Buch
Deutschland 1938. Alle Zeichen stehen auf Sturm, aber im Gegensatz zu ihrer Mutter Felicia kümmert Politik die junge Belle Lombard nur wenig. Ihre Pläne gelten einzig ihrer Filmkarriere in Berlin und dem vermeintlichen Mann ihrer Träume, dem Schauspieler Max Marty. Während Belle sich auf die bevorstehende Hochzeit auf dem Gut der Familie konzentriert, verteidigt Felicia indes als erfolgreiche Unternehmerin rücksichtslos ihre Interessen – sogar gegen die eigenen Gefühle. Doch der ausbrechende Krieg macht auch vor der weitverzweigten Familie der beiden Frauen nicht Halt und droht ihnen schließlich, alles zu nehmen. Und Belle und Felicia müssen schließlich eine Entscheidung treffen, die ihr Leben für immer verändern wird …
Autorin
Charlotte Link, geboren in Frankfurt/Main, ist die erfolgreichste deutsche Autorin der Gegenwart. Ihre Kriminalromane sind internationale Bestseller, auch Die Betrogene und zuletzt Die Entscheidung eroberten wieder auf Anhieb die SPIEGEL-Bestsellerliste. Allein in Deutschland wurden bislang über 28 Millionen Bücher von Charlotte Link verkauft; ihre Romane sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. Charlotte Link lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Frankfurt/Main.
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CHARLOTTE LINK
STURM
ZEIT
Wilde Lupinen
Band 2
Roman
I. BUCH
1
Es war im Mai, und die Rapsfelder blühten. Hellgrünes Laub leuchtete in der Sonne. Auf den Wiesen wucherten Klee und Löwenzahn, und der Wind trug einen leisen Salzgeruch ins Land. Flimmernd fielen die Sonnenstrahlen des Frühsommerabends durch die Blätter der Eichen, die die Auffahrt zu Lulinn säumten. Am Ende der Allee konnte man das Gutshaus erkennen, efeubewachsen und verwittert. Entlang der Auffahrt grasten Pferde, Trakehner, zwei von ihnen galoppierten quer über die Koppel hintereinanderher. Ein anderes stand aufrecht, mit hocherhobenem Kopf, am Zaun und wieherte laut.
Obwohl sie fast das ganze Jahr über in Berlin lebte, wäre Belle Lombard nie auf die Idee gekommen, etwas anderes als Lulinn als Heimat zu bezeichnen.
»Ich komme aus Ostpreußen«, pflegte sie zu sagen, wenn man sie nach ihrem Zuhause fragte, und erklärend setzte sie hinzu: »Von Lulinn. Ein Gut, schon seit drei Jahrhunderten im Besitz meiner Familie. Es liegt nahe bei Insterburg … also nicht mehr weit von der litauischen Grenze.«
Sie musste die Worte »Lulinn« und »Insterburg« nur aussprechen, und es wurde ihr so sehnsüchtig zumute, dass sie meinte, Berlin keine Sekunde länger ertragen zu können. Natürlich, sie hing an dieser Stadt, sie lebte dort, arbeitete dort, hatte eine Menge Freunde, aber Lulinn … das war etwas ganz anderes. Lulinn – das waren im Sommer Kornfelder, so weit das Auge reichte, und im Winter dicke, aufgeplusterte Schneehauben auf den Weidezäunen, das waren Schwarzbeeren im Herbst und der Geruch von Laub und Pilzen, das waren als erste Frühlingsboten die Wildgänse am Himmel, die aus dem Süden zurückkehrten. Lulinn – mächtige Eichen und wilde Lupinen, blaugrau die Schatten der Wälder am Horizont, schwer der Duft von Jasmin im Wind und der von frischem Kümmelbrot aus der Küche im Souterrain. Der farbenprächtige Rosengarten vor dem Portal, das Klappern der Holzschuhe, wenn die Knechte und Mägde in aller Herrgottsfrühe die Arbeit auf dem Hof begannen, das Rauschen des Laubes von den Obstbäumen im Garten und die herrlichen, schneeweißen Federbetten, die immer so gut rochen, weil Jadzia, die polnische Haushälterin, die Leinenbezüge nach dem Waschen draußen trocknen ließ und sich der Duft von frischem Heu, von Blumen und Kräutern in ihnen fing.
Auf Lulinn war die Zeit irgendwann stehengeblieben und hatte sich dann einen bedächtigen Lauf angewöhnt, und Belle dachte, es sei das unwandelbare Gleichmaß aller Dinge, was dem Gut seinen Zauber gab. Draußen zeigte sich die Welt abwechselnd gleichgültig, böse oder sogar grausam, aber auf Lulinn gab es Beständigkeit, und wenn man seine Mauern nach ein paar Tagen wieder verließ, fühlte man sich gegen alles gewappnet, was das Leben an Misshelligkeiten bereithalten mochte.
Alles wird gut, dachte Belle auch diesmal, als der blank geputzte, schokoladenbraune Armstrong Siddeley ihrer Tante die Eichenallee entlangfuhr. Wie schwer der Flieder roch! Sie wandte den Kopf und betrachtete die Frau, die am Steuer saß. Tante Modeste, die sie am Bahnhof in Insterburg abgeholt hatte und seitdem ununterbrochen darüber jammerte, wie viel Zeit sie dieses Unternehmen kostete. »Als ob man nichts Besseres zu tun hätte«, knurrte sie auch jetzt.
Wie kann man nur so missmutig sein, wenn man das Glück hat, das ganze Jahr auf Lulinn leben zu dürfen, fragte sich Belle im Stillen. Sie und Modeste hatten einander nie leiden können. Modeste fand, Belle sei vorlaut und frech und habe die unglückliche Neigung, sich in jeder Lebenslage danebenzubenehmen. Umgekehrt hielt Belle Modeste für falsch und heimtückisch und unerträglich rechthaberisch. Modeste hatte vor acht Jahren geheiratet, einen kleinen, schmächtigen Mann, Kaufmannssohn aus Insterburg, der vollkommen unter ihrer Fuchtel stand und sich für eine Art Missionar hielt; auf eine nervtötend salbadernde Art fragte er jeden Bewohner Lulinns ständig nach seinen geheimsten Problemen aus, wobei er selbst vor den allerintimsten Fragen nicht zurückschreckte. Nachher plauderte er, auch im größeren Kreis, aus, was er erfahren hatte. Immerhin – man traute es ihm nicht zu, wenn man ihn in seiner trostlosen Magerkeit sah – hatte er in den acht Jahren seiner Ehe schon vier Kinder gezeugt, mit dem vierten war Modeste nun schwanger. Sie machte viel Aufhebens darum, keuchte und klagte. Aber wahrscheinlich, dachte Belle in einem Anflug von Mitleid, hat sie es wirklich nicht leicht damit. Sie ist so dick wie ein Hefekloß!
»Es ist heiß wie im Hochsommer«, stöhnte Modeste und wischte sich den Schweiß aus dem geröteten Gesicht. »Man hält es kaum aus. Besonders in meinem Zustand!«
»Warum trägst du auch ein schwarzes Kleid, Tante Modeste? Das macht es nur schlimmer!«
Sofort verwandelte sich Modeste in die verkörperte Empörung.
»Du hast vergessen, dass ich in Trauer bin! Aber natürlich, du hast meine Eltern ja nie gemocht!«
Modestes Eltern waren beide kurz nacheinander gestorben, und Belle konnte tatsächlich nicht behaupten, dass es sie außerordentlich geschmerzt hätte – obwohl es einen immer erschreckt, wenn Menschen sterben, die man gut gekannt hat, selbst wenn sie so sauertöpfisch waren, wie die alte Tante Gertrud oder ein Erznazi wie ihr Mann Victor. Modeste aber hatte es tief getroffen. Sie fügte hinzu: »Meiner armen Mutter hast du sogar regelrecht das Leben schwergemacht! Immerzu widersprochen …«
»Ach Modeste! Ich war ein Kind, und ich hatte meine Trotzphase wie alle Kinder! Das brauchte doch keiner ernst zu nehmen!«
Modeste betrachtete beinahe hasserfüllt das Gesicht der jungen Frau. Diese vollkommen reine, weiße Haut, dachte sie, und wieso glänzt ihr Haar so? Wie schön sie ist und wie jung!
»Alles hing an meiner Mutter«, fuhr sie fort, »denn deine hat sich ja fast nie blicken lassen. Geht ihren eigenen Weg, die gnädige Frau, und lässt andere die Arbeit tun! Schöne Moral!«
Belles Augen wurden schmal. »Lass Mama aus dem Spiel! Sie tut mehr für uns alle, als irgendjemand sonst!«
»Jaja …«, murmelte Modeste unbestimmt. Der Wagen war vor dem Portal angekommen, Modeste trat auf die Bremse. Sie stöhnte schon im Voraus, denn sie wusste, wie schwer es ihr fallen würde, ihren massigen Leib aus dem Auto zu wuchten. »Dir wird es auch bald nicht anders gehen«, prophezeite sie finster und wies auf ihren Bauch.
»Möglich«, entgegnete Belle ruhig und entschlossen, sich nicht über Modeste zu ärgern. Sie war auf Lulinn, und sie war glücklich. Es war der 20. Mai 1938. Belle Lombard war nach Lulinn gekommen, um dort zu heiraten.
Joseph Blatt, Modestes Mann, kam den beiden Frauen entgegen. Er sah noch dünner und bleicher aus als sonst. Wie üblich konnte er seinen langen Hals nicht beherrschen und nickte bei jedem Schritt mit dem Kopf wie ein Huhn.
»Meine liebe Belle!«, rief er überschwänglich und drückte sie an sich. Dann hielt er sie ein Stück von sich weg und zwinkerte ihr vertraulich zu. »Na, wie fühlt sich die junge Braut? Bisschen nervös, wie? Alles in Ordnung? Oder möchtest du dich aussprechen?« Offensichtlich brannte er darauf, ihr vor dem Schritt ins Unbekannte noch ein paar Tipps zu geben, aber dazu wollte es Belle keinesfalls kommen lassen. »Mir geht es wunderbar, Onkel Joseph«, sagte sie munter.
Er schien enttäuscht. »So? Aha … ich habe dich übrigens neulich in ›Das unsterbliche Herz‹ gesehen. Lief in Insterburg im Kino. Du hast sehr hübsch ausgesehen.«
»Ich habe dich nicht entdecken können«, kam es sofort von Modeste. »Du hattest wohl eine sehr kleine Rolle! Die Söderbaum war jedoch hervorragend!«
Belle zuckte mit den Schultern. Sie war seit zwei Jahren bei der UFA und kam noch nicht über die Statistenrollen hinaus, aber das hatte sie einkalkuliert, als sie beschloss, Schauspielerin zu werden. Sie überhörte Modestes Spitze und fragte: »Wer ist schon von der Familie da?«
»Fast alle!« Joseph lächelte fröhlich. Er liebte die Rolle des Gastgebers, der seine weitläufige Verwandtschaft mit offenen Armen empfängt. »Dein Onkel Jo ist gestern gekommen, mit Linda und Paul. Und Sergej und Nicola sind da. Sie haben Anastasia mitgebracht.«
Jo, Johannes Degnelly, war der Bruder von Belles Mutter. Er lebte als Rechtsanwalt in Berlin und war für Belle immer eine Art Vaterersatz gewesen. Sie hing an dem grauhaarigen Herrn mit den melancholischen Augen und dem grüblerischen Wesen. Sie mochte auch seine Frau Linda, obwohl die, selbst mit zweiundvierzig Jahren noch, das naive kulleräugige Püppchen spielte, das sie schon als junges Mädchen gewesen war. Am meisten aber mochte sie Paul, den Sohn der beiden. Er war zweiundzwanzig Jahre alt, drei Jahre älter als sie, ein ruhiger, etwas verträumter Mann mit einer merkwürdigen Leidenschaft für Autos und Motoren. In Belle weckte er Muttergefühle und Beschützerinstinkte. Als Kinder hatten sie beschlossen, später zu heiraten, und inzwischen waren sie die besten Freunde.
In der Tür begegnete Belle ihrer Großcousine Nicola, einer schönen Frau mit etwas verdrossenen Gesichtszügen. Nicola war als Kind vor der Revolution aus Petrograd geflohen, hatte dabei ihre Eltern verloren und sich später als junge Frau mit verbissener Liebe an den ebenso charmanten wie leichtsinnigen Exilrussen Sergej Rodrow geklammert, der schließlich tatsächlich mit ihr zum Traualtar marschiert war, seitdem aber nie einen Zweifel daran ließ, dass er sie im Grunde für ihre Anhänglichkeit verachtete. Beruflich kam Sergej nicht mehr so recht auf die Füße. Er hatte einst in einem Berliner Immobilienbüro eine Menge Geld verdient, aber nachdem sein Arbeitgeber am Schwarzen Freitag 1929 in die große Pleite gesegelt war, blieb auch für Sergej der Erfolg aus. Er war inzwischen mit seiner Familie in Breslau gelandet, wo er Schreibarbeiten in einer Baufirma erledigte und mit einer Sekretärin ein Verhältnis hatte. Nicola sah man inzwischen die durchwachten Nächte an, in denen sie auf ihn wartete. Ihre Tochter Anastasia, ein achtjähriges Mädchen mit langen, schwarzen Haaren, von der Familie nur »Anne« gerufen, war das typische Beispiel eines Kindes aus einer zerrütteten Familie. Sie lutschte noch immer heftig am Daumen, kaute ständig an den Fingernägeln, schrie im Schlaf und fiel in der Schule durch aggressives Benehmen auf. Sie hasste ihren Vater, weil er sie nicht beachtete.
»Ach Belle«, sagte Nicola nun. Es klang zerstreut, sie sah aus, als hätte sie geweint. »Wo ist dein Verlobter?«
»Er kommt erst übermorgen, er muss heute und morgen noch Theater spielen in Berlin. Wie geht es dir, Nicola?«
»Gut.« Das klang wenig überzeugend. »Es ist schön, mal wieder hier zu sein.«
Beide sahen einander an, die frustrierte Nicola und Belle mit ihrer Zuversicht und unbekümmerten Fröhlichkeit. Du wirst es schon auch noch merken, dachte Nicola, wie das Leben ist, wie die Männer sind …
Wie ein Geist tauchte Jadzia, die polnische Haushälterin, aus dem Dämmerlicht des kühlen Flures auf. Sie hielt zwei große Steinkrüge, gefüllt mit Buttermilch, in den Händen. »Essen gleich fertig. Wird nicht besser, wenn stehen auf Tisch. Wird kalt, weil die Damen reden und reden!« Jadzia, alt, klein und schlau, hatte vor niemandem Respekt. Ihr Wort galt auf Lulinn mehr als das von Modeste, die immerhin die offizielle Hausfrau war.
»Wir kommen gleich, Jadzia. Ich muss mir nur noch schnell die Hände waschen.« Belle lief die Treppen hinauf. Ihr Zimmer hatte geblümte Tapeten und einen kleinen Erker, vor dem ein Apfelbaum stand. Seine Zweige ragten fast ins Fenster hinein. Auf den hölzernen Fußboden malte der Abendsonnenschein rötliche Flecken, es roch nach Kiefern und warmem Gras. Belle atmete tief durch. Sie nahm ihren Hut ab, und während sie ihre Hände wusch, betrachtete sie sich im Spiegel. Max hatte gesagt, sie habe die schönsten Augen der Welt und er habe solche Augen noch nie gesehen. »Sie sind vollkommen grau, Belle, wie das Meer bei Regen, aber unbewegt, kühl und fern. Sie haben keine Wärme, deine Augen, und das ist es, was mich an ihnen fasziniert und zugleich ängstigt.«
Es war typisch für Belle, dass sie von seinen Worten nur die wirklich aufnahm, die ihr gefielen. Was er von der fehlenden Wärme in ihren Augen sagte, irritierte sie nicht weiter, verliebte Männer interpretierten, ihrer Erfahrung nach, alles Mögliche in die Augen einer Frau, und meistens konnte man getrost die Hälfte davon abziehen. Aber wenn er sie schön fand, dann fand er sie schön, und das war entscheidend.
Max Marty war achtunddreißig Jahre alt und damit beinahe zwanzig Jahre älter als Belle. Seine Kindheit hatte er in Rom verbracht, als Sohn des bekannten Schauspielers Massimo Marti und dessen kapriziöser deutscher Frau, die die Familie mit ihren verrückten Einfällen in Atem gehalten hatte. Max und sein Vater hatten sich nie verstanden, weshalb der Sohn, kaum der Schule entronnen, nach Deutschland gegangen war und in Berlin bei Max Reinhardt Schauspielunterricht genommen hatte. Dass er seinen Nachnamen von da an hinten mit »y« statt mit »i« schrieb, hatte zwei Gründe: Zum einen schien es ihm als dem jungen exaltierten Mann, der er damals gewesen war, interessanter, zum anderen bedeutete es für ihn aber auch eine Abgrenzung gegen seinen Vater. Er wollte einen klaren Unterschied schaffen zwischen sich und Massimo.
Eigentlich könnte ich Max noch schnell anrufen, dachte Belle, wenn ich Glück habe, erwische ich ihn noch, bevor er ins Theater geht.
Das Telefon stand im Salon, wo sich um diese Zeit niemand aufhielt. Während Belle auf die Verbindung wartete, sah sie sich um, und ein Gefühl der Ruhe breitete sich mehr und mehr in ihr aus. Der Rokokosekretär, die blauen Seidenvorhänge vor den Fenstern, der kostbare Perserteppich. Eine über Jahrhunderte erworbene und bewahrte Wohlhabenheit, aus der sie alle die Selbstsicherheit schöpften, mit der sie lebten.
»Ja?«, erklang die Stimme von Max. Wie immer fühlte Belle sofort die Spannung, die zwischen ihnen war. »Max? Ich bin es, Belle. Ich bin in Lulinn!«
Max lachte leise. »Lulinn! Das Zauberwort. Wie geht es dir?«
»Wunderbar. Aber ich vermisse dich. Wehe, du überlegst es dir anders und sitzt übermorgen nicht im Zug nach Insterburg!«
»Das wage ich nicht. Du würdest mich um die halbe Welt jagen.«
»Sei dir da nicht so sicher. Vielleicht schnappe ich mir nur ganz schnell einen anderen Mann und lebe glücklich und zufrieden mit ihm!«
Es waren die üblichen Scherze zwischen ihnen, aber beider Lachen hatte etwas Verkrampftes, und es gab Momente, da begriff Belle, dass zwischen ihr und Max nicht alles in Ordnung war. Sie hatte ihn irgendwie dazu gebracht, sie zu heiraten, aber in Wahrheit war er keineswegs so versessen darauf wie sie. Etwas stimmte nicht, aber Belle kam nicht dahinter, was es war. Ein Streitgespräch fiel ihr ein, das sie und Max vor wenigen Tagen geführt hatten. Sie waren mit ein paar Freunden in einem Café gewesen, man hatte hitzig über den Anschluss Österreichs an Deutschland im März und über die unverhohlene Aufrüstung der Wehrmacht diskutiert.
Belle hatte gelangweilt dabeigesessen und Max auf dem Heimweg Vorwürfe gemacht. »Wenn du mit deinen Freunden redest, merkst du gar nicht mehr, dass ich auch noch da bin. Es ist dir ganz egal, ob ich fast einschlafe bei euren hochinteressanten Unterhaltungen!«
Max war heftig geworden. »Einschlafen! Einschlafen! Weißt du, was zur Zeit in Deutschland passiert? Ist dir klar, dass …«
»Vielleicht redest du ein bisschen leiser«, fauchte Belle, »wir sind immerhin mitten auf der Straße.«
Max senkte seine Stimme. »Es ist dir gleichgültig, was die Nazis tun. Es ist dir gleichgültig, was Adolf Hitler tut. Solange er dir nicht in die Quere kommt. Du bist keineswegs zu dumm, die Dinge zu begreifen, nur kümmern sie dich einen Scheißdreck. Alles, was dich umtreibt, ist die Frage, wie du es schaffen kannst, ein großer Filmstar zu werden, nichts sonst!«
In entwaffnender Ehrlichkeit sagte sie: »Ja.«
Max stemmte beide Hände in die Taschen seines Jacketts.
»Verstehst du denn nicht, dass … verdammt, es ist ja auch egal!«
Irgendwie hatten sie sich wieder versöhnt. Und Belle dachte später nur: Ach was, er hatte eben schlechte Laune!
»Schatz, ich muss mich beeilen«, sagte Max nun, »die Vorstellung beginnt in einer Stunde. Du drückst mir die Daumen, ja?«
»Klar. Max – ich liebe dich.«
Sie lauschte dem Klang ihrer Stimme nach, als sie den Hörer aufgelegt hatte. Dann verzog sie das Gesicht, so dass sich zwischen ihren Augen eine kleine, zornige Falte bildete. Warum konnte er ihr niemals seine Gefühle zeigen?
Draußen auf dem Gang vernahm sie schon die Stimmen aus dem Esszimmer, Teller klapperten dazwischen, Bestecke klirrten. Deutlich war Modeste zu verstehen. »Ich bin wirklich gespannt, ob Felicia zu Belles Hochzeit kommt. Es wäre das erste Mal seit Jahren, dass sie es für nötig hält, einem Familienfest beizuwohnen.«
»Sei nicht ungerecht, Modeste«, sagte Nicola, »Felicia hat einfach zu wenig Zeit. Aber sie wird bestimmt kommen, sie hängt so sehr an Belle.«
Modeste gab ein verächtliches Schnauben von sich, und dann sagte sie über Belles Mutter genau das, was Max immer über Belle sagte: »Felicia hängt an sich selber, liebe Nicola. An sonst niemandem.«
2
Felicia Lavergne war zweiundvierzig Jahre alt, eine schöne Frau, groß und schlank, das dichte, sehr dunkle Haar trug sie schulterlang und offen. Sie konnte strahlend lachen, ihr Lachen jedoch ließ ihre Augen unberührt, ihre Herzlichkeit war kalkuliert. Den meisten Menschen begegnete sie ohne jegliche Wärme und Spontaneität. Männer fühlten sich zu ihr hingezogen, fragten sich aber gleichzeitig verwundert, weshalb sie eine instinktive Furcht verspürten, sich in etwas zu verstricken. In den Kreisen der Münchner Gesellschaft hieß es über sie: »Diese Frau hat zwei Interessen – ihr Geld und ihre Familie. Sonst gibt es nichts, was ihr Gemüt bewegt.«
Felicia Lavergne war zweimal verheiratet gewesen. Von ihrem ersten Mann, Alex Lombard, hatte sie sich scheiden lassen, ihr zweiter Mann war 1928 gestorben. Aus der Ehe mit ihm stammte Felicias jüngere Tochter, Susanne, die mit ihrer Mutter in München lebte. An jenem Maiabend, als Belle Lombard auf dem sonnigen Lulinn in Ostpreußen ankam, regnete es in München. Ein intensiver, feuchter Duft nach blühendem Flieder drang durch das geöffnete Fenster des Arbeitszimmers in dem großen Haus in der Prinzregentenstraße. Felicia hatte einen Moment lang nachdenklich hinausgesehen, den dunklen Stamm des Kastanienbaumes im Hof und die weiß schimmernden Blütenkronen auf seinen Ästen betrachtet. Nun drehte sie sich um, kontrollierte rasch den Inhalt ihrer Handtasche und griff nach ihrer Jacke, die über dem Stuhl hing. »Ich gehe jetzt, Susanne«, sagte sie.
Susanne hockte mit angezogenen Beinen auf dem Sofa. »Ich verstehe nicht, warum du heute Abend noch weggehst!«, sagte sie aggressiv. Auf eine nichtssagende Weise sah sie hübsch aus, blond und blauäugig wie ihr verstorbener Vater, dazu bleich und dünn, was sie stets ein wenig kränklich erscheinen ließ. Zur Zeit bereitete sie sich auf ihr Abitur vor, war nervös, unausgeschlafen und noch gereizter als sonst.
Felicia seufzte. »Weil wir morgen nach Lulinn aufbrechen. Ich muss einfach mit Peter noch ein paar Sachen besprechen.«
»Immer Peter!« Susanne sah ihre Mutter giftig an. »Wenn Peter pfeift, dann springst du! Als ob du das nötig hättest!«
»Peter ist mein Geschäftspartner. Wir führen zusammen eine Fabrik, und wenn einer von uns für zwei Wochen verreist, müssen einige Dinge besprochen werden. Lieber Himmel, Susanne, jetzt mach nicht so ein Gesicht! Du solltest sowieso früh schlafen gehen, du siehst schlecht aus. Soll Jolanta dir noch etwas zu essen …?«
»Nein. Ich hab’ keinen Hunger.«
Ein paar Pfund mehr auf den Rippen würden dir aber gut stehen, dachte Felicia.
»Susanne, sieh doch ein, dass …«
»Er ist nicht dein Partner. Er ist dein Chef! Ihm gehört alles. Oder nicht?«
Felicia zuckte zusammen. Susanne sah es mit Zufriedenheit.
»Aber du hast gar keine schlechten Karten, Mama. Peter Liliencron ist Jude – Halbjude zumindest. Früher oder später werden sie ihn enteignen, und vielleicht kannst du dann zuschnappen. Im Grunde konnte dir nichts Besseres passieren als die Nazis!«
Felicia musterte ihre Tochter kühl. »Du scheinst wirklich übermüdet zu sein, Susanne, sonst würdest du nicht so viel Unsinn reden. Ich gehe jetzt, und ich hoffe, du bist morgen beim Frühstück etwas besserer Laune.«
Sie verließ das Zimmer und schlug die Tür laut hinter sich zu.
Peter Liliencron lebte in einer alten, stuckverzierten Villa in Bogenhausen, die seit kurzem von zwei großen Schäferhunden bewacht wurde. Diese Schutzmaßnahme schien ihm notwendig, seit vor einem Dreivierteljahr ein Trupp SA-Leute in seinen Garten eingedrungen war und ein Bild der Verwüstung hinterlassen hatte. Es war buchstäblich kein Grashalm mehr an seinem Platz geblieben. Peter hatte Anzeige erstatten wollen, war aber mit barschen Worten zurückgewiesen worden. »Was glauben Sie? Dass wir uns mit den Angelegenheiten eines Juden beschäftigen?«
»Das Haus gehört meiner Mutter, und die ist keineswegs jüdisch. Ich bitte Sie also, meine Anzeige aufzunehmen.«
Höhnisch lachend, hatten sie ihm ein Formular gegeben, das er dann doch nicht ausgefüllt hatte.
Die Hunde bellten nicht, als Felicia klingelte, und es brannte kein Licht im Haus, trotz des regendunklen Abends. Verwundert ging sie den Gartenweg entlang. Peter öffnete ihr selbst. »Schön, dass du da bist. Komm schnell herein, bevor du völlig durchweichst. Warum schüttet es nur so?«
Felicia machte einen großen Schritt ins Haus. »Ein Sauwetter! Hat Kati Ausgang?«
Normalerweise öffnete das Hausmädchen.
»Ja … es ist ihr freier Abend …« Peter schien nervös. Felicia bemerkte, dass er blass war, dass Unruhe in seinen Augen flackerte.
»Ist irgendetwas passiert? Wo sind überhaupt die Hunde?«
»Bei meiner Mutter in Grünwald. Dort bleiben sie auch.«
»Warum? Brauchst du sie nicht mehr? Was ist denn los?«
Er zog sie ins Wohnzimmer. Dort standen zwei gepackte Koffer. »Ich muss noch heute Abend in die Schweiz.«
Felicia begriff nicht. »Ich habe dir gesagt, ich bin für zwei Wochen auf Lulinn. Du kannst jetzt nicht auch verreisen!«
»Ich verreise nicht. Ich verlasse dieses Land. Ich komme nicht mehr zurück.«
»Was?«
Er war zum Kamin gegangen, hatte kurz in die letzte rötliche Glut des Feuers geblickt. Nun drehte er sich um. »Fährst du mich heute Nacht über die Grenze?«
»Peter … um Gottes willen … warum?«
»Ich bin in Schwierigkeiten.«
»Wegen … wegen deiner jüdischen Abstammung?«
Er lachte bitter. »Diese Tatsache verbessert meine Situation jedenfalls nicht. Aber das ist nicht der Grund.«
»Was dann?«
»Muss ich dir das sagen?«
Sie sah ihn an. »Wenn ich dich noch heute Nacht in die Schweiz fahren soll – ja!«
Peter schenkte Schnaps in zwei Gläser, reichte eines an Felicia. »Gut. In kurzen Worten: Ich arbeite seit zwei Jahren gegen die Nazis. Ich unterstütze Menschen, die Deutschland verlassen müssen. Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten und andere Verfolgte. Ich verschaffe ihnen Papiere, Verstecke, sorge dafür, dass sie über die Grenzen kommen.«
Felicia brauchte einen Moment, um das zu begreifen. »Du bist ja vollkommen wahnsinnig«, sagte sie dann.
Er warf ihr einen eigentümlichen Blick zu. »So? Jedenfalls – ich hab’ das alles ja nicht allein getan. Wir waren eine kleine Organisation, eine, wie sie jetzt wahrscheinlich überall im Reich entstehen. Wir haben unheimlich aufgepasst, ständig unsere Trefforte gewechselt, uns zwischendurch für Wochen zurückgezogen, unser Geheimnis selbst gegenüber den engsten Vertrauten gehütet. Aber gestern hat die Gestapo einen von uns geschnappt. Keine Ahnung, wie das passieren konnte. Es steht zu befürchten, dass er redet – denn die Gestapo bringt beinahe jeden zum Reden. Es ist besser …« Er machte eine hilflose Handbewegung, meinte das behagliche Zimmer damit, die Teppiche, Bilder und weichen Kissen, »es ist besser, das alles hier meiner Mutter zurückzulassen und zu verschwinden.«
Felicia stand noch immer wie erstarrt. Sie merkte selbst, wie unbedarft es klang, was sie sagte, aber es fiel ihr in diesem Moment nichts anderes ein. »Das geht nicht. Ich muss nach Lulinn!«
Peter grinste. »Typisch Felicia! In jeder Lebenslage denkt sie nur an sich. Ist dir klar, was mit mir passiert, wenn ich verhaftet werde?«
»Ja …« Verdammt, warum musste ihnen jetzt so etwas in die Quere kommen? Die Geschäfte liefen gut, sie beide waren ein perfekt eingespieltes Team. Die Wirtschaft in Deutschland hatte sich erholt, sie schwammen gut auf dieser Welle mit. Und nun ging Peter hin und ließ sich auf lebensgefährliche Abenteuer ein.
»Was soll ich machen, wenn du nicht mehr da bist?«, fragte sie.
»Du führst die Fabrik allein. Du wirst sehen, du kannst es sehr gut. Insgeheim hast du dir doch manchmal gewünscht, sie wäre dein alleiniger Besitz!«
»Quatsch!«, sagte Felicia heftig, aber sie wich seinem Blick aus. Sie hatte ihr gehört, die Fabrik, fast allein hatte sie ihr gehört, ein paar Anteile noch ihrem damaligen Partner, dem gerissenen Tom Wolff, aber die hätte sie ihm noch irgendwann abgeluchst … Und Lulinn hatte ihr auch gehört, jeder Stein und jeder Strauch auf dem Gut. Beides, Lulinn und die Fabrik, hatte sie am berüchtigten »Schwarzen Freitag« verloren, weil sie an der Börse spekuliert hatte – in zu großem Stil, um heil aus der Sache herauszukommen. Die Fabrik ging an den reichen Peter Liliencron, der keine Sekunde gezögert hatte, Felicia zu seiner Partnerin zu machen. Lulinn kaufte Felicias geschiedener Mann, Alex Lombard, der in New York einen Verlag leitete. Das war für sie die schlimmste Schmach. Im Grunde verfolgte Felicia Lavergne seit 1929 zwei Ziele: die Fabrik in München und Lulinn in Ostpreußen wieder in ihren Besitz zu bringen.
»Du weißt«, sagte Peter, »ich kann nicht Auto fahren. Meinen Chauffeur kann ich nicht einweihen. Wenn du mich nicht fährst, muss ich den Zug nehmen, aber ich habe Angst, dass sie mich nicht rüberlassen. Verstehst du, in meinem teuren Auto, eine Nichtjüdin an meiner Seite, kann ich mich eher als der Geschäftsmann ausgeben, der nur kurz und aus beruflichen Gründen nach Zürich muss und dann gleich wieder zurückfahren wird.« Er machte eine kurze Pause. »Felicia – fährst du mich?«
Es war ganz still im Zimmer. Nur das Gurgeln des Regens in der Wasserrinne draußen war zu hören. Felicia fühlte sich müde und gereizt, sie hatte weiß Gott keine Lust, in den Schlamassel verwickelt zu werden, in den sich Peter Liliencron hineingeritten hatte. Aber, zum Teufel, sie konnte ihn jetzt wohl kaum im Stich lassen! Sie nickte. »In Ordnung. Fahren wir.«
»Ich kann unmöglich rechtzeitig zur Hochzeit meiner Tochter in Lulinn sein«, sagte Felicia. »Was meinen Ruf als Rabenmutter noch festigen wird!«
Peter antwortete nicht. Er starrte hinaus in die rabenschwarze Finsternis. Es regnete jetzt stärker, gleichmäßig strichen die Scheibenwischer über die Windschutzscheibe. Nur selten kamen ihnen auf der nächtlichen Landstraße andere Autos entgegen. Der wuchtige Admiral kam gut voran.
Felicia hatte zu Hause angerufen und war zu ihrer Erleichterung nicht an Susanne, sondern an die Haushälterin Jolanta geraten. »Ich muss überraschend verreisen. Wahrscheinlich bin ich erst morgen Abend zurück.« Mehr sagte sie nicht. Susanne würde schäumen vor Wut, aber damit musste sie sich später auseinandersetzen. Belle brauchte auch eine gute Erklärung – eine ziemlich gute sogar. Schließlich war ihre Hochzeit nicht irgendein beliebiges Ereignis.
Kurz vor Kaufbeuren unterbrach Peter unvermittelt das Schweigen. »Ich würde dir raten, unsere Produktionen allmählich auf Uniformen umzustellen. Ich fürchte, die werden bald weggehen wie warme Semmeln.«
»Du glaubst doch nicht, dass …«
»Doch. Ich glaube, wir stehen dichter vor einem Krieg, als wir denken. Die unblutige Einverleibung Österreichs war der Anfang, aber damit gibt sich Hitler nicht zufrieden. Danzig juckt ihm verdammt in der Nase, die Korridorfrage treibt ihn um und um. Meiner Ansicht nach ist er äußerst scharf auf Polen. Er ist scharf auf halb Europa.«
»Er kann es sich nicht leisten, einen Krieg zu entfesseln.«
»Der«, sagte Peter mit Überzeugung, »kann sich alles leisten. Das konnte er von dem Moment an, als die Nazis ’33 die Wahl gewannen und sofort anfingen, jegliche Opposition im Reich auszuschalten. Heute gibt es niemanden mehr, der sie an irgendetwas hindern könnte.«
»Hitler beginnt keinen Krieg. Er hat das Volk geködert, indem er den Aufschwung der Wirtschaft versprochen hat, und er hat dieses Versprechen gehalten. Warum sollte er durch einen Krieg alles aufs Spiel setzen?«
»Das haben schon andere vor ihm getan, und das Volk ist willig mitgegangen. Hitler rüstet schließlich seit Jahren in schönster Offenheit die Wehrmacht auf, und keiner sagt etwas. Auch das Ausland nicht.«
Schweigend fuhren sie weiter. Gegen fünf Uhr morgens erreichten sie die Grenze. Felicia hatte sich selten so müde und zerschlagen gefühlt.
Peter wurde zunehmend nervös. »Wir sagen, dass wir geschäftlich in Zürich zu tun haben«, setzte er Felicia zum hundertsten Mal auseinander, »und dass wir heute Abend schon wieder zurückfahren. Versuch, ruhig und gelassen zu wirken, und …«
»Peter, du bist nervös! Reg dich nicht so auf!«
»Die Schweizer haben schon Leute an der Grenze zurückgeschickt«, sagte Peter. Im bleichen Licht des herandämmernden Morgens konnte Felicia sehen, dass er Schweißtropfen auf der Stirn hatte. »Liliencron! Wenn die meinen Pass sehen, wissen die sofort, dass ich Jude bin!«
»Du musst ruhig bleiben. Wir kommen schon durch.«
Sie fuhren durch den regnerischen Morgen. Schon von weitem konnten sie den heller leuchteten Grenzübergang sehen. Als sie herankamen, trat ihnen ein uniformierter Beamter in den Weg. Felicia kurbelte das Fenster herunter.
»Die Pässe bitte«, sagte der Beamte. Sie reichten ihre Papiere hinaus. Er schaute zuerst in den Pass von Felicia, gab ihn dann zurück. »In Ordnung.«
Als die Reihe an Peter kam, runzelte er die Stirn. »Jude?«, erkundigte er sich.
»Halbjude. Meine Mutter ist arisch.«
Er reichte ihm den Pass, winkte den Wagen durch.
»Jetzt müssen wir noch an den Schweizern vorbei«, sagte Peter.
Der Zöllner aus der Schweiz machte mehr Aufhebens. »Wie lange gedenken Sie, in der Schweiz zu bleiben?«
»Nur bis heute Abend. Wir haben eine geschäftliche Besprechung in Zürich.«
»In welcher Angelegenheit?«
»Wir besitzen eine Textilfabrik in München. Wir suchen Exportmöglichkeiten im Ausland.«
Die Textilfabrik schien den Uniformierten zu überzeugen. Aus einer gewissen Naivität heraus glaubte er wohl, wer eine Fabrik in München habe, werde sie nicht aufgeben und ins Ausland verschwinden. Zögernd ließ er die beiden Deutschen passieren.
Als sie außer Sichtweite waren, bat Peter Felicia, an den Straßenrand zu fahren. Er öffnete die Wagentür, lehnte sich hinaus und holte tief Luft. »Geschafft. Felicia, ich werde dir das nie vergessen.«
»Schon in Ordnung. Ich hoffe nur, du bist sicher, dass diese Flucht nötig war. Noch könntest du mit zurückkommen …«
Fast zornig sah er sie an. »O Gott, wann kapiert ihr endlich alles, was passiert? Wenn selbst eine Frau wie du so blind ist! Auf Deutschland kommen furchtbare Dinge zu, und wenn alles vorüber ist, werdet ihr fassungslos dastehen und nicht begreifen, wie das alles vor eurer Nase hat geschehen können!«
»Du meinst den möglichen Krieg?«
»Das und noch vieles mehr. Weit mehr, als du dir ausmalen kannst. Aber was sollen wir jetzt darüber reden!«
Sie fuhren weiter, draußen wurde es hell. Der Regen hatte aufgehört, eine matte Sonne kämpfte sich durch die tiefhängenden Wolken, nasses Gras wiegte sich im Wind. Felicia betrachtete Peter von der Seite. Er sah jetzt müde und elend aus. Sein Mund war zu einer schmalen, weißen Linie gepresst, in den dunklen Augen stand hilfloser Kummer.
In Zürich stiegen sie im »Dolder« ab, dem Hotel hoch über der Stadt gelegen, mit einem herrlichen Blick über den See. Elegantes Publikum im Foyer, ebenso elegantes und diskretes Personal. Peter wurde sehr zuvorkommend empfangen. Man bedauerte, dass nur noch ein Einzelzimmer frei sei, aber Peter erklärte, die Dame werde sowieso in einigen Stunden wieder abreisen.
»Ich denke«, sagte er dann zu Felicia, »wir sollten erst einmal frühstücken.«
Im Speisesaal wurden sie neugierig gemustert. Felicia kannte das schon; wann immer sie mit Peter öffentlich auftrat, zogen sie das Interesse auf sich. Sie gaben ein schönes Paar ab, beide groß, dunkelhaarig, mit gleichmäßigen, intelligenten Gesichtszügen. Felicia schminkte sich gern, obwohl das im Nazi-Deutschland als verpönt galt. Sie scherte sich nicht darum und hob sich mit einem gewissen Vergnügen vom Bild der naturbelassenen, blonden, deutschen Mutter ab.
Sie wusste, dass Peter sie gern geheiratet hätte. Aber nie hatte sie sich auch nur auf den Austausch von Zärtlichkeiten eingelassen. Es hatte ein paar unschöne Szenen deswegen gegeben, in denen er ihr vorwarf, sie lehne ihn wegen seines jüdischen Vaters ab. »Die arische Frau denkt an die Reinerhaltung des Blutes!«
»Unsinn! Du weißt, dass diese Dinge für mich nicht die allergeringste Rolle spielen!«
Das stimmte, und im Innersten war ihm das auch klar. Felicia erwiderte seine Gefühle nicht, das war alles. Es fiel ihm nicht leicht, sich das einzugestehen – zumal es offensichtlich auch keinen anderen Mann in Felicias Leben gab. Irgendwie hatte er immer das Gefühl, als sei eine Traurigkeit in ihrem Gemüt, eine unerklärliche Melancholie, eine Sehnsucht nach etwas Unerreichbarem. Nach ihrem geschiedenen Mann? Nach einem Fremden? Er wusste es nicht. Er ertappte sich nur allzu oft bei dem Wunsch, ihr früher begegnet zu sein, Jahrzehnte früher, dem jungen Mädchen, das sie einmal war, unbefangen, ohne Enttäuschungen, bittere Erfahrungen, Erinnerungen. Vielleicht wäre sie glücklicher geworden mit ihm – glücklicher, als sie jetzt war.
Sie frühstückten ausgiebig; Kaffee, Croissants, Butter und Marmelade, Eier und Schinken, und dann gingen sie in Peters Zimmer, wo sich Felicia, wie sie war, aufs Bett legte und sofort einschlief. Ihre Haare verteilten sich wirr über das Kopfkissen, ihr Leinenkostüm zerknitterte, ihr Make-up verschmierte sich. Peter sah sie an und war gerührt. Mit gedämpfter Stimme führte er ein paar Telefongespräche, dann setzte er sich still in einen Sessel am Fenster, schaute der Schlafenden zu und lauschte dem Regen, der plötzlich wieder eingesetzt hatte und gleichmäßig gegen die Fensterscheiben pladderte.
Gegen Mittag weckte er Felicia. Sie sollte noch bei Licht so weit wie möglich fahren. Er saß auf dem Bettrand, hatte eine Hand sanft auf ihre Schulter gelegt. »Felicia! Aufwachen! Es wird Zeit für dich.«
Sie erwachte aus tiefstem Schlaf, sah ihn verwirrt und abwesend an. »Was ist los?«
Seine Sehnsucht nach ihr war mit einem Mal so heftig, dass er sich nicht zurückhalten konnte zu sagen: »Oder schlaf weiter und bleib hier. Lass uns zusammen ins Exil gehen. Es ist so bitter für mich, Felicia – aber mit dir wäre es die beste Zeit meines Lebens.«
Einen Moment lang, eine Sekunde lang, war sie versucht, ihren Kopf an seine Brust zu legen, Zuflucht in seiner Umarmung zu nehmen. Es würde so schön sein … es war so lange her, so ewig lange, dass ein Mann sie berührt hatte. Der Regen draußen, hier drinnen das schöne, warme Zimmer, eine Insel in einer feindseligen Welt.
Aber dann stand sie auf und zupfte an ihrem zerknitterten Rock. »Einer muss sich ja schließlich um das Geschäft kümmern, während du fort bist, Peter, vergiss das nicht.«
Auch er erhob sich, wirkte auf einmal sehr hilflos, als er ihr gegenüberstand. »Ja … du hast recht. Es ist besser, du fährst nach Hause. Da sind deine Familie, deine Kinder, deine Freunde. Warum solltest du das alles aufgeben – für mich?«
»Ich …«, sie wusste nichts darauf zu erwidern. »Ich geh’ erst einmal ins Bad, wenn es dir recht ist.«
Als sie zurückkam, hatte sie ihre Haare gebürstet und ihr Make-up erneuert, aber sie sah immer noch erschöpft aus. »Was wirst du tun?«, fragte sie sachlich.
»Ich habe Freunde in Zürich. Als du geschlafen hast, habe ich mit ihnen telefoniert. Ich kann für einige Zeit bei ihnen wohnen.«
»Und dann?«
Er zuckte mit den Schultern. »Weiß noch nicht. Vielleicht gehe ich nach Frankreich. Mal sehen.«
»Meldest du dich hin und wieder bei mir?«
»Ich will dich nicht in Schwierigkeiten bringen.«
»Ach was … ich möchte, dass du anrufst. Oder schreibst. Ich weiß ja gar nicht … lieber Gott, ich werde ununterbrochen deinen Rat brauchen, fürchte ich!«
»Du wirst dich sehr gut allein durchschlagen, Felicia. Du bist eine erstklassige Geschäftsfrau. Und überleg dir das mit den Uniformen. Wird eine Bombensache, ich schwöre es dir.«
»Ja – ich denke darüber nach.« Felicia umklammerte ihre Handtasche fester. »Ich muss jetzt gehen.«
»Ja. Danke für alles.«
Auf einmal war das Hotelzimmer kein gemütlicher Hafen mehr. Auf einmal war es von erschlagender Trostlosigkeit. Wie ein Bahnhof, auf dem man Abschied nimmt, gehetzt von Lautsprechern, die zum Einsteigen auffordern. Sie umarmten einander, erst oben in dem traurigen Zimmer, dann unten im Regen auf der Straße. Peter winkte dem Auto nach, bis er es nicht mehr sah.
Zu Hause in München fand Felicia zwei Briefe vor. Der eine war von Susanne; sie teilte ihr darin mit, sie sei allein nach Lulinn gefahren, denn ihr sei daran gelegen, an Belles Hochzeit teilzunehmen. Es sei ihr egal, ob ihre Mutter nachzukommen gedenke oder nicht.
Der zweite Brief stammte von Peter Liliencron, er musste ihn am Tag vor seiner Flucht abgeschickt haben. In einem mehrseitigen Schreiben, das von einem Notar beglaubigt war, machte er Felicia darin zur alleinigen Eigentümerin seiner Fabrik.