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Hera Lind:Herzgesteuert
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Penguin Random House Verlagsgruppe
Copyright © 2009 by Diana Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Herstellung | Helga Schörnig
Alle Rechte vorbehalten
ISBN : 978-3-641-03151-0
V004
www.diana-verlag.de

Inhaltsverzeichnis
 

Widmung
 

Kapitel 1
 

Kapitel 2
 

Kapitel 3
 

Kapitel 4
GESCHÄFTSFÜHRERIN JULIANE HEMPEL
 

Kapitel 5
 

Kapitel 6
 

Kapitel 7
 

Kapitel 8
 

Kapitel 9
 

Kapitel 10
 

Kapitel 11
 

Kapitel 12
 

Kapitel 13
 

Kapitel 14
 

Kapitel 15
 

Kapitel 16
 

Kapitel 17
 

Kapitel 18
 

Kapitel 19
 

Kapitel 20
 

Kapitel 21
 

Kapitel 22
 

Kapitel 23
 

Kapitel 24
 

Kapitel 25
 

Kapitel 26
 

Kapitel 27
 

Kapitel 28
 

Kapitel 29
 

Kapitel 30
 

Kapitel 31
 

Kapitel 32
 

Kapitel 33
 

Kapitel 34
 

Kapitel 35
 

Danksagung
Copyright

Für Marlies

1
Nebenan ist die Schlange viel kürzer.
Die genervte Kassiererin schreit: »Kasse drei, bitte auch anstellen!«
Aber niemand will sich bei Kasse drei anstellen.
Ich auch nicht. Und ich kann auch sagen, warum: Das männliche … Wesen, das da an Kasse drei steht, ist ein … wie soll man so eine Kreatur beschreiben?
Vagabund. Clochard. Sandler. Und das ist noch nett ausgedrückt. Graue zerlumpte Fetzen hat er an, mehrere Schichten übereinander, vor Dreck starrende Strickhandschuhe, von denen die Fingerspitzen abgerissen sind, auf dem Kopf eine Wollmütze undefinierbarer Farbe und Form, der Mantel, den er trotz des relativ milden Wetters über seinen vielen Klamotten trägt, könnte auch ein Altkleidersack sein, und die Schuhe stammen wahrscheinlich aus den Überresten der Heilsarmee. Und wenn ich ganz genau hinsehe, glaube ich sogar zu bemerken, dass rechts vorne aus dem Loch eine grauschwarze Socke rausschaut. Oder ist das die große Zehe? Grauenvoll.
Und das in meinem Lieblingssupermarkt.
Dem mit der Delikatessen-Frischetheke.
Dass der sich hier reintraut!
Der Penner. Entschuldigung, dass ich das so krass sage.
Einer von der Sorte, die ihren Einkaufswagen gleich mitnehmen. Nach »Hause«.
Der Einkaufswagen ist ihr Zuhause. Unwillkürlich rümpfe ich die Nase. Was der da alles drin hat! Plastiktüten, die auch schon mal bessere Zeiten gesehen haben, Rucksäcke, Taschen, Beutel, vollgestopft bis zum Platzen. Überall hängen Fetzen heraus: Stofffetzen, Papierfetzen, Zeug, halt überflüssiger, dreckiger Kram.
Und dieser Mann – kann es sein, dass dieser merkwürdige Geruch, der mir schon die ganze Zeit in die Nase steigt, von ihm ausgeht? Und ich hatte noch gedacht, in der Gemüseabteilung sei ein Wirsing am Faulen.
Das ist ja widerlich!
Peinlich berührt versuche ich, woandershin zu schauen. Auf das Zeitschriftenregal, zum Beispiel. Auf den Titelblättern sind nur schöne strahlende Menschen zu sehen. Fernsehstars und Dancing Stars und Filmstars, und alle sind proper und gepflegt und nicht nur sauber, sondern rein.
Bis auf Britney Spears vielleicht. Die macht ja gerade ihre sensationelle zweite Weltkarriere als Struwwelliese. Das ist ja auch schon wieder schick, irgendwie. Jedenfalls verkauft es sich gut.
Die Arme. Und dann diese Entzugskliniken!
Meine Supermarktkassenschlange ist leider lang genug, dass ich mir das alles durchlesen kann. Ich seufze.
Wie gut, dass wir alle in so geordneten Verhältnissen leben! Wir Saubermänner und -frauen, wir! Na gut, ein paar Sorgen hat jeder. Vielleicht auch ein paar größere, wenn ich mir diesen Penner so anschaue … Andererseits hat der wahrscheinlich überhaupt keine mehr. Sorgen, meine ich.
In meiner Schlange wird gedrängelt.
»Ja, geht denn da nichts weiter?«
»Warum machen die denn nicht noch eine Kasse auf?«
»Das sehen Sie doch!«, empört sich eine Dicke, deren Hutrand mir fast in die Augen sticht, als sie sich abrupt zu meinem Hintermann umdreht.
»Dieses verkommene Pack! Dass so was hier überhaupt reindarf!«
»Tja, zu meiner Zeit wäre das nicht passiert«, grummelt der glatzköpfige Lodenträger hinter mir. »Da herrschte noch Zucht und Ordnung!«
»Genau!«, entrüstet sich die Dicke unter ihrem Federhut. »Zu Hitlers Zeiten wären die alle im Arbeitslager verschwunden!«
Na ja, das finde ich jetzt schon sehr krass.
Nicht dass ich was gegen Spießer hätte.
Oder gegen Penner.
Selbst gegen Britney Spears habe ich nichts.
Ich bin da wahnsinnig tolerant, hüben wie drüben.
Es muss solche geben und solche. Meine altkluge Halbschwester Christiane, die bei uns gegenüber wohnt, sagt immer, jeder soll nach seiner Fasson selig werden.
Aber jetzt fühle ich mich unwohl.
Mit meinem frischen, knusprigen Lieblingsbiobrot, das noch warm ist, und dem Vollwertaufstrich, den meine Tochter Fanny so mag, werde ich des Schlangestehens bald überdrüssig.
Meine Güte, ich hab’s eilig! Nun macht doch hinne!
Heute ist sowieso nicht mein Tag. Ich könnte platzen vor Stress. Keinen einzigen Termin konnte ich pünktlich einhalten, mein Auto steht im Halteverbot, meine Tochter tobt wahrscheinlich vor der Schule, weil ich nicht wie versprochen um Punkt eins dastehen werde, und ich trete ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. In zehn Minuten ruft bestimmt der neue Kunde an und will sofort einen Besichtigungstermin für die Villa am Hang, die ich gestern in die Zeitung gesetzt habe! Ich bin Immobilienmaklerin. Das bedeutet, ich stehe ständig unter Strom, habe keine einzige freie Minute.
Schon überlege ich, ob es das frische Brot wert ist, hier meine kostbare Zeit zu verschwenden, ob ich es nicht irgendwo in die Ecke legen und von dannen eilen soll. Hastig greife ich nach meinem Handy und rufe meine Sekretärin an, die heimlich »Trockenpflaume Claudia« genannt wird.
»Claudia, ich bin’s. Hör zu. Die Eigentumswohnung an der Hellbrunner Allee. Die muss unbedingt noch vor Anzeigenschluss in die Zeitung. Die wäre was für die Frau Dr. Stein. Schreib: Wunderschöne helle, lichtdurchflutete Penthousewohnung mit großer Sonnenterrasse und herrlichem Blick auf die umliegenden Berge, inmitten einer ruhigen Wohnsiedlung Nähe Hellbrunner Allee – hast du das? So, den integrierten Aufzug in die Fitnessetage, wie formulieren wir das? – Ach ja, und ruf bitte die Nachbarin von unten an und sag ihr, dass das Kinderfahrrad und der ganze Kram aus dem Treppenhaus verschwinden müssen, ja? Wir haben ab sofort Besichtigungen. Danke, lieb von dir, Bussi, baa baa!«
Wieder ein halber Schritt nach vorn. Mir hängt der Magen dermaßen in den Kniekehlen, dass ich am liebsten auf der Stelle in dieses ofenwarme Brot beißen würde.
»Aber heute bekommt so was auch noch Unterstützung von Vater Staat«, grollt der glatzköpfige Hirschhornknopf-Rentner dicht hinter mir, und der pompöse Hut vor mir nickt und zittert vor Empörung. Ich lehne mich ein bisschen zurück, aber da pralle ich auch schon mit dem selbstzufriedenen Lodenträger zusammen.
»Immer Geld in der Tasche«, stichelt der. »Betteln tun sie trotzdem. Mitten in der Fußgängerzone! Und den anständigen Bürger belästigen!«
Der federgeschmückte Hut vor mir kann gar nicht aufhören zu nicken.
»Und da gehen solche Vagabunden noch schick einkaufen!«, zischt die Dicke, die eine Menge Süßigkeiten in ihren Einkaufswagen geladen hat. »Natürlich nur Schnaps und Bier!« Sie rümpft die Nase und zeigt auf den Clochard, der soeben ein paar belegte Brote, eine Packung Vollmilch und eine Tageszeitung auf das Fließband legt. Ist das die FAZ? Kaum zu glauben. Bestimmt hat er die Zeitung nur aus dem Abfalleimer geholt und versteckt darin Schnaps und Drogen.
Seine Fingerspitzen, mit denen er nun ein paar Münzen abzählt, sind rau und verdreckt, und seine Nägel haben tiefschwarze Ränder.
Armer Kerl, irgendwie. Aber mein Problem ist er nicht. Zum Glück.
Während ich warte, kann ich schnell noch die Verkäuferin der Stadtwohnung am Neutor informieren, dass ich am Wochenende mit einem Interessenten komme. Sie soll BITTE diese schrecklichen Mülltonnen aus dem Eingang entfernen und, wenn es geht, auch die komischen Buddhafiguren, Räucherstäbchen und die künstlichen Blumen. Nicht alle Interessenten sind auf dem Esoteriktrip.
Je neutraler eine Wohnung präsentiert wird, desto höher sind meine Chancen, sie an den Mann zu bringen.
Danke, Bussi, baa baa.
Mein Blutzuckerspiegel ist im Keller. Bitte, so kommt doch in die Gänge! Ich bin doch nicht zum Vergnügen hier! Der Penner schickt sich an zu zahlen.
Die Kassiererin schiebt seine spärlichen Einkäufe mit spitzen Fingern über das Band und würdigt ihn keines Blickes: »Sieben Euro fünfundvierzig.«
Der Penner klaubt seine Habseligkeiten mit stoischer Gelassenheit zusammen und verstaut sie in seinem überladenen Einkaufswagen. Als hätte er alle Zeit der Welt, kramt er in den Tiefen seiner ausgefransten Manteltaschen und zählt ihr die Münzen hin.
Die Liegenschaft am Attersee. Fast vier Millionen Euro wollen die Besitzer dafür. Die werden sie nicht kriegen, denke ich, denn das Haus und der gesamte Park haben keine Abendsonne. Die Führung muss also unbedingt am Vormittag stattfinden. Trockenpflaume Claudia soll den Termin auf zehn Uhr legen. Ich schicke ihr hastig eine SMS.
Die Kassiererin nimmt die Münzen mit einer Geste des Ekels und lässt sie schnell in die Kasse fallen.
Dann steht sie eilig auf und schreitet von dannen, wahrscheinlich um sich die Hände zu waschen.
Der Penner schiebt seinen Hausrat zwei Meter weiter, bleibt im Eingangsbereich stehen und macht sich umständlich an seinem Hab und Gut zu schaffen. Jetzt schlägt er seelenruhig die FAZ auf und beginnt zu lesen. Wahrscheinlich die Immobilienseite, oder was!
Nein, das war zynisch, Juliane, rufe ich mich zur Ordnung. Jetzt könnte ich eigentlich schnell vor die leere Kasse ausscheren, und wenn die Kassiererin wiederkommt, bin ich die Erste.
Warum tue ich es dann nicht?!
»Eine Schande ist das. Eine Schande für unser Land! Viel zu gutmütig sind unsere Politiker«, mäkelt der Lodenmantel hinter mir, während die dicke Frau mit dem Federhut gar nicht aufhören kann, ihm bestätigend zuzunicken.
»Diese Landstreicher sollten alle im Steinbruch arbeiten! Alle selber schuld! Der ist doch noch jung! Hat doch gesunde Hände!«, schnaubt sie vor sich hin.
Ich trippele von einem Bein aufs andere und schaue unauffällig auf mein Handgelenk. Dieser Einkauf kostet mich über eine Viertelstunde Zeit. Nur weil Fanny diesen Aufstrich so mag, stehe ich jeden Mittag hier. Töchterlein ist nämlich auf dem Gesundheitstrip. Kein Fleisch, keine Wurst, nichts aus Chemie, das ganze alternative Programm. Und ich als Vollwertmutter (ich bemühe mich, Leute, ich BEMÜHE mich!) nehme das natürlich ernster als alle meine geschäftlichen Termine.
Nein, ein Uhr wird knapp, und den Besichtigungstermin mit dem neuen Kunden kann ich auch nicht wahrnehmen. Ich werde Stefan Stör schicken, meinen Mitarbeiter.
Warum stehe ich eigentlich genau zwischen diesen beiden grauenvollen Spießern und komme nicht vom Fleck?
Weil ich auch nicht an der Pennerkasse stehen will.
Darum.
 

Natürlich habe ich einen saftigen Strafzettel am Auto. Mein knallroter Kleinbus mit der Aufschrift »Immobilien Glücksgriff – Leben im Paradies« – ist stadtbekannt. Der blöde Polizist hätte mich auch verschonen können! Sechzig Euro! Teures Vollwertbrot! Verdammt! Heute ist einfach nicht mein Tag.
Es ging schon damit los, dass Fanny heute Morgen die Nummer ihres Fahrradschlosses nicht mehr einfallen wollte. Diese kleine Hexe! Arbeitet mit sämtlichen Tricks! Gestern Abend hatten wir beide noch gefunden – also besonders ich, aber sie hat es natürlich eingesehen -, dass es jetzt im Frühling gesund, preiswert und praktisch sei, wieder mit dem Fahrrad in die Schule zu fahren. Und gut für die Figur ist es auch, das hat sie voll eingesehen.
Natürlich hat sich Prinzessin Pubertät daran gewöhnt, jeden Morgen von der gestressten Mama bis vor das Schulportal gefahren zu werden. Trotz Stau und Smog. Wie alle zwölfjährigen Prinzessinnen, die dabei noch schnell die Schulaufgaben nachholen, während die berufstätige Mutter vor der roten Ampel ihre ersten Schweißausbrüche bekommt, weil sie um Viertel vor acht im Büro sein muss. Das ist doch das organisierte Chaos, Morgen für Morgen! Wenn jedes Kind laufen oder radeln würde, gäbe es kein Übergewicht und kein Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom und wie diese ganzen neumodischen Firlefanzkinderkrankheiten alle heißen.
O nein, meine altkluge Halbschwester Christiane wird nicht recht behalten.
Ich bin nicht inkonsequent und bequem. Ich habe eine klare Linie in der Kindererziehung. Und zwar erst recht, seit ich alleinerziehend bin! Ich nehme mir Zeit und bin für mein Kind da, aber ich verweichliche und verwöhne es nicht. Was angeordnet wird, das wird gemacht! Und zwar ohne Diskussion!
Fanny und ich haben also heute früh um kurz nach sieben – ja, im sonst so wundervollen Österreich beginnt die Schule um Viertel vor acht!! – im Stockdunkeln im Vorgarten vor dem dreifach verschlossenen Fahrrad gesessen, das wir aus dem Winterschlaf geholt hatten, und alles versucht.
Wirklich alles. Sämtliche vierstelligen Kombinationen. Die Uhr tickte unaufhaltsam weiter. Und alle dreißig Sekunden ging in der Garage das Licht aus. Ich habe geflucht und geschimpft und ihr gedroht, dass sie ab sofort zu Fuß geht, wenn ihr die verdammte Zahlenkombination nicht einfällt. Aber sie hat natürlich erreicht, was sie wollte: Am Ende habe ich sie mit dem Auto in die Schule gefahren. Wie ich das hasse! Dieser barbarische Brauch, kleine, unschuldige Kinder und deren noch viel unschuldigere (jawohl!!) Mütter zu nachtschlafender Zeit bei völliger Finsternis aus den warmen Federn zu jagen, nur damit um Viertel vor acht ein missmutiger Lehrer mit dem Unterricht beginnen kann, den sowieso niemand zur Kenntnis nimmt, da alle armen, kleinen, unschuldigen Kinderchen sich noch die Augen reiben und blass und verstört aus der Wäsche gucken, weil sie mit ihrem Traum noch gar nicht fertig waren!
Welcher Feldherr in römischen Zeiten auch immer mit diesem unkultivierten Unsinn angefangen hat: Man könnte doch mal wieder damit aufhören, jetzt, wo wir schon weit im 21. Jahrhundert sind!
Ich meine, wir haben doch auch sonst für alle möglichen Annehmlichkeiten gesorgt! Wir fahren mit dem Auto zum Mc-Drive und essen mit den Fingern, wir haben alle einen Knopf im Ohr, damit wir unsere iPods und Mobilephones abhören können und nicht mehr mit unseren Mitmenschen sprechen müssen, wir verkrümeln uns aus dem wahren Leben in Computerspiele und seichte Fernsehserien, die wir längst mit der Wirklichkeit verwechseln, wir haben vorgeheizte Pantoffeln und schöne Eigenheime mit Spätsonne, wir haben alle Milchaufschäumgeräte, Wäschetrockner und spielend leicht zu bedienende Fernbedienungen, wir liegen auf unseren Terrassen oder amüsieren uns in einem Spaßbad oder ähnlich grauenvollen Einrichtungen.
Also! Warum beginnt die Schule nicht so gegen zehn? Mit einem gemeinsamen Frühstück im Sitzkreis? Dann kann so ein kleines, unschuldiges Wesen erst mal schön ausschlafen (die Mutter natürlich auch), und dann geht es gut gelaunt im Hellen in die Schule. Wo es – wenn es nach mir ginge – auch bis mindestens 17 Uhr bleibt. Nach Singen, Lernen, Turnen und Kakaotrinken kann es ja dann meinetwegen wiederkommen. Dann ist es satt, hat alles erledigt, und man könnte guten Gewissens den Abend einläuten. Jeder hätte seine Pflichten erledigt, keiner würde den anderen mit Hausaufgaben oder ähnlich ärgerlichen Dingen belästigen, man könnte zusammen kochen, essen und »Mensch ärgere Dich nicht« spielen und dann ohne größere Adrenalinschübe zu Bett gehen, um dort bis weit nach Sonnenaufgang zu verweilen.
Warum müssen Millionen von Kindern bereits mittags um eins wieder auf der Matte stehen? Hungrig und fordernd! Und übellaunig die Bücher und Hefte auf den Tisch werfen, mit den Worten: »Der Rottweiler hat uns wieder so irre viel aufgegeben, und du musst mir das alles erklären, weil ich sowieso wieder nichts verstanden habe. Außerdem interessiert es mich nicht die Bohne, warum die Latten eines Gartenzauns zueinander parallel im Abstand von 25 Zentimetern stehen müssen und wie viele Latten es dann sind, wenn der Garten 84 Quadratmeter groß ist!«
Die Antwort darauf kann doch nur lauten: Kind, ich bin beschäftigt!
Ein Uhr mittags!
Wo berufstätige Mütter wie ich gerade mal warmgelaufen sind und sich mit Hingabe ihrer Arbeit widmen!
Ich für meinen Teil habe gegen ein Uhr mittags gerade mal die Büroarbeit und die meisten Anrufe erledigt und breche dann zu Besichtigungsterminen auf. Ganz einfach, weil da die Sonne in alle Fenster scheint.
Heute bin ich die führende Immobilienmaklerin der Stadt. Dafür habe ich auch jahrelang geschuftet und gerackert, aber jetzt läuft das Geschäft! Über 350 Immobilien rund um die Festspielstadt und im ganzen Salzkammergut sind mir zum Vermitteln anvertraut.
Ich verfüge über weltweite Kontakte zu kaufwilligen und verkauffreudigen Kunden, die alle keine Geldsorgen haben. Ich kenne Gott und die Welt, und mir macht mein Job wahnsinnig viel Spaß.
Kurz und schlecht, mir passt es wirklich gar nicht, dass ich Fanny heute um ein Uhr wieder abholen muss. Andererseits brauchen wir auch mal wieder richtig Zeit füreinander. Ich werde mir für den Rest des Tages freinehmen.
Zwanzig nach eins! Ich seufze abgrundtief. Mein Hirn arbeitet auf Hochtouren. Wenn ich jetzt Fanny abhole, dann schnell ins Ballett bringe, könnte ich noch zur Maniküre. Mal eben das Handy zücken und meine wasserstoffblonde Katharina anrufen, ob sie mich noch dazwischenschieben kann. Zumal heute Abend das Treffen für den Club der Unternehmerinnen ist, wo ich unbedingt hin muss. Ich bin da im Vorstand, und wir planen ein Charity-Golfturnier, für dessen Organisation ich zuständig bin. Ja, das Organisieren macht mir Spaß, es liegt mir sozusagen im Blut. Deswegen hasse ich es, wegen eines Penners, der alle Zeit der Welt hat, zwanzig Minuten lang in einer Supermarktschlange zu stehen. Der Kerl hat meinen straff organisierten Terminplan völlig durcheinandergebracht! Nicht, dass ich was gegen arme Menschen hätte, ganz im Gegenteil. Ich habe schon Charity gemacht, als andere Leute noch gar nicht wussten, wie man das schreibt.

2
Nachdem heute wirklich wunderschönes Frühlingswetter ist, schlage ich Fanny mit ihren eigenen Waffen. Mir fällt absolut nicht mehr ein, wie man so eine Autotür öffnet! Wie ging das noch mal?! Muss man da auf der Fernbedienung irgendwas drücken? Oder einen Schlüssel rumdrehen? Aber in welche Richtung?
Da sowieso schon ein hellblauer Zettel an der Windschutzscheibe steckt, wäre ich blöd, den Wagen wegzufahren und dann wieder keinen Parkplatz zu finden.
Der große knallrote Mercedes-Bus mit der auffälligen Aufschrift »Immobilien Glücksgriff – Leben im Paradies« ist ziemlich ungeeignet für die Innenstadt, aber ich brauche ihn, weil ich öfter antike Möbelstücke oder kostbare Teppiche darin transportiere.
Meine zauberhafte Fanny hat das hübscheste Strahlelächeln der Welt. Sie steht da auf der Schultreppe und harrt ihrer Chauffeurin. Als ihr klar wird, dass ich sie zu Fuß von der Schule abhole, knipst sie das bezaubernde Lächeln sofort wieder aus. Ihre Laune sinkt innerhalb von drei Sekunden auf den Nullpunkt. Zufußgehen ist für sie die größte Zumutung der Welt. Das langweiligste und überflüssigste Unterfangen, das ich jemals vorgeschlagen habe.
»Dann fahre ich eben mit dem Bus!«
Wütend will sie sich losreißen und hinter ihren Schulfreundinnen herlaufen, die alle zur Bushaltestelle rennen, aber ich halte sie an der viel zu schweren Schultasche fest. Setz dich durch, Juliane. Setz dich durch.
»O nein, mein Herzenskind. Wir gehen jetzt zusammen nach Hause! Die Sonne scheint!«
»Lass mich LOS!«
Ja, ich weiß, dass ich eine Rabenmutter bin.
Entweder ich vernachlässige das Kind, indem ich berufstätig bin, oder ich will zu Fuß gehen und mich mit meinem Kind unterhalten, damit ich einmal etwas eher weiß als meine altkluge Halbschwester Christiane.
Meine mich leider nervende, vollschlanke Halbschwester Christiane ist fünfzehn Jahre älter als ich und wohnt in dem Reihenhaus schräg gegenüber. Das ist ja auch irgendwie ganz praktisch. Nachdem sie Witwe ist und ich geschieden, hängen wir umständehalber ziemlich eng zusammen. Sie hütet mir hingebungsvoll die Fanny, was ich ja auch sehr zu schätzen weiß, aber alles hat eben eine Kehrseite: Ständig gackert und flattert sie mit den Flügeln wie eine Legehenne, ohne je ein Ei zu legen. Ehrlich gesagt, geht mir Christiane mehr und mehr auf den Geist. Aber wie heißt es im Zauberlehrling, den ich gerade mit Fanny auswendig lernen musste: »Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los! In die Ecke, Besen! Besen! Seids gewesen!« Ach, Goethe! Du kanntest Christiane nicht! Jedenfalls nicht diese! Was hättest du sie bedichtet!
Doch leider: Meine altkluge Halbschwester Christiane löst sich nicht in Luft auf, im Gegenteil: Ständig sondert sie ihren verbalen Unsinn ab:
Fanny kriegt schon einen Busen. Fanny ist mit ihren zwölf Jahren schon in der Pubertät, ganz anders als wir früher, wir wussten ja mit sechzehn noch nicht, was das überhaupt ist. Deshalb braucht Fanny eine starke Hand und konsequente Führung. Außerdem hat Fanny Bindungsängste, weil du dich hast scheiden lassen. Fanny muss erst wieder Vertrauen zu den Menschen fassen, und Fanny hat deshalb keine beste Freundin, weil sie Angst vor Trennungen hat. Fanny träumt davon, Balletttänzerin zu werden, leidet aber unter Lampenfieber und meidet die Öffentlichkeit, weil sie mit Misserfolgen nicht umgehen kann. Fanny hasst ihren Mathelehrer, was sicher daran liegt, dass er ein Mann ist, was wiederum grundsätzliche Bindungs-, Trennungs- und Misserfolgs-Traumata auslöst.
Das hat sich meine Schwester alles in Volkshochschulkursen wie »Der kleine Haus- und Hofpsychologe« oder »Kinderleicht in Kinderseelen blicken« angeeignet. Sie hat eine hervorragende Menschenkenntnis. Sie weiß und spürt alles. Nur nicht, dass sie mir mit ihrem altklugen Gluckengetue fürchterlich auf die Nerven geht.
Und dass ich es war, die ein Ei gelegt hat. Nicht sie. Sie brütet nur darauf herum.
Und deshalb hole ich heute meine Tochter ab. Zu Fuß. Damit wir Zeit zum Reden haben. Da müssen mir das Haus am Hang und die drei Prozent Provision auch mal egal sein. Drei Prozent von 1,4 Millionen Euro, das sind … mir bricht der Schweiß aus … über 40 000 Euro, die mich dieser Spaziergang kostet! Und das alles nur, weil der Penner an der Kasse stand!
Die Provision kassiert jetzt Stefan Stör, mein neuer Mitarbeiter. Ganz toll.
Nicht darüber nachdenken. Fanny ist viel wichtiger. Mit Geld nicht aufzuwiegen.
»Komm, mein Herz, gib mir deine Schultasche. Ich trage sie dir.«
»NEIN, ich will sie selber tragen!«
Zornig reißt Fanny sich los.
»Aber Liebes, ich hole dich von der Schule ab! Freust du dich denn gar nicht?!«
»Wieso muss ich immer zu Fuß gehen?«
Also Moment mal.
»Weil das gesund ist?«, wage ich vorsichtig einzuwenden. »Außerdem bist du in den letzten hundert Tagen kein einziges Mal zu Fuß gegangen!«
»Na und!«, schnauzt Fanny. »Es war ja auch schweinekalt und hat immer gegossen!«
»Aber jetzt scheint sie Sonne«, säusele ich, um Frieden be müht. »Und die schönen Blumen blühen, die Vögel singen, im Park sitzen die Leute schon auf der Bank, und die Enten auf dem Stadtteich haben schon Küken …«
Ja, ich weiß, dass ich klinge wie meine Schwester.
Ist das denn zu fassen, dass ich es mit sechsunddreißig Jahren schon geschafft habe, genauso betulich daherzureden wie sie?
»Das ist mir so was von scheißegal«, schnauzt Fanny mich wütend an.
»Aber warum hast du dann so schlechte Laune?«
»Weil der Scheiß-Rottweiler uns wieder so viele Aufgaben in Mathe aufgegeben hat, die ich einfach nicht kann!«
»Ich helfe dir, mein Schatz«, verspreche ich gutmütig. Einatmen, ausatmen.
Auch dieser Anfall pubertärer Übellaunigkeit geht vorbei. »Mathe kann total Spaß machen. Man muss sich nur reinknien.«
Wir latschen lustlos am Fluss entlang. Das heißt, Fanny latscht. In ihren ausgeleierten Turnschuhen, die sie niemals aufbindet, sondern deren Kappen sie immer mutwillig platt tritt.
Auch so eine morgendliche Diskussion.
Warum bindet das Kind die Schnürsenkel nicht anständig auf und zu?
»Mama, das muss so!«
»Wie, das muss so? Und wozu sind Schnürsenkel da?«
»Zu nix.«
»Das sehe ich aber anders.«
»Wer Schnürsenkel aufmacht, ist voll peinlich.«
»Der schöne teure Turnschuh geht aber davon kaputt!«
»Mama! Du bist so was von spießig!! Das ist kein Turnschuh!«
»Sondern?«
»Ein …« (Markenname, englisch, weigere ich mich, mir zu merken.)
Jedenfalls stinkt der Nicht-Turnschuh, der über hundert Euro gekostet hat, und sieht so was von gar nicht lieblich aus, wenn mein ansonsten graziles Kind darin herumlatscht, dass ich Christiane ausnahmsweise einmal recht geben muss. Ein hübscher lederner Schnürschuh muss her. Mit luftdurchlässiger Sohle. Ein Schuh, in dem der Fuß atmen kann. Da gibt es ganz reizende Mädchenschuhe bei Salamander.
Trotzdem halte ich es nicht für zielführend, jetzt mit dem spießigen Schnürschuh-Thema anzufangen. Ich will doch mein schlecht gestimmtes Töchterchen nicht noch bis zur Weißglut reizen. Nach zwanzig Minuten gelingt es mir, das beleidigte Schweigen meiner Tochter zu brechen. Gnädig willigt sie ein, dass ich ihre Schultasche trage.
»Was ist denn da drin? Steine?«, spule ich schon wieder die ausgeleierte Schallplatte meiner Halbschwester ab.
»Hahaha«, antwortet das liebliche Kind giftig.
Schnaufend setze ich die Tasche (wehe ich sage Tornister oder sonst was Peinliches!) auf eine Parkbank und entnehme ihr eine volle Flasche Wasser und das gesamte Schulfrühstück, das ich ihr noch heute Morgen und stehenden Fußes bereitet habe. Vollkornbrot mit Gurken, Radieschen und Vollwertaufstrich.
»Ja, was ist denn das? Hast du denn gar nichts gegessen und getrunken?«
»Nein.«
»Aber warum denn nicht?«
»Erstens haben wir überhaupt keine Pause, und zweitens ist das total peinlich.«
»Moment. Ihr habt keine Pause?«
»Nein. Nicht eine Sekunde.«
Wie alle in unserer Familie neigt mein Kind zu theatralischen Übertreibungen.
»Und warum ist das peinlich?«
»Mama!!! Welches Kind läuft denn noch mit einem Gurkenbrot durch die Gegend?! Und mit einer Flasche Wasser? Wie peinlich ist das denn?«
»Ähm … was essen denn die anderen?«
»Nix.«
»Kein Kind kann sechs Stunden nichts essen und dann noch lernen.«
Fanny baut sich seufzend vor mir auf und schenkt mir einen mitleidigen Blick. Dann lässt sie sich schwer atmend auf die Bank fallen.
»Zwei Euro, Mama. Alle gehen zum Kiosk. Ist das denn so schwer?«
Jetzt wird mir auch klar, warum meine arme Tochter keinen Schritt mehr gehen kann. Das Mädel ist ja völlig unterzuckert. Auffordernd halte ich ihr die Stulle hin.
»Jetzt stärk dich erst mal!«
Fanny wendet sich mit verschränkten Armen ab.
»Voll das peinliche Brot!«
»Aber hier sieht dich doch keiner!« Wie eine Eule spähe ich über die Schulter. »Weit und breit kein Klassenkamerad, der dich des peinlichen Brotessens bezichtigen könnte!«
Fanny presst die Lippen aufeinander. Allein das Wort Klassenkamerad steht ja schon unter Strafe. Ich sollte aufhören, Christianes Vokabular zu benutzen.
»Dann nimm wenigstens einen Schluck Wasser!«
Schluck? Darf man so was heute noch sagen? Wasser? Ist das noch cool?
»Ich ekle mich vor dem Flaschendeckel.«
»Dann verstecke ich ihn. Weg ist er!«
»Du hast ihn hinter dem Rücken, und ich ekle mich immer noch.«
Das Kind ist total verzogen, höre ich Christiane gackern. Einfach mal feste hungern lassen. So wie wir früher. Wir bekamen eine saftige Ohrfeige, und dann war Ruhe.
Seufzend setze ich mich neben Fanny auf die Parkbank. Nicht dass mir das Kind noch magersüchtig wird. Wahrscheinlich weiß das alles schon Christiane, aber mir verschließt sich Fanny. Weil ich eine geschiedene berufstätige Rabenmutter bin.
Vorsichtig streiche ich ihr eine blonde Haarsträhne aus dem überhitzten Gesicht.
»Ist alles nicht so einfach für dich in letzter Zeit, nicht?«
»Es war noch nie einfach mit dir.«
»Du meinst, auch schon, als Papa noch da war?«
»Da war es erst recht nicht einfach.«
»Wieso nicht?« Überrascht lege ich den Arm um ihre Schultern, aber sie schüttelt ihn heftig ab.
»Weil ihr da immer gestritten habt.«
»Aber wir haben doch nicht gestritten! Jedenfalls nicht in deiner Gegenwart!«
»Hast du eine Ahnung!«
Darauf kann ich nichts erwidern.
Karsten Korzkamp ist Fannys Vater und war früher mal mein Chef.
Sehr prekäre Familienverhältnisse.
»Flexible, junge, ansehnliche Frau mit Verkaufstalent gesucht!« Auf diese Anzeige hatte ich mich gemeldet. Verkaufstalent habe ich. Organisationstalent auch. Ansehnlich bin ich sowieso. Ich war jung und brauchte das Geld. Zuerst war ich seine Sekretärin, später seine beste Mitarbeiterin, irgendwann seine Geliebte und schließlich die Mutter seiner Tochter Fanny. Wir heirateten und waren genau sieben Jahre lang ein erfolgreiches und nach außen hin glückliches Ehepaar.
Aber Karsten kann einfach nicht die Finger von schönen und möglichst auch noch betuchten Damen lassen. Vorzugsweise sind sie geschieden und lassen sich von ihm die Häuser vermitteln, die ihre Exmänner für sie bezahlen müssen.
Karsten ließ mich allerdings immer nur die Mietwohnungen vermitteln, weil er Angst hatte, ich könnte ihn irgendwann übertrumpfen und ihm die dicksten Fische vor der Nase wegschnappen. Nicht ganz zu Unrecht, denn heimlich absolvierte ich alle Kurse und Prüfungen, die man als selbstständige Immobilienmaklerin vorweisen muss.
Meine Ahnung, dass ich mich eines Tages selbstständig machen würde, trog nicht.
Als ich eines Tages eine tolle Mietwohnung aufschloss, war Karsten schon drin. Und zwar mit der Kundin, mit der ich verabredet war. Er zeigte ihr gerade das Schlafzimmer.
Auf die Provision habe ich dann verzichtet.
Auf Karsten allerdings auch. Er wohnt jetzt mit der besagten Kundin, die übrigens Kirsten heißt, in der besagten Wohnung. Besagte Kirsten erwartet ein Kind von ihm. Vielleicht nennen sie es Kerstin. Oder Thorsten.
Schuster bleib bei deinen Borsten.
Laut Christiane löst das in Fanny ein neues Trauma aus.
Aber was soll ich machen?! Unterhalt fordere ich von Karsten nicht. Ich kann mein Kind selbst ernähren.
Natürlich war viel Arbeit und Energie nötig, um es zu einer Immobilienfirma zu bringen, die Karsten Korzkamp Konkurrenz macht. Besser gesagt, zu einer, bei der Konkurrent Karsten Korzkamp den Kürzeren zieht.
Unter uns Pastorentöchtern: Ich muss zugeben, dass mir das riesigen Spaß macht!
Wahrscheinlich habe ich wirklich keine Ahnung, was in meinem armen Kind vorgeht.
Christiane blickt als Einzige in die Seele meines Kindes.
Und das muss ich dringend ändern.
 

Als wir irgendwann weitergehen, gelingt es mir, Fanny durch ein unverfängliches Gespräch wieder aufzuheitern. Mein Kind ist wie ein erfrischender Aprilschauer: Erst braut sich was zusammen, dann stürmt, blitzt und donnert es, und dann scheint ganz plötzlich wieder die Sonne. Sie strahlt mich an und plaudert, dass mir ganz warm ums Herz wird.
Wie von Zauberhand geführt, tanzt sie mir ein paar Ballettschritte vor und schwebt auf ihren ausgelatschten Turnschuhen wie eine Elfe über die frisch geharkten Frühlingswege. Ihre seidigen blonden Haare leuchten in der Nachmittagssonne, und das Hellgrün der Bäume duftet mit dem frisch gemähten Rasen um die Wette.
Dazu singen die ersten Amseln unermüdlich.
Du junges Grün, du frisches Gras!, denke ich, während mir die Melodie von Schumann – oder war es Brahms? – durch den Kopf geht.
Wir werden das schon meistern, Fanny und ich.
Den Rest des herrlich milden Nachmittags werde ich mit Fanny auf meiner Lieblingsbank verbringen, die bis zuletzt Abendsonne hat. Hier habe ich früher immer mit dem Kinderwagen gesessen und dann später, als Fanny im benachbarten Sandkasten spielte. Hier haben wir uns Geschichten erzählt und waren uns nahe, hier hat sie mir ihre kleinen Sorgen gestanden und ich ihr meine großen. Hier haben wir gemeinsam gemalt, gepicknickt, leise gesungen und die Beine baumeln lassen.
Auf meiner Lieblingsbank unter der großen Trauerweide, auf deren verzweigten Ästen Fanny früher immer herumgeklettert ist, sitzt allerdings ein störender Schandfleck.
Ein schmuddeliges Wesen.
Jetzt entdecke ich auch den überladenen Einkaufswagen.
Es ist der Penner von heute Morgen.
Seelenruhig sitzt er da, immer noch mit dieser grob gestrickten Wollmütze und den zerfledderten Handschuhen, und liest die FAZ, die er heute im Supermarkt gekauft hat!
Der hat Nerven!
Eh, Mann, verkrümel dich! Das ist unsere Bank!
So ein Mist.
Jetzt kann ich mich nicht mal auf mein Lieblingsfleckchen … Oder glaubt der allen Ernstes, ich würde mich neben ihn setzen?
Abwartend baue ich mich in gebührlichem Abstand vor der Bank auf.
Gehst du da wohl sofort weg?
Am liebsten würde ich »Ksch!« machen.
Der Penner hebt noch nicht einmal den Blick.
»Mama? Ist das ein Krimineller?« Fanny bleibt atemlos neben mir stehen und sucht unwillkürlich meine Hand.
»Nein. Nehme ich zumindest nicht an.«
»Aber warum sitzt der auf unserer Bank?«
»Weil er sich sonnen will?«
»Aber warum nimmt er dann die Mütze nicht ab?«
»Vielleicht hat er Läuse«, knurre ich wütend.
»Ist der arbeitslos?«
»Nein. Der ist Vorstandsvorsitzender der Dresdner Bank. Gleich steigt er in seinen Mercedes und fährt in seine Villa am Stadtrand. Da springt er sicher noch mal in seinen Pool und schwimmt’ne Runde.«
Fanny guckt mich einen Moment lang verdutzt an: »Du machst dich über den armen Mann lustig!«
Ich grinse. »Aber nein! Ich scherze nur.«
»Find ich aber gemein von dir.« Fanny malt mit ihren Turnschuhen Muster in den Sand des Parkwegs.
»Das ist bestimmt ein ganz armer Mann.«
»Im Paaark saß, ihim Paaark saß, ihim Park, da saß ein armer Mann, hat Kleider nicht, hat Lumpen an«, singe ich leise vor mich hin.
»Mama, das ist nicht witzig!«
»Nein. Ist es nicht. Entschuldigung.«
Fanny schenkt mir einen verächtlichen Blick, dann kramt sie entschlossen in der Schultasche und angelt nach dem Gurken-Radieschen-Vollwertaufstrichbrot.
»Was machst du da … ich meine, du willst doch nicht …«
»Doch.« Mit gestrafften Schultern schreitet mein Kind auf das schmuddelige Wesen zu.
Der Penner hebt erstaunt den Kopf, als Fanny ihm das Schulbrot reicht.
Ich erstarre. Wird er es ihr mit einer unflätigen Bemerkung an den Kopf werfen? Schon bin ich sprungbereit. Wenn er meinem Kinde ein Leides tut, dann …
Er lächelt. Dann schaut er auf das Brot, auf mich und wieder auf Fanny.
Der Penner lächelt meine Fanny an! Und spricht mit ihr! Vergnügt packt er die Gurkenstulle aus und beißt hinein. Kauend nickt er und scheint Gefallen an dem Vollwertbrot zu finden. Aber doch wohl nicht an meiner Fanny?!
Fanny antwortet höflich und artig, wobei sie verlegen von einem Fuß auf den anderen tritt.
He! Sie da! Belästigen Sie meine Tochter nicht! Was fällt Ihnen ein, Sie ungehobelter, arbeitsloser … Lümmel!
Der Penner verdrückt die Stulle mit großem Appetit. Mir schenkt er einen kurzen Blick aus Augen, die unter seiner Mütze kaum zu erkennen sind.
Fanny dreht sich um und kommt strahlend zu mir zurückgelaufen.
»Was habt ihr geredet?!«
»Nix!«
»Aber ihr habt euch doch unterhalten!«
Fanny zuckt die Schultern und schickt sich zum Gehen an.
»Und?«, höre ich mich wie meine Schwester sagen, während ich nach der Schultasche greife. »Du weißt, dass solche Leute einen ganz schlechten Einfluss auf junge Menschen haben, weil sie sie zu Alkohol und Nichtstun verführen. Danach ist ihnen der Weg in eine erfolgreiche Zukunft für immer verbaut …«
»Mama, jetzt spinnst du aber«, kanzelt Fanny mich ab. »Der Mann ist doch viel zu alt für mich!«

3
Immobilien verkaufen sich im Frühling wie warme Semmeln. Ich bin nur noch auf Achse, hetze von einem Objekt zum anderen, treffe Kunden, vermittle, verhandle. Stefan Stör erweist sich als sehr kompetenter Kollege, der viel Berufserfahrung mitbringt. Manchmal denke ich noch an Karsten Korzkamp, mit dem ich dieses Gewerbe einmal zusammen betrieb, aber außer seinen zu klein gewordenen Anzügen, die er bei mir hat hängen lassen, erinnert mich nicht mehr sehr viel an ihn.
Seine neue Frau Kirsten, die ein Kind von ihm erwartet, soll ihm angeblich das Rauchen und Trinken verboten haben, weil sie beides nicht mehr darf. Und was sie ihm noch so alles verboten hat, interessiert mich nicht.
Ich habe so viel Arbeit, dass ich ihn nicht sonderlich vermisse.
Nirgendwo erfährt man so viel über gescheiterte Ehen wie im Immobiliengewerbe. Fast jeden Tag habe ich eine enttäuschte Frau oder einen entrüsteten Mann bei mir im Büro sitzen, und immer muss sofort eine Wohnung her. Oder aber das gemeinsame Haus, in dem man jahrelang glücklich war, muss schnellstens verkauft werden, damit man den ungeliebten Partner auszahlen kann. Für solche Fälle steht eine Flasche Prosecco bereit, und die Kleenex-Box ist auch stets in Reichweite. Manchmal verdiene ich auch am Elend der anderen, und dann schäme ich mich fast ein bisschen. Aber Geschäft ist Geschäft! Man muss die Gelegenheit beim Schopfe packen. Ein Chirurg fängt ja auch nicht an zu weinen, wenn er einen Unfallpatienten operieren muss.
Wenn ich nach solchen Tagen voller Tränen und Emotionen mit geschwollenen Füßen und angeknackster Seele heimkomme, bleibt Christiane gern noch auf ein bis drei Gläschen Wein, um mir was von ihrem ausgefüllten Tag mit Fanny vorzugackern. Dann erfahre ich alles, was mit meinem Kind zu tun hat – und was ich sonst nie erfahren würde.
Dass Fanny neuerdings wieder gern ins Ballett geht. Weil da jetzt ein Junge mittanzt. Bernie.
Dass Fanny dringend wegen der neuen Zahnspange zum Kieferorthopäden muss.
Dass Fanny neue Schuhe braucht, und zwar solide Schnürschuhe mit durchlässiger Ledersohle. Bei Salamander gibt es ganz reizende Mädchenschuhe in Pink. Pick.
Dass Fanny ihren Mathelehrer nicht leiden kann. Und der sie auch nicht. Hack.
Dass Fanny Schweißfüße hat – was aber nur an diesen bescheuerten Turnschuhen liegt, die sie einfach nicht zubinden will. Scharr.
Dass Fanny keine beste Freundin findet, weil sie ein Trennungskind mit Bindungsängsten ist. Natürlich ist das alles meine Schuld.
Dass Fanny schon einen Busen bekommt und man mal über den Kauf eines Sport-BHs nachdenken müsse. (Stichwort Bernie.)
Dass Fanny neuerdings einen riesengroßen Appetit auf Gurken-Vollwertaufstrich-Vollkornbrot hat und jetzt immer zwei davon in die Schule mitnimmt.
Ist mein Kind etwa schwanger? Von Bernie? Hm, wer weiß, was Christiane demnächst noch so aus dem aufgeplusterten Gefieder schüttelt.
»Komisch«, seufze ich, während ich mir die schmerzenden Füße reibe. »Meine Vollwertbrote will sie nicht essen. Schon gar nicht in der Öffentlichkeit.«
»Weil du sie nicht mit Liebe machst«, gackert mein Schwesterhuhn selbstgefällig. »Das spürt so ein Kind.«
Ich schaue sie ratlos an. Kann es sein, dass sie das wirklich ernst meint, was sie da von sich gibt?
Christiane interpretiert meinen fragenden Blick als Aufforderung, weiterhin dummes Zeug zu reden. »Weil du sie immer in Eile machst. Und schon hast du wieder dein Handy am Ohr und rennst auf deinen hochhackigen Schuhen in die Garage, weil du wieder zu irgendeinem Termin musst. Da muss deinem armen Kind ja der Appetit vergehen …«
»Sie findet Schulbrote generell peinlich«, werfe ich überrascht ein.
»Aber nicht meine«, brüstet sich Christiane. »Meine Schulbrote sind in der Schule der Hit. Neuerdings muss ich sogar noch welche für ihre Freundinnen schmieren.«
»Interessant.« Ich unterdrücke ein Gähnen.
»Sie hat zurzeit einen Wachstumsschub«, klärt mich Christiane auf. »Da kann sie essen bis zum Platzen. Sie nimmt nicht zu.«
»Beneidenswert«, entfährt es mir. »Wenn das doch uns passieren würde.«
Christiane neigt zu leichtem Übergewicht, doch sie trägt es mit Fassung, vorzugsweise in rosafarbenen Strickensembles. Flotte Halstücher und eine blonde Föhnwelle sollen von ihrem Hüftgold ablenken.
»Ach ja. Der Mathelehrer will dich sehen«, wechselt meine Gluckenschwester das Thema, während sie auf meinem Schreibtisch nach einem Zettel sucht. »Der Mann hat schon dreimal angerufen. Du warst nicht beim Elternsprechtag.« Strafender Blick. »Unser Kind steht auf einer wackeligen Vier.«
Unser Kind. Nun ja. Das muss ich schlucken.
»Und … ähm … könntest du ihr da vielleicht helfen?«, frage ich, wobei auch ich mich erhebe. Wenn wir schon mal stehen, wird sie vielleicht bald gehen.
»Nicht, dass ich nicht gut im Rechnen wäre«, sagt Christiane, setzt ihre Brille auf und zieht den Zettel zwischen meinen Notizen hervor. »Aber es ist ja wohl nachvollziehbar, dass der Mathelehrer dich sehen will. Die Mutter. Nicht die Tante.« Sie sieht mich über ihre Brillengläser hinweg mit hochgezogenen Brauen an. »Wenn alle Lehrer die gesamte Verwandtschaft anrufen würden, nur weil ein Kind in ihrem Fach auf vier steht, wäre das ja wohl übertrieben.«
»Ja, logo«, lenke ich ein. »Ich meinte nur, wo du sowieso so gut in Mathe bist, da dachte ich …«
»Was dachtest du?«
»Na ja, du könntest vielleicht ein bisschen mit ihr üben …«
»Ich war mal sehr gut im Rechnen«, bläht sich Christiane auf. »Aber das ist jetzt dreißig Jahre her. Die Kinder benutzen inzwischen Computer und so was. Das kriege ich nicht mehr hin. Ein bisschen musst du dich schon selbst engagieren.« Ihr knallroter Schnabel wird spitz.
Oje. Jetzt lieber kein Porzellan zerbrechen. Lieber ein überengagiertes Gluckenhuhn in der Hand als ein kaltherziges Kindermädchen auf dem Dach.
»Schon gut. Ich werde den Mathelehrer anrufen und mich um die Sache kümmern.«
»Vom Kümmern allein wird das nichts«, wirft Christiane noch ein, als sie sich zum Gehen wendet. Umständlich bindet sie sich ein Seidentuch mit vielen Hühnern und Enten darauf um den Hals und stopft es sich in den Ausschnitt ihres altrosafarbenen Kostüms. Ich würde ihr zu gern den Schnabel damit stopfen!
»Pauken musst du mit ihr. Die Zeit musst du dir schon nehmen.« Endlich flattert sie durch den Vorgarten davon. Ich kann ihre Rechthaberei nicht mehr ertragen. In die Ecke, Besen, Besen!
Ärgerlich schließe ich hinter ihr die Haustür ab.
Fanny hat mir gesagt, dass ihr Mathelehrer ein komplettes Arschloch sei.
Nie dreht er sich von der Tafel zur Klasse um, nie kümmert er sich darum, wenn jemand aufzeigt und noch eine Frage hat, und immer überzieht er die Stunde. Außerdem kommt er immer mit dem Fahrrad, hat lange Haare und sieht scheiße aus.
»Der Rottweiler hat uns zwanzig Seiten aufgegeben, die er alle noch überhaupt nicht erklärt hat«, höre ich dann, oder: »Der Rottweiler hat gesagt, im Test kann alles vorkommen, nichts ist unmöglich, Toyoootaaaa!«
Ich stelle mir diesen Rottweiler bildlich vor, wie er mit tropfenden Lefzen vor der Klasse steht, an seiner Kette zerrt und schadenfroh in die Runde bellt.
Mein zartbesaitetes, musisch hochbegabtes Mädchen ist natürlich völlig überfordert, wenn so ein Unmensch es an die Tafel holt und vor versammelter Klasse auffordert, ein stumpfwinkliges Dreieck zu zeichnen, dessen Unterseite Oberlippe gleichschenklig zu einem völlig hirnrissigen Parallelogramm steht, welches wie ein Trapez im Umfang zu berechnen ist.
»Der Rottweiler hat so fies gelacht, als ich das nicht konnte!« Fanny hat ganz rote Wangen vor Empörung. »Und dann hat er mir gesagt, dass ich auf einer ganz knappen Vier stehe, die schon mit einem ihrer vier Beine auf der Fünf steht!«
Ist der gemein! So ein … Rohling, ein Kinderquäler, ein Sadist! Ganz ohne Maulkorb lässt man so einen Finsterling auf die armen Kinder los!
»Wir schreiben nächste Woche den entscheidenden Test«, sagt Fanny ohne Hoffnung in der Stimme. »Ich habe noch nie im Leben einen Fünfer gehabt.«
Das würde Christiane so passen.
Dass mein (!) Kind eine Fünf im Zeugnis bekommt.
»Komm, gib mir mal deine Aufgaben.« Entschlossen greife ich nach ihrem Heft, in das sie zwar sehr sorgfältig, aber anscheinend ohne wahren Durchblick Dreiecke, Vierecke, Quadrate und andere ulkige Muster gezeichnet hat.
»Das sieht doch alles schon mal ganz hübsch aus«, lobe ich. »Sehr ordentlich und … ähm … sauber.«
»Mama! Du nervst! Darum geht es doch gar nicht!« Fanny haut auf den Tisch.
»O doch. Geometrie hat in erster Linie was mit Präzision und Genauigkeit zu tun«, beharre ich. »Das ist das Um und Auf.«
Fanny schaut mich abwartend an.
»Soweit ich mich erinnere, war ich gut in Geometrie«, behaupte ich. »a2 + b2 = c2
»Das haben wir noch nicht gehabt.«
»Das ist der Satz des Pythagoras.« Erstaunlich, dass mir solche Lappalien nach zwanzig Jahren wieder einfallen.
»Mamaaa! Das hilft mir jetzt auch nicht weiter!« Fanny will mir schon das Heft aus der Hand reißen, aber so schnell lasse ich mich nicht unterkriegen.
»Gib mir mal die erste Aufgabe.«
»Kannst du eh nicht.«
»Doch. Kann ich.«
»Christiane hat gesagt, du warst in Mathe voll der Versager.«
»So. Hat sie das gesagt.«
»Na ja, nicht so wörtlich. Aber so ähnlich.«
Ich krempele mir die Ärmel hoch. »Okay. Jetzt erst recht. Und wenn ich die ganze Nacht mit dir über diesen Aufgaben sitze!«
»Okay!« Widerwillig, aber doch halb getröstet reicht Fanny mir das Blatt, auf dem der Rottweiler »Überprüfe dein Wissen!« fordert.
Darauf hat er noch eine Eule gezeichnet, die ziemlich dämlich aus ihrem Gefieder blickt, während neben ihr eine Glühbirne leuchtet.
Das findet er wahrscheinlich wieder wahnsinnig originell.
Die erste Aufgabe lautet: »Zeichne eine Strecke AB = 8 Zentimeter und teile sie in drei gleiche Teile.«
»Na, wenn das nicht einfach ist«, lache ich erleichtert. »Gib mal das Geodreieck rüber. Mensch, das macht doch Spaß!«
Mein Handy surrt auf dem Tisch herum, und da es die Trockenpflaume Claudia ist, muss ich leider schnell rangehen.
»Ja, Claudia? – Was? Der berühmte Schönheitschirurg verkauft sein Landhaus in Kitzbühel?«
Sofort bin ich ganz Ohr. Angespannt bis in die Zehenspitzen notiere ich mir die Daten, die meine Sekretärin mir soeben durchgibt. 860 Quadratmeter Wohnfläche, Grundfläche: 3 000, drei Garagen und zwei Carports, Gästehaus, Sauna, Wellnessbereich und Außenpool, offener Kamin im Wohnbereich, Kachelofen in der behaglichen Wohnküche …
Ich mache Fanny mit dem Geodreieck ein Zeichen, dass sie schon mal loslegen soll, und schicke eine aufmunternde Grimasse hinterher.
»Wie viel will er haben? Sechseinhalb Millionen?« Ich werde ganz schwach, und meine Augen werden zu Dollarzeichen. »Na, das müssen wir dem Russen anbieten, du weißt schon, der Neureiche mit dem Pelzmantel, oder dem jungen Araber, der letztens mit seiner verschleierten Frau da war …«
Fanny kneift die Lippen zusammen und fährt mit ihrem Geodreieck genervt über die Tischplatte. Ich wische ihre Kinderhand beiseite, damit sie keine Kratzer macht.
»Und wir kriegen den Alleinvermittlungsauftrag? Nein? Mist, Konkurrent Karsten Korzkamp mischt auch mit. Wir müssen ihm zuvorkommen! Wahnsinn! Bei drei Prozent Provision sind das … Fanny, rechne mal schnell! Drei Prozent von sechseinhalb Millionen!«
Während Fanny mich entnervt durch ihr gleichschenkliges Dreieck ansieht, grabsche ich mit meinen frisch manikürten Fingern