Als man dem kleinen Dschaladat die Flöte zum ersten Mal in die Hand drückt, entlockt er ihr Klänge, die alle verzaubern. Im Krieg muss er in einer namenlosen Stadt der Bordelle all seine Kunst wieder verlernen. Ein rätselhaftes Mädchen beschützt ihn und führt ihn auf einen Weg in die Tiefen seines Landes, der unsere Vorstellungskraft übersteigt.
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Bachtyar Ali, geboren 1966 in Sulaimaniya (Nordirak), ist der bekannteste zeitgenössische Schriftsteller des autonomen irakischen Kurdistan. Sein Werk umfasst Romane, Gedichte und Essays. Er lebt seit Mitte der Neunzigerjahre in Deutschland und wurde 2017 mit dem Nelly-Sachs-Preis ausgezeichnet.
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Peschawa Fatah (*1983) besuchte die Primarschule in Sulaimaniya und die Mittelschule in Luzern. Er arbeitet als Übersetzer für Deutsch, Englisch, Französisch und Kurdisch. Ins Kurdische (Sorani) übertrug er Werke von Franz Kafka, Bernard Schlink, Pascal Mercier, Sherko Fatah, Le Clézio.
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Hans-Ulrich Müller-Schwefe, Lektor, arbeitet seit 1975 im Suhrkamp Verlag und nun auch für andere Verlage. Er lebt in Berlin.
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Die Stadt der weißen Musiker
Roman
Aus dem Kurdischen (Sorani) von Peschawa Fatah und Hans-Ulrich Müller-Schwefe
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 2005.
Deutsche Erstausgabe
Peschawa Fatah übertrug diesen Roman aus dem Kurdischen (Sorani) in einen ersten deutschen Text. Er wurde von Hans-Ulrich Müller-Schwefe in Zusammenarbeit mit dem Autor in die vorliegende, autorisierte Fassung gebracht.
Originaltitel: Schar i Moseqare Speakan
© by Bachtyar Ali 2005
© by Unionsverlag, Zürich 2020
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Lukman Ahmad (Ausschnitt)
Umschlaggestaltung: Heike Ossenkop und Sven Schrape
ISBN 978-3-293-30986-9
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Wir werden leben, nur die Zeit stirbt
Erich Maria Remarque, Im Westen nichts Neues
Diese Geschichte beginnt 1998 im Flughafen von Amsterdam, als ich zum zweiten Mal nach Kurdistan zurückkehrte. In jenen Tagen fühlte ich mich niedergeschlagen, hoffnungslos und gekränkt. Wenige Tage zuvor hatte ich von einem Gericht in Kurdistan die Scheidungsklage meiner Frau zugeschickt bekommen – aus heiterem Himmel. Es war vorbei mit uns. Um der Sache nachzugehen und mich um meine Kinder zu kümmern, musste ich über Syrien in die Heimat zurück. Vor den Schaltern standen die Menschen in drei Schlangen mit ihrem Gepäck, ich in der rechten. Plötzlich hörte ich eine Stimme: »Sie, ja, ich meine Sie, Sie sind doch Kurde? Ich kenne Sie. Nein, ich irre mich nicht … Sie sind doch der Schriftsteller Ali Sharafiar, nicht wahr?«
Es war ein junger Mann, ganz in Weiß gekleidet; er trug ein weißes Polohemd, weiße Hosen und makellos weiße Schuhe. Er stand am Schalter, um sein Gepäck aufzugeben, aber offensichtlich wog es zu viel, denn die Dame am Schalter ließ ihn nicht passieren. Ich dagegen hatte nichts Nennenswertes dabei, bloß eine kleine Tasche, die Schlafanzug, Zahnpasta und mein Rasierzeug enthielt.
»Ja, ich bin Ali Sharafiar«, sagte ich. »Bitte, was kann ich für Sie tun?« Auch das noch, dachte ich missmutig. Die Welt schien etwas gegen mich zu haben. Seit meiner Kindheit reiste ich am liebsten allein. Reisebekanntschaften hatten mir immer nur Ärger eingebrockt.
Der junge Mann hatte vier kleine rote Muttermale am Hals, wie Spuren verblasster Blutstropfen. Er sah gut aus mit seinen blauen Augen. Mich zu entdecken, schien ihn aus der Fassung gebracht zu haben. Er trat aus der Reihe, kam zu mir und fragte: »Sie gehen nach Kurdistan zurück, richtig?«
»Ja, ich gehe nach Kurdistan zurück.«
»Ich bitte Sie …« Er drückte mir eine weiße Tüte in die Hand. »Ich hoffe, es macht Ihnen keine Umstände. Wenn Sie für mich diese Tüte mitnehmen könnten? Denn ich gehe in eine andere Stadt, weit weg, so weit, dass niemand mich erreichen kann. Jemand muss diese Tüte für mich nach Kurdistan bringen und einem Mädchen namens Rauschani Mustafa Saqzi aushändigen. Die Adresse steht drauf, die Telefonnummer ebenso.«
»Sind es Medikamente?«, fragte ich ärgerlich, da Kurden aus Europa meistens Arznei oder Kosmetika heimschickten. »Ist es Haaröl? Rasierwasser oder so was?«
»Nein, mein Herr.« Er schüttelte den Kopf. »Das ist Musik. Rauschani Mustafa Saqzi ist Musikerin, sie studiert an der Kunstakademie. Ich schicke ihr Musik aus allen Epochen.«
Er öffnete die Tüte, ich sah Notenhefte und CDs. »Hier, aus dem Barock Palästrina. Auch Vivaldi, sie liebt ihn. Und Henry Purcell. Aus der Klassik schicke ich ihr Haydn und Mozart, von den Romantikern Rossini, ja, den großen Rossini, den auch ich sehr bewundere. Da ist Mendelssohn und John Stainer. Aber auch die Modernen, Benjamin Britten, Markus Stockhausen. Herr Sharafiar, Sie sind meine letzte Hoffnung.«
»Wenn die Telefonnummer draufsteht, mit Vergnügen«, sagte ich. »Das Wichtigste ist die Telefonnummer.«
»Nein, das Wichtigste ist, dass Sie es ihr selbst aushändigen«, beharrte er. »Sie müssen völlig sicher sein, dass sie wirklich Rauschani Mustafa Saqzi ist. Sie dürfen das niemand anderem übergeben, denn sie hat Ihnen Dinge zu berichten, die sehr wichtig sind. Es geht nicht nur um diese Noten und CDs, es geht um mehr. Sie wird es Ihnen erzählen.«
»Soll sie mir etwas Privates für Sie übergeben, das ich zurückbringen soll? Meinen Sie das?«, fragte ich verwundert. »Aber wie soll ich Sie erreichen?«
»Nein, wir beide werden uns nie wiedersehen«, gab er zurück. »Ich gehe in eine andere Stadt. Sie werden mich nie wiedersehen.«
»Aber was soll ich ihr denn sagen«, fragte ich verwirrt und etwas verärgert, »wenn sie fragt, wer ihr diese Sachen geschickt hat?«
»Sagen Sie: Scharochi Scharoch … der traurigste Flötist der Welt.«
Ich wollte ihm weitere Fragen stellen, doch er nahm meine Hand und sagte: »Tut mir leid, dass ich keine Zeit habe. Ich muss los. Sie wissen nicht, wie wenig Zeit mir blieb. Sie wissen nicht, wie wichtig es war, Sie zu treffen. Unsere Begegnung wird bedeutende Konsequenzen haben. Denken Sie jetzt nicht weiter darüber nach, es ist nicht leicht zu verstehen, aber Dschaladati Kotr wird Ihnen alles erklären. Alle Fragen, die Sie haben, können Sie ihm stellen. Auf mich kommt es nicht an. Wenn ich weg bin, sehen Sie mich nicht wieder.«
»Was sagen Sie da«, fragte ich ungehalten. »Wer ist Dschaladati Kotr? Ich kenne niemanden, der so heißt.«
»Dschaladati Kotr«, sagte er geheimnisvoll lächelnd, »ist der Junge, der aus der Stadt der weißen Musiker zurückgekehrt ist.«
»Stadt der … was?«, fragte ich.
»Stadt der weißen Musiker«, wiederholte er ruhig.
Unversehens fand ich mich direkt vor dem Schalter, mit der weißen Tüte des unbekannten Weißgekleideten in der Hand. Die Dame prüfte meinen Pass und mein Ticket, wog meine Tasche und ließ sie auf dem Förderband entschwinden. Als ich die Bordkarte bekam, drehte ich mich um und wollte mein Gespräch mit dem Unbekannten, der mir leicht irr vorkam, zu Ende bringen. Aber er war verschwunden.
Bis zum Abflug blieb wenig Zeit. Ich suchte den Mann an allen Gates, in den Cafés und Flughafenshops, aber vergebens. Bevor ich an mein Gate ging, leerte ich die Tüte aus und überprüfte den Inhalt. Nein, da war nichts Verdächtiges. Ich packte alles wieder ein, schrieb mir die Telefonnummer in mein Adressbüchlein und notierte daneben: Rauschan Mustafa.
Ich war mir fast sicher: Dieser Herr Scharoch gehörte zu jenen unglückseligen Kurden, die durch endloses Herumreisen mit keinerlei Aussicht auf Asyl vor lauter Heimweh den Verstand verloren haben. Aber hatte ich selbst nicht Kummer genug? Ohne weiter darüber nachzugrübeln, stieg ich ins Flugzeug nach Damaskus.
So also begann diese Geschichte. Ihr Ende wird sie an ganz anderem Ort, jenseits der uns vertrauten Welt und Zeit finden.
Eine Woche nach meiner Rückkehr wählte ich im Laden eines Freundes die Telefonnummer, die auf der weißen Tüte stand. Eine außergewöhnlich ruhige und sanfte Mädchenstimme meldete sich. Sie kam wie aus einer anderen Welt, wie aus den Tiefen eines Traums. Als sei eine überirdische Musik in ihrer Stimme, als wollte sie einen damit verführen.
»Mein Name ist Ali Sharafiar«, begann ich. »Ich lebe in Deutschland. Ich habe Frau Rauschan Mustafa etwas Persönliches zu übergeben und würde gern mit ihr sprechen, wenn es passt.«
»Ja, Herr Sharafiar«, erwiderte die feine Stimme am anderen Ende der Leitung. »Ich habe auf Sie gewartet. Wir alle warten auf Sie.«
»Verzeihung, ich wusste nicht, dass es so dringlich ist«, sagte ich verblüfft. »Glauben Sie mir, ich wusste es nicht. Ich habe gerade selber Probleme. Wenn es Ihnen passt, kann ich Ihnen die Sachen gleich bringen lassen. Wenn Sie mir die Adresse geben, schicke ich sofort ein Taxi.«
»Nein, mein Herr«, sagte sie. »Wir warten auf Sie persönlich, besonders Dschaladati Kotr.«
»Um Himmels willen, wer ist denn Dschaladati Kotr?«, fragte ich irritiert. »Ich habe eine Tüte für Sie, das ist alles. Ich bin in Eile, muss zum Gericht, zum Grundbuchamt und hab noch tausend andere Dinge zu erledigen. Es tut mir leid. Aber sagen Sie, was will Herr Dschaladati Kotr von mir?«
»Wir wissen doch, wie beschäftigt Sie sind«, beteuerte die feine Stimme mit unerschütterlicher Gefasstheit und Sanftmut. »Aber es geht um etwas überaus Wichtiges, eine Geschichte voller Geheimnisse, verstehen Sie, mein Herr. Wir haben Ihre Bücher gelesen, wir alle. Das war ein gemeinsamer Entschluss. Sie sind der Einzige, der es schreiben kann … Der Einzige …«
Ich war damals die Ungeduld in Person. Viele hielten mich für den besten Schriftsteller jener Zeit, aber ich muss sagen: Damals hatte ich nicht mehr die Kraft, ans Schreiben auch nur zu denken. Das Schreiben hatte mir nichts als Kummer und Qual eingebracht. Ja, ich weiß, viele Schriftsteller behaupten das, aber niemand hat so viel Unheil durch das Schreiben erfahren wie ich. Seit über sechs Monaten hatte ich keine Zeile mehr geschrieben. Kaum nahm ich den Stift in die Hand, brach ein neues Drama über mich herein. Nein, die Beleidigungen und Lügen waren mir egal, die die Zeitungen damals über mich publizierten. Schließlich hat jeder große Text seine schwachsinnigen Feinde. Ich gehörte nie zu diesen zartbesaiteten Dichtern, die vor dummdreisten Kritikern in die Knie gehen. Nein, ich lachte über sie, es gab mir Kraft und trieb mich an. Und doch, in jenen Tagen war mein Schreiben erlahmt, langsam, aber sicher kam es mir wie ein Pfad in den Tod vor.
»Ich fürchte«, sagte ich erschöpft, aber nicht ohne Spott, »Sie sind auch eine von denen, die mir ihr Leben auf ein paar Seiten notieren und sagen: ›Schreiben Sie einen Roman über mich.‹ Warum eigentlich will heutzutage jeder ein Romanheld werden? Was sind denn das für Zeiten? Ich schreibe nicht mehr. Es ist besser, Sie suchen sich einen anderen Autor.«
»Nur mit der Ruhe, mein Herr«, lachte das Mädchen geduldig, »wir wissen alle, dass es nicht einfach ist, jemanden zu überreden, ein Buch zu schreiben, wir wissen es alle, aber …«
Dieses Gespräch konnte endlos dauern. Also nahm ich mich, innerlich seufzend, zusammen. »Reden wir weiter, wenn ich Ihnen die Sachen bringe … Sie können mir dann alles erklären. Keine Angst, ich bin eigentlich ein guter Zuhörer und nicht immer so ungeduldig.«
Zwei Tage nach diesem Gespräch traf ich Dschaladati Kotr. Es dürfte zu früh sein, euch von unserem ersten Treffen zu erzählen, das irgendwie in die Mitte der Geschichte gehört, aber ich muss jetzt, gleich zu Beginn, erwähnen, dass dieser Roman das Produkt der seltsamen Begegnung ist, die ich mit diesem Mann hatte, der damals zwischen verschiedenen Welten pendelte. Ich, unter Zeitdruck und in einer Lebenskrise, musste tatsächlich ein weiteres Buch schreiben. Zum ersten Mal akzeptierte ich einen derartigen Auftrag: die Geschichte eines Helden zu schreiben, den ich selber kennengelernt hatte. Mich also als Schriftsteller diesmal weniger wichtig zu nehmen und einem der Helden das Feld zu überlassen.
Wir haben dann verabredet, dass teilweise ich die Geschichte erzählen und dass ich die Sprache des ganzen Buchs bestimmen darf. Ich sollte das Recht haben, ihm die Rolle des Erzählers abzunehmen, wann immer ich wollte, wie in einem Theaterstück, in dem der Autor selbst mitspielt. Wir haben gewissermaßen das Buch unter uns aufgeteilt.
Sicher fragt ihr mich jetzt: Wer ist Dschaladati Kotr? Was für ein Mensch war er? Was für ein Leben hat er gelebt, das es verdient, zum Gegenstand eines Romans zu werden?
Am besten erzähle ich alles von Anfang an.
Erzählt von Ali Sharafiar