Impressum
1. Auflage Oktober 2012
©opyright 2012 by Autor
Umschlaggestaltung: [D] Ligo design + development
Titelbild:© Maria Eleftheria, philipk76, photo 5000 | www.fotolia.de
© Zoonar/H Landshoeft
Lektorat: Christoph Straßer
EBook-Umsetzung: Fred Uhde (www.buch-satz-illustration.de)
ISBN: 978-3-942920-65-0
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Dirk Bernemann
Asoziales Wohnen
»… there’s no escape from my neighbourhood, except for ich zünd sie an
there’s no escape from my neighbourhood, except for Selbstmord …«
Love A
Asoziales Wohnen
Was ist eigentlich Wohnen? Sein. Bleiben. Gewohnt sein. Zufrieden sein. Das Dach über den Köpfen, die Wände um die Körper und unsichtbar fließt Strom durch die Mauern. Und wenn du Licht machst im Treppenhaus, geht es irgendwann auch wieder aus. An den Wänden hängen Blumenbilder. Blumen in Körben. Blumen auf Mädchenarmen, Blumen in Körben auf Mädchenarmen, Blumen neben Blumen. Überall Abbildungen von Blumen in blumenfeindlicher Umgebung. Die hängen da schon seit Jahren. Niemand beachtet sie wirklich, aber sie sind da. Echte Blumen siehst du hier nicht.
Früge man sorgenfreie Denkphobiker, was ihnen Wohnen bedeutet, dann sagten sie wohl: »Wohnen bedeutet mehr als nur einen Platz zum Schlafen und Essen zu haben. Wohnen bedeutet ungestörte Selbstverwirklichung in allen Lebensbereichen. Wohnen bedeutet auch, die Möglichkeiten zu sozialer Interaktion zu haben und diese selbstbestimmt gestalten zu können. Und schließlich bedeutet Wohnen, die eigene unmittelbare Umgebung so gestalten zu können, wie es meiner Persönlichkeit entspricht, also, etwas Eigenes zu haben.« Sie sollen die Fresse halten. Bitte.
An einer Wand im Treppenhaus hat es so Glasbausteine. Die hat man dahingemacht, damit vielleicht ein bisschen Licht durchscheint. Doch das meiste Licht, das in diese Gegend kommt, hat Besseres vor, als durch diese Milchglassteine Helligkeit ins Treppenhaus zu gießen. Und wenn man von innen durchguckt, sieht die Welt immer wie im Nebel stehend aus und man selbst könnte sich für besoffen halten. Das Licht bleibt zumeist angeödet draußen.
Hinter jeder Tür eine eigene Vorstellung von Leben. Mitten in deutscher Mittelmäßigkeit, denn die Gegend hier ist eher so mittelgut, nicht wirklich asozial, aber auch nicht einbruchswürdig. Parkbuchten, Fahrradständer, Kinderspielplätze. Alles da. Aber eben auch nicht mehr. Wer mehr will, wohnt woanders.
Hier wohnst du zur Miete, weil es nicht reicht für was Eigenes oder weil es nur ein Übergang ist, oder weil du es nicht besser weißt. Und die anderen, die hier auch noch wohnen, interessieren dich nicht. Sie sind die anderen Leben, die Statisten hinter den Türen. Ganz selten siehst du hier einen, meistens hörst du nur ihre Geräusche, ihr Musikhören, ihr Fußtrappeln, ihr Treppensteigen und ganz selten ihre Kopulationsgeräusche.
Die meisten Treppenstufen quietschen der Plastikoberfläche wegen. Spitze Schreie. Wie die Laute zertretener Kleintiere. Kleine, leise Laute, wenn jemand auf- oder absteigt. Einmal in der Woche kommt der Hausmeister und wischt feucht durch. Er könnte auch was anderes machen, aber er hat sich an dieses Haus gewöhnt. Der Hausmeister wohnt aber woanders, denn es braucht für ihn eine strikte Unterteilung zwischen Arbeits- und Wohnplatz. So sieht das der Hausmeister. So und nicht anders.
»So und nicht anders«, ist generell eine seiner Lieblingsfloskeln, wenn er durch das Treppenhaus läuft, auf dem Weg zu Reparaturen oder im Keller, wenn er an Dingen schraubt, die er irgendwo wieder in die Grundstruktur dieses Hauses einzupflechten gedenkt. So und nicht anders, das ist konkret, das rettet ihn, den Hausmeister. So und nicht anders, das ist so ein Zaubersatz, einer der einen vor zu viel Unfug von außen rettet. Wenn man etwas tut und dann So und nicht anders sagt, ist erst mal ein Statement in die Atmosphäre gesprochen, dass es zu widerlegen gilt. Ein altes Handwerkerargument, welches weder Anzweiflung noch Widerspruch duldet. So und nicht anders kommt der Hausmeister durch die Tage.
Und er kennt jede Wohnung von innen. Die Häkeldecke auf dem Fernseher. Die gestrickte Abdeckung für die Toilettenpapierrolle. Die unbewohnte Puppenstube, von der das Holz abblättert. Der hypermoderne Kaffeevollautomat, der klassische Aromen verspricht und Recht behält. Parkettfußboden in der Einbauküche. Der Schreibtisch neben dem Bücherregal. Irgendein Ding, das Designer Chaiselonge genannt haben. Die seit Jahren ungereinigte Mikrowelle. Die tropfende Heizung. Das zerwühlte Doppelbett. Der autistisch hindrappierte Kleinfigurenkram zwischen den Fensterbankblumen. Die CD- und Buchstapel, meterhoch, an der Wand. Er hat sie alle gesehen. Bloß kennen tut er niemanden.
Das Haus. Da steht es also rum. Breit und grau und raumfordernd. Drumherum ein bißchen grün und andere Naturfarben. Ein Weg aus Pflastersteinen führt zu seiner Tür. Acht Klingelschilder. Namen, die niemandem etwas sagen, außer: Hier leben Menschen. Innerhalb des Betons wird Blut durch Adern geschossen und Gehirne versuchen, dieses Leben zu verstehen. Und das Leben, die miese Sau, ist manchmal so drauf, dass es jedes Verständnis, welches von außen heranmöchte, erst mal verweigert.
Dieses Haus steht neben seinen ganzen Geschwistern, die ihm alle irgendwie ähnlich sehen. Auch alle breit und grau und raumfordernd. Die einzige Überlegung des Architekten schien sich darum zu drehen, möglichst viele Menschen möglichst platzsparend zu stapeln. Wir stapeln Fleisch in Beton, hat er vielleicht zu irgendwem gesagt, der Architekt, seine Brille zurecht gerückt und sich etabliert gefühlt. Sein Gegenüber hat kurz den Kopf geschüttelt, wie man halt so einen Kopf schüttelt, wenn man denkt, das gerade etwas Unflätiges gesagt wurde, man aber eigentlich genau dieser Meinung ist.
Und ihre Türen spucken die Leute jeden Tag ins Freie, wo sie in ihren unfreien Leben Dinge tun, die ihnen wie Freiheit vorkommen. Sie fahren zu ihren Jobs, führen ihre Beziehungen, lieben ihre Haustiere, Kinder und Mountainbikes, informieren sich im Fernsehen über das Weltgeschehen, essen Konservierungsstoffe, schmücken ihre Wände mit Kunst, altern zärtlich vor sich hin, werden krank und verbittert, finden aus emotionalen Tiefen wieder eine Leiter nach oben und halten das Leben für eine Melange zwischen schon ok und wie geil ist das denn?
Irgendwann hat sich mal einer über diese Gegend gedacht, dass hier sehr viele Arbeiter zu wohnen haben, weil hier sehr viel Arbeit zu tun ist, weil Deutschland so kaputt ist und die Arbeit der Leute es ein wenig schöner machen soll. Dann hat man Häuser wie dieses hier in Auftrag gegeben, hat ein paar Stockwerke übereinander getürmt, Kabel verlegt, Fußböden und Decken reingemacht, Elektroanschlüsse verlegt, um Wohnen und Überleben für Leute auf niedrigem Niveau zu gewährleisten.
Man weiß doch, dass im Haus des Lebens das Glück manchmal nur in einer Abstellkammer lebt. Da tummelt es sich neben dem Kehrblech und dem Staubsauger, wäre theoretisch jederzeit zugänglich wie eine billige Hure in der Nähe des Hauptbahnhofs, doch das Glück wird manchmal vergessen. So wie man vergisst, dass man atmet, obwohl man atmet. So vergisst man auch das Glück, obwohl man es jederzeit herausholen könnte, um damit sein Leben aufzuwerten. Also wohnen alle weiter und in jeder Ecke gibt es Möglichkeiten. Aber anstatt das Glück aus der Abstellkammer zu holen, holt man viel zu oft den Staubsauger raus und saugt sich die Ecken frei, in der Hoffnung auf ein keimfreies Weiterleben …
Montag, Erdgeschoss links
Diese Wohnung hat die Farbe ihrer Bewohner angenommen. Irgendwie wirkt alles grau mit vereinzelten Farbaspekten in Pastell, milde Leben sollen hier zu Ende gehen. Auf 65 Quadratmetern hat es ein graues Schlafzimmer, ein graues Wohnzimmer, ein weiß gekacheltes Bad und eine Küche. Die Menschen, die hier wohnen, sind langsam und müde. Die Wohnung ist gerade groß genug, um auch mal aneinander vorbei schleichen zu können. Es muss sich ja nicht täglich begegnet werden, obwohl man miteinander wohnt …
Den Rasen könnte auch mal wieder einer mähen, denkt die Frau und guckt aus dem Fenster. Der Mann sitzt auf dem Sofa und macht irgendwas. Wahrscheinlich Zeitung lesen oder sterben. Warum denn nicht sterben? So denkt die Frau. Ein Sommertag kriecht durch die Fensterritzen hinein zu der Frau und ihrem Mann in das, was sie die gute Stube nennen, und wenn man schon so viele Sommer gesehen hat wie die beiden, dann ist die Jahreszahl eigentlich schon fast egal. Aber Sommer ist, und im Sommer riechen alte Leute so sehr nach alten Leuten, dass es ihnen selbst schon auffällt. Die Frau weiß aber, dass man diesen Geruch nicht wegwaschen kann, der wird bleiben, der Geruch, so lange, bis man selbst geht.
Der Mann hustet. Immer wenn er auf diese Weise hustet, weiß die Frau, wird er nasse Flecken auf dem Sofa hinterlassen, die nach Pisse stinken. Wenn der Mann hustet, pisst er auch. Ihm scheint das mittlerweile tatsächlich egal zu sein, aber die Frau weiß das auch nicht so genau. Sie redet nicht mit ihm über seine Ausscheidungen. Welche Eheleute mögen schon gern über ihre Ausscheidungen reden? Die, die sowas tun, meint die Frau, mit denen stimmt doch was nicht. Die Frau und der Mann haben noch nie über ihre Ausscheidungen gesprochen, nicht einmal, als sie noch jung waren.
Mittlerweile denkt die Frau, dass 87 ein gutes Alter sei, um zu sterben. Zumindest für sie. Das Leben ist mittlerweile so angefüllt mit Großartig- und Kleinigkeiten, das Fotoalbum der Erinnerungskapazität ist quasi voll, und zwar so voll, dass man sich fragt, was jetzt noch wohl kommen kann. Was soll denn jetzt noch passieren, an das man sich später gern erinnert, fragt sie sich. Die Frau schaut wieder in den Garten. Der Rasen, der in unendlicher Saftigkeit grünt, der kann genau das jedes Jahr tun. Die Frau und der Mann aber verwelken täglich etwas mehr. Innen und außen. Das tägliche Aufstehen ist nur noch Gewohnheit. Die Frau steht auf, weil sie durstig ist oder aber weil der Harn drängelt. Wegen dem Mann, der täglich neben ihr wach wird, steht sie nicht mehr auf, da denkt sie, sie hat ihm schon alles gegeben, was ihr möglich war zu geben. Jugend, Sex, Liebe, Schweinebraten und Kartoffeln. Die Summe der guten Augenblicke auf ein Seil gereiht, würde diesem mit Sicherheit die Länge geben, sich damit aufhängen zu können. Die Frau denkt kurz an Selbstmord und muss dann schmunzeln. Wenn man eh schon mit mehr Körperteilen als es einem lieb ist im Grab liegt, wäre Suizid an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Der Tod kann ruhig kommen, aber die Tür aufhalten will sie ihm trotzdem nicht.
Der Mann fragt sich, was seine Frau da wieder am Fenster tut. Leicht gebückt, unter den Ellenbogen und Unterarmen ein weiches Kissen platziert. Den Blick scheinbar konzentriert auf Dinge gerichtet. Vielleicht, so meint der Mann, sieht sie Sachen oder Leute, die nicht da sind. Apokalyptische Reiter oder dergleichen Obskures, die schon seit Stunden um ihr Haus herumpferden, große Streitwaffen schwenkend und »hurrga, hurrga, hurrga« brüllend. Die Frau steht seit mindestens zwei Stunden reglos da und starrt in die Leere der Weite. Obwohl, da ist ja überhaupt keine Weite, sondern nur ein kleines, begrenztes und umzäuntes Stück Garten. Der Mann denkt ans Sterben, jetzt in diesem Augenblick und fragt sich, wer von ihnen denn als Erstes aus dem Leben gerissen werden wird. Der Herrgott wird’s schon richten, denkt da der Mann und verlässt sich auf Schicksalhaftes, derweil er seiner Frau beim Starren zusieht und sie entweder für von der Welt entrückt oder für bereits gestorben hält. Lange kann das alles nicht mehr wirklich dauern, meint der Mann und lässt einen Blick über seine Hände gleiten. Die Haut darauf ist so runzlig hart, dehydriert und faltendurchsetzt wie Trockenpflaumen und riechen auch fast so. Die Fingernägel sind zu lang und brüchig und unter ihnen kleben Stuhlgangreste. Der Mann lässt die Hände wieder in seinen Schoß sinken. Zu sinnlos und auch ein bisschen zu traurig findet er die Betrachtung der eigenen Hände. Er hustet. Kurz darauf wird es ein wenig wärmer an seinem Unterleib und er denkt sich: Wenn Husten dazu imstande ist, huste ich schnell nochmal. Hust.
Der Blick der Frau verliert sich in vom leichten Wind tanzend gemachten Grashalmen. Was war das doch toll damals, da draußen, als junges Mädchen, in einem schönen, spannenden Körper, den man mit schönen Dingen, wie figurbetonten Kleidern aufbereitet hat und sich jedes Jahr auf den Sommer gefreut hat. Und der Sommer, das gute Kind, hat sich jedes Jahr so verhalten, als ob er sich auch auf einen freue. Hat die Sonne angemacht und den Frohsinn freigeschaltet. Häufig auch die Naivität, aber wer braucht schon schwere Gedanken, wenn Sommer ist. In einem solchen Sommer lernte sie auch diesen Mann kennen. Heutzutage löst der Sommer nur Atemwegsbeschwerden und faulen Körpergeruch aus und er hasst uns, der Sommer, weiß die Frau und sucht sich einen besonders ausgelassen tanzenden langen Grashalm aus, den sie Barbara nennt. Barbara hieß ihre Schwester und die war nur ein Jahr älter als sie und ist letztes Jahr einfach so in ihrer Küche umgefallen, um anschließend tot zu sein. Die Kartoffeln waren noch auf dem Herd und als Barbaras Mann Klaus nach Hause kam, fand er ein paar sehr heiße Kartoffeln ohne Wasser und eine tote Frau in einer dampfverhangenen Küche vor. Sie will jetzt eine Hand auf ihr Herz legen, weil das doch jetzt wieder so arg pocht wegen ihrer Schwester Barbara und wegen der Angst, auch bald einfach so vor dem Herd zu liegen, aber ihr Herz ist nicht erreichbar. Es liegt irgendwo verborgen unter dieser Fleischfläche, welche mal eine männerherzenflambierende Frauenbrust gewesen ist und jetzt an ihrem Leib herabhängt wie ein flachgeklopftes Schweineschnitzel. Die Erdanziehungskraft hat auf Dauer den Kampf gegen das Bindegewebe gewonnen und zieht an der derangierten Brust der Frau, als wolle sie die ganze Person auf die Erde reißen. Zwischen Lappenbrust und Brustkorb wuchert Hautpilz, einer von der Sorte, die entsteht, wenn man regelmäßig schwitzt, aber die Stelle, wo man schwitzt, nicht regelmäßig reinigt. Rot, schuppig, juckend, so verhält sich der Hautpilz. Die Frau hat versucht, sich täglich einen eingeseiften Waschlappen unter den abgeschlafften Brustrest zu reiben, aber dies mit Beständigkeit zu tun, ist ihr einfach zu anstrengend. Und wer interessiert sich schon noch für ihre Brüste und ob da nun Hautpilz ist oder nicht?
Der Mann bestimmt nicht. Der hat mit sich selbst zu tun und jetzt gerade überlegt er sich, ob es jetzt noch lohnt, den Kotdrang, den er verspürt, einfach aufzuhalten und den kommenden Verdauungsmorast auf dem Klo zu entsorgen, oder ob er es einfach laufen lässt, um seiner Frau weiterhin beim Hinausstarren zusehen zu können. Er entscheidet sich für Zweiteres, denn zur Toilette sind es viele Schritte zu gehen und er macht dabei vielleicht seine Frau nervös, die immer noch nach draußen schaut, als sähe sie dort Dinge, die sonst niemand sieht. Und dann merkt der Mann, wie sich leicht brennender Flüssigstuhl durch seinen entzündeten Enddarm quält, zu stinken beginnt und dann Juckreiz verursacht. Er fühlt sich augenblicklich etwas besser. So ein Körper scheidet doch nur die Sachen aus, die zum Leben nicht mehr benötigt werden, weiß er und reibt seinen wunden Arsch auf dem Sofa hin und her, was dem Juckreiz etwas Einhalt gebietet. Als der Kotgestank an ihm hochkrabbelt, hält er kurz die Luft an. Sein Schließmuskel hält nicht mehr, ist ausgeleiert, und er merkt, wie schnell der Flüssigstuhl sich verhärtet und kleine Klümpchen bildet, die man am Abend wie reife Brombeeren aus seinem Arsch pflücken können wird. Ist aber keiner da, der erntet, und so welken die Früchte vor sich hin. Er bemerkt weiterhin, wie er mit dem Sofa verschmilzt, wie sein Unterleib und die Oberfläche des Sitzmöbels zu einem Ding verklumpen. Ein Ding, das stinkt und stabil im Wohnzimmer steht. Genauso, wie er mit dem Sofa zu einem Teil zu werden scheint, wird seine Frau mit der Fensterbank eins, auf der sie lehnt. Er meint zu erkennen, wie der unbeweglichen Statue, die wie seine Frau aussieht, kleine Wurzeln aus den Unterarmen sprießen und einfach durch das Kissen wachsen, das sie dahin gelegt hat, und sich in der darunter liegenden Fensterbank verankern. Aber das ist nicht so, weiß er, da wächst nichts aus der Frau raus, da ist nur das warme, weiche, alte Frauenunterarmfleisch, das nichts unternimmt, außer langsam aber sicher wie ein halbaufgegessener Apfel vor sich hinzuschimmeln.
Die Frau denkt Diverses, aber kein Gedanke hat die Wichtigkeit, dass er länger als eine Sekunde bei ihr bleiben soll. Sie weiß, dass da hinter ihr der Mann sitzt, sie riecht ihn bereits stärker als zuvor und fragt sich, was das ist, was sie für ihn empfindet. Es fühlt sich an wie eine Mischung aus Abscheu, Zeitverschwendung und Gewohnheit, und die Frau nennt es Liebe. So nannte sie es immer schon, weil sie kein anderes Wort dafür kennt, wenn irgendwer eine Ehe miteinander gestaltet. Die Frau ist jemand, die Liebe für ein Gesetz hält. Auch wenn der Geliebte zu gammeln, zu stinken und zu einem unfreundlichen, unkommunikativen Scheißding zu mutieren beginnt, so hat man ihn trotzdem zu lieben. Das sind die Regeln der Tradition. Auch wenn der Ehepartner das Tristeste geworden ist, was man sich vorstellen kann und man beim Blick in sein Gesicht an ein gottverlassenes ostdeutsches Dorf an der polnischen Grenze denken muss, selbst dann hat man ihn weiter zu lieben. Auch wenn er in Scheiße und Stumpfsinn versumpft wie ihr Mann.
Dieser schaut immer noch die Frau von hinten an und fragt sich, was wohl in dieser Frau vorgeht. Was sie denkt oder fühlt und was sie wohl für ihn empfindet, wie er hier so stinkend und mit abgelaufenem Verfallsdatum auf dem Sofa herumvegetiert. Das Alter hat beide versklavt und nun hängen sie hier am letzten Zeitabschnitt des Lebens und akzeptieren alles, was kommt. Viel kann das nicht mehr sein.
Der Mann hat mitterweile ständig das Gefühl, als würde er gleich einschlafen, schon morgens ist da diese Müdigkeit, dieses ausgehöhlte Gefühl, dass da immer diese geistige Dämmerung herumlungert gegen die man nicht mehr anleben kann. Aber er hat Angst einfach einzuschlafen, weil er nicht weiß, ob er dann noch das Glück haben wird, wieder aufzuwachen. Aber was ist schon Glück, denkt er, außer eine erpressbare Hure. Er lässt es drauf ankommen und sich vom Schlaf überrennen.
Als die Frau ihre grüne Schwester Barbara vom Wind verzückt tanzen sieht, weiß sie, dass vielleicht in diesem Leben der Rasen nicht mehr gemäht werden soll. Alles einfach wachsen lassen, denkt sie, alles einfach kommen lassen, was da noch kommen will, nichts mehr beeinflussen. Sich verhalten wie ein blöder Ball, der von einem noch blöderen Kind einen noch viel, viel blöderen Berg hinabgerollt wird, und man rollt und rollt und rollt und rollt und irgendwann ist da diese Wand oder einfach, wie im Falle dieser Frau und dieses Mannes, einfach nicht mehr genug Schwung. Der Ball bleibt einfach liegen. Der Mann hat leise angefangen zu schnarchen und die Frau sieht sich ganz kurz zu ihm um. Solange wir noch Atem haben, brauchen wir keine Angst zu haben, sagt sich die Frau, aber sie weiß genau, dass da eine Menge Angst ist. Die Angst vor dem letzten aller Wege.
Montag, Erdgeschoss rechts
Hier hat es eine Wohnküche, die mit 70er-Jahre-Möbelbestand vollgestellt ist. Einen Esstisch und vier Stühle. Zwei bleiben immer leer. Auf 69 Quadratmetern hat es zwei Schlafzimmer, eines für das Elternteil und eines für das Kind, eben jene Wohnküche und noch ein Wohnzimmer, ebenfalls mit alten Möbeln vollgestellt, weil hier einfach nicht mehr geht. Niemand hier hat die Absicht eine Mauer einzureißen zwischen den Absichten der hier lebenden Menschen. Das Leben ist hier manchmal schön und manchmal fickt es einen buchstäblich ins Knie.
Aus dem Bett geschält. Erst mal ohne Zähneputzen. Er hört seine Mutter in der Küche Dinge arrangieren. Er hasst seine Mutter in der Küche Dinge arrangieren. Er geht sofort zum Computer, darin gibt es keine Mutter, darin ist die Welt eine schwer okaye Welt. Aber nur weil er da nicht er ist, sondern ein anderer. Was gut ist, denn er zu sein ist für ihn nicht immer das Schönste auf der Welt. Er zu sein ist für ihn manchmal zu schwer. Weil man, wenn man man selbst ist, was ja eigentlich alle sind, und man eigentlich ein paar Pfund Hass zuviel für sich selbst im Körper trägt, dann ist das ein Problem, weiß er. Aber im Computer ist die Welt eine okayere.
Chips. Cola. Computer. Sören wird nervös, weil ihm das Internet zu langsam ist. So ein langsames Internet kann einen wahnsinnig machen. Ah, da ist sie ja, Marie. Die gute Marie. Klick, klick, alle Fotos nochmal angeschaut. Klick, klick, ihr Beziehungsstatus ist immer noch Single. Klick, klick, aber wer ist dieser Typ, der ihr das Herz auf die Pinnwand gepostet hat, und daneben steht das Wort morgen und Marie hat darauf ebenfalls mit einem geposteten Herz reagiert. Sören wird nervös. Seine Handflächen schwitzen, er nimmt eine Faust voller Chips, steckt sie sich in den Mund, gießt ein halbes Glas Cola hinterher und fühlt sein Herz rebellieren. Dann beginnt er zu tippen und seine fetten Finger sind plötzlich 10 Balletttänzer, die eine Ode an die Liebe tanzen.
Hallo Marie,
war gestern nicht mehr on. Hab mich mit Leuten getroffen, bisschen was gekifft und schöne Beats und Raps produziert. Bald Albumrelease. Wird super. Hier eine neue Zeile, von diesem Hatersong, wo ich dir von erzählt hab …
Ich stopf dich voll mit Reimen
bis dein Rektum sich erweitert
und du fängst an zu weinen
denn du bist an mir gescheitert
ich hab riesen Reisetaschen
voller guter flows und skills
und du nur Tüten voller Pfandflaschen
und Füße voller Pilz
du bist voll von meinen Reimen
die dir dann aus den Ohren tropfen
und du hängst dann an meiner Wand
wie ein Tier nach dem Ausstopfen
Du bist nur ein Haufen Scheiße
und ich trete in dich rein
weil ich MC S heiße
heißt es Kopf meets Pflasterstein
Der Text geht noch viel weiter und wird viel gehässiger. Hab ich gegen son Typen geschrieben, der mir mal die Frau ausgespannt hat. Wixer, der. Vollspast. Opfer. Aber ich bin drüber weg, weil ich meinen Schmerz in diesem Text geteilt habe. Das ist der friedliche Weg.
Hab auch einen Song über dich geschrieben. Ist bald fertig. Wirste lieben, wirste das. Wenn wir uns mal sehen, spiel ich ihn Dir vor, ok? Alles Liebe, S.
Und Sören denkt so: YEAH, bei jedem Wort Hass hat er den Typen im Visier, der Marie Herzen auf die Pinnwand postet. Sterben soll der. Schnellstmöglich, qualvoll und rückstandslos. Die Sau.
Abgeschickt, die Sache, die Gedanken, die Lügen. Sören gibt sich auf seinem Profil als jemand aus, der er nicht ist. Er tut, als sei er ein Rapper, der gerade dabei ist, eine Platte zu produzieren, so eine richtig gute Rap-Platte, wo Gesellschaftskritik, Emotionen aber auch etwas Gangstergepose vorkommen. Sören nennt sich MC S. Als MC S ist Sören ein schwaches Menschlein, dass aber einen Panzer fährt und genau deswegen unschlagbar gut ist. Der Panzer ist die falsche Identität. Auch ein falsches Profilbild, ein Gesicht, welches viel jünger ist als Sören eigentlich ist. Das hat er geklaut von einer Seite, auf der amerikanische Soldaten, die im Krieg gefallen sind, von ihren Angehörigen öffentlich betrauert wurden. Sören wollte MC S als Held. Einer, der den Willen im Blick hat, für die richtigen Dinge zu töten. Vaterland, Kameraden, Liebe, gibt ja genug, wofür Leute andere umbringen.
Ja, es ist so, dass Sören ein 38-jähriger Vollversager ist, der einem 13-jährigen Mädchen Avancen durch eine selbstausgedachte Durchstartefigur des deutschen Hip Hops macht. Die Realität ist für Sören manchmal zu bitter, um sich dauerhaft in ihr aufzuhalten. Solange war sein Leben geprägt von dieser Eigentümlichkeit, der Sohn seiner Mutter zu sein und für lernbehindert gehalten zu werden. Sein Leben ist in eine Form gepresst worden, die jegliche Überforderung von ihm abhalten soll und da war es nur eine Frage der Zeit, bis so ein zartes Gemüt wie das von Sören reißt, wie eine zu extrem gespannte Gitarrensaite.
Dann begegnete er eines Tages Marie in den unendlichen Weiten des Internet, und ihre Unschuldigkeit, ihre Optik, ihre wunderbare naive Mädchenhaftigkeit, die irgendwie auch eine Schutzbedürftigkeit darstellt, all das ließ Sören zu dem Entschluss kommen, diesem Mädchen nahe sein zu wollen. Er sah, dass sie deutschen Hip Hop mochte und erfand dann also MC S und eine geile Crew. Dann fragte er nach Maries Freundschaft und da das Internet sowas wie ein Billigsupermarkt der anonymen Sozialkontakte ist, ging Marie darauf ein. Dann schrieben sie einander hin und her und Sören wurde immer mehr MC S, schrieb Marie von seiner beginnenden Rapper-Karriere, und Marie wurde wohl ganz nervös deswegen und stellte viele Fragen, und Sören log wunderbare Geschichten über das Rapbusiness. Mit wem er alles so down ist beispielsweise und was er alles in Amerika gelernt habe und so. Marie jubilierte und überschüttete MC S mit ernstgemeintem Interesse an seiner Person. MC S hatte deswegen Glücksgefühle im ganzen Körper und als er dann an sich runter sah und doch nur der fette Sören war, blieben diese Gefühle trotzdem. Marie würde es schon verstehen, dachten MC S und Sören und gaben sich ein innerliches High Five, wenn sie mal wieder der Ansicht waren, Marie nachhaltig beeindruckt zu haben.
Sören war noch nie in Amerika und ist auch sonst mit niemandem außer mit sich selbst und seiner hysterischen Mutter down. Er ist nur manchmal außerhalb seines stilvoll vermüllten Zimmers, dessen Herzstück und Schaltzentrale sein Schreibtisch mit dem Computer drauf ist. Das ist die dünne Linie, die Sören mit der Außenwelt verbindet. Sören ist nur draußen, wenn er zu diesem Job muss, der Job mit den Kartons, die er zuzukleben hat. Sieben Stunden am Tag. Er macht diese Arbeit, weil alle meinen, er könne sonst nichts anderes.
Mit dem Klopfen durchbricht seine Mutter seine kleinen Gedanken und steht sofort in der Mitte des Zimmers. Brüllt ihm Anweisungen entgegen, sein Zimmer aufzuräumen, sich anzuziehen, den Computer auszumachen, sich zu waschen, nicht immer nur Scheiße zu fressen, das Leben mal ernst zu nehmen, die Kartons nicht warten zu lassen, sich mal zu benehmen, nicht so fett und hässlich zu sein, ein gottesfürchtiges und ehrenhaftes Leben zu haben. Das alles sagt sie in einem verpeilten Satz: »Guten Morgen, mein Schatz, na, gut geschlafen?«
Dass der Sören sich mit 38 Jahren von seiner Mutter noch Schatz nennen lassen muss, hat den Grund, dass alle denken, er sei lernbehindert, habe ein verlangsamtes Gehirn, könne nicht mitziehen in diesem großen kapitalistischen Vergleich da draußen, sondern er müsse quasi geschützt werden vor dieser Außenwelt. Daher geht der Sören auch in so eine Firma, wo Kartons zugeklebt werden, weil ihm niemand mehr zutraut. Das rührt daher, weil der Sören von seinem Vater, der vor 15 Jahren schon verstarb, immer so übel durchgelassen worden ist. Verschiedene Gegenstände probierte der Vater aus, um bei Sören die maximale Schmerzvielfalt freizusetzen. Das konnte er irgendwann ganz gut, der Vater, und professionalisierte sein Handeln. Ein ordentlicher Alkoholismus plus eine zuckerschöne Perspektivlosigkeit im Allgemeinen und ein Familienhass im Besonderen standen ihm dabei hilfreich zur Seite. Und immer wenn sich väterlicherseits auf Sörens Haut ausgetobt wurde, schaute die Mutter weg. Aus dem Fenster oder so. Auf jeden Fall nicht dahin, wo ihr Sohn sie brauchte. Sören hingegen blieb nichts anderes übrig, außer diese ganze Auf-die-Fresse-Dramatik zu schlucken. Und das tat er. Still und bedächtig. Sagte nichts dazu. Wurde nur immer weniger im Kopf, der Sören. Die schönen Gedanken, die man als Kind eigentlich so haben sollte, verschwanden nach und nach. Was blieb, war ein ausgeprägter Fluchtinstinkt und die pure Angst vor epochaler Gewalt plus eine unstillbare Sehnsucht nach Liebe und ehrlich gemeinter Zuneigung.
Sören und seine Mutter trinken Kaffee. Es ist kalt. Dann kommt der Bus, der ihn abholt. Sören geht. Zu den Kartons. Marie wird schon irgendwas Schönes zurückschreiben.
Montag, 1. Stock, links
Vater, Mutter, Einzelkind. Da reichen auch 3 Zimmer, plus Küche, plus Bad. 64 Quadratmeter und jede Menge Aufkeimendes und bereits Fertiges und sogar total fertiges Leben hier drin. Manchmal schwebt hier so eine Kasernenstimmung im Raum und manchmal sogar Schlachtfeldstimmung. Menschen gehen hier aufeinander zu um aufeinander loszugehen. Das passiert. Das bedeutet ja auch Familienleben. Das Kinderzimmer ist der kleinste Raum in der Wohnung, denn das Kind ist ja auch die kleinste Person. Kleine Personen in großen, prinzessinnengerechten Räumen aufzubewahren, daran ist hier niemand interessiert.
Lisa spricht nicht mehr. Nicht seit sie das da oben erlebt hat. Das mit dem Außerirdischen. Der hat ihr ja auch verboten zu reden, der Außerirdische. Ansonsten, so hat er es ihr klar und deutlich gesagt, sei sie dran. Womit sie dran sein soll, das hat sie sich nicht zu fragen getraut, aber laut Stimm- und Stimmungslage des außerirdischen Gesprächsteilnehmers sei das wohl nichts Gutes, was sie zu erwarten habe, wenn sie je wieder Worte spräche. Also spart sich Lisa ihre Worte.
Das mit dem Außerirdischen war aber auch echt seltsam. Der kam ja damals angeflogen und ist mit seinem kleinen Raumschiff hier mitten auf dem Dach gelandet, auf dem Lisa sich versteckt hatte. »Geh mir aus den Augen, Mistkind«, hatte die Mutter sie damals angebrüllt und nach ihr gelangt, und sie wusste, wenn die Mutter brüllt und nach ihr langt, ist es Zeit, ein bisschen das Weite zu suchen, und das Weite, so wusste Lisa, befindet sich auf dem Dach. Also ist sie die Treppen hochgestürmt, um das Weite zu suchen, und als sie auf dem Dach ankam, vorbei an der Wohnung, in der der Mann wohnt, der nie die Tür aufmacht und aus der es so derbe stinkt, hat sie schließlich oben auf dem Dach das Weite gefunden. Das Weite hat sie beruhigt, hat ihr erzählt, dass die Welt gar nicht so schlimm sei, wie sie ihr manchmal vorkommt. Schreiende und nach ihr langende Mütter wären ein sehr geringes Problem, meinte das Weite, denn das Leben als solches hätte noch mehr drauf als das. Das Weite hat auch gemeint, dass es hier oben eine gute Freiheit gäbe und sie solle mal runtersehen und schauen, ob ihr das gefalle. Ja, sagte Lisa damals zum Weiten, das gefällt mir hier oben. Sie schaute runter, damals auf dem Dach, beugte sich über das kleine Geländer und verlor ihren Blick in den Miniaturmenschen und Miniaturautos, die unterhalb ihres Blickes wie Ameisen wirkten. Und sie bemerkte gar nicht, wie sie langsam etwas abrutschte. Das Unten, das war so wunderbar und Lisa entwickelte einen Flugwunsch, einen ganz winzig kleinen und sie schloss die Augen wegen der Schönheit des Augenblicks und der Hoffnung, dass man diesen vielleicht auf diese Weise speichern könne.
Und dann passierte es. Plötzlich hatte sie eine Hand an der Schulter und es zog etwas an ihr. Etwas Grünes. Und dann stand es da, dieses Wesen, und brüllte unverständliche Dinge in ihr Gesicht. Das Ding hatte einen riesigen haarlosen Kopf und riesige Pranken, die sie immer noch festhielten und sie durchschüttelten. Außerdem hatte es nur ein Auge. Lisa fing an zu weinen, weil das Ding so an ihr schüttelte und das Ding ließ sie dann los. Das Ding ließ also von ihr ab, zumindest körperlich, und als Lisa sich dann beruhigt hatte, sagte das Ding, dass Lisa auf keinen Fall von der Existenz des Dings etwas verraten dürfe, niemandem dürfe sie sagen, was hier oben passiert sei und dass sie hier das Ding gefunden hätte. Das grüne Ding erzählte dann mit einer tiefen, rauchigen Stimme, dass es ein Außerirdischer sei und drüben, das Ding zeigte zu einem anderen Haus mit einem ebensolchen Flachdach, habe es sein Raumschiff geparkt und da wären auch noch andere grüne Dinger, die echt verdammt unlustig werden könnten, wenn man um ihre Existenz wüsste. Das Ding fragte dann Lisa nach ihrem Namen und Lisa sagte leise: »Lisa.« Dann hob das Ding Lisa hoch, direkt vor den Teil des Kopfes, vor dem man eigentlich ein Gesicht erwartet, aber da war nichts, was dem ähnelte, nur eine Masse Fleisch, aus der die Stimme des Dings tönte, und diese sagte zu Lisa: »Lisa, pass auf! Rede mit niemandem über das hier, rede am besten gar nicht mehr. Reden ändert eh nichts. Und jetzt geh wieder runter.« Lisa fühlte sich wie in einem Eisblock gefangen, als das grüne, riesig wirkende Ding an das andere Ende des Daches stampfte und sich noch einmal umdrehte und »Jetzt geh!« schrie. Da wusste Lisa, dass das grüne Ding es verdammt ernst meinte mit der Drohung und was passieren würde, wenn man so ein grünes, nahezu gesichtsloses Aliending nicht ernst nahm, das stellte sich Lisa als das Grausamste vor, was man erleben kann. Und so stellte sie das Sprechen ein. Kein Wort mehr durch den Kindermund.
Die Mutter und auch der Vater kamen gar nicht klar auf das Schweigen der fünfjährigen Lisa, die doch zuvor so ein redseliges Kind gewesen ist. Die Mutter versprach sogar, sie nie wieder anzubrüllen und nie wieder nach ihr zu langen, aber als Lisa weiterschwieg, brüllte die Mutter sie an und langte nach ihr. Die Lisa duckte sich, die Mutter verfehlte sie, das seltsame Leben ging weiter.
Jetzt ist es so, dass sie jeden Montag, Mittwoch und Freitag mit ihrer Mutter zu Dr. Wehrmüllerroffeltraut-Mentalsorg fährt, einer seltsamen Ärztin mit langen schwarzen Haaren und einer unangenehmen Aura. Ihre Praxis nennt sich Kinderpsychotherapie. Dr. Wehrmüllerroffeltraut-Mentalsorg versucht alles, um die Lisa wieder sprechen zu machen und fragt sie verschiedene Dinge, und ihre Mutter sitzt daneben und sieht kopfschüttelnd zu, wie kein verdammtes Wort durch Lisas Lippen mehr kommt. Die Frau Dr. Wehrmüllerroffeltraut-Mentalsorg guckt immer ganz besorgt, ganz so, als sei sie die von Außerirdischen bedrohte. Immer streichelt sie auch Lisas Hand, was Lisa sehr unangenehm ist, denn die Hände von Dr. Wehrmüllerroffeltraut-Mentalsorg sind total rau und irgendwie verschlissen. Irgendwie wirkt die ganze Person der Frau Dr. Wehrmüllerroffeltraut-Mentalsorg total verschlissen, und Personen mit einem so hohen Grad an Verschlissenheit sollte man nicht auf Kindersorgen loslassen, denkt Lisa immer und schweigt lieber weiter.
Zuhause wird sie dann weiter von ihrer Mutter mal liebkost, dann wieder angebrüllt, dann wieder liebkost, und Lisa denkt an das grüne Ding auf dem Dach und ihr wird bewusst, dass es bestimmt nichts Schlimmeres mit ihr zu veranstalten imstande ist als ihre Mutter oder Frau Dr. Wehrmüllerroffeltraut-Mentalsorg. Vielleicht sollte sie doch irgendwem davon erzählen? Aber wer würde ihr sowas glauben? Daher erstmal weiterschweigen.