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Über das Buch

Jedes Kind spielt. Doch kennen Sie kennen Sie das Potenzial, das im gemeinsamen Spiel steckt? Lachen und spielerische Nähe vertiefen nicht nur die Bindung zu Ihrem Kind – die international bekannte Erziehungsexpertin Aletha Solter zeigt, wie Sie durch neue Leichtigkeit auch in Konfliktsituationen überraschende Auswege finden. Egal welcher Dauerbrenner den Familienfrieden strapaziert, er lässt sich durch bindungsorientierte Spiele lösen oder deutlich lindern:

Spielen hilft! Probieren Sie es aus.

Über die Autorin

Dr. Aletha J. Solter ist eine schweizerisch-amerikanische Entwicklungspsychologin. Sie studierte u.a. an der Universität Genf bei Jean Piaget und ist international erfolgreiche Buchautorin und Gründerin des Aware Parenting Institute (Institut für Bewusstes Elternsein) in Goleta, Kalifornien. Sie bietet heute weltweit Seminare und Workshops für Eltern und Erzieher an, die Einblick in ihren straffreien, bindungsorientierten Erziehungsansatz gewähren.

www.awareparenting.com

Aletha J. Solter

Spielen schafft Nähe –

Nähe löst Konflikte

Spielideen für eine gute Bindung

Kösel

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Ursula Bischoff. Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Attachment Play: How to solve children’s behavior problems with play, laughter, and connection« bei Shining Star Press für das Aware Parenting Institute (www.awareparenting.com).

Copyright © 2013 Aletha J. Solter. Alle Rechte vorbehalten.

Copyright © 2015 Kösel-Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlag: Weiss Werkstatt München

Umschlagmotiv: plain picture / Cultura

ISBN 978-3-641-15435-6

Weitere Informationen zu diesem Buch und unserem gesamten lieferbaren Programm finden Sie unter

www.koesel.de

I tried to teach my child with books.

He gave me only puzzled looks.

I used clear words to discipline,

But I never seemed to win.

Despairingly, I turned aside.

»How shall I reach this child?« I cried.

Into my hand he put the key:

»Come«, he said, »Play with me.«

Ich war bestrebt, meinem Sohn mithilfe von Büchern etwas beizubringen.

Er betrachtete mich nur mit verwirrter Miene.

Ich bediente mich klarer Worte, um ihn zu maßregeln.

Doch sie schienen nicht zu fruchten.

Verzweifelt ließ ich von meinen Bemühungen ab.

»Wie komme ich nur an dieses Kind heran?«, dachte ich entmutigt.

Da legte er den Schlüssel in meine Hände:

»Komm, spiel mit mir«, sagte er.

Autor unbekannt

(adaptiert von Aletha Solter)

Inhalt

Einführung

Erster Teil:
Auf die Plätze, fertig, los …

1. Einführung in das Konzept des Bindungsspiels

2. Die neun Formen des Bindungsspiels

3. Allgemeiner Leitfaden

4. Wenn es Ihnen schwerfällt zu spielen

Übungen

Zweiter Teil:
Bindungsspiele zur Lösung von Erziehungsproblemen

1. Einführung in die straffreie Erziehung

2. Die Kooperationsbereitschaft fördern

3. Grenzen setzen

4. Sauberkeitserziehung

5. Kraftausdrücke

6. Wut und Aggression

7. Geschwisterrivalität

8. Lügen, mogeln und stehlen

9. Hausaufgaben

10. Schlafenszeit

Dritter Teil:
Bindungsspiele als Hilfe in schwierigen Zeiten

1. Geburtstrauma

2. Geburt eines Geschwisterkinds

3. Scheidung der Eltern

4. Naturkatastrophen und Gewalterfahrungen

5. Krankheiten, Unfälle und Klinikaufenthalte

6. Trennungstrauma

7. Schulstress

8. Phobien und Ängste

9. Vorbereitung auf große Herausforderungen

10. Eltern in Wut

Anhang

Dank

Anhang A: Übersicht über die neun Formen des Bindungsspiels

Anhang B: Forschungsgrundlagen für Bindungsspiele

Literaturhinweise zu Anhang B

Empfohlene Literatur für Eltern

Was ist Aware Parenting (Bewusstes Elternsein)?

Wichtiger Hinweis

Die Autorin

Einführung

Kindererziehung muss nicht immer todernst, nervenaufreibend, mühselig oder frustrierend sein, und viele Verhaltensprobleme können Sie mit bestimmten spielerischen Aktivitäten lösen. Darum geht es in diesem Buch. Vielleicht würden Sie liebend gern auf Strafen verzichten, sind aber mit Ihrem Latein am Ende, wenn es gilt, eine Verhaltensänderung bei Ihrem Kind zu bewirken. Oder Sie fallen von einem Extrem ins andere und fragen sich verzweifelt, wie Sie den goldenen Mittelweg zwischen einem autoritären und einem übermäßig liberalen Erziehungsstil finden sollen.

In diesem Buch sind Spiele beschrieben, die dazu beitragen, Stress abzubauen, die Bindung zu Ihrem Kind zu festigen, Verhaltensprobleme auszuhebeln und gleichzeitig die Fröhlichkeit bei allen Beteiligten zu fördern. Sie werden entdecken, wie leicht es sein kann, positiven Einfluss auf das Verhalten Ihres Kindes zu nehmen, und zwar ungeachtet seines Alters und ohne Strafen anzuwenden. Mithilfe bestimmter spielerischer Aktivitäten können Sie Ihr Kind – manchmal völlig mühelos – als »Verbündeten« gewinnen und Erziehungsprobleme lösen. Die hier beschriebene Herangehensweise an das Thema Erziehung ist weder autoritär noch permissiv. Sie werden erfahren, wie Sie die unumgänglichen Grenzen setzen und dabei zu einer Strategie greifen können, die Ihr Kind zur Kooperation anregt, statt zu rebellieren.

Dieses Buch wirft einen Blick hinter die Fassade typischer Erziehungsprobleme und spricht einige der Stressquellen an, die an der Wurzel der herausfordernden Verhaltensweisen liegen. Der Umgang mit Ihrem Kind könnte schwieriger werden, wenn es sich durch einschneidende Faktoren wie die Geburt eines Geschwisterkinds, medizinische Maßnahmen oder Vorfälle in der Schule belastet fühlt. Die spielbasierten Vorschläge in diesem Buch geben Ihnen das Werkzeug an die Hand, mit dem Sie Ihrem Kind helfen können, schwierige Lebensphasen erfolgreich zu bewältigen. Sein Verhalten wird sich von allein bessern, wenn es diese stressreichen Erfahrungen zu verarbeiten und innere Spannungen abzubauen vermag.

Das theoretische Grundgerüst, auf das sich dieses Buch stützt, ist die Bindungstheorie. In den 1950er-Jahren prägte der namhafte britische Arzt und Psychoanalytiker John Bowlby den Begriff »Bindung« in Hinblick auf die Beziehung eines Kindes zu seinen Eltern. Seither wurde die Bedeutung der Eltern-Kind-Bindung durch umfangreiche Forschungen bestätigt. Grundlage einer gesunden Bindung ist die soziale Interaktion, die im Säuglingsalter beginnt. Wenn eine einfühlsame, positive Beziehung zu den Eltern fehlt oder Kinder in irgendeiner Form traumatisiert sind, wird die Bindung geschwächt, was zu einer breit gefächerten Palette von Verhaltensauffälligkeiten und emotionalen Problemen führen kann.

In den vergangenen 25 Jahren ist es mir gelungen, eine einmalige Synthese aus hochgradig effektiven und zugleich kurzweiligen Spielaktivitäten für Eltern und Kinder zu entwickeln, die ich als »Bindungsspiele« bezeichne. Ihre Wirksamkeit ist durch Forschungsprojekte aus den Bereichen Bindungstheorie, Therapie und Neurowissenschaften belegt.

Wussten Sie, dass positive soziale Interaktionen die Produktion von Oxytocin anregen, ein körpereigenes »Wohlfühlhormon«, das dazu beiträgt, Stress abzubauen, Wachstums- und Heilungsprozesse zu fördern und die Gehirnentwicklung im Kindesalter zu unterstützen? Kooperative Spiele stimulieren Hirnareale, die mit der Kontrolle aggressiven Verhaltens befasst sind, und Lachen löst durch die Eindämmung von Stresshormonen Wutgefühle und innere Anspannung auf. Nach traumatischen Erfahrungen können Sie mit bestimmten Spielen das Gehirn Ihres Kindes buchstäblich »neu verdrahten« und die belastenden Programmierungen löschen.

Ich habe festgestellt, dass sich mit diesen Aktivitäten bei Kindern aller Altersgruppen und bei Familien aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen gleichermaßen gute Ergebnisse erzielen lassen. Eltern in aller Welt staunen oft über die vorteilhaften Veränderungen, die sie bei ihren Kindern beobachten, wenn sie diese einzigartigen Spielformen einführen.

Bindungsspiele weisen unverwechselbare Merkmale auf, die sie von herkömmlichen Spielen oder Sportarten unterscheiden. Sie sind auf das Kind ausgerichtet, lösen oft Lachen aus, erfordern kein spezielles Zubehör und können völlig unabhängig von Zeit und Ort durchgeführt werden. Dazu kommt, dass sie weder wettbewerbsorientiert noch an vorgegebene Regeln gekoppelt sind.

Kinder lieben Bindungsspiele und regen sie oft aus eigenem Antrieb an. Vielleicht gibt es bereits die eine oder andere Variante in Ihrem Spielerepertoire, deren wahre Bedeutung oder Zweckdienlichkeit Ihnen bisher nicht bewusst war. In diesem Buch wird der tiefere Sinn dieser Aktivitäten erläutert (beispielsweise des Versteckspiels). Darüber hinaus beschreibt es den Stellenwert dieser therapeutischen Spielformen bei der Bewältigung verschiedener Konfliktsituationen. Manchmal nehmen die Spielaufforderungen des Kindes die Form unerfreulicher Verhaltensweisen an, die Sie als Albernheit, ungebührliches Benehmen oder Zeitverschwendung deuten. Das Buch möchte Ihnen helfen, diese Verhaltensmuster mit anderen Augen zu betrachten und darauf mit Strategien zu reagieren, die Kommunikations- und Kooperationsbereitschaft fördern. Es wurde mit Blick auf typische Erziehungsthemen und spezifische Stressquellen strukturiert, sodass jedes Kapitel eine geschlossene Einheit bildet. Damit lassen sich Informationen und praktische Vorschläge, die für Ihre individuelle Familiensituation relevant sein könnten, leichter auffinden, ohne dass Sie das Buch von Anfang bis Ende durcharbeiten müssen. Dennoch ist es ratsam, es vollständig zu lesen, denn möglicherweise entdecken Sie dabei tief verwurzelte Gründe für das Verhalten Ihres Kindes, die Sie bisher noch nicht in Betracht gezogen haben.

Um die verschiedenen Spielformen zu veranschaulichen, habe ich viele Beispiele aus dem realen Leben eingefügt; sie leiten sich aus Gesprächen mit Eltern und aus meinen Erfahrungen als Beraterin und Spielcoach, Workshop-Leiterin, Mutter und Großmutter her. Ich hoffe, dass die Beispiele und Berichte sowohl inspirierend als auch kurzweilig sind und Sie ermutigen, die Bindungsspiele mit Ihren eigenen Kindern auszuprobieren.

Die im Buch angesprochene Altersgruppe der Kinder reicht von der Geburt bis zum zwölften Lebensjahr. Die meisten Methoden können an das jeweilige Alter angepasst werden, auch wenn Ihre Kinder jünger (oder älter) sein sollten als die in den Beispielen beschriebenen.

Mein Wunsch für alle Eltern ist, dass sie viele glückliche Augenblicke in der spielerischen Verbindung zu ihren Kindern erleben. Sind Sie jetzt bereit, mit Ihren Kindern zu lachen?

Der Aufbau des Buches

Im ersten Teil des Buches (»Auf die Plätze, fertig, los …«) finden Sie eine Beschreibung der neun Grundformen des Bindungsspiels und einige Tipps, die den Start erleichtern. Es ist empfehlenswert, die einzelnen Kapitel aufmerksam zu lesen, weil der Rest des Buches darauf basiert. Dazu kommt, dass hier unverzüglich umsetzbare Ideen und konkrete Aktivitäten beschrieben werden, die Sie mit Ihren Kindern ausprobieren können. Das letzte Kapitel des ersten Teils ist den persönlichen Hürden gewidmet, die Sie beim Spiel mit Ihren Kindern möglicherweise überwinden müssen, und schließt eine Reihe von »Forschungsaktivitäten« ein, um diesen Hindernissen auf den Grund zu gehen.

Der zweite Teil (»Bindungsspiele zur Lösung von Erziehungsproblemen«) schildert Schritt für Schritt auf typische Verhaltensprobleme bezogene spielerische Erziehungsmethoden, die ohne jede Strafe auskommen. Die Kapitel enthalten jeweils mehrere Lösungsansätze für den spezifischen Konflikt. Sie basieren auf den im ersten Teil beschriebenen neun Formen des Bindungsspiels.

Der dritte Teil (»Bindungsspiele als Hilfe in schwierigen Zeiten«) zeigt, wie Sie mit Bindungsspielen dazu beitragen können, Stress abzubauen und seelische Verletzungen zu lindern, die durch traumatische Erlebnisse hervorgerufen wurden. Auch hier ist jedes Kapitel auf ein spezifisches Thema zugeschnitten, sodass Sie mühelos nützliche Vorschläge und Tipps für Ihre persönliche Familiensituation finden können. Sie erfahren, welche der neun therapeutischen Spielformen besonders wirksam bei bestimmten Stresserfahrungen und Traumata sind.

In Anhang A finden Sie eine tabellarische Übersicht mit der Beschreibung der einzelnen Spielformen als Erinnerungshilfe. Anhang B enthält einen kurzen Abriss der theoretischen Grundprinzipien, auf denen die einzelnen Bindungsspielformen aufbauen. Die Forschungsergebnisse wurden zusammengefasst und geben Aufschluss über ihre Wirksamkeit bei der grundlegenden Veränderung problematischer Verhaltensweisen und Emotionen. Im Anschluss daran folgen die Verweise auf die wissenschaftlichen Informationsquellen.

Erster Teil:
Auf die Plätze, fertig, los …

»Spiel mit mir, Mama! Spiel mit mir, Papa!« Wie oft haben Sie diese Aufforderung von Ihrem Kind gehört? Kinder lieben Spiele über alles, insbesondere mit den Eltern. Wenn Sie mit Ihrem Kind spielen, stillen Sie sein Bedürfnis nach Bindung und stärken das Gefühl, geliebt zu werden. Das Spiel zählt zu den besten Mitteln, die emotionalen Batterien Ihres Kindes wieder aufzuladen.

Dieser Teil des Buches beschreibt neun spezifische Aktivitäten, die dazu beitragen, die Eltern-Kind-Bindung besonders nachhaltig zu stärken. Diese Aktivitäten bezeichne ich als »Bindungsspiele«. Viele Bindungsspielformen bilden auch die Grundlage effektiver Erziehungsmaßnahmen und fördern gleichzeitig emotionale Heilungsprozesse. Ich empfehle sie besonders häufig Eltern, die mit den problematischen Verhaltensmustern oder Gefühlen ihrer Kinder zu kämpfen haben.

1. Kapitel

Einführung in das Konzept des Bindungsspiels

Eine sichere Eltern-Kind-Bindung ist von zentraler Bedeutung für das emotionale Wohlbefinden des Kindes, und bei der Entwicklung einer rundum gesunden Bindung spielen die sozialen Interaktionen zwischen Eltern und Kind eine wichtige Rolle. Im Baby- und Kleinkindalter stellen wir diese Nähe durch scherzhafte kleine Aktivitäten wie Guck-guck- oder Backe-backe-Kuchen-Spiele her, ahmen die Lautsprache des Kindes nach, prusten ihm in den Bauchnabel, spielen mit seinen Zehen, wiegen es zum Klang von Musik in den Armen oder schaukeln es auf den Knien. Diese tagtäglichen beiderseitigen Interaktionen tragen dazu bei, dass Kinder von klein auf Selbstbewusstsein, Vertrauen, ein Gefühl der Sicherheit und des wechselseitigen Gebens und Nehmens, Humor und Lebensfreude entwickeln. Wenn wir Kinder von der ersten Stunde an in solche spielerischen Aktivitäten einbeziehen und dabei sowohl einfühlsam als auch zugänglich sind, lernen sie, mit uns zu kommunizieren und eine Beziehung zu uns aufzubauen.

Um diese gesunde Beziehung dauerhaft aufrechtzuerhalten, gilt es, diese spielerischen Interaktionen auch dann noch zu pflegen, wenn ein Kind älter wird. Wenn Sie der Aufforderung »Spiel mit mir« nachkommen und sich zu Ihrem Kind auf den Boden setzen, um bei seinen Fantasiespielen mit Puppen, Eisenbahn oder Bauklötzen mitzumachen, fühlt es sich geliebt und wertgeschätzt. Sie werden auch in späteren Jahren ungezählte Möglichkeiten entdecken, die Bindung zu untermauern, sei es durch Brettspiele oder einfach dadurch, dass Sie Spaß miteinander haben.

Falls Ihre Familie durch Faktoren wie Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, Krankheit, Scheidung, finanzielle Engpässe, die Geburt eines Babys oder einen bevorstehenden Umzug unter Stress steht, kann die Beziehung zu Ihrem Kind leiden. Die Bindung kann in diesen schwierigen Zeiten geschwächt werden, weil Sie (verständlicherweise) eher die Geduld verlieren oder nicht genug Zeit mit Ihrem Kind verbringen können. Lockert sich die Bindung, beginnt Ihr Kind möglicherweise, sich verunsichert, ängstlich, einsam und machtlos zu fühlen, was sich in schwierigen Verhaltensmustern niederschlagen kann. Tatsache ist, dass sich die meisten Erziehungsprobleme darauf zurückführen lassen, dass Kinder ein Gefühl der Isolation, Machtlosigkeit, Unsicherheit oder Ängste entwickeln.

Bindungsspiele können ein hochwirksames Heilmittel in derart belastenden Lebensphasen sein. Unglücklicherweise braucht Ihr Kind die spielerischen Aktivitäten mit Ihnen oft am meisten, wenn Ihnen am wenigsten der Sinn danach steht! Doch wenn es Ihnen gelingt, jeden Tag auch nur zwanzig bis dreißig Minuten Spielzeit abzuzweigen, wird Ihr Kind ungemein davon profitieren. Und denken Sie daran: Es ist nie zu spät, mit diesen therapeutischen Spielformen zu beginnen. Sie können jederzeit darauf zurückgreifen, um die Bindung wiederherzustellen und den Heilungsprozess zu unterstützen.

Lachen ist eine besonders wohltuende Komponente des Spiels. Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass Lachen innere Anspannung, Angst und Wut verringern kann. Durch Lachen und Spielen mit Ihrem Kind lassen sich viele Erziehungsprobleme lösen und stressreiche oder traumatische Erfahrungen besser verarbeiten. Mit Ihren Kindern zu lachen oder Spaß zu haben ist also niemals Zeitverschwendung!

Bindungsspiele stützen sich auf eine solide theoretische Grundlage, die in der wissenschaftlichen Forschung wurzelt. Forschungsergebnisse belegen die Wirksamkeit dieser neun spielerischen Aktivitäten bei Kindern mit emotionalen und Verhaltensproblemen (eine kurze Beschreibung dieser Studien finden Sie in Anhang B). Bindungsspiele sind gleichwohl für alle Kinder von Vorteil, auch wenn emotionale Gesundheit und Verhalten nichts zu wünschen übriglassen.

Bindungsspiele zeichnen sich durch bestimmte charakteristische Merkmale aus, die sie von herkömmlichen Spielformen oder Sportarten unterscheiden. Diese grundlegenden Eigenschaften werden nachfolgend beschrieben.

Merkmale von Bindungsspielen

Was sie sind

Was sie nicht sind

2. Kapitel

Die neun Formen des Bindungsspiels

Es gibt neun grundlegende Bindungsspielformen mit den im ersten Kapitel erwähnten charakteristischen Merkmalen. Die nachfolgenden Aktivitäten werden in den jeweiligen Abschnitten dieses Kapitels im Einzelnen erläutert. In Anhang A finden Sie eine Übersicht über jede Spielform und in Anhang B die entsprechenden Forschungsergebnisse.

Die neun Formen des Bindungsspiels

Nicht-direktive, kindzentrierte Spiele

Ich saß auf dem Fußboden des Familienspielzimmers und richtete meine ungeteilte Aufmerksamkeit auf den dreijährigen Paul, während seine Eltern uns beobachteten. Er beschloss, mit Bauklötzen zu spielen, und errichtete ein kleines Haus – ohne Toilette, wie er mit Nachdruck erklärte. Dann griff er zu einer männlichen Spielfigur, die das Haus betrat, und erklärte: »Der Mann musste mal, aber es gibt kein Klo, deshalb hat er Pipi in die Hose gemacht!« Er fand das ungeheuer lustig und lachte.

Manche Eltern möchten, dass ich mir ein unmittelbares Bild von ihrem Kind mache, bevor sie mich zu einem Beratungsgespräch ohne ihren Sprössling aufsuchen. In dieser Phase greife ich stets auf nicht-direktive, kindzentrierte Spiele zurück, weil sie die beste Möglichkeit bieten, ein Kind kennenzulernen. Viele Kinder bringen schon innerhalb der ersten zehn Spielminuten Themen zur Sprache, die ihnen Kopfzerbrechen bereiten. Im oben erwähnten Beispiel gelangte ich zu der Schlussfolgerung, dass Paul und seine Eltern Probleme mit dem Sauberkeitstraining hatten. Als ich mich später allein mit den Eltern zusammensetzte, fragte ich nach, und sie bestätigten, dass sich das Sauberkeitstraining in der Tat schwierig gestaltete.

Für nicht-direktive, kindzentrierte Spiele brauchen Sie Requisiten, die Fantasie, Kreativität und die Freude am Gestalten anregen, wie Bauklötze, Puppen, Puppenhaus, Hand- oder Fingerpuppen, Ton (oder Knetmasse), Anziehsachen zum Verkleiden, Material zum Malen und Basteln, kleine Spielfiguren, Stofftiere und Spielautos. Dann lassen Sie Ihr Kind entscheiden, was es damit anfangen möchte.

Empfehlenswert wäre, für jedes Kind einmal in der Woche mindestens eine halbe Stunde für Spiele einzuplanen, die unter seiner Führung ablaufen und auf seine individuellen Wünsche und Bedürfnisse ausgerichtet sind. Das bedeutet, dass Sie eine Betreuung für den Rest Ihrer Kinder organisieren müssen, falls Sie mehrere haben. Täglich fest eingeplante Spielsitzungen wären natürlich besser, sofern Sie die Zeit erübrigen können. Um das Gefühl der Liebe und Wertschätzung zu unterstreichen, das Sie Ihrem Kind entgegenbringen, sollten Sie während der Spielzeit weder telefonieren noch sich anderweitig ablenken lassen. Ihr Kind profitiert in noch stärkerem Maße von Ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit, wenn Sie eine Zeitschaltuhr einstellen und darauf hinweisen, dass Sie mit ihm spielen werden, bis sie abgelaufen ist. Das könnte auch für Sie einfacher sein. Viele Eltern stellen fest, dass sie sich besser auf ihr Kind konzentrieren können, wenn sie wissen, dass die Zeitdauer begrenzt ist.

Wenn Sie Ihr Kind zu nicht-direktiven Spielsitzungen ermutigen, sollten Sie nicht überrascht sein, wenn es Familienkonflikte, Erziehungsprobleme oder posttraumatische Erfahrungen in das Spiel einfließen lässt. Ein solches Verhalten ist normal, gesundheitszuträglich und deutet darauf hin, dass es sich in Ihrer Gegenwart sicher genug fühlt, um Sie an seinen Konflikten und Herausforderungen teilhaben zu lassen.

Nicht-direktive, kindzentrierte Spiele helfen Kindern, sich wahrgenommen, sicher und geliebt zu fühlen. Sie sind besonders nutzbringend zur Wiederherstellung der Bindung in Stress- oder Trennungssituationen, bei der Aufarbeitung traumatischer Ereignisse oder generell zur Stärkung der Bindung. Wenn Ihr Kind Erfahrungen mit harschen Erziehungsmaßnahmen oder häuslicher Gewalt machen musste, können die kindzentrierten Spielsitzungen dazu beitragen, dass es wieder ein Gefühl des Vertrauens und der Sicherheit aufbaut.

Symbolspiele mit problembezogenen Requisiten oder Themen

Mit achtzehn Monaten entwickelte mein Sohn Angst vor Hunden, nachdem ein freundlicher, tapsiger Welpe ihn angesprungen hatte. Eines Tages kroch ich aus Spaß auf allen vieren umher und bellte wie ein Hund. Er lachte übermütig, und ich musste die Darbietung mehrmals wiederholen. Wir spielten dieses Spiel einige Tage lang, bis seine Angst vor Hunden nachließ.

Symbolspiele mit problembezogenen Requisiten sind besonders wirksam, um Traumata aufzuarbeiten. Bei diesen Interaktionen übernehmen Sie in stärkerem Maß die Führung, indem Sie bestimmte Spielsachen oder Spielthemen wählen, die in Zusammenhang mit der traumatischen Erfahrung Ihres Kindes stehen. Wenn es beispielsweise von einem Hund gebissen wurde, können Sie einen Stoffhund einbringen oder einen Hund spielen wie oben beschrieben. Sollte in Ihrer Umgebung irgendwann einmal ein Feuer ausgebrochen sein und Ihr Kind seine Angst nicht überwunden haben, könnte ein Spiel mit einem kleinen Feuerwehrauto, einem Spielhaus und kleinen menschlichen Figuren helfen. Im dritten Teil des Buches finden Sie viele Beispiele für therapeutische Symbolspiele mit Kindern.

Symbolspiele haben sich auch bei Verhaltensproblemen bewährt, etwa beim Toilettentraining, bei Geschwisterrivalität, Lügen und mangelnder Kooperation. Durch Rollenspiele, in denen bestimmte Konflikte mit Kuscheltieren und anderen Requisiten dargestellt werden, lässt sich das Verhalten Ihres Kindes positiv beeinflussen. Im zweiten Teil des Buches wird erklärt, wie Sie Symbolspiele einsetzen, um solche spezifischen Erziehungsprobleme in den Griff zu bekommen.

Kontingenzspiele

Ich besuchte meine Enkelin, als sie zwei Jahre alt war. Zuerst gab sie sich mir gegenüber zurückhaltend, da wir uns seit Monaten nicht mehr gesehen hatten. Ich nahm auf dem Fußboden Platz und sah ihr zu, wie sie nicht weit von mir entfernt mit ihren Spielsachen spielte. Als ihr versehentlich eine Puppe herunterfiel, tat ich so, als wäre ich die Puppe, und sagte: »Autsch!« Sie kicherte, hob die Puppe auf und ließ sie absichtlich wieder fallen. Wieder rief ich: »Autsch!«, was ihr offensichtlich Spaß machte. Sie warf die Puppe mindestens zwanzigmal auf den Boden, und jedes Mal, wenn ich »Autsch!« sagte, lachte sie lauthals. Nach diesem Spiel verlor sie ihre Scheu, kam bereitwillig zu mir und setzte sich auf meinen Schoß.

Zu den Kontingenzspielen gehören alle Aktivitäten, bei denen sich das Verhalten des Erwachsenen in Übereinstimmung mit dem Verhalten des Kindes zuverlässig wiederholt. Wie das Beispiel zeigt, bieten sie eine hervorragende Möglichkeit, eine liebevolle Beziehung zu einem Kind aufzubauen.

Ein weitverbreitetes Kontingenzspiel mit jüngeren Kindern ist der Huckepackritt, bei dem Sie sich, den nonverbalen Vorgaben des Kindes folgend, nach rechts beziehungsweise links wenden oder anhalten. Die Richtung zeigt das Kind beispielsweise durch Antippen der entsprechenden Schulter an. Ein weiteres beliebtes Kontingenzspiel ist das Stupsspiel. Wenn das Kind Ihnen einen Stups gegen die rechte Wange versetzt, zeigen Sie eine fröhliche Miene, stupst es gegen die linke Wange, machen Sie ein trauriges oder wütendes Gesicht. Bei einem Stups gegen die Hand flattern Sie wie ein Vogel auf und ab, beim nächsten Stups kommen Ihre imaginären Flügel zum Stillstand. Denken Sie sich weitere Bewegungsmuster aus, die andere Körperteile einbeziehen.

Die meisten Kinder lieben Kontingenzspiele, die unzählige Variationen erlauben. Das Schlüsselelement ist hier die deckungsgleiche Übereinstimmung zwischen dem Verhalten des Kindes und der Reaktion des Erwachsenen. Kontingenzspiele festigen die Bindung, fördern das Vertrauen und ein starkes Machtgefühl, vermitteln Akzeptanz und flößen dem Kind durch ihre Vorhersehbarkeit ein Gefühl der Sicherheit ein. Das Lachen, das sie hervorrufen, trägt zum Abbau der inneren Spannungen bei, die durch Angst, Machtlosigkeit und Kontrollverlust im Zuge früherer traumatischer Erfahrungen entstanden sind.

Diese Aktivitäten wirken dem chronischen Gefühl der Machtlosigkeit entgegen, das alle Kinder bisweilen überkommt, weil sie Erwachsenen körperlich und geistig unterlegen sind. Kindern überlässt man normalerweise keine wichtigen Entscheidungen, beispielsweise über den Wohnort der Familie, die Schule, die sie besuchen, oder darüber, wer die Betreuung übernimmt. Eltern obliegt die Aufgabe, das Leben ihrer Kinder weitgehend zu steuern. Wenn die Erwachsenen machtbasierte Erziehungsmaßnahmen anwenden (wovon ich dringend abrate), fühlen sich Kinder in noch stärkerem Maß ausgeliefert, manipuliert und kontrolliert. Während des Kontingenzspiels können sie zeitweilig das Gefühl genießen, dass sie bestimmen, wo’s langgeht. Danach stellen die Eltern oft fest, dass ihre Kinder bereitwilliger unerlässliche Grenzen akzeptieren und ihren Anforderungen entsprechen.

Zu den Kontingenzspielen zählen auch die Imitationsspiele. Sie können damit beginnen, sobald das Kind die ersten Laute von sich gibt (vom Weinen abgesehen). Es wird vermutlich begeistert sein, wenn Sie sein Quietschen oder Gurren nachahmen. Imitationsspiele fördern die Entwicklung der Empathie. Wenn Sie die Lautäußerungen und Bewegungen Ihres Kindes spiegeln, lernt es, diesen Reiz mit einem bestimmten emotionalen Zustand in Verbindung zu bringen, der bei ihm selbst ausgelöst wird. Und das trägt wiederum zu der Erkenntnis bei, dass andere Menschen die gleichen mentalen Erfahrungen machen:

Als meine Tochter sieben Monate alt war, fand sie es herrlich, wenn ich ihre Lautäußerungen nachahmte. Wenn sie »Ga« sagte, antwortete ich mit »Ga«. Dann wiederholte sie den Laut, wobei sie mich mit einem erwartungsvollen Lächeln ansah. Auf diese Weise führten wir wunderbare »Gespräche«.

Eine Mutter schilderte folgendes Imitationsspiel mit ihrem Kind:

Immer wenn mein Baby einen Schluckauf hatte, beobachtete ich es genau und versuchte, gleichzeitig mit ihm zu hicksen; meistens gelang es mir mit kurzer Verzögerung, wie ein Echo. Dieses Spiel fing schon mit fünf Monaten an. Mein Sohn fand es urkomisch, und ich stellte fest, dass dadurch jedes Mal ein inniges Gefühl der Verbundenheit zwischen uns entstand.

Ältere Kinder genießen Imitationsspiele wie »Alle Vögel fliegen hoch« oder »Kommando Pimperle«, bei dem das Kind die Kommandos erteilt und alle anderen die vorgegebenen Stellungen, Gesten oder Bewegungen nachahmen müssen.

Nonsensspiele

Als mein Sohn zwanzig Monate alt war, spielten wir miteinander, und plötzlich tat er, als wollte er sich die Nase im T-Shirt schnäuzen, wobei er mich ansah und schelmisch lachte.

Als mein Sohn elf war, spielten er und seine Freunde in einem Theaterstück der Schule mit, für das sie eine Menge Text auswendig lernen und verschiedene Lieder und Tänze einstudieren mussten. Ein paar Tage nach der letzten Aufführung fuhr ich meinen Sohn und drei seiner Mitschüler nach dem Unterricht zu einer Party. Die Autofahrt dauerte eine Viertelstunde, die sie komplett damit verbrachten, die Texte falsch wiederzugeben, was unbändiges Gelächter auslöste. Als ich meinen Sohn später darauf ansprach, erklärte er mir, das hätte er mit seinen Freunden seit der letzten Vorstellung ständig gemacht.

Zu Nonsensspielen gehört ein bewusst absurdes Verhalten, wenn Ihr Kind beispielsweise offenkundige Fehler begeht oder Gefühle und Konfliktsituationen spielerisch übertreibt. Diese Spielform erfüllt die Voraussetzungen eines Bindungsspiels, wenn dabei Interaktionen zwischen Eltern und Kind stattfinden. Sie kann sowohl von Ihnen als auch von Ihrem Kind initiiert werden.

Kinder regen oft Nonsensspiele an, bei denen sie absichtlich Fehler machen. Sie ziehen sich die Hose über den Kopf, statt hineinzuschlüpfen, rezitieren Kinderreime falsch oder fügen Puzzleteile an der falschen Stelle ein. Das schallende Gelächter, das solche spontanen Scherze hervorrufen, deutet auf die Lockerung einer inneren Anspannung hin.

Als mein Sohn tat, als würde er sich in sein T-Shirt schnäuzen, könnte die Ursache dieser inneren Anspannung aufgestaute Frustration darüber sein, dass ich ihn beim Spielen oft unterbrochen hatte, um ihm ein Taschentuch hinzuhalten und ihn aufzufordern, sich die Nase zu putzen. Vielleicht fühlte er sich auch unter Druck gesetzt, weil ich von ihm verlangte, sich die Nase richtig zu putzen. Er spürte, wie wichtig mir die Benutzung des Taschentuchs war, und begann, diese spezifische Verhaltensregel zu verinnerlichen. Der vorgetäuschte Regelverstoß (während ich zusah) war für ihn ein kleiner Akt des Widerstands, den er lustig fand.

Das zweite Beispiel zeigt, dass auch ältere Kinder Nonsensspiele genießen, die sich spontan ergeben. Die fehlerhafte Wiedergabe des auswendig gelernten Textes trug dazu bei, den Stress abzubauen, den das Lampenfieber und die Erwartungen des Lehrers bezüglich einer Theateraufführung ohne Pannen ausgelöst hatten. Diese Form des Nonsensspiels ist besonders wirksam bei Kindern, die panische Angst haben, dass ihnen ein Fehler unterläuft. Vielleicht wurden sie früher einmal deswegen gehänselt oder bestraft, haben Lehrer mit übersteigerten Erwartungen oder sind selbst Perfektionisten.

Übertreibung ist eine weitere Form des Nonsensspiels. Sie können diese Methode anwenden, um Erziehungsprobleme durch spielerische Überspitzung der Konflikte anzusprechen, sie ad absurdum führen oder selbst ein verschrobenes Spiel erfinden. Übertreibung und Albernheiten, die zum Lachen reizen, bieten Kindern die Möglichkeit, aufgestauter Wut oder Frustration Luft zu machen. Wenn sich Ihre achtjährige Tochter beispielsweise weigert, zu duschen oder zu baden, nachdem sie den ganzen Nachmittag am Strand verbracht hat, könnten Sie ihr spielerisch androhen, den Sand auf dem Fußboden (der von ihrem Körper herabrieselt) mit einem Bulldozer zu entfernen, und dann eine Verfolgungsjagd mit dem imaginären Gefährt einleiten. Nach solchen Spielen, die Kindern Spaß machen, sind sie oft eher bereit, den Forderungen der Eltern zu entsprechen. Im zweiten Teil des Buches finden Sie weitere Beispiele für diese Variante des Nonsensspiels (Übertreibung), die auf eine positive Verhaltensänderung Ihres Kindes abzielt.

Übertreibungen können auch dann zweckdienlich sein, wenn Sie Ihrem Kind helfen möchten, Ängste zu bewältigen. Dieser Ansatz ist vor allem dann von Vorteil, wenn es sich durch eine Konfrontation mit dem realen Angstauslöser überfordert fühlen würde. In diesem Fall können Sie mit der übertriebenen Darstellung eines kleinen Aspekts der Angst vorgehen. Wenn sich Ihr Kind beispielsweise vor Schlangen fürchtet, können Sie beide so tun, als würden Ihnen schon bei einem Zischlaut die Haare zu Berge stehen.

Trennungsspiele

Im Alter von zehn Monaten forderte mich mein Sohn zu einem Guck-guck-Spiel auf, indem er sich wiederholt eine Decke über den Kopf zog und sie dann wieder beiseiteschob. Jedes Mal, wenn er wieder auftauchte, rief ich: »Guck-guck«, und er lachte hellauf.

Trennungsspiele sind Interaktionen, bei denen Sie eine kurzfristige visuelle oder räumliche Distanz zu Ihrem Kind schaffen. Zu diesen Aktivitäten gehören beispielsweise das Guck-guck- und das Versteckspiel.

Beim Guck-guck-Spiel verbergen Sie einen Augenblick lang Ihr Gesicht oder das Ihres Kindes und tauchen dann unverhofft wieder auf. Kinder zwischen sechs Monaten und eineinhalb Jahren lieben dieses Spiel und lachen dabei. Wie das obige Beispiel zeigt, setzen sie es manchmal sogar aktiv in Gang. Das Lachen baut die innere Anspannung ab, eine Folge der Trennungsangst, die in dieser Altersgruppe ihren Gipfel erreicht. Hier handelt es sich um eine völlig normale entwicklungsbedingte Angst, die bei sicher gebundenen Kindern vorhanden ist. Beim Guck-guck-Spiel sollten Sie vermeiden, sich zu lange zu verbergen. Sonst könnte Ihr Kind befürchten, dass Sie tatsächlich verschwunden sind.