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Antony Beevor

DER ZWEITE
WELTKRIEG

Aus dem Englischen von
Helmut Ettinger

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Die Originalausgabe ist 2012 unter dem Titel
»The Second World War« bei Weidenfeld & Nicolson, London, erschienen.

© 2012 by Antony Beevor

© 2014 für die deutsche Ausgabe by C. Bertelsmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: buxdesign München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-10790-1
V003

www.cbertelsmann.de

Für Michael Howard

Inhalt

Einführung

1. Kapitel Der Kriegsausbruch

2. Kapitel »Die restlose Zerstörung Polens«

3. Kapitel Vom seltsamen Krieg zum Blitzkrieg

4. Kapitel Der Drache und die aufgehende Sonne

5. Kapitel Norwegen und Dänemark

6. Kapitel Sturmlauf im Westen

7. Kapitel Die Kapitulation Frankreichs

8. Kapitel »Unternehmen Seelöwe« und die Luftschlacht um England

9. Kapitel Nachwirkungen

10. Kapitel Hitlers Balkankrieg

11. Kapitel Afrika und der Atlantik

12. Kapitel »Unternehmen Barbarossa«

13. Kapitel Rassenkrieg

14. Kapitel Die Große Allianz

15. Kapitel Die Schlacht um Moskau

16. Kapitel Pearl Harbor

17. Kapitel China und die Philippinen

18. Kapitel Krieg auf der ganzen Welt

19. Kapitel Die Wannseekonferenz und der Archipel SS

20. Kapitel Die japanische Okkupation und die Schlacht um Midway

21. Kapitel Niederlage in der Wüste

22. Kapitel Der »Fall Blau«: Neustart des »Unternehmens Barbarossa«

23. Kapitel Im Pazifik wird zurückgeschlagen

24. Kapitel Stalingrad

25. Kapitel El-Alamein und »Operation Torch«

26. Kapitel Südrussland und Tunesien

27. Kapitel Casablanca, Charkow und Tunis

28. Kapitel Europa hinter Stacheldraht

29. Kapitel Atlantikschlacht und strategischer Bombenkrieg

30. Kapitel Der Pazifik, China und Burma (1943)

31. Kapitel Die Kursker Schlacht

32. Kapitel Von Sizilien nach Italien

33. Kapitel Die Ukraine und die Konferenz von Teheran

34. Kapitel Die Shoah durch Gas

35. Kapitel Italien – der harte Bauch

36. Kapitel Die sowjetische Frühjahrsoffensive

37. Kapitel Der Pazifik, China und Burma (1944)

38. Kapitel Der Frühling der Erwartungen

39. Kapitel »Operation Bagration« und die Normandie

40. Kapitel Berlin, Warschau, Paris

41. Kapitel Die Ichi-gō-Offensive und Leyte

42. Kapitel Unerfüllte Hoffnungen

43. Kapitel Die Ardennen und Athen

44. Kapitel Von der Weichsel zur Oder

45. Kapitel Die Philippinen, Iwo Jima, Okinawa, Luftangriffe auf Tokio

46. Kapitel Jalta, Dresden, Königsberg

47. Kapitel Die Amerikaner an der Elbe

48. Kapitel Die Schlacht um Berlin

49. Kapitel Städte der Toten

50. Kapitel Die Atombomben und die Unterwerfung Japans

ANHANG

Dank

Kartenverzeichnis

Abkürzungen / Transliteration

Literatur (Auswahl)

Personenregister

Orts- und Sachregister

BILDTEIL

Bildnachweis

Der Koreaner Yang Kyungjong, den man gegen seinen Willen zur japanischen Kaiserlichen Armee, zur Roten Armee und zur Wehrmacht eingezogen hatte, wird im Juni 1944 in der Normandie von Amerikanern gefangen genommen.

Einführung

Im Juni 1944 ergab sich ein junger Soldat aus Asien während der Invasion der Alliierten in der Normandie amerikanischen Fallschirmjägern. Die glaubten zuerst, er sei Japaner, tatsächlich aber stammte er aus Korea. Sein Name war Yang Kyungjong.

1938 hatten die Japaner ihn mit achtzehn Jahren zu ihrer Kwantung-Armee eingezogen, die in der Mandschurei stationiert war. Ein Jahr später nahm ihn die Rote Armee nach der Schlacht am Chalchin Gol gefangen und schickte ihn in ein Arbeitslager. Im kritischen Jahr 1942 reihten ihn die sowjetischen Militärbehörden wie Tausende andere Gefangene in ihre Streitkräfte ein. Anfang 1943 wurde er in der Schlacht bei Charkow in der Ukraine von der deutschen Wehrmacht gefangen genommen. Die steckte ihn in eine deutsche Uniform und schickte ihn 1944 mit einem Ostbataillon nach Frankreich, wo er offenbar auf der Halbinsel Cotentin an einem Ort, den die Alliierten »Utah Beach« nannten, den Atlantikwall verstärken helfen sollte. Nach einiger Zeit, die er in einem Gefangenenlager in Großbritannien zubrachte, gelangte er in die USA, wo er seine Vergangenheit für sich behielt. Er ließ sich in Illinois nieder, wo er 1992 verstarb.

In einem Krieg, der über 60 Millionen Menschen das Leben kostete und den ganzen Erdball erfasste, hatte dieser unfreiwillige Veteran der Armeen Japans, der Sowjetunion und Deutschlands ziemlich viel Glück. Und doch ist Yang Kyungjong geradezu ein Musterbeispiel dafür, wie hilflos die meisten gewöhnlichen Sterblichen den übermächtigen Gewalten der Geschichte ausgeliefert waren.

Europa stolperte nicht in diesen Krieg am 1. September 1939. Gewisse Historiker sehen die »Urkatastrophe« im Ersten Weltkrieg und sprechen von einem »Dreißigjährigen Krieg« von 1914 bis 1945.1 Andere meinen, der »lange Krieg«, der mit dem Putsch der Bolschewiki 1917 begann, habe sich als »Europäischer Bürgerkrieg« bis 1945 fortgesetzt oder gar bis zum Untergang des Kommunismus im Jahre 1989 angehalten.2

Die Geschichte lässt sich jedoch nicht in solche Schemata pressen. Sir Michael Howard argumentiert überzeugend, Hitlers Angriffe gegen Frankreich und Großbritannien im Jahr 1940 seien in vieler Hinsicht eine Fortsetzung des Ersten Weltkriegs gewesen. Auch Gerhard Weinberg erklärt kategorisch, der Krieg, der 1939 mit Hitlers Einmarsch in Polen begann, sei als der Beginn seines Kampfes um das Hauptziel »Lebensraum« im Osten anzusehen. Das mag zutreffen, aber die Revolutionen und Bürgerkriege zwischen 1917 und 1939 haben das Bild kompliziert. So hat zum Beispiel die Linke stets leidenschaftlich die Auffassung vertreten, der Zweite Weltkrieg habe mit dem Spanischen Bürgerkrieg begonnen, während die Rechte behauptet, er sei der Auftakt zu einem Dritten Weltkrieg zwischen dem Kommunismus und der »westlichen Zivilisation« gewesen. Zugleich neigen westliche Historiker dazu, den Japanisch-Chinesischen Krieg von 1937 bis 1945 und dessen Verschmelzung mit dem Weltkrieg zu ignorieren. So mancher Geschichtswissenschaftler aus Asien meint hingegen, der Zweite Weltkrieg habe bereits mit der japanischen Besetzung der Mandschurei im Jahr 1931 begonnen.3

Über all das lässt sich trefflich streiten, denn der Zweite Weltkrieg stellt eindeutig ein ganzes Knäuel von Konflikten dar. Zumeist handelte es sich um solche zwischen einzelnen Staaten, die jedoch von der internationalen Auseinandersetzung zwischen Links und Rechts durchdrungen und in vielen Fällen sogar dominiert wurden. Daher müssen einige der Umstände näher beleuchtet werden, die zu diesem grausamsten und verheerendsten Gemetzel seit Menschengedenken geführt haben.

Nach den schrecklichen Ereignissen des Ersten Weltkriegs waren Frankreich und Großbritannien, die Hauptsieger in Europa, erschöpft und fest entschlossen, etwas Ähnliches dürfe sich nicht wiederholen. Amerika suchte nach seinem wesentlichen Beitrag zum Sieg über das deutsche Kaiserreich einen möglichst großen Abstand zu der in seinen Augen korrupten, sündhaften Alten Welt zu gewinnen. Mitteleuropa, zerstückelt durch die neuen Grenzen von Versailles, hatte mit der Demütigung und dem Elend der Niederlage fertig zu werden. Die stolzen Offiziere der k.u.k. Armee Österreich-Ungarns, denen man den Schneid abgekauft hatte, mussten ihre Operettenuniformen gegen die abgetragene Kluft der Arbeitslosen eintauschen und fühlten sich als die Prügelknaben der Nation. Die Verbitterung der meisten deutschen Offiziere und Soldaten über die Niederlage verstärkte sich dadurch, dass ihre Armeen bis Juli 1918 nie geschlagen worden waren, was den plötzlichen Zusammenbruch im Land umso unerklärlicher und unheimlicher machte. Nach ihrer Auffassung gingen die Meutereien und Revolten in Deutschland vom Herbst 1918, die schließlich zur Abdankung des Kaisers führten, allein auf das Konto jüdischer Bolschewiken. In der Tat hatten linke Agitatoren dabei eine Rolle gespielt, und die bekanntesten Führer der deutschen Revolution von 1918/19 waren Juden. Aber die Hauptursachen der Unruhen waren Kriegsmüdigkeit und Hunger gewesen. Die böswillige Verschwörungstheorie der deutschen Rechten, die Dolchstoßlegende, war typisch für deren zwanghaften Drang, Ursache und Wirkung zu vertauschen.

Die Hyperinflation von 1922/23 untergrub die Selbstgewissheit und Rechtschaffenheit der deutschen Bourgeoisie. Die Verbitterung über die erlittene nationale und persönliche Schmach schürte dumpfe Wut. Deutsche Nationalisten träumten von dem Tag, da man die Schande des Versailler Diktats tilgen werde. In den 20er-Jahren wurde das Leben in Deutschland – vor allem aufgrund massiver amerikanischer Kredite – allmählich besser. Aber die Weltwirtschaftskrise, die mit dem Börsenkrach an der Wall Street von 1929 ausbrach, traf Deutschland noch härter, als Großbritannien und andere Staaten im September 1931 den Goldstandard aufgaben. Die Furcht vor einer weiteren Welle der Hyperinflation veranlasste die Regierung Brüning, die Bindung der Reichsmark an den Goldpreis aufrechtzuerhalten, was zu deren Überbewertung führte. Da die amerikanischen Kredite inzwischen ausgelaufen waren und der Protektionismus Deutschland von seinen Exportmärkten abschnitt, kam Massenarbeitslosigkeit auf. Damit stiegen die Chancen für Demagogen, die radikale Lösungen anboten.

Die Krise des Kapitalismus hatte den Niedergang der liberalen Demokratie beschleunigt, die in vielen Ländern Europas durch die Aufsplitterung der Wählerstimmen aufgrund des Verhältniswahlrechts an Wirkung verlor. Die meisten parlamentarischen Systeme, die nach dem Zusammenbruch der drei kontinentalen Großreiche im Jahr 1918 entstanden waren, wurden hinweggefegt, weil sie sich als unfähig erwiesen, mit den Konflikten in der Gesellschaft fertig zu werden. Ethnische Minderheiten, die im Rahmen der alten Imperien relativ friedlich zusammengelebt hatten, wurden nun durch Doktrinen von nationaler Reinheit bedroht.

Die noch frische Erinnerung an die Russische Revolution und die gewaltsamen Zerstörungen der Bürgerkriege in Ungarn, Finnland, den baltischen Ländern und auch in Deutschland selbst trieben den Prozess der politischen Polarisierung voran. Der Teufelskreis von Furcht und Hass drohte aufrührerische Rhetorik in selbsterfüllende Prophezeiungen münden zu lassen, wie die Entwicklung in Spanien bald zeigen sollte. Manichäische Alternativen können den auf Kompromissen beruhenden demokratischen Zusammenhalt einer Gesellschaft zerstören. In diesem neuen, von kollektivistischen Ideen geprägten Zeitalter hielten die Intellektuellen der Linken und der Rechten, aber auch verbitterte ehemalige Soldaten des Ersten Weltkriegs gewaltsame Lösungen für eine höchst heroische Alternative. Angesichts des finanziellen Desasters erschien der autoritäre Staat nun im größten Teil Europas als natürliche, zeitgemäße Ordnung, als eine Antwort auf das Chaos des politischen Lagerkampfes.

Im September 1930 sprang der Stimmenanteil der Nationalsozialistischen Partei in Deutschland von 2,5 auf 18,3 Prozent. Die konservative Rechte, die wenig von Demokratie hielt, zerstörte im Grunde genommen die Weimarer Republik und öffnete damit Hitler die Tür. In verhängnisvoller Unterschätzung von dessen Skrupellosigkeit glaubte sie, sie könne ihn als populistische Marionette nutzen, um ihre Vorstellung von Deutschland durchzusetzen. Aber im Unterschied zu ihr wusste Hitler genau, was er wollte. Als er am 30. Januar 1933 deutscher Reichskanzler wurde, ging er unverzüglich daran, jegliche potenzielle Opposition zu eliminieren.

Für die späteren Opfer war es tragisch, dass eine kritische Masse der deutschen Bevölkerung in ihrem Streben nach Ordnung und Respekt nur allzu bereit war, dem gewissenlosesten Verbrecher der Geschichte Gefolgschaft zu leisten. Hitler gelang es, deren niederste Instinkte – Feindseligkeit, Intoleranz und Arroganz – anzusprechen, vor allem aber das gefährliche Gefühl rassischer Überlegenheit. Jeder Rest rechtsstaatlichen Denkens wurde von Hitlers Auffassung hinweggefegt, das Rechtswesen habe der neuen Ordnung zu dienen. Öffentliche Institutionen wie Gerichte, Universitäten, Streitkräfte und die Presse katzbuckelten vor dem neuen Regime. Dessen Gegner jeglicher Couleur sahen sich hoffnungslos isoliert und als Verräter an der neuen Idee des Vaterlands gebrandmarkt – nicht nur durch das Regime selbst, sondern auch durch alle seine Gefolgsleute. Anders als Stalins NKWD blieb die Gestapo überraschend inaktiv. Die meisten Verhaftungen, die sie vornahm, erfolgten aufgrund von Denunziationen durch deutsche Mitbürger.4

Das Offizierskorps, das bisher so viel Wert auf seine Politikferne gelegt hatte, ließ sich durch das Versprechen personeller Aufstockung und massiver Aufrüstung verlocken, obwohl es einen so vulgären, schlecht gekleideten Marktschreier wie Hitler eigentlich verachtete. Angesichts dieser Staatsmacht paarte sich Feigheit mit Opportunismus. Otto von Bismarck hatte einmal bemerkt, Zivilcourage, ohnehin eine seltene Tugend, verlasse einen Deutschen komplett, sobald er eine Uniform anziehe.5 Nicht umsonst suchten die Nazis jeden, selbst die Kinder, in eine Uniform zu stecken.

Hitler verstand es bestens, die Schwächen seiner Gegner zu erkennen und auszunutzen. Die deutsche Linke, tief gespalten in KPD und SPD, stellte keine wirkliche Gefahr für ihn dar. Mit Leichtigkeit übertölpelte er die Konservativen, die in ihrer naiven Arroganz glaubten, ihn kontrollieren zu können. Kaum hatte Hitler durch radikale Erlasse und Massenverhaftungen seine Macht im Lande gefestigt, schickte er sich an, den Versailler Vertrag in Stücke zu reißen. 1935 führte er die Wehrpflicht wieder ein, mit Zustimmung Großbritanniens baute er die Kriegsmarine aus und stellte ganz offen Luftstreitkräfte, die Luftwaffe, auf. Großbritannien und Frankreich brachten keine ernsten Einwände gegen Hitlers Programm einer beschleunigten Aufrüstung vor.

Im März 1936 besetzten deutsche Truppen das Rheinland und brachen damit zum ersten Mal offen die Verträge von Versailles und Locarno. Dieser Schlag ins Gesicht der Franzosen, die über zehn Jahre zuvor in dieses Gebiet eingerückt waren, brachte dem »Führer« in Deutschland Bewunderung ein, selbst bei vielen, die ihn nicht gewählt hatten. Diese Unterstützung sowie die lethargische Reaktion Großbritanniens und Frankreichs ermunterten Hitler, an seinem Kurs festzuhalten. Im Alleingang hatte er den Deutschen ihren Stolz zurückgegeben, und die Aufrüstung – viel mehr als seine oft gepriesenen öffentlichen Bauvorhaben – stoppte die galoppierende Arbeitslosigkeit. Das brutale Vorgehen der Nazis und die Verluste an Freiheit schienen den meisten Deutschen dafür ein geringer Preis zu sein.

Hitlers wirkungsvolle Verführung des deutschen Volkes verdrängte humanistische Werte mehr und mehr. Nirgends zeigte sich das deutlicher als bei der Judenverfolgung, die zunächst holprig in Gang kam. Entgegen der allgemeinen Auffassung wurde sie jedoch eher aus der NSDAP heraus als auf Befehl von oben vorangetrieben. Hitlers apokalyptische Tiraden gegen die Juden bedeuteten nicht unbedingt, dass er von vornherein eine »Endlösung« ins Auge fasste. Zunächst begnügte er sich damit, SA-Trupps jüdische Geschäfte überfallen und plündern zu lassen und dabei eine dumpfe Mischung aus Gier, Neid und eingebildeter Feindschaft zu befriedigen. In dieser Phase lief die Politik der Nazis darauf hinaus, den Juden Bürgerrechte und Vermögen zu nehmen, sie durch Demütigung und Schikane aus dem Lande zu treiben. »Die Juden müssen aus Deutschland, ja aus ganz Europa heraus«, sagte Hitler am 30. November 1937 zu Goebbels. »Das dauert noch eine Zeit, aber geschehen wird und muss das.«6

Hitler hatte in Mein Kampf sein Programm, Deutschland zur dominierenden Macht in Europa aufzubauen, unmissverständlich dargelegt. Zunächst wollte er Deutschland und Österreich vereinigen, danach die Deutschen außerhalb der deutschen Grenzen »heim ins Reich« holen und unter seine Kontrolle bringen. »Gleiches Blut gehört in ein gemeinsames Reich«, erklärte er. Erst wenn dies erreicht sei, habe das deutsche Volk das »moralische Recht zur Erwerbung fremden Grund und Bodens. Der Pflug ist dann das Schwert, und aus den Tränen des Krieges erwächst für die Nachwelt das tägliche Brot.«7

Bereits auf der ersten Seite war eindeutig von seiner Aggressionspolitik die Rede. Und obwohl jedes deutsche Brautpaar bei der Heirat ein Exemplar geschenkt bekam, scheinen nur wenige Hitlers kriegslüsterne Ankündigungen ernst genommen zu haben. Lieber glaubten die Deutschen seinen jüngsten, unermüdlich wiederholten Versicherungen, er wolle keinen Krieg. Hitlers tollkühne Aktionen angesichts britischer und französischer Schwäche bestärkten sie in der Hoffnung, er werde alle seine Ziele ohne einen großen Konflikt erreichen. Die Menschen erkannten nicht, dass die überhitzte deutsche Wirtschaft und Hitlers Entschlossenheit, Deutschlands Vorsprung bei der Rüstung zu nutzen, eine deutsche Invasion der Nachbarstaaten in hohem Maße wahrscheinlich machten.

Hitler genügte es nicht, lediglich die Gebiete zurückzuholen, die der Versailler Vertrag Deutschland genommen hatte. Derartige Halbheiten waren ihm zuwider. Hitler brannte vor Ungeduld, denn er glaubte, er werde nicht lange genug leben, um seinen Traum von der Vorherrschaft Deutschlands Wahrheit werden zu lassen. Er wollte ganz Mitteleuropa und Russland bis zur Wolga als »Lebensraum«, um Deutschland Autarkie und den Status einer Großmacht zu sichern. In seinen Träumen, den Osten Europas zu erobern, sah er sich bestärkt durch die kurze deutsche Besetzung der baltischen Staaten, von Teilen Weißrusslands, der Ukraine und Südrusslands bis nach Rostow am Don im Jahr 1918. Dieser war der Friedensvertrag von Brest-Litowsk gefolgt, den Deutschland dem gerade entstehenden Sowjetregime diktierte. Nachdem die britische Blockade im Ersten Weltkrieg beinahe eine Hungersnot ausgelöst hätte, weckte die Kornkammer Ukraine Hitlers besonderes Interesse. Er war gewillt, eine Demoralisierung der Deutschen wie im Jahr 1918, die zu Revolution und Zusammenbruch geführt hatte, nie wieder zuzulassen. Dieses Mal sollten andere Hunger leiden. Eines der Hauptziele seiner Pläne vom »Lebensraum« war es allerdings, die Ölfelder des Ostens in seine Hand zu bekommen. Selbst in Friedenszeiten musste das Reich 85 Prozent seines Erdölbedarfs importieren. In einem Krieg konnte das für Deutschland zur Achillesferse werden.

Kolonien in Osteuropa erschienen Hitler als das beste Mittel, um Selbstversorgung zu gewährleisten. Seine Ambitionen gingen jedoch weit über die anderer Nationalisten hinaus. Nach seinen sozialdarwinistischen Überzeugungen war das Leben der Nationen ein Kampf um die rassische Vorherrschaft. Daher plante er, die slawischen Völker durch organisierten Hunger drastisch zu dezimieren und die Überlebenden als Leibeigene auszubeuten.

Sein Entschluss, im Sommer 1936 in den Spanischen Bürgerkrieg einzugreifen, ist kein so opportunistischer Schritt gewesen, als den man ihn häufig darstellt. Hitler war überzeugt, dass ein bolschewistisches Spanien zusammen mit einer Linksregierung in Frankreich eine strategische Gefahr für Deutschland im Westen Europas darstellen würde, wenn er im Osten des Kontinents den Kampf gegen Stalins Sowjetunion aufnehmen wollte. Wieder konnte er den Abscheu der Demokratien vor dem Krieg für sich nutzen. Die Briten fürchteten, der Konflikt in Spanien könnte in einen neuen europäischen Konflikt münden, und die Volksfrontregierung Frankreichs wagte nicht allein zu handeln. So konnte Deutschland mit seiner unverhüllten Unterstützung für Francos Nationalisten deren Sieg absichern. Zugleich erhielt Görings Luftwaffe die Möglichkeit, neue Flugzeuge und Taktiken zu erproben. Da die faschistische Regierung Italiens ein »Freiwilligenkorps« schickte, das an der Seite der Nationalisten kämpfte, brachte dieser Krieg Hitler und Mussolini einander näher. Bei all seinen hochfliegenden Plänen im Mittelmeerraum bereitete dem »Duce« aber Sorge, dass Hitler entschlossen schien, den Status quo umzustürzen. Auf einen Krieg in Europa war das italienische Volk weder militärisch noch psychologisch vorbereitet.

Da Hitler in dem kommenden Krieg gegen die Sowjetunion dringend Verbündete brauchte, schloss er im November 1936 den Antikominternpakt mit Japan. Dieses hatte seine koloniale Expansion im Fernen Osten bereits im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts begonnen. Den Niedergang der Monarchie in China nutzend, setzte sich Japan in der Mandschurei fest, eroberte Taiwan und okkupierte Korea. Als es im Krieg von 1904/05 auch noch einen Sieg über das zaristische Russland errang, wurde es zur stärksten Militärmacht in der Region. Der Börsenkrach an der Wall Street und die Weltwirtschaftskrise heizten in Japan antiwestliche Stimmungen an. Eine zunehmend nationalistisch eingestellte Offizierskaste betrachtete Korea, die Mandschurei und China – ähnlich wie die Nazis die Sowjetunion – als eine Landmasse und eine riesige Bevölkerung, die unterworfen werden mussten, um das eigene Volk zu ernähren.

Der chinesisch-japanische Konflikt war lange Zeit ein fehlendes Teil im Puzzle des Zweiten Weltkriegs. Die militärische Auseinandersetzung in China, die lange vor dem Ausbruch der Kämpfe in Europa begann, wurde bisher meist als völlig separate Angelegenheit behandelt, obwohl dort die stärksten Bodentruppen Japans im ganzen Fernen Osten zum Einsatz kamen und bald auch die USA und die Sowjetunion einbezogen wurden.

Im September 1931 inszenierten japanische Offiziere den Mukden-Zwischenfall. Sie verübten einen Sprengstoffanschlag auf eine Eisenbahnlinie, um damit die Besetzung der gesamten Mandschurei zu rechtfertigen. Da die eigene Landwirtschaft verheerende Rückschläge hatte hinnehmen müssen, hofften sie, hier ein riesiges Anbaugebiet schaffen zu können. Sie nannten das Gebilde Mandschuguo und installierten dort ein Marionettenregime mit dem abgesetzten chinesischen Kaiser Pu Yi als Galionsfigur. Die Zivilregierung in Tokio fühlte sich verpflichtet, die Armee zu unterstützen, obwohl die Offiziere sie verachteten. Der Völkerbund in Genf wies die Anträge Chinas ab, Sanktionen gegen Japan zu verhängen. Von der japanischen Regierung unterstützt, strömten nun Kolonisten, meist japanische Bauern, in großer Zahl herbei, um Land zu besetzen. Binnen zwanzig Jahren sollten sie eine Million Höfe aufbauen. Dieses Vorgehen führte Japan zwar in die diplomatische Isolation, aber das Land genoss seinen Triumph. Damit nahm ein verhängnisvoller Prozess zunehmender Expansion und wachsenden militärischen Einflusses auf die Regierung in Tokio seinen Anfang.

Ein militanteres Kabinett wurde eingesetzt, und die Kwantung-Armee in der Mandschurei dehnte ihre Kontrolle fast bis vor die Tore von Beijing (Peking) aus. Chiang Kai-sheks Guomindang-Regierung in Nanjing (Nanking) wurde gezwungen, ihre Truppen zurückzuziehen. Chiang behauptete, der Erbe Sun Jatsens zu sein, der eine Demokratie westlichen Stils hatte einführen wollen. In Wirklichkeit war er aber nur der oberste Warlord des Landes.

Nun nahm das japanische Militär im Norden den sowjetischen Nachbarn und im Süden den Pazifik ins Visier. Seine Ziele waren die Kolonien Großbritanniens, Frankreichs und der Niederlande im Fernen Osten, vor allem die Ölfelder Niederländisch-Ostindiens. Das fragile Patt in China wurde unerwartet gebrochen, als die Japaner am 7. Juli 1937 an der Marco-Polo-Brücke bei Beijing eine Provokation inszenierten. Die Kaiserliche Armee in Tokio versicherte Kaiser Hirohito, China könne in wenigen Monaten überwältigt werden. Verstärkung wurde auf das chinesische Festland geschickt, und ein grausiger Feldzug begann, teilweise angeheizt durch ein Massaker von Chinesen an japanischen Zivilisten. Die Kaiserliche Armee wütete hemmungslos. Jedoch endete der Japanisch-Chinesische Krieg nicht mit dem raschen Sieg, den die Generale in Tokio vorausgesagt hatten. Die abstoßende Gewalt der Angreifer löste erbitterten Widerstand aus. Daraus zog Hitler jedoch keine Lehren für seinen Überfall auf die Sowjetunion vier Jahre später.

Mancher im Westen wollte im Japanisch-Chinesischen Krieg ein Gegenstück zum Spanischen Bürgerkrieg sehen. Robert Capa, Ernest Hemingway, W. H. Auden, Christopher Isherwood, der Filmemacher Joris Ivens und viele Journalisten reisten ins Land, brachten ihre Sympathie und Unterstützung für das chinesische Volk zum Ausdruck. Linke, die in geringer Zahl das kommunistische Hauptquartier in Yan’an besuchten, stärkten Mao Zedong den Rücken, obwohl Stalins Unterstützung Chiang Kai-shek und der Guomindang galt. Aber weder die britische noch die amerikanische Regierung waren bereit, aktiv einzugreifen.

Die Regierung von Neville Chamberlain und der größte Teil der Bevölkerung Großbritanniens waren nach wie vor bereit, mit einem wiederauferstandenen und hochgerüsteten Deutschland zu leben. Viele Konservative sahen Nazideutschland als ein Bollwerk gegen den Bolschewismus. Chamberlain, der ehemalige Oberbürgermeister von Birmingham und ein altmodischer Biedermann, beging seinen größten Fehler, als er davon ausging, andere Politiker teilten seine Werte und seinen Abscheu gegen den Krieg. Er war ein hoch kompetenter und effizienter Finanzminister gewesen, aber von Außenpolitik oder Verteidigung verstand er nichts. Angesichts der völligen Skrupellosigkeit des Naziregimes war der Gentleman mit Stehkragen, gezwirbeltem Schnurrbart und Regenschirm völlig überfordert.

Andere, auch solche, die der Linken zuneigten, scheuten sich, Hitlers Regime entgegenzutreten, weil sie immer noch der Meinung waren, Deutschland sei auf der Versailler Konferenz sehr unfair behandelt worden. Sie hatten auch gegen Hitlers erklärten Wunsch, deutsche Minderheiten aus Nachbarländern, zum Beispiel aus dem tschechischen Sudetenland, ins Reich »heimzuholen«, kaum etwas einzuwenden. Vor allem aber war die Vorstellung von einem neuen Krieg in Europa für Briten und Franzosen ein Graus. Dass man es Nazideutschland im März 1938 gestattete, sich Österreich einzuverleiben, schien ein geringer Preis für den Weltfrieden zu sein. Immerhin hatte eine Mehrheit der Österreicher 1918 für den »Anschluss« an Deutschland gestimmt und hieß die Nazis zwanzig Jahre später willkommen. Österreichs Behauptung bei Kriegsende, Hitlers erstes Opfer gewesen zu sein, war reine Heuchelei.

Dann entschied Hitler, im Oktober 1938 in die Tschechoslowakei einzumarschieren. Dies sollte erst nach Abschluss der Ernte in Deutschland stattfinden, da seine Minister andernfalls eine Krise in der Lebensmittelversorgung befürchteten.8 Aber zu Hitlers Ärger überließen ihm Chamberlain und Daladier im September 1938 im Münchner Abkommen das Sudetenland, um den Frieden zu wahren. Das hinderte Hitler an diesem Krieg, gab ihm aber später die Möglichkeit, die ganze Tschechoslowakei kampflos zu übernehmen. Einen weiteren schwerwiegenden Fehler beging Chamberlain, als er sich weigerte, Stalin zu konsultieren. Das bewog den sowjetischen Diktator unter anderem zu dem Entschluss, im August 1939 dem Molotow-Ribbentrop-Pakt zuzustimmen. Wie später Franklin D. Roosevelt im Hinblick auf Stalin glaubte auch Chamberlain in falscher Selbstgefälligkeit, er allein könne Hitler davon überzeugen, gute Beziehungen zu den westlichen Alliierten lägen in dessen eigenem Interesse.

Manche Historiker sind der Meinung, dass die Dinge einen ganz anderen Verlauf genommen hätten, wären Großbritannien und Frankreich im Herbst 1938 bereit gewesen, militärisch zu handeln. Das ist, was die Deutschen betrifft, durchaus möglich. Jedoch bleibt es eine Tatsache, dass weder das britische noch das französische Volk psychologisch zu einem Krieg bereit waren, vor allem weil Politiker, Diplomaten und die Presse sie falsch informiert hatten. Jeder, der damals vor Hitlers Plänen warnte, darunter Winston Churchill, wurde kurzerhand als Kriegstreiber abgestempelt.

Erst im November 1938 gingen vielen die Augen auf, was Hitlers Regime tatsächlich darstellte. Nach der Ermordung eines deutschen Diplomaten in Paris durch einen jungen polnischen Juden wüteten Sturmtrupps der Nazis in der »Reichskristallnacht«, einem Pogrom, dessen Name auf die eingeschlagenen Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte zurückgeht. Die dunklen Wolken des Krieges, die in diesem Herbst über der Tschechoslowakei heraufzogen, ließen in der Nazipartei die Gewaltbereitschaft steigen. SA-Schläger brannten Synagogen nieder, prügelten und erschlugen Juden, verwüsteten deren Geschäfte. Selbst Göring klagte, welch große Menge an ausländischen Devisen es kosten werde, um die unzähligen Glasscheiben zu ersetzen, die aus Belgien bezogen wurden.9

Viele einfache Deutsche waren schockiert, aber die Politik der Nazis zur Isolierung der Juden hatte bewirkt, dass deren Schicksal der Mehrheit ihrer deutschen Mitbürger gleichgültig wurde. Allzu viele ließen sich bald davon verführen, wie leicht man sich an geplündertem jüdischen Vermögen, enteigneten Wohnungen und »arisierten« Geschäften bereichern konnte. Die Nazis waren sehr findig bei den Methoden, mit denen sie immer mehr Menschen in ihre Verbrechen hineinzogen.

Hitlers Besetzung der gesamten Tschechoslowakei im März 1939, eine flagrante Verletzung des Münchner Abkommens, lieferte den endgültigen Beweis, dass sein Anspruch, Deutsche ins Reich »heimzuholen«, ein kaum verhüllter Vorwand war, um weitere Territorien an sich zu reißen. Jetzt sah sich Chamberlain gezwungen, als Warnung an Hitler vor weiterer Expansion Polen Garantien anzubieten.

Der beklagte sich später, er sei 1938 an einem Krieg gehindert worden, »da die Engländer und Franzosen in München alle meine Forderungen akzeptierten«.10 Im Frühjahr 1939 erklärte er dem rumänischen Außenminister die Gründe für seine Ungeduld: »Ich bin jetzt fünfzig, ich will den Krieg lieber jetzt haben, als wenn ich fünfundfünfzig bin oder sechzig.«11

Damit enthüllte Hitler, dass er das Ziel der Herrschaft über Europa noch zu seinen Lebzeiten, also in relativ kurzer Zeit, zu erreichen gedachte. Bei seiner manischen Eitelkeit traute er die Erfüllung dieser Mission keinem anderen zu. Er hielt sich für absolut unersetzbar und erklärte seinen Generalen, das Schicksal des Reiches hänge allein von seiner Person ab. Die Nazipartei und Hitlers chaotische Amtsführung waren niemals dazu bestimmt, Stabilität und Kontinuität hervorzubringen. Hitlers Gerede von einem »Tausendjährigen Reich« verriet den bedeutsamen psychologischen Widerspruch eines überzeugten Junggesellen, der einen perversen Stolz empfand, eine genetische Sackgasse darzustellen und der zugleich eine ungesunde Faszination für den Selbstmord hegte.

Am 30. Januar 1939, dem sechsten Jahrestag seiner »Machtergreifung«, hielt Hitler im Reichstag eine wichtige Rede. Sie enthielt die fatale »Prophezeiung«, auf die er und seine Mittäter bei der »Endlösung« sich immer wieder berufen sollten. Er behauptete, Juden hätten seine Erklärung, er werde einmal Deutschland führen und »auch die Judenfrage zur Lösung bringen«, mit Gelächter aufgenommen. Dann erklärte er feierlich: »Ich will heute wieder ein Prophet sein: Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.«12 Diese haarsträubende Umkehrung von Ursache und Wirkung bildete den Kern von Hitlers obsessivem Gespinst aus Lügen und Selbsttäuschung.

Zwar war Hitler auf Krieg vorbereitet und wollte diesen gegen die Tschechoslowakei führen, aber er konnte nicht verstehen, weshalb die Haltung der Briten nun so plötzlich von Beschwichtigung zu Widerstand wechselte. Er hatte durchaus vor, Frankreich und Großbritannien anzugreifen, aber zu einem Zeitpunkt, den er für richtig hielt. Als bittere Lehre aus dem Ersten Weltkrieg hoffte er die Konflikte einzeln austragen zu können, um niemals an mehr als einer Front kämpfen zu müssen.

Dass die britische Reaktion Hitler so überraschte, zeigt, wie wenig dieser Autodidakt von der Weltgeschichte verstand. Denn der neue Kurs der Regierung Chamberlain folgte einem Muster, an das sich Großbritannien seit dem 18. Jahrhundert in nahezu allen europäischen Krisen gehalten hatte. Der Kurswechsel hatte nichts mit Ideologie oder Idealismus zu tun. Großbritannien hegte nicht die Absicht, Faschismus oder Antisemitismus zu bekämpfen, wenn auch der moralische Aspekt sich später für die nationale Propaganda sehr gut nutzen ließ. Die Motive lagen in seiner traditionellen Strategie. Deutschlands feindliche Übernahme der Tschechoslowakei enthüllte klar, dass Hitler die Vorherrschaft über Europa anstrebte. Damit bedrohte er den Status quo, was selbst ein geschwächtes und wenig kriegsbereites Großbritannien niemals hinnehmen konnte. Zudem unterschätzte Hitler Chamberlains Verärgerung darüber, dass man ihn in München so frech hintergangen hatte. Duff Cooper, der wegen des Verrats an den Tschechen als Marineminister zurückgetreten war, schrieb später, dass Chamberlain »in Birmingham niemals irgendjemanden getroffen hatte, der auch nur annähernd an Adolf Hitler erinnerte. […] Niemand in Birmingham hätte ein dem Bürgermeister gegebenes Versprechen gebrochen.«13

Hitlers Absichten lagen nun offen zutage. Und der Schock über seinen Pakt mit Stalin vom August 1939 bestätigte, dass Polen sein nächstes Opfer sein würde. »Staatsgrenzen werden durch Menschen geschaffen«, hatte Hitler in Mein Kampf geschrieben, »und durch Menschen geändert.«14 Im Rückblick könnte die Verbitterung über den Versailler Vertrag den Ausbruch eines neuen Weltkriegs als unvermeidlich erscheinen lassen, aber in der Geschichte ist nichts vorherbestimmt. Sicherlich waren im Gefolge des Ersten Weltkriegs überall in Europa instabile Grenzen und Spannungen entstanden. Aber es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Adolf Hitler der Architekt dieses neuen und viel schlimmeren Weltenbrandes war, der Millionen Menschen und schließlich auch ihn selbst verschlingen sollte. Und es ist ein weiteres Paradox, dass sich die erste Runde des Zweiten Weltkriegs, in der Yang Kyungjong zum ersten Mal in Gefangenschaft geriet, im Fernen Osten abspielte.

1Stephan Burgdorff und Klaus Wiegrefe (Hrsg.), Der Erste Weltkrieg. Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, München 2004, S. 23–35.

2Ernst Nolte, Der europäische Bürgerkrieg 1917–1945, Frankfurt/Main, 1988.

3Siehe Michael Howard, »A Thirty Years War? The Two World Wars in Historical Perspective«, in: Liberation or Catastrophe? Reflections on the History of the Twentieth Century, London 2007, S. 35 und 67; Gerhard L. Weinberg, Eine Welt in Waffen: Die globale Geschichte des Zweiten Weltkriegs, Stuttgart 1995, S. 12.

4Zum Niedergang des Rechtsstaates in Deutschland siehe Michael Burleigh, Die Zeit des Nationalsozialismus: eine Gesamtdarstellung, Frankfurt/Main 2000, S. 179–256; Richard Evans, The Coming of the Third Reich, London 2005; Ian Kershaw, Hitler 1889–1936, Stuttgart 1998.

5Siehe Sebastian Haffner, Defying Hitler, London 2002, zit. n. Bernard Weiner, http://www.informationclearinghouse.info/article5775.htm

6Joseph Goebbels, Die Tagebücher von Joseph Goebbels, sämtliche Fragmente (TBJG), hrsg. von Elke Fröhlich, München 1987, Teil I, Bd. 4, S. 429. Die beste Analyse der Ursprünge des Holocaust und der damit verbundenen Dispute unter den Historikern findet sich bei Ian Kershaw, Der NS-Staat, Hamburg 2009, S. 165–208; ders., Hitler, the Germans and the Final Solution, New Haven 2008.

7Adolf Hitler, Mein Kampf, München 1933, S. 1.

8Siehe dazu Adam Tooze, Ökonomie der Zerstörung: Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus, Bonn 2007, S. 293.

9Siehe ebenda, S. 327.

10Sebastian Haffner, Anmerkungen zu Hitler, München 1994, S. 29.

11Ebenda.

12Zit. n. Max Domarus, Hitler. Reden und Proklamationen 1932–1945, München 1965, 3 Bde., Bd. 2, S. 1058.

13CCA, Duff Cooper Papers, DUFC 8/1/14, zit. n. Richard Overy, Die letzten zehn Tage: Europa am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, München 2009, S. 34.

14Hitler, Mein Kampf, S. 740.