Für Jens.

Ohne dich wäre ich niemals da, wo ich gerade bin.

Kapitel 1

Mir hatte mal ein weiser Mann gesagt, dass es dem Leben erst den nötigen Pfiff verleihen würde, wenn man spontan wäre. Damals war mein Alltag größtenteils von diversen Strukturen gespickt gewesen und ich hatte mich von diesem Trott so einlullen lassen, dass mir seine Worte Angst gemacht, mir aber auch ein Ticket in die Freiheit versprochen hatten.

Ich beschloss also, morgens nicht wie üblich in die Bahn zu steigen, um zur Uni zu zuckeln und die sterbenslangweilige Vorlesung in Betriebswirtschaftslehre zu besuchen, sondern stattdessen den Tag im Freibad zu verbringen.

Ich hatte den gesamten Vormittag ein schlechtes Gewissen, bombardierte meine Kommilitonen mit Nachrichten, in denen ich nachhakte, ob ich etwas Wichtiges verpasste, und am Ende belohnte mich meine Spontaneität auch noch mit einem richtig fiesen Sonnenbrand.

Das war … uncool.

Danach beschloss ich, es ein wenig moderater anzugehen. Spontaneität konnte Spaß machen, wenn sie denn nicht gerade den eigenen Stresspegel ansteigen ließ. Ehrlich gesagt gab es da bei mir immer schon eine Verbindung – der sehr weise Mann hatte mir seine Worte nicht umsonst mit auf den Weg gegeben. Und obwohl ich mir vornahm, mich ab und an von meinen Gewohnheiten zu lösen, kehrte ich wieder in das eng geschnürte Korsett meines Lebens zurück.

Aber es hatte funktioniert. Eine ganze Weile sogar. Genau genommen bis heute.

Pünktlich um 5:20 Uhr ging mein Wecker. Wie immer gönnte ich mir einen Aufschub von neun Minuten, indem ich die Snooze-Taste drückte, genoss es, mich noch einmal unter der Decke rekeln zu können, und schob die anstehenden Aktivitäten des Tages noch eine Weile von mir. Beim nächsten Alarm sprang ich jedoch voller Elan aus dem Bett, was ein genervtes Brummen von rechts zur Folge hatte.

»Dir auch einen guten Morgen.« Grinsend wartete ich gar nicht erst die muffelige Erwiderung meines Freundes und Mitbewohners Matti ab, der es gestern Abend mal wieder nicht in sein Zimmer geschafft hatte und nun mit den Konsequenzen leben musste.

Mir war klar, dass er sich in sein eigenes Bett zurückziehen würde, während ich mich im Bad fertig machte, weshalb ich ihm einen Abschiedskuss auf die Wange hauchte. Er kniff mir als Erwiderung in den Hintern und mit einem leisen Quietschen zog ich mich zurück.

Genau fünfundvierzig Minuten später war ich bereits auf dem Weg zur Arbeit. In der einen Hand einen Smoothie, in der anderen mein Handy ließ ich mich von der Straßenbahn ins Zentrum bringen, wo ich halbtags in einer Bäckerei arbeitete. Nicht unbedingt die Art von Job, die ich mir nach meinem Studium ausgemalt hatte, aber diese Arbeit garantierte, dass ich meine Rechnungen und die Miete zahlen konnte, bis Matti, Sandra – meine andere Mitbewohnerin – und ich unseren Traum verwirklicht und unsere Social-Media-Agentur zum Laufen gebracht hatten.

Im Gegensatz zu meinen beiden Mitbewohnern war ich ein Morgenmensch, weshalb es mir überhaupt nicht schwerfiel, um diese Uhrzeit aktiv zu sein. Ein einziger Blick in die Runde verriet mir jedoch, dass ich damit relativ allein dastand. Die meisten dösten mit offenen Augen vor sich hin oder waren in ihre Smartphones vertieft wie menschliche Zombies. Ertappt schob ich mein eigenes zurück in die Jackentasche und nahm einen großen Schluck aus meinem Becher.

Um ehrlich zu sein, freute ich mich auf die Arbeit. Ich mochte es, anderen Leuten ihren Kaffee oder ihr Teilchen mit einem aufrichtigen Lächeln zu übergeben, in der Hoffnung, Einfluss auf ihre Laune nehmen zu können. Auch wenn mindestens die Hälfte aller Menschen kaum darauf reagierte … den anderen gab ich vielleicht den nötigen Schubs in die richtige Richtung. Fröhlichkeit war ansteckend und so.

Als ich an der richtigen Haltestelle ausstieg, um die kleine Bäckerei anzusteuern, die sich schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite befand, verrutschte mein Lächeln jedoch gehörig. Anstatt der gewohnt hellen Fensterfront präsentierte sich mir nur eine ausschließlich dunkle Fassade. In den vergangenen sieben Monaten, die ich bereits hier arbeitete, war das noch nicht einmal vorgekommen, weshalb sich augenblicklich ein ungutes Gefühl in mir ausbreitete. Ich hatte nie zum Aufschließen antreten müssen, weil die Besitzer der Bäckerei in der Wohnung im ersten Stock wohnten. Außerdem begann die Arbeit bereits zu einer so frühen Stunde, dass sie selbst für mich unmenschlich war. Stirnrunzelnd lief ich über die Straße, doch auch als ich direkt vor dem kleinen Geschäft stand, änderte sich nichts an dem verwirrenden Umstand. Der Laden war dunkel und die Tür verschlossen.

Beunruhigend!

Eine Weile starrte ich auf das Glas, doch so sehr ich auch versuchte, etwas im Inneren des Gebäudes auszumachen … Da war nichts. Niemand. Und da ich im Normalfall weder aufschließen noch abschließen musste, besaß ich keinen eigenen Schlüssel, weshalb mir gar nichts anderes übrig blieb, als im ersten Stock zu klingeln.

Vor meinem inneren Auge spielte sich bereits ein lustiges Szenario ab: Wie Beate und Jürgen durch mich geweckt wurden, das erste Mal seit Jahren überhaupt in der Situation, verschlafen zu haben. Dass mein Hirngespinst einen dicken Haken hatte, wurde mir nicht direkt bewusst. Sehr wohl jedoch, dass mein Klingeln offenbar keine Reaktion hervorrief.

Ich stand nicht nur vor einem dunklen Laden, sondern auch noch vor einer verschlossenen Wohnungstür der Besitzer.

»Da kannst du lange warten, Kindchen.« Eine zittrige Stimme ertönte hinter mir, ließ mich zusammenfahren.

Als ich mich umdrehte, erkannte ich Frau Lieseling, die in den vergangenen Monaten jeden Morgen etwa gegen neun Uhr vorbeigeschaut hatte, um sich einen Nougatring zu holen.

»Wieso?«, fragte ich, einerseits neugierig, andererseits voller Angst vor den kommenden Worten.

Zu Recht, wie sich herausstellte.

»Jürgen hatte einen Herzinfarkt. Er liegt im Krankenhaus. Sie wissen nicht, ob und wann er wieder auf die Beine kommt – Gott sei ihm gnädig.«

Mit wachsendem Entsetzen sah ich zu, wie die alte Dame sich an die Brust packte und die Augen schloss.

»Aber wieso …?«

Ihre Augen flogen wieder auf. »Beate wird vergessen haben, dir und den anderen Bescheid zu geben. Nimm es ihr nicht übel, ja?« Ein Zittern durchlief ihren Körper. »Ich muss weiter. Nüchtern zum Arzt und im Anschluss leider eine andere Bäckerei aufsuchen.«

Als wenn das in dieser Situation wichtig wäre. Zu meinem Entsetzen gesellte sich jetzt auch noch Groll.

»Mach es gut, Liebchen. Vielleicht sehen wir uns ja bald wieder.«

Im ersten Moment wie erstarrt sah ich zu, wie die alte Dame einfach so davonlief. Als hätten wir gerade über das Wetter gesprochen. »Moment«, rief ich laut, was sie noch einmal innehalten ließ.

»Ja?«

»Wo ist er? Ich meine, in welchem Krankenhaus?«

Ihre Miene wurde weich. »Im Vincent. Du bist ein gutes Mädchen, Sophie. Das wusste ich von Anfang an.« Und mit diesen Worten ließ sie mich endgültig zurück.

Okay. Mein Plan hatte sich soeben geändert. Anstatt zu arbeiten, machte ich auf dem Absatz kehrt, um die nächste Straßenbahn zu nehmen, die mich zum Krankenhaus bringen würde.

Jürgen. In der Klinik. Herzinfarkt. So hatte ich mir den Start in die neue Woche wirklich nicht vorgestellt.

***

Als ich eine knappe halbe Stunde später das Krankenhaus erreichte und mich bis zur Intensivstation durchgefragt hatte, war ich wenig überrascht Beate dort anzutreffen. Sie hatte tiefe Ringe unter den Augen, war blass und ihr Gesicht verquollen. Sobald sie mich erblickte, brach sie in Tränen aus – vermutlich war das in letzter Zeit oft vorgekommen.

»Es tut mir so leid«, brachte sie schluchzend hervor. »Ich habe vergessen dir und den anderen Bescheid zu geben. Ich … es ist …«

Ich nahm sie ihn den Arm, wodurch ich weitere Worte im Keim erstickte. Hilflos musste ich miterleben, wie sich die sonst so agile Frau vor Sorge schüttelte, und meine Befürchtungen, es könnte sich um etwas Ernsteres handeln, wurden immer größer.

»Schon gut«, redete ich auf sie ein. »Ich kann mich darum kümmern, wenn du mir eine Liste überlässt. Oder ich mache einen Aushang. Wenn du willst, dass wir die Bäckerei am Laufen halten, kriege ich auch das organisiert …«

»Nein.« Beate schüttelte heftig mit dem Kopf; neue Tränen traten in ihre Augen. »Keine Arbeit. Die Bäckerei bleibt vorerst geschlossen. Dafür habe ich einfach keinen Kopf.«

Das Leid in ihrer Miene verwandelte sich in Bedauern und mir wurde klar, was sie mir gerade hatte sagen wollen. Ab sofort war ich arbeitslos. Vielleicht nur vorübergehend, vielleicht aber auch länger. Merkwürdigerweise traf mich diese Erkenntnis nicht ganz so hart, wie ich es vermutet hätte – angesichts einer lebensbedrohlichen Erkrankung erschien es wie eine lächerliche Banalität, sich über den Verlust eines Jobs aufzuregen.

Nur durch gutes Zureden schaffte ich es, sie zumindest kurz zur Cafeteria zu locken, wo ich ihr ein belegtes Brötchen und uns beiden einen Cappuccino holte. Mit abgehackter Stimme erzählte Beate mir, dass sie hatte zusehen müssen, wie ihr Mann mitten in der Backstube zusammengebrochen war. Noch am selben Tag hatte man bei einer Herzkatheteruntersuchung Stents gesetzt und die Ärzte waren zuversichtlich Jürgen noch heute auf die Normalstation verlegen zu können. Dennoch war es ungewiss, wann er sich davon erholen würde.

»Vielleicht machen wir eine Reha«, erklärte Beate müde. »Für das Geschäft ist es natürlich eine Katastrophe, aber wir haben genug angespart, um uns die Auszeit nehmen zu können. Und dann müssen wir schauen, wie wir unser Leben entschleunigen. Noch einmal will ich so etwas nicht erleben.«

Zwischen den Zeilen hieß das wohl, dass sie die Bäckerei womöglich verkaufen würden. Meine letzte Hoffnung, in meinen Job zurückkehren zu können, schwand. Aber noch immer war die ganze Situation zu schrecklich, um deshalb mehr als einen dumpfen Schock zu verspüren.

»Du bist so eine Liebe, Sophie. Du hast uns immer sehr unterstützt und die Kunden angezogen.« Beate lächelte mich traurig an. »Du bekommst den Monat noch ausgezahlt. Sollte sich etwas ändern, sage ich dir Bescheid. Aber erst mal …« Sie leerte ihre Tasse und machte Anstalten aufzustehen.

»Natürlich.« Eilig kam ich ihr zuvor, klaubte unser Geschirr zusammen und brachte es zur Rückgabe, während Beate sich bereits in Richtung Ausgang bewegte.

Im Flur trennten sich unsere Wege. Ein letztes Mal nahm ich sie in den Arm und beinahe kamen mir Worte über die Lippen, die ich später womöglich bereut hätte.

Es wird alles gut, hatte ich sagen wollen. Ich hoffte es so sehr, aber ich konnte es ihr nicht versichern. Also wünschte ich ihr und Jürgen lediglich alles Gute und lief gedankenverloren davon.

Nicht einmal zehn Uhr an diesem Montagmorgen und ich stand blinzelnd vor dem gläsernen Krankenhaus, sah in den blauen Himmel, an dem wenige Schleierwolken schwebten. Heute Morgen war ich aus dem Haus gelaufen, um arbeiten zu gehen, jetzt war ich arbeitslos. Kurz überlegte ich, was ich mit dem Tag anfangen sollte, beschloss jedoch, einfach in die WG zurückzukehren. Vielleicht war Matti noch da oder Sandra. Sie würden mich sicher auf andere Gedanken bringen. Mühsam atmete ich tief durch, schob die innere Unruhe beiseite und machte mich auf den Heimweg. Gemeinsam würden wir schon eine Lösung finden.

***

Strukturen waren gut. An ihnen konnte man sich orientieren, sie vermittelten Sicherheit. Dass ich meinen Job verloren hatte, brachte meine Ordnung durcheinander, aber ich wollte mich deshalb ganz sicher nicht beschweren. Wenn man mich ohne Grund vor die Tür gesetzt hätte, würde ich zweifeln. Dass mein Chef einen Herzinfarkt erlitten hatte, war schrecklich, aber ganz sicher keine Absicht und von daher konnte ich es nur als schlimme Fügung betrachten. Immerhin war ich gesund. Vielleicht bald pleite, aber gesund.

Ich war relativ durcheinander, als ich den Schlüssel in unsere Wohnungstür steckte. Um diese Uhrzeit war ich unter der Woche eigentlich nie zu Hause, es fühlte sich seltsam an, beinahe als wäre ich ein Eindringling.

Sobald ich den Flur betrat, verstärkte sich das drückende Gefühl in meiner Magengrube noch um ein Vielfaches, weshalb ich erneut daran denken musste, dass mir ein bisschen Spontaneität nicht schaden würde. Wie schräg war es, wenn man sich dermaßen merkwürdig fühlte, nur weil man zu einer ungewohnten Zeit nach Hause kam?

Gefangen von dieser wirren Selbsterkenntnis gab ich keinen Laut von mir, während ich den kleinen Eingangsflur durchquerte, um meine Schuhe abzustreifen und die Jacke an den Haken zu hängen. Ich hielt kurz vor dem Spiegel inne, sah in meine großen, runden Augen und hielt die Luft an. Genau jetzt vernahm ich ein seltsames Geräusch aus der Küche, das augenblicklich eine Gänsehaut über meinen Rücken jagte. Im ersten Moment erfasste mich Sorge, aber die wurde sehr schnell von einem weitaus unangenehmeren Gefühl abgelöst, das sich nur verstärkte, als sich ein zweites Stöhnen untermischte.

Und das war mir durchaus bekannt.

Viel, viel, viel zu bekannt.

In diesem Moment geschah etwas mit mir. Keine Ahnung, ob es bereits eine Vorahnung war, dass mein Leben gleich vollends aus den Fugen geraten würde, aber ich verspürte den dringenden Impuls zu fliehen. Jetzt, auf der Stelle, ehe ich etwas sah, das ich womöglich nie wieder vergessen würde. Vielleicht war ich deshalb feige. Vor allem aber hatte ich Angst. Ein Teil von mir musste bereits ahnen, dass dies hier meine Kräfte deutlich übersteigen würde.

Dann wurde das Stöhnen lauter und ich erwachte aus meiner Schockstarre. Nein! Wenn ich jetzt davonlief, würde mich der Gedanke, was ich nicht gesehen, nicht entdeckt haben könnte, für immer verfolgen. Ein letzter flüchtiger Blick in den Spiegel offenbarte mir nach wie vor weit aufgerissene Augen, nun aber auch noch hektische Flecken auf den Wangen. Ein beinahe fremdes Gesicht; gänzlich anders als heute Morgen, ehe ich die Wohnung verlassen hatte. Mein Herz geriet ins Stolpern.

Bis zur Küche waren es nur wenige Schritte. Wir hatten bereits im vorigen Jahr die Tür entfernt, weshalb ich mich lediglich durch den offenen Rahmen schieben musste, um den Raum zu betreten. Je näher ich kam, desto lauter wurden die Geräusche – und desto unmissverständlicher.

Merkwürdigerweise hatten sie mich noch immer nicht bemerkt. Vielleicht war es auch doch nicht so merkwürdig, denn offenbar waren meine beiden Mitbewohner viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um so etwas Profanes wie das Schließen der Wohnungstür wahrzunehmen. Oder Schritte.

Meine Unruhe verdichtete sich zu einem heftigen Schmerz, als ich den letzten Meter hinter mich brachte und bestätigt sah, was mein Herz bereits wusste.

Matti und Sandra.

Eng umschlungen.

Auf der Arbeitsfläche.

Nackt.

In diesem Moment hätte ich wirklich gern würdevoller reagiert. Idealerweise durch einen leisen Rückzug, um die nächsten Schritte zu planen. Oder durch ein beherztes Räuspern, das meine Missbilligung ausdrückte. Stattdessen jedoch gingen meine Nerven mit mir durch und ich schrie los. Ein spitzer, unbeherrschter Schrei, der zweierlei Dinge auslöste:

Matti wich vor Sandra zurück, wodurch ich in den zweifelhaften Genuss des Anblicks sämtlicher Geschlechtsorgane meiner beiden Mitbewohner kam.

Und Sandra fiel von der Arbeitsfläche.

Ihr dumpfer Schrei hatte nichts mit meinem Ausruf gemein, war eher eine Mischung aus Überraschung und Schmerz. Am schlimmsten fand ich in diesem Moment jedoch, dass sie nicht etwa wirkte, als würde es ihr leidtun. Sie sah ertappt aus, ja. Aber ganz bestimmt nicht zerknirscht.

Anders als Matti, der sofort auf mich zugelaufen kam.

»Sophie, Babe, ich kann das …«

»Halt die Klappe!«, unterbrach ich ihn schrill. Mit ausgestreckten Händen versuchte ich zu verhindern, dass er mir in all seiner schrecklich nackten Pracht zu nahe kam. Ein bisschen zu viel wedelnder Penis, wenn man bedachte, dass dieser gerade nicht wegen mir aufgerichtet war. Mir wurde schlecht. »Ich will auf gar keinen Fall diesen Klischeesatz hören. Eigentlich will ich gar nichts hören. Ich meine – was zum Teufel …?«

»Wieso bist du schon zu Hause?«, ließ nun Sandra verlauten, die sich bereits aufgerappelt hatte und geistesgegenwärtig ein Küchentuch vor ihre Scham hielt. »Du musst doch eigentlich arbeiten.«

»Na und?« Mir fiel im wahrsten Sinne des Wortes die Kinnlade nach unten. »Was spielt das für eine Rolle? Was … ich meine, wie lange geht das hier schon?«

»Nicht lange«, rief Matti aus, während Sandra »eine Weile« murmelte. Dabei wich sie meinem Blick gekonnt aus.

Nun manifestierte sich ein weiterer Kontrollverlust, auf den ich am liebsten verzichtet hätte: Tränen lösten sich aus meinen Augenwinkeln. »Ich verstehe das nicht. Wieso?«

Sandra, die zuvor so forsch gewirkt hatte, schien endlich zu realisieren, was hier gerade geschah, denn auch in ihre Miene mischten sich Leid und Bestürzung. Als wenn es das wiedergutmachen würde. Als wenn ihr schlechtes Gewissen den Schmerz in meiner Brust lindern könnte. Obwohl es verflucht wehtat, wanderte mein Blick zu Matti, der immer noch splitternackt mitten im Raum stand. Er wirkte noch viel mitgenommener als Sandra, aber beide zusammen ergaben trotzdem eine unerträgliche Mischung aus Schock und Verrat. Meine Lippen teilten sich, mehr als ein Krächzen brachte ich jedoch nicht hervor. Alles um mich herum schien in sich zusammenzufallen. Wenige Stunden hatten gereicht, um sämtliche Stabilität in meinem Leben zu zerstören.

Meinen Job.

Meine Freundschaft zu Sandra.

Meine Beziehung zu Matti.

Und unsere gemeinsame Zukunftsperspektive.

Nun überkam mich erneut der Impuls zu fliehen und dieses Mal gab ich ihm nach. Ich hatte alles gesehen. Es gab keine offenen Fragen mehr. Für den Moment war das mehr als genug.

Kapitel 2

Spontaneität würde dem Leben erst den gewissen Pfiff verleihen, hatte ich mir sagen lassen. Nun, wenn das hier nicht spontan war, dann wusste ich es auch nicht. Am Morgen hatte meine Welt noch ausgesehen wie immer. Und lediglich fünf Stunden später befand ich mich bereits in meinem altersschwachen Twingo, den ich normalerweise nur für die größeren Einkäufe verwendete. Keine Ahnung, wann er das letzte Mal mehr als eine Kurzstrecke hinter sich gebracht hatte … Ich hoffte von Herzen, dass nicht auch noch er mich im Stich lassen würde.

Der Kofferraum war wahllos vollgestopft mit einigen meiner Habseligkeiten, die mir wichtig genug vorgekommen waren, um nicht zurückgelassen zu werden. Verschwommene Bilder von den Szenen nach meiner Entdeckung blitzten immer wieder vor meinem inneren Auge auf: nackte Haut, spärlich bedeckte Haut. Geschrei. Bittende Blicke. Hände, die mich aufhalten wollten, die meinen Weg blockierten. Aber ich hatte mich durchgesetzt, ohne mehr als drei Sätze zu sprechen – und die waren nicht freundlich gewesen. Mascara-Spuren auf meinen Wangen zeugten von der Enttäuschung, die meinen Magen verknotete, und meine Wangen spannten unter der Salzkruste, die sich zweifelsohne gebildet hatte.

Ich fühlte mich verloren.

Noch hinterfragte ich meine Entscheidung kein bisschen – im Gegenteil. Wann immer ich aus dem Augenwinkel sah, dass mein Handy aufleuchtete, weil ein weiterer Anruf oder eine Nachricht einging, verstärkte es mein Bedürfnis, alles hinter mir zu lassen. Meine beschauliche Welt mit all ihren Strukturen, zumindest jenen, die noch übrig geblieben waren, schien näher zu rücken, mich zu erdrücken und plötzlich gab es für mich keine andere Möglichkeit als die, eine Weile Unterschlupf zu suchen.

Gott sei Dank kannte ich hierfür die perfekte Lösung. Ich musste lediglich heil ankommen, was bei den klappernden Geräuschen meines Wagens und meinem Gefühlsdurcheinander leider noch in den Sternen stand.

Auf halber Strecke machte ich einen kurzen Zwischenstopp bei einer Raststätte. Die schrägen Blicke, die mir andere Leute zuwarfen, ließen mich schnell Richtung Sanitärbereich laufen, um zumindest die gröbsten Spuren meiner Weinkrämpfe zu entfernen. SANIFAIR sei Dank waren die hiesigen Toiletten nicht mehr ganz so schrecklich, aber es erfüllte mich dennoch mit einem unguten Gefühl, auf öffentliche WCs zu gehen. In Windeseile erledigte ich mein Geschäft, rubbelte meine Wangen sauber, bis sie rot glänzten, und gönnte mir dann zur Belohnung einen extra großen Cappuccino to go, an dem ich mir auf dem Rückweg zum Auto prompt die Zunge verbrannte.

Dieser Tag! Er war so ziemlich das Schlimmste, was mir hätte passieren können. Für einen kurzen Moment zog ich in Erwägung, mein eigentliches Ziel anzupassen und mich für ein paar Tage in irgendein billiges Hotel zurückzuziehen, um mich wieder in den Griff zu kriegen, aber dagegen sprach ein gewichtiges Argument: Ich hatte kein Geld für solche Spielchen. Nun, da ich erst einmal ohne Job dastand, konnte ich nicht einschätzen, wann sich dieser Umstand ändern würde. Meine Rücklagen waren winzig, Verschwendungen dieser Art also unklug. Gott sei Dank funktionierte ein Teil meines Hirns noch ausreichend, um mich vor weiterem Chaos zu beschützen. Kein Hotel. Aber ich gönnte mir ein paar Minuten hinter dem Steuer, trank in kleinen Minischlückchen Koffein und wagte einen Blick auf mein Handy.

Fünfzehn entgangene Anrufe, davon zwölf von Matti, zwei von Sandra und einer von meiner Mutter. Mein Herz machte einen unangenehmen Satz in die Höhe. Wie ich mein Glück kannte, hatte Matti sie kontaktiert und nun machte sie sich Sorgen. Da ich jedoch aktuell keinen Kopf dafür hatte, mit ihr zu reden, verschob ich den Rückruf auf später.

Halbherzig scrollte ich durch die Vorschau der eingegangenen Nachrichten, alle in dem Gruppenchat, den unsere WG in glücklicheren Zeiten gegründet hatte. Eigentlich für praktische Absprachen, was Einkäufe und Notwendigkeiten anging, nun aber offensichtlich der Ort, an dem meine Mitbewohner ihr Gewissen reinwaschen wollten. Als ich die dritte Entschuldigung las, sperrte ich seufzend den Bildschirm. Meine Augen begannen wieder zu brennen und auch wenn keine Mascara mehr übrig war, die sich noch in meinem Gesicht hätte verteilen können, war das Letzte, was ich wollte, ein neuerlicher Zusammenbruch. Energisch startete ich eine Gute-Laune-Playlist bei Spotify, auch wenn mir eher nach Schnulzen war, und startete den Wagen, um die letzten hundertfünfzig Kilometer hinter mich zu bringen. Ich brauchte diesen Tapetenwechsel, und zwar dringend. Zum Glück gab es eine greifbare Lösung für all den Herzschmerz: die Nordsee. Und ich war auf dem besten Weg, mir eine Überdosis dieser ganz speziellen Medizin zu gönnen.

Mit etwas mehr Schwung als nötig fuhr ich aus der Parklücke. Wenigstens jetzt meinte es das Schicksal gut mit mir: Ohne Blechschaden machte ich mich wieder auf den Weg.

***

Keine Ahnung, wieso mein letzter Besuch bereits so weit zurücklag. Sobald ich die Autobahn verließ und über die kleinen Landstraßen tuckerte, die mich immer wieder durch Ortschaften führten, die vornehmlich ein »Siel« im Namen trugen oder anderweitig nach Norden schrien, breitete sich bereits eine innere Ruhe in mir aus. Noch immer fühlte ich mich verletzt und desorientiert, aber der Zauber des platten Landes begann zu wirken und tatsächlich regte sich in mir sogar so etwas wie Vorfreude.

Spontaneität verlieh dem Leben erst die richtige Würze. Tatsächlich streute sie gerade zumindest ein bisschen Zucker über das schreckliche Durcheinander in meinem Innersten. Ich hoffte – und war mir eigentlich sehr sicher –, dass mein Opa das auf jeden Fall anerkennen würde. Auch wenn er nun derjenige war, der unter meinem Ausbruch von Impulsivität leiden würde – immerhin sah mein nicht ganz durchdachter Plan vor, dass er mir vorerst Unterschlupf gewähren würde. Hoffentlich war er zu Hause und nahm es mir nicht übel, dass ich meinen Besuch nicht angekündigt hatte. Andererseits – wir standen uns so nahe, wie das bei einer räumlichen Distanz von knapp über dreihundert Kilometern eben möglich war, und wahrscheinlich würde er sich tierisch freuen, sobald ich erst einmal vor seiner Tür stand.

An diesen Gedanken klammerte ich mich verzweifelt fest.

Ehe ich die kleine Ortschaft erreichte, in der mein Opa ein wunderschönes ehemaliges Bauernhaus bewohnte, machte ich einen Zwischenstopp bei einem Supermarkt. In all dem Chaos meines Aufbruchs hatte ich zwar allerhand Klamotten, ein paar Bücher und meine Orchidee eingepackt, aber leider voll und ganz die Sachen aus dem Bad vergessen. Also deckte ich mich mit dem Notwendigsten ein, packte Pralinen und eine Flasche Friesengeist dazu und kurz darauf hielt mich wirklich gar nichts mehr davon ab, den Menschen zu besuchen, der mir in all dem Chaos der wichtigste war. Nicht umsonst hatte ich mich auf direktem Weg zu ihm aufgemacht, als mir klar geworden war, dass ich die WG verlassen musste. Vorerst. Vielleicht auch für immer. Das würde ich hier oben herausfinden müssen.

Ich seufzte auf. Was auch immer die Nordsee an Zaubern wirkte, sie kam nicht vollends gegen die Trauer an, die sich tief in mir eingenistet hatte und nun wieder Raum einnahm. Vermutlich musste ich mich an diese zwiespältigen Gefühle gewöhnen. Ich hatte zwar keine großen Erfahrungen mit einem gebrochenen Herzen, aber meine Traurigkeit erschien mir … passend.

Das letzte Stück bis zum Hof brachte ich still hinter mich; ohne Radio oder Selbstgespräche, dafür mit Kloß im Hals und wachsender Sehnsucht. Als wäre ich ein ausgetrockneter Schwamm, saugte ich meine Umgebung in mich auf. Die flachen Weiden, auf denen kuschelige Schafe oder gefleckte Kühe grasten. Die niedrigen Häuser aus rotem Backstein, die mal vereinzelt herumstanden oder sich immer wieder zu kleinen Ortschaften verdichteten. Die Höfe und Silos und, am allerwichtigsten, der Deich zu meiner Rechten, dem ich immer näher kam, nur um mich wieder zu entfernen. Dahinter lag sie, die Nordsee, ich konnte den Sand schon unter meinen Füßen spüren. Aber erst einmal musste ich ankommen.

Dass zwei Autos die Stellplätze blockierten, löste nur im ersten Moment Irritation bei mir aus. Seit ein paar Wochen hatte mein Opa einen neuen Mitbewohner. Ich fand die Idee süß, dass er jemandem ein Zimmer vermietete, um nicht ganz so allein zu sein. Beim Gedanken daran, wie er und der andere Mann, den er am Telefon Sepp genannt hatte, abends gemeinsam eine Tasse Tee tranken oder stumm den Deich entlangstapften, wurde mir warm ums Herz und meine Neugierde auf die Altherren-WG übertünchte die negativen Gefühle für den Moment.

Da ich wusste, dass ich mich auch auf den Grünstreifen vor der verlassenen Scheune stellen durfte, parkte ich den Twingo neben dem verwitterten Tor und atmete tief durch, sobald der verklingende Motor eine dröhnende Stille im Innenraum hinterließ.

Angekommen. Und das ohne nennenswerten Zwischenfall auf motorisierter oder emotionaler Ebene. Gott sei Dank.

Ein Gutes hatte dieser Platz: Die Überraschung, die meine Ankunft auslösen würde, konnte ich noch hinauszögern. Ich kletterte aus dem Wagen und dehnte mich ausgiebig. Eine Gänsehaut überzog meinen Körper, aber zum ersten Mal an diesem Tag eine von der guten Sorte. Hier oben war es immer ein bisschen frischer, der Wind stärker. Ich mochte die Klarheit, die in der Luft lag, und lief erst mal ein paar Schritte am zweiten Deich entlang, an dem sich der Hof meines Opas befand. Streng genommen war dies hier kein richtiges Dorf, nicht einmal ein Ort. Einfach eine Ansammlung von ein paar Häusern. Als waschechte Städterin war es mir hier manchmal deutlich zu einsam und nachts, wenn nicht eine Straßenlaterne die Wege beleuchtete, definitiv zu gruselig, aber um den Kopf freizubekommen, war es ideal. Ich lief die paar Meter bis zum Deichtor. Von dort aus konnte man einen weiteren Deich in etwa fünfhundert Metern Entfernung erblicken und dahinter befand sich das Meer. Kurz zog ich in Erwägung, einen der Trampelpfade dorthin zu nehmen und erst einmal einen Blick auf die Weite zu werfen, doch das Bedürfnis, eine der herzlichen Umarmungen meines Opas zu erhalten, war deutlich größer. Mit einem Kribbeln im Magen kehrte ich also um. Wie er wohl reagieren würde, wenn ich so plötzlich und unerwartet vor seiner Tür stand?

Ich würde es schon bald erfahren. Das Lächeln, das bei diesem Gedanken meine Züge erhellte, war trotz meiner Gefühlslage echt.

***

Dass ich schreien konnte, hatte ich heute bereits eindrucksvoll zur Schau gestellt. Dass ich mich blamieren konnte, musste ich offenbar noch beweisen. Während ich so dastand, mit nichts als meinem gebrochenen Herzen, einer kleinen Handtasche und in der Erwartung, dass ein älterer grauhaariger Mann mir die Tür öffnen würde, war das Letzte, womit ich rechnete, Folgendes: Etwa zehn Sekunden, nachdem ich schwungvoll geklingelt hatte, näherten sich Schritte und kurz darauf öffnete mir jemand die Tür.

Nicht mein Opa.

Auch kein anderer älterer Kerl.

Nein. Vor mir stand ein Mann, der maximal wenige Jahre älter war als ich, und er trug eine dieser schwarzen Strickmützen, die ich augenblicklich mit einem Verbrecher in Verbindung brachte. Seine Miene war bestenfalls als grummelig zu bezeichnen, vielleicht auch als etwas irritiert. Und ich war definitiv verwirrt, denn diese Kombination – ein unerwartet junger Mann mit grimmiger Miene und schwarzer Strickmütze – löste einen interessanten Impuls in mir aus.

Ich nahm meine Handtasche und schlug schreiend auf ihn ein. »Wer zum Teufel sind Sie und was wollen Sie in diesem Haus?«

Man konnte argumentieren, dass es nicht die klügste Idee gewesen war, einen Fremden anzugreifen. Noch dazu einen, der mindestens einen Kopf größer war und definitiv die breiteren Schultern besaß. Ich schaffte es jedenfalls nicht einmal, ihn zu treffen, dafür jedoch bekam er meine Handgelenke zu fassen und hielt mich schon im nächsten Moment schraubstockgleich fest.

»Was zur Hölle …?«

In dem Versuch, mich aus seinem Griff zu lösen, geriet ich ins Stolpern. Irgendwie schaffte ich es auf die Weise, über die Türschwelle zu gelangen, was einerseits gut, andererseits schlecht war. Wenn es sich bei diesem Mann – wie ein verlorener Teil meines Hirns mir vorgegaukelt hatte – wirklich um einen Einbrecher handelte, steckte ich womöglich in Schwierigkeiten. Allerdings war dort drin irgendwo mein Opa und ich wollte ihm helfen, sofern es denn nötig war. Dazu musste ich jedoch irgendwie an diesem Kerl vorbeikommen …

»Schön langsam, bitte. Wer sind Sie?«

Ein unangenehmes Gefühl klopfte an; ein Hauch von Unbehagen, ein leichtes Prickeln, das mich zur Vorsicht mahnte. Für einen kurzen Moment gab ich meinen zappelnden Widerstand auf und offenbar reichte das dem Fremden, denn er lockerte seinen Griff so weit, dass ich mich schnaufend von ihm lösen konnte. Mit etwa einem Meter Abstand verschränkte ich die Arme vor meiner Brust und blickte den Mann defensiv an. »Das könnte ich wohl eher Sie fragen.«

Er lachte auf. Er lachte! »Oh, ich bin mir sicher, dass ich der Erste bin, der ein Anrecht auf Fragen hat. Also. Wer sind Sie – und welcher Teufel hat Sie denn geritten?«

Gerade als ich meinen Mund erneut aufmachen und darauf etwas erwidern konnte, ertönte eine allzu bekannte Stimme in den Tiefen des Hauses. »Was ist denn hier los, Sepp?« Im nächsten Moment bog mein Opa um die Ecke und seine verwirrte Miene vollzog eine beinahe lustige Wandlung. »Sophiechen! Ich glaube es nicht! Was führt dich denn hierher?«

Dummerweise war ich gar nicht dazu bereit, seine überraschte Freude aufzunehmen, denn mein Hirn versuchte gerade weitaus kompliziertere Dinge zu verarbeiten.

»Du … bist Sepp?«, brachte ich krächzend hervor.

Offenbar schien es bei ihm klick zu machen. In Sepps Miene – die weitaus weniger Falten aufwies, als ich es erwartet hatte – breitete sich ein Grinsen aus. Eines von der bösen Sorte. »Sophiechen also. Wie schön, dass wir uns endlich kennenlernen. Dass du so brutal bist, hat dein Opa mir allerdings verschwiegen.«

Also gut. Ich konnte mich auch blamieren. Hervorragend. Dieser Tag war eine einzige Katastrophe.

Kapitel 3

Kurze Zeit später saß ich in der gemütlichen Küche meines Opas. Ich hatte abgelehnt meine Sachen zuerst ins Haus zu holen. Zum einen, weil ich plötzlich gar nicht mehr so überzeugt war von der Idee, hier eine Weile unterzutauchen, zum anderen, weil ich das Chaos in meinem Kofferraum lieber allein sortieren wollte. So fragend, wie Opa mich vorhin angesehen hatte, wären sowohl er als auch der Mann, dessen Gesicht ich lieber direkt wieder vergessen wollte, zu meiner Hilfe geeilt. Aber nein danke. Ich hatte mich bereits genug blamiert. Einen derartigen Einblick in mein aktuell vorherrschendes Chaos wollte ich nur ungern geben – außerdem musste ich mir darüber klar werden, was ich jetzt eigentlich anstellen wollte, nun da ich hier war. Das große Problem der Spontaneität: Entscheidungen dieser Art waren selten wohldurchdacht.

Ich hasste es, Dinge nicht genau planen zu können. Dieses Gefühl rief Hilflosigkeit in mir hervor. Hilflosigkeit und den Drang, mir einen Zettel zu schnappen und Listen zu erstellen. Es gab nichts Besseres als fein säuberliche To-do-Listen mit exakt definierten Punkten, die man sauber abhaken konnte, einen nach dem anderen. Darin war ich eine wahre Königin. Aber mit unkalkulierbaren Situationen umgehen? Das gelang mir offenbar nur, indem ich noch mehr Chaos erschuf. Eine Art Negativkreislauf. Großartig.

Überzeugt davon, dass es gar nicht mehr schlimmer werden konnte, rührte ich konzentriert in meiner Tasse. Opa pflegte eine ausgedehnte Teekultur, wie das die Friesen so an sich hatten, aber er wusste, dass ich nicht allzu viel damit anfangen konnte, weshalb er mir einen dampfenden Kakao serviert hatte. Diese Geste hatte mich in das kleine, stille Mädchen zurückverwandelt, das so gern an diesem mit Schnitzereien verzierten Küchentisch gesessen und gemeinsam mit ihrem Großvater geschwiegen hatte. Gleichzeitig fühlte ich mich geborgen. Klein und geborgen.

Und durcheinander.

Noch immer brannten meine Wangen vor Scham. Ich konnte nicht fassen, dass ich seinen Untermieter zur Begrüßung hatte verdreschen wollen.

Mit meiner Handtasche.

Eine grandiose Idee, die einem schrecklichen Tag definitiv die Krone aufgesetzt hatte. Damit hatte ich mich heute mehr als einmal nicht gerade von meiner besten Seite gezeigt und auch wenn es dafür stichhaltige Gründe gegeben hatte, machte es mein Verhalten doch nicht erträglicher. Seufzend schloss ich die Augen. Als kleines Mädchen wäre es leichter gewesen, mit den Konsequenzen umzugehen. Als Erwachsene trug man wesentlich mehr Verantwortung für sein Tun.

»Sophiechen.« Opa klang besorgt. »Bitte entschuldige meine Worte, aber du siehst nicht gut aus.«

Natürlich musste sich das verräterische Brennen hinter meinen Lidern genau jetzt wieder ankündigen. Trotzig riss ich meine Augen auf, hob die Tasse an meine Lippen und nahm einen großen Schluck. Wenigstens konnte ich mich so auf die Wärme konzentrieren, die meine Kehle hinabrann.

Mit einem Ausdruck von tiefstem Verständnis sank Opa mir gegenüber auf einen der knarrenden Küchenstühle und eine Weile lang hörte man nichts als das Ticken der Küchenuhr. Ein Monstrum aus dunklem Holz, das zur vollen Stunde unterschiedliche Vogelgeräusche zum Besten gab – so schrullig und speziell wie beinahe alles in diesem Haus und einer der Gründe, warum ich mich hier augenblicklich wohlfühlte. Um mich abzulenken, ließ ich meinen Blick schweifen. Seit meinem letzten Besuch hatte sich hier nichts wesentlich geändert – abgesehen von einem Monstrum von Kaffeevollautomat, das wie ein Fremdkörper in der Ecke der Küche stand und mich blitzend herausforderte. Stirnrunzelnd ließ ich diese Technologie auf mich wirken.

»Bist genau richtig gekommen.« Mit diesen Worten lenkte er meine Aufmerksamkeit effektiv auf sich. Meine Augenbrauen wanderten fragend nach oben, doch er sah nicht etwa mich an, sondern starrte zur Glastür neben der Küchenzeile. Von dort aus konnte man direkt den Hinterhof betreten, der von buschigen, hochgewachsenen Hecken und einem Teil der Scheune abgeschirmt wurde. Ich sah eine Menge Unkraut, aber auch saftiges Gras, ein paar blühende Büsche, die immer wieder erzitterten, und einen Teil des Lebensbaums, der mehrere Meter in die Höhe gewachsen war. Selbst dort hinten war es nicht windstill. Nie.

Ein Umstand, den ich liebte – aber ich wohnte hier ja auch nicht. Vielleicht würde es anders aussehen, wenn ich im Norden leben würde. Als Besucher auf Zeit erhoffte ich mir jedes Mal einen Sturm, bei dem ich es mir gemütlich machen konnte. Romantik pur. Aber wenn man tagtäglich mit dem rauen Klima leben musste, verlor man sicherlich den verklärten Blick darauf.

Unsicher, worauf mein Opa mit seinen Worten hinauswollte, und seltsam abgelenkt durch die zitternden Büsche, schwieg ich. Offenbar fasste er das als Einladung auf weiterzureden.

Opa richtete seine Aufmerksamkeit auf mich und obwohl er lächelte, wirkte er gleichzeitig wachsam. »Wir hatten zuletzt viel Regen. Aber die nächsten Tage sollen schön werden. Hast du etwa den Wetterbericht gesehen und gedacht, du könntest einen Kurzurlaub gebrauchen?«

Ein weiterer Vorstoß, der meine Kehle eng werden ließ. Auf keinen Fall wollte ich ihn anlügen, aber ich konnte auch nicht riskieren völlig zusammenzubrechen, wenn ich nun zu reden begann. Dafür war es noch ein bisschen früh. Ich wollte zumindest ein paar Stunden hier sein, vielleicht sogar Tage, ehe er meine geistige Zurechnungsfähigkeit vollständig infrage stellte.

Sehr zu meinem Glück – oder auch nicht – klopfte es in diesem Moment dreimal scharf an der Küchentür, ehe diese schwungvoll aufgestoßen wurde. Niemand anderes als Sepp betrat den Raum, mit wachsam erhobenem Arm und zusammengekniffenen Augen. Zwar rettete er mich vor einer Antwort, doch ich hatte gehofft ihm nicht so schnell wieder über den Weg zu laufen. Außerdem begriff ich sofort, was er mit seiner komischen Haltung ausdrücken wollte, was die Mischung aus Scham und Ablehnung in meiner Magengrube erneut hochkochen ließ. Meine Finger zuckten; am liebsten hätte ich den schweren Zuckerbecher nach ihm geworfen. Bei meinem Glück hätte ich ihn jedoch weit verfehlt und stattdessen eine Macke in eines von Opas Möbelstücken gehauen, also schob ich stattdessen meine Hände unter die Oberschenkel. Nur für den Fall, dass meine Impulsivität doch mit mir durchging. Heute konnte ich offenbar für nichts garantieren.

»Okay. Die Luft ist rein.«

So ein überflüssiger Kommentar, der auch noch Wut zu meinem Gefühlscocktail hinzufügte. Mit einem leisen Schnauben richtete ich den Blick auf die Tischplatte, versuchte Muster in den unzähligen kleinen Macken und Kratzern zu entdecken.

Sepp trat an uns vorbei zur Küchenzeile, wo er an der Kaffeemaschine herumhantierte. Nun war klar, vom wem das Ding stammte. Nicht dass ich es mir nicht vorher hätte denken können. Ehe mein Opa sich so ein Monstrum kaufen würde, brühte er seinen Kaffee lieber per Hand mit einem Filter auf. Ein sattes Mahlgeräusch ertönte und kurz darauf drang der verführerische Duft frischen Kaffees an meine Nase. Widerwillig hob ich den Kopf, nur um zu sehen, dass Sepps Blick auf mir ruhte. Etwas funkelte in seinen Augen, was ich im ersten Moment nicht deuten konnte. Ein bisschen zu schnell wandte ich mich wieder ab – unter seiner Beobachtung fühlte ich mich wie ein kleiner Trampel.

Ein Kakao trinkender, Handtaschen schwingender und trauriger Trampel.

Vielleicht sollte ich wirklich einfach wieder verschwinden. Irgendwo gab es bestimmt eine preisgünstige Pension, in der ich mich ein paar Tage verkriechen konnte. Oder ich campte am Meer. Wenn das Wetter wirklich besser werden sollte, wäre das eine realistische Option …

»Ich glaube, so richtig habt ihr euch einander noch nicht vorgestellt, oder?« Opa riss mich einmal mehr aus meinen trübsinnigen Gedanken. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, ein viel zu wissender Ausdruck lag in seinen Augen. Sepp trat näher, zog sich einen Stuhl hervor und sank darauf nieder – ebenfalls mir gegenüber.

Toll. Jetzt fühlte ich mich wie vor dem Jüngsten Gericht. Zwei Männer saßen vor mir und starrten mich aufmerksam an.

Ich seufzte auf. »Nein. Ich schätze, jegliche Chance auf eine vernünftige Begrüßung habe ich mit meinem Angriff zerstört.«

»Das musst du mir sowieso etwas genauer erklären.« Die Aufforderung kam nicht etwa von Opa, sondern von Sepp. Am liebsten hätte ich ihn ignoriert, doch keinerlei Provokation lag in seiner Stimme, sondern ehrliche Neugierde. Vielleicht war es das. Vielleicht war mir aber auch einfach nur klar, dass ich den beiden wirklich ein paar Antworten schuldete. Immerhin war ich einfach so ohne Ankündigung bei ihnen aufgetaucht, mit dem offensichtlichen Ziel, erst einmal zu bleiben. Vorsichtig zog ich meine Hände hervor, legte sie um die immer noch warme Tasse und richtete meinen Blick auf die dunkle sahnige Flüssigkeit, ehe ich zu reden begann.

»Ich hatte einen wirklich miesen Tag. Wahrscheinlich war es der wohl beschissenste seit einer ganzen Weile. Eben sind einfach meine Nerven mit mir durchgegangen, denn um ehrlich zu sein …« Nun wagte ich es doch, Sepp anzusehen. »… habe ich damit gerechnet, dass du mehr als doppelt so alt bist.« Seine rechte Augenbraue wanderte nach oben, aber da seine Mundwinkel leicht zuckten, fand ich den Mut weiterzureden. »Du hast außerdem nicht sonderlich freundlich ausgesehen, als du mir die Tür geöffnet hast, und mein erster Gedanke war, du könntest ein Einbrecher sein.«

So. Es war raus. Mit angehaltenem Atem beobachtete ich sein Mienenspiel: von Belustigung über Bestürzung und zurück zu Erheiterung. Schließlich wirkte er beinahe entrüstet. »Ein Einbrecher? Von all den Erklärungsmöglichkeiten hast du dich ausgerechnet daran festgeklammert? Offenbar muss ich etwas an meinem Image arbeiten.« Nachdenklich befingerte er die Stoppeln an seinen Wangen.

Und ich? Ich spürte, wie mein Gesicht erneut zu brennen begann.

Opa lachte leise auf. »Scheinbar war ich nicht deutlich genug, als ich dir von ihm erzählt habe.«

»Genau genommen hast du fast gar nichts gesagt«, korrigierte ich ihn murmelnd. »Nur seinen Namen und dass er nett ist.«

»Was natürlich untrügliche Hinweise darauf sind, dass ich jenseits der sechzig sein muss«, warf der blöde Kerl unnötigerweise ein.

Ich funkelte ihn böse an. »Entschuldige bitte, aber ich kenne weder Männer in meinem Alter, die Sepp heißen, außer sie stammen vielleicht aus Bayern, noch …« Ich atmete scharf ein, verkrampfte meinen Griff um die Tasse und zählte innerlich bis fünf, ehe ich weiterreden konnte. Keine Ahnung wieso, aber dieser Mann zerrte meine schlechtesten Manieren zum Vorschein. »Um ehrlich zu sein, finde ich es ungewöhnlich, wenn jemand wie du bei einem Senior einzieht.«

»Hey!« Nun schaltete sich mein Opa ein. »Ich finde diese Bezeichnung schrecklich. Sie lässt mich so alt wirken.« Unter meinem Blick begann er zu schmunzeln. »Okay, ich bin alt. Aber nicht steinalt. Und ich habe jedes Recht der Welt, jemanden einziehen zu lassen, der jünger ist als ich.«

»Schon klar.« Vermutlich verwandelte ich mich gerade in Sepps Augen zu einem schrecklichen, vorurteilsbehafteten Miststück. Eilig begann ich meine Worte zu relativieren. »Natürlich kannst du das, so meinte ich das gar nicht! Ich versuche nur zu erklären, warum ich mich so verhalten habe. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Also, es tut mir leid, dass ich dich als Erstes verprügeln wollte, Sepp.« Ich schluckte schwer. »Ich habe mir Sorgen um meinen Opa gemacht. Ein Überfall hätte irgendwie perfekt zum heutigen Tag gepasst. Das ist alles.«

Zwar hatte ich es nicht für möglich gehalten, aber seine Miene wurde weich. Plötzlich wanderte seine Hand über den Tisch. Zögerlich löste ich meine Finger von der Tasse, um sie zu ergreifen, und in einem seltsam spießigen Moment schüttelten wir uns unter den Argusaugen meines grinsenden Opas die Hände.

»Ich bin Sepp.« Kleine Fältchen bildeten sich in seinen Augenwinkeln. »Das ist schlicht und ergreifend eine Abkürzung meines Namens. Eigentlich heiße ich Sebastian. Ich selbst stamme zwar nicht aus Bayern, aber meine Großeltern mütterlicherseits, und die fanden es immer ganz süß, mich Seppel oder Sepp zu nennen.« Sein Blick wurde scharf. »Vergiss das mit dem Seppel sofort wieder.«

»Sebastian«, murmelte ich langsam. Das passte so viel besser zu ihm. »Ich bin Sophie. Meines Zeichens Enkelin und leicht verwirrt.«

Gelächter erklang und zu meiner großen Erleichterung lüftete sich ein Teil der Anspannung, die zuvor in diesem Raum gehangen hatte.

Opa begann, Sepp eine Anekdote aus meiner Kindheit zu erzählen – eine, bei der ich mich ebenfalls peinlich an der Haustür verhalten hatte. Obwohl es mich hätte stören sollen, war ich zunächst froh mich nicht mehr aktiv am Gespräch beteiligen zu müssen. Seufzend lehnte ich mich zurück, nippte an meinem Kakao und betrachtete den unerwartet jungen Untermieter meines Opas.

Erschreckenderweise fand ich ihn attraktiv.

Er war das genaue Gegenteil von Matti. Mein Freund – oder besser gesagt Ex-Freund – hatte blondes feines Haar, das er sich gern aus der Stirn pustete, wenn es wieder einmal zu lang wurde. Dichte Wimpern umrahmten seine blauen Augen und wenn er lachte, tauchten zwei hinreißende Grübchen in seinen Wangen auf. Er war zwar etwas größer als ich, aber relativ schmal gebaut. Augenblicklich poppte ein ungewolltes Bild vor meinem inneren Auge auf; eines, bei dem er sich nackt und bestürzt mir zuwandte, inklusive hüpfendem Penis. Erschaudernd versuchte ich, diese Erinnerung abzuschütteln, aber es war zu spät. Der Schmerz fraß sich erneut durch meine Eingeweide und erinnerte mich daran, dass mich nach wie vor nur wenige Stunden von diesen katastrophalen Ereignissen trennten, die mein Leben von Grund auf verändert hatten.

Natürlich musste Sepp genau diesen Augenblick nutzen, um zu mir rüberzuschauen; ein Runzeln huschte über seine Stirn, verschwand aber sogleich wieder. Dann konzentrierte er sich erneut auf meinen Opa, so als würde es mich gar nicht geben.

Ja gut. Das war mir recht. Und irgendwie auch nicht.

Dieser Typ war eine echte Herausforderung für meine Nerven. Ich hatte eigentlich keine Probleme mit Männern. Mein Selbstbewusstsein war vielleicht nicht sonderlich aufgeblasen, aber gesund ausgebildet. Ich schob es auf die heutigen Ereignisse, wer würde da nicht erst einmal seine Wunden lecken müssen? Jedenfalls fühlte ich mich reichlich eingeschüchtert von Sepps – Sebastians – Erscheinungsbild.

Hochgewachsen war er und breit gebaut. Das war mir ja schon im ersten Moment aufgefallen. Nun, da diese schreckliche Mütze nicht mehr auf seinem Kopf saß, erkannte ich dunkelbraunes leicht gewelltes Haar, das aussah, als hätte er es sich allein an diesem Tag bereits Hunderte Male gerauft. Immer wieder huschte mein Blick zu seinem Gesicht, das im Gegensatz zu Mattis nicht weich wirkte, sondern kantig. Der Bartschatten hätte Nachlässigkeit sein können, unterstrich aber dennoch seine raue Männlichkeit.

Und seine Augen? Ich rätselte eine ganze Weile darüber, ehe ich mich darauf festlegte, sie als Karamellbraun zu bezeichnen.

Erneut sah er zu mir herüber und dieses Mal erwischte er mich offen beim Starren. Ein Lächeln verzog seine Lippen, vermutlich weil mein Opa sein Bestes gab lustige Dinge über mich und uns zu erzählen, und die kleinen Fältchen in seinen Augenwinkeln schienen gar nicht mehr verschwinden zu wollen. Ein Ziehen durchfuhr meinen Bauch. Wieso? Wieso musste mein Opa sich ausgerechnet jemanden wie ihn ins Haus holen? Warum konnte es kein stotternder Nerd mit Akne und fettigem Haar sein? Oder meinetwegen auch jemand ganz Normales. Jemand wie ich?

All diese Gedanken rasten in Windeseile durch meinen Kopf und waren, so, wie ich mich kannte, auch gut in meinem Gesicht ablesbar. Der Moment war beinahe noch peinlicher als jener im Flur und meine Wangen brannten so heftig, dass ich glaubte, nie wieder eine normale Gesichtsfarbe annehmen zu können. Anstatt meinen Blick abzuwenden, ließ ich mich jedoch von seinem gefangen nehmen. Mein Mund wurde trocken. Hilflos sah ich zu, wie sich seine Augen veränderten, wie seine Lippen nach unten wanderten. Sein fröhliches Lächeln? Die kleinen Lachfältchen? Verschwunden. Stattdessen wirkte er nun zurückhaltend. In diesem Moment war ich überzeugt davon, dass ihm meine Anwesenheit nicht recht war.

Natürlich nicht.

Ich war nichts weiter als die Enkelin seines Vermieters, ein unliebsamer Eindringling, der einfach so aufgetaucht war und sich sofort blamiert hatte. Welcher Mensch würde sich darüber schon freuen?

Plötzlich war ich mir sicher nicht länger bleiben zu können. Keinen einzigen Tag konnte ich unter einem Dach mit diesem Mann wohnen. Was das langfristig bedeuten würde, wollte ich gar nicht erst in Betracht ziehen. Ich musste einfach nur weg, ein weiteres Mal an diesem Tag dem für mich so neuen und fremden Fluchtinstinkt nachgeben. Mühsam räuspernd löste ich mich von Sebastian, klatschte auf die Tischplatte und erhob mich.

Leider so eilig, dass mein Stuhl erst kippelte und dann krachend zu Boden fiel.

Sofort lag die Aufmerksamkeit beider Männer auf mir.

Mit einem schmalen Lächeln deutete ich zur Tür. »Wie auch immer. Es war schön, dich zu sehen, Opa. Nett, dich kennengelernt zu haben, Sebastian. Ich sehe, ihr habt eine Menge Spaß miteinander. Ich sollte …«