sie Angst, durch eine unbedachte Bewegung eine Katastrophe auszulösen.
Eddie spürte, wie Schweiß auf seine Stirn trat.
»Sir?«
Der Captain hatte ihm offenbar eine Frage gestellt. Er hielt ein Klemmbrett mit einer Checkliste in der Hand.
»Wie bitte?«
»Leiden Sie unter Klaustrophobie, Sir?«
»Nein.«
Der Captain hakte die erste Frage ab. »Haben Sie jemals Psychopharmaka verschrieben bekommen?«
Eddie beantwortete die Fragen und unterschrieb ein Formular, das das US-Militär von jeder Haftung freisprach, falls er bei dem Besuch in irgendeiner Weise zu Schaden kam.
»Soll ich Dr. Jarkov bitten, die Einweisung vorzunehmen?«, fragte der Captain.
»Nein, das wird nicht nötig sein«, sagte Crowe. »Ich werde Mr. Wheeler selbst unterweisen.«
»Selbstverständlich, Dr. Crowe.« Der Captain drückte einen Knopf und informierte die Mitarbeiter im Labor darüber, dass sie Besuch von ihrem Laborleiter und einem Zivilisten bekamen. Die Leute in den Schutzanzügen hoben die Köpfe und sahen sich an. Dann arbeiteten sie weiter.
Crowe gab dem Captain ein Zeichen, der daraufhin einen Knopf drückte und damit die Blockierung einer schweren Stahltür löste. Sie war mit einem gelben Dreieck gekennzeichnet, auf dem vier ineinander verschlungene schwarze Kreise zu sehen waren, drei davon an den äußeren Seiten durchbrochen – das internationale Symbol für biologische Gefahr.
Eddie schluckte, als er durch die Tür trat.
Dahinter lag ein Umkleideraum mit mehreren Spinden. Crowe wies ihm einen zu. »Legen Sie alle Kleidung und persönlichen Gegenstände ab und verstauen Sie sie da drin. Dann gehen Sie dort in die Kabine und duschen. Im Raum auf der anderen Seite liegt sterile Kleidung bereit. Ziehen Sie sie an und warten Sie dann auf mich.«
Eddie folgte den Anweisungen. Als er nackt durch die Tür auf der anderen Seite des Umkleideraums treten wollte, ertönte ein Warnsignal. »Ihre Kette, Sir«, erklang die Stimme des Captains durch einen Lautsprecher.
Eddie griff nach der Kette mit dem goldenen Kreuz, die er um den Hals trug. Er hatte sie seit Jahren nicht mehr abgelegt. Seine Großmutter hatte sie ihm geschenkt, kurz vor ihrem Tod. Mit einem mulmigen Gefühl nahm er die Kette ab und legte sie zu den anderen Sachen in seinem Spind. Er fühlte sich schutzlos, als er schließlich in die Duschkabine trat.
Er wusch sich gründlich mit der bereitgestellten antiseptischen Seife, trocknete sich mit einem sterilen Handtuch ab, das er anschließend in einen dafür vorgesehenen Schlitz warf, und trat auf der anderen Seite aus der Nasszelle in einen weiteren Umkleideraum. Wie Crowe gesagt hatte, lagen auf einer Bank zwei Stapel mit blauer Kleidung: Unterhose, dünnes, langärmliges Shirt und Leggings, dazu blaue Gummischuhe und Gummihandschuhe.
Als Eddie die Laborkleidung angelegt hatte, trat Crowe aus der Dusche. Mit geübten Bewegungen zog er die blaue Kleidung über. Dann wies er auf mehrere gelbe Anzüge, die an speziellen Haltevorrichtungen bereithingen. »Ziehen Sie einen davon über. Achten Sie darauf, dass nichts in die Verschlussnaht vorne gerät. Ziehen sie den Verschlussstreifen nach oben, bis er einrastet. Dann stecken Sie den blauen Schlauch dort auf das Ventil an der Seite. Es erfolgt eine automatische Dichteprüfung. Wenn alles okay ist, leuchtet neben Ihrem Visier eine grüne LED. Sollte jemals ein rotes Lämpchen aufleuchten, ist Ihr Anzug undicht. Dann müssen Sie sofort das Labor verlassen. Haben Sie das alles verstanden?«
Eddie nickte.
»Wenn wir beide in den Anzügen sind, entfernen Sie den blauen Schlauch und treten zusammen mit mir in die Schleuse. Auf der anderen Seite liegt das Labor. Sobald Sie hindurchgetreten sind, nehmen Sie einen der blauen Schläuche neben der Tür und stecken ihn auf das Ventil. Der Schlauch versorgt Sie mit Atemluft und erzeugt in Ihrem Anzug einen Überdruck, so dass selbst dann, wenn irgendwo eine winzige undichte Stelle sein sollte, keine Mikroorganismen eindringen können. Achten Sie darauf, wo Sie hingehen – man kann sich mit dem Schlauch leicht irgendwo verheddern. Wenn Sie ein Problem haben oder sich unwohl fühlen, sagen Sie es einfach oder drücken Sie auf den Notfallknopf an Ihrem rechten Arm. Alles klar?«
Eddie nickte noch einmal.
»Mr. Wheeler, wenn Sie in dem Schutzanzug nicken, sieht es niemand. Gewöhnen Sie sich bitte an, meine Fragen laut zu beantworten, so dass es jeder hört.«
»Ja, alles klar.«
»Gut. Dann los.«
Eddie legte den Schutzanzug an, wie ihn Crowe angewiesen hatte. Das war nicht so einfach wie gedacht, da der Helm fest mit dem Anzug verbunden war und man leicht in die Hocke gehen musste, um ihn überstreifen zu können.
Sobald er den Kopf in die Hülle gesteckt hatte, hörte er gedämpfte Stimmen. Er begriff, dass alle Labormitarbeiter und die Wachen in permanentem Sprechfunkkontakt miteinander standen. Er zog den Verschlussclip hoch, bis er einrastete. Er wartete darauf, dass die Leuchtdiode aufleuchtete, aber nichts geschah. Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er fühlte sich wie in einem der Plastik-Leichensäcke, die sie damals beim FBI benutzt hatten.
»Mr. Wheeler, der Schlauch!«, hörte er Crowes Stimme.
Eddie griff sich einen der blauen Schläuche und steckte das Ende auf einen Zapfen, der aus dem Anzug herausragte. Ein Zischen ertönte, und er spürte einen leichten Druck auf seinen Ohren. Die grüne LED leuchtete auf.
»Sehr gut. Jetzt in die Schleuse bitte. Vorher den Schlauch entfernen. Keine Sorge, in Ihrem Anzug ist genug Atemluft für mindestens zehn Minuten.«
Eddie entfernte den Schlauch und trat durch eine weitere Stahltür. Er wartete, bis Crowe zu ihm trat und die Tür schloss. Feiner Nebel sprühte aus Düsen an den Seiten und nahm ihm die Sicht. Dann ertönte ein scharfes Zischen, und er spürte einen warmen Luftstrom von außen gegen den Anzug blasen. Sein Sichtfenster wurde wieder klar.
»Sobald die Lampe dort grün wird, treten Sie durch diese Tür«, wies Crowe ihn an. »Und vergessen Sie nicht, sich auf der anderen Seite wieder an das Sauerstoffsystem anzuschließen.«
Eddie kämpfte eine aufsteigende Panik nieder.
»Was ist los? Ist Ihnen nicht gut?«, fragte Crowe.
Eddie schluckte. »Nein, alles klar.« Er trat durch die Tür in die »Hexenküche«, wie das Labor innerhalb der Heimatschutzbehörde genannt wurde.
Insgesamt vier Wissenschaftler saßen an Tischen, hantierten mit irgendwelchen Glasgefäßen und starrten auf Computerbildschirme, auf denen Mikroskopaufnahmen oder statistische Diagramme zu sehen waren. Wie auf Kommando drehten sich alle vier gleichzeitig um. »Willkommen im BSL-4-Labor der NBTDC«, erklang eine weibliche Stimme in seinem Helm. »Ich bin Nancy Whitechapel. Das dort sind meine Kollegen Dr. Spencer, Dr. Jarkov und Dr. Hamilton.« Die Genannten hoben nacheinander die Hand, doch da man die Gesichter hinter den Sichtfenstern nur undeutlich erkennen konnte, versuchte Eddie erst gar nicht, sich die Namen zu merken.
»Der Schlauch, Mr. Wheeler«, ermahnte ihn Crowe, der nach ihm aus der Schleuse getreten war.
Eddie griff sich einen der blauen Schläuche und steckte ihn auf das Ventil. Sofort blähte sich sein Anzug auf. Trotz des beruhigenden Zischens fühlte sich Eddie immer noch unwohl in seiner Haut. Er wäre froh, wenn er diesen schrecklichen Ort möglichst schnell wieder verlassen könnte. Doch er hatte hier eine Aufgabe zu erfüllen. »Wo werden die Substanzen aufbewahrt, mit denen Sie hier experimentieren?«, fragte er.
Crowe führte ihn zu einer Klappe, die in die Edelstahlwand eingelassen war. Daneben befanden sich ein Tastenfeld und ein Monitor. »Die Proben werden in einem hermetisch verschlossenen, computergesteuerten Kühlsystem aufbewahrt«, erklärte der Laborleiter. »Man gibt hier den Code für die entsprechende Probe ein und autorisiert sich. Der Computer liefert dann die gewünschte Charge automatisch hier in die Klappe. Jeder Zugriff auf das System wird registriert und protokolliert.«
»Geben Sie bitte den Code für die fragliche Charge ein.«
»Wie Sie wünschen.« Crowe tippte ein paar Zahlen in die Tastatur. Ein Warnton erklang, und auf dem Bildschirm war eine rot unterlegte Meldung zu lesen: »Sicherheitsstufe 5 – Autorisierung erforderlich«. Crowe tippte einen weiteren Zahlencode ein. Die Meldung verschwand.
»Das dauert jetzt einen Moment«, sagte Crowe.
Nach etwa zwei Minuten ertönte ein weiteres Tonsignal. Neben der Klappe leuchtete ein blaues Licht auf.
»Ich muss jetzt noch einmal meinen Sicherheitscode eingeben«, erklärte Crowe, während er die Zahlen in die Tastatur tippte. »Erst dann habe ich Zugriff auf die Probe.«
Die Klappe schwang auf. Dahinter kam ein unscheinbares durchsichtiges Kästchen zum Vorschein. Auf einem Aufkleber waren Angaben zum Inhalt aufgedruckt. Eddie konnte erkennen, dass sich im Inneren sechs kleine Fläschchen befanden. Die Substanz darin schien gefroren zu sein.
»Das ist die Charge?«, fragte er.
»Ja. Wie Sie sehen, sind sechs Proben vorhanden. Nach den Aufzeichnungen im Computer sollten es acht sein. Das ist das ganze Problem.« Er schloss die Klappe wieder und tippte etwas auf der Tastatur.
»Wann wurde die Differenz bemerkt?«
»Vor fünf Tagen. Der Computer weist uns regelmäßig an, Routineüberprüfungen der Proben vorzunehmen. Dabei ist aufgefallen, dass die im Computer hinterlegte Anzahl der Proben nicht mit dem tatsächlichen Bestand übereinstimmt.«
»Wann ist diesen Aufzeichnungen gemäß zuletzt auf die Charge zugegriffen worden?«
»Vor etwa drei Jahren. Damals wurden die Proben eingelagert. Vermutlich wurde dabei die Anzahl falsch erfasst. Mehr ist es nicht. Trotzdem sind wir verpflichtet, jede Differenz zu melden. Wie Ihnen sicher nicht entgangen ist, nehmen wir es hier mit der Sicherheit sehr genau, Mr. Wheeler.«
»Ja, das sehe ich. Dennoch bin ich ebenfalls verpflichtet, der Sache nachzugehen. Können Sie ausschließen, dass ein Unbefugter in der Zwischenzeit Zugriff auf die Proben hatte?«
»Mr. Wheeler«, sagte Crowe sichtlich genervt, »Sie haben doch gerade selbst erlebt, welche Schritte man durchlaufen muss, um hier hereinzukommen. Es ist absolut ausgeschlossen, dass ein Unbefugter Zugriff auf eine der Substanzen erhält, die hier gelagert sind.«
»Könnte einer Ihrer Mitarbeiter die Proben entwendet haben?«
Vier Köpfe drehten sich zu ihm um. Eddie begriff, dass alle Anwesenden den Dialog mitverfolgten. »Ich meine, rein theoretisch natürlich«, schob er schnell nach.
»Wie ich schon sagte, jeder Zugriff wird aufgezeichnet. Man kann genau nachvollziehen, wann wer was aus dem Schrank entnommen oder eingelagert hat.«
»Und bei der Routineüberprüfung? Ist es denkbar, dass derjenige, der die Fläschchen gezählt hat, zwei davon entnommen hat und danach eine Differenz gemeldet hat?«
»Mr. Wheeler, was genau wollen Sie uns eigentlich unterstellen?«
»Ich unterstelle gar nichts. Ich prüfe nur alle Möglichkeiten systematisch ab. Das ist mein Job. Also, wäre es denkbar?«
»Theoretisch vielleicht, aber in diesem konkreten Fall nicht. Zum fraglichen Zeitpunkt waren mehrere Mitarbeiter im Labor anwesend. Außerdem gibt es keine Möglichkeit, Proben einfach so mit nach draußen zu nehmen. Wie Ihnen vielleicht schon aufgefallen ist, haben die Schutzanzüge keine Taschen. Die Desinfektionskammer wird peinlich genau überwacht. Hier kommt keine einzige Bakterie unbemerkt raus.«
»Trotzdem würde ich gern mit demjenigen sprechen, der die Überprüfung vorgenommen und die Differenz bemerkt hat.«
»Das tun Sie bereits«, bemerkte Crowe. »Derjenige war ich.«
»Ich verstehe. Vielen Dank für Ihre Hilfe, Dr. Crowe. Ich habe zum Abschluss nur noch eine Frage: Was genau ist das eigentlich für eine Substanz in der fraglichen Charge?«
Crowe zögerte einen Moment, bevor er antwortete. »Es handelt sich um isoliertes DNA-Material, mit dessen Hilfe man Keime identifizieren kann. Vergleichsmuster sozusagen.«
»Was für DNA-Material?«
»Eine synthetische Mutation.«
»Was genau heißt das?«
»Das heißt, dass die fragliche DNA so in der Natur nicht vorkommt.«
»Sie meinen, ein genmanipuliertes Virus?« Eddie wurde vage bewusst, dass die übrigen Labormitarbeiter mit ihrer Arbeit aufgehört hatten und gebannt dem Dialog lauschten.
»Wir reden hier von der DNA eines Virus, nicht von dem Virus selbst«, sagte Crowe. »Sie entstand im Rahmen eines Experiments.«
»Was für ein Experiment?«
»Wir haben damals überprüft, wie einfach es ist, bestimmte Viren-DNA miteinander zu kombinieren. Natürlich nicht, weil wir selbst biologische Kampfstoffe herstellen wollten. Wir wollten nur wissen, wie leicht Dritte dazu in der Lage wären. Das Ergebnis können Sie in einer Studie nachlesen, die ich damals verfasst habe. Sie liegt dem OIA vor.«
»Würden Sie mir bitte eine kurze Zusammenfassung geben?«
»Wir haben festgestellt, dass es prinzipiell – entsprechende technische Einrichtungen vorausgesetzt – möglich ist, gewisse Virenstämme miteinander zu kombinieren, um ein hoch pathogenes Virus herzustellen, das bestimmte für einen potenziellen Angreifer attraktive Charakteristika aufweist.«
»Im Klartext: Jemand, der über ein Labor wie Ihres verfügt, könnte aus den Bestandteilen, die Sie damals benutzt haben, ein extrem gefährliches Virus erzeugen?«
»So ungefähr.«
»Welche Bestandteile waren das?«
»Wir haben das Marburg-Virus mit einer häufigen Variante der Influenza Typ A gekreuzt.«
»Was ist das Marburg-Virus?«
»Ein Erreger, der hämorrhagisches Fieber auslöst. Er wurde 1967 bei einer Epidemie in der deutschen Stadt Marburg entdeckt, daher der Name. Er wurde von Versuchstieren eingeschleppt, Meerkatzen aus Afrika. Das Marburg-Virus gehört wie Ebola zur Familie der Filoviridae.«
Eddie lief ein Schauer über den Rücken. Er wusste nicht viel über Krankheiten, aber Ebola war ihm ein Begriff. Er erinnerte sich an Bilder eines Dorfs in Afrika, das voller Leichen gewesen war. Dazwischen waren zwei Ärzte der Weltgesundheitsorganisation in gelben Schutzanzügen herumgelaufen, ganz ähnlich dem, den er selbst gerade trug. »Soll das heißen, in den verschwundenen Proben war ein tödliches Virus?«
»Mr. Wheeler«, entgegnete Crowe mit mühsam unterdrücktem Ärger, »ich habe Ihnen bereits erklärt, dass hier nichts verschwinden kann. Die Charge ist beim Einlagern offensichtlich falsch erfasst worden. Und außerdem enthielt sie ohnehin nur die rekombinierte DNA. Sie allein ist völlig ungefährlich. Man bräuchte schon ein Hochsicherheitslabor wie dieses und eine Menge Knowhow, um die DNA in eine Virushülle einzuschleusen und daraus tatsächlich eine ansteckende Krankheit zu machen.«
»Aber es wäre möglich.«
»Prinzipiell schon, ja.«
»Nur mal angenommen, Dr. Crowe, jemand würde das tun und das Virus in einer Großstadt freisetzen. Was würde dann passieren?«
»Das habe ich bereits vor drei Jahren in meinem Bericht beschrieben. Sie sollten ihn wirklich lesen.«
»Das werde ich, Dr. Crowe. Bitte beantworten Sie trotzdem meine Frage.«
»Wenn das passieren würde, müssten wir mit vielen Millionen Toten rechnen. Wenn es nicht gelänge, die Ausbreitung rechtzeitig einzudämmen, könnte es zu einer globalen Pandemie kommen. Wir haben abgeschätzt, dass die Letalität des Virus zwischen 70 und 95 Prozent liegen würde.«
»Das heißt, ein Terrorist könnte mit einem solchen Virus unter Umständen fast die gesamte Menschheit ausrotten!«
»Theoretisch. Und sehen Sie, Mr. Wheeler, genau deshalb treiben wir den ganzen Aufwand hier – damit so etwas niemals passiert!«
Der kleine Hörsaal im sogenannten Philosophenturm, einem der Hauptgebäude der Hamburger Universität, war nur spärlich besetzt: drei oder vier Studenten aus dem Seminar zu mittelalterlicher Kryptologie und kaum ein Dutzend Besucher meist gehobenen Alters, die vermutlich wegen des reißerischen Vortragstitels »Das Rätsel des Voynich-Manuskripts« gekommen waren.
Paulus Brenner war von Anfang an nicht begeistert von der Idee gewesen, einen Vortrag vor Laien zu halten. Er stand nicht gern im Rampenlicht und diskutierte seine Erkenntnisse lieber im kleinen Kreis mit Fachleuten. Doch Professor Julius Degenhart, der neue Leiter des Instituts für mittelalterliche Geschichte, hatte ihm keine Wahl gelassen. Er hatte eine Vortragsreihe mit dem Titel »Geheimnisse des Mittelalters« organisiert, um die Öffentlichkeit stärker für die Arbeit seines Instituts zu interessieren. Tatsächlich war die Idee auf große Resonanz gestoßen. Paulus hatte gehört, dass das Audimax, in dem sein Kollege Marten Schmitt vorgestern einen Vortrag über »Störtebekers Schatz« gehalten hatte, brechend voll gewesen war.
Paulus drückte eine Taste, und die letzte PowerPoint-Folie erschien auf dem Beamer. Sie zeigte eine der schönsten Illustrationen aus dem Manuskript, das Gegenstand seines Vortrags war: eine doppelte Ausklappseite mit drei fein gezeichneten, radförmigen Grafiken, die anscheinend Sternkonstellationen darstellten, jedoch viel zu symmetrisch für reale Himmelsdarstellungen waren. Darüber stand der Text »Vielen Dank« in einer mittelalterlichen Schrifttype.
»Somit muss ich meinen Vortrag mit der Feststellung beenden, dass das Rätsel des Voynich-Manuskripts wohl niemals vollständig gelöst werden wird«, sagte Paulus. »Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.«
Zaghafter Applaus erklang und verebbte schnell wieder.
Paulus war froh, dass die Sache nun ausgestanden war. Er wollte gerade den Beamer ausschalten, als ihm einfiel, dass er etwas vergessen hatte. »Äh, haben Sie noch Fragen?«
Ein Mann mittleren Alters mit fettigem Haar und einem offenbar selbstgestrickten Pullover reckte seine Hand nach oben.
»Ja?«
»Was steht denn nun drin in dem Manuskript?«, fragte der Mann mit einer hellen, fast weiblichen Stimme.
Paulus seufzte. Hatte er sich denn so unklar ausgedrückt? »Wie ich versucht habe darzulegen, handelt es sich meiner Ansicht nach beim Voynich-Manuskript um ein Werk der Fantasie. Eine Art Lexikon einer fantastischen Welt, vergleichbar vielleicht mit einem Buch über die Figuren im ›Herrn der Ringe‹. Es wurde meines Erachtens in einer selbst ausgedachten Sprache verfasst, so ähnlich wie Tolkien in seinen Büchern oft die Kunstsprache Elbisch verwendete. Deshalb ist es nicht möglich, das Manuskript zu entschlüsseln – weil es gar nicht verschlüsselt wurde. Um den Inhalt zu verstehen, müssten wir die Kunstsprache des Autors kennen. Doch leider haben wir keine weiteren Dokumente, die in dieser Sprache verfasst sind, so dass wir nur spekulieren können, was der Text bedeuten soll. Ich vermute, dass es sich um die Beschreibung einer Welt handelt, die sich der Autor zum eigenen Vergnügen ausgedacht hat. Dafür sprechen zum Beispiel die vielen Abbildungen von nicht existierenden Pflanzen oder auch die rätselhaften Darstellungen von nackten Frauen in Badewannen. Vielleicht ist das so eine Art mittelalterliche Version von, äh, Pornografie.«
Eine junge Frau mit runder Brille meldete sich. Paulus hatte sie schon ein paar Mal auf dem Campus gesehen, aber sie ging nicht in sein Seminar. »Ich habe gelesen, dass eine der Zeichnungen verblüffende Ähnlichkeit mit einer Sonnenblume aufweist. Sonnenblumen waren jedoch im Mittelalter in Europa nicht bekannt. Wie erklären Sie sich das?«
»Diese Ähnlichkeit ist höchstwahrscheinlich Zufall«, erwiderte Paulus. »Das Manuskript enthält Dutzende solcher Zeichnungen. Wenn ich Sie bitten würde, dreißig oder vierzig verschiedene Fantasiepflanzen zu zeichnen, dann würde eine davon ziemlich sicher einer realen Pflanze ähneln, selbst wenn Sie diese noch nie zuvor gesehen haben.«
Der Typ mit dem selbstgestrickten Pullover reckte noch einmal seine Hand empor, wartete jedoch nicht, bis Paulus ihn aufforderte, seine Frage zu stellen. »Sie haben selbst gesagt, dass die im Manuskript skizzierten Pflanzen auf der Erde nicht existieren. Könnte es nicht sein, dass es sich um außerirdische Pflanzen handelt?«
Paulus unterdrückte ein Stöhnen. »Wie ich schon sagte, handelt es sich um ein Werk der Fantasie. Nicht alles, was in der Kunst dargestellt wird, ist real. Denken Sie etwa an die surrealistischen Gemälde eines Hieronymus Bosch.«
Die nächste Frage kam von einer älteren Dame in einer pinkfarbenen Strickjacke: »Könnte es nicht sein, dass die Freimaurer das Dokument verfasst und darin das geheime Wissen der Alten verschlüsselt haben?«
»Sie sollten nicht zu viele Verschwörungsthriller lesen«, sagte Paulus mit einem Lächeln. »Auch wenn die Freimaurer eine gewisse Geheimniskrämerei betreiben, bedeutet das noch lange nicht, dass alles, was rätselhaft ist, von Freimaurern stammt. Im Übrigen wurde die erste Freimaurerloge 1717 gegründet, ungefähr dreihundert Jahre, nachdem das Voynich-Manuskript geschrieben wurde.«
Diesmal meldete sich einer der Studenten, die Paulus’ Seminar für mittelalterliche Kryptologie belegt hatten. »Herr Brenner, Sie sagen, dass das Manuskript ein Werk der Fantasie ist. Aber es enthält, soviel ich weiß, über hundert aufwändig gestaltete Seiten. Pergament war im Mittelalter sehr teuer, und es muss Jahre gedauert haben, eine eigene Sprache und Schrift zu entwickeln. Glauben Sie wirklich, jemand hat all diesen Aufwand nur zum Spaß getrieben? Ist es nicht so, dass im Mittelalter Bücher, insbesondere illuminierte Codices, praktisch immer nur als Auftragsarbeiten angefertigt wurden?«
Endlich mal eine vernünftige Frage. »Das ist ein guter Einwand. Wie ich schon andeutete, kann ich das nicht abschließend beantworten. Aber ich vermute, dass der Schöpfer des Manuskripts eine große Leidenschaft dafür hegte. Man kann es vielleicht schon Besessenheit nennen. Ich stelle mir einen reichen Kaufmann oder Adligen aus Venedig, Florenz oder Pisa vor. Vielleicht litt er unter Schizophrenie und hatte Visionen der Dinge, die er aufgezeichnet hat. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass er es einfach zum Spaß getan hat – so wie heute viele Menschen in ihrer Freizeit malen, Bücher schreiben oder Modelleisenbahnen basteln. Es gab damals zwar nicht viele Leute, die sich solche Freizeitbeschäftigungen leisten konnten, aber es gibt ja auch nichts dem Voynich-Manuskript Vergleichbares.« Paulus sah auf die Uhr. Die Vortragszeit war fast abgelaufen. »Wir haben noch Zeit für eine weitere Frage.«
Mehrere Hände schossen nach oben, darunter auch der Spinner mit dem selbstgestrickten Pullover. Paulus wies auf einen Mann mit Glatze in der vorderen Reihe, der bisher stumm geblieben war. »Ja?«
Der Mann räusperte sich. »Mein Name ist Eckard Grün vom Hamburger Morgenblatt«, sagte er. »Sie haben uns einen Vortrag darüber gehalten, dass Sie praktisch nichts über dieses Wotan-Manuskript herausgefunden haben, außer dass es pornografische Zeichnungen enthält.« Ein paar Zuhörer kicherten. »Unsere Leser würde interessieren, wie viele Steuergelder an Ihrem Institut für solche sogenannte Forschung ausgegeben werden.«
Paulus wurde blass. Er verfluchte sich selbst dafür, dass er die nackten Frauen überhaupt erwähnt hatte. »Das … das ist natürlich nur ein Nebenzweig unserer Arbeit. Das Hauptarbeitsgebiet des Instituts liegt in der Erforschung alter Dokumente, die die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen der europäischen Städte im Mittelalter wiedergeben. Da einige dieser Dokumente verschlüsselt sind, beschäftigen wir uns quasi gezwungenermaßen mit mittelalterlicher Kryptologie und dabei eben auch mit dem Voynich-Manuskript.«
Der Journalist schrieb etwas in ein spiralgebundenes Notizbuch. »Haben Sie nicht gerade gesagt, dass das Voynich-Manuskript gar nicht verschlüsselt ist?«
»Das ist meine Theorie, ja.«
»Aha«, sagte der Mann nur und machte sich eine weitere Notiz.
Die Zuhörer standen auf und verließen den Raum, während Paulus niedergeschlagen seinen Laptop herunterfuhr. Der neue Institutsleiter war geradezu fanatisch, was sein Image in der Öffentlichkeit betraf. Er schien sich mehr für Marketing zu interessieren als für Geschichte. Wenn ein kritischer Bericht über Paulus’ Vortrag in der Presse erschien, konnte er die Verlängerung seines Vertrags als Dozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter vergessen.
»Entschuldigen Sie bitte.«
Paulus drehte sich um. Ein Mann mit wallendem schlohweißen Haar und tief herabgezogenen Koteletten stand vor ihm, mindestens siebzig Jahre alt. Er trug ein abgewetztes hellbraunes Jackett und eine graue Hose.
»Haben Sie noch eine Frage? Ich muss nämlich in den nächsten Termin«, log Paulus, der keine Lust mehr hatte, über irgendwelche albernen Verschwörungstheorien zu diskutieren.
Der Mann reichte Paulus die Hand. »Mein Name ist Aaron Lieberman«, sagte er mit starkem amerikanischen Akzent. »Ich würde gern Sie einladen zu Essen, morgen Abend in Hotel Atlantic.«
Paulus sah den Mann verwirrt an. Er sah nicht danach aus, als verkehre er regelmäßig in Luxushotels. »Ich verstehe nicht …«
»Ihre Großmutter ist Klara Brenner, right?«
Paulus’ Verwirrung nahm zu. »Meine Großmutter ist schon lange tot. Sie starb im Zweiten Weltkrieg.«
Lieberman nickte. »Ja, ich weiß. Sie hat geholfen meine Vater. Er ist gestorben letzte Monat, und ich habe etwas gefunden in seine Sachen. Etwas, das hat gehört Ihrer Grandma. Wenn Sie möchten, ich zeige es Ihnen, morgen Abend. Kommen Sie bitte in Hotel Atlantic um halb nach sieben. Ist das okay?«
»Ja, das ist okay«, sagte Paulus, der immer noch verblüfft war.
»Dann wir sehen uns«, sagte Lieberman und verließ den Hörsaal.
Paulus packte seinen Laptop ein und ging zu Fuß vom Campus der Universität bis zu seiner kleinen Wohnung am Grindelberg, direkt gegenüber den monumental hässlichen Grindelhochhäusern. Während es rund um den Campus noch alte Villen und historische Gebäude gab, war weiter nordöstlich kaum ein Gebäude älter als sechzig Jahre. Hier hatten die Bombenangriffe im Rahmen der Operation Gomorrha im Sommer 1943 nur noch ein Trümmerfeld hinterlassen.
Auf dem Weg dachte er darüber nach, was er über seine Großmutter väterlicherseits wusste. Viel war es nicht. Sie war unter ungeklärten Umständen während des Krieges in einem Arbeitslager gestorben. Sie hatte im Standesamt Hamburg-Wandsbek gearbeitet, bevor sie 1941 als Verräterin verhaftet worden war. Kurz darauf hatte sich ihr Mann, Paulus’ Großvater, das Leben genommen.
Paulus’ Vater war damals zehn Jahre alt gewesen und von den Nazis in ein Erziehungsheim gesperrt worden. Er hatte sich jedoch nach eigener Aussage allen Indoktrinierungsversuchen der Lehrer widersetzt. Nach dem Krieg war aus dem Heim ein Internat unter englischer Leitung geworden, wo er Abitur gemacht hatte. 1956 war er in die frisch gegründete Bundeswehr eingetreten und hatte es bis zum Oberst gebracht. Paulus’ Mutter, die fünfzehn Jahre jünger war, hatte er erst im Alter von fast fünfzig geheiratet.
Paulus’ Vater hatte nicht oft über seine Eltern gesprochen, aber wenn, dann voller Ehrfurcht. Für ihn waren sie Helden gewesen, die sich dem Terror des Dritten Reichs widersetzt hatten, auch wenn er nicht genau wusste, was sie getan hatten, um den Zorn der Gestapo auf sich zu ziehen. Er hatte nach Kriegsende versucht, mehr über die Hintergründe zu erfahren, doch die entsprechenden Akten waren von den Nazis vernichtet worden.
Paulus war gespannt darauf, was der Amerikaner über dieses dunkle Kapitel seiner Familiengeschichte wusste. Leider war sein Vater vor einigen Jahren an Lungenkrebs gestorben, so dass er es nicht mehr erfahren würde.
Als er den Flur des schmucklosen Mehrfamilienhauses betrat, traf er dort die alte Frau Zacharias aus dem dritten Stock. Sie trug ein helles Kostüm und einen Hut, hatte sich grell geschminkt und hielt einen kleinen Koffer in der Hand.
»Frau Zacharias! Was … was machen Sie denn hier?«
»Mein Verlobter, der Franz, kommt gleich und holt mich ab«, sagte sie mit strahlendem Lächeln. »Wir fahren ans Meer!«
Paulus seufzte. »Frau Zacharias, Ihr Mann Franz ist seit vielen Jahren tot«, sagte er sanft.
Die alte Dame blinzelte. »Ach ja, stimmt«, sagte sie. »Das hatte ich ganz vergessen.« Sie sah sich in dem engen Hausflur um, als wisse sie nicht genau, wie sie hierhergekommen war.
Er fasste sie am Arm. »Kommen Sie, ich bringe Sie in Ihre Wohnung. Ihre Tochter kommt sicher bald nach Hause.« Er führte sie die Treppe hinauf und half ihr, die Wohnungstür aufzuschließen.
Ein Luftzug wehte ihm entgegen – die Balkontür stand sperrangelweit auf. Er schloss sie rasch. Es erschien ihm unverantwortlich, die verwirrte alte Dame so lange allein zu lassen. Was, wenn sie auf die Idee kam, sich etwas zu essen zu machen, und dann vergaß, den Herd auszuschalten? Wahrscheinlich gehörte sie längst in ein Pflegeheim. Andererseits würde ihr Alzheimer ohne die vertraute Umgebung wahrscheinlich noch rascher voranschreiten.
Paulus schauderte. Was für eine schreckliche Vorstellung, dass sich ein ganzes Leben voller Erinnerungen allmählich in Vergessen auflöste!
Frau Zacharias hatte inzwischen ihren Koffer abgestellt und ein altes Fotoalbum aus dem Wohnzimmerschrank geholt. Sie winkte Paulus zu sich. »Sehen Sie mal, junger Mann, das ist er, mein Franz. Ist er nicht ein schmucker Bursche?«
Paulus nickte. Er setzte sich zu ihr, während sie ihm erzählte, wie sie ihren Franz auf einem Schützenfest im Sauerland kennengelernt hatte.
Zwei Stunden später saß er immer noch dort. Er hatte es nicht fertiggebracht, die alte Dame in ihren Erinnerungen zu unterbrechen. Während sie jetzt von ihren beiden Töchtern erzählte, das Fotoalbum auf ihren dünnen Knien, wirkte sie vollkommen klar.
Paulus blickte verstohlen auf die Uhr. Halb neun. Seit einer halben Stunde hätte er beim Treffen der Aktionsgemeinschaft »Historiker für den Frieden« sein sollen.
Er war wie viele seiner Fachkollegen überzeugt, dass sich vor allem Politiker mehr mit Geschichte befassen sollten. Dann würden sie sehr schnell begreifen, dass ihre Machtspielchen gefährlich waren und nur allzu leicht in die Katastrophe führen konnten. Wie viele Kriege waren schon ausgebrochen, weil jede Seite ihre eigene Stärke überschätzt und die Entschlossenheit des Gegners unterschätzt hatte! Wie sinnlos waren diese Gemetzel gewesen, hatte doch kaum je ein Krieg einer der beiden Seiten unter dem Strich tatsächlich einen Vorteil gebracht.
Die Aktionsgemeinschaft hatte es sich zum Ziel gesetzt, Aufklärungsarbeit zu betreiben. Statt historisches Wissen in Museen und Gedenkstätten verstauben zu lassen, wollte sie es in spektakulären Aktionen zu den Menschen bringen – und in die Medien. Auf dem letzten Treffen war die Idee entstanden, vor dem Hamburger Rathaus einen Pranger aufzustellen, in dem eines der Gruppenmitglieder symbolisch für die Sünden der Politik bestraft werden sollte. Man war sich nur nicht einig geworden, wer den Sünder spielen sollte.
Bisher war die Aktionsgemeinschaft nicht über Stammtischdiskussionen hinausgekommen, und Paulus vermutete, dass das auch auf absehbare Zeit so bleiben würde. Die meisten Gruppenmitglieder zeigten, wenn es darauf ankam, nicht allzu viel Mumm und hatten stets eine Ausrede parat, warum sie an der nächsten geplanten Aktion leider nicht teilnehmen konnten.
Dass Paulus trotzdem immer noch zu den Treffen ging, lag in erster Linie an Judith. Sie arbeitete am Archäologischen Institut der Universität und beschäftigte sich mit Frühgeschichte, von der Steinzeit bis zu den Feldzügen der Römer. Im Unterschied zu Paulus verbrachte sie ihre Zeit nicht über alten Dokumenten, sondern wühlte im Sand verschiedener Ausgrabungsstätten, was ihr einen braunen Teint einbrachte, der ihre blauen Augen umso heller strahlen ließ. Sie war hübsch, intelligent und hatte Humor, doch leider hatte sie bisher nicht auf Paulus’ dezente Annäherungsversuche reagiert. Aber vielleicht waren die ja auch ein wenig zu dezent gewesen.
Wie auch immer, das Treffen musste warten. Er konnte Frau Zacharias nicht allein lassen und riskieren, dass sie wieder in ihren geistigen Dämmerzustand fiel.
Um Viertel vor zehn öffnete sich die Tür. Frau Zacharias’ Tochter, selbst schon an die fünfzig Jahre alt mit einer rundlichen Figur und kurzen braunen Haaren, kam ins Wohnzimmer. »Oh«, sagte sie, als sie Paulus erblickte. »Entschuldigen Sie, ich …« Sie stockte.
»Ich habe dem freundlichen jungen Mann von Franz erzählt und von dir, als du noch klein warst«, erklärte ihre Mutter.
Paulus erhob sich. Als er an der Tochter vorbeiging, roch er Alkohol. Zorn wallte in ihm auf. Doch dann wurde ihm bewusst, was für ein Leben eine Tochter führen musste, die sich tagaus, tagein um ihre Mutter kümmerte.
»Keine Ursache«, sagte er mit einem Lächeln. »Es hat mir Spaß gemacht, mit Ihrer Mutter zu plaudern. Wenn Sie wieder einmal jemanden brauchen, der für ein, zwei Stunden bei ihr bleibt, sagen Sie mir bitte Bescheid!«
Die Tochter lächelte zurück. »Vielen Dank!«
In dem kleinen Flur seiner Wohnung fiel sein Blick auf den Garderobenspiegel. Seine bereits graumelierten Schläfen unter dem dichten Schopf kurzen schwarzen Haars ließen ihn deutlich älter wirken als seine 29 Jahre und verliehen ihm eine Aura der Seriosität und Erfahrung. Andere sahen in ihm eher einen Professor als einen Assistenten des Instituts. Doch spätestens mit 35 würde sein Haar vollständig ergraut sein, und er würde mindestens zehn Jahre zu alt wirken.
Er betrat das Schlafzimmer. Zwei gerahmte Bilder hingen über dem breiten, mit grauem Baumwollstoff abgedeckten Bett: Seiten aus dem Voynich-Manuskript, die Paulus aus dem Internet heruntergeladen, vergrößert und ausgedruckt hatte.
Eine zeigte eine besonders bizarre Darstellung aus der sogenannten balneologischen Sektion: insgesamt fünfzehn Frauen, die in zwei durch ein dünnes Rinnsal miteinander verbundenen grünlichen Teichen badeten. Aus dem oberen der beiden Teiche wuchs ein seltsames Röhrensystem heraus, das halb künstlich, halb pflanzlich wirkte. Die eher amateurhaft wirkenden Zeichnungen waren von der seltsamen, auf den ersten Blick so natürlich wirkenden Handschrift umrahmt, an der sich schon Generationen von Kryptologen, darunter ein ehemaliger Chef der National Security Agency der USA, die Zähne ausgebissen hatten.
Die zweite Zeichnung stellte eine besonders exotisch wirkende Pflanze mit einer großen, einem Auge ähnelnden Blüte und Blättern mit fingerartigen Auswüchsen an den Rändern dar. Es war dieses Blatt, das Paulus davon überzeugt hatte, dass es sich bei dem Voynich-Manuskript um ein Werk der Fantasie handeln musste, denn ganz offensichtlich gab es auf der Erde kein Gewächs, das dem dargestellten auch nur entfernt ähnelte.
Er wandte seinen Blick von den Drucken ab, die ihn allzu schmerzhaft an den bissigen Kommentar des Journalisten erinnerten. In einer Schublade des Wohnzimmerschranks kramte er herum, bis er einen Umschlag mit alten Fotos fand, die ihm sein Vater hinterlassen hatte. Eines zeigte einen bärtigen Mann im dunklen Anzug Arm in Arm mit einer jungen, recht hübschen Frau in einem hellen Kostüm. Sie standen vor einem Laden, über dem ein Werbeschild mit der Aufschrift »Kohlen von Brenner brennen länger« hing. In dem Umschlag fand er außerdem ein ovales Klappmedaillon aus Silber. Im Inneren waren der junge Mann und die Frau in Porträts abgebildet. Dies waren die einzigen Fotos, die er von seinen Großeltern besaß. Sein Vater musste sie vor den Nazi-Erziehern versteckt haben.
Er legte die Erinnerungsstücke zurück in die Schublade und ging zu Bett.
Paulus stieg die Marmorstufen zum Eingangsbereich des Hotels Atlantic empor. Der Portier, der ihm die Tür öffnete, wirkte mit seinem schwarzen Zylinder und der roten Goldknopflivree wie ein Relikt vom Beginn des letzten Jahrhunderts.
Paulus trug saubere Jeans, einen schwarzen Rollkragenpullover und das dunkelgraue Jackett, das er gestern während seines Vortrags angehabt hatte – das teuerste und edelste Kleidungsstück in seiner überschaubaren Garderobe. Trotzdem kam er sich unpassend gekleidet vor.