Clive Cussler
& Thomas Perry
Das Vermächtnis
der Maya
Ein Fargo-Roman
Aus dem Englischen
von Michael Kubiak
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Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel
»The Mayan Secrets« bei Putnam, New York.
E-Book-Ausgabe 2015 bei Blanvalet, einem Unternehmen der
Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München.
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ISBN: 978-3-641-14550-7
V002
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Nach Mitternacht saß Bruder Bartolomé de Las Casas noch immer in seinem von Kerzenschein erhellten Arbeitszimmer in der spanischen Mission des Maya-Dorfes Rabinal. Ehe er zu Bett ging, musste er noch die Tageschronik seines Berichts an Bischof Marroquin niederschreiben. Die Amtskirche vom Erfolg der von den Dominikanern gegründeten Missionen in Guatemala zu überzeugen, war nur möglich, wenn ihre Aktivitäten auch sorgfältig dokumentiert wurden. Er zog seine schwarze Kutte aus und hängte sie an einen Haken neben der Tür. Für einen Moment blieb er regungslos stehen und lauschte den nächtlichen Geräuschen – dem leisen Gurren und Zwitschern der Vögel und dem Zirpen der Insekten, das die Stille füllte.
Er trat an den hölzernen Hängeschrank an der Wand, öffnete ihn und holte das wertvolle Buch heraus. Kukulcan, ein Mann von königlichem Geblüt, der für seine große Gelehrsamkeit berühmt war, hatte dieses und zwei andere Bücher zu Bruder Bartolomé gebracht, damit er sie untersuchen konnte. Las Casas legte das Buch auf den Tisch. Seit Monaten studierte er es schon, und die Arbeit, die er sich für diese Nacht vorgenommen hatte, war von großer Bedeutung. Also legte er einen Bogen Pergament auf den Tisch und schlug das Buch auf.
Diese Seite war in verschiedene Felder unterteilt. Darin befanden sich Bilder von sechs menschenähnlichen Fantasiewesen, die, wie er vermutete, Gottheiten darstellen sollten. Sie nahmen jeweils eine sitzende Haltung ein und blickten nach links. Zu jedem Bild gehörte eine schmale Kolumne von Hand geschriebener komplizierter Symbole, die, wie ihm Kukulcan erklärt hatte, zur Maya-Schrift gehörten. Die Farbe der Buchseiten war weiß, während die Bilder in Rot, Grün und Gelb mit gelegentlichen blauen Tupfern ausgeführt worden waren. Die Schrift selbst war schwarz. Bruder Las Casas spitzte seinen Federkiel sorgfältig an, unterteilte das Blatt in sechs vertikale Abschnitte und begann die Schriftzeichen zu kopieren. Es war zwar ein schwieriges und aufwendiges Unterfangen, aber er betrachtete es als einen Teil seiner Arbeit. Diese Arbeit gehörte genauso zu seiner Berufung als Dominikaner wie seine Kleidung – das weiße Gewand, das Reinheit symbolisierte, und der schwarze Mantel als Zeichen der Buße. Er hatte keine Ahnung, welche Bedeutung die Schriftzeichen hatten, und auch die Namen der Gottheiten waren ihm unbekannt, aber er wusste immerhin, dass sich in den Bildern Mitteilungen verbargen, die die Kirche entschlüsseln musste, um ihre neuen Mitglieder zu verstehen.
Für Las Casas war die behutsame, geduldige Bekehrung der Maya eine persönliche Pflicht, eine Form von Buße. Bartolomé de Las Casas war nämlich nicht im Frieden in die Neue Welt gelangt. Er war mit dem Schwert gekommen. Im Jahr 1502 war er mit dem Gouverneur Nicolás de Ovando von Spanien nach Hispaniola in See gestochen und schließlich in einem encomienda, einem unterworfenen Land, angekommen, ausgestattet mit dem Recht, alle Indios zu versklaven, die er dort antraf. Sogar 1513, nach einem Jahrzehnt voller Grausamkeiten – durch die Eroberer hervorgerufen – und nachdem er zum Priester geweiht worden war, beteiligte er sich noch an der Unterwerfung der Indios auf Kuba und ließ sich mit einem Anteil an der Beute in Gestalt einer Übereignung von Ländereien und Indios belohnen. Wenn er jetzt über sein früheres Leben nachdachte, geschah es mit bitterer Scham und tiefem Bedauern.
Als er sich schließlich eingestand, dass er sich einer schweren Sünde schuldig gemacht hatte, begann er aus eigenem Entschluss mit einem Werk der Reue und Läuterung. Stets dachte Las Casas an jenen Tag im Jahr 1514 zurück, als er aufgestanden war, seinen früheren Aktivitäten abgeschworen und seine Indiosklaven zum Gouverneur zurückgeschickt hatte. Wenn er sich an diesen Tag erinnerte, war es ihm, als würde er eine alte Brandnarbe berühren. Danach war er nach Spanien zurückgekehrt und hatte sich bei den Machthabern für den Schutz der Indios eingesetzt. Das lag mittlerweile dreiundzwanzig Jahre zurück, und seitdem hatte er unermüdlich gearbeitet und seine Schriften und sein Wirken der Wiedergutmachung jener schweren Verfehlungen gewidmet, derer er sich selbst schuldig gemacht oder die er wenigstens geduldet hatte.
Er brauchte mehrere Stunden konzentrierter Arbeit, um die Buchseite vollständig zu kopieren. Danach legte er die Kopie zu den anderen Seiten, die er abgeschrieben und in einer Truhe unter einem Stapel Predigten deponiert hatte. Während er durch den Raum ging, geriet die Kerzenflamme ins Flackern. Er legte ein frisches Pergamentblatt auf den Tisch, wartete einen Moment, bis die Kerze wieder ruhig und gleichmäßig brannte und die Kammer mit ihrem warmen gelben Lichtschein erfüllte, und schickte sich an, seine nächste Aufgabe in Angriff zu nehmen. Er tauchte den Federkiel in das Tintenfass und notierte zuerst das Datum: 23. Januar 1537. Dann hielt er mit dem Federkiel über dem Pergament inne.
Geräusche, die er in unangenehmer Erinnerung hatte, drangen an seine Ohren und versetzten ihn in Angst. Es war das Stampfen der Füße marschierender Soldaten auf feuchtem Erdreich, das Klingeln von Sporen und das Klimpern von Schwertgriffen, wenn sie gegen die Säume der aus Eisen geschmiedeten Kürasse der Soldaten stießen.
»Nein«, murmelte er. »Oh Gott, nicht schon wieder. Nicht hier.« Er fühlte sich persönlich angegriffen und verraten. Gouverneur Maldonado hatte sein Wort gebrochen. Wenn es den Dominikanermönchen gelang, die Eingeborenen friedlich zu stimmen und zum christlichen Glauben zu bekehren, sollten keine Kolonisten folgen, um encomiendas für sich zu beanspruchen – erst recht sollten keine Soldaten aufmarschieren. Die Soldaten, die es nicht geschafft hatten, die Indios in diesem Landstrich im Kampf unter ihre Kontrolle zu bringen, durften nicht jetzt erscheinen und sie unter ihre Knute zwingen, nachdem die Mönche sie von der Notwendigkeit, Frieden zu wahren, überzeugt hatten.
Las Casas warf sich den schwarzen Mantel über die Schultern, riss die Tür seiner Kammer auf und rannte durch den langen Korridor, wobei seine Ledersandalen auf den steinernen Bodenplatten ein rhythmisches Klatschen erzeugten. Er konnte den Trupp spanischer Kavalleriesoldaten sehen, die allesamt kampfbereit waren, mit Schwertern und Lanzen bewaffnet. Ihre aus Toledostahl geschmiedeten Brustpanzer und Cabassets funkelten im flackernden Lichtschein des Feuers, das sie auf dem Platz entfachten, der der Kirche gegenüber lag.
Las Casas rannte auf sie zu, ruderte wild mit den Armen und rief: »Was tut ihr da? Wie könnt ihr es wagen, mitten in der Mission ein Feuer anzuzünden? Die Dächer all dieser Häuser sind mit Stroh gedeckt!«
Die Männer sahen und hörten ihn, und zwei oder drei von ihnen deuteten eine höfliche Verbeugung an, aber sie waren Berufssoldaten, Konquistadoren, und wussten, dass ihnen Diskussionen mit dem Vorsteher einer Dominikaner-Mission weder zu größeren Reichtümern noch zu größerer Macht verhelfen würden.
Als er sich ihnen fast bis auf Tuchfühlung genähert hatte, wichen sie ihm aus, traten ein, zwei Schritte zurück und vermieden es, sich auf ein Handgemenge einzulassen.
»Wo ist euer Kommandant?«, fragte er. »Ich bin Pater Bartolomé de Las Casas.« Er benutzte nur selten seinen geistlichen Titel, aber schließlich war er ein Priester, und zwar der erste, der in der Neuen Welt sein Amt ausübte. »Ich verlange, mit euerm Kommandanten zu sprechen.«
Die beiden Soldaten an der Spitze des Trupps wandten sich zu einem hochgewachsenen Mann mit dunklem Vollbart um. Las Casas fiel auf, dass die Rüstung dieses Mannes prächtiger aussah als die Kürasse und Helme der anderen Soldaten. Kunstvolle vergoldete Gravierungen bedeckten seinen Brustpanzer. Während Las Casas auf ihn zuging, befahl der Mann: »In Reih und Glied antreten!«, woraufhin sich die Soldaten in Viererreihen vor ihm aufstellten. Las Casas trat zwischen ihn und seine Truppe.
»Was hat es zu bedeuten, dass mitten in der Nacht Soldaten in die Mission eindringen? Was habt Ihr hier zu suchen?«
Der Mann musterte ihn gelangweilt. »Wir haben einen Auftrag auszuführen. Wenn Ihr Euch beschweren wollt, müsst Ihr Euch an den Gouverneur wenden.«
»Er hat mir versprochen, dass hier niemals Soldaten aufmarschieren werden.«
»Wahrscheinlich geschah das, ehe er von den teuflischen Büchern erfuhr.«
»Was hat denn der Teufel mit Büchern zu tun? Nichts. Wer so etwas glaubt, ist ein Idiot. Ihr habt kein Recht, hier zu sein.«
»Nun sind wir aber hier. Heidnische Bücher wurden gefunden und Fra Toribio de Benevente gemeldet. Er bat den Gouverneur um Hilfe.«
»Benevente? Er hat gar keine Befehlsgewalt über uns. Er ist noch nicht einmal Dominikaner, sondern Franziskaner.«
»Eure internen Streitigkeiten sind allein Eure Angelegenheit. Mich interessieren nur die sündigen Bücher, die ich suchen und vernichten soll.«
»Sie sind nicht sündig. Sie enthalten das Wissen dieser Menschen und alles, was über sie, ihre Vorfahren, ihre Nachbarn, ihre Philosophie, ihre Sprache und ihre Kosmologie bekannt ist. Diese Menschen haben hier einige tausend Jahre gelebt, und ihre Bücher sind ein wertvolles Geschenk für die Zukunft. Sie vermitteln uns Wissen und Erkenntnisse, an die wir auf anderen Wegen niemals gelangen würden.«
»Ihr unterliegt einem Irrtum, Bruder. Einige dieser Bücher habe ich mit eigenen Augen gesehen. Darin finden sich ausschließlich Bilder und Zeichen von Dämonen und Götzen, die sie verehren.«
»Diese Menschen werden zum Christentum bekehrt, einer nach dem anderen und freiwillig. Nicht so, wie die Franziskaner es tun, indem sie zehntausend Menschen gleichzeitig taufen. Die alten Götter der Maya sind nur noch als Symbole erhalten. Wir haben damit innerhalb kurzer Zeit viel Erfolg gehabt. Lasst unsere Bemühungen nicht vergebens gewesen sein, indem Ihr ihnen zeigt, dass wir Wilde sind.«
»Wir? Wilde?«
»Ja, Wilde. Ihr wisst schon – Leute, die Kunstwerke zerstören, Bücher verbrennen, Menschen töten, die sie nicht verstehen, und deren Kinder zu Sklaven machen.«
Der Kommandant wandte sich zu seinen Männern um. »Schafft ihn mir aus den Augen.«
Drei Soldaten nahmen Las Casas in die Mitte und dirigierten ihn so sanft und gewaltlos wie möglich vom Platz weg. Einer von ihnen meinte: »Pater, ich bitte Euch. Haltet Euch von dem Kommandanten fern. Er hat seine Befehle, und eher würde er sterben, als sie nicht zu befolgen.« In ausreichender Entfernung ließen sie ihn los und eilten zum Platz zurück.
Las Casas warf einen letzten langen Blick auf die Soldaten, die damit fortfuhren, ihr Feuer erst anzufachen und dann am Brennen zu halten. Die Männer in ihren Rüstungen, die hin und her rannten und alles zerkleinerten, was aus Holz bestand, und es in die hellen Flammen warfen, die über ihnen zum Himmel hochloderten, sahen eher wie Dämonen aus als wie die Gottheiten, die in den Büchern der Maya dargestellt waren. Er wandte sich ab und ging an den Lehmgebäuden der Mission vorbei. Dabei hielt er sich in ihrem Schatten, um für etwaige Beobachter unsichtbar zu bleiben. Als er den Rand des Geländes erreichte, das seinerzeit gerodet worden war, um für den Bau der Missionsstation Platz zu schaffen, gelangte er auf einen Pfad, der in den Urwald führte. Das Dickicht rechts und links des schmalen Weges war derart dicht, dass er sich bald vorkam, als durchquere er eine Felsenhöhle. Der Pfad schlängelte sich zum Fluss hinunter.
Als Las Casas dessen Ufer erreichte, sah er, dass viele Bewohner des Indiodorfs aus ihren Hütten gekommen waren und dass einige von ihnen ein Feuer angezündet hatten. Die Ankunft der fremden Soldaten war ihnen nicht verborgen geblieben, und jetzt hatten sie sich in der Mitte des Dorfes versammelt, um zu beraten, was sie tun sollten. Als er sich an sie wandte, tat er das in K’iche’, der Sprache der Maya in dieser Region. »Ich bin es – Bruder Bartolomé«, rief er. »Soldaten sind in die Mission gekommen.«
Er entdeckte Kukulcan, der noch im Eingang seiner Hütte saß. Er war in Cobán ein wichtiger Häuptling gewesen, ehe er sich entschieden hatte, zur Mission zu kommen, und nun betrachteten ihn alle anderen als ihren Anführer. Er sagte: »Wir haben sie gesehen. Was wollen sie von uns? Gold? Sklaven?«
»Sie haben es auf Bücher abgesehen. Sie verstehen sie zwar nicht, aber jemand hat ihnen erzählt, dass die Bücher der Maya böse Dinge und Magie enthalten. Aus diesem Grund wollen sie alle Bücher, die ihr besitzt, einsammeln und vernichten.«
Heftiges Murmeln wurde laut, unterbrochen von vereinzelten bestürzten Ausrufen. Die Nachricht stieß bei den Dorfbewohnern auf völliges Unverständnis, als wäre jemand erschienen, um sämtliche Bäume zu fällen, die Flüsse trocken zu legen oder die Sonne zu verdunkeln. Ihnen erschien es wie ein willkürlicher Akt reiner Bosheit, der den Soldaten ganz und gar keinen Nutzen brachte.
»Was sollen wir tun?«, fragte Kukulcan. »Uns wehren? Kämpfen?«
»Wir können nichts anderes tun, als zu versuchen, wenigstens ein paar Bücher zu retten. Sortiert die wichtigsten aus und bringt sie von hier weg.«
Kukulcan winkte seinen Sohn Tepeu zu sich, einen Mann von dreißig Jahren, der ein angesehener Krieger war. Aufgeregt flüsterten sie miteinander. Tepeu nickte. Kukulcan sagte zu Las Casas: »Es kann kein Zweifel bestehen, dass es um das Buch geht, das ich in die Mission mitgebracht habe, um es Euch zu zeigen. Es ist mehr wert als alle anderen Bücher.«
Las Casas wandte sich um und ging zum Waldweg hinüber. Tepeu holte ihn ein. »Wir müssen dort sein, bevor sie das Buch finden«, sagte er. »Beeilt Euch.« Dann rannte er los.
Tepeu schlug ein Tempo an, als könnte er im Dunkeln sehen, und da er seine Silhouette deutlich ausmachte, war Las Casas in der Lage, ihm einfacher und schnell zu folgen. Sie überwanden die Anhöhe, auf der die Mission lag, im Laufschritt. Als sie die Ebene erreichten, konnte Las Casas eine Kolonne Soldaten erkennen, die sich auf der Hauptstraße der Indiosiedlung näherte.
Las Casas brauchte die Soldaten gar nicht erst zu beobachten. Er hatte an der Ausrottung der Tainos auf Hispaniola teilgenommen und konnte sich sehr gut vorstellen, wie sie zu diesem Zeitpunkt vorgingen. Der erste Trupp brach in eine Hütte ein. Kurz darauf kam einer der Soldaten heraus, unterm Arm eines der gesuchten Bücher der Maya. Er hörte einen Mann auf Ch’olan rufen: »Ich habe es aus Copán mitgenommen, damit es keinen Schaden nimmt!« Der Schuss einer Arkebuse ließ die Erde erzittern, und ein Papageienschwarm erhob sich laut kreischend mit wildem Flügelschlag aus einer Baumkrone. Gleichzeitig sank der Mann vor seiner Hütte tödlich getroffen zu Boden.
Während Las Casas und Tepeu über das unzureichend erleuchtete Gelände hinter der Mission eilten, dachte Las Casas an Tepeus Familie. Kukulcan war Hohepriester gewesen, ein Gelehrter. Seine Familie gehörte zu der herrschenden Klasse und war von königlichem Geblüt. Als der letzte Herrscher von einer Krankheit dahingerafft worden war, hatte man ihn zum neuen Stammesführer gewählt. Er und Tepeu hatten auf ihren königlichen Federschmuck verzichtet, als sie ihr Zuhause verließen, aber Tepeu trug weiterhin die Ohrringe und die Armbänder aus grüner Jade sowie die Perlenhalskette, all dies, womit sich nur die Angehörigen des Adels der Maya zeigen durften.
Sie rannten an den Rückfronten der Gebäude entlang zu den Unterkünften der Dominikaner und trafen auf die Soldaten, die ihre Suche mit der sorgfältig zusammengetragenen Sammlung künstlerischer und kultischer Objekte der Eingeborenen beendet hatten. Beladen mit Büchern, religiösen Artefakten und Holzschnitzereien eilten sie zum Feuer auf dem Dorfplatz und warfen die Fundstücke in die Flammen.
Die Bücher der Maya waren Ergebnisse eines aufwendigen Verfahrens. Sie wurden aus langen, ziehharmonikaartig gefalteten Streifen der Rinde eines bestimmten Feigenbaums hergestellt. Die Rinde wurde mit Stärke getränkt, dann mit einem Schlägel mit geriffelter Oberfläche geglättet und gehärtet und anschließend mit einer dünnen Schicht weißer Kalkfarbe überzogen. Die Schrift- und Malfarben gewannen die Maya aus den Pigmenten, die sie in vielfältiger Form in der Natur fanden. Was die Soldaten an Büchern gefunden und aus den Gebäuden der Mission geholt hatten, warfen sie ins Feuer. Die ältesten Bücher, aufgrund ihres Alters völlig ausgetrocknet, wurden sofort ein Raub der Flammen – mit einem grellen Auflodern –, und fünfzig oder gar einhundert Buchseiten, die bis zu diesem Augenblick Jahrhunderte überstanden hatten, waren für immer verloren. Kukulcan hatte ihm erklärt, dass einige dieser Bücher mathematische Berechnungen, Ergebnisse astronomischer Untersuchungen, Angaben über die Lage längst versunkener Städte, Beschreibungen vergessener Sprachen und königliche Erlasse und Anordnungen enthielten, die gut tausend Jahre alt sein mussten. Innerhalb von Sekunden war von diesem Wissen, sorgfältig von Hand aufgeschrieben und gezeichnet, nicht mehr übrig als ein Funkenregen, der mit einer Rauchwolke zum nächtlichen Himmel aufstieg.
Tepeu bewegte sich mit nahezu traumwandlerischer Sicherheit durch die Dunkelheit. Er öffnete die schwere Holztür der Kirche weit genug, um durch den Spalt ins Innere des Kirchenraums zu schlüpfen. Las Casas hatte den Vorteil, dass er die schwarze Kutte der Dominikaner trug, die die Konturen seines Körpers verhüllte und dunkler als ein Schatten war. Einen kurzen Moment später holte er den Maya in der Kirche ein.
Er führte Tepeu durch den Mittelgang zum Altar und dann rechts daran vorbei. Sie gelangten zu einer Tür, die zur Sakristei gehörte. Im gedämpften Mondlicht, das durch die hohen Fenster drang, gingen sie an den Chorhemden und der Albe, die an Wandhaken hingen, und auch an der Kiste vorbei, in der die restlichen Messgewänder zum Schutz vor der feuchten Luft des guatemaltekischen Dschungels aufbewahrt wurden. Las Casas dirigierte Tepeu durch die kleine Tür am anderen Ende des Raums wieder hinaus.
Sie ließen die Kirche hinter sich und bogen in die überdachte Galerie ein, in der sich die Wohnzellen der Dominikaner befanden. Hier streiften sie die Sandalen ab und tappten barfuß über den Ziegelboden, um nicht durch einen verräterischen Laut auf ihre Anwesenheit aufmerksam zu machen. Am Ende der Galerie betraten sie Las Casas’ Arbeitszimmer. Tepeu ging gleich auf den schlichten Schreibtisch zu, auf dem er das Buch liegen sah. Er nahm es behutsam hoch und betrachtete es mit einem Ausdruck freudiger Erleichterung wie eine lebende Person, die unversehrt wiederzusehen er längst nicht mehr zu hoffen gewagt hatte.
Tepeu blickte sich in der Zelle um. Las Casas besaß einen Tonkrug, der mit den Darstellungen eines Maya-Königs bei alltäglichen Tätigkeiten verziert war. Las Casas hatte die Seite nach vorn gedreht, die den Herrscher bei seinen rituellen Waschungen zeigte, während auf der Rückseite, die dem Betrachter verborgen blieb, zu sehen war, wie der König seine Zunge durchbohrte, um ein Blutopfer darzubringen. Der Krug diente dem Mönch als Trinkwasserbehälter und war mit einer Art Schlinge versehen, mit deren Hilfe ihn der indianische Messdiener tragen konnte.
Tepeu schüttete das restliche Wasser in Las Casas’ Waschschüssel, dann wischte er das Innere des Topfes mit einem Lappen trocken. Anschließend legte er das wertvolle Buch in den Krug.
Las Casas trat zu einem Wandregal, in dem mehrere Bücher lagen, die er als Nächstes kopieren wollte. Er suchte zwei Maya-Bücher aus und reichte sie Tepeu. »Wir sollten so viele wie möglich vor der Vernichtung retten.«
Tepeu schüttelte bedauernd den Kopf. »Sie passen nicht mehr hinein. Aber das erste Buch ist so viel wert wie hundert von den anderen.«
»Dann werden sie ein Raub der Flammen.«
Tepeu zuckte hilflos die Achseln. »Ich bringe das Buch an einen fernen Ort, wo die Soldaten es niemals finden werden.«
»Lass dich nicht von ihnen erwischen. Sie glauben, dass du Worte des Teufels in deinem Gepäck hast.«
»Das weiß ich, Vater«, erwiderte Tepeu. »Gebt mir Euren Segen.« Er kniete nieder.
Las Casas legte eine Hand auf Tepeus Kopf und sagte auf Lateinisch: »Gnädiger Gott, halte deine schützende Hand über diesen rechtschaffenen Menschen. Er hat nichts anderes im Sinn, als das Wissen seines Volkes für spätere Generationen zu erhalten, Amen.« Er wandte sich um, ging zum Wandregal und kehrte mit drei Goldmünzen zurück. Diese ließ er in Tepeus Hand fallen.
»Das ist alles, was ich habe. Sie sollen dir helfen, alles zu beschaffen, was du auf deiner beschwerlichen Reise brauchen wirst.«
»Danke, Vater.« Tepeu ging zur Tür.
»Warte. Geh noch nicht hinaus. Ich kann sie bereits hören.« Las Casas öffnete die Tür und trat nach draußen. Beißender Brandgeruch lag in der Luft, und vom Dorf unten am Fluss drangen laute Rufe herauf. Er schirmte die Tür ab, während gerade ein Trupp Soldaten drei seiner Ordensbrüder, die versuchten, den Zugang zur Missionsstation zu versperren, zur Seite drängten. Dann brachen vier Soldaten die Tür eines Lagerraums am Ende der Galerie auf, um ihn zu durchsuchen.
Las Casas griff hinter sich und öffnete die Tür seiner Zelle. Aus den Augenwinkeln sah er flüchtig, wie Tepeu durch den Türspalt hinausschlüpfte. Er trug den Wasserkrug auf dem Rücken und hatte ihn mit einem Bauchgurt und einer Schlinge um seinen Kopf fixiert, so dass die Last gleichmäßig verteilt war. Im Laufschritt überquerte er die Waldlichtung, war nur noch für einen kurzen Moment zu sehen, und verschwand dann völlig lautlos zwischen den Bäumen.
Tausende silbern glänzende Fische schwammen an Sam und Remi Fargo vorbei, änderten unvermittelt den Kurs, schwenkten gemeinsam hierhin und dorthin, als gehorchten sie den Befehlen eines einzigen Verstandes. Das Wasser war warm und klar, und Sam und Remi, die sich in einem stählernen Käfig befanden, in dem sie vor Angriffen durch Haifische geschützt waren, hatten eine ungewöhnlich weite Sicht.
Sam hielt einen ein Meter langen Aluminiumstab mit einem kleinen scharfen Haken am Ende bereit. Es war ein Werkzeug zum Einpflanzen von Peilsendern und Erkennungsmarken in die Haut der Jäger der Ozeane. In den Wochen, seit er und Remi sich auf dieser Forschungsreise befanden, hatte er im Umgang mit diesem Hilfsmittel ein beachtliches Geschick entwickelt. Nachdem er seine Frau mit einer Geste auf den Fischschwarm aufmerksam gemacht hatte, widmete er seine Aufmerksamkeit nun wieder ihrer weiteren Umgebung.
Plötzlich entstand am Rand ihres Gesichtsfeldes ein dunkler Schatten, als kämen winzige Partikel im Wasser zusammen, um eine feste Form zu schaffen. Es stellte sich als ein Haifisch heraus. Und wie Sam und Remi dank ihrer Erfahrungen aus den letzten Wochen erwarten konnten, weckten sie seine Neugier. Er kam in einem weiten Bogen auf sie zu, wahrscheinlich angelockt von den glitzernden Fischen, die sich um den Stahlkäfig versammelt hatten und zwischen den Gitterstäben hindurchflitzten. Es stand jedoch außer Zweifel, dass sein Interesse ausschließlich Sam und Remi galt.
Beide Fargos waren erfahrene Taucher, und sie waren sich stets der Tatsache bewusst, dass man nirgendwo auf der Welt ins Meer springen konnte, ohne damit rechnen zu müssen, dass ein Haifisch auf den unerwarteten Besuch aufmerksam wurde. Im Laufe der Jahre hatten sie zahlreiche Begegnungen mit Haien gehabt, gewöhnlich mit Blauhaien, die ganz nahe herankamen, um die Badegäste in ihren Neoprenanzügen, die zu den Kelpwiesen unweit ihres Zuhauses in San Diego hinabtauchten, zu inspizieren, als mögliche Beute zu verschmähen und desinteressiert in der Weite des Ozeans zu verschwinden. Dieser Hai hingegen verkörperte die andere Möglichkeit – den albtraumhaften Räuber, ständig in Bewegung, damit das Wasser durch seine Kiemen strömte, ausgestattet mit Gesichts-, Geruchs- und Hörsinn sowie einem seinen gesamten Körper umspannenden dichten Netzwerk von Nervenfasern in der Haut, die die geringsten Schwingungen im Wasser wahrnahmen und die Fähigkeit hatten, winzigste elektrische Entladungen in den Muskeln ihrer potentiellen Opfer aufzuspüren.
Die große Schwanzflosse des Hais führte eine Reihe träger, aber eleganter Bewegungen aus, und der Raubfisch glitt näher heran. Im gleichen Maß, wie seine Umrisse im klaren Wasser deutlicher zu erkennen waren, schien der Hai auch zu wachsen. Schon von weitem betrachtet, war er groß gewesen, aber jetzt, als er auf sie zukam, erkannte Sam, dass die Entfernung, in der er ihn zum ersten Mal wahrnahm, deutlich größer gewesen war, als er angenommen hatte. Je mehr der Abstand schrumpfte, desto riesiger wurde ihr Besucher. Er war genau das, was Sam und Remi zu finden gehofft hatten – ein Weißer Hai, der länger war als sechs Meter.
Der Hai glitt durch einen Fischschwarm, der sich wirbelnd teilte und sich dann wieder zu einer dichten Wolke glitzernder Fischleiber vereinigte. Doch der Hai schenkte den Fischen keinerlei Beachtung. Seine Schwanzflosse führte einen weiteren fließenden Schlag aus, und der stromlinienförmige weißbäuchige Leib glitt weiter. Der Hai, die Nase abgeflacht, scharfkantig und anscheinend mehr als einen Meter breit, steuerte auf sie zu und machte abermals kehrt. Sein Leib glitt dicht an dem frei hängenden Käfig vorbei, in dem Sam und Remi zu ihrer eigenen Sicherheit eingesperrt waren. Dabei kam er ihnen so nahe, dass sie ihn zwischen den Gitterstäben hindurch mit den Händen hätten berühren können. Sein Leib war massig, und die spitze Rückenflosse erschien geradezu mannshoch.
Der Hai machte keinerlei Anstalten, den Ort dieser überraschenden Begegnung zu verlassen. Er passierte sie erneut. Sam und Remi rührten sich in ihrem Käfig nicht. Sogar nach vielen Tauchgängen in der Nähe der Insel ertappte sich Sam in diesen langen Minuten dabei, dass er sich plötzlich Sorgen wegen der Stahlstäbe machte, die man in den Käfigrahmen geschweißt hatte. Waren sie stabil? Zumindest hatten sie diesen Eindruck gemacht, als der Käfig mit dem Kran angehoben und ins Wasser abgelassen worden war. Die Schweißpunkte sahen, wie er jetzt erkennen konnte, klein und wie überhastet gesetzt aus – das sprach nicht gerade für ihre Zuverlässigkeit. Der Schweißer konnte kaum Vorstellungen von der Größe und Kraft der Kreatur gehabt haben, die in diesem Augenblick den Käfig umkreiste.
Dieses Tier hoffte, vor der Isla de Guadalupe Seeelefanten und Thunfische jagen zu können, und Sam und Remi hatten mit beiden Gattungen nur wenig Ähnlichkeit. In ihren schwarzen Nasstauchanzügen sahen sie eher wie kalifornische Seelöwen aus, die im Speiseplan des Weißen Hais zu den Delikatessen zählten. Dann, ebenso unvermittelt, wie er erschienen war, schlug der Haifisch mehrmals mit der Schwanzflosse und entfernte sich von dem Käfig. Für einen kurzen Moment verspürte Sam eine tiefe Enttäuschung. Trotz ihrer Größe und Wildheit waren Weiße Haie manchmal überraschend vorsichtig. Hatte Sam seine einzige Chance vergeudet, diesen Riesen seiner Liste markierter Meeresräuber hinzufügen zu können?
Dann aber, ohne Vorwarnung, machte der Hai kehrt, peitschte vier oder fünf Mal mit dem Schwanz und rammte die breite Seite des Stahlkäfigs, das Maul weit aufgerissen und die Reihen mörderischer dreieckiger Zähne entblößend. Sam und Remi klammerten sich an die Stäbe auf der gegenüberliegenden Seite, während der Hai die vordere Hälfte seines kraftvollen Körpers hin und her warf, um den Käfig mit dem Maul zu packen, was ihm jedoch nicht gelang.
Während der Hai den Käfig vor sich herschob, kippte dieser auf die Seite, und Sam witterte seine Chance. Er stieß den Aluminiumstab in die Haut unterhalb der großen Rückenflosse und zog ihn sofort wieder in den Käfig zurück. Der Hai hatte anscheinend nichts bemerkt. Der Haken war gesetzt und verankert, und die hellgelbe Haimarke mit sechsstelliger Kennnummer und integriertem Satellitensender flatterte an der Wurzel der Rückenflosse und war in ihrer Winzigkeit – im Vergleich mit dem mächtigen Fischleib – kaum zu erkennen.
Der Hai schwamm unter dem Käfig einen weiten Kreis, während Sam und Remi angespannt warteten. Sie rechneten damit, dass er jeden Moment umkehren, ein höheres Tempo aufbauen und den Käfig erneut attackieren werde. Dabei würden die schwachen Schweißpunkte sicherlich nachgeben, der Käfig würde aufgebrochen werden und seine Insassen wären dem mächtigen Haifischmaul schutzlos ausgeliefert. Aber der Hai hatte das Interesse verloren, entfernte sich mehr und mehr von ihnen, bis er nicht mehr zu sehen war. Sam griff nach oben und zog drei Mal an der Signalleine, dann weitere drei Mal. Irgendwo in der anderen Welt über ihnen startete ein Motor, ein Ruck durchlief den Käfig, und er schwebte aufwärts.
Sie stiegen aus dem Wasser auf, bis sie völlig frei in der Luft und im strahlenden Sonnenschein hingen. Dann wurde der Käfig herumgeschwenkt und setzte auf dem Oberdeck des Schiffes auf, das Ähnlichkeit mit einer großen Jacht hatte. Remi streifte die Tauchmaske ab, spuckte das Mundstück des Atemschlauchs aus und sagte zu Sam: »Wie soll ich das denn verstehen – waren wir so wenig appetitanregend, dass es für einen zweiten Versuch nicht gereicht hat?«
»Keine Sorge«, sagte er. »Du siehst zum Anbeißen aus. Um auf so etwas vorbereitet zu sein, habe ich mich bemüht, so unverdaulich wie möglich zu wirken.«
»Danke, mein Held.«
Er schob die Kapuze seines Nasstauchanzugs nach hinten und grinste. »Das war absolut fantastisch.«
»Dank dir mangelt es mir niemals an Themen für Albträume.« Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, während sie den Käfig verließen und zu ihrer Kabine gingen, um aus den Tauchanzügen zu schlüpfen.
Ein paar Minuten später traten Sam und Remi aufs Vorderdeck der gecharterten Jacht, einer siebenundachtzig Fuß langen Marlow Explorer. Sie war ein modernes Luxusboot, das eine Höchstgeschwindigkeit von vierundzwanzig Knoten erreichte, aber in den zwei Wochen, die sie sich bislang an Bord befanden, hatte sich für Kapitän Juan Sandoval niemals die Notwendigkeit ergeben, den Caterpillar-C30-Zwillingsdieselmotoren ihre Höchstleistung abzufordern. Sie hatten keine Eile, kreuzten gemächlich auf dem Ozean herum, immer auf der Suche nach Orten, an denen mit hoher Wahrscheinlichkeit Weiße Haie in größerer Anzahl anzutreffen waren, und gingen gelegentlich in den Häfen einladender mexikanischer Badeorte vor Anker, um aufzutanken oder ihre Vorräte aufzufüllen. Die Jacht war größer, als Sam und Remi es für ihre Bedürfnisse als nötig erachtet hätten. Sie verfügte über drei große Wohnkabinen mit eigenen Bädern sowie separaten Unterkünften für eine dreiköpfige Mannschaft. Kapitän Sandoval, Steuermann Miguel Colera und der Koch George Morales stammten aus Acapulco, dem Heimathafen des Charterboots. Sam und Remi hatten die Jacht gemietet, um zur Isla de Guadalupe zu gelangen, einer Insel, die einhundertsechzig Meilen vor der Küste von Baja California lag und als idealer Ort für die Beobachtung Weißer Haie in ihrer natürlichen Umgebung bekannt war.
Sie hatten ihre Mithilfe bei einer meeresbiologischen Studie angeboten, die der Untersuchung der Wanderwege und Verhaltensweisen des Weißen Hais galt, durchgeführt von der University of California in Santa Barbara. Seit Jahren wurden Exemplare dieser Spezies markiert und mit Satellitensendern ausgestattet, allerdings mit begrenztem Erfolg, weil die meisten markierten Haifische nie wieder gesehen wurden. Die Tiere zu verfolgen und aufzuspüren, war aus verschiedenen Gründen nicht ganz einfach. Erstens legten sie auf ihren Wanderungen enorme Entfernungen zurück, zweitens waren sie nur schwer zu fangen und drittens waren sie gefährlich. Aber die Isla de Guadalupe bot in dieser Hinsicht erfolgversprechende Voraussetzungen. Vor ihrer Küste versammelten sich Jahr für Jahr ausgewachsene, geschlechtsreife Weiße Haie in großer Zahl. Und wenn die Teilnehmer an diversen Forschungsprojekten bereit waren, sich in Schutzkäfigen in die Haischwärme zu wagen, ergab sich für sie durchaus die Möglichkeit, einige Tiere zu markieren, ohne sie vorher einfangen zu müssen. Über sein Satellitentelefon gab Sam die Identifikationsnummer und eine genaue Beschreibung des von ihm markierten Exemplars durch.
Während die Motorjacht gemütlich in Richtung Baja California durch die Fluten des Ozeans pflügte, ließ Remi ihr langes goldbraunes Haar im Wind flattern, damit es trocknete. Sam trat neben sie und legte einen Arm um ihre Taille. »Macht es dir noch immer Spaß?«
»Klar«, antwortete sie. »Wir haben doch immer Spaß, wenn wir zusammen sind.«
»Das ist es aber nicht, was du gedacht hast. Irgendetwas beschäftigt dich.«
»Um ehrlich zu sein, ich habe an unser Haus gedacht«, gestand sie.
»Tut mir leid«, sagte er. »Ich hatte gehofft, an einem Forschungsprojekt teilzunehmen würde die Zeit ein wenig schneller verstreichen lassen. Ich hatte schon vermutet, dass dir die Reparaturen und der Umbau irgendwann auf die Nerven gehen würden.«
Einige Monate zuvor waren sie von Ausgrabungen zurückgekehrt, in deren Verlauf sie Raubgut zutage gefördert hatten, das im fünften Jahrhundert von den Hunnen zusammengetragen und in Gräbern, verteilt über ganz Europa, versteckt worden war. Drei konkurrierende Schatzsucher hatten entweder angenommen, dass die Fargos einige der wertvollen Artefakte beiseitegeschafft und nach Hause mitgenommen hatten. Oder diese Leute hatten sich ganz einfach nur dafür revanchieren wollen, dass die Fargos ihnen bei der Entdeckung der Schätze zuvorgekommen waren. Daher hatten sie einen bewaffneten Überfall auf das vierstöckige Haus der Fargos am Goldfish Point in La Jolla inszeniert und es halb in Trümmer gelegt. Seitdem waren die beiden ausschließlich damit beschäftigt gewesen, die Reparatur- und Aufbauarbeiten zu beaufsichtigen.
»Ich war es leid«, sagte sie. »Die Baufirmen und Handwerker haben mich fast in den Wahnsinn getrieben. Zuerst muss man mit ihnen gemeinsam durch die Sanitärausstellungen der Baumärkte ziehen, um die Armaturen auszusuchen, die man einbauen lassen will. Und dann erfährt man auch noch, dass das Modell, für das man sich entschieden hat, nicht mehr hergestellt wird, und muss erneut auf die Suche gehen. Dann …«
»Ich weiß«, sagte Sam und hob die Hände in einer hilflosen Geste.
»Ich hasse diese Renovierungsaktion, aber am meisten vermisse ich unseren Hund.«
»Aber Zoltán geht es doch gut. Selma behandelt ihn wie den Chef des Rudels.« Er hielt für einen kurzen Moment inne. »Als wir vor einem Monat zu diesem Trip aufgebrochen sind, hatten unsere Freunde von der Universität gehofft, wir würden mindestens zehn Haie markieren. Der Kamerad, den wir vorhin erwischt haben, ist schon Nummer fünfzehn. Ich denke, jetzt wird es langsam Zeit, den Markierungsstab beiseitezulegen und nach Hause zurückzukehren.«
Remi ging ein wenig auf Distanz, um ihm in die Augen blicken zu können. »Versteh mich nicht falsch. Ich liebe das Meer, und ich liebe dich. Und wem würde es nicht gefallen, mit einer modernen Luxusjacht herumzukreuzen und ein idyllisches Plätzchen nach dem anderen zu besuchen.«
»Aber?«
»Wir sind schon fast zu lange unterwegs.«
»Vielleicht hast du recht. Wir haben mehr erreicht, als wir uns vorgenommen hatten, und vielleicht ist es wirklich an der Zeit heimzukehren, unser Haus fertigzustellen und dann ein neues Projekt in Angriff zu nehmen.«
Remi schüttelte den Kopf. »Ich meinte nicht sofort, nicht in diesem Moment. Wir sind doch schon in Richtung Baja unterwegs und passieren vorher noch die San Ingnacio Lagoon. Ich wollte schon immer sehen, wo sich die Grauwale zur Paarung und zum Kalben versammeln.«
»Vielleicht können wir danach direkt Kurs auf Acapulco nehmen und dort einen Flug buchen.«
»Ja, vielleicht«, sagte Remi ausweichend. »Lass uns das entscheiden, wenn es so weit ist.«
Nach einem weiteren Tag ankerten sie in der San Ignacio Lagoon und ließen die aus Polyethylen gefertigten Sit-on-Top-Kajaks zu Wasser. Remi und Sam kletterten in die Boote hinab, George Morales reichte ihnen die Doppelpaddel hinunter, und dann glitten sie auf die Lagune hinaus. Es dauerte nicht lange, bis der erste der Grauwale vor ihnen durch die Meeresoberfläche stieß, eine weiße Fontäne aus Wasser und verbrauchter Atemluft aus den beiden Blaslöchern ausstieß, sich auf die Seite drehte, abtauchte und dabei mit seiner Fluke eine Schaumspur auf der Wasserfläche hinterließ. Einige Sekunden lang schwiegen sie, um dieses Erlebnis zu verarbeiten – ein Tier, so groß wie ein ausgewachsener Reisebus, war vor ihnen aufgetaucht und wieder versunken, so dass sie jetzt allein in ihren kleinen orangefarbenen Paddelbooten auf der Lagune trieben.
Den Rest dieses Tages und den gesamten folgenden Tag verbrachten die Fargos in ihren Kajaks. Immer wenn sie einem Grauwal begegneten, kam dieser offenbar neugierig ganz nahe an sie heran. Sam und Remi streichelten jedem Wal den Kopf und den Rücken, ehe er wieder auf Tauchstation ging und seiner Wege zog.
Abends saßen die Fargos am Tisch auf dem Achterdeck der Jacht und verzehrten gemeinsam mit der Mannschaft eine Mahlzeit aus frisch gefangenem Fisch oder mexikanischen Spezialitäten, die von einem Restaurant im Fischerdorf San Ignacio geliefert wurden. Anschließend saßen sie noch lange an Deck und unterhielten sich, während sich der Nachthimmel mehr und mehr mit Sternen füllte. Sie sprachen über die See und seine Bewohner und über ihr Leben und ihre Freunde und Familien. Und wenn sich Sam und Remi für die Nacht in ihre Kabine zurückgezogen hatten, konnten sie manchmal in der Stille der Nacht das Blasen der Wale in der Lagune hören, das durch die Dunkelheit bis zu ihnen drang.
Als Nächstes gingen sie auf südlichen Kurs entlang der Küste nach Acapulco. Kurz nach ihrer Ankunft riefen sie Selma Wondrash, ihre leitende Rechercheurin und Logistikerin an. Sie hatten ihr und dem jungen Paar, Pete Jeffcoat und Wendy Corden, das sie bei ihrer Arbeit unterstützte, einen Monat Sonderurlaub geschenkt. Aber Selma hatte darauf bestanden, in La Jolla zu bleiben und während der Abwesenheit ihrer Arbeitgeber die Bauarbeiten am Haus zu überwachen.
Selma meldete sich. »Hi, Remi. Zoltán könnte es gar nicht besser gehen.«
»Hallo, Selma«, machte sich Sam bemerkbar. »Das hört man gerne. Und wie läuft der Umbau?«
»Alles braucht eben seine Zeit. Sie sollten sich immer vor Augen halten, dass die Fertigstellung bedeutender Bauwerke manchmal einige hundert Jahre gedauert hat.«
»Ich hoffe, Sie machen nur einen Scherz«, sagte Remi.
»Das tue ich. Im ganzen Haus ist kein Stück Holz mehr zu finden, das ein Einschussloch aufweist. Die Reparaturen in den beiden unteren Etagen sind so gut wie abgeschlossen, und alles funktioniert wieder vollkommen störungsfrei. Im dritten Stock führen die Anstreicher gerade letzte Feinarbeiten durch, aber bis Ihre Wohnung im vierten Stock wieder bezugsfertig ist, dürfte es noch mindestens zwei Wochen dauern. Sie wissen, was das bedeutet.«
»Dass ich am Ende in den Wandschränken für meine Schuhe genug Platz haben werde?«, riet Remi.
»Ja genau«, sagte Sam. »Und zwei Wochen ist Handwerkersprache und bedeutet in Wirklichkeit vier Wochen.«
»Ich liebe es, für einen Pessimisten zu arbeiten. Wenn irgendetwas läuft wie geplant, können Sie so wunderschön überrascht sein. Wo sind Sie übrigens zurzeit?«
»In Acapulco«, antwortete Sam. »Das Markieren der Weißen Haie haben wir abgeschlossen.«
»Und … ist alles okay?«
»Es ist einfach wunderbar«, schwärmte Remi. »Frischer Fisch, Hühnchen mit Mole, Tanzen unterm Sternenhimmel und so weiter. Alles viel besser, als Haiköder zu sein. Aber wir denken daran, schon bald wieder nach Hause zu kommen.«
»Sagen Sie nur Bescheid. Jet und Mannschaft stehen bereit, um Sie jederzeit nach Hause zu bringen. Ich hole Sie dann auf dem Flughafen von Orange County ab.«
»Danke, Selma«, sagte Remi. »Wir lassen von uns hören. Noch wollen wir ein wenig ausspannen und es uns gut gehen lassen. Zum Dinner haben wir einen Tisch reserviert und müssen in zehn Minuten dort sein. Rufen Sie an, wenn Sie etwas brauchen.«
»Natürlich. Bis bald.«
Sie wohnten in einem der beiden Türme des Hotels und spürten in dieser Nacht, kurz nach dem Zubettgehen, ein leichtes Zittern. Ein paar Sekunden lang schien das Gebäude zu schwanken, und sie hörten ein leises Klappern und Klirren, doch dann herrschte wieder Stille. Remi drehte sich auf die andere Seite, schmiegte sich an Sam und flüsterte: »Ein weiterer Grund, weshalb ich dich liebe, ist, dass du mit mir immer in Hotels wohnst, die umgebaut wurden, um Erdbeben standzuhalten.«
»Das ist zwar nicht gerade eine der Eigenschaften, weshalb Frauen den Mann ihrer Träume besonders schätzen, aber danke für das Kompliment.«
Am nächsten Tag zogen sie aus dem Hotel aus und kehrten auf die Jacht zurück. Sobald sie die Pier betraten, spürten sie, dass etwas in der Luft lag. Kapitän Juan Sandoval hielt sich auf der Kommandobrücke auf und lauschte einer Radiostation, die in spanischer Sprache sendete, und das mit einer Lautstärke, dank der sie fast jedes Wort verstehen konnten, sobald sie aus dem Taxi ausgestiegen waren. George Morales, der Koch, stand an der Reling und erwartete sie bereits mit sorgenvoller Miene. Sobald sie an Bord gekommen waren, hörte Sam aus dem Rundfunkempfänger die Worte »sismo temblor« und »volcán«.
»Was ist los?«, fragte Sam. »Etwa schon wieder ein Erdbeben?«