Heike Buchter
ÖLBEBEN
Wie die USA unsere Existenz gefährden
Campus Verlag
Frankfurt/New York
Über das Buch
Energiedominanz USA: Mit Vollgas gegen den Rest der Welt Während wir hier über den Klimawandel diskutieren, führt Trump die größte Volkswirtschaft der Welt in ein neues Ölzeitalter und schafft schmutzige Tatsachen. Von Alaska bis zum Golf von Mexiko werden ganze Landstriche zu Industriebrachen – mit globalen Folgen. Den Kampf um den Öl-Thron hat Amerika für sich entschieden und geht ohne Rücksicht auf alte Bündnisse seinen Weg. Die in New York lebende Wirtschafts- und Finanzmarktexpertin Heike Buchter hat sich an den Schauplätzen der Ölindustrie ein Bild gemacht. - Was bedeutet die US-Energiedominanz für Deutschland und Europa? - Was bedeutet die Amerikas Vormachtstellung für unsere Umwelt, aber auch für unsere Sicherheit? Buchter zeigt, wie die Hintermänner an der Wall Street den Boom anheizen und wie das Öl der Fracker die Welt neu ordnet.
Vita
Heike Buchter berichtet seit 2001 von der Wall Street. Heute ist sie Wirtschaftskorrespondentin für Die Zeit in New York. Sie war die Erste, die ihrer Redaktion 2007 die Finanzkrise vorhersagte. 2015 war sie mit ihrem Buch BlackRock. Eine heimliche Weltmacht greift nach unserem Geld wiederum die Erste, die den amerikanischen Vermögensverwalter konsequent ins Licht der Öffentlichkeit gerückt hat.
Für meinen Vater Heinz Buchter
Und ein dickes Danke an meine »Jungs« Jens und Max, ohne deren Unterstützung ich dieses Buch nie zustande gebracht hätte.
GRÜN IST DIE HOFFNUNG
Paris: Der Anfang vom Ende
Katastrophe 6.0?
1MIT VOLLGAS INS NEUE ÖLZEITALTER
Die Schieferrevolution
Das heißeste Ölfeld der Welt
Alles begann mit dem Rosenwunder
Einmal Boomtown und zurück
The Texan Way: Boom and Bust
2FRACKING, BIS DIE ERDE BEBT
S. H. Griffin Estate #4
Mit Torpedos in den Untergrund
Der Schieferkönig
Wall Streets neue Geldmaschine
Texaner gegen Saudis
Welcome to Superfracking
3ÖL – SCHMIERSTOFF DER MODERNE
Die erste erfolgreiche Erdölbohrung – in Deutschland!
Rockefeller: Der Vater der Kartelle
Der falsche Colonel und Onkel Billy
»Diese giftige Frau«
Deutschlands verzweifelte Suche nach dem wichtigsten Rohstoff der Welt
Der Napoleon des Öls
Very British Petroleum
Treibstoff für Hitlers Krieg
Peak Oil: Die Angst vor dem Ende
4TRUMPS BRANDHEISSE FREUNDSCHAFTEN
Eine Krawatte für den Ölkönig
Drill, Baby, Drill
Alles für die Kohle
Aufstand der Milliardäre
»The Kochtopus«
5RÖHREN, DIE DIE WELT BEHERRSCHEN
Hungerstreik gegen die Pipeline
Alles für das Öl
Weg der Tränen
Kanadas schmutziges Geheimnis
Der Sockel, auf dem die Götter sitzen
Vier Badewannen für eine Tankfüllung
Mit den Waffen eines Businessman
6KALTER (ENERGIE)KRIEGER
Krach um Nordstream 2
Angriff bei Orangensaft und Toast
Trump, der Ölflüsterer
Kein Ausweg für den Iran
7UNTER HOCHDRUCK – RISSE IM ÖLKARTELL
Das Haus Saud
Anfang vom Ende der OPEC
Der Dollar ist alternativlos – bis der Renminbi kommt
Lieber NOPEC statt OPEC
Liebesgrüße aus Moskau
Die Auferstehung von Corpus Christi
Jobs, Jobs, Jobs
8DEUTSCHLAND – INDUSTRIELAND OHNE KOHLE?
Schicht im Schacht
Gegen den Wind
Am Anfang war das Unglück
Im Reformstau
Autobauerdämmerung
9CHINAS ÖKO-EHRGEIZ
Auf der technologischen Überholspur
Chinas Teerseite
10FLAMMENDE VORBOTEN
Amerikas Klimaflüchtlinge
Risiko? Welches Risiko?
11WERBEN UM DIE WALL STREET
Die einstigen Börsenlieblinge müssen Klinken putzen
Stranded Assets: Die Hoffnung der Klimaschützer
Money makes the world go green?
ETF: Die erfolgreichste Innovation seit dem Geldautomaten
UND WAS JETZT?
2019
2050
ANHANG
ANMERKUNGEN
Grün ist die Hoffnung
1Mit Vollgas ins neue Ölzeitalter
2Fracking, bis die Erde bebt
3Öl – Schmierstoff der Moderne
4Trumps brandheiße Freundschaften
5Röhren, die die Welt beherrschen
6Kalter (Energie)Krieger
7Unter Hochdruck – Risse im Ölkartell
8Deutschland – Industrieland ohne Kohle?
9Chinas Öko-Ehrgeiz
10Flammende Vorboten
11Werben um die Wall Street
QUELLEN UND WEITERE LITERATUR
Wer sich 2019 in Deutschland umschaut, kann leicht zu dem Schluss kommen, Deutschland sei ein grünes Wunderland. Auf allen Kanälen läuft die Klimawende. Von Stern bis Brigitte gibt es Tipps, »wie wir jetzt leben sollen«. Und sogar die Bild liefert hilfreich »Klima-Fakten zu Stoffbeutel, Bio, Ökostrom«. Ein YouTuber mit blau gefärbten Haaren und dem Namen Rezo mischt überraschend den Europawahlkampf auf, in einem Video geißelt er die CDU als »zukunftzerstörend, umweltzerstörend und damit lebensverachtend«. Die »Zerstörung der CDU« des 26-Jährigen wurde mehr als 11 Millionen Mal gesehen.
Bei der Europawahl erhielten die Grünen die zweitmeisten Stimmen in Deutschland – mehr als die SPD. Bei einer innerdeutschen Umfrage kurz darauf lag die Partei, die einst als zu radikal für den Bundestag galt, noch vor der CDU. Grünen-Vorsitzender Robert Habeck wird multimedial die Kanzlerfrage gestellt. Fast noch unglaublicher: Bei den Landtagswahlen in Bayern im Herbst 2018 waren die Grünen zweitstärkste Kraft. Dort gewann das Volksbegehren »Rettet die Bienen« zur Artenvielfalt über eine Million Unterschriften. Schließlich summte sogar CSU-Ministerpräsident Markus Söder mit, der zuvor – mehr ein Freund der Bauern – gegen den Gesetzesvorschlag gewesen war. Nach der herben Niederlage ihrer Partei bei der Europawahl schwört die Kanzlerin in einer Fraktionssitzung, es dürfe »kein Pillepalle« mehr geben, sondern Beschlüsse, die zu »disruptiven« Veränderungen führten.
Die deutschen Unternehmen haben das Thema schon längst für sich entdeckt. Vom Sportartikler Adidas, der laut Webseite eine »Nachhaltigkeits-Roadmap für 2020«1 voller »ehrgeiziger Ziele« für die Umweltbilanz des Unternehmens angefertigt hat, bis zum Onlineversandhändler Zalando, der zur Müllvermeidung bald Schuhe und Kleidung in Mehrwegverpackungen an den Kunden schicken will.2 Nivea-Hersteller Beiersdorf hat die – was sonst – »We care«-Nachhaltigkeitsstrategie verbunden mit der eingängigen Alliteration »Products, Planet, People« als Motto.3 Als Flugreisenanbieter sieht sich die Lufthansa vor besonders hohe Herausforderungen in Sachen CO2 gestellt, aber das Unternehmen wird laut Webseite »wertorientiert mit zentraler Verantwortung für Klima und Umwelt«4 gesteuert. Haribo will künftig offenbar nicht nur die Kinder froh machen und sucht eine/n »Assistent/in Corporate Social Responsibility, die sich nicht zuletzt um »Umwelt- und Klimaschutzstrategien«5 kümmern soll. Banken bieten grüne Anleihen, mit denen sich nachhaltige Projekte finanzieren lassen, und auch sonst finden von der kompostierbaren Windel bis zur Ökobestattung deutsche Verbraucher für so gut wie alle Bedürfnisse grüne Alternativen.
Doch es gibt noch ein anderes Deutschland. Dieses Land hängt nach wie vor zu 80 Prozent von fossilen Brennstoffen ab. Ohne sie kein Strom aus der Steckdose, kein Sprit an der Zapfsäule und im Winter keine wohlige Wärme. Zwar ist der Anteil der erneuerbaren Energien bei der Stromerzeugung im Jahr 2018 auf 40 Prozent gestiegen6, doch Kohle und Kernkraft liefern nach wie vor rund 50 Prozent.7 Die besonders umweltschädliche Braunkohle, die nach Ansicht von Klimaforschern überhaupt nicht mehr verbrannt werden sollte, hat dabei einen Anteil von 24 Prozent.8 In einem Viertel der privaten Haushalte wird noch immer mit Öl geheizt.9
Beim Verkehr klaffen Anspruch und Wirklichkeit noch dramatischer auseinander. Es werden immer mehr Güter – Onlineshopping sei Dank – transportiert und immer mehr davon per Lkw. Wer regelmäßig auf der Autobahn im Stau steht, kann das bestätigen. Der Anteil der Elektroautos dümpelt bei einem Prozent und da sind Hybridfahrzeuge noch mit eingerechnet. Das Auto mit Verbrennungsmotor ist nach wie vor das wichtigste Exportprodukt Deutschlands. Es ist überhaupt das wichtigste Produkt. In der Branche arbeiten in Deutschland direkt oder indirekt über zwei Millionen Menschen, das entspricht etwa vier Prozent der Erwerbstätigen.
Und die von der Regierung versprochene drastische Senkung des CO2-Ausstoßes, um die ehrgeizigen Klimaziele zu erreichen? Fehlanzeige. Zwischen 2010 und 2018 kam es praktisch zu keiner Reduzierung.
Doch selbst wenn Deutschland es schaffen sollte, den versprochenen fundamentalen Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft tatsächlich zu vollziehen, braucht es für den nachhaltigen Erfolg den Rest der Welt.
Im Dezember 2015 sah es danach aus, als ob die Klimakrise mit globaler Anstrengung zu meistern sein würde. Nach 20 Jahren vergeblicher Bemühungen kam in Paris ein Abkommen zustande, das die unterzeichnenden 195 Nationen zu einer Senkung ihrer Emissionen verpflichtete, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius über den vorindustriellen Temperaturen zu begrenzen. Eine Erwärmung, die laut den Wissenschaftlern gerade noch verkraftbar wäre. Zudem versprachen die reichen Länder in dem Abkommen, 100 Milliarden Dollar jährlich an Hilfen für Entwicklungsländer bereit zu stellen, die bei der Bewältigung des Klimawandels helfen sollen. Anders als bei den Vereinbarungen etwa in Kyoto schien dieses Mal bei den beiden größten Verschmutzern der Welt der notwendige politische Wille vorhanden. Im September darauf ratifizierten US-Präsident Obama und sein chinesischer Amtskollege Xi Jinping beim G20-Treffen in Hangzouh den Vertrag. Obama nannte es einen »Wendepunkt für unseren Planeten«. Xi stand dem US-Präsidenten mit bedeutungsschweren Worten nicht nach. »Unser Kampf gegen den Klimawandel wird die Zukunft unserer Völker und der Menschheit bestimmen«, sagte der chinesische Staatslenker.
Das Pariser Klimaabkommen war der Höhepunkt einer Weltordnung, die von den USA und den westlichen Industrienationen aufgebaut worden war. Sie schien nun auch die Chinesen mit einzubeziehen, um das drängendste Problem der Menschheitsgeschichte, die Vernichtung der Natur und der eigenen Spezies zu verhindern. Von Umweltverbänden weltweit wurde der Durchbruch gefeiert. »Wenn die beiden größten Treibhausgasemittenten sich verbünden, um den Klimawandel zu bekämpfen, dann sind wir endlich auf dem richtigen Weg«, sagte etwa David Waskow, Direktor des Washingtoner Umwelt-Thinktanks World Resources Institute, gegenüber dem britischen Guardian. Niemals zuvor hätten diese beiden Nationen so eng zusammengearbeitet, um ein globales Problem anzugehen. »Keine Frage, diese historische Partnerschaft wird das Erbe von Obamas Präsidentschaft prägen«.10
Tatsächlich war es der Anfang vom Ende. Nur vier Jahre später scheint das Auseinanderbrechen der Welt in eine chinesisch dominierte und eine US-geführte Sphäre nicht mehr aufzuhalten.
Vor allem aber bereitete Obamas diplomatischer Triumph in Paris der Wahl seines Nachfolgers Donald Trump den Boden. Dessen Wähler hatten Paris als eine Niederlage ihres Amerikas erlebt. In ihren Städten und Gemeinden im Heartland, jenen Bundesstaaten, die von der selbsterklärten US-amerikanischen Küstenelite gerne als Fly-over-States bezeichnet werden, über die man am besten schnell hinweg jettet, waren die Jobs in den Stahlwerken und den Autofabriken schon lange verschwunden. Um die Pariser Ziele einhalten zu können, hatte Obama nun auch noch das Aus für die Kohlekraftwerke im eigenen Land verkündet. Zwar fiel die Nachfrage nach Kohle vor allem, weil Erdgas billiger wurde. Doch in den Augen der Kohlekumpels und ihrer Familien hatte ihr Präsident ihnen den Krieg erklärt. »Obama’s War on Coal«. Von den liberalen Politikern wurde das als Argument unaufgeklärter Hinterwäldler abgetan. Die entlassenen Minenarbeiter müssten sich eben nach Jobs umsehen, für die es im modernen Amerika Bedarf gibt: etwa Softwareprogrammierer oder Krankenpfleger. Es muss den Kumpels vorgekommen sein wie Marie Antoinettes angeblicher Rat, die hungernden Pariser sollten doch Kuchen essen, wenn es kein Brot gebe. Nicht genug damit, Obama machte ausgerechnet mit den Chinesen gemeinsame Sache, mit deren billigen Löhnen und staatlichen subventionierten Dumpingpreisen die US-amerikanischen Fabriken nicht mehr mithalten konnten.
Die Menschen in den betroffenen Regionen wussten sich schon lange abgehängt. Nun fühlten sie sich auch noch verachtet. Hillary Clinton, die bei den Küsteneliten und dem Rest der westlichen Welt als designierte Nachfolgerin Obamas galt, beschrieb sie 2016 bei einem Dinner in New York. Das Publikum: wohlhabende Spender für ihren Wahlkampf. 50 000 Dollar kostete das Gedeck an diesem Abend, eingeladen hatte Barbra Streisand. Ihren Gönnern erklärte Clinton, wie sie die Millionen Trump-Anhänger im Land sah. Diese bestünden zur Hälfte aus einem »Haufen von Erbärmlichen«. Sie seien »rassistisch, sexistisch, ausländerfeindlich, islamfeindlich und so weiter«.
Und die Kandidatin fügte noch hinzu, diese Menschen seien schlicht »nicht zu retten«. Ihr Publikum an jenem Abend lachte.
Zuletzt lachte dann allerdings der Mann, den Clinton und das Establishment als Made-for-Television-Boss und Pleitier abtaten. Donald Trump hatte die Gefühle der »Erbärmlichen« richtig erkannt – und nutzte sie geschickt aus: Der Klimawandel sei eine Verschwörung der Chinesen, um das große Amerika zu fesseln, behauptete er in seinen Wahlkampftiraden. Und er gab das Versprechen: »Make America Great Again!« Das Amerika der Stahlkocher, der kernigen Kohlekumpels, der rauchenden Schlote und der dicken Autos soll wieder auferstehen. Damals, so stellte es Trump dar, selbst zu der Zeit noch als jugendlicher Playboy unterwegs, dominierte die Supermacht mit dem Sternenbanner Freund und Feind. Und so soll es nach seinen Vorstellungen und Versprechen wieder sein. »Wir werden gewinnen und gewinnen. Wir werden so oft gewinnen, dass ihr sagen werdet, Mr. Präsident, hören Sie auf, ich habe schon Kopfweh vom vielen Gewinnen«, sagte er in einer Rede. Und die Mittel, mit denen er diese neue Dominanz erreichen will, sind: Öl, Gas und Kohle.
Das Riff scheint ein endloser Wald von Korallen. Quallen pulsieren, am Boden wimmelt es von Schwämmen, Seesternen und Anemonen. Hinten meint man, einen Hai lauern zu sehen. Elegant schweben Nautilus in ihren Schneckenhäusern vor dem Betrachter. So hat es ausgesehen vor rund 250 Millionen Jahren, als Westtexas noch der Boden eines Ozeans war. Das liebevoll rekonstruierte Riff befindet sich im Permian Basin Petroleum Museum. Im Geschenkeshop verkauft die freundliche Museumswärterin Miniaturfördertürme und Untersetzer mit Ölpumpenmotiv.11 Dass der Permian in Westtexas heute eine der ölreichsten Regionen der Welt ist, hängt mit dem uralten Riff zusammen. Die damalige Welt ging in einem der größten Massensterben der Erdgeschichte unter, der größte Teil der damals existierenden Spezies verschwand. Als Ursache im Verdacht stehen Vulkane in Sibirien, aber auch ein Meteoriteneinschlag.12
Heute pressen die Fracker hier die Fossilien aus dem einstigen Riff. Das Öl, das sie fördern, trägt entscheidend dazu bei, dass wir wieder auf ein Massenaussterben zusteuern. Es wäre das sechste in der Erdgeschichte. Aber dieses Mal wäre es vom Menschen gemacht.
Wie bei dem Riffschaubild im Petroleum Museum besteht dieses Buch aus vielen Protagonisten, Anekdoten, Ereignissen und Statistiken. Zusammen genommen ergeben sie ein Diorama, das anschaulich machen soll, wie es soweit gekommen ist und was das für unser Klima, unsere Sicherheit und unsere Zukunft bedeutet.
Amerika schwingt sich zur neuen Energiesupermacht auf. Das verdankt das Land dem geologischen Zufall, aber mehr noch der Halsstarrigkeit der Texaner.
Am 1. Juni 2017 tritt US-Präsident Donald Trump im Rose Garden des Weißen Hauses ans Rednerpult. Es ist ein sonniger Frühsommertag, eine leichte Brise weht. Es sei seine heilige Pflicht, Amerika und seine Bürger zu beschützen, erklärt Trump, hinter ihm die Stars and Stripes. Und um diese Pflicht zu erfüllen, werde sich die USA aus dem Pariser Klimaabkommen zurückziehen. Pittsburgh – das einstige Herz der US-Stahlindustrie – statt Paris, ruft er. An dieser Stelle muss der Präsident kurz eine Pause einlegen, weil die versammelten Vertreter seiner Regierung in heftigen Applaus und zustimmende Rufe ausbrechen. Das weltweite Klimaabkommen von 2015, das sein Vorgänger Obama zu seinen größten Errungenschaften gezählt hatte, ist nach Trumps Ansicht nichts als ein schlechter Deal, der ausschließlich anderen Ländern zugutekommt, »während Amerikas Arbeiter – die ich liebe – und die amerikanischen Steuerzahler die Kosten dafür durch verlorene Jobs, niedrigere Löhne, geschlossene Fabriken und eine deutlich verminderte Wirtschaftsleistung tragen müssen«, so Trump. Und er lässt keinen Zweifel, um was es ihm eigentlich geht. »Wir haben die größten Energiereserven des Planeten, doch mit dem Abkommen würden wir sie praktisch wegschließen, wir würden auf unseren Reichtum verzichten«, sagt er an jenem Tag im Rosengarten.1 Bei einem Wirtschaftswachstum von einem Prozent, da würden vielleicht erneuerbare Energien reichen, doch nicht die drei bis vier Prozent Wachstum, für die er, Trump, von nun an sorgen würde. »Dafür brauchen wir alle Energie, die uns zur Verfügung steht.«
Wie Deutschland hat auch Trump eine Energiewende eingeleitet, nur führt sie mit Vollgas ins fossile Brennstoffzeitalter zurück. Die Folgen dieses Ölbebens sind weitreichend. Zum einen löst es eine tektonische Verschiebung der Geopolitik aus. Eine Verschiebung, die Deutschlands Sicherheit und Energieversorgung gefährdet. Zum anderen wird das neue Zeitalter, das der Präsident einläutet, den Klimawandel anheizen. Mit katastrophalen Folgen für den Rest der Welt.
Mit Trumps Absage verliert das historische Klimaabkommen von Paris den entscheidenden Partner. Nicht nur, weil Amerika der zweitgrößte Verschmutzer der Welt ist, sondern weil nach dem US-Ausstieg auch andere große Volkswirtschaften wie China und Indien, die Nummern eins und drei, dem Beispiel folgen und ihre Bemühungen, den Klimawandel aufzuhalten, zugunsten kurzfristiger Wachstumsgewinne aufgeben oder zumindest einschränken könnten. Mit seinen Zweifeln am vom Menschen verursachten Klimawandel ist Trump alles andere als allein. Doch für seine Politik ist das Leugnen eines Zusammenhangs zwischen fossilen Brennstoffen und einer sich abzeichnenden Umweltkatastrophe zwingend. Nur wenn es diesen Zusammenhang nicht gibt, lässt sich Trumps wichtigstes Vorhaben rechtfertigen – die mit fossilen Brennstoffen angetriebene Reindustrialisierung der USA.
Nie zuvor hat sich eine US-Regierung derart der Förderung von fossilen Brennstoffen jeglicher Art verschrieben. Trumps Strafzölle mögen die Staatschefs von Berlin bis Peking umtreiben. Seine Obsession mit dem Milliardenbau »einer schönen Mauer« gegen Mexiko, um »bad hombres« abzuhalten, mag die Opposition im eigenen Land in Wallung bringen, und seine möglichen Verstrickungen mit Russland, seine Affären mit Playboy-Model und Pornostar, seine chaotische Amtsführung mögen Reporter zu immer neuen Schlagzeilen animieren. Das alles wird in ein paar Jahren in der kollektiven Erinnerung verblasst sein. Doch die grundlegendste Veränderung, die der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hinterlassen wird, sind die unumkehrbaren Folgen seiner Energiepolitik.
Mit ihr stellt er die bisherige Weltordnung auf den Kopf. Waren die Europäer einst die engsten Verbündeten der USA, sind sie nun zu Vasallen degradiert. Das gilt besonders für die Industrienation Deutschland, die von Energieimporten abhängig ist. Seit 1990 hat sich die deutsche Gewinnung von Energierohstoffen wie Kohle und Erdgas um 40 Prozent reduziert. Heute werden nach Angaben des Umweltbundesamtes etwa 4 000 Petajoule inländisch gewonnen. Damit kann das Land gerade ein Drittel des Primärenergiebedarfs decken. Deutschland importiert Erdgas, Uran, Steinkohle und Öl – die drei letzteren kommen zu 100 Prozent aus dem Ausland.2 Bis vor wenigen Jahren schienen die USA dieses Schicksal zu teilen, auch die Supermacht jenseits des Atlantiks war von Öl- und Gasimporten, vor allem aus dem Nahen Osten, abhängig. Der ungehinderte Zugang der westlichen Industrienationen zu diesen Energiequellen – vor allem Öl – war ein gemeinsames Interesse. Ein Interesse, dem die USA im Gegensatz zu Deutschland notfalls militärisch Nachdruck verleihen konnten – und es auch immer wieder taten. Politisch lagen Washington und Bonn, später Berlin, zwar nicht immer auf einer Linie. In Sachen Energiesicherheit aber war man auf demselben Tanker.
Das Ölbeben, das Trump nun für seine Ziele nutzt, hat lange vor ihm begonnen. Noch zehn Jahre vor seiner Wahl hatte es so ausgesehen, als ob die USA sich damit abfinden müssten, in absehbarer Zeit die eigenen Ölreserven verbraucht zu haben. 1970 – da war Nixon Präsident – belief sich die Tagesproduktion auf knapp zehn Millionen Barrel. Schon als J. R. Ewing, der fiese Öltycoon aus Dallas, seine Intrigen und dreckigen Tricks ausspielte, hatte in Wirklichkeit der Abstieg begonnen. Schließlich waren es nur noch fünf Millionen Barrel am Tag. Jetzt, in einer dramatischen Wendung, die aus einem Dallas-Drehbuch stammen könnte, sind die USA wieder ganz vorne in der Ölförderung. Eine Revolution in der Fördertechnik, das Fracking, hat die USA innerhalb weniger Jahre zum größten Ölproduzenten der Welt gemacht. Rund 12 Millionen Barrel am Tag pumpten die Amerikaner Anfang 2019. Nach Schätzungen der US-Energiebehörde EIA werden bis 2020 täglich über 13 Millionen Barrel aus den Bohrlöchern zwischen North Dakota und New Mexiko sprudeln.3 Damit liegen die Amerikaner deutlich vor den bisherigen Champions Saudi-Arabien und Russland. Und es ist nicht nur Öl. Hatten US-amerikanische Energieexperten noch vor kurzem besorgt debattiert, aus welchen Ländern sich künftig der wachsende Bedarf an Erdgas decken lassen würde, legen nun fast täglich Tanker mit Flüssiggas von den US-Häfen in Texas und Louisiana ab. Ihr Ziel: Asien und Europa. So billig ist Erdgas in den USA inzwischen, dass Förderunternehmen es abfackeln, weil es sich nicht lohnt, es aufzufangen.
Während die Deutschen darum ringen, ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern und sich weiter den Klimazielen der internationalen Gemeinschaft verpflichtet fühlen, hat Trump diesen Konsens verlassen. Das gibt Amerika zumindest kurzfristig einen Wettbewerbsvorteil. Der ungehemmte Einsatz von Öl, Gas und Kohle senkt die Kosten für Unternehmen. Allein in den vergangenen Jahren haben Unternehmen aus der Petrochemie, die einen hohen Bedarf an Energie, Öl und Gas haben, 300 neue Projekte mit einem Investitionsvolumen von mehr als 200 Milliarden Dollar in den USA angekündigt.4 Zwei Drittel haben ausländische Beteiligung, so der Washingtoner Branchenverband. Milliarden Investorengelder sind in den US-Energiesektor geflossen. Für die Branche bedeutet Trump das letzte Hurra. Entsprechend werden Tatsachen geschaffen – buchstäblich in Stahl und Beton gegossen. Sind die Rohre erst einmal eingegraben, die Raffinerien genehmigt, die Förderrechte gesichert, dann wird es für Trumps Nachfolger schwer sein, dies wieder rückgängig zu machen. Trump, der sein Amt im Weißen Haus in der gleichen Weise führt, wie er einst seine Immobiliendeals im New Yorker Trump Tower durchzog, erkennt in dem Energieüberfluss, was die New Yorker »leverage« nennen: Einen Hebel, den er ansetzen kann, um einen Vorteil herauszuhandeln.
Besonders Deutschland mit seiner Exportstärke empfindet der Präsident als unfairen Konkurrenten für »seine« Unternehmen. Schon sein Vorgänger Obama forderte, die Bündnispartner der NATO – allen voran Deutschland – sollten für die Schutzleistung der Amerikaner mehr bezahlen. Doch der Ton, den vor allem Richard Grenell, Trumps Gesandter in Berlin, anschlug, war von sengender Schärfe. »Heuchlerisch«, schimpfte er die Bundesregierung etwa. Weil er sich wie ein »rechtsextremer Kolonialoffizier« (Ex-SPD-Chef Martin Schulz) aufführe, solle man den undiplomatischen Diplomaten nach Hause schicken, foderten viele Berliner Politiker. Grenell und seinem Präsidenten ein besonderer Dorn im Auge ist die Nord Stream 2, ein Projekt, an dem deutsche Unternehmen und der russische Gazprom-Konzern beteiligt sind. »Deutschland ist Russland hörig wegen der Energielieferung«, nörgelte Trump immer wieder. Unverblümt forderte er von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Deutschland solle seinen Energiebedarf aus US-Quellen decken. Und die Kanzlerin gab nach.
Der Bund wird den Bau von Terminals für US-Flüssigerdgas unterstützen. An den Kosten sollen nicht nur deutsche Steuerzahler, sondern auch Gaskunden beteiligt werden, so berichtete im März 2019 der Spiegel, dessen Reporter einen internen Entwurf des Wirtschaftsministers eingesehen hatten. Der Plan sorgte umgehend für Proteste von Umweltschützern, die die Fördermethode für das Gas ablehnen. »Schmutziges Fracking-Gas importieren und dafür die Gaskunden zahlen lassen – das geht nicht«, sagte Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, den Spiegel-Journalisten.5
Geht es nach Trump, werden die Deutschen jedoch bald nicht nur gas pumped in USA verbrennen, sie werden auch mit Autos aus Detroit herumfahren. Bisher sind die US-Modelle hierzulande wenig beliebt, nicht zuletzt, weil sie einen vergleichsweise hohen Spritverbrauch haben. Deshalb sieht Trump die im Vergleich zu den USA hohen Benzinsteuern als unfaires Handelshemmnis für US-Autohersteller. »Sie machen es unmöglich, unsere Autos dort zu verkaufen. Großes Ungleichgewicht beim Handel«, klagte der Präsident bereits 2017. Das will er ändern. Peter Navarro, Trumps wichtigster Einflüsterer in Handelsfragen, erklärte: »Es wird nicht mehr länger so sein, dass für jedes Auto, dass wir [den Deutschen] verkaufen, sie drei an uns exportieren. Detroit wird boomen. Und das ist gut so. Präsident Trump wird weltweit führend im Handel.«6 Navarro – vor seinem Aufstieg zum Trump-Intimus ein nahezu unbekannter kalifornischer Professor, der Anlagetipps wie »Wenn es regnet, kauf Starbucks« erteilte, war es auch, der Trump dazu drängte, zum Ausgleich Zölle auf europäische Autos zu erheben. Eine Maßnahme, die vor allem die deutschen Hersteller trifft. Im Februar 2019 erklärte das US-Wirtschaftsministerium die Importwagen zum nationalen Sicherheitsrisiko. Bundeskanzlerin Angela Merkel machte aus ihrer Besorgnis keinen Hehl. Für Deutschland sei diese Einschätzung »erschreckend«, sagte sie kurz darauf auf der Münchner Sicherheitskonferenz.
Sollte Trumps fossile Brennstoffoffensive ungebremst so weiter gehen, wird die Erderwärmung weit über die Zunahme von 1,5 Grad Celsius hinausschießen, bei der sich laut den Klimaforschern gerade noch das Schlimmste verhindern ließe. Schon jetzt sind die Folgen in Amerika deutlich zu sehen: Fluten, die bisher nach statistischer Wahrscheinlichkeit nur alle 500 Jahre vorkommen sollten, setzen regelmäßig den Mittleren Westen unter Wasser, Hurrikane fegen mit nie dagewesener Zerstörungskraft über Floridas Küste, in Kalifornien toben monatelang Waldbrände. Die Wirtschaft könnte bis 2090 im besten Fall jährlich 280 Milliarden Dollar durch Klimaverheerungen einbüßen, im schlimmsten Fall werden es 500 Milliarden Dollar jährlich. Daneben nimmt sich die Finanzkrise wie eine Trockenübung aus. Doch die Katastrophe wird nicht auf Nordamerika beschränkt bleiben. Sie wird den Rest des Planeten erfassen. Und damit geht sie uns alle an.
In den kommenden Kapiteln geht es um die neue Geografie der Macht und die Gefahren nach dem Ölbeben. Aber es geht auch um die Protagonisten, die es ausgelöst haben. Das waren nicht die großen Konzerne wie Exxon oder Chevron, sondern eine Bande von Glücksrittern. Hartgesotten wie Cowboys, fieberhaft wie Goldsucher durchlöchern die Fracker die Prärie und ändern dabei unsere Zukunft. Wer verstehen will, was mit unserem Planeten passiert, muss sie verstehen. Und wer sie verstehen will, muss sie besuchen.
31.9453611,-103.0093889. Die GPS-Koordinaten führen auf immer schmaleren Straßen immer tiefer in eine karge steinige Landschaft, spärlich bewachsen mit Mesquitesträuchern und Yucca. Das Permian Basin im Westen von Texas ist selbst für Texaner eine respekteinflößende Gegend. »Unbarmherzige Himmel, Backofenhitze und Regenlosigkeit«, beschrieb sie einmal Larry McMurtry, Westernromancier und Drehbuchautor von Brokeback Mountain und selbst Texaner.7 Jetzt ist es kurz nach sechs Uhr früh und die Sonne noch nicht aufgegangen. Doch eine Batterie von Blitzen lässt die weite Ebene aufleuchten. Der Regen kommt überraschend, ein Sturzbach, der die Sicht nimmt und die Scheibenwischer sinnlos werden lässt. Selbst die tonnenschweren Trucks, deren Fahrer das Gaspedal sonst durchgedrückt halten, werden für einen Moment langsamer. Kaum wird der Regen jedoch schwächer, ziehen sie davon, den Tacho wieder stramm auf 120 Stundenkilometer haltend. Sie haben keine Zeit für das urweltliche Spektakel. Das Permian Basin, in dem einst ein Urmeer schwappte, ist heute das »heißeste Ölfeld der Welt«, so das Wirtschaftsmagazin Forbes.8 Zeit ist hier $$$.
»Sie haben Ihr Ziel erreicht«, meldet die Computerstimme schließlich. An der Abfahrt steht ein großes Schild: »Atlas Sand«. Eine frisch asphaltierte Trasse verschwindet zwischen Sanddünen. Wer ihr folgt, glaubt auf eine Fata Morgana zu stoßen. Sieben Silos ragen plötzlich wie stählerne Wachtürme auf. Daneben laden Schaufelbagger Sand auf Förderbänder. In der Morgensonne, die das Unwetter abgelöst hat, blinken blanke Stahlrohre, Schornsteine und Hallen. Jordan Sevy, Mitte Zwanzig, ist der Logistikmanager der Anlage. Angetan mit Schutzhelm und Warnwesten kurven wir in seinem drei Tonnen schweren schwarzen Longhorn 2500 Ram über das Gelände. Normalerweise hat Sevy keine Zeit für Besucher. »Das Geschäft brummt«, sagt er. Heute hat das Gewitter für eine unfreiwillige Pause gesorgt.
So surreal, wie die Anlage mitten in der Wüste auftaucht, so bizarr klingt ihr Zweck. In den Hallen, erklärt Sevy, wird Sand gewaschen, getrocknet und nach Körnergröße sortiert. Nahezu vollautomatisch.
Nun, da das Unwetter abgezogen ist, rollen im Fünfminutentakt die Laster, die vorher über die Straßen gejagt sind, hier durch die Abfüllvorrichtung unter den Silos. Der ganze Vorgang läuft computergesteuert. Der Fahrer wird durch Ampelsignale eingewiesen, sobald der Laster unter dem Einfüllstutzen in Position ist, rauschen 25 Tonnen Sand in die Tanks. Voll beladen brettern die Trucks wenig später mit fast 40 Tonnen über die Landstraßen. Der Sand ist nicht für Dreijährige und ihre Backe-Backe-Kuchen-Förmchen oder für den Betonmischer bestimmt. Atlas liefert einen entscheidenden Rohstoff für das Fracking, das rund um die Sandmine herum stattfindet. Fracking ist die saloppe Bezeichnung für »Hydraulic Fracturing«. Dabei wird mit Hilfe von Hochdruck Wasser und Sand in Bohrlöcher gespritzt, um so Öl oder Erdgas aus Schieferformationen zu gewinnen.
Die Anlage von Atlas Sand nahm im Sommer 2018 den Betrieb auf. Es war ein vielversprechender Auftakt. Nicht grundlos hatten die Reporter des Houston Chronicle 2018 zum »Jahr des Frackers« ausgerufen.9 Zeitweise suchten fast 500 Bohrtürme unter der steinigen Ebene, über die einst die Komantschen ritten und später Cowboys ihre Longhorns trieben – damals allerdings noch Rinder und nicht Pickups –, im Permian Basin nach Öl. Um die Dimension zu verdeutlichen: Das entsprach zu dem Zeitpunkt fast der Hälfte aller aktiven Bohrtürme. Weltweit.
Dank des Öls, das die Fracker aus dem Permian pumpen, überholten die USA im September dann Russland und Saudi-Arabien und wurden zum größten Rohölproduzenten der Welt. Noch wenige Jahre zuvor sah es so aus, als ob die USA ihre Reserven in absehbarer Zeit vollends ausgeschöpft haben würden. Es war nicht zuletzt das Permian Basin, das die Wende brachte. Inzwischen pumpen die Amerikaner mehr als je zuvor: 2018 lag die Produktion bei über 11 Millionen Barrel täglich, davon stammten allein drei Millionen aus dem Permian. 2019 sollen rund vier Millionen Barrel täglich dort gefördert werden, so die Schätzungen der staatlichen Energieagentur US Energy Information Administration, kurz EIA. Das Gebiet, dreimal so groß wie Bayern, war auch ausschlaggebend dafür, dass die USA im »Jahr der Fracker« einen weiteren historischen Meilenstein passierten. Von den Häfen der Golfküste der USA seien zum ersten Mal seit 75 Jahren wieder mehr Ölexporte losgeschickt worden als Tanker importiertes Öl dort ausluden, so berichtete die EIA im Dezember.10 Um das zu erreichen, entfesselten die Fracker eine Materialschlacht: 35 Milliarden Kilogramm Sand pumpten sie 2018 im Permian mit Hochdruck ins Gestein. Um eine einzige Ölquelle auf diese Weise anzuzapfen, benötigten sie 95 Millionen Liter Wasser. Soviel verbrauchen die Einwohner von Kaiserslautern oder Cottbus in einer Woche. Generatoren, die meist rund um die Uhr sieben Tage die Woche laufen, mussten 19 Millionen PS liefern, um die Fracksites, die Bohranlagen, mit der nötigen Elektrizität zu versorgen.11
Der Boom hinterlässt Spuren. Wer tagsüber mit dem Flugzeug über den Permian fliegt, sieht eine Landschaft, die mit einem Muster aus Linien und Quadraten überzogen ist. Man könnte an Stätten glauben, die eine geheimnisvolle Kultur in die Erde gekratzt hat. In Wirklichkeit sind es die Bohrflächen und ihre Zufahrtsstraßen. Fliegt man nachts, lassen flackernde Lichter die Wüste wie ein Spiegelbild eines unbekannten Sternenhimmels aussehen. Die Lichter sind »Flares«, mit denen Erdgas abgefackelt wird, das aus den Quellen aufsteigt und mangels entsprechender Infrastruktur – vor allem Pipelines – nicht aufgefangen wird. Zehntausende Ölquellen wurden im Permian bereits erschlossen. Nach Schätzungen von Geologen haben sie seit Anfang des 20. Jahrhunderts bereits über 30 Milliarden Barrel Öl erzeugt. Das hätte genügt, um 33 Jahre lang Deutschlands Ölbedarf zu decken. Rund 4 000 Quellen waren 2018 bereits gebohrt, nur noch nicht angeschlossen.12 Manchmal warten die Fracker auf einen höheren Ölpreis, um mit der Produktion zu beginnen. Immer wieder haben die Experten ihre Schätzungen, wie viel im Permian noch zu holen ist, nach oben angepasst. Im November 2018 gab der US Geological Survey, die offizielle geologische Behörde, sonst nicht gerade für Überschwang bekannt, in einer Presseerklärung bekannt, den »größten potenziellen Öl- und Gasbestand aller Zeiten« identifiziert zu haben. Die Wolfcamp- und Bone-Spring-Schichten, beides Formationen im Delaware Basin und Teil des Permian, enthalten demnach noch mehr als 46 Milliarden Barrel Erdöl, rund 8 Billionen Kubikmeter Erdgas und 20 Milliarden Barrel Flüssiggase.13 Die Geologie ist die Voraussetzung dafür, dass ausgerechnet diese abgelegene und menschenleere Gegend heute den Lauf der Weltpolitik beeinflusst. Doch kaum weniger entscheidend ist die ganz eigene Mentalität der Westtexaner und ihre »Koste es, was es wolle«-Kultur.
Die inoffizielle Hauptstadt des Permian ist Midland. Ihr Motto lautet »The sky is the limit«. Es gab eine Zeit, da waren die Ambitionen nicht ganz so himmelhoch und der Slogan hieß: »Midland, mitten im irgendwo.«14 2010 zählte das US Census Bureau 140 000 Einwohner. Laut den jüngsten Schätzungen sind es 170 000. Damit gehört Midland zu den am schnellsten wachsenden Städten der USA.15 Die Gründung im Juni 1881 verdankt die Stadt der Texas and Pacific Railway. Es war das Depot, das sich auf halber Eisenbahnstrecke zwischen El Paso und Fort Worth bei Dallas befand. Folgerichtig nannte man die Station Midway. Weil sich herausstellte, dass mehrere andere Eisenbahnstationen ebenfalls so hießen, beschloss man drei Jahre später, als die erste Poststation eröffnet wurde, den Ort umzutaufen. Das wäre eine Gelegenheit gewesen, dem Ort einen markanteren Namen zu verpassen. Doch die Bewohner ließen sie verstreichen. Statt Midway heißt es jetzt Midland. Wahrscheinlich wäre Midland heute wenig mehr als ein vergessener Halt einer längst auf dem Abstellgleis der Geschichte entsorgten Eisenbahn, hätte nicht das Rosenwunder stattgefunden.
Rupert Paul Rickers Familie kam noch mit dem Planwagen ins Permian.16 Man schrieb das Jahr 1906. Nachdem sie als Rancher scheiterten, arbeiteten Rupert und sein Vater stattdessen bei der Texas and Pacific Railway. Doch Ricker hatte Ehrgeiz. Er studierte Jura an der University of Texas und nach seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg ließ er sich in Big Lake, einem kleinen Marktflecken im Südwesten des Basin nieder. Was den jungen Mann nicht los ließ: An der Universität hatte er von Studien des Geologen Johan Udden, einem gebürtigen Schweden, erfahren, der unter dem kargen Boden von Westtexas Öl vermutete. Die Universität selbst hatte damals Land in der Gegend, es war der Institution bei der Gründung gestiftet worden. 1917 gab es ein neues, entscheidendes Gesetz in Texas: öffentliches Land, wie das der Universität, konnte von privaten Unternehmern zur Ölförderung genutzt werden. Ricker, ohne Geld, aber mit umso mehr Ideen, entwickelte einen Plan, um reich zu werden, ohne selbst Land zu besitzen oder das Risiko teurer und vergeblicher Bohrungen einzugehen. Bis heute gehört das Spekulieren zum Geschäft in Texas. Ricker bot seiner Alma Mater an, das bis dahin wenig attraktive Land für 20 Cent pro Hektar zu pachten. Er selbst würde Ölsuchern wiederum Nutzungs- und Schürfrechte für bis zu zehn Dollar pro Hektar vergeben. Gesagt, getan. Ricker schloss einen Pachtvertrag mit der Universität für 260 Quadratkilometer oder 35 000 Fußballfelder. Gemeinsam mit einem Partner versuchte er dann, an der Ostküste und im Mittleren Westen Investoren zu finden, die ihm das Kapital für die anstehende Pachtzahlung an die Universität sowie seine erhofften Gewinne geben sollten. Doch die Investoren hatten die Lust an Ölspekulationen verloren. Der Zeitpunkt hätte für Ricker nicht ungünstiger sein können: Die Zeitungen waren voll von Ernest Jacobson Cox, genannt »Alphabet«, einem Schwindler, der Anleger mit dem Versprechen schnellen Reichtums durch das schwarze Gold ausgenommen hatte. Schließlich fand Ricker in Haymon Krupp, einem reichen Händler und Kleiderfabrikanten aus El Paso, einen Retter. Krupp kaufte Ricker für 2 500 Dollar aus seinem Vertrag heraus. Aber auch er blieb zunächst mäßig erfolgreich bei dem Versuch, weitere Investoren zu finden. Mit einem Partner, Frank Pickrell, beschloss er deshalb schließlich, selbst nach Öl zu bohren. Eine Gruppe katholischer Frauen in New York, die Geld bei den beiden angelegt hatten, fragten ihren Priester um Rat. Der empfahl, die heilige Rita anzurufen, die Helferin in aussichtslosen Fällen. Der Legende nach hatte die Heilige auf dem Sterbebett um eine Rose aus dem Klostergarten gebeten und obwohl es mitten im Winter war, blühte dort tatsächlich der Rosenstrauch. Die frommen New Yorker Anlegerinnen gaben Pickrell eine Rose, die ihr Priester gesegnet hatte. Zurück in Texas kletterte Pickrell auf den Bohrturm. »Ich tat, worum sie mich gebeten hatten, und ließ die Rosenblätter auf die Holzkonstruktion und die Winde regnen«, berichtete er später. Die Männer tauften die Bohrung Santa Rita No. 1.17 Die Arbeiten kamen allerdings nur langsam voran. 646 Tage lang quälten sich die Ölarbeiter durch den harten Sandstein. Um sechs Uhr früh am 28. Mai 1923, sechs Tage nach dem Gedenktag der heiligen Rita, hörte die Frau des Vormanns ein lautes Zischen. Als sie aus ihrer Hütte sah, schoss ein Gemisch aus Öl und Gas aus dem Bohrloch. Der Gusher bedeckte alles im Umkreis mit Erdöl. So spektakulär war das Schauspiel, dass Besucher sogar aus dem entfernten Fort Worth kamen, um es zu sehen. Noch 67 Jahre lang wurde aus Santa Rita Öl gepumpt, erst 1990 wurde die Quelle versiegelt.
Es war zwar nicht die erste erfolgreiche Bohrung in Westtexas. Doch Santa Rita etablierte den Permian. Bis heute ist diese Bohrung Legende. Die University of Texas hat eine Rekonstruktion des Bohrturms auf ihrem Gelände in Austin ausgestellt. Für die Universität, die bis dahin kaum mehr als eine Ansammlung von Hütten gewesen war, brachte Santa Rita die Wende. Nicht zuletzt verdankt die Institution ihre heutige anerkannte Stellung und Stiftungsvermögen den Tagträumereien ihres ehemaligen Studenten Ricker. Das Zusammenspiel von Glücksrittern, Spekulanten, Geologen und Ingenieuren, das schließlich Santa Rita sprudeln ließ, sollte das Muster bleiben, das bis heute die Suche nach Öl in Texas erfolgreich macht.