Die Autoren
Henning Sußebach, geb. 1972, ist Redakteur bei der ZEIT. Er wurde für seine Artikel und Reportagen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. Henri-Nannen-Preis 2006, CNN Journalist Award 2007, Egon-Erwin-Kisch-Preis 2007, Theodor-Wolff-Preis 2009, Deutscher Sozialpreis 2010.
Sophie (eigentlich: Marie) Sußebach, geb. 2000, Tochter des Journalisten und Autors Henning Sußebach. Nach ihrem Abitur 2018 verbrachte sie ein Freiwilliges Soziales Jahr in Costa Rica, anschließend begann sie ihre Ausbildung zur Mediengestalterin Bild & Ton.
Erweiterte Neuausgabe
© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2020
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Ausgangspunkt für dieses Buch war ein Artikel von Henning
Sußebach in der ZEIT vom 26. Mai 2011.
Der Name der Tochter wurde damals vom Vater geändert, um
sie vor der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu bewahren.
Herstellung: Newgen Publishing Europe
ISBN E-Book: 978-3-451-81969-8
ISBN Print: 978-3-451-03222-6
Liebe Sophie
Sehr seltsam: Nicht Ihr Kinder seid Angsthasen, sondern wir Eltern sind es
Auch komisch: Wir Erwachsenen sind dauernd in Eile und stehlen Euch Kindern die Zeit
Kaum zu glauben: Warum aus zu viel Liebe ein goldener Käfig werden kann
Irgendwie irre: Wir Eltern wissen fast alles von Euch, Ihr Kinder aber wenig von uns
Kleiner Tipp: Dehne die Gegenwart aus, anstatt sie zu schrumpfen – das geht nämlich!
Echt jetzt: Die schönsten Entdeckungen machst Du beim Gehen von Umwegen
Wirklich: Eure Zukunft ist ein Meer von Möglichkeiten, super Sache!
Ganz wichtig: Ihr seid mehr als die Summe Eurer Leistungen!
Lieber Papa
ein Brief vom eigenen Vater? Was kann so groß sein, dass es nicht auf einen dieser kleinen Zettel passt, auf denen wir uns manchmal Nachrichten hinterlassen: „Paulina zurückrufen“ oder „Oma gratulieren“? Was ist so wichtig, dass wir es nicht beiläufig beim Frühstück besprechen, so wie Hausaufgaben, Essenswünsche oder Urlaubsideen?
Bestimmt klingt es komisch, Sophie: Aber es gibt nicht den einen einzigen, einfachen Anlass, Dir diesen Brief zu schreiben. Keinen Großmuttergeburtstag also und keine Rückrufbitte. Es sind viele kleine Dinge, auf den ersten Blick Alltäglichkeiten Deines Lebens, über die ich schreibend nachdenken möchte und die ich auf diese Weise ordnen will. Zu einem Mosaik aus Momenten Deiner Kindheit, die jetzt, mit der aufkommenden Pubertät, langsam zu Ende geht. Zu einem Standbild einer ganz normalen Zwölfjährigen, einer von Hunderttausenden in Deutschland.
Was für ein Mosaik sich da wohl ergibt? Jetzt, da die Hälfte Deiner Kindheit, die Hälfte Deiner Zeit bei uns, vermutlich schon vorbei ist, die Mehrzahl der Gute-Nacht-Geschichten, der Familienurlaube, der Geburtstagsfeiern. Was für ein Bild wird da bleiben?
Diese Frage beschäftigt mich seit ungefähr zwei Jahren. Damals hob ich den ersten Mosaikstein auf, eine dieser scheinbaren Alltäglichkeiten. Du wirst Dich nicht daran erinnern: Es war ein ganz normaler Mittwoch. Du warst gerade in die fünfte Klasse unseres örtlichen Gymnasiums gekommen, hattest sieben Stunden Unterricht pro Tag und saßest häufig bis zum Abend über Hausaufgaben, als ich Dich fragte, ob ich mal schwänzen soll, den Kollegen im Büro erzählen, ich würde zu Hause arbeiten – um in Wahrheit mit Dir schwimmen zu gehen.
Da hast Du mir geantwortet: „Ich habe keine Zeit. Ich kann nur an Wochenenden.“
Ist das nicht verrückt? Ein Erwachsener fragt wie ein Kind und das Kind antwortet wie ein Erwachsener. Da hat doch irgendwer die Welt verdreht! Nur wer?
Du merkst es vielleicht schon: Mein Brief an Dich ist eine verzwickte Angelegenheit. Ich schreibe ihn nicht ohne Hemmungen, weil ich ahne, wie leicht ein Kind ihn missverstehen kann, wie schnell Du denken könntest, ich sei enttäuscht von „Ich kann nur an Wochenenden“-Antworten. Ich schreibe ihn im Zwiespalt, weil ich weiß, dass aus meinem Brief an Dich ein Buch werden wird, das viele Menschen lesen werden. Ein Buch aber, das immer ein Brief an Dich bleibt. Eine Botschaft, die Dich nicht verängstigen oder verwirren, sondern ermutigen soll – zum Beispiel dazu, auch mal mitten in der Woche schwimmen zu gehen!
Du wirst meinen Brief genau lesen müssen, damit Du alles verstehst. Wenn Du ihn jetzt noch nicht lesen magst, weil er Dir zu vertrackt erscheint oder nicht geheuer, leg ihn weg. Und hol ihn in zwei oder drei Jahren wieder hervor. Dass Du ihn noch als Kind liest und verstehst, ist wichtig: Denn es geht um Dein Leben und um das, was wir Erwachsenen daraus machen.
Ich werde Dir von Babys berichten, die schon im Bauch ihrer Mütter mit dem Lernen anfangen müssen. Von Jugendlichen, die länger arbeiten als ihre Eltern. Von Lehrern, die aus jedem kleinen Schaffen oder Scheitern von Euch Kindern gleich auf Eure ganze Zukunft schließen. Von Schülern, die krank werden vom andauernden Üben. Von einem Arzt, der nicht mehr weiß, was er dagegen tun soll. Von Fußballtrainern, die Vorschulkinder anbrüllen, wenn die einen Fehler machen. Von Bildungsexperten, die vor pausenlosem Pauken warnen. Und von Eltern, die ihre Kinder trotzdem nicht in Ruhe lassen. Ich werde mit Dir über vieles staunen, über manches lachen und auch mal zornig werden – weil ich wütend bin auf mich und auf ein Land, das Euch zu Strebern machen will.
Deshalb habe ich meinen Brief auch nicht auf Deinen Platz gelegt, Sophie, dort am Küchentisch, an dem wir morgens Einkaufszettel schreiben und an dem Du in der fünften Klasse abends über Grammatik-Arbeitsblättern saßest:
Kreuze die richtigen Aussagen an! Der Genus ist das grammatische Geschlecht eines Nomens / Nomen können im Singular und im Plural auftreten. Dies nennt man den Kasus des Nomens / Der Numerus ist der Fall, in dem ein Nomen steht / Man kann Präpositionen steigern / Der bestimmte Artikel gibt im Nominativ Singular das grammatische Geschlecht eines Nomens an / Der Imperativ gehört zu den finiten Verbformen / Präsens wird benutzt, wenn man über etwas sagen kann: Es war gestern so, ist heute so und wird auch morgen so sein / Das Partizip I gehört zu den infiniten Verbformen / Verben kann man deklinieren.
Wenn ich von meiner Arbeit nach Hause kam, habe ich oft so getan, als müsste auch ich noch was erledigen, habe Rechnungen abgeheftet, Mails geschrieben und Zeugs sortiert, während Du Gitarre geübt, Vokabeln gelernt oder gerechnet hast:
Wie viel ist 17 2? Wie viel 5 6? Wie viel 28?
Ich habe Geschäftigkeit simuliert oder Dir geholfen, bis es saß:
27 = 128, 18 2 = 324, 5 6 = 15625
Ich wollte Deinen Fleiß nicht mit meiner Faulheit bremsen. Und ich wollte nicht freihaben, solange Du noch arbeitest.
Ich hielt das für klug, aber vielleicht war es dumm. Vielleicht hätte ich sagen sollen: „Nach 18 Uhr darf ein Kind bei uns zu Hause nicht mehr büffeln!“
Doch dazu fehlt mir der Mut. Manchmal noch heute.
Ich weiß: Dieser Brief kommt für Dich so überraschend wie ein Hund, der plötzlich durch die Hecke springt. Darf ich ein Kind wie Dich so überfallen? Könnte es sogar sein, dass ich Gutes schlechtmache? All den Schulunterricht, die Schwimmstunden, die Ballettkurse – all die Aufmerksamkeit und Zuwendung also, die viele Kinder in Deutschland heute erhalten?
Ich habe mich selbst befragt und Menschen, die mehr Ahnung haben. Ich habe (heimlich, ich geb’s zu …) in Deinen Schulbüchern gelesen, habe Wissenschaftler interviewt, habe mit Lehrern gesprochen und mich in Studien vergraben, habe eine Kinderbuchautorin getroffen, einen Pfarrer befragt, Deine Kindheit mit meiner verglichen und mich entschlossen, diesen Brief als Buch zu schreiben. Weil es in Deutschland noch 766.998 andere Mädchen und Jungen Deines Jahrgangs gibt und noch mal mehr jüngere und ältere Kinder, deren Terminspalten im Familienkalender oft voller sind als die ihrer Eltern – und die nur mit halbem Ohr rätselhaft fremde Wörter hören: „Beschleunigung“, „Vernutzung“, „Turbo-Abi“, „Schulzeitverkürzung“, „G8“ und „Sitzkindheit“.
In diesem Brief, Sophie, möchte ich Dir und den anderen Kindern etwas verraten. Es gibt da ein paar Geheimnisse, von denen Ihr nichts wisst, denn jedes Kind nimmt die Welt ja erst einmal als gegeben hin. „Kinder sind Geiseln in den Händen der Welt“, heißt es in einem Roman des Schriftstellers Martin Walser sogar.
Aber stopp, das war zu kompliziert. Und ein Wort wie „Geiseln“ ist zu düster für das, worum es geht. Was ich meine, ist: Ein Kind hält sein Leben, so wie es ist, für ganz normal. Woher soll es wissen, dass alles auch anders sein könnte? Oder wie seine Eltern gelebt haben, als die noch klein waren? Und wer eigentlich entschieden hat, dass die Gegenwart so ist, wie sie ist? Dieses Hinnehmen ist schön, weil Ihr nicht so viel grübeln müsst: „Was wäre, wenn …?“ Aber es macht Euch auch da fügsam, brav, wo Auflehnung angebracht wäre.
Jetzt willst Du wissen, was Du noch nicht wusstest?
Du hattest schon in der fünften Klasse jeden Tag sieben Stunden Schule – und weißt nicht, dass ich als Kind niemals jeden Tag sieben Stunden hatte, in keinem einzigen Schuljahr. Du hattest auf Deinem letzten Zeugnis keinen einzigen Fehltag – und weißt nicht, dass ich als Kind nach einer Krankheit noch mindestens einen „fieberfreien Tag“ zu Hause blieb. Du wächst auf in dem Bewusstsein, dass Du in einem Wettlauf mit Millionen fleißiger Schülerinnen und Schüler in Amerika, Indien und China stehst, in einem Wettbewerb um künftigen Wohlstand – und weißt nicht, dass mir als Kind in Bezug auf China noch gesagt wurde, es interessiere niemanden, „wenn dort ein Sack Reis umfällt“. Du wirst vermutlich mit 17 Jahren Abi machen und mit Anfang 20 ein Studium beenden – und weißt nicht, dass ich in dem Alter so gerade eine erste Idee von meiner Zukunft hatte und von einem Studienabschluss weit entfernt war.
Weißt Du, das alles ist nicht einfach so passiert. Die freie Zeit ist nicht einfach so verschwunden. Wir Erwachsenen stellen schon in den Grundschulen Eure Lebensweichen. Wir haben den Gymnasiasten ein Jahr ihrer Schulzeit und den Studenten die letzte Muße an den Universitäten gestohlen. Und nicht nur das: Wir haben Eure ganze Kindheit beschleunigt, immer mehr in weniger Zeit gestopft. Wir haben es gut gemeint, aber getrieben haben uns – ehrlich gesagt: Angst und Eile und Gier.
Und das alles will ich Dir jetzt erklären.
Ich habe gerade ein Experiment gemacht, Sophie. Ich war im Internet, auf Google, der Suchmaschine, die sich merkt, wonach wir Menschen sie fragen, die unsere Neugier misst wie ein Thermometer steigendes und sinkendes Fieber.
Ich habe das Wort „Zuversicht“ eingegeben: 3 Millionen Treffer. Das Wort „Spaß“: 44 Millionen. Das Wort „Freude“: 71 Millionen. Und dann das Wort „Angst“: 116 Millionen.
Derzeit, habe ich gelesen, haben wir Deutschen besonders große Angst vor der Euro-Krise, vor einer Inflation (also dass man für sein Geld immer weniger kaufen kann, weil alles teurer wird) und vor Altersarmut. Dazu kennen wir noch Zukunftsangst, Kriegsangst, Terrorangst, Angst um den Arbeitsplatz, Angst vor Überfremdung und Angst vor dem Islam. Es gibt außerdem Flugangst, Höhenangst, Platzangst, Prüfungsangst und Verfolgungsangst, Angst vor Hunden, vor Menschenmassen, vorm Zahnarzt, vor Wasser, Spinnen und stechenden Insekten.
Auf einer medizinischen Fachseite habe ich eine Aufzählung von insgesamt achtzig Phobien – „Phobie“ ist das Fremdwort für Angst – gefunden. Das reicht von der Aelurophobie (Angst vor Katzen) über die Bacteriophobie (Angst vor Bakterien), die Coulrophobie (Angst vor Clowns), die Gephyrophobie (Angst vor dem Überqueren von Brücken), die Gynäkophobie (Angst vor Frauen), die Halitophobie (Angst vor Mundgeruch), die Neophobie (Angst vor Neuerungen), die Nomophobie (Angst, keinen Handyempfang zu haben) und die Paraskavedekatriaphobie (Angst vor Freitag, dem 13.) bis hin zur Vaccinophobie (Angst vor Impfungen). Und dann gibt es auch noch die Phobophobie. Das ist die Angst vor der Angst.
Beim Notieren dieser Wortungetüme war ich ein wenig von Vertippophobie befallen. Der Angst, mich zu verschreiben.
Ich will mich nicht lustig machen, Sophie, es sind ja anerkannte Krankheiten darunter. Aber ist Dir schon einmal aufgefallen, im Geschichtsunterricht vielleicht, dass es in unterschiedlichen Jahrhunderten und unterschiedlichen Kulturen immer auch unterschiedliche Krankheiten gab? Zum dreckigen Mittelalter gehörte die Pest, zur ausbeuterischen Industrialisierung die Knochenkrankheit Rachitis, zu den fetten Wirtschaftswunderjahren der Herzinfarkt. Ich glaube sogar: Manchmal ist Krankheit auch Definitionssache, hin und wieder sogar Mode. Mit der Angst vor Mundgeruch hätte sich vor hundert Jahren kein Mensch zum Arzt getraut. Und die Furcht, keinen Handyempfang zu haben, konnte noch niemand kennen. Das ist wichtig, Sophie: Wir behaupten so gern, die Eskimos hätten mindestens zwanzig Worte für „Schnee“, und wir schließen daraus auf ihr Gefühlsleben. Wenn wir noch viel mehr Arten von Angst kennen, was sagt das dann über uns? Die Eskimos sind von Schnee umgeben, wir offenbar von Ängsten.
Jetzt willst Du natürlich wissen, was das mit Dir zu tun hat und mit mir als Vater, mit Deinem vollen Terminkalender, mit der verkürzten Schulzeit und Begriffen wie „Vernutzung“ und „Sitzkindheit“.
Lass uns dafür eine Expedition in die Seelenlandschaft der Erwachsenen unternehmen. Lass uns schauen, wie wir Eltern die Welt sehen, in der Ihr Kinder groß werdet. Ich glaube nämlich, es ist so: Deine Freundinnen und Du wachsen in einem Zeitalter der Verzagtheit auf. Viele Erwachsene haben heute das Gefühl, die Welt sei unsicherer, die Zukunft ungewisser als früher. Ich sage nicht, dass es so ist, aber es kommt vielen Menschen so vor. Ihre Angst sickert in den Alltag, sucht sich dort ihre Ausdrucksformen – und macht Euch so womöglich: Angst.
Das klingt sehr theoretisch. Deshalb ein Beispiel, eine dieser unscheinbaren Alltäglichkeiten, ein winziger Mosaikstein nur: Vor drei Jahren haben wir ein neues Auto gekauft. Wann immer wir jetzt irgendwo hinfahren – und sei es nur zum Getränkeholen –, verriegeln sich alle Türen automatisch von innen, sobald die Tachonadel 20 Stundenkilometer übersteigt. Wir sind keine hundert Meter von zu Hause entfernt, haben noch nicht mal den Spielplatz an der Straßenecke erreicht, da verwandelt sich unser Auto – „klack!“ – in eine Art rollenden Tresor. Als verließen wir sicheren Boden.