Rainer Dissars-Nygaard, Jahrgang 1949, studierte Betriebswirtschaft und war als Unternehmensberater tätig. Er lebt als freier Autor auf der Insel Nordstrand. Im Emons Verlag erschienen unter dem Pseudonym Hannes Nygaard die Hinterm Deich Krimis »Tod in der Marsch«, »Vom Himmel hoch«, »Mordlicht«, »Tod an der Förde«, »Todeshaus am Deich«, »Küstenfilz«, »Todesküste«, »Tod am Kanal«, »Der Inselkönig«, »Der Tote vom Kliff«, »Sturmtief« sowie die Niedersachsen Krimis »Mord an der Leine« und »Niedersachsen Mafia«. In der Emons-TATORT-Reihe erschienen »Erntedank« und »Borowski und die einsamen Herzen«.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

© 2009 Hermann-Josef Emons Verlag
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagzeichnung: Heribert Stragholz
Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch, Berlin
eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-86358-041-4
Niedersachsen Krimi
Originalausgabe

Unser Newsletter informiert Sie regelmäßig über Neues von emons:
Kostenlos bestellen unter www.emons-verlag.de

Dieser Roman wurde vermittelt durch die Agentur EDITIO DIALOG,
Dr. Michael Wenzel, Lille, Frankreich (www.editio-dialog.com)

Für Ulla und Axel

»Jede Art zu schreiben
ist erlaubt,
nur nicht die langweilige.«
Voltaire

EINS

Die tief liegenden Wolken hüllten die Stadt in ein düsteres Grau. Wo sonst eine farbenfrohe Schaufenstergestaltung, ein blumengeschmückter Balkon oder das aufreizende Bunt der nachsommerlichen Frauenkleidung dem Auge einen Anhaltspunkt bot, deckte der kräftige Landregen heute alles zu. Kaum jemand hatte sich auf die Straße getraut. Wer konnte, blieb in den eigenen vier Wänden.

Stoßstange an Stoßstange tasteten sich die Fahrzeuge Richtung Innenstadt. Handwerker, gewerbliche Arbeitnehmer und ein paar unentwegte Büroangestellte hatten ihren Arbeitsplatz erreicht. Der Rest saß in seinem Wagen, plierte durch die regennasse Windschutzscheibe und erfuhr den ersten Stress des Tages, der die Menschen unweigerlich erfasste, wenn ein simpler Regen den Strom der Autos noch zäher fließen ließ, als es der morgendliche Berufsverkehr in Hannovers Innenstadt ohnehin nur zuließ.

Gerlinde Scharnowski zog die Nase kraus. Ihr graues Haar hatte sie mit einer durchsichtigen Regenhaube aus Plastik geschützt. Über den Schultern hing das leichte Regencape. Die dunkle Stoffhose wies an der Rückseite schmutzig graue Regenspritzer auf, während die Füße in Schuhen mit Gummisohlen steckten.

Der Regen war über Nacht gekommen. Noch am Vortag hatte sie mit ihrem Mann Hubert bis zum frühen Abend auf dem Balkon gesessen und die immer noch kräftige Septembersonne genossen. Auch der unangenehme Regen hielt sie nicht von ihrem allmorgendlichen Ritual ab. Beim Bäcker hatte sie die drei Brötchen gekauft, die sich die beiden alten Leute zum Frühstück teilten. Dann war sie zum kleinen Zeitungsladen gegangen, um die Hannoversche Allgemeine und die Bildzeitung zu kaufen. Seit beide vor vielen Jahren in den Ruhestand gegangen waren, gehörte das schweigsame Zeitunglesen, zu dem das Morgenmahl eingenommen wurde, zu ihren lieb gewonnenen Gewohnheiten.

»Bring ein paar Stumpen mit«, hatte ihr Hubert aus dem Badezimmer hinterhergerufen und dabei sein mit weißem Rasierschaum verziertes Gesicht durch den Türspalt gesteckt. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Hubert verwandte für Zigarillos immer noch den von seinem Vater übernommenen Begriff »Stumpen«.

Sie hatte ein paar Worte mit Hassan, dem Betreiber des Zeitungsladens gewechselt. Jahrzehnte hatte die Familie Schiller das Geschäft betrieben, zunächst die Alten, dann hatte die Tochter den Laden übernommen. Irgendwann hatte die an Hassan verkauft. Und mittlerweile hatten sich auch die älteren Menschen des Viertels an den stets gut gelaunten Mann aus Afrika gewöhnt.

»So ein Schietwetter«, schimpfte Gerlinde Scharnowski, als sie auf die Straße trat.

»Das bleibt nicht so«, sagte Hassan hinter ihrem Rücken. »Bis Mittag hört das auf. Bestimmt.«

»Bis morgen«, rief sie dem Zeitungshändler zu und erschrak, als eine Frau dicht an der Hauswand entlanglief und sie anrempelte.

»Was ist denn mit der los?«, schimpfte Gerlinde Scharnowski. »Die hat sie wohl nicht mehr alle beieinander.«

»Die kenne ich«, antwortete Hassan ungefragt. »Die Frau arbeitet gleich hier nebenan. Beim Italiener.«

»Der mit den Lebensmitteln?«

»Genau der.«

»Da habe ich noch nie eine Konservendose gesehen«, stellte Gerlinde Scharnowski energisch fest.

»Ist ein Großhändler«, erklärte Hassan. »Der muss sein Lager woanders haben. Die Frau ist seine Sekretärin.«

»Hat der noch mehr Leute?«

»Ich habe noch keinen weiteren gesehen.«

»Wirklich komisch. Was machen die denn nur, ich meine – so zu zweit?«

Hassan lachte. »Das dürfen Sie mich nicht fragen.«

»Warum rennt die durch den Regen? Ohne Jacke und ohne Schirm. Die flüchtet wohl vor ihrem heißblütigen Chef. Man hört ja so einiges von den Italienern. Das sollen ja alles Casanovas sein.«

»Ja, ja«, pflichtete Hassan ihr bei. Er hatte sich angewöhnt, zu vielen von seinen Kunden geäußerten Meinungen in dieser Weise zu antworten. Das entband ihn von einer ausführlichen Stellungnahme und verärgerte nicht die von Jahr zu Jahr weniger werdenden Stammkunden.

»Die habe ich schon ein paar Mal gesehen«, meldete sich ein älterer Mann aus dem Hintergrund des Zeitungsladens und trat zu Gerlinde Scharnowski und Hassan. Ein dunkler Schatten lag auf seinen eingefallenen Wangen. Eduard Scheer nuckelte vorsichtig an seinem Flachmann. Viele Bewohner des Viertels nannten den Frührentner, der nach einem Arbeitsunfall das linke Bein leicht hinterherzog, Schluck-Ede. »Ist eine ganz Flotte. Aber da kommt unsereiner nicht ran.« Er klopfte Hassan jovial auf die Schulter. »Nicht wahr, mein Freund?«

Der Ladenbesitzer nickte Schluck-Ede freundlich zu. »Ja, ja.«

»Ich will dann mal«, sagte Gerlinde Scharnowski und wollte den Heimweg antreten, als sie durch ein direkt vor der Tür haltendes Lieferfahrzeug eines Paketdienstes abgelenkt wurde. Sofort bildete sich hinter dem Fahrzeug ein Stau, und die ersten ohnehin durch den Regen im Fortkommen eingeschränkten Autofahrer begannen wütend zu hupen.

»Der blockiert ja den ganzen Verkehr«, stellte Gerlinde Scharnowski fest und blieb entgegen ihrer Absicht doch stehen, während der Fahrer des Lieferwagens heraussprang. Die zornigen Autofahrer schienen ihn nicht zu irritieren.

»Wie soll der arme Kerl sonst seine Sachen ausliefern?«, sagte Schluck-Ede.

»Doch nicht so. Wenn das jeder machen würde. Was sagen Sie dazu?«, wandte sich Gerlinde Scharnowski an Hassan.

»Ja, ja.«

Der Paketbote hatte die Tür seines Aufbaus geöffnet und sprang jetzt mit einem Paket unterm Arm behände von der Ladefläche. Mit einem lauten Krachen schlug er die Tür hinter sich ins Schloss und verschwand im benachbarten Hauseingang.

Schluck-Ede besah nachdenklich seinen Flachmann. »Wartet Hubert nicht auf seine Brötchen?«, fragte er in Richtung Gerlinde Scharnowski.

Die schüttelte erbost ihr graues Haupt, als sich der Stau hinter dem die Fahrbahn blockierenden Lieferfahrzeug weiter aufbaute und ein Golf beim Versuch, auszuscheren, fast mit einem Mercedes kollidiert wäre, der nicht bereit war, eine Lücke zu machen.

»Man sollte die Polizei rufen«, schimpfte die Frau.

»Die kommen doch nicht bei solchem Wetter«, sagte Schluck-Ede lachend. Dann war sein innerer Widerstand gebrochen, und er nahm den restlichen Schluck aus seinem Flachmann. Er reichte Hassan die leere Flasche und wollte sich am Ladenbesitzer vorbei hinaus auf die Straße zwängen. »Macht’s gut, Leute«, sagte er leise. »Morgen auf ein Neues.«

Der Regen war ein wenig heftiger geworden, sodass er entgegen seiner Absicht noch in der Eingangstür des Zeitungsladens verharrte. »So ein Schietwetter«, stellte er fest. Die drei standen eine Weile stumm da, bis der Paketbote aus der Haustür gerannt kam und sich gehetzt umsah. Er nahm die drei Leute im Eingang wahr und stürzte auf sie zu. Seine Haare hingen ihm in die Stirn und bedeckten fast die Augen, aus denen das tiefe Erschrecken sprach.

»Da liegt einer. Da oben. Da ist ganz viel Blut.«

Im ersten Augenblick herrschte Schweigen. Gerlinde Scharnowski sah den Zusteller mit großen Augen an. Schluck-Ede gewann als Erster die Fassung zurück. »Ehrlich?«, fragte er.

»Na klar. Ich wollte das Paket abgeben. Beim Italiener. Das Büro ist in einer ganz normalen Wohnung untergebracht. Weil niemand öffnete und die Tür nur angelehnt war, bin ich rein. ›Hallo‹, hab ich gerufen. Und im großen Zimmer lag er – der Mann. Rundherum alles voller Blut.«

»Ist ja ‘n Ding«, murmelte Schluck-Ede.

»Wir müssen die Polizei rufen«, sagte Gerlinde Scharnowski entschlossen.

»Das wollten Sie doch sowieso«, erwiderte Schluck-Ede. »Der da oben – das ist wenigstens ein triftiger Grund, dass die Brüder auch bei solchem Wetter raus müssen. Oder was meinst du, Hassan?« Er drehte sich dabei zum Ladenbesitzer um.

»Ja – ja«, antwortete der automatisch. Dann gab er sich einen Ruck und verschwand hinter seinem Verkaufstresen. »Ich bin schon unterwegs«, sagte er.

»Das ist Frauke Dobermann. Herzlich willkommen in Hannover.«

Kriminaloberrat Michael Ehlers lehnte sich zurück und wies mit der ausgestreckten Hand auf die Frau mit der etwas zu spitzen Nase, der Brille und dem nackenlangen mahagonirot gefärbten Haar.

Frauke nickte dem Leiter der Abteilung für organisierte Kriminalität im Landeskriminalamt zu, während sie von den anderen fünf Personen neugierig begutachtet wurde.

Es war ein karg wirkender Raum, in dem die Mitarbeiter dieser Schwerpunktabteilung ihre Dienstbesprechungen abhielten. Die Wände waren ein wenig abgestoßen und hätten einen neuen Anstrich gut vertragen können. Irgendjemand hatte einen Wandkalender angebracht, der einen Sportwagen mit einem rasanten Fotomodell zeigte und für einen Mineralölkonzern warb. An der Querwand hing ein Werbeplakat, das Nachwuchskräfte für den Eintritt in den Polizeidienst ansprechen sollte und von einer verantwortungsvollen Lebensaufgabe sprach und dabei in rosigen Farben die Vorzüge dieses Berufs ausmalte. Mit dickem Filzstift hatte jemand »Lügen ist die Vorstufe des Betruges« darunter gepinselt. Ein Whiteboard war der dritte Wandschmuck. Neben dem Tisch mit der Kunststoffplatte und acht Stühlen zierte lediglich ein einsames Flipchart den Raum, wenn man von den kümmerlichen Topfpflanzen absah, die auf der Fensterbank standen.

Ehlers nahm einen Schluck Kaffee und verzog leicht das Gesicht. Er griff zur Untertasse auf dem Tisch, nahm ein Stück Würfelzucker und rührte gedankenverloren in seiner Tasse, bevor er Frauke Dobermann anlächelte.

»Die neue Kollegin ist Erste Hauptkommissarin und war bisher als Leiterin des K1 in Flensburg tätig. Ihr eilt der Ruf voraus, die nördlichste Mordkommission Deutschlands mehr als erfolgreich geleitet zu haben.«

Sie wurden durch ein schlürfendes Geräusch unterbrochen. Alle sahen den älteren Mann mit dem zerfurchten Gesicht und den grauen Haaren an. Er stellte seine Kaffeetasse auf den Tisch zurück und fuhr sich mit der Hand durch den gepflegten Bart, der Oberlippe und Kinn zierte und in dem das Weiß dominierte.

»Wenn Sie so tüchtig sind, verstehe ich nicht, weshalb Sie unbedingt zu uns nach Hannover kommen wollen.« Er hielt einen Moment inne. »Na ja. Andererseits ergreift man wohl gern einen Strohhalm, um vom Nordkap in eine richtige Stadt zu flüchten.«

Bevor Ehlers antworten konnte, beugte sich Frauke in die Richtung und sagte mit betont spitzer Stimme: »Ich nehme an, dass Sie Flensburg nur als Versandadresse für Bestellungen bei Beate Uhse kennen.«

Schallendes Gelächter brach aus, bevor der Enddreißiger, der neben dem Kriminaloberrat saß, sich einmischte. »Na, Jakob, manchmal stößt auch ein alter Macho an seine Grenzen.«

Ehlers hob die Hand und bedeutete damit das Ende des kleinen Geplänkels. »Sie sehen, Frau Dobermann, das ist eine muntere Truppe, zu der Sie stoßen werden.« Er zeigte auf den Älteren. »Das ist der Kollege Jakob Putensenf, der Senior. Ein altgedienter Haudegen. Er war schon dabei, als manche von uns noch intensiv über die Berufswahl nachdachten.« Dann nickte der Kriminaloberrat in Richtung seines Nachbarn. »Das ist Bernd Richter. Kriminalhauptkommissar. Er leitet das Kommissariat und ist demzufolge auch Ihr fachlicher Vorgesetzter.«

Frauke öffnete den Mund zu einer Antwort, aber Ehlers kam ihr zuvor. »Auch wenn Sie Erste Hauptkommissarin sind, wird die Verantwortung bei Herrn Richter bleiben. Ich darf davon ausgehen, dass es Ihnen nichts ausmacht.«

»Frauen gehören nicht zur Polizei. Schon gar nicht zur Kripo«, mischte sich Jakob Putensenf ein. Dann sah er die zweite Frau in der Runde an. »Höchstens im Innendienst. Aber da haben wir ja schon unsere Uschi.«

Alle Augen wanderten zu der jungen Schreibkraft mit der stufig geschnittenen blonden Kurzhaarfrisur. Frauke bemerkte mit einem Seitenblick, dass Putensenf der hochgewachsenen Frau ungeniert auf den üppigen Busen starrte.

»Frau Westerwelle-Schönbuch«, stellte Ehlers vor. »Wir haben uns angewöhnt, die Kollegin nur mit dem ersten Namensteil zu rufen. Nicht wahr?« Er lächelte in Richtung der Schreibkraft, die mit ernster Miene nickte. Dann lehnte sich der Kriminaloberrat entspannt zurück. »Bleiben noch zwei Kollegen, die ich Ihnen vorstellen darf. Lars von Wedell ist der Jüngste im Team. Er ist seit einem Monat Kommissar.«

Der junge Mann mit dem offenen frischen Gesicht lächelte Frauke an. »Ich freue mich auf die Zusammenarbeit«, sagte er. »Im Übrigen nennen mich alle Lars.«

»Bleibt noch Nathan Madsack«. Ehlers zeigte mit der offenen Handfläche auf einen schwergewichtigen Mann mit Doppelkinn und Pausbacken im runden Gesicht. Neben der fleischigen Nase beeindruckten die dichten Augenbrauen. Der Mann trug einen sandfarbenen Anzug mit korrekt gebundener Krawatte. Ein sauber gezogener Scheitel im dunkelblonden Haar unterstrich das biedere Aussehen.

»Madsack – aber nicht verwandt und nicht verschwägert«, sagte der Korpulente. Es hatte den Anschein, als würde er allein beim Sprechen vor Anstrengung kurzatmig werden.

»Herr Madsack ist auch Hauptkommissar.«

»Danke für die Vorstellung, Herr Ehlers«, ergriff Frauke das Wort und ließ den Blick von einem zum anderen wandern, als wollte sie sich die Gesichter einprägen. »Dann freue ich mich auf die Zusammenarbeit. Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich eine Frau bin.« Dabei warf sie einen giftigen Blick auf Jakob Putensenf.

»Ach was. Es wird sich schon irgendeine Arbeit am Schreibtisch für Sie finden«, erwiderte der.

»Ich denke, dass ich unseren Kunden im Zweifelsfall schneller hinterherlaufen kann als Sie.«

»Das ist ja eine lebhafte Vorstellungsrunde«, mischte sich der Kriminaloberrat ein. »Sie sehen, liebe Frau Dobermann, dass wir hier eine ausgesprochen dynamische Mannschaft haben.«

Unwillkürlich sah er dabei den schwergewichtigen Madsack an.

»Zumindest scheint hier sehr viel Erfahrung zusammenzukommen, wenn mit Ausnahme des jungen Kollegen nur Hauptkommissare in diesem Kommissariat tätig sind«, versuchte Frauke einen versöhnlichen Abschluss.

Für einen Moment herrschte betretenes Schweigen, bis Ehlers sich räusperte. »Herr Putensenf ist ein altgedienter und verdienter Mitarbeiter. Sozusagen eine Recke von echtem Schrot und Korn.«

»Was wollen Sie damit andeuten?«, fragte Frauke.

»Nun ja. Damals gab es noch eine andere Struktur bei der Polizei«, wich der Kriminaloberrat aus. »Also – Herr Putensenf ist Kriminalhauptmeister.«

»Stört Sie das?«, fragte Putensenf in Fraukes Richtung.

»Lass gut sein, Jakob«, mischte sich Madsack ein.

Sie wurden durch das laute Klingeln eines Handys unterbrochen. Bernd Richter tauchte in die Tiefen seiner Jeans ein und angelte nach dem Mobiltelefon. »Richter.« Dann lauschte er in den Hörer. »Wo?«, fragte er kurz, nickte beiläufig und sagte: »Die Straße kenne ich. Gut. Wir sind schon unterwegs.«

Er steckte sein Handy wieder ein, stand auf und machte eine winkende Handbewegung. »Das war der Kriminaldauerdienst. Es gibt Arbeit, Leute. Man hat in der Sallstraße eine Leiche gefunden.«

»Das ist doch eine Sache für die Mordkommission«, warf Nathan Madsack ein.

»Man hat uns benachrichtigt, weil es sich um einen alten Bekannten handelt. Marcello Manfredi.« Hauptkommissar Richter stand auf. Putensenf, Madsack und von Wedell folgten ihm. Und mit einer Selbstverständlichkeit, als würde sie schon immer dazugehören, lief Frauke den Männern hinterher.

Die Beamten der Sonderkommission besetzten zwei Fahrzeuge, mit denen sie zum Tatort fuhren.

»Kommen Sie mit mir?«, hatte Madsack gefragt und einen Mercedes der A-Klasse angesteuert, während sich die drei anderen zu einem Ford Focus begaben.

Sie fuhren vom Landeskriminalamt in der Schützenstraße am Welfenplatz vorbei, der allerdings durch eine Schule verdeckt wurde. An der großen ARAL-Tankstelle mit dem futuristischen Design bog Madsack in die lebhafte Celler Straße ein, um kurz darauf an der Kreuzung Hamburger Allee in die vielspurige Straße abzuzweigen. Frauke hatte den Eindruck, dass hier Anarchie herrschte. Sie hätte den Hannoveranern kein südländisches Temperament zugesprochen, aber hinterm Steuer nahmen sie es mit jedem Römer auf. Zudem gehörte es in Hannover offenbar zur essenziellen Führerscheinausbildung, zu wissen, wo sich die Hupe des Fahrzeugs befand. Die Einheimischen machten jedenfalls vom Horn regen Gebrauch.

Über die Raschplatzhochstraße auf der Rückseite des Bahnhofs war es nur ein kurzes Stück bis zur Kreuzung Marienstraße.

»Dort ist das Henriettenstift, ein Krankenhaus der Allgemeinversorgung, das im Ursprung von Königin Marie von Hannover aus einer Erbschaft ihrer Großmutter Henriette gestiftet wurde.« Madsack streckte beim Passieren der Kreuzung seinen rechten Arm aus und kam Frauke dabei nahe.

»Verzeihung. Hier rechts die Marienstraße runter liegt die Unfallklinik. Ich sage es, weil Sie dort sicher irgendwann einmal zu tun haben werden. Hinter der Marienstraße beginnt die Südstadt.«

Frauke warf Madsack einen Seitenblick zu. »Höre ich aus Ihren Worten den Stolz eines Einheimischen über seine Stadt?«

Über Madsacks rundes Gesicht zog ein Strahlen. »Wenn es Sie nicht stört, erzähle ich Ihnen zwischendurch etwas über unsere schöne Stadt.«

An der nächsten Querstraße hatten sie ihr Ziel erreicht.

Der Tatort wäre auch ohne Adressangabe zu finden gewesen. Neben zwei Streifenwagen und drei Zivilfahrzeugen des Kriminaldauerdienstes hatte sich trotz des Regens bereits eine Ansammlung von Schaulustigen eingefunden.

Von Wedell hatte Mühe, das Fahrzeug auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig vor dem Penny-Markt zu parken. Nur widerwillig traten die Passanten beiseite.

Frauke ließ die Fassade des Gebäudes auf sich wirken. Der Architekt hatte dem Haus durch eine gut proportionierte Gliederung Lebendigkeit verliehen. Der rote Klinker und die weiß abgesetzten Flächen, die Rundbogenfenster und die durch zwei Erkerreihen eingefassten Balkone waren Ausdruck des Lebensgefühls aus der Zeit des Hausbaus. Trotzdem stand das Eckgeschäft leer, während der Kiosk auf der rechten Hausseite von Schaulustigen fast verdeckt wurde.

Am Hauseingang hielt ein uniformierter Polizist Wache. Er nickte den Beamten des Kommissariats zu. »Erster Stock«, erklärte er.

Auf dem Treppenabsatz und im engen Hausflur herrschte geschäftiges Treiben. Drei Mitarbeiter der Spurensicherung wuselten durch die Räume, der Fotograf schimpfte, weil ihm der Rechtsmediziner im Weg stand, die beiden Beamten des Kriminaldauerdienstes versuchten, das Chaos zu organisieren, und nun erschien auch noch Richters Truppe.

»Wollen Sie nicht lieber einen Kaffee trinken gehen?«, wandte sich Putensenf an Frauke. »Ich habe gehört, da liegt eine Leiche.«

»Von denen ich wahrscheinlich schon mehr gesehen habe als Sie, selbst wenn Sie alle Fernsehkrimis mitzählen, aus denen Sie Ihren Erfahrungsschatz schöpfen.«

»Ruhig, Leute«, mischte sich Madsack ein. Er war vor der Tür stehen geblieben und schnaufte hörbar vom Treppensteigen.

Frauke drängte sich ungeachtet des Protests der Spurensicherung hinter Richter in die als Büro genutzte Wohnung.

»Vorsicht. Hier waren wir noch nicht«, sagte ein Kriminaltechniker und fluchte.

»Dann dürfte auch sonst keiner hier sein«, antwortete sie ungerührt. »Jetzt ist sowieso alles versaut, nachdem hier ganze Horden durchgetrampelt sind.«

Der Spurensicherer wollte antworten, aber Putensenf kam ihm zuvor. »Lass. Die ist neu. Da, wo die herkommt, kennt man keine Tatortaufnahme.«

Frauke unterließ es, zu antworten, und dachte an den ständig niesenden Klaus Jürgensen, der in Flensburg Leiter der Spurensicherung war und seiner Arbeit mit einem fortwährenden Klagelied über die unsauberen Leichen aber doch besonnen nachging. Hier, in Hannover, schien dagegen alles wie ein Hühnerhaufen wild durcheinander zu agieren. Außerdem war sie es gewohnt, an einem Tatort den Ton anzugeben. Es fiel ihr schwer, sich zurückzuhalten und anderen das Kommando zu überlassen.

Im Türrahmen stieß sie mit Bernd Richter zusammen. Der Hauptkommissar warf einen Blick in den Raum. Schräg vor dem Fenster stand ein schwerer Schreibtisch aus dunklem Holz, dahinter ein schwarzer Ledersessel mit hoher Rückenlehne. Eine Schrankwand mit Ordnern und Büchern, unterbrochen durch ein beleuchtetes Barfach, eine Sitzgruppe und ein Sideboard vervollständigten die Einrichtung. Das große Hydrogewächs in der Ecke war ein Blickfang in der sonst nüchternen Büroatmosphäre, wenn man vom Plasmafernseher und der Stereoanlage absah. Neben dem Schreibtisch stand ein schwarzer Aktenkoffer aus Leder. Auf der Tischplatte lag die ungeöffnete Tragetasche eines Notebooks. Offenbar hatte das Opfer seine Arbeit noch nicht aufgenommen, denn der Schreibtisch war leer, abgesehen von den üblichen Utensilien.

»Das ist Marcello Manfredi?«, fragte Frauke Hauptkommissar Richter, der den Toten nachdenklich betrachtete.

»Ja.«

Die beiden Beamten sahen eine Weile auf den Mann, der seitlich vor dem Schreibtisch lag. Um seinen Kopf hatte sich eine große Blutlache auf dem hellen Teppichboden ausgebreitet. Der Besucherstuhl vor dem Schreibtisch war in Richtung Fenster verschoben.

»Der Mann ist vermutlich erschlagen worden«, sagte Frauke.

Richter warf ihr einen finsteren Blick zu. »Ist es nicht ein wenig früh, Ferndiagnosen zu stellen?«, fragte er.

»Du musst dich daran gewöhnen, dass die Dame Röntgenaugen hat. Den Weitblick hat sie wahrscheinlich da oben in der Flensburger Tundra gelernt«, lästerte Putensenf, der sich zu den beiden gesellt hatte.

»Ich sagte, vermutlich.« Frauke blieb bei ihrem Verdacht.

Der Mann, der neben dem Toten gekniet hatte, kam aus der Hocke hoch, wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn und trat zu den drei Beamten an der Zimmertür.

»Er ist noch nicht lange tot. Vielleicht eine Stunde.«

»Sie sind der Arzt?«, fragte Frauke.

Der Mann sah sie ein wenig irritiert an, während Jakob Putensenf antwortete. »Na, klar doch. Bei uns sehen die Totengräber anders aus.«

Der Mediziner nickte. »Riehl«, stellte er sich vor.

»Wissen Sie schon etwas über die Todesursache?« Frauke musterte den hochgewachsenen Arzt. Obwohl er sehr lichtes Haupthaar hatte, mochte er nicht älter als Mitte dreißig sein.

»Ziemlich konkret«, sagte Dr. Riehl lächelnd und zeigte auf den Kopf des Toten. »Das sehen Sie von hier aus nicht. Da liegt ein Fleischklopfer. Der ist so blutverschmiert … Das muss das Tatwerkzeug sein.«

»Ein was?«, mischte sich Bernd Richter ein, der wenig Begeisterung darüber zeigte, dass Frauke den Arzt befragte.

»Ein Küchengerät, vermute ich, mit dem Steaks und Schnitzel weich geklopft werden«, erklärte Frauke.

»Das kennt er nicht. Kochen ist Frauensache«, erklärte Putensenf und fügte ein wenig leiser an: »Da gehören die auch hin – in die Küche. Und nicht zur Polizei.«

Frauke lächelte Putensenf an. »Die besten Köche sind Männer. Und deshalb müssen Frauen sich andere Gebiete suchen, zum Beispiel bei der Polizei. Aber, lieber Herr Putensenf, ich bekomme auch noch heraus, wo Ihre liebenswerten Seiten sind.« Sie sah sich im Raum um. »Ein außergewöhnliches Utensil in einem Büro. Es sieht nicht so aus, als würde hier gekocht werden.«

»Wir haben nichts dergleichen gefunden«, mischte sich einer der Beamten der Spurensicherung ein, der zu ihnen getreten war. Dann sah der in einem weißen Schutzanzug gekleidete Mann Frauke an. »Sind Sie neu? Leiten Sie die Ermittlungen?«

»Dobermann, Erste Hauptkommissarin«, antwortete sie, wurde aber von Bernd Richter unterbrochen. »Die Kollegin ist heute den ersten Tag hier. Sie kommt aus Flensburg. Ich bin der verantwortliche Leiter.«

Der Spurensicherer nickte verstehend in Richters Richtung, sah dann aber wieder Frauke an. »Das ist hier eigentlich eine Dreizimmerwohnung. Im Schlafzimmer, wenn ich es einmal so umschreiben darf, sind zwei Schreibtische untergebracht. Wahrscheinlich für die Sekretärinnen. Dann gibt es noch das Kinderzimmer. Dort stehen Aktenschränke und der Fotokopierer. Ich würde sagen, der Raum wurde als Archiv benutzt.«

»Und die Küche?«

Der Beamte machte eine entschuldigende Geste. »Da sind wir noch nicht fertig. Da gibt es aber nichts, was darauf schließen lässt, dass hier jemand gewohnt hat. Geschweige denn gekocht. Bürogeschirr. Kaffeemaschine. Ein wenig Besteck.«

»Was haben Sie im Kühlschrank gefunden?«

Ein leises Lächeln umspielte die Mundwinkel des Mannes. »Kaffeesahne, Joghurt, Butter, ein wenig Aufschnitt, zwei Äpfel und …«

»Und was noch?«

Das Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen. »Kosmetik. Für Frauen.«

»Überrascht es Sie?«

Der Beamte der Spurensicherung unterließ es, zu antworten.

»Haben Sie Töpfe gefunden? Eine Bratpfanne? Küchenmesser? Pfannenwender? Kochlöffel?«

»Nichts von alledem. Es sieht nicht so aus, als hätte hier jemand Essen zubereitet. Dagegen spricht auch, dass wir die Filtermatte des Wrasenabzugs untersucht haben. Da gibt es keine Fettspuren. Der ist aber nicht ausgewechselt worden, sondern noch neu seit dem Einbau. Nein! Ich behaupte, hier ist nicht gekocht worden.«

»Dann ist es ungewöhnlich, dass das Opfer mit einem Fleischklopfer erschlagen wurde«, erklärte Hauptkommissar Richter.

Frauke nickte versonnen. »Wer läuft mit einem Fleischklopfer herum und erschlägt damit Menschen?« Sie legte den gestreckten Zeigefinger an den Nasenflügel. »So etwas hat man nicht zufällig dabei.«

»Sie glauben doch nicht, dass jemand einen Fleischklopfer mitbringt, um Manfredi damit gezielt zu erschlagen?« Richter klang skeptisch.

Frauke sah zur Zimmerdecke. »Es sieht nicht so aus, als wäre das Gerät von dort herabgefallen.«

»Könnte es ein Ritualmord sein?«, fragte Putensenf aus dem Hintergrund.

Frauke drehte sich zu ihm um. »Das überrascht mich aber, dass von Ihnen auch konstruktive Beiträge kommen.«

»Jetzt ist Schluss«, fuhr Richter dazwischen. »Wir haben hier einen ernsthaften Job zu erledigen. Da ist kein Platz für Sticheleien.« Er sah Putensenf an. »Das ist zumindest eine Idee, Jakob. Wir sollten darüber nachdenken.«

»Zunächst müssen aber der Tatort und die Räumlichkeiten untersucht werden«, beharrte Frauke.

»Wir wissen, wie wir unsere Arbeit zu machen haben.« Richters Stimme klang deutlich genervt.

»Ich verabschiede mich«, sagte der Arzt und wandte sich erneut an Frauke. »Sie erhalten den Bericht, sobald wir ihn da«, er zeigte mit dem Daumen über die Schulter, »obduziert haben. Wie war noch gleich Ihr Name?«

»Frauke Dobermann. LKA Hannover.«

Als der Arzt den Raum verlassen hatte, fuhr Richter sie mit scharfer Stimme an. »Das machen Sie nicht noch einmal. Sie haben es vorhin aus dem Mund von Kriminaloberrat Ehlers gehört. Noch bin ich der Leiter dieser Ermittlungsgruppe.«

Es lag ihr auf der Zunge, zu antworten. Noch! Sie verschluckte die Entgegnung aber. Bei all ihrer Erfahrung bei Mordermittlungen und an Tatorten fiel es ihr schwer, sich zurückzuhalten. Stattdessen fragte sie den Beamten von der Spurensicherung: »Können wir uns schon umsehen?«

Der Mann nickte und machte mit der Hand eine einladende Handbewegung.

»Haben Sie ein paar Handschuhe für mich?«, fragte Frauke.

»Kommen Sie mit. Unser Koffer steht im Treppenhaus.«

Sie folgte dem Mann, zog sich Einmalhandschuhe über und kehrte in die Wohnung zurück. In der Tür zum Büro des Toten blieb sie wie angewurzelt stehen. »Das glaube ich nicht«, sagte sie in scharfem Ton, als sie Richter und Putensenf sah, die sich beide interessiert über das Opfer beugten. »Sie können doch nicht alle Spuren zertrampeln!«

Richter bog sein Kreuz durch. Er machte einen Schritt auf Frauke zu. »Wenn Sie noch einmal in diesem Ton mit mir oder den Kollegen sprechen, wird Ihr erster Tag in Hannover auch der letzte sein«, drohte er. »Und nun machen Sie Ihre Arbeit. Aber bitte professionell.«

Sie sah ihn an und stemmte dabei ihre Fäuste in die Hüften. »Und? Was schlägt der Herr Hauptkommissar vor?«

»Ja … ähm.« Sie hatte Richter aus dem Konzept gebracht. »Sie könnten damit beginnen, Zeugen zu suchen.«

Kopfschüttelnd verließ Frauke den Raum. In Flensburg war sie es gewohnt gewesen, Anweisungen zu erteilen. Dort hatte ihr keiner widersprochen. Es würde sicher ein schwieriger Prozess der Umgewöhnung werden, sich ein-, vor allem aber unterordnen zu müssen. Nur ungern hatte sie ihre Position als eine von vier in Schleswig-Holstein ansässigen K1-Leitern aufgegeben. Das für schwere Straftaten zuständige K1 der Bezirkskriminalinspektion, im Volksmund auch Mordkommission genannt, war für alle gegen das Leben von Menschen gerichteten Gewalttaten im äußersten Norden Deutschlands zuständig. Und ob sie sich in Hannover jemals wohlfühlen würde, wagte sie im Augenblick zu bezweifeln. Aber es hatte sich ihr keine Alternative geboten.

Im Treppenhaus hatten sich die Bewohner des Hauses eingefunden. Sie befragte die Leute, aber niemand wollte etwas gesehen oder gehört haben.

»Haben Sie Besucher des Büros gesehen, die regelmäßig dort erschienen sind?«

»Nur die Angestellte. Ich glaube zumindest, dass es seine Sekretärin war«, erklärte eine grauhaarige ältere Frau. »Ich wohne nämlich gleich nebenan.«

»Haben Sie früher einmal Lärm oder Streit gehört? Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen?«

Die Frau schüttelte den Kopf. »Nein. Nie. Immer nur ihn …«

»Sie meinen Herrn Manfredi?«

»Heißt er so, der Italiener? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nicht einmal, was die da gemacht haben.« Sie drehte abwägend ihre faltige Hand im Gelenk. »Wenn das man nicht so ein Liebesnest war. Man hört ja immer solche komischen Sachen von den Italienern. Die sind ja wohl ganz heißblütig. Und die junge Frau – also. Die war immer ganz chic angezogen.«

Es ließ sich nicht vermeiden, dass andere Mitbewohner dem Gespräch lauschten. Jetzt erhob sich beifälliges Stimmengemurmel.

»Na schön.« Frauke ließ sich die Namen der Leute geben und verließ das Treppenhaus. Es regnete immer noch in Strömen. Das hinderte aber nicht das Dutzend Schaulustige daran, vor der Tür auszuharren.

»Hat jemand von Ihnen etwas bemerkt?«, fragte sie in die Runde, erntete aber nur verständnisloses Glotzen. Ein wenig abseits gewahrte Frauke drei Leute, die vor der Tür eines Ladens standen. Sie steuerte die kleine Gruppe an.

»Ich bin von der Polizei. Ist Ihnen heute Morgen etwas aufgefallen?«

»Nee, nichts. Es war wie immer. Nur der blöde Regen«, erklärte eine ältere Frau mit einer Brötchentüte in der Hand. »Was ist denn da passiert? Stimmt es, dass da oben ein Toter liegt?«

Frauke ging nicht auf die Frage ein. »Und Sie?«, wandte sie sich an einen Mann, der einen Flachmann in der Hand hielt.

»Doch. Ich habe etwas gesehen.« Vorsichtig nippte der Mann an seiner Flasche. »Sonst trinke ich immer nur eine – zum Frühstück. Damit kommt mein Kreislauf in Schwung«, erklärte er ungefragt. »Heute ist das was anderes. Also – wenn da oben was passiert ist, ich meine, bei dem Italiener, dann haben wir was mitgekriegt.«

»Nun reden Sie schon«, forderte Frauke den Mann auf.

Der schüttelte den Kopf. »War das nun beim Italiener?«

Frauke nickte.

»Gut. Dann haben wir drei hier, Gerlinde«, er zeigte auf die ältere Frau mit der Brötchentüte, »Hassan«, dabei nickte er in Richtung eines dunkelhäutigen Mannes, »und ich, die Sekretärin gesehen.«

»Wann und wo war das? Und wie heißen Sie überhaupt?«

Der Mann spitzte die Lippen. »Scheer.«

»Haben Sie auch einen Vornamen?«

»Früher nannte man mich Eduard. Heute bin ich der Schluck-Ede.« Milde lächelnd hielt er Frauke den Flachmann hin. »Jeder hat etwas von Hartz abbekommen. Er selbst eine Riesenabfindung. Ich das hier. Aber zurück zu Ihrer Frage. Vom Ansehen her kannten wir die Sekretärin vom Italiener. Eine flotte Biene. Die ist vorhin hier entlanggerannt. Nach rechts. Wir haben uns gewundert, weil sie keine Jacke und keinen Schirm bei sich hatte. Und das bei diesem Wetter.« Um seine Worte zu unterstreichen, zog Schluck-Ede die Nase kraus.

»Ist Ihnen an der Frau etwas Außergewöhnliches aufgefallen?«

»Was verstehen Sie unter außergewöhnlich?«

»Wirkte sie gehetzt? War ihre Kleidung befleckt?«

»Eigentlich nicht.«

»Was heißt das?«

»Nuuun.« Schluck-Ede dehnte das Wort. »Neee. Sie trug dunkle Kleidung. Fast wie immer. Was genau – das weiß ich nicht. Wie gesagt. Besonders auffällig war nur, dass sie ohne Jacke und Schirm unterwegs war. Und – dass sie gelaufen ist. Ich glaube, die hat uns gar nicht gesehen.«

»Haben Sie sonst jemanden gesehen?«

»Jaaa.«

»Herrje. Nun lassen Sie sich doch nicht alles aus der Nase ziehen.«

Schluck-Ede lachte leise. »Den Paketboten. Aber das war auch alles. Wer geht bei solchem Wetter schon vor die Tür?

»Ja, ja«, pflichtete ihm der dunkelhäutige Hassan, offenbar der Ladenbesitzer, bei.

Frauke notierte sich die Namen und Anschriften der Zeugen und kehrte zum Tatort zurück. Dort herrschte immer noch ein heilloses Durcheinander von Spurensicherung, Kriminaldauerdienst und ihren neuen Kollegen. Es war eine völlig andere Arbeitsweise, als sie es aus Flensburg gewohnt war. Für einen kurzen Moment schloss Frauke die Augen und erinnerte sich an ihre Tätigkeit im äußersten Norden.

»Werden Frauen immer so schnell müde?«, vernahm sie die Stimme Jakob Putensenfs.

»Im Unterschied zur unkoordinierten Hektik, die Sie verbreiten, versuche ich mir ein Gesamtbild von der Lage zu machen«, entgegnete sie.

Putensenf lachte. »Ich bin gerade unterwegs, den Paketboten zu verhören. Kommen Sie mit?«

Frauke nickte und folgte die Treppe hinab. Der Mann in der braunen Uniform saß mit bleichem Gesicht in einem Polizei-Bulli.

Er hieß Simon Fröscher.

»Ich war schon öfter bei diesem Kunden«, erklärte er nach Aufforderung. »Die haben gelegentlich eine Lieferung erhalten.«

»Haben Sie auf die Absender geachtet?«, fragte Frauke dazwischen.

»Leider nicht. Dafür gehen zu viele Sendungen durch meine Hände«, entschuldigte er sich. »Ich bin also die Treppe hoch.«

»War die Haustür geöffnet?«, unterbrach Frauke ihn erneut.

Fröscher sah sie irritiert an. »Ja. Jetzt, wo Sie das sagen, erinnere ich mich. Das hat mich auch gewundert.«

»Wodurch wurde die Tür offen gehalten?«

Der Paketbote sah an Frauke und Putensenf vorbei in die Ferne. Dann schüttelte er bedauernd den Kopf. »Keine Ahnung. Ich habe nicht darauf geachtet.«

»Sie sind also die Treppe hoch. Und dann?«

»Ich war so schnell durch die offene Haustür, dass ich unten gar nicht geklingelt habe. Oben war die Wohnungstür nur angelehnt. Ich habe trotzdem geläutet. Als sich niemand gemeldet hat, habe ich gegen die Tür gedrückt und ›Hallo‹ gerufen.«

»Und im Treppenhaus gewartet?«

»Nein, sondern gleich rein. Ich kenne mich ja aus. Ich bin in das Zimmer von der Frau, die sonst auch immer die Lieferungen entgegennimmt.«

»Sie meinen die Sekretärin?«

»Keine Ahnung, was die dort macht. Da war immer nur die Schwarzhaarige. Heute war aber keiner anwesend. Als ich in das nächste Zimmer gesehen habe, lag da einer.«

»Haben Sie sonst etwas bemerkt?«

»Um Gottes willen. Ich habe das Paket abgesetzt und bin sofort raus aus dem Haus. Zum Zeitungsladen. Da habe ich Bescheid gesagt.«

Frauke wandte sich an Putensenf. »Haben Sie noch eine Frage, Herr Kollege?« Der Kriminalhauptmeister schüttelte stumm den Kopf.

»Fühlen Sie sich in der Lage, zu fahren?«, fragte Frauke den Paketboten zum Abschluss.

Der fasste sich an den Kragen und schluckte einmal heftig. »Ich glaube, schon«, stammelte er.

Putensenf hüstelte. »Ich habe mich nach dem Hausmeister erkundigt«, erklärte er dann. »Der wurde nach Auskunft der Bewohner wegrationalisiert. Die Arbeit hat ein mobiler Service übernommen. Seitdem wurde hier schon lange niemand mehr gesehen. Dafür hat mir jemand aus dem Haus den Hintereingang gezeigt. Er führt durch den Keller in den Garten. Vor der Tür haben einige Mieter aber ihr Gerümpel abgestellt. Eine Kommode, Kartons, eine Teppichrolle. Dort ist mit Sicherheit keiner durchgekommen.«

»Also muss der Täter das Haus durch den Vordereingang betreten und auch wieder verlassen haben«, folgerte Frauke.

»Deshalb habe ich es Ihnen erzählt.«

Sie sah Putensenf an und lächelte dabei. »Es gibt noch eine andere Möglichkeit.«

»Welche?«

»Der Täter gehört zu den Hausbewohnern.«

»Das kann ich mir kaum vorstellen«, erwiderte Putensenf. »So wie der Tote zugerichtet war.«

Frauke schenkte ihm ein mitleidiges Lächeln.

»Wir werden sicher noch häufig unterschiedlicher Auffassung sein«, schimpfte Putensenf und entfernte sich durch den Regen in Richtung Hauseingang.

Frauke folgte ihm einen Moment später. Im Hausflur traf sie Nathan Madsack. Der schwergewichtige Hauptkommissar kam schnaufend die Treppen herab und hielt sich dabei vorsichtig am Geländer fest. Frauke vermutete, dass sich die einzelnen Stufen vor ihm seinem Blick entzogen. »Da oben kommt allmählich Ordnung hinein«, erklärte er und ließ sie passieren.

Sie traf Hauptkommissar Richter im Büro der Sekretärin an. Er saß hinter dem Schreibtisch und blickte kurz auf, als sie eintrat. »Hallo. Haben Sie etwas Interessantes herausbekommen?«

Frauke berichtete kurz. Dann wies Richter auf das Paket, das der Bote angeliefert hatte. »Ich habe es durch die Technik öffnen lassen, nachdem die Kollegen es zuvor untersucht und mögliche Spuren gesichert hatten.«

Frauke besah sich den Inhalt. »Was ist das?«, sagte sie mehr zu sich selbst. »Das sind ja Steine. Die haben einen besonderen Schliff.«

»Ich hatte gehofft, eine Frau versteht mehr davon als wir Kerle«, sagte Richter. »Ich würde auf Halbedelsteine tippen. Kommt übrigens aus Italien, wenn man dem Absender glauben darf. Aber das wird unsere nächste Aufgabe sein.«

»Für Edelsteine scheint mir der Schliff zu rau«, sagte Frauke zweifelnd und strich vorsichtig mit der Fingerkuppe über die Oberfläche. Dann beugte sie sich herab und betrachte den Paketinhalt gegen das Licht. »Kein Schimmern, kein Glänzen. Alles wirkt so duff.«

»Wir werden einen Experten befragen«, sagte Richter und tippte mit dem Zeigefinger auf den Ordner, in dem er las. »Ich stöbere ein wenig in den Akten. Vielleicht finden wir darin etwas Aufschlussreiches.«

»Sie sagten, Sie würden das Opfer von früher kennen?«

Richter fuhr sich gedankenverloren mit der Hand über die Mundwinkel. »Kennen ist zu viel. Wir haben vor zwei Jahren gegen eine Gruppe von Fleischhändlern ermittelt, die im Verdacht standen, im großen Stil mit Gammelfleisch gehandelt zu haben. Dabei ging es auch um Steuerhinterziehung und unrechtmäßigen Bezug von Subventionen aus Brüssel. Marcello Manfredi war in dieses Netzwerk eingebunden. Wir konnten ihm allerdings nichts beweisen. Und so wurde die Anklage gegen ihn verworfen.«

»Gegen alle Beschuldigten?«

»Nein. Ein paar sind im Netz hängen geblieben. Gegen zwei werden noch Beweise zusammengetragen. Die Staatsanwaltschaft scheint sich sehr schwerzutun. Es ist ein nicht leicht zu durchschauendes Netzwerk zwischen den mafiösen Strukturen, den Interessen der örtlichen Politik, die Betriebe und Arbeitsplätze erhalten wollen, und Beteiligten, die nach außen ein sauberes Hemd vorweisen, aber dennoch von den Geschäften profitieren. Banken zum Beispiel.«

»Und das alles hat sich hier in Hannover abgespielt?«

»Nein«, wehrte Richter ab. »Schwerpunkt der Ermittlungen war Oldenburg. Dort sitzt die ›Schweine-Mafia‹, wie ich sie einmal genannt habe, was mir einen Verweis eingebracht hat.«

Unbemerkt war Jakob Putensenf hinzugetreten und hatte Richters letzte Worte gehört. »Wir waren uns zu guter Letzt nicht mehr sicher, wer die wirklichen Schweine waren«, sagte der Kriminalhauptmeister. »Es fiel schwer, zu unterscheiden, ob es die Tiere waren oder die Leute, die in diese ganze Geschichte verstrickt waren.«

Richter zeigte mit der Spitze seines Kugelschreibers auf Putensenf. »Jakob war dabei. Es war unser erster gemeinsamer Einsatz.«

»Und seither hatten Sie Kontakt zu Manfredi?«, fragte Frauke.

Richter straffte sich hinter dem Schreibtisch. »Wie soll ich das verstehen? Nachdem die Ermittlungen abgeschlossen waren und die Staatsanwaltschaft unsere Erkenntnisse nicht verwerten konnte …«

»Oder wollte«, warf Putensenf ein.

»Quatsch. Also – Manfredi war nichts nachzuweisen. Ich wusste nicht, dass er inzwischen sein Aktionsgebiet in die Landeshauptstadt verlagert hat. Das habe ich vorhin erfahren, als der Name genannt wurde. Und dann habe ich ihn erkannt, als ich ihn da drüben«, dabei zeigte er mit dem Kugelschreiber in Richtung des Nebenraums, »liegen sah.«

»Das ist eine interessante Konstellation«, sagte Frauke und musterte den Hauptkommissar. »Ist Ihnen das gar nicht aufgefallen?«

»Was meinen Sie?«

»Marcello Manfredi war in einen Fleischskandal verwickelt. Und jetzt ist er vermutlich mit einem Fleischklopfer erschlagen worden.«

»Mensch, Bernd, die Lady hat recht«, entfuhr es Putensenf.

»Nennen Sie mich gefälligst nicht Lady«, fauchte Frauke ihn an und warf ihm einen bösen Blick zu.

Putensenf zuckte die Schulter, verzog das Gesicht und öffnete die Hände zu einer Geste, die seine Unschuld ausdrücken sollte.

»Wir sollten auf jeden Fall noch prüfen, womit die Haustür offen gehalten wurde. Und der Gegenstand muss zur Kriminaltechnik.«

»Sie meinen die Tür zur Straße?«, fragte Putensenf.

»Wenn Sie möchten, können Sie ja alle Türen aushängen und zur KTU schicken«, entgegnete Frauke schnippisch.

Putensenf sah Richter an. »Bernd, immerhin bist du hier der Chef. Noch. Was ist nun?«

»Sieh dir die Haustür an, Jakob. Und falls du etwas findest, soll sich die Spurensicherung der Sache annehmen.«

»Jetzt begreife ich langsam, weshalb die da oben in Flensburg die Tante nicht behalten wollten«, fluchte Putensenf und verließ den Raum.

»Wissen wir etwas über die Sekretärin, abgesehen davon, dass sie offensichtlich panisch das Haus verlassen hat?«, fragte Frauke.

Richter wies auf eine Handtasche, die auf einem Sideboard neben dem Schreibtisch stand. Dann zeigte er auf eine dunkelblaue Popelinejacke, die über einen Bügel gezogen an der Wand hing. »Sie heißt vermutlich Tuchtenhagen. So weit konnte ich es den Akten entnehmen. Die Handtasche haben wir noch nicht untersucht. Dazu fand sich noch keine Zeit.«

Frauke streifte sich erneut Einmalhandschuhe über, die sie sich von einem Mitarbeiter der Spurensicherung besorgte. »Haben Sie die Tasche geöffnet?«, fragte sie und sah auf die sportliche Umhängetasche.

»Die war offen.«

Vorsichtig untersuchte Frauke die Handtasche. Es fanden sich die Accessoires, die man bei Frauen erwarten durfte. Ein wenig Kosmetik. Lippenstift. Puderdose. Augenbrauenstift. Lidschatten. Ein Stoffbehälter mit Papiertaschentüchern. Als sie die angebrochene Packung mit handelsüblichen Kopfschmerztabletten herausnahm, musste Frauke lächeln. Das Handy war eingeschaltet. Das Portemonnaie enthielt eine Handvoll Kleingeld und einhundertdreißig Euro in Scheinen. Eine Kreditkarte, die EC-Karte der Sparkasse Hannover, eine Paybackkarte, die Mitgliedskarte der Barmer sowie mehrere Kundenkarten steckten in den Kartenfächern der Geldbörse. Aus einem Plastikfenster der aufgeklappten Geldbörse lächelte auf einem Passfoto ein Mann mit deutlich sichtbaren Geheimratsecken. Neben einem Etui mit Nagelschere und Feile fand Frauke noch eine kleine lederne Hülle, in der der Personalausweis, Führerschein und die Zulassung für einen Mazda steckten.

»Manuela Tuchtenhagen«, las sie vor. »Zweiunddreißig. Wohnhaft am Froschkönigweg.« Sie sah Richter an.

»Kenne ich«, sagte der Hautkommissar. »Die Straße. Nicht die Frau. Das Märchenviertel mit Straßennamen wie Froschkönig, Drosselbart uns so weiter liegt nördlich des Mittellandkanals im Stadtteil Sahlkamp. Es ist eine ruhige und gutbürgerliche Gegend.«

»Da fehlt etwas«, stellte Frauke fest und wartete nicht auf Richters Antwort. »In der Handtasche sind weder Wohnungs- noch Autoschlüssel.«

»Hm«, sagte Richter.

»Das heißt, Manuela Tuchtenhagen hat überstürzt das Büro verlassen und dabei lediglich ihr Schlüsselbund mitgenommen. Sie muss sehr erregt gewesen sein, dass sie weder die Jacke übergezogen noch ihre Handtasche mitgenommen hat. Es muss schon viel geschehen, damit eine Frau ihre Handtasche liegen lässt.«

»Immerhin hat sie die Schlüssel mitgenommen.«

»Die benötigt sie für das Fortkommen«, sagte Frauke ein wenig geistesabwesend und zog die Luft ein. Dann sah sie Richter an. »Rauchen Sie?«

»Schon, aber nicht am Tatort.« Er zeigte auf einen Aschenbecher, der bisher von einem aufgeschlagenen Ordner verdeckt war. Darin lag eine inzwischen erloschene Zigarette, von der ein paar Züge geraucht worden waren, die zweite Hälfte aber im Aschenbecher verglommen war. Am Filteransatz waren Spuren von Lippenstift zu erkennen. Neben dem Aschenbecher lagen eine angebrochene Zigarettenpackung und ein Einwegfeuerzeug.

»Was ist hier geschehen?«, überlegte Frauke laut. »Manuela Tuchtenhagen ist zur Arbeit erschienen. Sie hat ihre Jacke ausgezogen, sich an den Schreibtisch gesetzt und sich eine Zigarette angezündet. Während des Rauchens ist sie unterbrochen worden. Irgendetwas hat sie veranlasst, ihren Schreibtisch zu verlassen und in Manfredis Büro zu gehen. Dort hat sie ihren Chef erschlagen aufgefunden. Dann ist sie geflüchtet.«

»Eine gewagte These«, erwiderte Richter. »Manfredi könnte sie auch zu sich gerufen haben. Dann kam es zum Streit, und sie hat ihn erschlagen.«

Frauke lächelte spöttisch. »Weil Frauen standardmäßig einen Fleischklopfer mit sich herumtragen. Wenn Manfredi sie zu sich gerufen hat, dann hätte sie entweder ihre brennende Zigarette mitgenommen oder, falls er das nicht mochte, den Stummel ausgedrückt. Nein. Das muss anders gewesen sein.«

»Wollen Sie sich nicht lieber auf die Fakten verlassen, anstatt sich als Hellseher zu produzieren?«, mahnte Richter.

»Moment.« Sie verließ den Raum und kehrte kurz darauf zurück. »Manfredi war auch Raucher. Seine Utensilien liegen auf seinem Schreibtisch. Außerdem hat er deutlich erkennbare Nikotinspuren an der linken Hand. Ihn hätte es folglich nicht gestört, wenn seine Mitarbeiterin ihn mit brennender Zigarette in seinem Büro aufgesucht hätte. Außerdem haben wir seine Leiche vor dem Schreibtisch gefunden. Es wäre doch wahrscheinlicher – wenn er sie zu sich gerufen hätte –, dass er hinter dem Schreibtisch gesessen hätte. Aber das sind alles nur Vermutungen. Da stimme ich Ihnen zu. Das Beste wird sein, wir befragen Frau Tuchtenhagen. Vielleicht erfahren wir dann, was hier vorgefallen ist.«

»Tun Sie das«, knurrte Richter. »Und nehmen Sie Madsack mit. Die beiden anderen brauche ich hier vor Ort.«

Auf der Treppe stieß sie mit Lars von Wedell zusammen. »Mein erstes Tötungsdelikt«, verkündete der junge Kommissar strahlend, und Frauke vermeinte, fast ein Glühen der Wangen zu erkennen.

Es regnete immer noch, und das trübe Wetter schien sich auf das Gemüt der Autofahrer niederzuschlagen.

»Wenn ein paar Tropfen vom Himmel fallen, bricht der Verkehr bei uns in Hannover häufig zusammen«, erklärte Nathan Madsack und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Die deutlich spürbare Aggressivität der anderen Verkehrsteilnehmer färbte nicht auf ihn ab.

Frauke beobachtete ihren neuen Kollegen von der Seite. Madsack hatte sich hinter das Steuer des Mercedes der A-Klasse gezwängt.

Zwischendurch warf er Frauke einen Seitenblick zu. »Möchten Sie auch?«, fragte er und angelte aus der Seitenablage einen Schokoladenriegel hervor.

»Nein danke.«