Hanser eBook
Das
Kartengeheimnis
Mit Bildern von
Quint Buchholz
Aus dem Norwegischen von
Gabriele Haefs
Carl Hanser Verlag
Die Originalausgabe erschien 1990
unter dem Titel Kabalmysteriet
bei Aschehoug & Co. (W. Nygaard) in Oslo.
ISBN 978-3-446-24239-5
©Aschehoug & Co. (W. Nygaard), Oslo 1990
Alle Rechte der deutschen Ausgabe:
© Carl Hanser Verlag München Wien 1995/2013
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INHALT
PIK
Pik As
... da radelte ein deutscher Soldat über die Landstraße...
Pik Zwei
... daß Gott im Himmel sitzt und darüber lacht, daß die Menschen nicht an ihn glauben...
Pik Drei
... ein bißchen seltsam, so weit weg von aller Welt den Waldboden zu schmücken...
Pik Vier
... was ich in Händen hielt, war ein Büchlein...
Pik Fünf
... und hörte den Alten auf dem Dachboden herumgehen...
Pik Sechs
... eine Limonade, die mehr als tausendmal besser ist...
Pik Sieben
... ein geheimnisvoller Planet...
Pik Acht
... als wäre ich in einen Wirbelwind aus einem fremden Land geraten...
Pik Neun
... und glaubte immer, seltsame Dinge zu sehen, für die alle anderen blind waren...
Pik Zehn
... wie ferne Inseln, die ich mit dem Segel dieses Bootes nicht erreichen konnte...
Pik Bube
... Augen wie Kastanien...
Pik Dame
... das Geräusch der Schmetterlinge war wie Musik...
Pik König
... eine Begegnung der vierten Art...
KREUZ
Kreuz As
... genau solche Symbole, wie man sie auf Spielkarten findet...
Kreuz Zwei
... er schwenkte zwei Fahrscheine...
Kreuz Drei
... ein schweres Kreuz...
Kreuz Vier
... eine riesige Lotterie, bei der nur die Gewinnerlose sichtbar sind...
Kreuz Fünf
... es war schwieriger geworden, Karten zu spielen...
Kreuz Sechs
... als müßte er sich davon überzeugen, daß ich ein wirklicher Mensch aus Fleisch und Blut war...
Kreuz Sieben
... daß in meinem Mund Emaille und Elfenbein wuchsen...
Kreuz Acht
... wenn unser Gehirn so einfach wäre, daß wir es verstehen könnten...
Kreuz Neun
... einen glitzernden süßen Saft, der schwach perlt oder braust...
Kreuz Zehn
... ich konnte nicht begreifen, wie etwas aus nichts entstehen konnte...
Kreuz Bube
... wenn die Welt ein Zauberkunststück ist, dann muß es auch einen Zauberkünstler geben...
Kreuz Dame
... er hätte das Meisterwerk wenigstens noch schnell signieren können...
Kreuz König
... es quälte ihn ganz schrecklich, daß er nicht mehr über das Leben und die Welt wußte...
JOKER
Joker
... er schlich sich wie eine giftige Schlange ins Dorf...
KARO
Karo As
... ein gerechter Mann, der die ganze Wahrheit wissen wollte...
Karo Zwei
... alter Meister empfängt wichtige Nachricht aus Heimat...
Karo Drei
... sie wurde von ihrem eigenen Spiegelbild angezogen...
Karo Vier
... ihr Händchen war kalt wie der Morgentau...
Karo Fünf
... besonderes Pech war, daß der Inhalt meines Glases süß und lecker schmeckte...
Karo Sechs
... ab und zu stiegen sie herab zur Erde und mischten sich unter die Menschen...
Karo Sieben
... ein großer Karneval, in dem sich alle als Spielkarten verkleiden mußten...
Karo Acht
... wir werden herbeigezaubert und wieder weggejuxt...
Karo Neun
... wir sind alle vom selben Geschlecht...
Karo Zehn
... einen kleinen Wicht, der hinter einem Zeitungskiosk hervorlinste...
Karo Bube
... seine ganze Eitelkeit hing damit zusammen, daß er ein Joker sein wollte...
Karo Dame
... dann brach der kleine Clown weinend zusammen...
Karo König
...daß wir eine Glocke um den Hals tragen mußten...
HERZ
Herz As
... ich drehte sie um, und es war – Herz As...
Herz Zwei
... sie steht wohl an einem großen Strand und blickt übers Meer...
Herz Drei
... eine aufgetakelte Frau mit einem breitkrempigen Hut...
Herz Vier
... auch wir wissen nicht, wer die Karten austeilt...
Herz Fünf
... es war jetzt wichtig, eiskalt zu sein und keine Vorschußlorbeeren zu verteilen...
Herz Sechs
... so wahr wie die Sonne und der Mond...
Herz Sieben
... Brötchenmann ruft in magisches Rohr...
Herz Acht
... ein so phantastisches Wunder, daß man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll...
Herz Neun
... so lange ist die Welt noch nicht reif, von Frodes Patiencekarten und der magischen Insel zu hören...
Herz Zehn
... es geht ein Narr durch die Welt, dem der Zahn der Zeit nichts anhaben kann...
Herz Bube
... einen kleinen Mann, der sich auf dem Rücksitz zu schaffen machte...
Herz Dame
... dann sahen wir eine ältere Dame aus dem Wirtshaus kommen...
Herz König
... und die Erinnerungen sich weiter und weiter von dem fortbewegen, was sie einst geschaffen hat...
Vor sechs Jahren stand ich vor den Ruinen des alten Poseidon-Tempels auf Kap Sounion und blickte auf die Ägäis. Vor bald anderthalb Jahrhunderten kam der Bäcker-Hans auf die seltsame Insel im Atlantik. Und vor genau zweihundert Jahren erlitt Frode unterwegs von Mexiko nach Spanien Schiffbruch.
Ich muß so weit zurückgehen, um zu begreifen, warum Mama nach Athen durchgebrannt ist...
Ich würde so gern an etwas anderes denken. Aber ich weiß, daß ich versuchen muß, alles aufzuschreiben, solange noch etwas von dem Kind in mir übrig ist.
Ich sitze vor dem Wohnzimmerfenster auf Hisøy und sehe zu, wie draußen das Laub von den Bäumen fällt. Die Blätter segeln durch die Luft und legen sich wie eine lockere Decke über die Straßen. Ein kleines Mädchen stapft durch die Kastanien, die zwischen den Gartenzäunen herumhüpfen und zerplatzen.
Nichts scheint noch zusammenzuhängen.
Wenn ich an Frodes Patiencekarten denke, scheint es mir, als wäre die ganze Natur aus den Fugen.
... da radelte ein deutscher Soldat über die Landstraße...
Unsere große Reise ins Heimatland der Philosophen begann in Arendal, einer alten Hafenstadt in Südnorwegen. Wir setzten auf der Bolero von Kristiansand nach Hirtshals über, und über die Fahrt durch Dänemark und Deutschland gibt es nicht viel zu erzählen. Abgesehen von Legoland und dem riesigen Hamburger Hafen sahen wir im Grunde nur Autobahnen und Bauernhöfe. Erst, als wir die Alpen erreichten, passierte wirklich etwas.
Wir hatten eine Abmachung, mein Vater und ich. Ich durfte nicht sauer sein, wenn wir lange fahren mußten, ehe wir irgendwo zum Übernachten haltmachten, und er durfte im Auto nicht rauchen. Dafür beschlossen wir, viele Zigarettenpausen einzulegen. Diese Zigarettenpausen sind mir von der ganzen Fahrt in die Schweiz am besten in Erinnerung.
Sie fingen immer damit an, daß mein Vater einen kleinen Vortrag über etwas hielt, was er sich unterm Fahren überlegt hatte, während ich auf dem Rücksitz Micky Maus las oder Patiencen legte. Meistens ging es um etwas, das mit Mama zu tun hatte. Wenn nicht, verbreitete er sich über irgendeins von seinen Lieblingsthemen.
Seit er nach vielen Jahren auf See an Land gegangen war, interessierte er sich zum Beispiel für Roboter. Das wäre noch nichts Besonderes gewesen, aber bei ihm war damit lange nicht Schluß. Er war nämlich überzeugt, daß es der Wissenschaft eines Tages gelingen würde, künstliche Menschen herzustellen. Damit meinte er nicht solche bescheuerten Metallroboter, die mit roten und grünen Lämpchen leuchten und mit hohler Stimme reden. Nein, mein Vater glaubte, daß die Wissenschaft eines Tages richtige denkende Menschen, so wie uns, herstellen würde. Und das war noch nicht mal alles: Er hielt im Grunde alle Menschen jetzt schon für solche künstlichen Figuren.
»Wir sind quicklebendige Puppen«, sagte er oft, und besonders gern, wenn er ein oder zwei Gläschen intus hatte.
Als er in Legoland versonnen vor den vielen Legomenschen stand, fragte ich ihn, ob er an Mama denke, aber da schüttelte er nur den Kopf.
»Stell dir vor, das alles würde plötzlich lebendig, Hans-Thomas«, sagte er. »Stell dir vor, all diese Figuren liefen plötzlich zwischen den Plastikhäuschen herum. Was würden wir dann machen?«
»Du spinnst«, sagte ich bloß, denn ich war mir sicher, andere Väter, die mit ihren Kindern Legoland besuchten, redeten keinen solchen Stuß.
Ich beschloß, ihn um ein Eis zu bitten. Ich wußte nämlich schon, daß ich ihn am besten dann um etwas bat, wenn er mit seinen verschrobenen Ideen anfing. Ich glaube, er hatte ein bißchen ein schlechtes Gewissen, weil er mir ständig mit solchen Themen kam, und wer ein schlechtes Gewissen hat, neigt bekanntlich zur Freigebigkeit. Gerade wollte ich den Mund aufmachen, da sagte er: »Im Grunde sind wir selber solche lebendigen Legofiguren.«
Mein Eis war gesichert: Mein Vater kam endgültig ins Philosophieren.
Wir wollten nach Athen, aber nicht um normale Sommerferien zu machen: In Athen – oder jedenfalls irgendwo in Griechenland – wollten wir Mama suchen. Es stand nicht fest, ob wir sie finden würden, und wenn, stand nicht fest, ob sie mit uns nach Norwegen zurückkommen würde. Aber wir mußten es versuchen, sagte mein Vater, denn weder er noch ich konnte den Gedanken ertragen, für den Rest unseres Lebens ohne Mama auskommen zu müssen.
Mama war von Vater und mir weggegangen, als ich vier Jahre alt war. Deshalb nenne ich sie wohl immer noch »Mama«. Meinen Vater hatte ich nach und nach besser kennengelernt, und eines Tages war es mir nicht mehr richtig vorgekommen, ihn »Papa« zu nennen.
Mama wollte hinaus in die Welt, um sich selber zu finden. Mein Vater und ich sahen sogar ein, daß es für die Mutter eines vierjährigen Jungen allmählich Zeit wird, sich selber zu finden, und bestärkten sie in ihrem Vorhaben. Ich konnte nur nie begreifen, warum sie dazu fortgehen mußte. Warum konnte sie das nicht zu Hause in Arendal in Ordnung bringen – oder sich wenigstens mit einem Ausflug nach Kristiansand begnügen? Ich rate allen, die sich selber finden wollen, an Ort und Stelle zu bleiben. Sonst ist die Gefahr groß, daß sie sich endgültig verirren.
Mama war vor so vielen Jahren weggegangen, daß ich nicht mal mehr richtig wußte, wie sie ausgesehen hatte. Ich wußte nur noch, daß sie viel schöner war als alle anderen Frauen. Das sagte jedenfalls mein Vater. Er meinte auch, daß es für eine Frau desto schwieriger wird, sich selber zu finden, je schöner sie ist.
Ich hatte Mama seit ihrem Verschwinden überall gesucht. Jedesmal, wenn ich über den Marktplatz von Arendal ging, glaubte ich sie plötzlich zu sehen, und wenn ich Großmutter in Oslo besuchte, hielt ich ständig nach ihr Ausschau. Aber ich sah sie nie. Ich sah sie erst, als mein Vater diese griechische Modezeitschrift anschleppte. Dort war Mama – auf dem Titelbild und innen im Heft. Die Bilder zeigten ziemlich deutlich, daß sie sich noch immer nicht gefunden hatte. Denn es war nicht meine Mutter, die da abgebildet war: Sie versuchte ganz offensichtlich, einer anderen zu ähneln. Mein Vater und ich hatten schreckliches Mitleid mit ihr.
Die Modezeitschrift hatte meine Großtante aus Kreta mitgebracht. Dort hatte sie mitsamt den Bildern von Mama an jedem Zeitungskiosk gehangen. Man brauchte nur ein paar Drachmen über den Tresen zu schieben, schon hatte man sie. Ich fand diesen Gedanken fast ein bißchen komisch. Hier hatten wir jahrelang nach Mama gesucht, und da unten lächelte sie in aller Öffentlichkeit von einer Titelseite.
»Wo zum Henker ist sie denn da reingeraten?« fragte Vater und kratzte sich am Kopf. Trotzdem schnitt er die Bilder aus und hängte sie im Schlafzimmer auf. Lieber Bilder von einer, die Mama ähnlich sah, als gar keine, fand er.
Und dann beschloß er, daß wir nach Griechenland fahren müßten, um sie zu suchen.
»Wir müssen versuchen, sie wieder nach Hause zu schaffen, Hans-Thomas«, sagte er. »Ich habe Angst, daß sie sonst in diesem Modeabenteuer ertrinkt.«
Ich verstand nicht ganz, wie er das meinte. Ich hatte schon gehört, daß man in einem weiten Kleid ertrinken konnte, aber ich wußte nicht, daß das auch in Abenteuern geht. Heute weiß ich, daß alle Menschen sich davor in acht nehmen müssen.
Als wir bei Hamburg auf einem Autobahnrastplatz hielten, fing Vater an, über seinen Vater zu erzählen. Ich kannte die ganze Geschichte schon, aber hier, wo die vielen deutschen Autos an uns vorüberbrausten, war es doch etwas anderes. Es ist nämlich so, daß mein Vater ein Deutschenkind ist. Es macht mir jetzt nichts mehr aus, das zu sagen, denn inzwischen weiß ich, daß Deutschenkinder genauso in Ordnung sein können wie alle anderen Kinder. Aber ich habe gut reden. Ich habe nicht am eigenen Leibe zu spüren bekommen, wie es ist, in einer kleinen Stadt in Südnorwegen ohne Vater aufzuwachsen.
Sicher sprach mein Vater gerade jetzt über meine Großeltern, weil wir in Deutschland waren.
Alle wissen, daß es nicht so leicht ist, sich im Krieg etwas zu essen zu besorgen. Das wußte auch meine Großmutter, als sie mit dem Rad nach Froland fuhr, um Preiselbeeren zu pflücken. Sie war damals erst siebzehn. Das Problem war, daß sie eine Reifenpanne hatte.
Dieser Preiselbeerausflug gehört zu den allerwichtigsten Ereignissen meines Lebens. Es hört sich vielleicht seltsam an, daß das vielleicht wichtigste Ereignis meines Lebens mehr als dreißig Jahre vor meiner Geburt gelegen haben soll; aber wenn meine Großmutter an diesem Sonntag keine Panne gehabt hätte, wäre mein Vater nie geboren worden. Und wenn er nicht geboren worden wäre, dann hätte ich auch keine Chance gehabt.
Was also passierte, war, daß meine Großmutter mit einem Korb voller Preiselbeeren oben in Froland eine Reifenpanne hatte. Sie hatte natürlich auch kein Flickzeug bei sich, und selbst wenn sie das beste Flickzeug der Welt dabeigehabt hätte, hätte sie ihr Rad kaum allein flicken können.
Und da radelte ein deutscher Soldat über die Landstraße. Obwohl er ein Deutscher war, war er nicht besonders kriegerisch. Er war sogar sehr höflich zu der jungen Frau, die ihre Preiselbeeren nicht nach Hause schaffen konnte. Außerdem hatte er Flickzeug.
Wäre mein Großvater einer der gemeinen Rüpel gewesen, für die wir alle deutschen Soldaten, die damals in Norwegen waren, gerne halten, hätte er einfach an Großmutter vorbeifahren können. Aber darum geht es natürlich nicht. Vielmehr hätte Großmutter den Kopf in den Nacken werfen und sich weigern müssen, von der deutschen Besatzungsmacht Hilfe anzunehmen.
Das Problem war, daß der deutsche Soldat die junge Frau, der das Unglück passiert war, schließlich gern hatte. Na ja, und an ihrem größten Unglück war er dann auch schuld. Aber das war erst einige Jahre später.
Wenn er an diesem Punkt angekommen ist, steckt sich mein Vater immer eine Zigarette an. Es war nämlich so, daß meiner Großmutter der Deutsche auch gefiel. Das war das Blöde an der Sache. Sie bedankte sich nicht nur bei meinem Großvater, weil er ihr Fahrrad repariert hatte, sie war auch bereit, mit ihm zusammen nach Arendal zu fahren. Sie war ungehorsam und dumm, das steht fest. Aber das allerschlimmste war, daß sie bereit war, sich auch weiter mit dem Unteroffizier Ludwig Meßner zu treffen.
So verliebte sich meine Großmutter in einen deutschen Soldaten. Leider können wir es uns nicht immer aussuchen, in wen wir uns verlieben. Aber sie hätte beschließen müssen, sich nicht wieder mit ihm zu treffen, als sie noch nicht in ihn verliebt war. Das tat sie nicht, und dafür mußte sie büßen.
Meine Großeltern trafen sich heimlich. Hätten die Leute von Arendal erfahren, daß Großmutter sich auf Rendezvous mit einem Deutschen einließ, wäre sie aus der guten Gesellschaft ausgestoßen worden. Die normalen Leute hatten damals nur eine Möglichkeit, die Deutschen zu bekämpfen: nichts mit ihnen zu tun zu haben.
Im Sommer 1944 wurde Ludwig Meßner nach Deutschland zurückgeschickt, um das Dritte Reich an der Ostfront zu verteidigen. Als er sich in Arendal in den Zug setzte, verschwand er aus Großmutters Leben. Sie hörte nie wieder von ihm – auch nicht, als sie viele Jahre nach Kriegsende versuchte, ihn ausfindig zu machen. Schließlich war sie ziemlich sicher, daß er im Kampf gegen die Russen gefallen war.
Die Radtour nach Froland und alles, was darauf folgte, wäre womöglich in Vergessenheit geraten, wenn Großmutter nicht schwanger geworden wäre. Das muß unmittelbar vor der Abreise meines Großvaters an die Ostfront passiert sein, aber sie wußte es erst viele Wochen später.
Was danach passierte, nennt mein Vater menschliches Teufelszeug – und hier steckt er sich dann wieder eine Zigarette an. Mein Vater wurde unmittelbar vor der Befreiung im Mai 1945 geboren. Sowie die Deutschen kapituliert hatten, wurde Großmutter von Norwegern festgenommen, die alle Norwegerinnen haßten, die sich mit deutschen Soldaten eingelassen hatten. Leider gab es nicht wenige solche Frauen, und am allerschlimmsten hatten die zu leiden, die mit einem Deutschen ein Kind hatten. Die Wahrheit war, daß meine Großmutter mit meinem Großvater zusammengewesen war, weil sie ihn liebte – nicht, weil er Nazi war. Und er war auch gar kein Nazi. Ehe sie ihn am Schlafittchen packten und nach Deutschland schickten, hatten er und Großmutter Pläne geschmiedet, nach Schweden zu fliehen. Was sie davon abhielt, waren Gerüchte, daß die schwedischen Grenzposten deutsche Deserteure erschossen, wenn sie versuchten, die Grenze zu überqueren.
Die Leute in Arendal fielen über Großmutter her und schoren sie kahl. Sie schlugen und traten sie, obwohl sie doch gerade erst ein Kind bekommen hatte. Man kann mit gutem Gewissen sagen, daß Ludwig Meßner sich besser benommen hatte.
Ohne ein einziges Haar auf dem Kopf mußte Großmutter zu Onkel Trygve und Tante Ingrid nach Oslo fahren. In Arendal war sie nicht mehr sicher. Weil sie kahl war wie ein alter Mann, mußte sie selbst bei warmem Frühlingswetter eine Mütze tragen. Ihre Mutter wohnte weiterhin in Arendal, und fünf Jahre nach Kriegsende ging meine Großmutter mit Vater wieder dorthin zurück.
Weder meine Großmutter noch mein Vater wollten entschuldigen, was in Froland geschehen ist. Das einzige, was wir kritisieren dürfen, ist das Strafmaß. Es ist zum Beispiel eine interessante Frage, über wie viele Generationen ein Verbrechen bestraft werden sollte. Großmutter trägt natürlich ihren Teil Schuld an ihrer Schwangerschaft, und das hat sie auch nie abgestritten. Schon schwieriger finde ich zu entscheiden, ob es auch richtig war, das Kind zu bestrafen.
Ich habe darüber ziemlich viel nachgedacht. Mein Vater kam durch einen Sündenfall auf die Welt – aber können nicht alle Menschen ihre Wurzeln bis zu Adam und Eva zurückverfolgen? Ich weiß natürlich, daß dieser Vergleich hinkt. Im einen Fall ging es um Äpfel, im anderen um Preiselbeeren. Aber ein Fahrradschlauch sieht schließlich ähnlich aus wie die Schlange, die Adam und Eva in Versuchung führte.
Wie auch immer, jedenfalls wissen alle Mütter, daß sie sich nicht ihr Leben lang Vorwürfe wegen eines Kindes machen können, das schon geboren ist. Und dem Kind durfte man nun wirklich keine Vorwürfe machen, finde ich. Ich finde, daß auch ein Deutschenkind das Recht hat, sich seines Lebens zu freuen. In diesem Punkt hatten mein Vater und ich allerdings einige kleine Meinungsverschiedenheiten.
Mein Vater wuchs also als Deutschenkind auf. Die Erwachsenen in Arendal hatten zwar aufgehört, »Deutschendirnen« zu verprügeln, aber ihre Kinder schikanierten die Deutschenkinder weiter. Kinder äffen die Gemeinheiten der Erwachsenen nämlich nur zu gern nach. Das bedeutet, daß mein Vater eine harte Kindheit hatte. Und mit siebzehn hielt er es nicht mehr aus. Obwohl er Arendal so liebte wie alle anderen, fuhr er als Schiffsjunge zur See. Erst sieben Jahre später kam er nach Arendal zurück, da hatte er in Kristiansand schon Mama kennengelernt. Sie zogen in ein altes Haus auf Hisøy; dort wurde ich am 29. Februar 1972 geboren. So gesehen habe natürlich auch ich meinen Teil der Schuld für die Ereignisse auf Froland zu tragen. Und das nennen wir Erbsünde.
Nach einer Kindheit als Deutschenkind und vielen Jahren auf See hatte mein Vater schon immer eine Schwäche für geistige Getränke. Ein bißchen zu sehr, finde ich. Er behauptete zu trinken, um zu vergessen, aber genau in diesem Punkt irrte er sich. Denn gerade wenn er trank, fing er an, sich über meine Großeltern und sein Leben als Deutschenkind zu verbreiten. Ab und zu weinte er dann auch. Ich glaube, mit Hilfe der geistigen Getränke erinnerte er sich nur um so besser.
Nachdem er mir auf der Autobahn bei Hamburg noch einmal seine Lebensgeschichte erzählt hatte, sagte er: »Und dann ist Mama verschwunden. Als du in den Kindergarten kamst, bekam sie ihre erste Stelle als Tanzlehrerin. Später fing sie an, als Model zu arbeiten. Sie mußte öfter nach Oslo und zweimal auch nach Stockholm, und eines Tages kam sie nicht wieder nach Hause. Wir bekamen nur einen Brief, in dem stand, daß sie einen Job im Ausland hätte und nicht wüßte, wann sie zurückkommt. So was sagen Leute, die ein oder zwei Wochen wegbleiben wollen. Und jetzt ist sie schon über acht Jahre weg...«
Auch das hatte ich schon oft gehört, aber diesmal fügte Vater hinzu: »In meiner Familie hat immer irgendwer gefehlt, Hans-Thomas. Immer hat irgendwer sich verirrt. Ich glaube, das ist ein Familienfluch.«
Als er das mit dem Fluch sagte, bekam ich zuerst einen leichten Schrecken. Ich dachte darüber nach, als wir wieder im Auto saßen, und kam zu dem Schluß, daß er recht hatte.
Zusammen fehlten meinem Vater und mir ein Vater und ein Großvater, eine Frau und eine Mutter. Und mein Vater muß noch an etwas anderes gedacht haben. Als Großmutter noch klein war, wurde ihr Vater beim Holzfällen von einem umstürzenden Baum getroffen und starb. Auch sie ist also ohne richtigen Vater aufgewachsen. Vielleicht bekam sie deshalb ein Kind von einem deutschen Soldaten, der zum Sterben in den Krieg geschickt wurde. Und vielleicht heiratete dieses Kind deshalb eine Frau, die nach Athen ging, um sich selber zu finden.
... daß Gott im Himmel sitzt und darüber lacht, daß die Menschen nicht an ihn glauben...
An der Schweizer Grenze hielten wir an einer geheimnisvollen Tankstelle mit nur einer Zapfsäule. Aus einem grünen Haus kam ein Mann, der so klein war, daß er ein Zwerg oder so etwas sein mußte. Vater breitete eine große Autokarte aus und erkundigte sich nach dem besten Weg durch die Alpen nach Venedig.
Der Zwerg antwortete mit piepsiger Stimme und zeigte auf eine Straße. Er konnte nur Deutsch, aber Vater übersetzte für mich: Der kleine Mann empfahl uns, in einem kleinen Ort namens Dorf zu übernachten.
Während er sprach, starrte er mich die ganze Zeit an, als ob er in seinem Leben noch kein Kind gesehen hätte. Ich glaube, er mochte mich, weil wir genau gleich groß waren. Als wir wieder losfahren wollten, gab er mir eine kleine Lupe in einem grünen Etui.
»Nimm die«, piepste er. (Mein Vater übersetzte.) »Ich habe sie vor langer Zeit aus einem alten Stück Glas geschliffen, das ich im Magen eines waidwunden Rehs gefunden habe. Du wirst in Dorf Verwendung dafür finden, o ja, das sage ich dir, Junge. Denn eines steht fest: Sowie ich dich gesehen habe, ging mir auf, daß du auf deiner Reise Verwendung für eine kleine Lupe haben wirst.«
Ich fragte mich, ob Dorf womöglich so klein war, daß man es nur mit einer Lupe finden konnte. Aber ich gab dem Zwerg die Hand und bedankte mich, ehe ich mich wieder ins Auto setzte. Seine Hand war nicht nur kleiner als meine, sie war auch viel kälter.
Mein Vater kurbelte das Fenster herunter und winkte dem Zwerg, der den Abschiedsgruß mit beiden Ärmchen erwiderte.
»Ihr kommt aus Arendal, nicht wahr?« rief er, als Vater den Motor anließ.
»Richtig«, antwortete Vater und fuhr los.
»Woher hat der gewußt, daß wir aus Arendal kommen?« fragte ich.
Vater musterte mich im Spiegel: »Hast du das nicht gesagt?«
»Nein.«
»Doch«, beharrte er. »Von mir weiß er’s jedenfalls nicht.«
Aber ich wußte, daß ich es nicht gesagt hatte, und wenn, dann hätte der Zwerg es nicht verstanden, schließlich konnte ich kein Wort Deutsch.
»Warum war der wohl so klein?« überlegte ich, als wir die Autobahn erreicht hatten.
»Das weißt du nicht?« fragte mein Vater. »Der Bursche ist so klein, weil er ein künstlicher Mensch ist. Ein jüdischer Zauberer hat ihn vor vielen Jahrhunderten gemacht.«
Mir war natürlich klar, daß das ein Witz sein sollte, trotzdem fragte ich: »Dann war er also mehrere Jahrhunderte alt?«
»Das weißt du auch nicht?« fragte Vater. »Künstliche Menschen altern nicht so wie wir. Das ist der einzige Vorteil, mit dem sie sich brüsten können, aber der fällt ganz schön ins Gewicht. Er bedeutet schließlich, daß sie nie sterben werden.«
Im Fahren nahm ich die Lupe und sah nach, ob mein Vater Läuse hatte. Er hatte keine, aber in seinem Nacken wuchsen einzelne häßliche Haare.
Nicht weit hinter der Schweizer Grenze sahen wir einen Wegweiser nach Dorf. Wir bogen in eine kleine Straße, die sich langsam den Berg hinaufwand. Es war eine öde Gegend, nur ein paar alte Holzvillen standen zwischen Bäumen auf den hohen Hügelkämmen verstreut.
Bald wurde es auch noch dunkel, und ich wäre fast eingeschlafen. Aber im letzten Moment fuhr ich hoch, weil Vater anhielt. »Zigarettenpause«, sagte er.
Wir stiegen aus und atmeten frische Alpenluft. Es war Nacht. Über uns hing der Sternenhimmel wie eine elektrische Decke mit Tausenden von winzigen Lampen, jede zu einem Tausendstel Watt. Vater ging zum Pinkeln an den Straßenrand. Als er zurückkam, zündete er sich eine Zigarette an, zeigte auf den Himmel und sagte: »Wir sind schon arge Winzlinge, mein Junge. Wir sind winzige Legofiguren, die versuchen, in einem alten Fiat von Arendal nach Athen zu gurken. Hö! Auf einer Erbse! Draußen – also außerhalb des Samenkorns, auf dem wir leben, Hans-Thomas –, da gibt es viele Milliarden von Galaxien. Jede einzelne von ihnen besteht aus einigen hundert Milliarden Sternen. Und Gott weiß, wie viele Planeten es gibt!«
Er streifte die Asche von seiner Zigarette und fuhr fort: »Ich glaube nicht, daß wir allein sind, mein Junge, nie und nimmer. Im Universum brodelt das Leben. Nur werden wir nie erfahren, ob wir allein sind. Die Galaxien sind wie einsame Inseln ohne jede Verbindung.«
Über meinen Vater ließe sich einiges sagen, aber ich habe es nie langweilig gefunden, mit ihm zu reden. Auf keinen Fall hätte er sich mit einem Leben als Maschinist zufriedengeben dürfen. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte er ein staatliches Gehalt als Philosoph bezogen. Er hatte selber einmal etwas Ähnliches gesagt. »Wir haben für alles mögliche Ministerien«, sagte er, »aber es gibt kein Ministerium für Philosophie. Sogar große Länder glauben, sie kämen ohne aus.«
Erblich belastet, wie ich war, versuchte ich mich an den philosophischen Gesprächen zu beteiligen, die Vater fast immer anfing, wenn er nicht über Mama sprach. Jetzt sagte ich: »Daß das Universum groß ist, muß nicht unbedingt bedeuten, daß unser Erdball eine Erbse ist.«
Er zuckte mit den Schultern, warf den Zigarettenstummel auf den Boden und steckte sich eine neue Zigarette an. Die Meinung anderer interessierte ihn im Grunde nicht besonders, wenn er über das Leben und die Sterne sprach. Dazu war er sich seiner eigenen Meinung viel zu sicher. Statt mir zu antworten, sagte er: »Woher, zum Kranich, kommen Leute wie wir, Hans-Thomas? Hast du dir das schon mal überlegt?«
Das hatte ich schon oft, aber weil ich nun mal wußte, daß ihn meine Antwort nicht interessierte, ließ ich ihn einfach weiterreden. Wir kannten uns schon so lange, mein Vater und ich, daß ich wußte, es war so am besten.
»Weißt du, was Großmutter einmal gesagt hat? Sie sagte, sie hätte in der Bibel gelesen, daß Gott im Himmel sitzt und darüber lacht, daß die Menschen nicht an ihn glauben.«
»Warum denn?« fragte ich. Fragen war immer einfacher als antworten.
»Okay«, fing Vater an. »Wenn es einen Gott gibt, der uns geschaffen hat, dann sind wir in seinen Augen gewissermaßen künstlich. Wir quatschen, streiten und prügeln uns. Trennen uns und sterben. Verstehst du? Wir sind verflixt clever, bauen Atombomben und Mondraketen. Aber niemand von uns fragt, woher wir kommen. Wir sind einfach hier und stellen uns auf.«
»Und dann lacht Gott einfach über uns?«
»Genau. Wenn wir einen künstlichen Menschen bauen könnten, Hans-Thomas, und wenn dieser künstliche Mensch dann einfach lossabbeln würde – über Börsenkurse oder Pferderennen –, ohne die allereinfachste und wichtigste aller Fragen zu stellen, nämlich wie er entstanden ist – ja, dann würden wir doch auch herzlich lachen.«
Genau das tat er auch, ehe er weiterredete: »Wir sollten mehr in der Bibel lesen, mein Junge. Nachdem Gott Adam und Eva erschaffen hatte, wanderte er durch den Garten und bespitzelte sie. Ehrlich. Er legte sich hinter Büschen und Bäumen auf die Lauer und beobachtete ganz genau, was sie unternahmen. Verstehst du? Er konnte den Blick nicht von ihnen abwenden, so fasziniert war er von seinen Geschöpfen. Und ich mache ihm da gar keinen Vorwurf. Nein, nein – ich verstehe ihn gut!«
Er drückte die Zigarette aus, und damit war die Pause beendet. Ich überlegte mir, daß ich trotz allem Glück hatte: Schließlich würde ich auf der Fahrt nach Griechenland an schätzungsweise dreißig bis vierzig solchen Zigarettenpausen teilnehmen dürfen.
Im Auto zog ich wieder die Lupe hervor, die mir der geheimnisvolle Zwerg geschenkt hatte. Ich beschloß, damit die Natur einmal genauer zu untersuchen. Wenn ich mich auf den Boden legte und lange genug eine Ameise oder eine Blume anstarrte, würde ich ihr vielleicht ein paar Geheimnisse entlocken können. Und dann würde ich meinem Vater zu Weihnachten ein bißchen Seelenruhe schenken.
Wir fuhren immer höher in die Berge; es dauerte endlos lange, bis wir Dorf erreichten.
»Schläfst du, Hans-Thomas?« fragte Vater endlich, und viel hätte tatsächlich nicht gefehlt, wenn er nicht gefragt hätte. Um nicht zu lügen, sagte ich nein, dadurch wurde ich noch ein bißchen wacher.
»Weißt du«, sagte er, »ich frage mich langsam, ob der Zwerg uns nicht geleimt hat.«
»Hat die Lupe nicht im Bauch eines Rehs gelegen?« murmelte ich.
»Du bist müde, Hans-Thomas. Ich rede von der Straße. Warum er uns wohl in diese Einöde geschickt hat? Die Autobahn führt doch auch durch die Alpen. Vor vierzig Kilometern habe ich zuletzt ein Haus gesehen – und das letzte Hotel ist noch viel länger her.«
Ich war so müde, daß ich nicht antworten mochte. Ich dachte nur, daß ich vielleicht den Weltrekord darin hielt, meinen Vater zu lieben. Er war nicht zum einfachen Maschinisten geschaffen, nein. Er hätte lieber mit den Engeln im Himmel über die Geheimnisse des Lebens plaudern sollen. Engel sind viel klüger als Menschen; das hatte er mir auch beigebracht. Sie sind nicht so klug wie Gott, aber sie begreifen alles, was wir Menschen fassen können, ohne auch nur nachdenken zu müssen.
»Warum, zum Henker, hat er uns nach Dorf geschickt?« fuhr Vater fort. »Du wirst sehen, am Ende hat er uns noch in ein Zwergendorf gelockt.«
Das war das letzte, was er sagte, ehe ich einschlief. Ich träumte von einem Dorf voller Zwerge. Alle waren sehr nett. Sie redeten wild durcheinander über alles mögliche, aber niemand konnte sagen, wo auf der Welt sie sich befanden oder wo sie herkamen.
Ich glaube, ich weiß noch, daß mein Vater mich aus dem Auto hob und ins Bett trug. In der Luft lag ein Honigduft. Und eine Frauenstimme sagte: »Ja, ja. Aber natürlich, mein Herr.«
... ein bißchen seltsam, so weit weg von aller Welt den Waldboden zu schmücken...
Als ich am nächsten Morgen erwachte, begriff ich, daß wir Dorf wirklich erreicht hatten. Mein Vater lag neben mir im Bett und schlief. Es war schon nach acht, aber mir war klar, daß er noch etwas Schlaf brauchte. Egal, wie spät es wurde, gönnte er sich vor dem Einschlafen noch ein Gläschen. Nur er sprach übrigens von einem »Gläschen«. Ich wußte, daß diese Gläschen ganz schön groß sein konnten. Und ganz schön zahlreich.
Durch das Fenster sah ich einen großen See. Ich zog mich schnell an und ging hinunter ins Erdgeschoß. Dort begegnete ich einer Frau, die so dick und gemütlich war, daß sie mit mir zu sprechen versuchte, obwohl sie keine Silbe Norwegisch konnte.
»Hans-Thomas«, sagte sie mehrmals. Also hatte mein Vater mich vorgestellt, während ich schlief und er mich aufs Zimmer trug, das war klar.
Ich ging auf die Wiese vor dem See und probierte eine schwachsinnige Alpenschaukel aus. Sie war so groß,daß ich höher schaukeln konnte, als die Hausdächer waren. Beim Schaukeln betrachtete ich das kleine Alpendorf. Je höher ich kam, desto mehr sah ich von der Landschaft.
Ich freute mich auf Vaters Gesicht, wenn er Dorf am helllichten Tag sah. Er würde ausrasten. Dorf war nämlich ein Puppendorf wie aus dem Bilderbuch. Zwischen hohen, schneebedeckten Bergen lagen an zwei, drei Gassen einige wenige Läden. Wenn ich ganz hoch schaukelte, hatte ich das Gefühl, auf eines der Dörfer von Legoland zu schauen. Die Pension, in der wir logierten, war ein weißes dreistöckiges Haus mit rosa Markisen und winzigen Fenstern aus buntem Glas.
Als ich die Schaukel schon langsam satt hatte, kam Vater aus dem Haus und rief mich zum Frühstück.
Wir betraten den vermutlich winzigsten Speisesaal der Welt. Darin hatten nur vier Tische Platz, und als wäre das noch nicht genug, waren Vater und ich die einzigen Gäste. Neben dem Speisesaal lag ein großes Restaurant, aber das war geschlossen.
Es war offensichtlich, daß Vater ein schlechtes Gewissen hatte, weil er länger geschlafen hatte als ich, also bat ich, zum Frühstück Limo trinken zu dürfen statt Alpenmilch. Er gab sofort nach, verlangte aber zum Ausgleich »ein Viertel«. Das hörte sich ziemlich geheimnisvoll an, aber was dann in sein Glas eingeschenkt wurde, erinnerte verdächtig an Rotwein. Ich begriff, daß wir erst am nächsten Morgen weiterfahren würden.
Vater erzählte, daß wir in einem Gasthaus wohnten, aber abgesehen von den Fenstern sah es auch nicht anders aus als jede normale Pension, wie ich sie von zu Hause kannte. Das Gasthaus hieß »Zum Schönen Waldemar«, und der See hieß »Waldemarsee«. Wenn ich mich nicht sehr irre, hießen beide nach ein und demselben Waldemar.
»Der hat uns geleimt«, sagte Vater, nachdem er einen Schluck von seinem Viertel getrunken hatte.
Ich wußte sofort, daß er den Zwerg meinte. Der hieß wohl auch Waldemar.
»Sind wir einen Umweg gefahren?« fragte ich.
»Hast du Umweg gesagt? Von hier aus ist es genauso weit nach Venedig wie von der Tankstelle. Auf den Kilometer genau, verstehst du? Das heißt, jeder Kilometer, den wir seit der Tankstelle gefahren sind, war vollkommen überflüssig.«
»Ja, zum Kranich!« rief ich. Weil ich soviel mit Vater zusammen war, hatte ich angefangen, seine Seemannssprache ein bißchen nachzuäffen.
»Ich habe nur noch zwei Wochen Urlaub«, fuhr er fort. »Und wir können nicht davon ausgehen, daß wir Mama finden, sobald wir einen Fuß nach Athen gesetzt haben.«
»Warum können wir nicht heute weiterfahren?« mußte ich jetzt fragen, denn mir war es mindestens genauso wichtig, Mama zu finden, wie ihm.
»Woher weißt du, daß wir heute nicht mehr weiterfahren?«
Die Antwort ersparte ich mir; ich zeigte einfach nur auf sein Viertel.
Und er prustete los. Er lachte so laut und schrill, daß die dicke Frau auch loslachte, obwohl sie keine Ahnung hatte, worüber wir sprachen.
»Wir waren erst so gegen ein Uhr letzte Nacht hier«, sagte er. »Und ich finde, da verdienen wir einen Tag, um uns zu erholen.«
Ich zuckte mit den Schultern. Ich war derjenige, der keine Lust gehabt hatte, immer nur zu fahren, ohne irgendwo zu wohnen, deshalb glaubte ich nicht protestieren zu dürfen. Ich fragte mich nur, ob er sich wirklich erholen oder für den Rest des Tages picheln wollte.
Vater wühlte draußen im Auto im Gepäck. Er hatte offenbar keine Lust gehabt, auch nur eine Zahnbürste auszupacken, als wir mitten in der Nacht hier eingetrudelt waren.
Als Vater zurückkam, beschlossen wir, einen richtigen Spaziergang zu machen. Die Wirtin zeigte uns einen Berg mit Spitzenaussicht, aber um auf ihn hinauf- und wieder herunterzusteigen, sei es schon ein bißchen zu spät, meinte sie. Worauf mein Vater eine seiner klugen Ideen hatte. Denn was tut man, wenn man von einem hohen Berg herunterwill, ohne erst hochkraxeln zu müssen? Dann fragt man, ob es eine Autostraße auf den Berg gibt, eben. Die Wirtin sagte, das schon, aber wenn wir bergauf fahren und herunter zu Fuß gehen wollten, müßten wir dann doch wieder hoch, um das Auto zu holen.
»Wir nehmen ein Taxi«, beschloß Vater. Und genau das taten wir.
Die Wirtin rief uns ein Taxi, und der Taxifahrer hielt uns für verrückt, aber mein Vater wedelte mit seinen Schweizer Franken, und der Taxifahrer tat, was wir von ihm verlangten.
Die Wirtin kannte sich in der Gegend besser aus als der Zwerg von der Tankstelle: So einen Berg und so eine Aussicht hatten weder ich noch Vater je erlebt, dabei kamen wir immerhin aus Norwegen.
Unvorstellbar tief unten sahen wir einen kleinen Teich vor einer mikroskopisch kleinen Ansammlung von winzigen Punkten von Häusern. Das waren Dorf und der Waldemarsee.
Obwohl es Hochsommer war, wehte uns auf dem Berg der Wind durch die Kleider. Vater meinte, wir seien viel höher über dem Meer als auf irgendeinem Berg zu Hause. Ich fand diesen Gedanken ziemlich aufregend, aber mein Vater war enttäuscht. Er gestand mir, er habe deshalb unbedingt auf diesen Berg gewollt, weil er hoffte, wir würden von hier aus das Mittelmeer sehen. Ich glaube, er hatte auch gehofft, wir könnten sehen, was Mama unten in Griechenland gerade machte.
»Als ich noch zur See gefahren bin, war ich ans genaue Gegenteil gewöhnt«, sagte er. »Ich konnte stunden- und tagelang an Deck stehen, ohne Land zu sehen.«
Ich versuchte mir das vorzustellen.
»Das war viel besser«, fuhr mein Vater fort, als hätte er meine Gedanken gelesen. »Ich fühle mich immer wie eingesperrt, wenn ich das Meer nicht sehen kann.«
Wir begannen mit dem Abstieg und folgten einem Pfad zwischen hohen Laubbäumen. Auch hier duftete es nach Honig. Zwischendurch legten wir uns zum Ausruhen auf den Boden. Ich zog die Lupe hervor, während Vater rauchte, und fand eine Ameise, die auf ein Stöckchen kletterte; aber sie hielt einfach nicht still, und es war unmöglich, sie zu untersuchen. Ich schüttelte sie ab und untersuchte statt dessen das Stöckchen. Es sah schön aus, so vergrößert, aber viel klüger wurde ich von dem Anblick nicht.
Plötzlich hörten wir ein Rascheln im Laub. Vater fuhr hoch, als fürchtete er, hier oben könnten gefährliche Banditen ihr Unwesen treiben. Aber es war nur ein unschuldiges Reh. Das Tier blieb einige Sekunden lang stehen und blickte uns in die Augen, dann sprang es zurück in den Wald. Ich blickte zu Vater hinüber und begriff, daß er und das Reh sich genau gleich schlimm gefürchtet hatten. Von da an habe ich mir Vater immer als Reh vorgestellt, aber ich habe mich nie getraut, das laut zu sagen.
Obwohl Vater schon zum Frühstück ein Viertel getrunken hatte, war er an diesem Vormittag ziemlich gut in Form. Wir liefen den Berg hinunter und blieben erst stehen, als wir eine ganze Batterie von weißen Steinen entdeckten, die wie in Reih und Glied zwischen den Bäumen lagen. Es waren sicher mehrere hundert, alle glatt und rund und keiner größer als ein Stück Würfelzucker.
Vater blieb stehen und kratzte sich am Kopf.
»Meinst du, die wachsen hier?« fragte ich.
Er schüttelte den Kopf und sagte: »Ich rieche rieche Menschenfleisch, Hans-Thomas.«
»Aber ist es nicht ein bißchen seltsam, so weit weg von aller Welt den Waldboden zu schmücken?«
Er antwortete nicht sofort, aber mir war klar, daß er mir da zustimmte.
Wenn mein Vater etwas nicht leiden konnte, dann das, für etwas keine Erklärung zu bekommen. In solchen Situationen erinnerte er mich ein bißchen an Sherlock Holmes. Schließlich sagte er: »Das Ganze erinnert an einen Friedhof. Jedes einzelne Steinchen hat seinen ihm zugewiesenen Platz von einigen wenigen Quadratzentimetern...«
Ich erwartete schon, daß er sagen würde, die Dörflinge hätten hier winzig kleine Legomenschen begraben, aber das wäre sogar für ihn eine zu wilde Vermutung gewesen.
»Wahrscheinlich haben ein paar Kinder Marienkäfer verbuddelt«, sagte er, und es war ganz offensichtlich, daß er verzweifelt nach einer besseren Erklärung suchte.
»Kann schon sein«, sagte ich. Ich betrachtete gerade einen der Steine durch die Lupe. »Die Marienkäfer selbst haben die weißen Steine jedenfalls kaum hier ausgelegt.«
Vater lachte übertrieben. Er legte mir einen Arm um die Schulter, und wir setzten, etwas langsamer als vorher, den Abstieg fort.
Bald kamen wir an einem kleinen Holzhaus vorbei.
»Meinst du, hier wohnt jemand?« fragte ich.
»Natürlich!« antwortete Vater.
»Wieso bist du dir da so sicher?«
Er zeigte nur auf den Schornstein. Ich sah, daß dünner Rauch herausquoll.
Gleich unterhalb des Hauses tranken wir Wasser aus einem Rohr, das aus der Böschung eines kleinen Bachs hervorlugte. Mein Vater bezeichnete es als Brunnen.
... was ich in Händen hielt, war ein Büchlein...
Als wir wieder in Dorf ankamen, war schon später Nachmittag. »Und jetzt dringend was zu essen«, sagte Vater.
Das große Restaurant hatte geöffnet, deshalb mußten wir nicht in den kleinen Speisesaal. Ein paar Dörflinge saßen um einen der Tische und tranken Bier aus Krügen. Wir aßen Würstchen und Schweizer Sauerkraut. Als Nachtisch gab es eine Art Apfelkuchen mit Alpensahne.
Nach dem Essen wollte Vater noch »den Alpenbranntwein testen«, wie er sagte. Ich fand das so öde, daß ich mit einer Flasche Himbeerlimonade auf unser Zimmer ging. Dort las ich zum letzten Mal dieselben norwegischen Micky-Maus-Hefte, die ich schon mindestens zehn- oder zwanzigmal durchhatte. Dann legte ich Patiencen. Ich legte zweimal eine »Harfe«, blieb aber beide Male gleich nach dem Kartenauslegen stecken. Danach ging ich wieder ins Restaurant hinunter.
Ich wollte wenigstens versuchen, Vater aufs Zimmer zu holen, ehe er zu blau wäre, um mir Geschichten von den sieben Weltmeeren zu erzählen. Aber er hatte den Alpenbranntwein einwandfrei noch nicht genug getestet. Außerdem unterhielt er sich jetzt auf deutsch mit den Dörflingen.
»Mach doch einen Spaziergang und sieh dich im Ort um«, sagte er.
Ich fand es feige, daß er nicht mitkommen wollte. Aber heute – heute bin ich froh darüber, daß ich getan habe, was er mir sagte. Ich glaube, ich bin unter einem glücklicheren Stern geboren als mein Vater.
Ich brauchte genau fünf Minuten, um mich »im Ort umzusehen«, so klein war er. Im Grunde bestand Dorf aus einer einzigen Straße, der Waldemarstraße. Besonders phantasievoll waren die Dörflinge nicht.
Ich war immer noch sauer auf Vater, weil er mit denen zusammensaß und Alpenbranntwein trank. »Alpenbranntwein!« – Das klang irgendwie ein bißchen hübscher und harmloser als »Schnaps«. Vater hatte einmal gesagt, er könne aus Gesundheitsgründen nicht mit dem Trinken aufhören. Ich hatte mir diesen Satz oft wiederholen müssen, ehe ich ihn verstand. Normalerweise sagen die Leute das Gegenteil, aber mein Vater konnte schließlich eine seltene Ausnahme sein. Er war nicht umsonst ein Deutschenkind.
Alle Läden in der Waldemarstraße hatten geschlossen; trotzdem hielt ein roter Lieferwagen vor einem Lebensmittelgeschäft, um Waren auszuladen. Ein kleines Mädchen warf einen Ball gegen eine Mauer, ein alter Mann saß auf einer Bank unter einem hohen Baum und rauchte eine Stummelpfeife. Aber das war auch alles! Obwohl es hier Häuser wie aus dem Märchen gab, fand ich das kleine Alpendorf stinklangweilig. Und schon gar nicht verstand ich, was ich hier mit einer Lupe sollte.
Das einzige, was meine Stimmung hob, war die Tatsache, daß wir am nächsten Morgen weiterfahren würden. Irgendwann nachmittags oder abends würden wir Italien erreichen. Von dort aus würden wir durch Jugoslawien nach Griechenland fahren – und dort würden wir vielleicht Mama finden. Bei dem Gedanken kitzelte es mich im Bauch.
Ich überquerte vor einer kleinen Bäckerei die Straße. Das Schaufenster war das einzige, das ich mir noch nicht angesehen hatte. Neben einer Schale mit alten Plätzchen stand ein Glas mit einem einsamen Goldfisch. Oben am Rand des Glases fehlte eine Ecke. Die Kerbe war ungefähr so groß wie die Lupe, die mir der geheimnisvolle Zwerg von der Tankstelle gegeben hatte. Ich zog das Etui aus der Tasche, nahm sie heraus und betrachtete sie. Sie war nur ein bißchen kleiner als das Stück, das am Goldfischglas fehlte.
Ein winzig kleiner orangefarbener Goldfisch schwamm im Glas herum. Wahrscheinlich lebte er von Kuchenkrümeln. Ich überlegte mir, daß vielleicht das Reh versucht hatte, den Fisch zu verspeisen, und dann statt dessen ins Glas gebissen hatte.
Plötzlich fielen die Abendsonnenstrahlen auf das kleine Fenster und ließen das Glas aufleuchten. Nun sah ich, daß der Fisch nicht nur orangefarben war. Er war auch rot und gelb und grün. Wasser und Glas übernahmen jetzt die Farben des Fisches, den ganzen Malkasten auf einmal. Und je länger ich Fisch und Glas und Wasser anstarrte, desto mehr vergaß ich, wo ich war. Für einige Sekunden glaubte ich sogar, ich sei der Fisch im Glas und der Fisch stehe draußen und glotze.
Während ich den Fisch im Glas anstarrte, entdeckte ich plötzlich, daß hinter der Theke in der Bäckerei ein alter weißhaariger Mann stand. Er sah mich an und winkte, daß ich hereinkommen solle.
Ich fand es ein bißchen seltsam, daß die Bäckerei abends geöffnet hatte, und warf erst einen Blick zurück zum »Schönen Waldemar«, ob mein Vater vielleicht gerade eben genug Alpenbranntwein getrunken hatte, aber als ich ihn nicht sah, öffnete ich die Tür und betrat den Bäckerladen.
»Grüß Gott«, sagte ich feierlich. Das war alles, was ich auf deutsch gelernt hatte.
Ich sah sofort, daß der Bäcker ein lieber Mann war.
»Norsk!« sagte ich und schlug mir auf die Brust, um ihm klarzumachen, daß ich seine Sprache nicht verstand.
Der alte Mann beugte sich über den breiten Marmortresen und starrte mir in die Augen.
»Wirklich?« fragte er auf norwegisch. »Ich habe auch in Norwegen gewohnt. Vor viel, viel Jahren. Jetzt habe ich fast alles Norwegisch vergessen.«
Er drehte sich um und öffnete einen alten Kühlschrank. Gleich darauf brachte er eine Flasche Limonade, öffnete sie und stellte sie auf den Tisch.
»Du magst Brus«, sagte er. »Nicht wahr? Bitte sehr, mein junger Freund. Sehr gute Brus!«
Ich hob die Flasche an den Mund und trank ein paar Schlucke. Es schmeckte noch besser als die Limo, die ich im »Schönen Waldemar« getrunken hatte. Ich glaube, es war Birnenlimonade.
Der alte weißhaarige Mann beugte sich wieder über den Marmortresen und flüsterte: »Gut geschmeckt?«
»Wunderbar«, sagte ich.
»Jawohl«, flüsterte er weiter. »Das ist wirklich sehr gute Brus. Und es gibt noch eine andere Brus in Dorf. Noch besser. Aber die wird nicht im Laden verkauft. Verstehst du?«
Ich nickte. Sein Geflüster war so seltsam, daß ich es fast mit der Angst bekam. Aber dann blickte ich in seine blauen Augen, und die waren nur lieb.
»Ich komme aus Arendal«, erzählte ich. »Mein Vater und ich wollen nach Griechenland, um Mama zu suchen. Sie hat sich leider in der Welt der Mode verirrt.«
Jetzt musterte er mich scharf.
»Sagst du Arendal, mein Freund? Und sich verirrt? Da ist sie wohl nicht die einzige. Auch ich habe mehrere Jahr in der grimmen Stadt gewohnt. Aber sie haben mich da wohl vergessen.«
Ich sah zu ihm hoch. Ob er wirklich in Grimstad gewohnt hatte? Das ist unsere Nachbarstadt. Mein Vater und ich fuhren im Sommer oft mit dem Boot hin.
»Das ist nicht... so weit von Arendal«, stotterte ich.
»Nein, nein. Und ich habe gewußt, daß ein junger Knabe eines Tages kommt nach Dorf. Den Schatz zu holen, mein Freund. Jetzt gehört er nicht mehr nur mir.«