Harald Schneider
Räuberbier
Kriminalroman
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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1. Auflage 2011
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/Korrekturen: Julia Franze / Doreen Fröhlich
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © jagarts / sxc.hu
ISBN 978-3-8392-3624-6
Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
der Eichbaum-Brauerei
Ohne Frage ist Bier die größte Erfindung der Menschheit. Gut, ich gebe zu, das Rad war auch keine schlechte Idee, aber zu einer Pizza passt es nicht halb so gut wie ein Bier.
(Dave Barry)
Es hätte so ein schöner Tag werden können.
Gleich habe ich’s geschafft. Ich trete das Pedal bis zum Anschlag und beschleunige meinen Wagen auf 210, die Kolben dröhnen an ihren Schmerzgrenzen, doch es muss sein. Ein Blick in den Rückspiegel verrät mir, dass der Verfolger an meiner Stoßstange klebt und zum Überholen ansetzt. Wenn ich das zulasse, bin ich verloren. In James-Bond-Manier ziehe ich auf der zweispurigen Schnellstraße nach links und wische mir den Schweiß von der Stirn. Puh, das ist noch einmal gut gegangen, aber der Porschefahrer gibt nicht auf. Ich kann nur hoffen, dass um diese Zeit kein langsamer Lkw unterwegs ist. Noch ein paar Kilometer und ich habe es geschafft. Die Anspannung wächst, werde ich überleben oder mit der Leitplanke verschmelzen? Ein neuer Angriff lässt meinen Blutdruck weiter steigen. Der Porschefahrer passt die einzige Millisekunde ab, in der ich unkonzentriert bin, und überholt auf dem Standstreifen. Er lenkt zurück auf die Fahrbahn und bremst mich aus. Ich verliere die Kontrolle über meinen Wagen und sehe den Brückenpfeiler auf mich zukommen. In der Panik der letzten Sekunden stoße ich trotz meiner normalerweise gewählten Ausdrucksweise Wörter wie ›Scheiße‹ und ›verdammter Mist‹ aus.
*
»Geil!«, rief mein Sohn Paul, als ich am Pfeiler zerschellte.
»Reiner! Was soll das?«, rief meine Frau Stefanie, die soeben im Wohnzimmer auftauchte. »Kann man euch nicht einmal für fünf Minuten alleine lassen?«
Sie wandte sich an unseren Sohn. »Paul, ich möchte nicht, dass du solche Wörter benutzt. Mit deinem Vater werde ich diesbezüglich nachher ebenfalls ein Hühnchen rupfen.«
»Aber Mama«, wehrte sich Paul. »Papa ist mit seinem Wagen an die Brücke geknallt. Du sagst doch immer, dass er so schlecht Auto fährt.«
Stefanie schüttelte den Kopf, trotzdem bemerkte ich ein flüchtiges und heimliches Lächeln. »Ich denke, ihr habt heute genug mit der Spielekonsole gespielt. Ihr nehmt das alles immer viel zu ernst.«
Der achtjährige Paul stand vom Boden auf, zeigte mir stumm und beidhändig das Victoryzeichen und verließ den Raum. Warte nur, Sohnemann, dachte ich, das nächste Mal werde ich dich gnadenlos von der Straße rammen.
Beim Spielen verlieren, das konnte ich noch nie. Als Kind hatte ich in ähnlichen Situationen bei angehenden Niederlagen wie beim Mensch-ärgere-dich-nicht mit einem hasserfüllten Blick die Spielfiguren vom Feld gefegt.
»Komm und trink eine Tasse Kaffee«, rief Stefanie aus der Küche.
Das war ein guter Vorschlag. Ich erhob mich ebenfalls vom Boden, im Vergleich zu Paul allerdings wesentlich schwerfälliger und mit ächzenden Begleitgeräuschen untermalt. Mir ging es gut. Die Weihnachtstage hatten wir gerade überstanden und das Verhältnis zwischen meiner Frau, mir und unseren Kindern Paul und Melanie konnte man als sehr entspannt bezeichnen. Die Weihnachtsferien waren eine Art Generalprobe: Anfang des kommenden Jahres würden die drei zwar zurück nach Ludwigshafen in Stefanies Wohnung gehen. Doch wir hatten fest vereinbart, dass sie Ende Januar, unmittelbar nach der Ausgabe der Halbjahreszeugnisse, zu mir nach Schifferstadt ziehen würden. Der Umzug war längst geplant, schließlich gab es ein weiteres erfreuliches Ereignis: Stefanie war schwanger. Anfang Mai würde unsere Familie Zuwachs bekommen. Das Kinderzimmer stand frisch tapeziert bereit, auch wenn meine Frau mir bisher hartnäckig verschwieg, welchem Geschlecht unser Neuankömmling angehören wird. Ich war mir zu ungefähr 50 Prozent sicher, dass es ein Junge werden würde. Für Paul gab es zu einem Bruder überhaupt keine Alternative. »Sonst hätte ich ja zwei Zicken im Haus«, meinte er einmal, als wir über dieses Thema sprachen.
Melanie, die das erste Jahr in der Realschule war, saß mit ihrer Mutter in der Küche und aß Weihnachtsgebäck. Ich mochte Weihnachtsgebäck fast so gerne wie Marzipan oder Dominosteine. Besonders das sogenannte Spritzgebackene hatte es mir angetan.
Nur aus Vollkornmehl durfte es nicht sein. Und wenn es dann, wie im vorliegenden Fall, auch noch glutenfrei und was-weiß-ich-noch-frei war, hörte für mich der Spaß auf.
»Iss doch«, forderte mich Stefanie auf und schob mir die Schale hin. »Dieses Weihnachtsgebäck ist sehr gesund und bekömmlich, damit wirst du 100 Jahre alt. Das Rezept ist von Hildegard von Bingen.«
»Ich will aber nicht alt werden«, entgegnete ich zweideutig und schob die Schale zurück. »Wie alt ist eigentlich diese Hildegard geworden? Die ist bestimmt an Glutenmangel gestorben, oder?«
Immerhin wusste ich, dass bei dem Wort Gluten das ›e‹ betont wurde. Hier half mir dieses Wissen aber nicht weiter.
»Du immer mit deinem Fast Food. Was findest du daran eigentlich so gut?«
»Es schmeckt halt«, war meine alles erklärende Antwort. Zwecks Alternativlosigkeit schob ich mir nach einer Weile ein kleines Stück des gesundheitsfördernden Selbstgebackenen in den Mund. Die Schokoladenglasur fand meine Zustimmung, den Rest weichte ich mit einem Schluck Kaffee ein.
»Wann bist du mit deinem Freund Herrn Jäger verabredet, Reiner?«
»So genau haben wir uns nicht festgelegt. Ab 14 Uhr kann ich kommen, bis dahin hat er die letzte Besuchergruppe verabschiedet.«
»Willst du wirklich mit dem Auto nach Mannheim fahren?«
»Das kannst du mir locker zutrauen, Stefanie. Ich habe zwar kein Navi, aber über den Rhein finde ich auch so. Im Notfall halte ich an und frage jemand. Auch drüben in Baden-Württemberg sollen viele Menschen deutsch sprechen. – Hab ich mal irgendwo gelesen«, ergänzte ich noch.
»Das mein ich nicht«, konterte die Allerbeste aller Ehefrauen. »Du wirst bestimmt Alkohol trinken, so wie ich dich kenne.«
»So schlimm wird’s nicht werden. Mehr als ein Bier werde ich wahrscheinlich nicht trinken. Außerdem hat Ferdinand auch Alkoholfreies.«
Eine knappe Stunde später machte ich mich auf den Weg. Ich freute mich darauf, Ferdinand Jäger zu treffen. Etwa einmal im Jahr besuchte ich meinen ehemaligen Schulkameraden und das bereits seit Jahren. Er hatte es geschafft. Ferdi hatte einen Beruf gefunden, der ihm Berufung war. Von daher war es selbstverständlich, dass wir uns an seinem Arbeitsplatz trafen. Wie so oft nutzte ich die Fahrzeit, um sein Leben mit dem meinigen zu vergleichen. Was war aus mir geworden? Ein Kriminalhauptkommissar, der ständig die skurrilsten Verbrecher suchen und fangen musste. Dabei dachte ich damals, als ich in der Vorderpfalz meinen Dienst antrat, eher an ein geruhsames Beamtenleben. Dass es in der Metropolregion Rhein-Neckar so viele ausgekochte Schlitzohren gab, war mir bis dahin unbekannt. Inzwischen hatte ich mich mit meinem Job arrangiert. Wenn nur diese verflixten und nicht vorhersehbaren Arbeitszeiten nicht wären! Irgendwie müsste es verboten werden, außerhalb der Kernarbeitszeit der Kriminalinspektion Schifferstadt zu morden. Diese unsteten Arbeitszeiten waren unter anderem der Auslöser der Trennung zwischen meiner Frau und mir vor zwei Jahren gewesen. Wenigstens diese Weihnachten war alles glattgegangen. Eine terroristisch anmutende Gruppe, die kurz vor Weihnachten bei Altrip den Rheindeich gesprengt hatte, konnten wir rechtzeitig zum Fest dingfest machen. Zurzeit hatte ich Urlaub, und meine Kollegen Gerhard Steinbeißer und Jutta Wagner hielten die Stellung in der Dienststelle im Waldspitzweg.
Ich befuhr die B 38 und erreichte so den Mannheimer Stadtteil Wohlgelegen. Glück oder Zufall, ich fand etwa 50 Meter von der großen Lkw-Zufahrt entfernt direkt an der Käfertaler Straße einen geeigneten Parkplatz. Das Schiebetor stand offen und ich ging zum kleinen einstöckigen Gebäude, an dem sich die Fahrer anmelden mussten.
»Guten Tag, mein Name ist Reiner Palzki«, begrüßte ich die Dame, die wegen mir aus dem Häuschen herausgekommen war. »Ich habe einen Termin bei Herrn Jäger.«
Sie nickte. »Ich weiß, Sie werden im Bräukeller erwartet. Kennen Sie den Weg?«
»In- und auswendig.«
Samstags ging es auf dem Betriebsgelände meist etwas geruhsamer zu, jedenfalls außerhalb der Hauptsaison. Es standen nur wenige Lkws, teils beladen, teils unbeladen herum. Das romantische Bild vom Bierkutscher, der seine Pferde einspannt, um die Produkte auszuliefern, war seit den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts aus dem Straßenbild verschwunden.
Der leichte Nieselregen und die knapp über dem Gefrierpunkt liegende Temperatur ließen mich schnellen Schrittes zu dem 200 Meter entfernten Bräukeller gehen. Die unscheinbare Glastür und der Eingang in den Keller ließen bei einem Erstbesucher keine besonderen Erwartungen aufkommen. Umso höher war dann die Überraschung für die vielen Besuchergruppen, die kurz darauf unverhofft in dem rustikal und gemütlich eingerichteten Bräukeller standen. Die Wände des 150 Sitzplätze fassenden Saals waren mit zahlreichen Fotos, Gemälden und Zeichnungen geschmückt, die einen interessanten Überblick über die historische Entwicklung des Unternehmens gaben.
Hinter dem Ausschank, wo auch sonst, stand Ferdinand. Die Begrüßung war herzlich, und wie immer frotzelten wir zunächst ein paar dumme Sprüche.
»Frohe Weihnachten, ich komme immer wieder gerne zu dir, Ferdi. Nur die Produkte der Brauerei Globa mag ich lieber als deine.«
Mein Freund schaute mich überrascht an. »Brauerei Globa? Wo soll die denn sein? Eigentlich bin ich mir sicher, einen umfassenden Marktüberblick zu haben.«
Ich lächelte süffisant. »Die Produkte der Brauerei Globa kennst du bestimmt. Schon mal etwas von Globa-Bier gehört?«
Ferdinand benötigte zwei oder drei Sekunden, bis er das Wortspiel durchschaute. »Das Klopapier schmeckt aber nicht so gut. Kennst du eigentlich schon unsere neue Kreation? Wir haben jetzt ein Schüttelbier.«
Dieses Jahr ging ich ihm nicht auf den Leim. Der Gag mit dem Schüttelbier war nämlich ziemlich alt. »Oh, lass doch den ollen Shakespeare aus dem Spiel.«
Wir setzten uns an den ovalen Haupttisch vor der Theke. Ferdinand stellte mir ein Glas und eine Bügelverschlussflasche hin. »Probier mal. Ich weiß, du stehst mehr auf Pils, aber dieses Rote Räuberbier ist nicht zu verachten.«
»Ist das eine Anspielung auf meinen Beruf? Ich hätte lieber ein Dein-Freund-und-Helfer-Bier.«
»Mal schauen, was ich machen kann«, antwortete er. »Aus Marketinggesichtspunkten wird das aber schwierig. Die Zielgruppe ist da zu gering.«
»Und beim Räuberbier sieht es besser aus?«, fragte ich verblüfft. »Soll ich alle eure Kunden prophylaktisch festnehmen? Du weißt ja, fast jeder hat eine Leiche im Keller, man muss nur lange genug suchen.«
»Ne, lass mal«, winkte er ab. »Wir brauchen die Kunden. Solange sie unser Bier trinken, kommen sie auf keine dummen Gedanken.«
»Das klingt ja fast, als könnte man euer Bier in der Verbrechensbekämpfung präventiv einsetzen. Trinkt Rotes Räuberbier, dann gibt’s keinen Kummer hier.«
Ferdinand lachte und stellte mir eine Schüssel Weihnachtsgebäck hin. »Probier mal, Reiner. Das habe ich auf dem Weihnachtsmarkt gekauft. Die Verpackung weißt mehr als zehn verschiedene Bio- und Ökozertifikate auf. Damit wird man unsterblich.«
»Gelten diese Zertifikate nur für die Verpackung oder auch für den Inhalt?« Ich probierte eines der dunklen und nicht sehr dekorativ aussehenden Stücke. Es sah aus und schmeckte wie alter Pressspan. »Pfui Teufel«, rief ich im Affekt. »Lieber sterblich bleiben, als das Zeug essen müssen.«
Ferdinand zuckte mit den Schultern. »Alles im Leben ist ein Kompromiss.«
»Beim Essen und Trinken gibt’s bei mir keine Kompromisse. Wo ist die nächste Imbissbude? Currywurst und Pommes, da kann man nicht viel falsch machen.«
Ferdinand hatte selbstverständlich vorgesorgt und einen kleinen Imbiss zubereitet. Zusammen mit dem Ambiente des Bräukellers mundeten der Snack und das Räuberbier, ich fühlte mich rundum wohl.
»Du, Reiner«, begann mein Freund nach einer Weile. »Gut, dass du da bist. Ich würde dich gerne um deinen Rat bitten.«
»Gerne. Bleib deinem Beruf treu und ich komme weiterhin jedes Jahr, um dich zu besuchen. Ist das Rat genug?«
Ferdinand Jäger, der in der Eichbaum-Brauerei als Leiter der Abteilung Betriebsbesichtigung angestellt war, winkte ab. »Bleib doch mal ernst, Junge. Ich habe da ein kleines Problem.«
Ich schaute meinen Freund an. Ferdi sollte ein Problem haben? Damit würde mein Weltbild zerstört werden. Beim besten Willen konnte ich mir nicht vorstellen, dass ein Mann wie Ferdi ein Problem haben sollte. Vor wenigen Monaten war mein Freund zwar in einer betriebsinternen Sache verwickelt, die alles andere als harmlos und gesetzestreu war. Im Gegensatz zu dem Braumeister mit dem seltsamen Namen Glaubier, der fristlos entlassen und wegen einer Drogengeschichte festgenommen wurde, kam Ferdi mit einer Abmahnung davon. Doch das war alles Schnee von gestern.
»Schieß los, ich bin ganz Ohr.«
Ferdinand trank einen großen Schluck, bevor er zu reden begann. »Es betrifft mich nicht im eigentlichen Sinne.«
Ich atmete auf.
»Irgendetwas ist in der Brauerei faul.« Er ließ ein paar Sekunden verstreichen, bevor er weitersprach. »Ich vermute, dass irgendjemand innerhalb des Unternehmens eine Riesensauerei am Laufen hat. Allerdings sind meine Vermutungen mehr als vage.«
Ich unterbrach ihn. »Wenn du den Verdacht hast, dass es Unregelmäßigkeiten gibt, solltest du dich mit der Kriminalpolizei in Mannheim in Verbindung setzen. Du weißt ja, ich arbeite in Rheinland-Pfalz. Das ist rechtlich so weit entfernt, als würde ich in Japan meine Brötchen verdienen.«
»Ich weiß doch«, antwortete Ferdi. »Der Föderalismus ist in vielen Dingen alles andere als förderlich. Du sollst auch keine offiziellen Ermittlungen aufnehmen. Ich möchte erstmal deinen Rat. Wenn ich zur Kripo renne und die Sache stellt sich als harmlos raus, bin ich meinen Job los. Und was soll dann aus mir werden? Mit meinem Lebenslauf kann ich nicht mal auf Lehrer umschulen.«
»Heutzutage wird als Lehrer jeder genommen, in ein paar Jahren gibt’s wahrscheinlich mehr Quereinsteiger als pädagogisch geschultes Personal.«
»Ich will aber kein Lehrer werden.«
»Sollst du auch nicht, sonst würde ich nächstes Jahr im Lehrerzimmer sitzen, wenn ich dich besuchen komme. Und dort wird es bestimmt kein Räuberbier geben.«
»Auf jeden Fall wird es in den Pausen nicht offen herumstehen«, meinte Ferdi. »Aber wir schweifen ab. Soll ich dir von meinem Verdacht erzählen?«
Ich fläzte mich gemütlich in den Stuhl und nickte.
»Du weißt, aus welchen Rohstoffen Bier hergestellt wird?«
Das war eindeutig eine rhetorische Frage. Als Biertrinker waren mir die grundlegenden Dinge des Bierbrauens vertraut. Das war nicht immer so. Als junger Erwachsener brütete ich eine Zeit lang über den Inhaltsstoff Malz. Dass für das Brauen Getreide wie Gerste oder Weizen benötigt wurde, war mir damals zwar klar, doch mit Malz konnte ich nicht wirklich etwas anfangen. Erst später erfuhr ich, dass mit Malz gekeimtes und getrocknetes Getreide bezeichnet wurde. In diesem Zusammenhang musste ich immer dran denken, wie ich als Kindergartenkind eines Tages todernst zu der gerade im Garten beschäftigten Nachbarin meinte: ›Pflanzt du mir auch einen Puddingbaum? Aber einen braunen, den esse ich lieber.‹
Mein Freund berichtete weiter. »Irgendetwas läuft in der letzten Zeit schief. Mehrmals mussten ganze Bierchargen kurz vor der Auslieferung gestoppt werden, weil sie angeblich nicht verkehrsfähig waren.«
»Wer hat den Auslieferungsstopp veranlasst? Hast du denjenigen schon gefragt?«
Ferdinand nahm einen weiteren Schluck Bier. »Das ist ja der Wahnsinn, niemand will für dieses Desaster verantwortlich sein. Das Labor spielt alles runter und meint, es könnte durch verunreinigte Leitungen passiert sein. Der Braumeister dagegen schiebt es auf das Labor. Alles in seinem Einflussgebiet wäre tipptopp in Ordnung. Er sagte, dass die im Labor genauer arbeiten sollen.«
»Um welche Größenordnungen geht es überhaupt? Werden da ganze Tagesproduktionen weggeschüttet?«
»Jedes Mal einige Dutzend Hektoliter. Was mich stutzig macht, ist, dass von allen Seiten versucht wird, die Geschichte zu vertuschen. Selbst die Entsorgung des Bieres geschieht heimlich, das kannst du ja nicht einfach ins Abwasser kippen. Ich habe mir unbemerkt eine bereits abgefüllte Flasche besorgen können und probiert. Das Gesöff schmeckte minderwertig, überhaupt nicht nach einem Produkt aus unserem Haus.« Er schüttelte sich angewidert.
Ich überlegte. In der Tat schien da eine mächtige Schweinerei im Gange zu sein. Da mehrere Abteilungen versuchten, Stillschweigen zu bewahren, war ein Einzeltäter auszuschließen.
»Hast du das in der Firmenzentrale durchblicken lassen?«
»Wie denn, ohne Beweismittel. Ich habe bisher zweimal bemerkt, dass Chargen entsorgt wurden. Es kann aber durchaus sein, dass das schon öfters gemacht wurde. Niemand regt sich darüber auf, niemand will dafür verantwortlich sein. Wenn aber mal eine Putzhilfe eine angefangene Rolle Klopapier klaut, wird sie sofort entlassen.«
Ich hob nachdenklich die halb leere Flasche Räuberbier gegen das Licht und betrachtete die rötliche Lichtbrechung des Inhalts. »Und wie soll ich dir dabei helfen? Im Labor einbrechen und nach Unterlagen suchen? Oder den Braumeister beschatten und schauen, ob er seine Leitungen richtig durchspült?«
»Nein, das natürlich nicht«, wiegelte Ferdi ab und ich war mir nicht sicher, ob ich vielleicht doch den Nagel auf den Kopf getroffen hatte.
»Ich habe einen anderen Verdacht, Reiner. Vielleicht sind die Rohstoffe verunreinigt oder minderwertig.«
»Du meinst, die Gerste ist dran schuld?«
»Es könnte auch am Hopfen oder an der Hefe liegen.«
Mir kam ein Gedanke. »Vielleicht am Wasser? Wird das geprüft?«
»Ich bitte dich, Wasser ist das am besten überwachte Lebensmittel. Bei uns wird es aus Tiefbrunnen in 150 Metern Tiefe gefördert. Die Qualität ist besser als das Trinkwasser in dieser Region.«
»Wer liefert euch die Gerste, den Hopfen und die Hefe?«
Ferdinand brachte es tatsächlich fertig, eines der unessbaren Weihnachtsgebäcksteine in den Mund zu nehmen und genüsslich zu zerkauen. Er schien Zähne aus Kruppstahl zu haben.
»Schmeckt doch«, meinte er todernst, bevor er wieder zum Thema wechselte. »Die Gerste liefern uns hauptsächlich regional ansässige landwirtschaftliche Betriebe. Die Hefe ist ein Selbstläufer. Während des Gärens vermehrt sie sich, und der Überschuss kann für den nächsten Brauvorgang wiederverwendet werden. Der Hopfen kommt aus Hallertau in Bayern, das ist das größte Hopfenanbaugebiet der Welt. Die Wareneingangskontrolle hat allerdings bisher nie Beanstandungen ergeben. Das könnte sich auch kein Zulieferer erlauben, er wäre sofort raus aus dem Geschäft.«
Wir schwiegen uns eine Weile an, doch mir kam keine Idee, wie man dieses Problem lösen konnte.
»Ist Lehrer werden vielleicht doch eine Alternative?«, fragte ich halbherzig mit dem Hintergedanken, ihn etwas aufzumuntern.
»Bleib bitte ernst, Reiner«, forderte mich Ferdi auf.
»Verzeih bitte, aber wir stochern nur im Heuhaufen herum, ohne detaillierte Anhaltspunkte werden wir nicht weiterkommen. Spontan würde ich sagen, dass es die Leitungen sind. Es muss ja keine Absicht des Braumeisters sein.«
Ferdinand Jäger nickte nachdenklich. »Kann sein, dass du nahe an der Wahrheit bist. Komm, ich zeige dir ein paar Geheimnisse unserer Brauerei.« Er stand auf.
»Geheimnisse?« Ich schaute ihn ungläubig an. »Sind wir aus dem Alter nicht heraus?«
»Wart’s nur ab. Andere fliegen nach Ägypten, um das zu sehen, was wir hier haben. Nur viel größer.«
»Jetzt komm mir bitte nicht mit Pyramiden. Oder haben die Pharaonen auch Bier gebraut?«
Ferdinand lachte. »Das haben sie in der Tat und nicht so wenig. Mit vergorenem Brotteig hat es wahrscheinlich vor Tausenden Jahren angefangen. Aber keine Angst, wir haben auf dem Betriebsgelände weder eine Pyramide noch einen Pharao. Das, was ich dir zeigen will, ist viel spektakulärer.«
Er hielt kurz inne, bevor er lächelnd ergänzte: »Übrigens, was fast unbekannt ist: Das Wort Pyramiden ist durch einen Übertragungsfehler entstanden. Ursprünglich hieß es nämlich Bieramiden.«
Meinem Freund war es gelungen, mich neugierig zu machen. Ich trank mein Glas leer und folgte ihm die Treppe hinauf ins Freie. Der Nieselregen hatte keinen Deut nachgelassen. Ferdinand ging ein Stück entlang des lang gezogenen Gebäudes, um es durch ein großes, offen stehendes Tor zu betreten. Wir kamen in einen recht üppigen Raum, auf dessen gegenüberliegender Seite sich ebenfalls ein offenes Tor befand. Direkt hinter dem Gebäude fuhren auf einer großen Freifläche mehrere Gabelstapler umher. Ferdinand zeigte in der Ecke des Raums auf mehrere Dutzend Packkartons, die auf drei oder vier Paletten lagerten.
»In allen Kartons befinden sich Dosen mit Hopfenextrakt. Das Extrakt bekommen wir fix und fertig zugeliefert. Es ist der teuerste Rohstoff. Die Verwendung wird stets genau protokolliert. Fehlmengen würden sofort auffallen.«
»Ist das so tragisch, wenn da mal ein paar Kilogramm fehlen? So teuer wird’s ja nicht sein, sonst könnte niemand das Bier bezahlen.«
»Im Prinzip hast du recht, Reiner. Hier handelt es sich aber um Extrakt. Kleinste Mengen reichen für den Brauvorgang aus und sind dementsprechend teuer. Jede Dose ist einzeln nummeriert und wird vom Braumeister in der Verbrauchsliste eingetragen. Das ist auch für das Finanzamt wichtig. Die Höhe der Biersteuer richtet sich nach dem Stammwürzegehalt. Unter anderem wird anhand des Hopfenverbrauchs und der Ausstoßmenge der verschiedenen Biersorten die Steuerabgabe berechnet.«
Er ging weiter zum Freigelände hinter dem Gebäude. Rechterhand standen eine ganze Reihe Gärtanks in Reih und Glied. Diese kannte ich bereits von früheren Besuchen. Unmittelbar hinter den Tanks gingen wir nach rechts ins Sudhaus. Das Sudhaus, in dem das Bier gebraut wurde, war hell und freundlich eingerichtet. Dieses Herz einer jeden Brauerei war der Mittelpunkt für Brauereiführungen. Mehrere riesige Kessel, die mal Pfanne und mal Bottich hießen, mussten die Zutaten durchlaufen, bis sie schließlich gekühlt und in den Gärtanks mit Hefe versetzt wurden.
Ferdinand ging an Maischpfanne, Läuterbottich und Würzepfanne vorbei zu einem Raum, der vom Sudhaus mit einer Panoramaglasscheibe abgetrennt war. Wenn das Sudhaus das Herz war, so musste es sich hier um das Gehirn handeln. Auf einem langgezogenen Tisch reihte sich Bildschirm an Bildschirm. Dazwischen gab es Instrumententafeln mit irrsinnig vielen Schaltern, Lampen und Drehknöpfen. So ähnlich musste es in einem Flughafentower aussehen. Die Anlage war so gewaltig, dass ohne Probleme fünf oder mehr Menschen dahinter Platz nehmen konnten.
Verblüffend war, dass nur ein einziger Mann hinter den vielen Instrumenten saß. Durch das Panoramafenster hatte er uns bereits im Blick, als wir das Sudhaus betraten.
»Servus, Michael«, begrüßte ihn Ferdinand. »Ich zeige meinem Freund die Anlage, lass dich durch uns nicht stören.«
Der Angesprochene nickte und blickte wieder auf seine Monitore.
»Das ist Michael Panscher«, erklärte mir mein Freund. »Er ist der zuständige Braumeister.«
Als Braumeister hätte ich mir eher einen Pater vorgestellt, der mit Halbglatze und einem bierseligen Lächeln seinen Bauch streichelte. Panscher war das krasse Gegenteil davon: Seine langen Haare hatte er zu einem Pferdezopf zusammengebunden, die kreisrunden Brillengläser verliehen ihm einen intellektuellen Touch, wobei der Dreitagebart wie ein Stilbruch wirkte. Doch das Auffälligste war, dass er nicht den Hauch eines Bauchansatzes hatte.
»Du sollst doch nicht immer meinen richtigen Namen sagen«, beschwerte sich der Braumeister. »Ich kann die dummen Kommentare nicht mehr hören.«
Ferdinand lachte.
»Keine Angst«, sagte ich zum Braumeister. »Ich werde Ihr Geheimnis für mich behalten. Warum sind Sie alleine hier? Sind Ihre Kollegen alle krank?«
Überrascht schaute mich Panscher an. »Welche Kollegen? Ach, Sie meinen wegen der vielen Instrumente. Die ganze Anlage ist so eingestellt, dass sie von einer einzigen Person bedient werden kann. Nur ein Gehilfe ist außer mir heute da. Der macht gerade Pause.«
»Sie sind also der Nachfolger von Fürchtegott Glaubier?«, fragte ich ihn, um zu demonstrieren, dass mir dieses dunkle Kapitel der Brauerei durchaus bekannt war.
Panscher nickte sichtlich getroffen, ihm war das Thema äußerst unangenehm.
Ferdi nutzte die Gelegenheit zur Verabschiedung. »Komm, Reiner, gehen wir weiter. Bis dann, Michael.«
Der Braumeister winkte uns kurz nach, während wir sein Reich verließen. Ferdinand nahm eine schmale Metalltreppe nach unten. Kurz darauf standen wir am Fußpunkt der Gärtanks. Ich schaute nach oben, mir wurde fast schwindlig.
»Ganz schön hoch, gell? Wenn du willst, können wir später hochfahren. Bis zur Hälfte gibt es einen Lift.«
»Muss nicht sein«, antwortete ich. »Die Aussicht scheint nicht so schön zu sein, dass sich das Treppensteigen lohnt.«
Mein Freund öffnete eine Tür und sofort hörte ich starke brodelnde Geräusche. Als ich durch die Tür kam, sah ich mehrere große, offene Tonnen, in denen irgendeine Urgewalt tobte. Eine Flüssigkeit spritzte aus ihnen meterhoch heraus. Fragend blickte ich zu Ferdi.
»Keine Angst, mein Junge. Das ist nur Hefe. Hefe lebt, das lernt man bereits in der Schule. Damit kommt die Gärung des Bieres so richtig in Fahrt.«
Auf der anderen Seite des Raums lagen mehrere flexible Rohrleitungen in einer gefüllten Wanne.
»Vorsicht. Da bitte nicht reinlangen. Es kann zwar sein, dass das nur Wasser ist, genauso gut könnte es aber hochkonzentrierte Lauge sein.«
»Keine Angst, ich berühre nichts. Ich fürchte mich ja bereits vor der Hefe.«
»Vorhin hast du ein Stück davon getrunken.«
Ich schloss meine Jacke. Im Keller war es noch kälter als draußen. »Ich friere, können wir wieder hochgehen? Ich habe ja jetzt die Geheimnisse kennengelernt.«
Mein Freund lachte erneut. »Gar nichts hast du. Bisher hast du nur die aktuelle Brauerei gesehen. Eichbaum gibt es seit über 300 Jahren und in Wohlgelegen haben wir seit 140 Jahren unseren Stammsitz.«
»Ja, und?« Mehr fiel mir im Moment nicht ein.
»Früher gab es noch keine Kühlmaschinen so wie heute. Und eine Kühlung ist unabdingbar für den Brauprozess. Daher hatte man damals die Brauereien unterirdisch angelegt. Man ging in die Tiefe, weil es dort von Natur aus kühler ist.«
»Heißt das, dass hier im Keller die ursprüngliche Brauerei zu finden ist?«
»Eine?«, fragte Ferdi. »Kennst du die Geschichte von Troja? Auf den Trümmern wurde immer wieder eine neue Stadt erbaut. Genauso ist es hier. Komm mit.«
Er ging einen mehrfach gewundenen Gang entlang, bog irgendwann nach links ab und nahm schließlich eine weitere Treppe nach unten. Hier sah es deutlich ungemütlicher aus. Alle zehn Meter hingen an der Decke schwache Funzeln, die die schmutzigen Gänge ausleuchteten. Überall verliefen kreuz und quer verrostete Rohre sowie Stromleitungen, die ich in der Art noch nie gesehen hatte. Ich kam mir vor wie in geheimer Mission.
»Bitte nichts anfassen«, befahl Ferdi. »Niemand weiß, ob irgendwo noch Strom fließt oder nicht. Wir sind hier in der Anlage, die bis Anfang der 60er-Jahre in Betrieb war. Dann hat man einfach die neue Anlage oben drüber gebaut, ohne sich um das hier unten zu kümmern.« Er öffnete an einer Wand eine kleine Klappe. »Da drin stehen die Original-Gärtanks von früher. Natürlich um einige Dimensionen kleiner als heute.«
»Machst du hier unten spezielle Führungen? Ich könnte mir denken, dass es dafür eine Klientel gibt.«
»Geht nicht«, winkte Ferdi ab. »Das ist viel zu gefährlich. Aber wir sind noch nicht am Ziel.«
Wieder ging es endlos erscheinende Gänge in alle möglichen Richtungen entlang. Mein Orientierungssinn hatte sich bereits verabschiedet. Schließlich ging Ferdi eine hölzerne Wendeltreppe zwei Stockwerke nach unten. Aus seiner Jackentasche zog er zwei Taschenlampen.
»Jetzt sind wir im vierten Untergeschoss. Hier wurde Anfang des 20. Jahrhunderts Bier gebraut.«
Die Gänge waren enger und die Wände aus gemauerten Backsteinen. Es gab weniger Leitungen, die aber um ein Vielfaches vergammelter erschienen. Hier und da huschte ein kleines Lebewesen durch den Lichtkegel.
Ferdi zeigte nach vorne. »Auf den nächsten 20 Metern hat der Gang eine kleine Senkung. Es ist wie eine kleine Mutprobe.«
Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was er damit meinte. Der Weg ging vier oder fünf Steinstufen nach unten und weiter hinten wieder nach oben. Mein Freund ließ mir lächelnd den Vortritt. »Geh nur recht zügig hindurch. Keine Angst, ich bleibe hinter dir.«
Schulterzuckend stieg ich die Stufen nach unten. Ich vermutete, dass mir gleich eine kleine Rattenherde entgegenkommen würde. Doch weit gefehlt. Irgendetwas passierte mit mir. In meinem Kopf drehte sich alles, mir wurde schwindlig. Von hinten stieß mich mein Freund voran. Was war das? Und warum konnte ich plötzlich keine klaren Gedanken mehr fassen? Es schien Ewigkeiten zu dauern, bis wir die Treppenstufen auf der anderen Seite erreicht hatten. Nach wenigen Sekunden war der Spuk vorbei.
»Hast du etwas bemerkt?«
»Was war das?«, fragte ich Ferdi.
»So wirkt Kohlenstoffdioxid, wenn man es in einer Überdosis genießt. Da sich das Gas zuerst am Boden absetzt, bekommt man auf diesem Wegstück besonders viel ab. Aber du musst keine Angst haben, an Kohlenstoffdioxid kann man sich nicht vergiften. – Nur ersticken«, fügte er in einem sarkastischen Unterton hinzu.
»Und warum ist das Kohlenstoffdioxid hier unten?«
»Weißt du, aus was Kohlensäure besteht?«
Ich zuckte mit meinen Schultern.
»Kohlensäure entsteht, wenn Kohlenstoffdioxid mit Wasser reagiert. Beim Bierbrauen ein ganz normaler Vorgang.«
»Das beantwortet aber nicht meine Frage.«
»Das sammelt sich in allen tiefen Kellern ohne Belüftung. Selbst im Bergbau ist das manchmal ein Problem. Das Gefährliche daran ist, dass man es weder schmeckt noch riecht. Du schläfst einfach irgendwann ein. Für immer, meine ich. Hier unten sind früher öfters Leute an Kohlenstoffdioxid erstickt. Damals gab es keine effizienten Unfallverhütungsvorschriften.«
Ferdinand bog nach links in einen Raum, in dem ein paar Holzfässer standen. »In diesen Fässern wurde zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg Bier gebraut. Hier endet auch unsere Führung, tiefer gehe ich freiwillig nicht.«
»Heißt das, dass unter uns weitere Keller sind?«
»Zwei weitere Untergeschosse sind verbürgt und in Katasterplänen mehr oder weniger vollständig erfasst. Als wir vor ein paar Jahren mal einen Mitarbeiter suchten, hat die Feuerwehr die Keller mit Atemschutz durchkämmt. Dabei hat man bisher unbekannte Gänge entdeckt. Die wurden dann durch eine Spezialfirma zugemauert.«
»Warum denn das?«
»Da muss ich etwas ausholen. In diesem Areal befanden sich vor etwa 100 Jahren mehrere Brauereien. Diese Brauereien waren unterirdisch durch zahlreiche Gänge verbunden. Dort trafen sich unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Brauereibosse zum gemütlichen Besäufnis. Es sind mehrere Gänge verbürgt, die bis zum Neckar reichten, also unter den heutigen Kliniken hinweg.«
»Wahnsinn«, kommentierte ich seine Erzählung. »Da schien es damals in den Katakomben ziemlich abzugehen.«
»Nicht nur das, die Anzahl der Todesopfer war entsprechend. Zu der Zeit konnte man sich vieles nicht erklären. Man hat die Todesfälle einfach hingenommen.«
Die Geschichte und das umgebende Ambiente ließen mich erschaudern. »Können wir wieder hochgehen? Irgendwie habe ich ein beklemmendes Gefühl in der Magengegend. Weiß jemand, dass wir hier unten sind?«
Ferdinand winkte belustigt ab. »Ach woher, mir passiert hier unten nie etwas. Gehen wir halt hoch, ich zeig dir noch das Labor.«
Wir mussten wieder durch die Senke hindurch. Schlau wie ich war, holte ich vor meinem Abstieg zwei gepresste Lungenflügel voll sauerstoffhaltiger Luft und rannte so schnell ich konnte, bis ich notgedrungen wieder ausatmen musste. Immerhin wurde es mir durch diesen Trick nur leicht schwindlig. Ferdinand ging ganz normal durch die Senke und lachte sich dabei schlapp. Ich vermutete, dass mein Freund andere Wege einschlug, denn wir kamen in einem Nebengebäude des Sudhauses wieder ans Tageslicht. Ich folgte Ferdinand über den Hof und erschrak höllisch, als hinter mir etwas auf den nassen Boden klatschte. Als ich mich herumwarf, sah ich einen Mann vor mir liegen, der offensichtlich von einem der hohen Gärtanks heruntergesprungen war.
Der Tote sah nicht sehr appetitlich aus. Seltsamerweise schien seine Brille, die auf den deformierten Resten des Kopfes lag, intakt zu sein. Aber die Frage nach dem Optiker hielt ich zum einen nicht für besonders pietätvoll, zum anderen war niemand da, der mir diese Frage hätte beantworten können. Sein Alter war anhand der verbliebenen körperlichen Hülle schwer zu schätzen. Aufgrund der Turnschuhe, Jeans und dem Sweatshirt war ich von einem jüngeren Semester überzeugt.
»Mein Gott, das ist ja der Fritzl!«, rief Ferdinand, als er ihn erkannte. Zwei Gabelstaplerfahrer kamen zeitgleich angefahren, während der eine aufgeregt schrie und nach oben zeigte. »Ich habe ihn von dort oben runterspringen sehen. Das gibt’s doch nicht!«
Der zweite Fahrer kam hinzu und übergab sich schwungvoll beim Anblick der Leiche.
»Ich habe einen Notarzt gerufen«, meldete er, nachdem er sich den Mund mit seinem Ärmel abgewischt hatte.
Notarzt?, dachte ich. Der wird nicht mehr viel ausrichten können. Ich sah nach oben in schwindelerregende Höhen. Wer da runtersprang, hatte sein letztes Bier bereits getrunken.
Als Polizeibeamter war mir zwar klar, was man in so einem Fall unternehmen musste, doch hier zögerte ich. Durfte ich mich als quasi ausländischer Beamter überhaupt einmischen? Eigentlich war ich in dem Fall nicht mehr als ein Knallzeuge. Ein Knallzeuge war jemand, der beispielsweise einen Unfall gehört, aber nicht direkt miterlebt hat. Erst durch eigene geistige Kombination kam bei solchen Zeugen der Eindruck zustande, dass sie den Unfall direkt gesehen hatten. In Wirklichkeit hatten sie nur einen Knall gehört, und das eigentliche Geschehen, das vorher passiert war, waren zusammengesponnene Mutmaßungen. Solche Knallzeugen konnten einem Polizisten die Arbeit ganz schön schwer machen. Am liebsten hätte ich mich deshalb im Hintergrund gehalten und mich später als ganz normaler Knallzeuge gemeldet. Doch dies war mir nicht vergönnt. Der Braumeister kam aus dem Sudhaus gerannt.
Er erstarrte beim Anblick des Toten. Der Zeuge des Sprungs nahm Panscher am Arm und zeigte ihm die Stelle, wo seiner Meinung nach der Fritzl heruntergesprungen war.
»Warum war er überhaupt da oben?«, fragte der Braumeister nach ein paar gedankenvollen Sekunden mehr sich selbst. »Er hatte dort überhaupt nichts zu tun.«
»Wer ist dieser Fritzl überhaupt?« Diese Frage kam von mir.
Panscher schaute mich überrascht an, doch schließlich erkannte er mich als Freund von Ferdi. »Fritz Klein ist mein Mitarbeiter im Braubereich.« Er schüttelte heftig seinen Kopf, als könne er den Tod seines Kollegen immer noch nicht wahrhaben.
»Fritzl nannten wir ihn wegen seines Nachnamens«, klärte mich Ferdinand auf. Dann wandte er sich an den Braumeister. »Michael, der Fritzl muss da freiwillig runtergesprungen sein. Es muss sich um einen Freitod handeln. Niemand gibt dir irgendeine Schuld.«
Tränen schossen Panscher in die Augen. »Doch, ich bin schuld. Wenn ich die Zeichen richtig gedeutet hätte, wäre das nicht passiert.«
»Welche Zeichen?« Als Kriminalbeamter machte mich diese Aussage berufsbedingt neugierig.
»Ihm ging’s in letzter Zeit immer schlechter, wahrscheinlich hatte er Depressionen. Seit seine Ehe geschieden wurde, lief er neben sich selbst her. Er erzählte ständig, wie seine Ex-Frau ihn finanziell ausblutete. Und dann versuchte sie, das Umgangsrecht mit der gemeinsamen Tochter zu verhindern. Oh mein Gott, das Mädel ist drei Jahre alt und schon Halbwaise!«
Der Gabelstaplerfahrer führte Panscher zu einem kleinen Haufen Europaletten, auf dem er weinend Platz nahm.
Im gleichen Moment durchzog ein Höllenlärm das Firmengelände. Der Schall des Sondersignals eines Notarztwagens brach sich an den umliegenden Hallen und echote in mehreren Wellen.
Ich traute meinen Augen nicht, als der Wagen kurz vor dem Toten hart abbremste und Doktor Metzger fröhlich vor sich hin pfeifend ausstieg. Immerhin schaltete er vorher das mörderische Signal ab.
Doktor Metzger, bei dem das Wort Notarzt eine ganz andere Bedeutung bekam, war eine der skurrilsten Figuren in der Region. Sein nervös zuckender Mundwinkel, seine langen feuerroten Haare mit dem Mittelscheitel und nicht zuletzt der ehemals weiße Kittel, der eher nach Ölwechsel als nach ärztlicher Hilfe aussah, legten die Vermutung nahe, dass er entweder ein paar Jahrhunderte zu spät lebte oder Freigänger einer geschlossenen Abteilung war. Bereits vor ein paar Jahren hatte er seine Kassenzulassung zurückgegeben. Ich vermutete, zurückgeben müssen. Seitdem fuhr er je nach Lust und Laune Notarzteinsätze. Ich hatte keine Ahnung, wie er dies genehmigt bekam. So genau wollte ich es auch nicht wissen. Seit ich wusste, dass Metzger bisweilen die Straßen unsicher machte, um Unfallopfer angeblich zu retten, fuhr ich im Straßenverkehr weit vorsichtiger als früher.
Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, hatte sich Metzger vor einer Weile mit einer mobilen Klinik, die sich in einem Reisemobil befand, selbstständig gemacht. Kleinere Operationen wie Gallensteinentfernung, Meniskus oder Blinddarm führte er auf Wunsch der Kunden, wie er seine Patienten nannte, in seinem Reisemobil oder bei den Kunden zuhause aus. Seit der letzten Gesundheitsreform brummte sein Geschäft. Seine Mobilklinik, die gewöhnlich auf einem Campingplatz bei Altrip stand, war für mich ein Kabinett des Grauens. Doch Metzger verstand es immer wieder, die gesetzlichen Vorgaben derart individuell und überkorrekt auszulegen, dass es bisher keiner Behörde gelungen war, sein Vorgehen zu unterbinden. Vielleicht schmierte er sogar die Behörden, indem er den Beamten hohe Rabatte für Altersfleckenentfernungen und Sitzfleischaufpolsterungen versprach.
»Hallo, das ist ja der Herr Palzki!«, begrüßte er mich überschwänglich, als er mich entdeckte. »Sind Sie ins Brauereigeschäft eingestiegen?«
Nun ließ Metzger sein unnatürliches, frankensteinähnliches Lachen ertönen, das mir zwar bekannt war, die anderen Anwesenden allerdings zusammenzucken ließ.
Metzger packte, auch dies war typisch für ihn, eine seit mehreren Wochen überreif aussehende Banane aus seinem Kittel und schälte diese. Schmatzend redete er weiter. »Ich habe über Funk Meldung bekommen, dass bei Ihnen etwas einzusammeln wäre. Ist das der Unglückliche?«
Er besah sich Fritz Klein oberflächlich und schlussfolgerte: »Der ist hin, oder? Soll ich die Reste gleich mitnehmen?«
Langsam hatte ich mich wieder in meiner Gewalt. »Herr Doktor Metzger, wieso treiben Sie jetzt auch rechtsrheinisch Ihr Unwesen? Reicht Ihnen die Vorderpfalz nicht mehr?«
Nachdem er zum zweiten Mal sein schreckliches Lachen vorgeführt hatte, erklärte er mir seine Anwesenheit. »Ich helfe, wo ich gebraucht werde, Herr Palzki. Die Geschäfte in der Pfalz laufen im Moment schlecht. Die Leute bleiben bei dem Sauwetter zuhause und dadurch gibt es weniger Unfälle. Wenn es wenigstens Blitzeis geben würde, dann hätte ich wieder massig zu tun.«
»Das beantwortet nicht meine Frage. Warum sind Sie in Baden-Württemberg?«
»Falsche Planung. Es sind zwischen Weihnachten und Neujahr einfach zu viele badische Kollegen in Urlaub. Manche sind auch krank.« Wieder lachte er und sein Mundwinkel zuckte.
»Mannheim und Umgebung haben im Moment einen ärztlichen Notstand. In manchen Krankenhäusern haben sie begonnen, virtuelle Ärzte einzusetzen.«
»Was sind virtuelle Ärzte?«
»Pfleger, die so tun, als wären sie Arzt. Damit wird den Patienten vorgegaukelt, dass genügend Ärzte im Haus sind. Natürlich dürfen die Pfleger offiziell keine ärztlichen Leistungen erbringen, aber allein deren Anwesenheit beruhigt viele Patienten. Sind wir mal ehrlich, für Mandel- und Polypenentfernungen und so Zeug braucht man heutzutage kein gelerntes Personal mehr, das können Pfleger genauso gut, wenn sie zwei- oder dreimal zugeschaut haben. Heute Morgen habe ich in einer Klinik mal ein bisschen im Akkord ausgeholfen und ein paar Blinddärme erledigt. Ein Bypass war, glaub ich, auch dabei. Das geht heutzutage ja so schnell, das kann sich kein Mensch mehr merken.«
Ferdinand schaute mich die ganze Zeit zweifelnd an. Mit Sicherheit wunderte er sich darüber, dass ich einen Typ wie Metzger kannte. In Anwesenheit des Notarztes konnte ich ihm schlecht sagen, dass man sich als Polizeibeamter seinen Umgang nur selten aussuchen kann.
Mir blieb nichts anderes übrig, als die Situation zu retten. »Herr Doktor Metzger, Sie müssen leider warten. Zuerst müssen sich die Polizei und ein richtiger Arzt vom ordnungsgemäßen Ableben des Mannes überzeugen.«
Metzger grölte. »Ja genau, wir beide haben nun ausführlich genug auf den da gestarrt.« Er zeigte auf den toten Fritz Klein. »Kann ich ihn jetzt endlich einpacken? Es muss auch niemand den Hof sauber machen, wenn es noch eine Weile regnet.«
»So geht das nicht. Die Polizei muss her. Hat die niemand angerufen?«
Ich schaute mich um, inzwischen stand rund ein Dutzend Mitarbeiter herum. Nur der Staplerfahrer rührte sich. »Ich habe nur den Notarzt gerufen.«
Ferdinand hatte begriffen und zückte sein Handy.
Während er telefonierte, trat Metzger an mich heran und flüsterte mir ins Ohr: »Können Sie die Leiche nicht freigeben? Ihre badischen Kollegen sind immer so penibel und überkorrekt. Da muss ich immer ewig warten, das drückt meine Umsatzrendite. Für diese Sache kann ich höchstens 100 Euro in Rechnung stellen. Und wenn ich das noch versteuern würde, äh, versteuert habe …«
Ich ließ mich nicht erweichen und ließ Metzger stehen.
»Wie kommt man da hoch?«, fragte ich meinen Freund und zeigte auf den höchsten Punkt der Gärtanks.
»Bis auf halbe Höhe in 18 Metern geht ein Fahrstuhl. Dann gibt’s nur noch eine Treppe. Die ist allerdings bei Regen nicht ganz unproblematisch, da rutschst du ganz schnell aus.«
Meine Kombinationsgabe funktionierte. »Kann Panschers Gehilfe ausgerutscht sein? Wäre ein Unfall möglich?«
Ferdinand schüttelte den Kopf. »Nur wenn er aufs Geländer geklettert wäre. Ansonsten kannst du zwar ein paar Meter die Treppe runtersegeln und dir ein paar Knochen brechen, aber spätestens das Geländer fängt dich dann ab.«
»Machen wir uns auf den Weg, das will ich mir näher anschauen.«
Ferdi deutete in Richtung Sudhaus. »Lass uns den trockenen Weg nehmen, wir sind nass genug.«
In der Tat hatte sich durch den Nieselregen die Feuchtigkeit in der kompletten Kleidung breitgemacht. Hoffentlich war das nicht gleichbedeutend mit einem morgigen grippalen Infekt.
Wir gingen in das Sudhaus und verließen es gleich wieder durch eine kleine Tür am hinteren Ende. Dahinter befand sich auf der rechten Seite ein kleiner Aufzug, in dem maximal vier normalgewichtige Personen Platz fanden.
»Jetzt fahren wir auf 18 Meter Höhe«, erklärte mein Freund, um die Wartezeit im Aufzug zu überbrücken. »Mach besser deine Jacke zu, dort oben bläst fast immer ein kräftiger Wind.«
Der Lift ging auf und wir betraten eine Ebene, die mit metallenen Gitterrosten begehbar gemacht war. In der Tat blies uns sofort kalte Luft ins Gesicht. In Kombination mit meinen feuchten Kleidern stand einer Grippe nun bestimmt nichts mehr im Weg. Auf den Rosten konnte man um alle Tanks herumlaufen. Ich zählte eine Gruppe zu sechs und eine zu vier Tanks. Ferdinand und ich liefen zur Hoffront und schauten nach unten. Die Höhe wirkte Respekt einflößend. Die Menschenmenge, die um den Notarztwagen und die Leiche herumstand, wirkte klein wie Insekten.
»Ihr müsst weiter rauf!«, schrie plötzlich von unten eine undeutliche Stimme. Ich erkannte den Rufer als einen der Gabelstaplerfahrer. »Fritzl ist von ganz oben gesprungen!«
Ich blickte nach oben und mir wurde leicht schwindlig. Die Tanks schienen in den Himmel gewachsen zu sein.
»Auf, packen wir’s«, meinte Ferdinand und zeigte auf eine Metalltreppe. »Das Gipfelkreuz steht auf 34 Meter.«
Was blieb mir anderes übrig, als ihm zu folgen? Bei ungefähr 25 Höhenmetern schnaufte ich wie ein Walross, bei 30 Metern wünschte ich mir eine Basisstation wie im Himalaja. Und die Treppe nahm kein Ende …
Auch wenn ich die Hoffnung aufgegeben hatte, sie hörte schließlich doch auf. Aber das Erreichte war keinesfalls das Paradies. Zugig war’s und eiskalt. Ich krallte mich am Geländer fest und versuchte, meinen Atem zu beruhigen.
Ferdinand Jäger, der ganz normal atmete, lachte. »Ein bisschen Sport würde dir guttun, Reiner. Wenn ich das vorher gewusst hätte, wären wir mit Sauerstoffgeräten hochgegangen.«
»Hör mir damit auf«, entgegnete ich stoßweise. »Warum geht der Aufzug nicht bis ganz nach oben?«
»Weil nur selten jemand hoch muss. Das wäre zu teuer geworden.« Er zeigte auf die Oberseiten der Tanks zu unseren Füßen, die man durch die Gitterröste deutlich sehen konnte. »Das sind übrigens nicht nur Gär-, sondern auch Lagertanks. Man kann die Kombitanks für beide Zwecke verwenden. Wegen der Form nennen wir sie ZKG, das bedeutet zylindrokonische Gär- und Lagertanks.«
Mir war das im Moment egal, zu sehr war ich mit mir selbst beschäftigt. Ich ging zu einem kleinen Unterstand, der zumindest vor dem Nieselregen schützte. »Gehen wir nach vorne, wo der Fritz gesprungen sein muss.«
»Langsam, Ferdi«, stoppte ich sein Vorhaben. »Lass uns vorsichtig vorgehen.«
»Du musst keine Angst haben, ich bin bei dir. Außerdem haben wir ringsherum ein Geländer.«
»Du verstehst mich falsch. Mit vorsichtig meine ich, dass wir keine Spuren verwischen sollten.«
»Vielleicht finden wir etwas am Geländer, wo er drübergestiegen ist.«
»He, was soll das? Sag bloß, du bist nicht schwindelfrei?«
»Donnerwetter!«, stieß Ferdinand Jäger hervor, als er die Konsequenz der Spurenlage verinnerlicht hatte. »Da sind zwei Leute durchgelaufen, aber keiner ist zurückgegangen. Seltsam.«
»Und was machen wir jetzt?«
Nachdem wir das nicht allzu schwere Stück geborgen hatten, gingen wir gemeinsam zu dem Punkt, an dem Fritz Klein mutmaßlich herabgestürzt war. Wir bemühten uns, nichts anzufassen und die Laufwege nur am äußersten Rand zu benutzen. Das Geländer, das nur aus zwei waagerecht verlaufenden Holmen bestand, mochte zwar den Bestimmungen der Berufsgenossenschaft entsprechen, meinem Sicherheitsgefühl aber bei Weitem nicht. Ohne es zu berühren, schaute ich über den Holmen hinweg nach unten. Das hätte ich besser sein lassen. Den Kloß im Hals würde ich so schnell nicht wieder loswerden. Ich fixierte meinen Blick auf das Geländer, bemüht, ja nicht mehr nach unten zu schauen. Ferdinand stand schweigend daneben und schien zu überlegen.
»Meinst du nicht, dass wir dafür zu alt sind? Wo soll ich jetzt eine Haschischzigarette hernehmen?«
»Ach so, dann sag’s doch gleich.« Er fummelte in seinem Mantel herum und zog die angebrochene Packung Weihnachtsgebäck hervor. »Das ist das Einzige, was ich dabei habe. Hast du Hunger?«
»Na ja, immerhin etwas«, sagte ich und nahm die Tüte. Mit einer Hand öffnete ich die Außentasche meiner Jacke und mit der anderen ließ ich den angeblich so gesunden Inhalt in die Jacke rutschen. Schließlich schüttelte ich die letzten Krümel über das Geländer. Als ich mir zum Schluss die Tüte über die Hand zog, wollte Ferdi eingreifen, da er wohl an meiner geistigen Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln begann.
Auch diese ketzerische Anmerkung ließ ich unkommentiert. Stattdessen zeigte ich mit meiner folienbehandschuhten Hand auf das Geländer. An einer Stelle, wo zwei Querholme miteinander verschweißt waren, hingen Faserspuren. Ich griff sie vorsichtig und zog dann mit der anderen Hand die Tüte über die Fasern. Damit hatte ich die Faser ohne Handberührung geborgen.
»Not macht erfinderisch. Ein Kollege hat mal eine Spur in einem Kondom geborgen, weil er nichts anderes zur Hand hatte. War aber ein unbenutztes.«