Ruth Rendell
Das Haus der geheimen Wünsche
Buch
Jedes Jahr verbringen die Geschwister Piers und Petra die Sommerferien auf Mallorca. Es war immer eine glückliche Zeit für die beiden, und bis zu jenem einen verhängnisvollen Sommer waren sie unzertrennlich. In dem Paradies aus Sonne und blauem Meer lernt Piers eines Tages Rosario kennen und lieben, und Petra fühlt sich schmerzhaft zurückgesetzt. Kurz darauf kommen Piers und Rosario von einem Ausflug nicht zurück und bleiben spurlos verschwunden. Unfall oder Verbrechen? Erst 40 Jahre später soll Petra, die fortan eine ruhelose, getriebene Frau ist, die Wahrheit erfahren …
Autorin
Ruth Rendell wurde 1930 in South Woodford/London geboren. Zunächst arbeitete sie als Journalistin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Dreimal bereits erhielt sie den Edgar-Allan-Poe-Preis und zweimal den Golden Dagger Award. 1997 wurde sie mit dem Grand Master Award der Crime Writer‘s Association of America, dem renommiertesten Krimipreis, ausgezeichnet und darüber hinaus von Königin Elizabeth II. in den Adelsstand erhoben. Ruth Rendell, die auch unter dem Pseudonym Barbara Vine bekannt ist, lebt in London.
Die Reihenfolge der Inspector-Wexford-Romane sowie weitere Romane finden Sie hier.
Ruth Rendell
Das Haus der geheimen Wünsche
Roman
Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann
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Die Originalausgabe erschien 1990 unter dem Titel The Strawberry Tree bei Pandora Press, Unwin Hyman Ltd., London.
E-Book-Ausgabe 2015
bei Blanvalet, einem Unternehmen der
Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Copyright © der Originalausgabe 1990 by Kingsmarkham Enterprises Ldt.
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1991 by Blanvalet Verlag GmbH, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlaggestaltung: www.buerosued.de
Umschlagmotiv: Arcangel Images/Hayden Verry
Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering
ISBN: 978-3-641-15137-9
V002
www.blanvalet.de
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Das Hotel, in dem wir wohnen, hat mein Vater gebaut. Es soll, so versichert man mir allenthalben, das beste Hotel in Llosar sein, und das größte und hässlichste ist es allemal. Von weitem meint man, es sei aus weißem Karton gemacht oder aus Hunderten von Umschlägen zusammengesetzt, deren Klappen offen stehen. Die Innenausstattung brüstet sich mit den üblichen Attributen konventioneller Eleganz, bronzefarbenen Spiegelflächen und kupferfarbenen Marmorplatten, und in der Halle steht in Terrakottagefäßen von unbestimmt klassisch-römischem Aussehen ein Heer von Hibiskuspflanzen mit trompetenförmigen Blüten, rot wie Husarenröcke.
Das Hotel hat einen Swimming-Pool und einen Raum voller Fitnessgeräte, drei Restaurants und zwei Bars. Ein Apparat putzt einem die Schuhe, ein anderer bereitet Eiswürfel. Einst sahen wir den jungen Männern zu, wie sie palo tranken, aus langen, dünnen bogenförmigen Gefäßen, die den Alkohol in einem kühnen Bogen verspritzten. Jetzt mixt der Barkeeper im Hotel Cocktails, die Mañanas heißen und berühmt sein sollen. Wir haben sie gestern probiert, auf der Terrasse hinter dem Hotel. Von dort kann man, wenn man nicht – wie die meisten Leute – auf den Swimming-Pool schaut, das Auge im doppelten Sinne auf dem Garten ruhen lassen. Hier blüht und gedeiht der Arbutus, der zur gleichen Zeit weiße Blüten und reifende Erdbeeren trägt, ein Phänomen, von dem ich gehört, das ich aber bislang nie mit eigenen Augen gesehen hatte, denn es ist Oktober, und damals war ich im Sommer hier.
Wir haben Zimmer mit jenen Balkonen, die wie Briefumschläge aussehen, mit Blick auf die Bucht. Fischerboote gibt es nicht mehr, der Pier des alten Hotels mit seinem Weinlaubbaldachin ist verschwunden, und aus dem alten Hotel selbst ist ein Kasino geworden. Doch der Hafen ist noch da mit dem Standbild der Jungfrau, Nuestra Doña de los Marineros, wo Piers und Rosario und ich, im tiefen grünen Wasser schwimmend, zum ersten Mal Will sahen, der auf der gedrungenen Steinmauer saß.
Die ganze »Promenade« – so muss ich sie wohl nennen – säumen an Stelle der früheren Häuserzeile Hotels und Restaurants, Souvenirläden und Reisebüros, Cafés und kleine Bars. Die Kirche mit ihrem braunen Glockenturm und dem flachen Ziegeldach, die einst diesen Küstenstrich beherrschte, steht wie verloren zwischen den Neubauten, zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft vor dem riesigen Thomson Holiday Hotel. Ich habe das Zimmermädchen gefragt, ob sie in letzter Zeit Quallen in Llosar hätten, aber sie hat nur den Kopf geschüttelt und etwas von contaminación gemurmelt.
Das Haus, das uns José-Carlos und Micaela zur Verfügung gestellt hatten, ist noch da, allerdings erheblich ausgebaut und vergrößert, zuckergussrosa getüncht und von dem schnörkeligsten schmiedeeisernen Gitter umgeben, das ich je gesehen habe, eiserne Klöppelspitze für ein Riesentischtuch um die Zuckergusstorte eines Riesenkindes. Ich glaube kaum, dass Rosario es wiedererkennen würde. Im Binnenland hat sich, soweit ich das beurteilen kann, nicht allzu viel verändert. Bisher habe ich mich noch nicht dorthin gewagt, obgleich unser Leihwagen sehr ordentlich ist. Ich gehe ein Stückchen hügelan, bis das Dorf hinter mir liegt, schaue zu den gelben Hügeln hoch, zu den Ölbäumen und Wacholdern und den breiten, geraden Straßen, die jetzt Schneisen durch die Landschaft schlagen, aber das Spukhäuschen, die Casita de Golondro, kann ich nicht erkennen. Von hier hat man es auch damals nicht sehen können. Es verbirgt sich in einer Talmulde, die von Pinien und Johannisbeergehölz gesäumt ist. Unser Hoteldirektor hat mir heute Vormittag erzählt, dass es jetzt ein parador ist, der erste auf Mallorca.
Wenn das, was mich hergeführt hat, erledigt ist, will ich es mir einmal ansehen. Diese in staatlicher Regie betriebenen Hotels, von denen es auf dem Festland schon viele gibt, sollen sehr angenehm sein. Wir könnten zum Abendessen hinfahren. Ich werde es den anderen vorschlagen. Sollten sie aber auf die Idee kommen, dass man doch dorthin umziehen könnte, werde ich Nein sagen, das habe ich mir vorgenommen. Würde ich dort wohnen, müsste ich früher oder später jenen Raum wiederentdecken oder ihn absichtlich meiden. Ehrlich gesagt wünsche ich mir gar keine Erklärung mehr. Ich möchte meine Ruhe haben, ich möchte, wenn das nicht zu überspannt klingt, glücklich sein.
Mein Termin in Muralla ist morgen Früh um zehn, ein Beamter der Guardia Civil erwartet mich, sein Rang entspricht, soweit ich weiß, dem eines Superintendents in unserer Kriminalpolizei. Er wird mir zeigen, was es zu sehen gibt, ich werde mir alles ansehen und versuchen, mich zu erinnern, und ihm meine Antwort geben. Ich habe noch nicht entschieden, ob ich die anderen mitnehmen soll, und weiß auch nicht, ob ihnen daran läge, mitzukommen. Es wird wohl das Beste sein, wenn ich dies – wie so vieles in den vergangenen Jahren – allein erledige.