Dein Name ist Jeremiah Cotton. Du bist ein kleiner Cop beim NYPD, ein Rookie, den niemand ernst nimmt. Aber du willst mehr. Denn du hast eine Rechnung mit der Welt offen. Und wehe, dich nennt jemand »Jerry«.
Eine neue Zeit. Ein neuer Held. Eine neue Mission. Erleben Sie die Geburt einer digitalen Kultserie: COTTON RELOADED ist das Remake von JERRY COTTON, der erfolgreichsten deutschen Romanserie, und erzählt als E-Book-Reihe eine völlig neue Geschichte.
COTTON RELOADED erscheint monatlich. Die einzelnen Folgen sind in sich abgeschlossen. COTTON RELOADED gibt es als E-Book, Audio-Download (ungekürztes Hörbuch) und als Read&Listen E-Book (Text in Verbindung mit Hörbuch).
Die Verschwundenen
Es war dunkel bei den Docks an der Upper Bay. Ein paar vereinzelte Lampen brannten am Rand des verwahrlosten Piers und vor den roten Backsteinbauten auf dem angrenzenden Grundstück. Ein Geruch nach Meer, Abgasen und faulendem Tang zog vom Hafen heran.
Das Tor war offen gewesen, wie er es versprochen hatte, und Laura Robinski huschte geduckt zwischen den rostigen Containern umher.
Mira, ermahnte sie sich. Sie hieß jetzt Mira Anthony, und ihr altes Leben war Geschichte. Nach all den Jahren hatte sie sich immer noch nicht daran gewöhnt.
Ein Geräusch ließ sie zusammenzucken. Eine schattenhafte Gestalt verbarg sich neben einem Stapel Paletten. Miras freie Hand fuhr zu ihrer Tasche.
Der Unbekannte in den Schatten wandte sich ab und schlurfte tiefer in die Finsternis hinein. Mira hörte ein leises Scheppern und sah schemenhaft die prall gefüllten Tüten in den Händen des Mannes. Der Kerl war nur ein Obdachloser, der bei Nacht in den ungesicherten Bereichen der Docks nach Abfällen suchte, die er in billigen Fusel umsetzen konnte.
Mira entspannte sich … so gut sie es vermochte.
Aus den geschäftigeren Teilen des Hafens von Brooklyn wehte Lärm herüber. Dort herrschte auch zu dieser Stunde noch Betrieb. Flutlicht waberte über den Dächern.
Die schäbigen Lagerhäuser allerdings, zwischen denen Mira sich bewegte, waren schon bei Tag eine zwielichtige, unsichere Gegend. Es gab Leerflächen aus brüchigem Beton und voll von Unkraut. Ein paar spärliche Container standen inmitten von Gerümpel und alten Baufahrzeugen, denen man nicht ansah, ob sie nur abgestellt waren oder als Schrott auf den Abtransport warteten. Jetzt, bei Nacht, lag alles verlassen da, und Mira stellte sich Schmuggler und andere Gangster vor, die sie bei ihrem Treiben störte.
Aber sie vertraute dem Mann, der sie herbestellt hatte. Ihm verdankte sie alles, und wenn er mit ihr in der Abgeschiedenheit dieses Ortes reden wollte, musste er gute Gründe dafür haben.
Sie blickte sich um. Komm zum Wasser, hatte er gesagt.
Mira ging zum Ende des breiten Piers. Ein besonders baufälliger Ziegelbau mit leeren Fenstern erhob sich links von ihr. Davor lagen die Überreste einer eingestürzten Blechbaracke. Ein abenteuerlicher Metallverhau führte vom Pier weiter auf das Wasser hinaus. Die Schatten zwischen den Trägern und Aufbauten dort waren undurchdringlich.
Mira presste die Tasche mit der Linken eng an den Körper. Ihre Rechte fuhr in die Öffnung.
»Hallo?«, flüsterte sie in die Schwärze hinein.
Ein Geräusch aus der Dunkelheit antwortete ihr. Sie wich zurück.
»Sind Sie das?« Mira fühlte einen Kloß im Hals.
»Alles klar, Miss Anthony.«
Die vertraute Stimme beruhigte sie. »Was ist los?«, fragte sie. »Ist etwas passiert?«
»Pssst!«, sagte der Mann. »Kommen Sie hier herein. Es muss nicht jeder mithören.«
Zögernd trat Mira näher. Ihre Augen gewöhnten sich an die Schatten, und sie sah die Umrisse des Mannes zwischen den rostigen Stahlträgern - ein kleiner Mann, kaum größer als sie selbst.
»Was ist los?«, fragte sie noch einmal.
Er zog sie zu sich in den dunklen Winkel unter der Stahlkonstruktion. Ihre Jacke schrammte über die scharfe Kante einer verwitterten Eisenplatte.
»Haben Sie eine Waffe dabei?«, fragte er.
Mira nickte. »Ja«, sagte sie dann laut, als ihr klar wurde, dass er die Geste unmöglich sehen konnte.
»Zeigen Sie her! Rasch!«
Mira nestelte die Pistole aus der Tasche. Obwohl sie den Griff schon seit Minuten umklammert hielt, bekam sie die Waffe kaum heraus. »Warum?«, stammelte sie. »Sind sie uns auf die Spur gekommen? Oh Gott! Sie haben mir doch versprochen, Sie würden sich um alles kümmern.«
»Das tue ich auch. Geben Sie her!«
Er nahm ihr die Pistole aus der Hand. »Eine .25er«, sagte er. »Wie süß!« Er schob den Schlitten zurück, grunzte und schaute in die Kammer. »Nicht mal durchgeladen.«
»Es sind sowieso …«, setzte Mira an.
Unvermittelt hob er die Waffe und zielte auf ihre Brust.
Sie verstummte.
»Sorry!«, sagte er. »Ich beende unsere Geschäftsbeziehung.«
Er drückte ab. Der Schuss knallte laut in dem schmalen Spalt zwischen der Stahlkonstruktion, wetterte zwischen den hohen Blechwänden und verhallte am Himmel.
Mira wirbelte herum. Ihr Herz schlug wild.
Der Mann hinter ihr fluchte. Sie hörte zwei weitere Schüsse, als sie aus dem Winkel zwischen den Eisenträgern, Blechen und Aufbauten heraus floh und um die Ecke huschte.
Sie hatte immer Angst vor Schusswaffen gehabt, und heute dankte sie Gott dafür, dass sie nur Platzpatronen geladen hatte. Als hätte sie geahnt, dass irgendwann jemand ihre eigene Waffe gegen sie einsetzen könnte …
Der Mann kam hinter ihr her. Mira hatte für ihren Ausflug an die Docks feste Schuhe angezogen. Aber ihr Verfolger war drahtig und viel besser trainiert. Er würde sie einholen, bevor sie die Straße erreichte. Sie brauchte ein Versteck!
Mira lief auf das Lagerhaus mit den leeren Fenstern zu. Der eingestürzte Verschlag versperrte ihr den Weg, ein Haufen Eisenbleche, die teilweise bis ins Wasser gerutscht waren.
»Mira!«, rief der Mann hinter ihr.
Als ob sie jetzt anhalten würde!
Sie stieg über den Schutt hinweg. Der Wind von der Bucht schlug ihr ins Gesicht. Sie spürte einen Hauch kalter Feuchtigkeit auf der Haut. Ihre Füße glitten auf dem Metall aus, das rau war von Rostnarben und zugleich schlüpfrig vor Nässe.
Dann fühlte sie einen bohrenden Schmerz zwischen den Schultern. Sie stolperte. Irgendetwas schepperte über die Metallteile und rutschte ins Wasser. Für Sekunden setzte ihr Denken aus. Als sie erkannte, was geschehen war, kam es ihr so unwirklich vor, als würde sie von außen in ihren Kopf hineinhorchen.
Der Mann hatte tatsächlich die Pistole nach ihr geworfen wie in einem zweitklassigen Film!
Und fast hatte er sie damit zu Fall gebracht.
»Hab ich dich, Schlampe«, brachte er keuchend hervor.
Sie hörte seine Schritte auf dem Metall. Seine Hand griff nach dem Saum ihrer Jacke. Mira sprang zur Seite - in das Hafenbecken hinein.
Sie stieß gegen Metall, das dicht unter der Wasseroberfläche lag. Der Aufprall trieb ihr die Luft aus den Lungen. Mira rutschte weiter. Der Boden verschwand unter ihren Füßen, und die Fluten schlugen über ihrem Kopf zusammen. Die Kälte traf sie wie ein Hammerschlag. Einen Schwall nach dem anderen verschluckte sie von dem trüben Hafenwasser, während sie sich zurück an die Oberfläche kämpfte. Es schmeckte bitter und nach Öl.
Sie keuchte. Sie strampelte. Sie rang hustend nach Atem, als sie den Wind und Tropfen an ihrer Wange spürte. Eine Strömung erfasste sie.
Die leichten Stiefel an ihren Füßen zerrten bleischwer an ihren Beinen. Immer wieder geriet sie mit dem Kopf unter Wasser, und wenn sie erneut auftauchte, brannte das Salz in ihren Augen.
Mira verlor die Orientierung. Sie spuckte Wasser und versuchte, etwas zu erkennen. Verzweifelt kämpfte sie sich auf das Licht und den Lärm der belebteren Docks zu. Sie hatte keine Kraft und keinen Atem mehr und konnte sich nicht mehr um ihren Verfolger kümmern. Hatte er aufgegeben? Hoffentlich, denn sie konnte sich nicht mehr über Wasser halten.
Mira erreichte eine Mole. Sie wusste nicht einmal, ob es dieselbe war, von der sie gesprungen war. Glatter Beton ragte ins Wasser, schleimige Holzpoller erhoben sich am Rand. Aber nirgendwo sah sie eine Leiter.
Sie ging wieder unter. Kämpfte sich noch einmal hoch, hustete und versank wieder, bevor sie auch nur Luft holen konnte. Ihre Kleidung schien sich an ihr festzuklammern und sie in die Tiefe ziehen zu wollen.
Ihre Finger glitten über den Beton. Inzwischen war es ihr egal, ob der Killer noch dort oben lauerte. Sie musste aus dem Wasser heraus. Aber in der Dunkelheit über dem Fluss sah sie keinen Ausweg.
Ihre Hilferufe ertranken in den Fluten, die ihr in die Kehle schwappten.
»Eine ertrunkene Frau im Hafen«, sagte Jeremiah Cotton. »Das ist wohl kaum ein Fall für das FBI, Sir.«
Er saß gemeinsam mit Philippa Decker im Büro seines Vorgesetzten, John D. High. Der Chef des G-Teams hatte die beiden Agents zu sich bestellt und ihnen soeben ihren neuesten Fall übertragen.
Philippa Decker griff nach den Papieren auf dem Tisch und schlug die Mappe auf. Cotton genoss derweil den Ausblick über die Steuerzentrale des Teams aus der Chefperspektive. Der weite Raum jenseits der gläsernen Trennwand war in helles Kunstlicht getaucht – eine High-Tech-Zentrale voller riesiger Monitore und all der Technik, von der Cotton zu seiner Zeit bei der New Yorker Polizei nur hatte träumen können.
Mr. High musterte ihn missbilligend. »Hätten Sie die Güte, mir zuzuhören, Special Agent Cotton? Dann erfahren Sie am schnellsten, warum der Fall bei uns gelandet ist.«
Cotton riss sich von dem Anblick der Zentrale los und räusperte sich. »Sicher, Sir. Verzeihung! Aber für einen Jungen aus der Provinz ist das alles hier immer noch ganz schön beeindruckend, Sir.«
John D. High verzog das Gesicht. »Die Tote im Hafen war nur der Anfang«, fuhr er fort. »Erst sah alles nach einem Routinefall für das Police Department aus. Die Tote hatte sogar ihre Handtasche mit sämtlichen Papieren bei sich.«
»Verstehe, Sir. Das ist allerdings nicht selbstverständlich.« Als ehemaliger Cop wusste Cotton genau: Ein Toter mit Papieren, der sich leicht identifizieren ließ, war ein Glücksfall.
»Führerschein und Kreditkarten wiesen die Frau als Mira Anthony aus«, warf Decker ein. Sie hörte gleichzeitig zu und blätterte in den Unterlagen. »Aber dabei ist es nicht geblieben.«
»Allerdings nicht«, fuhr John D. High fort. »Zunächst einmal konnte die Polizei nicht herausfinden, wie diese Mira Anthony überhaupt nach New York gekommen war. Ihr letzter verwertbarer Aufenthaltsort, den man aus den Papieren erschließen konnte, war das freundliche Städtchen Collinsville in Alabama.« Er blickte Cotton an. »Als Junge aus der Provinz kennen Sie solche Orte, Special Agent Cotton, nicht wahr?«
Cotton, der aus einem Kaff in Iowa stammte, fühlte sich ein wenig ernüchtert. »Könnte man so sagen, Sir«, erwiderte er. »New York kann ein gefährliches Pflaster sein, wenn man zum ersten Mal hier vorbeischaut.«
Ein leichtes Lächeln umspielte Mr. Highs Mundwinkel. »Ich glaube, Miss Mira Anthony aus Collinsville hätte kaum noch etwas erschüttern können. Wie die New Yorker Polizei nämlich von ihren Kollegen dort erfuhr, ist Miss Anthony bereits vor sechs Jahren verstorben. Seitdem ruht sie friedlich und ungestört auf dem Friedhof ihrer Heimatstadt, die sie zu Lebzeiten niemals verlassen hat.«
»Die Papiere der Frau waren gefälscht«, stellte Decker fest. »Sie reiste unter dem Namen einer Toten.«
»Okay«, sagte Cotton. »Das ist ein Fall fürs FBI. Aber seit wann befasst sich das G-Team mit falschen Papieren?«
Mr. High winkte ab. »Darüber sind wir hinaus. Ihre ehemaligen Kollegen bei der New Yorker Polizei, Special Agent Cotton, haben noch mehr herausgefunden, bevor wir ihnen den Fall aus den Händen nahmen. Beispielsweise, wer unsere Tote tatsächlich war: Laura Robinski, eine freie Buchhalterin und Finanzexpertin, die hier in New York tätig gewesen ist. Sie verschwand vor drei Jahren von der Bildfläche. Man vermutete, dass sie an Geldwäschegeschäften für die Mafia beteiligt war und einen ihrer Klienten um mehrere Millionen Dollar hintergangen hat.«
»Ich glaube, ich erinnere mich an den Fall«, sagte Philippa Decker. Ihre Stimme klang nachdenklich. »Damals stand die Frage im Raum, ob Laura Robinski untertauchen konnte oder ob die Leute, die sie betrogen hat, sie verschwinden ließen.«
»Nun«, sagte High, »diese Frage ist jetzt wohl beantwortet. Mrs. Robinski kam seinerzeit als vermisste Person zu den Akten. Wir hatten ein DNA-Profil von ihr. Wenn unsere Tote es nicht geschafft hat, ihr Erbgut ebenfalls zu fälschen, wissen wir nun, dass Laura Robinski drei Jahre lang unter falschem Namen lebte.«
»Aber jetzt haben ihre früheren Arbeitgeber sie doch noch erwischt«, schloss Decker.
»Das war aber auch selten dämlich von dieser Frau«, sagte Cotton. »Die Mafia in New York zu betrügen und dann in der Stadt zu bleiben.«
»Dämlich ja«, bemerkte John D. High, »aber professionell dämlich. Sie hatte nicht einfach nur gefälschte Papiere, sondern eine völlig falsche Identität. Mit allem, was dazugehört. Und wenn ich sage alles, dann meine ich alles.«
»Was gehört denn alles dazu?« Cotton grinste. »Entschuldigen Sie die Frage, aber das könnte interessant für mich sein, wenn ich hier mal aufhören will und Sie mich nicht gehen lassen wollen.«
»Keine Sorge.« Mr. High seufzte. »Ich mache mich persönlich für Ihre vorzeitige Pensionierung stark, wenn Sie mir weiterhin so viel Ärger bereiten wie bei Ihren ersten Auftritten hier.
Was nun diese Laura Robinski alias Anthony angeht: Ihre neuen Papiere waren mit den passenden Fotos bei allen zuständigen Stellen korrekt registriert. Mira Anthony hatte sogar noch eine Sozialversicherungsnummer, als wäre sie niemals verstorben. Selbst bei den Steuerbehörden ist sie weiterhin registriert. Jemand hat sich die Mühe gemacht, ihre Spur im Internet zu polieren und Bilder der Toten zu tauschen oder zu löschen. Und zur Abrundung hat man Laura Robinski noch eine kleine Schönheitsoperation spendiert. Sie ist in jeder Hinsicht zu Mira Anthony geworden, und diese Identität war wasserdicht.«
»Anscheinend nicht«, murmelte Decker. Sie musterte die Bilder der Toten. »Als sie ins Wasser ging, hat ihre falsche Identität sich sehr schnell aufgelöst.«
Mr. High verzog das Gesicht. »Jedenfalls ist das Ihr neuer Fall. Sie haben die Unterlagen. Die Beweismittel liegen in der Forensik. Sie werden den Tod von Laura Robinski aufklären.« Er blickte die beiden Agents an und klang ganz so, als würde er eine unumstößliche Tatsache konstatieren. »Vor allem beunruhigt es mich, dass da jemand falsche Identitäten für wer weiß wen aufbauen kann – mit Einträgen, die bis in die Behörden reichen. Ich will, dass Sie die Organisation aufdecken, die dahintersteckt, mitsamt den Verbindungen, die es Laura Robinski ermöglicht haben, drei Jahre lang als Mira Anthony zu leben.«
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