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Die amerikanische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Noir«
bei HarperCollins Publishers, New York, NY.


Diese Geschichte spielt im Amerika des Jahres 1947. Sprache und Haltung der Erzähler und Figuren hinsichtlich Rasse, Kultur und Geschlecht entsprechen dem damaligen Zeitgeist und mögen auf den einen oder anderen Leser verstörend wirken. Figuren und Ereignisse sind ganz und gar fiktiv.


Deutsche Erstveröffentlichung Oktober 2018

Copyright © der Originalausgabe 2018 by Christopher Moore

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: Illustration and design by Philip Pascuzzo.

Jacket photographs: © Zoonar GmbH / Alamy Stock Photo (woman);

© tatchai/istock/Getty Images (dress); © spotwin/istock/Getty Images (bridge)

Redaktion: Ilse Wagner

AG · Herstellung: Han

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-20012-1
V002

www.goldmann-verlag.de

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DIESES BUCH
IST FÜR MEINEN FREUND
JEFF MONG

Prolog

Ich habe nicht aufgeschrien, als ich Sal’s Saloon, in dem ich arbeite, durch die Hintertür betrat und Sal im Lagerraum fand, blau wie der Tod. Flüssigkeiten sickerten aus seinen diversen Körperöffnungen und sammelten sich am Boden, neben seinem Kopf war ein kleiner Blutfleck. Nun bin ich der kleine Bruder eines großen Bruders, der den Wert eines Menschen danach bemaß, ob dieser unter Druck aufschrie oder nicht, und mir entsprechend einbläute, sollten Ma und/oder Pa je schreiähnliche Laute von mir hören, könnte sich der kleine Bruder – also ich – schon mal auf eine Abreibung gefasst machen, die sich gewaschen hatte, inklusive tausend Stecknadeln – eine Drohung, die mein großer Bruder Judges, möge er in Frieden ruhen, für den Großteil meiner Kindheit mit einiger Begeisterung aufrechterhielt.

Also schloss ich erst mal die Hintertür ab, achtete darauf, sie ordentlich zu verriegeln, warf einen kurzen Blick in die Bar, in der noch alles dunkel war – und erst dann schrie ich auf. Allerdings nicht wie ein verschrecktes kleines Mädchen, sondern wie ein ganzer Kerl: Der Schrei eines Hünen, der sich seinen Riesendödel in einer Drehtür einklemmt, als er gerade ein brennendes Baby oder irgendwas retten will.

Als ich fertig geschrien hatte, sah ich mich im Lager um und bemerkte eine große Holzkiste mit der Aufschrift VORSICHT! LEBENDES REPTIL!

Die Kiste stand offen, so etwas wie Stroh lag außen herum verstreut, da entdeckte ich den aufgerissenen Umschlag und den Brief neben Sals toter Hand. Der Brief war von Bokker, dem südafrikanischen Seemann, an mich gerichtet. Sofort begriff ich, was in dieser Kiste gewesen war.

Ich sah mir Sals Leiche näher an, und tatsächlich: Da waren zwei kleine geschwollene Löcher an seinem Hals und darunter Spuren kleinerer Zähne.

Panik packte mich, und ich erstarrte, hielt den Brief in Händen wie ein Telegramm, in dem man mich über mein Ableben in Kenntnis setzte. Stopp. Ich wusste nicht genau, wie eine schwarze Mamba aussah, aber nach allem, was mir der Südafrikaner erzählt hatte, waren diese Tiere groß, dunkel und blitzschnell, und insofern war ich ziemlich sicher, dass sich auf dem halben Meter zwischen mir und der Hintertür keine Riesenschlange befand, aber sie konnte ohne weiteres irgendwo in der Bar sein.

Ich hätte jemanden anrufen sollen. Ich musste jemanden anrufen. Nicht die Polizei, dachte ich, weil die vielleicht noch wegen dieser Entführung einer ihrer Kollegen nach mir fahndete, und außerdem, weil sie vermutlich den einen oder anderen Verdacht gegen mich hegen mochte, nachdem Sal von einer Schlange, die ich gekauft und bezahlt hatte, ins große Schläfchen geschickt worden war, und außerdem, weil ich mehr als genug Motive hatte. Also: nein. Ich schätze, ich hätte meine Eltern anrufen können, obwohl ich mit denen nicht mehr gesprochen hatte, seit ich aus Boise weggegangen war. »Hi, Ma! Ich weiß, ihr habt seit Jahren nichts von mir gehört, aber ich habe da ein kleines Problem …« Lieber nicht.

Da dachte ich: Mist, das Telefon hängt ganz hinten an der Wand hinterm Tresen, unter dem möglicherweise in diesem Moment eine tödliche Riesenschlange ihr Mittagsschläfchen hält, und dann dachte ich: Ich such mir doch lieber eine Telefonzelle. Oder vielleicht sollte ich mal bei meinem Geschäftspartner Eddie Moo Shoes reinschauen, um mit ihm das Dilemma zu besprechen, in dem ich mich befand. Bei der Gelegenheit konnte ich ihn gleich daran erinnern, dass wir beide Partner in einem Geschäft waren, das schiefgegangen war.

Ich holte tief Luft und hielt sie an, während ich Sals Taschen nach seinen Schlüsseln durchsuchte, sie fand, dann höflich über ihn hinwegstieg und zur Hintertür hinausging, wobei ich sein Bein ein Stück zur Seite schob, damit die Tür besser aufging. Draußen angekommen schloss ich ab und seufzte, als hätte ich eben ein Minenfeld durchquert. Doch als ich mich dann umdrehte, standen plötzlich zwei große hagere Gestalten in schwarzen Anzügen mit Hut und Sonnenbrille hinter mir – und damit meine ich: direkt hinter mir. Sie schienen auf mich gewartet zu haben und gaben sich unerschütterlich, waren dann aber doch einigermaßen erschüttert, als ich meinen zweiten männlichen Schrei des Tages ausstieß.

Es gibt Momente im Leben eines Mannes, in denen er sich kopfüber treibend in einem Meer von Schwulitäten wiederfindet – während die Hoffnung blubbernd untergeht – und denkt: Wie, zum Teufel, bin ich hier gelandet?

Nun wusste ich damals nicht, was die beiden Typen in schwarzen Anzügen wussten, nämlich, dass wir über die unermessliche Weite des Weltraums hinweg von Wesen beobachtet wurden, deren Intelligenz die des Menschen weit übertraf. Sie folgten uns mit eifersüchtigen Blicken und schmiedeten Pläne, in unsere Welt zu kommen, um mit den Brüsten unserer Bräute Motorboot zu fahren.

Eine Braut. Damit fing alles an …

1

Sammy und die Käseschnecke

Sie hatte Beine bis zum Hals – Größe 36 in einem Kleid der Größe 34, und jeder im Laden feuerte die fehlende Kleidergröße an, in die Freiheit auszubrechen, während er dabei zusah, wie die Frau zur Tür hereingewackelt kam und ihren Hintern auf einen Barhocker schob, mit dem Rücken zum Eingang. Ich zog die Augenbrauen hoch und sah den südafrikanischen Seemann an, der am hinteren Ende des Tresens von seiner seltsamen Fracht erzählte, während ich Schnapsgläser polierte.

»Die Braut riecht nach Ärger«, sagte der Seemann.

»Jep«, gab ich zurück, schlug mein Handtuch aus und drapierte es hübsch auf meinem Unterarm. »Aber du weißt ja, was man sagt, Käpt’n: Volle Kraft voraus – scheiß auf die Torpedos!« Damit steuerte ich hinter dem Tresen auf die Dame zu, mit meinem strahlendsten Lächeln, triefend vor Charme, wobei ich mir alle Mühe gab, mein Hinken zu verbergen, um neugierigen Fragen vorzubeugen.

»Ich glaube nicht, dass das damit gemeint ist, Sammy Boy«, sagte der Seemann. »Aber mach du nur.« Was so eine Art Ansporn ist, wie er nur von jemandem kommen kann, dem es schnurz ist, ob man niedergeschossen wird.

»Was kann ich dir bringen, Püppi?«, sagte ich zu der Dame. Sie war blond, schmutzig blond, und hatte ihre Haare hochgesteckt, sodass sie irgendwie dunkel aufragten, um sich dann oben wie ein Springbrunnen in alle Richtungen zu locken – was ihr einen leicht überraschten Ausdruck verlieh. Ihre Lippen erinnerten mich an eine Rose zum Valentinstag, leuchtend rot und prall, wenn auch etwas schief, als hätte sie beim Boxen eins aufs Maul gekriegt, oder die Rose hätte Herzbeschwerden. Schräg, aber einladend.

Sie rutschte auf dem Barhocker herum, als suchte ihr Hintern besseren Halt, was mit sich brachte, dass alle Anwesenden scharf einatmeten und die Luft anhielten, was augenblicklich den Rauch vertrieb, als hätte ein mächtiger Drache ihn zur Hintertür hinausgesogen. Allerdings war es nicht so, als kämen sonst nie alleinstehende Damen in Sals Bar, aber sie kamen nie so früh, wenn es draußen noch hell war und sich der Fuselnebel in den Köpfen nicht wie ein Weichzeichner über alles gelegt hatte, um die Ecken und Kanten einer Puppe abzumildern. (Licht ist der natürliche Feind der Tresenschlampe.)

»Ich heiße nicht ›Püppi‹«, sagte die Blondine. »Und gib mir was Billiges, das leicht runtergeht.«

Woraufhin allgemeines Räuspern anhob, während jedermann im Laden plötzlich damit beschäftigt war auszutrinken, sich eine Zigarette anzuzünden, den Hut zu richten oder was weiß ich noch alles, als schwebten die Worte dieser Dame nicht wie ein Willkommensschild über einem Raum voller Ganoven, Zocker, Tagtrinker, Schauermänner, Nichtsnutze und Kleinstadtgangster, jeder von ihnen im Grunde seines Herzens ein Schürzenjäger. Ich warf einen Blick den Tresen entlang und versuchte, die Blicke der anderen aufzufangen, während ich mich bückte, als wollte ich nach meinem Gehstock greifen – meiner Version des Baseballschlägers, wie ihn die meisten Barkeeper haben –, und obwohl mein Stock drei Meter entfernt lag, kam die Botschaft doch bei ihnen an. Ich bin nicht besonders groß und allgemein bekannt dafür, dass mir nicht so leicht der Kragen platzt, aber ich kann schnell zupacken und trainiere täglich eine Stunde am Sandsack – eine Angewohnheit, die darauf zurückzuführen ist, dass ich meine Klappe nicht halten kann. Ich weiß mir also sehr wohl zu helfen. Die meisten der Anwesenden hatten mehr als ein Mal mitbekommen, wie ein Maulheld im Rinnstein gelandet war, weil er meinte, meine sonnige Art und der Klumpfuß machten mich zu einem leichten Gegner, also blieben alle nett und höflich. Andererseits kontrollierte ich den Alkoholnachschub. Könnte also auch daran gelegen haben.

»Und wie soll ich Sie dann nennen, Miss?«, fragte ich die Blondine, richtete meinen babyblauen Blick direkt auf ihre kuhbraunen Augen, darauf bedacht, nicht ihre Auslage anzuglotzen, weil Frauen das oft nicht zu schätzen wissen, sogar wenn offensichtlich ist, dass sie weder Zeit noch Mühe gescheut haben, ihre Auslage anglotzbereit herzurichten.

»Missis«, sagte sie.

»Und wird sich der Mister noch zu Ihnen gesellen?«

»Nur wenn Sie warten wollen, bis ich die gefaltete Flagge von zu Hause geholt habe, die man mir gegeben hat, statt ihn mir zurückzuschicken.« Sie wandte sich nicht ab, als sie das sagte, und sie lächelte auch nicht. Sie senkte weder den Blick, um ihren Schmerz zu verbergen, noch tat sie, als unterdrückte sie ihre Tränen. Sie sah mir offen in die Augen. Knallhart.

Erst dachte ich, sie würde mir die Hölle heißmachen, weil ich sie »Püppi« genannt hatte, aber egal, ob sie nun eine war oder nicht: Ich konnte dem Schlag doch am ehesten ausweichen, wenn ich mich betroffen zeigte.

»Das tut mir leid, Ma’am. Der Krieg?« Bestimmt war der Krieg schuld. Sie konnte nicht älter als drei- oder vierundzwanzig sein, nur ein paar Jahre jünger als ich.

Sie nickte, dann machte sie sich an ihrem Geldbeutel zu schaffen.

»Lass stecken. Der Drink geht aufs Haus«, sagte ich. »Fangen wir noch mal von vorn an. Ich bin Sammy«, sagte ich und reichte ihr die Hand.

Sie griff zu. »Sammy? So heißen doch nur kleine Jungs.«

»Na ja, hier im Viertel haben ein paar alte Italiener das Sagen, und die halten jeden unter sechzig für einen kleinen Jungen. Daher der Name.«

Da lachte sie, und ich kam mir vor, als hätte ich einen Homerun gelandet. »Hi, Sammy«, sagte sie. »Ich bin Stilton.«

»Mrs Stilton?«

»Vorname Stilton. Wie der Käse.«

»Was für ein Käse denn?«

»Stilton? Noch nie davon gehört? Kommt aus England.«

»Aha«, sagte ich und war mir ziemlich sicher, dass diese Braut sich einfach irgendwelche Käsesorten ausdachte.

Da nahm sie ihre Hand wieder zurück und rutschte auf dem Hocker herum, als wollte sie etwas erzählen, und alle im Laden spitzten die Ohren. Ich stand nur da und zog eine Augenbraue hoch, wie es so meine Art ist.

»Mein Vater war Soldat im Weltkrieg. Meine Mutter ist Engländerin – Kriegsbraut. Die beiden hatten ihr erstes richtiges Date nach dem Krieg in einem Dorf namens Stilton. Und als ich ein paar Jahre später zur Welt kam, hat mich mein Pop so genannt. Stilton. Eigentlich sollte ich ein Junge werden.«

»Na, das ist ihm aber gründlich misslungen«, sagte ich und musterte sie kurz, um ihre Nichtjungenhaftigkeit hervorzuheben. »Wenn ich so sagen darf.« Plötzlich hätte ich gern einen Hut getragen, um an die Krempe tippen zu können, doch da wurde mir bewusst, dass sie und ich vermutlich die einzigen Menschen in ganz San Francisco waren, die in diesem Augenblick keinen Hut trugen. Es war, als wären wir gemeinsam nackt. Also griff ich mir den Fedora von dem Burschen zwei Hocker neben ihr, setzte ihn mit eleganter Geste auf und tippte kurz daran. »Ma’am!«, sagte ich und machte eine Verbeugung.

Woraufhin sie wieder lachte und erwiderte: »Wie wäre es, wenn du mir einen Old-Fashioned mixen würdest, bevor du dich immer weiter reinreitest, Witzbold?«

»Dein Wunsch ist mir Befehl, Schnecke«, sagte ich. Damit warf ich den Fedora wieder dem hutlosen Mann am Tresen zu, bedankte mich bei ihm, dann machte ich mich daran, ihren Drink zu mixen.

»Nenn mich nicht Schnecke.«

»Komm schon, immer noch besser als dieser Käse.«

»Aber dieser Käse ist mein Name.«

»So sei es«, sagte ich, stellte den Drink vor ihr ab und rührte ihn einmal kurz mit dem Strohhalm um. »Auf die Käseschnecke! Cheers!«

Am liebsten hätte ich sie gefragt, was sie in diese Bar geführt hatte, woher sie kam und ob sie in der Gegend wohnte, aber der Grat zwischen Neugier und Aufdringlichkeit ist schmal, also ließ ich sie mit ihrem Drink allein und machte mich auf den Weg am Tresen entlang, schenkte nach und sammelte leere Gläser ein, bis ich wieder bei dem Mann von der südafrikanischen Handelsmarine angekommen war.

»Sieht aus, als konntest du bei ihr landen«, sagte der Seemann. »Was macht sie hier, so ganz allein, mitten am Nachmittag? Nutte?«

»Glaub ich nicht. Witwe. Hat ihren Kerl im Krieg verloren.«

»Eine Schande. Gibt so viele davon. Hab im Krieg selbst hundertmal gedacht, ich würde meine Frau zur Witwe machen. Hab die meiste Zeit mit einem Liberty-Frachter Nachschub über den Atlantik gefahren. Hab immer noch Albträume von deutschen U-Booten …« Der Seemann stutzte, als sein Blick auf meinen Stock fiel, der neben der Kasse hinter dem Tresen lehnte. »Aber offenbar hatte ich mehr Glück als andere.«

Und nachdem ich mich eben noch wie der König der Welt gefühlt hatte, weil es mir gelungen war, der Blondine ein Lachen zu entlocken, kam ich mir plötzlich wie der allerletzte falsche Fuffziger vor, was öfter mal der Fall ist, doch ich schüttelte das Gefühl ab, boxte den Seemann an die Schulter und erlöste ihn. »So viel mehr Glück nun auch wieder nicht, wenn man eure Ladung bedenkt …«

»Wie Noahs gottverdammte Arche«, sagte er. »Was Seefahrt bedeutet, weiß man erst, wenn man mit einem seekranken Elefanten in einen Sturm geraten ist. Hatte ihm im Laderaum einen Stall bauen lassen. Der arme Kerl, der ihn ausmistet, wird noch Tage damit beschäftigt sein. Wir haben das Tier letzte Woche in San Diego ausgeladen, aber der Gestank ist nicht rauszukriegen.«

»Auch Tiger?«, fragte ich.

»Ausschließlich afrikanische Tiere. Tiger gibt es nur in Asien.«

»Wusste ich«, sagte ich. Vermutlich hätte ich es wissen sollen. »Hab noch nie einen echten Tiger gesehen.«

»Die großen Katzen machen mir nichts. Die sitzen in Eisenkäfigen. Man kann sehen, was los ist, und sich davon fernhalten. Alle paar Tage schiebt man ihnen mit einem langen Stock Fleisch in den Käfig. Mit einem sehr langen Stock. Nur diese ekligen Schlangen sind nicht mein Fall. Nächste Woche bringt unser Schwesterschiff eine Ladung mit allen Sorten von Giftschlangen, die es auf dem schwarzen Kontinent gibt, für ein Labor in Stanford. Schlangen müssen nicht fressen, also werden sie in Holzkisten transportiert. Man kann sie nicht mal sehen. Und dass eine ausgebrochen ist, merkt man es erst, wenn sie einen erwischt hat.«

»So wie ein U-Boot?«

»Genau. Die nehmen ein Dutzend schwarze Mambas an Bord. Die Mistviecher werden vier, fünf Meter lang. Hab als Kind mal gesehen, wie eine hinter einem Mann her war. Mambas flüchten nicht wie andere Schlangen. Sie richten sich auf und verfolgen dich – schneller, als du rennen kannst. Minuten später war der arme Kerl tot. Lag mit Schaum vorm Mund zuckend im Dreck.«

»Klingt gar nicht gut«, sagte ich. »Für mich ist der Fall klar. Ich fahre nie, nie, nie nach Afrika.«

»Die Tiere sind nicht alle so. Komm doch morgen früh rüber zum Anleger in Oakland und guck dir den Rest vom Zoo an, bevor wir ausladen. Ich zeig dir alles. Schon mal ein Erdferkel gesehen? Dämliche Tiere. Versuchen, sich durch den Stahlrumpf zu graben. Von denen haben wir zwei an Bord.«

»Erdferkel schmecken lecker«, sagte Eddie Shu, der so was immer sagte, um Leute zu schockieren, weil alle Welt wusste, dass Chinesen schräges Zeug aßen. Eddie war ein dürrer Chinese in glänzendem Anzug und schwarz-weißen Budapestern. Seine Haare waren schwungvoll zurückgegelt wie die von Frank Sinatra. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass er hereingekommen war, weil ich die Blondine nicht aus den Augen lassen wollte, also dachte ich mir, er müsste wohl die Hintertür genommen haben, was eigentlich verboten war, aber Eddie war ein Freund. Was will man machen?

»Hör nicht auf diesen Nichtsnutz«, sagte ich zum Seemann. »Er lügt wie bedruckt.«

»Wenn du meinst«, erwiderte Eddie. »Aber schon Buddha hat gesagt: ›Ein Mann, der nie ein gut gewürztes Erdferkel gegessen hat, weiß nicht, was Freude ist.‹«

»Aha. Das hat Buddha also gesagt, ja?«

»Soweit du weißt.«

»Eddie Moo Shoes, das ist Käpt’n …« Und da machte ich eine Pause, damit der Seemann die Details ausfüllen konnte.

»Bokker«, sagte der Südafrikaner. »Aber ich bin kein Kapitän. Erster Maat auf der Beltane, Frachter aus Kapstadt.«

Und so nickten Moo Shoes und der Maat einander zu, und ich sagte: »Eddie arbeitet im Club Shanghai unten an der Straße.«

»Wer ist denn das Früchtchen da drüben?«, fragte Eddie und warf seine Sinatra-Tolle in Richtung der Blondine. Ich merkte, wie es mir missfiel, dass er sie als Früchtchen bezeichnete, trotz der Tatsache, dass sie eines war, und was für eines.

»Kam eben rein«, sagte ich. »Heißt Stilton.«

»Stilton?«

»Wie der Käse«, erklärte ich.

Eddie sah mich an, dann den Seemann, dann mich. »Der Käse?«

»Das hat sie gesagt.«

»Hast du sie schon nackt gesehen?«

Also, in der Zwischenzeit hatte ich beobachtet, wie mehrere Stammgäste die Blondine umkreist hatten und jeder Einzelne davon humpelnd den Schwanz einzog, niedergestreckt von einem bedauernden, leicht koketten Blick. Und währenddessen sah sie immer wieder zu mir herüber, als wollte sie sagen: Lässt du das etwa tatenlos geschehen? Zumindest kam es mir so vor, als wollte sie das sagen. Vielleicht ging es allen Männern im Laden so. Diese Stilton hatte was …

»Allerdings«, sagte ich zu Moo Shoes. »Sie kam nackt hier rein, aber ich musste sie bitten, sich was überzuziehen, damit sich die aufrechten Bürger nicht belästigt fühlen, die dieses feine Etablissement auf ihrem Weg zur Kirche frequentieren.«

»Ich würde sie gern nackt sehen«, sagte Moo Shoes. »Du weißt schon – um sicherzugehen, dass sie für dich auch gut genug ist.«

»Nicht für dich selbst?«, fragte der Seemann.

Da wurde Moo Shoes fast weinerlich, ließ den Kopf hängen, bis seine Sinatra-Tolle traurig herabhing. »Lois Fong«, sagte er.

»Tänzerin im Club«, erklärte ich.

»Sie würde mir nicht mal eine klatschen, wenn ich Goldmünzen spucken könnte.«

»So ist das in Chinatown«, erklärte ich. »Die haben ihre eigenen Sitten und Gebräuche.«

»Wir sind ein altes geheimnisvolles Volk«, sagte Eddie zu dem Seemann.

»Aber immerhin hast du sie nackt gesehen«, sagte ich und klopfte Moo auf die Schulter, um einen kleinen Sonnenstrahl in seine finstere Verzweiflung zu werfen.

»Bei der Arbeit«, sagte Eddie. »Wie alle anderen im Laden. Glaub nicht, dass dadurch irgendwas einfacher wird.«

Da fiel mir auf, dass die Blondine fast nichts mehr zu trinken hatte und es Zeit wurde, ihr einen Besuch abzustatten, also hob ich einen Finger, um Moo Shoes in seiner Tristesse kurz zu unterbrechen. »Bin gleich wieder da.«

»Noch einen Old-Fashioned, Süße?«, fragte ich grinsend, forderte sie heraus.

»Ich heiße nicht …« Und sie stutze. »Spendierst du mir einen Drink, Schlaumeier?«

»Ich? Nachdem schon so viele Typen angeboten haben, dir einen auszugeben?«

»Vielleicht habe ich auf ein besseres Angebot gewartet«, sagte sie – rollte mit den Augen, klimperte mit den Wimpern, dann seufzte sie wehmütig – also: gespielt wehmütig –, was mich zum Lachen brachte.

»Du weißt, dass es mich nichts kostet, wenn ich dir einen Drink ausgebe, im Gegensatz zu den anderen Figuren hier.«

»Womit du mir sagen willst, dass du nicht denkst, ich wäre dir dafür was schuldig, im Gegensatz zu den anderen Figuren, stimmt’s?«

»Nein, nein, nein«, sagte ich. »Vergiss das.« Dann beugte ich mich vor, in der Hoffnung, eine kleine Verschwörung anzuzetteln. »Obwohl ich meinem Freund Eddie da drüben erzählt habe, ich hätte dich schon mal nackt gesehen … Wenn er also rüberkommt, deckst du mich doch, oder?«

»Ich habe ein Muttermal an der rechten Hüfte.« Sie zwinkerte.

»Das wollte ich hören!«

»In Form von Winston Churchill.«

»Bestimmt sehenswert«, sagte ich.

»Wo bleibt mein Drink, Gunga Din?«

Ich habe ein Faible für Frauen, die sich mit Rudyard Kipling auskennen oder mit Lyrik überhaupt, denn ich bin eine sensible, poetische Seele. Meine liebe Ma war Englischlehrerin, und von dem Moment an, in dem ich mein erstes Wort herausquäkte, hat sie mich mit Metaphern, Vergleichen, Symbolismus, Alkoholismus und den diversen Jamben der lyrischen Tradition überhäuft, was mir alles im Laufe der Jahre gute Dienste geleistet hat, sei es beim Drinksausschenken, Schiffeschweißen, Frauenbetören oder bei lyrischen Anmerkungen zu diesem und jenem.

Eben wollte ich der Schnecke selbiges über Kipling mitteilen, als die Tür in ihrem Rücken aufflog und Sally Gab, alias Sal Gabelli, hereinmarschierte, mein Boss, dicht gefolgt von einem Air-Force-General mit so vielen Orden an der Uniform, dass er aussah, als würde jemand auf seiner Brust eine Partie Mah-Jongg spielen.

Die Bar war nach besagtem Sal benannt, obwohl es draußen kein entsprechendes Schild gab. Im Laufe der Jahre hatte der Laden Flossie’s, Danny’s, The Good Time, Grant Avenue Saloon, The Motherlode oder Barbary Belle’s geheißen und noch ein halbes Dutzend weitere Namen gehabt, die bis 1853 zurückreichten, als die Bar an dieser Stelle eröffnet wurde. Angeblich war der lange Eichentresen mit der verspiegelten Bar um Kap Hoorn gesegelt, auf einem Klipper voller Seeleute, die davon träumten, in den kalifornischen Bergen Gold zu finden. Momentan stand auf dem Schild nur Saloon, weil Sal zu geizig oder zu schlau war, seinen Namen über die Tür zu schreiben. Sal war im Viertel bekannt wie ein bunter Hund, auch dafür, ein solcher Armleuchter zu sein, dass es niemanden überrascht hätte, ihn im Dunkeln flackern zu sehen. Die Bar mochte das große Erdbeben von 1906 überlebt haben, aber Sal wusste, dass es möglicherweise ihr Ende wäre, wenn sein Name über dem Eingang stünde.

»General«, sagte Sal, ein massiger Fünfzigjähriger, der stets unrasiert war, schlecht sitzende Anzüge mit Hosenträgern trug und ständig eine Zigarre im Maul hatte, »das ist Sammy Two-Toes, der Mann, der für mich hier im Viertel die Ohren offen hält. Der kann Ihnen bei Ihrem kleinen Problem helfen.«

Ich zuckte zusammen, als dieser Spitzname fiel, bei dem nur Sal mich nannte, und sah mir den General näher an. Er war ein kräftiger Kerl, um die sechzig, mit bleistiftdünnem Oberlippenbärtchen. Als er seine Mütze abnahm, legte er ein paar einsame Strähnen frei, die über seinen kahlen Kopf gekämmt waren. »Sammy«, sagte er, als hätte er mich lieber mit einem Rang als mit meinem Namen angesprochen. Dem Tonfall entnahm ich, dass mein Rang niedrig wäre, und er nickte nur, reichte mir nicht mal die Hand, da ich offensichtlich unter seiner Würde war.

»Two-Toes kennt alle Ganoven in der Stadt, stimmt’s nicht, Sammy?«, sagte Sal, der plötzlich bemerkte, dass er über die Schulter einer Dame hinwegsprach, und so trat er einen Schritt von Stilton zurück, um sie näher zu begutachten. »Hey, Süße …«

»Den Drink nehme ich später, Sammy«, sagte Stilton, stand auf und hielt Sal ihren spitzen Zeigefinger ins Gesicht, um ihn zum Schweigen zu bringen. Der rot lackierte Fingernagel war kaum einen Zentimeter davon entfernt, ihm ein Auge auszustechen. »Ich muss los.«

Sprachlos sah ich mir an, wie sie ihren Finger auf Sals Auge gerichtet hielt, während sie die andere Hand durch den Riemen ihres Täschchens schob. »Wir sehen uns, Hübscher«, sagte sie, beschrieb eine Pirouette und tänzelte mit flatterndem Rock zur Tür hinaus, sodass es mir, Sal und dem General glatt die Sprache verschlug. Mir war, als wäre mein Glück mit ihr gegangen. Ich fühlte mich verloren.

»Außergewöhnlich«, sagte der General mit starrem Blick auf den Hocker, den Stilton eben freigemacht hatte. »Nun, das ist genau die Sorte junger Frauen …«

»Da ist unser Krüppel der richtige Mann«, fiel Sal ihm ins Wort.

Im selben Moment schlich Eddie Moo Shoes mit zwei anderen Typen hinter dem General entlang. Das Abendpublikum zog sich meist zurück, wenn Sal hereinkam, da viele ihn nicht leiden konnten, was noch auf den Krieg zurückging, als er die Jungs vom Militär hatte bluten lassen für das Privileg, nach Feierabend seinen verdünnten Schnaps kaufen zu dürfen.

»Lass uns was essen gehen, wenn du hier fertig bist«, sagte Moo Shoes.

»Okay«, sagte ich. »Wir treffen uns im Club.«

Eddie winkte und war schon weg. Sal meinte: »Hatte ich nicht gesagt, dass ich hier keine beschissenen Japse haben will?«

»Er ist Chinese«, sagte ich.

»Ist doch dasselbe in Grün«, sagte Sal.

Zwar wusste Sal, dass sein Laden nur einen Block von Chinatown entfernt lag, dass die Chinesen lange vor den Italienern in San Francisco gewesen waren und seine italienischen Vorfahren ihre Fische fünf Generationen lang an Moo Shoes’ Vorfahren verkauft hatten, und doch zog er es vor, diesen Umstand zu ignorieren, um dem General seinen Patriotismus mit uneingeschränkter Beschränktheit zu beweisen. Aber der Armleuchter ist mein Boss, und er hat mir nach dem Krieg einen Job gegeben, als Jobs nicht leicht zu finden waren, und zwar unter gewissermaßen mumpitzigen Umständen, die ich vor der Öffentlichkeit und ganz besonders vor dem Gesetz lieber nicht ausbreiten wollte, also ging ich nicht weiter darauf ein.

»Was kann ich Ihnen bringen, General?«, fragte ich an Sal vorbei.

»Scotch, pur. Single Malt, wenn möglich.« Er warf einen Blick in die Runde und kam zu dem Schluss, dass es in diesem Laden vermutlich keinen Single Malt gab. Auf die meisten Bars traf das auch zu. Im Krieg konnten die Schotten nicht destillieren, und das Zeug ist nicht auf die Schnelle herzustellen, aber irgendwie meinte ich, mich zu erinnern …

»Mal sehen, was ich tun kann.«

Während ich unter dem Tresen herumrumorte, sagte Sal: »General Remy ist nur kurz in der Stadt, um sich mit ein paar Bonzen zu treffen, aber nächste Woche kommt er wieder.«

»Ich hoffe, Arrangements für eine … eine Begleitung bei meiner Rückkehr treffen zu können.« Für einen Militär schien sich der General in einer Bar doch seltsam unwohl zu fühlen. Vielleicht lag es daran, dass es Sals Bar war. Wie die beiden zueinandergefunden hatten, war mir ohnehin ein Rätsel.

Sal sagte: »Der General ist Kommandeur auf einer Basis weiter im Osten.«

»Ach so?«, sagte ich, den Kopf zwischen Spinnen und Staub, auf der Suche nach Scotch. »Wo denn?«

»Roswell, New Mexico«, sagte der General.

»Da ist er!« Mit einer staubigen Flasche Glenfiddich tauchte ich unter dem Tresen auf. »Nie davon gehört.«

»Gibt auch keinen Grund dafür«, sagte der General. »Da passiert nie was.«

»Okay«, sagte ich und entkorkte die Flasche. »Doppelt?«

»Bitte«, sagte der General.

Und so schenkte ich ein, ohne einen Gedanken an New Mexico zu verschwenden, sehr wohl aber an die Käseschnecke und dass sie rausspaziert war, ohne mir ihre Nummer zu geben, sodass ich nicht mal wusste, ob sie in der Gegend wohnte, und ich fragte mich, ob sie vielleicht einfach ins große Nirgendwo gewackelt war und nie wieder auftauchen würde. Doch dann dachte ich: Nein, sie ist aufgestanden und hat sich für mich geradegemacht. Und obwohl ich weder wusste, woher sie gekommen, noch, wohin sie gegangen war oder wie ich sie finden sollte, spürte ich doch, dass ich ihr wieder begegnen würde, und wenn es so weit war, würde etwas geschehen – etwas Großes, Bemerkenswertes, Hoffnungsvolles, und es gab absolut rein gar nichts, was ich dagegen tun konnte.