WIRTSCHAFTSNACHRICHTEN
ENDLICH VERSTEHEN
WIRTSCHAFTS NACHRICHTEN
ENDLICH VERSTEHEN
So entschlüsseln Sie Meldungen zu Konjunktur, Wirtschaftspolitik und den Finanzmärkten – von A wie Aktie bis Z wie Zentralbankgeld
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Originalausgabe, 1. Auflage 2021
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Redaktion: Ulrich Wille
Korrektorat: Anne Horsten
Umschlaggestaltung: Catharina Aydemir
Umschlagabbildung: shutterstock / Nightman1965, Stanisic Vladimir, sebra, Rodrigo Garrido, Image-Flow, Funtap, Momentum Fotograh Rabanser; AdobeStock: Dan Race
Abbildung Seite 61: iconico, Macrovector, elenabsl.
Satz: Zerosoft, Timisoara
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN Print 978-3-95972-402-9
ISBN E-Book (PDF) 978-3-96092-747-1
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96092-748-8
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Vorwort
Teil I – Die reale Wirtschaftswelt
Von nationalen und internationalen Systemen
»Alles läuft heute von allein«
Weltweite Beziehungen
Globale Ordnungshüter
Eine neue Ordnung?
Boom und Bust: in Kreisen denken
Auf und nieder – immer wieder
Wir steigern das Bruttosozialprodukt …
Die Salamitaktik für Prognostiker
Die ganzheitliche Taktik für Pragmatiker
Zahlen für alle
Teil II – Die politische Welt
Wie Wirtschaftspolitik funktioniert
Was Fiskalpolitik bewirkt
Theoretisch richtig
Wenn der Staat haushalten muss
Mit Geldpolitik steuern
Unabhängig bleiben!
Von Wirkungen und Nebenwirkungen
Mindestreserve, Quantitative Easing und Leitzinsen
Teil III – Die Welt der Finanzmärkte
Wer sich an den Finanzmärkten tummelt
Banken: ein relevantes System
Von Schatten- und Nichtbanken
Börsen und andere Marktplätze
Was gehandelt wird: vom Sparbuch bis zu Schweinehälften
Zinsanlagen
Devisen
Immobilien und andere Sachwerte
Aktien
Fonds
Derivate
Rohstoffe
Teil IV – Die Geldanlage-Welt
Was kann ich?
Wie viel brauche ich?
Wie erreiche ich es?
Sie brauchen Rendite! (Und deshalb führt an der Börse kein Weg vorbei)
Sie brauchen breite Streuung und Zeit! (Zumindest für ein Börsenengagement)
Danksagung
Glossar
Anmerkungen
Sie haben es also satt: Dass Ihr Chef Ihnen eine Gehaltserhöhung mit Hinweis auf die neue asiatische Freihandelszone ablehnt und Sie einfach nur sprachlos sind. Dass der Bankberater Ihnen etwas von Rendite, Einlagensicherungsfonds und indexgebundenen Geldanlagen erzählt und genauso gut über irgendwelche chemischen Formeln sprechen könnte, weil Sie kein Wort verstehen. Dass dieser oberdynamische Kerl auf der letzten Party so getan hat, als wären Sie echt von vorgestern und ein bisschen blöde, weil Sie nicht in Bitcoin investieren – und Sie hätten wirklich viel dafür gegeben, wenn Sie hätten antworten können. Und dass Sie das dumpfe Gefühl haben, der Politiker in der Talkshow hat gerade Müll über die neueste wirtschaftspolitische Maßnahme erzählt, aber Sie wissen einfach nicht, warum.
Sie wollen endlich verstehen, wie Wirtschaft funktioniert und was die Begriffe bedeuten, die in den Medien dauernd vorkommen. Und Sie wollen mitbekommen, was sich tut. Das finde ich super!
Schon mal vorab: Nein, Sie werden mit diesem Buch natürlich nicht reich, berühmt, glücklich und schlank, wie das so mancher amerikanische Ratgeber vielleicht verspricht. Aber Sie werden viel mehr verstehen, besser mitreden und vielleicht die eine oder andere bessere Entscheidung treffen können.
Vielleicht sind Meldungen über Unternehmen, Konjunktur und Börse bisher immer wieder mal einfach ein Rätsel für Sie. Was warum wichtig ist, scheint unklar, viele Meldungen unverständlich. Oder der Wirtschaftsteil der Nachrichten ist Ihnen sogar ein Graus. Genau die Stelle, an der Sie am liebsten weghören, ausschalten oder erst gar nicht lesen. So nach dem Motto: Wirtschaftsnachrichten – nein danke. Ist echt zu langweilig.
Der Gewinn der Firma XY ist stark gefallen? Schlecht für die. Die Regierung plant eine Verbesserung der Rentenleistungen? Das klingt doch eigentlich gut. Aber im Prinzip ist es Ihnen auch egal, wenn Sie nicht persönlich einen direkten Nutzen oder Schaden haben?
Nun, das ist ein großer Denkfehler. Denn Wirtschaft betrifft uns alle, jeden Tag und jeden Einzelnen. Sie ist ein essenzieller Teil jeder Gesellschaft. Und komplex. Jede Veränderung an einer Stelle bewirkt eine Kettenreaktion, die letztendlich auch bei Ihnen ankommen könnte. Firma XY könnte ein wichtiger Teil der Wirtschaftsstruktur in der Branche sein, von der Ihr Arbeitsplatz oder Ihre Auftragslage abhängt. Und die Rentenpolitik wird nicht erst in einigen Jahren Ihren eigenen Ruhestand prägen. Sie könnten allen einschneidenden Entschlüssen schon bald wiederbegegnen – bei den Rentenkassenbeiträgen auf Ihrer Lohnabrechnung.
Langweilig sind die Zahlen, Daten oder auch wirtschaftspolitischen Konzepte nur so lange, wie sie als einzelne Bruchstücke daherkommen. Sobald Sie eine Idee davon haben, wie die Mechanismen ablaufen, sind die Neuigkeiten ganz und gar nicht mehr dröge und anstrengend. Das ist ungefähr so, als ob Sie ein Gespräch über die Trennung von Peter und Eva mit anhören. Wenn Sie keine Ahnung haben, wer das ist, ist das unendlich ermüdend. Kennen Sie die beiden und vielleicht auch ihre bewegte Vorgeschichte, wird es interessant.
Nun ist es aber so, dass Ihre Zeit begrenzt ist. Sie haben einen Beruf, Familie, Hobbys und Freunde und wissen oft sowieso nicht, warum der Tag schon wieder rum ist. Stundenlanges Lesen oder Recherchieren ist einfach nicht drin. Und Ihr Vorhaben wird vermutlich grandios scheitern, wenn Sie Ihr Leben umkrempeln müssten – so eine große Rolle sollte das dann doch nicht spielen.
Sie müssen aber auch nicht zwei Stunden früher aufstehen, nur noch in Teilzeit arbeiten oder Ihre Mitgliedschaft im Tennisclub kündigen, damit Sie Zeit haben, systematisch Zeitungen und Onlinedienste durchzukämmen. Wir machen das anders:
Das ist aber auch nicht schlimm: Zu versuchen, jede Zahl und jede Meldung genau zu verstehen, ist ungefähr so sinnvoll, wie eine Landkarte im Maßstab eins zu eins zu zeichnen. Erstens schaffen Sie das einfach zeitlich nicht und zweitens haben Sie dann immer noch keinen Überblick.
Was wir aber brauchen, ist erst einmal ein grundlegendes Verständnis für die Abläufe. Nur wer weiß, warum Zentralbanken das tun, was sie nun mal so tun, kann neue Entwicklungen richtig einschätzen. Und zum Beispiel verstehen, dass die Meldung über eine Ausweitung der Anleihenkaufprogramme vielleicht ein Anlass sein sollte, doch mal über Aktien zur Altersvorsorge nachzudenken. (Was genau ein Anleihenkaufprogramm einer Zentralbank ist und wie es wirkt, werden Sie nach Seite 160 wissen.)
Vielleicht hilft es Ihnen, sich klarzumachen, dass es selbst in der Wirtschaftswelt niemanden gibt, der alles weiß. Die Themen sind in Unterthemen filetiert, und in Banken und Thinktanks, an Universitäten und in staatlichen Instituten beschäftigen sich brillante Köpfe mit kleinen Einzelteilen dieser Unterthemen – den ganzen Tag. Da können Sie nicht mithalten. Müssen Sie aber auch nicht, Sie sind Experte in Ihrem ganz eigenen, anderen Bereich, in dem Sie arbeiten.
Sie können die Arbeit der Wirtschaftsexperten aber immer dann für sich nutzen, wenn es für Sie relevant ist, indem Sie aus den Medien die wichtigsten Ergebnisse der Fachleute aufnehmen. Das kostet nicht viel Zeit.
Und es kommt noch besser: Welche der vielen Studien und Analysen gerade wirklich wichtig sind, müssen Sie auch nicht selber herausfinden – genauso wenig, welche neuesten Zahlen oder Entwicklungen beachtenswert sind. Auch das lassen Sie von anderen erledigen – von Redaktionen oder den Verfassern von Newslettern oder anderen Medien. Deren Job ist es nämlich, sich jeden Tag durch einen Berg von Daten, Meldungen und Pressemitteilungen zu wühlen und das für Sie heraus zu sortieren, was wirklich einen Gedanken wert ist. Die Profi-Wühler verkleinern den Maßstab Ihrer Wirtschaftslandkarte also, indem sie sich auf wesentliche Eckpunkte konzentrieren, unwichtigere Details aber weglassen.
Um mithilfe der Medien in Sachen Wirtschaft auf dem Laufenden zu bleiben, genügt es also im Prinzip, einfach nicht wegzuhören, auszuschalten oder umzublättern. Wenn Sie erst einmal wissen, wie der Hase läuft, ist es auch oft ausreichend, sich einfach die Schlagzeilen anzuschauen und Artikel nur anzulesen.
Suchen Sie sich also eine Gelegenheit, eine tägliche Dosis Wirtschaftsnachrichten in Ihren Alltag zu integrieren, ohne dass Sie viel umstellen müssen. Wenn Sie einen längeren Arbeitsweg haben, bietet es sich an, durch Online-Angebote zu scrollen oder eine gedruckte Tageszeitung oder Zeitschrift zu lesen. (Aber natürlich bitte nur, wenn Sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind und nicht ein Auto steuern. Ich möchte nicht für eine unerklärliche Serie an Unfällen im Berufsverkehr verantwortlich gemacht werden.) Als Autofahrer können Sie einen Nachrichtensender oder Podcast suchen, der Ihnen gefällt.
Nur wenn Sie vor einer großen Entscheidung stehen – weil Sie zum Beispiel eine Immobilie kaufen oder Ihre Altersvorsorge auf die Beine stellen wollen –, sollten Sie mehr tun. Räumen Sie sich dann ein, zwei Wochenenden frei und recherchieren Sie alles, was Sie zu dem Thema finden können, vielleicht kaufen Sie sich sogar ein Buch, das Sie durcharbeiten.
Sobald Sie Ihre kleine Lücke für die tägliche Portion Wirtschaftsnachrichten gefunden haben, bleibt noch die Frage: Welche Quellen wollen Sie benutzen? Ich bin natürlich ein Fan der professionellen Medien (in anderen Kreisen auch bekannt als »Lügenpresse«) – vor allem bei Wirtschaftsthemen. Denn außerhalb der Profi-Presse gibt es eine ganze Menge Menschen – nicht nur im Internet –, die weniger informieren als vielmehr manipulieren wollen. Zum Beispiel indem sie eine Geldanlage in den Himmel jubeln, an der sie dann mitverdienen. Die wollen also nur das Eine – an Ihren Geldbeutel.
Das wollen die etablierten Medien auch, allerdings gelingt ihnen das erfreulicherweise nur, wenn sie tatsächlich gute Leistungen für Sie erbringen. Denn nur dann können die Verlage und Sender über Abos, Einzelverkäufe oder Werbung Geld verdienen. (Und nein, die Werbetreibenden rufen die Chefredakteure nicht regelmäßig an, um Themen zu verhindern oder zu platzieren, und auch das Bundeskanzleramt schickt keine wöchentlichen Listen mit Vorgaben an Redaktionen, wie es so mancher Medien-Verschwörungstheoretiker gerne glauben will.)
Alle professionellen Medien – egal ob private Verlage oder öffentlichrechtliche Sender haben zudem im Gegensatz zu Privatleuten ziemlich strenge Regeln – am strengsten sind die bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Da muss ordentlich recherchiert und ausgewogen berichtet werden, die Gegenseite angehört werden und vieles mehr. Wer dagegen verstößt, bekommt Ärger: Und glauben Sie mir, als Journalist wollen Sie keine Abmahnung vom Presserat kassieren – das fördert die Karriere nämlich nicht. Und als Chefredakteur wollen Sie keinen Widerruf abdrucken.
Welches Medium ist aber jetzt am besten? Das müssen Sie für sich herausfinden. Wenn Sie einfach in Sachen Politik und Wirtschaft mitreden wollen, brauchen Sie andere Medien, als wenn Sie zum Beispiel an den Börsen unterwegs sind. Jede Zeitung, jede Zeitschrift und jeder Sender hat zudem eine eigene Weltsicht und so was wie einen eigenen Charakter. Der Spiegel zum Beispiel ist für mich eine unverzichtbare Quelle, allerdings ist er nach wie vor ein sehr männlich geprägtes Medium. Das merkt man daran, dass die Politiker, Manager und andere Menschen in den Artikeln immer eines anstreben: mehr Macht und/oder mehr Geld – sachliche Argumente oder Überzeugungen gibt es in der Spiegel-Welt oft nicht wirklich, und das nervt manchmal.
Probieren Sie also ein bisschen herum, hören Sie verschiedene Nachrichtensender, schauen Sie mal wieder Fernsehen und lesen Sie möglichst verschiedene Zeitungen und Zeitschriften – egal ob auf Papier oder im Internet. Und finden Sie heraus, wer zu Ihnen passt.
Wissen sollten Sie allerdings, was Sie in den verschiedenen Kanälen finden können. Denn da gibt es durchaus Unterschiede zwischen Fernsehen, Print und Radio: Fernsehen funktioniert im Prinzip nämlich nur über Einzelschicksale und Beispiele, weil man abstrakte Gedanken und Statistiken einfach schlecht filmen kann. Achten Sie mal darauf: Auch in vielen kurzen Formaten wie einem Beitrag für die Nachrichten steht die handelnde oder eine betroffene Person im Vordergrund (die Bundeskanzlerin, der Zentralbankchef, die Familie, die von der Steuersenkung profitiert, und so weiter). Fakten und Zahlen werden vielleicht in einem Schaubild gezeigt, aber komplexere Zusammenhänge passen hier nicht hinein.
Personalisierte Geschichten haben den Vorteil, dass sie emotional und damit spannend sind. Und uns daran erinnern, dass es auch beim Thema Wirtschaft eigentlich um den Menschen geht. Dies färbt jedes Thema aber ein, denn das persönliche Schicksal und der spezielle Fall sind zwar anschaulich, aber eben doch individuell. Das kann irreführend sein.
Wenn Sie schwierigere Zusammenhänge verstehen wollen, ist ein Beitrag in einer Zeitung oder Zeitschrift also besser geeignet. Weil Sie das Tempo bestimmen, in dem Sie den Artikel lesen, können hier komplexere abstrakte Gedanken und Sachverhalte verständlich dargestellt werden.
Einer Figur werden Sie häufig begegnen – in allen Medien: dem Experten oder der Expertin. Das ist gerne eine Professorin für irgendwas oder ein Verbandspräsident und ordnet das Thema auf einer abstrakteren Ebene ein. Aber auch er oder sie ist eine Person und verfolgt eventuell Interessen. Ganz schräg kann das werden, wenn Sie im Internet Beiträge in den sozialen Medien aufrufen.
Fernsehen und Print haben also beide eigene Nachteile – und Radio und Podcast verbinden ausgerechnet die schlechten Seiten spielend (und sind trotzdem meine Lieblingsmedien). Weil man die handelnde Person nicht sieht, ist man ein Stück weiter weg, dafür ist es unmöglich, irgendetwas richtig Schwieriges bei gesprochenen Beiträgen gut unterzubringen. Aber: Etwas zu hören ist einfach unglaublich praktisch, denn das geht beim Autofahren oder Kochen oder Sport und lässt sich besser als alles andere in den Alltag integrieren – probieren Sie es.
Immer gut ist es übrigens, mehr als eine Quelle zu benutzen. Denn was immer Sie erfahren und denken, und selbst wenn Sie die grundlegenden Mechanismen der Wirtschaft im Griff haben: Sie und ich werden mit unseren Einschätzungen immer (und zwar wirklich IMMER) ein bisschen danebenliegen, egal wie viel Mühe wir uns geben. Das können Sie in diesem Buch schön nachvollziehen. Ich habe es im Herbst 2020 geschrieben. Als ich angefangen habe, war es Spätsommer, von der zweiten Corona-Welle noch keine Spur und Donald Trump siegesgewiss, dass er bei den anstehenden Wahlen eine weitere Amtszeit als US-Präsident gewinnen würde. Schon während ich geschrieben habe, hat sich alles geändert. Und wenn Sie das hier lesen, ist nur eines sicher: Manches sehe ich heute bestimmt ganz anders.
Denn es ist ja nicht nur so, dass wir nicht alles wissen können. Zudem wird unser Bild von der Wirklichkeit immer auch von unseren Hoffnungen, unseren politischen Grundüberzeugungen, der Auswahl der Nachrichten, die wir bewusst oder unbewusst treffen, und vielem anderen beeinflusst. Deshalb müssen wir bereit sein, uns ständig zu hinterfragen. Und dabei ist es hilfreich, Gegenargumente zu hören. Ich lese deshalb nicht nur die liberale New York Times, sondern gehe ab und an auch auf den (ehemaligen) Trump-Fan-Sender Fox News, und für wirtschaftspolitische Themen in Deutschland schaue ich auch schon mal in die als weit links geltende taz.
Okay, jetzt haben Sie aber genug. Sie haben sich dieses Buch ja nicht vorgenommen, weil Sie Genaueres über Medientheorie lernen wollten. Recht haben Sie. Lassen Sie uns dafür sorgen, dass Sie einen groben Plan von Wirtschaft bekommen. Und damit künftig mit Freude Wirtschaftsnachrichten konsumieren werden. Denn wie bei einer guten Fernsehserie gibt es immer wieder spannende Wendungen, neue Entwicklungen und interessante Figuren. Wenn Sie sich darauf einlassen, werden Sie feststellen: Wirtschaftsnachrichten können richtig Spaß machen.
Ach, apropos Spaß: Alles, was Zahlen oder Zusammenhänge oder Begriffe betrifft, habe ich in diesem Buch so korrekt, wie es mir möglich ist, wiedergegeben. Ich habe sogar zum Äußersten gegriffen und meinen ehemaligen Chefredakteur Hans G. Linder genötigt, das ganze Werk zu lesen und zu überprüfen. Ansonsten sollten Sie mich aber nicht immer ganz ernst nehmen: zum Beispiel wenn ich empfehle, irgendwelche volkswirtschaftlichen Zusammenhänge auf Partys zu erzählen. Ich möchte keine Beschwerden hören, dass Sie wegen nerviger Vorträge ausgerechnet dann von der Gästeliste von lustigen Events gestrichen wurden, als es nach Corona endlich wieder welche gegeben hat.
Wer das System versteht, nach dem Wirtschaft funktioniert, hat schon halb gewonnen. Aktuelle Ereignisse, Entscheidungen und Entwicklungen sind dann leicht richtig – und vielleicht sogar gewinnbringend – einzuordnen.
Wirtschaft kann verwirrend sein, und das gilt besonders, wenn es Prognosen angeht. Immer wieder werden Sie ganz verschiedene Szenarien für die nahe oder ferne Zukunft lesen – und das hilft Ihnen natürlich nur bedingt weiter. Ganz besonders heftig war das im wilden Corona-Jahr 2020. Fast jeden Tag gab es Schlagzeilen zwischen Himmel und Hölle wie die Folgenden aus dem Handelsblatt und der Zeit:
24. Juni 2020
IWF fürchtet eine Dauerkrise der Weltwirtschaft
Donata Riedel; handelsblatt.com1
1. Juli 2020
Ifo-Institut erwartet starkes Wirtschaftswachstum
dpa, AFP, als; zeit.de2
Was denn nun? Weltwirtschaftskrise oder starkes Wachstum? Um es klar zu sagen, auch Experten wissen das nicht mit Sicherheit. Denn das Ganze ist einfach unglaublich komplex.
Vielleicht hilft es Ihnen, sich die Wirtschaft wie eine riesige Maschine vorzustellen, die Lollis produziert, also Lutschbonbons am Stiel. Je nachdem, wie sie eingestellt ist, kommen kleine, schlichte, graue oder riesige, schillernde, mehrfarbige Lollis heraus. Das Problem ist aber: Vorherzusagen, wie die Lutscher genau aussehen werden, ist schwierig. Denn die Maschine hat Hunderte von Zahnrädchen, die ineinandergreifen, und zahllose Schalter und Schrauben.
Und es kommt noch schlimmer: Irgendwie ist ein Wirrkopf in die Produktionshalle geraten, der ständig an der Maschine herumschraubt. Er legt Schalter um und gibt einzelnen Zahnrädern einen Zusatzschubs oder bremst sie ab. Sein Name: Effekt, Herr Externer Effekt, und ja, er benimmt sich so, als tränke er relativ viel gerührten Martini.
Zufällig heißt er also genauso, wie Volkswirte alle unvorhersehbaren äußeren Ereignisse nennen, die den Ablauf der Wirtschaft durcheinanderbringen: Ernteausfälle, Explosionen in Werkshallen oder einen plötzlichen Nachfrageschub wie bei der deutschen Wiedervereinigung. Ab und zu fällt ihm auch was ganz Großes ein – wie ein Krieg oder zuletzt die Covid-19-Pandemie. Sein Vorrat an sehr grausamen oder originellen Ideen scheint unbegrenzt.
Und dass er durchaus sportlich ist und in der Lage, alles auf einmal zu verstellen, wissen wir spätestens seit der Corona-Krise. In solchen Fällen, in denen es ihm gelingt, so gut wie alles auf einmal abzubremsen, sagt unser Wirrkopf gerne stolz: »Mein Name ist Schock, Externer Schock.«
Welchen Durchmesser und welche Farbe der nächste Lolli genau hat, kann daher niemand genau vorhersagen. Sie können aber ungefähr abschätzen, wohin die Reise geht, wenn Sie die großen Zahnräder und die wichtigsten Schalter im Auge behalten. Welche das sind und wie man sich über sie auf dem Laufenden halten kann, besprechen wir im Folgenden.
Wenn Sie dann das Gefühl haben, die wichtigsten Zusammenhänge zu verstehen, könnten Sie doch ein persönliches Ratespiel aus der Sache machen. Versuchen Sie sich als Wirtschaftsprognostiker und bilden Sie sich eine Meinung aus dem, was Sie Tag für Tag lesen oder hören. Sie werden dazu eine gute Portion gesunden Menschenverstand und etwas Übung brauchen, aber es schult ungemein, auf die wichtigen Dinge zu achten. Und seien Sie auf keinen Fall streng mit sich: So gut wie niemand (die Autorin dieses Buches eingeschlossen) hat immer richtiggelegen.
Wie ist unser Wirtschaftssystem aufgebaut? Wie funktioniert die Weltwirtschaft? Und was verändert sich gerade alles? So können Sie die großen Trends verfolgen.
Fangen wir doch einfach damit an, dass wir uns einmal den groben Aufbau unserer Lolli-Maschine genauer ansehen. Wie funktioniert sie grundsätzlich, welche Teile sind wo? Und welches Zahnrad greift in welches? Und wer hat welche Möglichkeiten, die Einstellungen zu verändern? Der Staat? Unternehmer? Die Arbeitnehmer?
Zu Deutsch: Wir stellen die Systemfrage. Und da scheint sich mit der Corona-Krise ja einiges verändert zu haben, wie der folgende Meinungsartikel von Thomas Straubhaar aus der Welt zeigt:
Um zu verstehen, was Thomas Straubhaar in seinem Kommentar meint, müssen wir erst ein ganz bisschen theoretisch werden: Wir sehen uns erst einmal den Aufbau einer idealen marktwirtschaftlichen Maschine an und dann das, was die Corona-Maßnahmen der Regierung daran vielleicht verändert haben. Übrigens ist Straubhaar ein sehr renommierter Professor der Volkswirtschaft und ehemaliger Leiter eines der wichtigen Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland. Seine Meinung ist also sicher wert, gehört zu werden – anderer Ansicht können Sie dann immer noch sein.
Wie Marktwirtschaft und soziale Marktwirtschaft funktionieren und was Sie darüber wissen sollten.
In einer rein marktwirtschaftlichen Ordnung werden alle Zahnrädchen und Schalter immer von den Gleichen eingestellt: nämlich von niemandem, oder besser: von allen. Außer natürlich von Herrn Externer Effekt: Der verstellt weiter fröhlich alles Mögliche.
Gesteuert wird die Maschine nämlich nicht von einer Person oder Gruppe, sondern von einem Leitungssystem, durch das Geld fließt. Dort, wo mehr Geld hinkommt, wird ein Zahnrad beschleunigt. Herrscht Dürre, bremst es ab. Diesen Geldfluss lenken alle zusammen: Jeder Konsument, der ein Gut kauft, jeder Unternehmer, der Investitionsgüter oder auch nur einen Stapel Papier bestellt: Immer wird eine gewisse Summe Geld in eine ganz bestimmte Leitung gepumpt. Und dann wird die Produktion von Papier oder Investitionsgütern eben angekurbelt.
Das Gute an dem System: Es ist schnell und flexibel, und die Wirtschaft produziert genau das, was die Menschen wollen. Denn jede Nachfrage nach einem Gut kommt bei dem entsprechenden Unternehmer an, der dann die Produktion anwirft. Ist die Nachfrage hoch, wird er also Sorge tragen, das Angebot schnell auszuweiten.
Vermutlich steckt das hinter dem Geheimnis, warum die Marktwirtschaft so gut funktioniert und bisher allen anderen Wirtschaftssystemen in Sachen Produktivität und Effizienz überlegen ist. Sie ist nicht darauf aufgebaut, dass Menschen sich gemäß irgendeinem Ideal verhalten. Innerhalb der Regeln muss keiner seinen Egoismus unterdrücken und ein edler, zum Beispiel guter sozialistischer Mensch sein.
Stattdessen wird es mit Geld belohnt, wenn jemand genau die Güter herstellt, die gebraucht werden. Mit einer gefragten Innovation oder einer gelungenen Unternehmensgründung kann man in der Marktwirtschaft sogar ziemlich reich werden. Und die Aussicht auf ein Haus, ein Boot und ein Flugzeug lässt Menschen richtig zupacken.
Lange Zeit – bis zum Ende der Sowjetunion und der DDR – galt die Marktwirtschaft nur als eines von zwei möglichen Wirtschaftssystemen. Doch das Gegenmodell – die Planwirtschaft – scheiterte. Die fehlende Aussicht auf ein Haus, ein Boot oder ein Flugzeug, die Menschen dazu bringt, ihren Job möglichst gut zu machen, gilt vielen als einer der Gründe dafür, dass das große Experiment Planwirtschaft gescheitert ist. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn eine weitere Schwäche der Planwirtschaft war es sicher, dass ein Gremium in einem Wirtschaftsplan festgelegt hat, welcher Betrieb was genau herstellen soll. Damit entschied in der Regel eine Riege alter Männer, was die Konsumenten wollten – und die waren wohl nicht unbedingt prädestiniert, neue Trends zu erahnen.
Wenn dagegen die Geldströme die Wirtschaft lenken, entscheidet niemand, was wann wo produziert wird – das ergibt sich von allein. Und dann kann sich auch niemand kolossal irren.
Ist die Marktwirtschaft also das genialste System überhaupt? Definitiv: jein. Die Marktwirtschaft ist spitze, solange es um die Bereitstellung von möglichst vielen Gütern und Dienstleistungen geht. Aber sie ist miserabel, was die gerechte Verteilung von Geld anbelangt. Sie neigt dazu, Monopole zu schaffen: Das beste Unternehmen bekommt nach einer Weile alles ab, weil es die anderen verdrängt. Sie stellt keine sogenannten öffentlichen Güter bereit, wie zum Beispiel eine Armee zur Landesverteidigung oder auch nur den Park um die Ecke. Denn hiervon können auch all die profitieren, die nichts dafür zahlen, und genau das werden dann alle tun. Und von alleine bestraft sie keinen, der mit seiner Produktion die Allgemeinheit schädigt, zum Beispiel weil er die Umwelt mit Abwasser belastet. Zu Deutsch: Die Marktwirtschaft kümmert sich um die Wirtschaft, alle anderen wichtigen gesellschaftlichen Ziele sind ihr vollkommen egal.
Hier kommt also der Staat ins Spiel und mit ihm das Wörtchen »sozial« vor die »Marktwirtschaft«. »Die zentrale Idee der sozialen Marktwirtschaft besteht darin, die Freiheit der Wirtschaft und einen funktionierenden Wettbewerb zu schützen und gleichzeitig Wohlstand und soziale Sicherheit in unserem Land zu fördern«, schreibt das Bundesministerium für Wirtschaft.5 Mit anderen Worten: Wir hätten bitte gerne die Vorteile einer Steuerung über Geldströme erhalten, wollen aber die Nachteile vor allem in Sachen Verteilungsgerechtigkeit weghaben.
Um soziale oder andere Ziele zu erreichen, schraubt der Staat ständig an unserer Wirtschaftsmaschine herum: Er zapft so gut wie alle Geldleitungen mit Steuern an und lenkt einen Teil des Geldflusses durch Sozialabgaben und staatliche Aufträge um. Er verhindert Schäden durch regulierende Auflagen. Er beschleunigt Zahnrädchen durch Subventionen. Und er sorgt dafür, dass alle fair spielen und die Regeln einhalten. Wie er das genau macht, schauen wir uns ab Seite 109 an.
Dabei muss er immer darauf achten, das Gleichgewicht zwischen »sozial« und »Marktwirtschaft« nicht zu verlieren. Und das ist ein ständiger Streitpunkt zwischen Wissenschaftlern, Parteien und allen anderen – und ein Dauerthema in den Medien. Die einen fürchten um die Funktionsfähigkeit der Geldstrom-Steuerung, die anderen warnen vor einer Aushöhlung des Sozialstaates.
So weit, so klar. Doch die Ausrichtung der Parteien ist natürlich nicht in Stein gemeißelt. So hat die SPD unter Bundeskanzler Gerhard Schröder das »Soziale« zugunsten der »Marktwirtschaft« stark beschnitten und die staatlichen Leistungen für Arbeitslose im Rahmen von Hartz IV stark eingeschränkt. So gut wie alle Parteien haben seit einer Weile das Thema Umwelt für sich entdeckt und die SPD jetzt wieder einen Schwenk Richtung sozial vollzogen. Bleiben Sie dran! Auch hier genügt es meist, Schlagzeilen zu scannen, um mitzubekommen, wann es sich lohnt, die Entwicklung genauer zu verfolgen. Hier ein paar Beispiele aus der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), dem Handelsblatt und der Berliner Morgenpost:
26. April 2019
Deutschland: Die neue CSU ist grün und geschmeidig
Wolfgang Bok; NZZ.ch8
26. Februar 2020
Lindner genießt den Rückhalt der FDP – doch es stehen schwere Richtungsdebatten bevor
Gregor Waschinski; handelsblatt.com9
8. September 2020
SPD will Ende von Hartz IV – und Sozialstaat ausbauen
Tim Braune; morgenpost.de10
Weil alle im Dauerstreit um das richtige System um Aufmerksamkeit buhlen, werden oft drastische Begriffe verwendet. »Sozialismus« etwa, ein Begriff, der im US-Wahlkampf 2020 von Donald Trump für so gut wie jede vorgeschlagene Sozialmaßnahme seiner Gegner gebraucht wurde. Oder der Begriff »Staatswirtschaft«, wie er von Thomas Straubhaar verwendet wird. Oder ist der vielleicht derzeit doch passend?
Schauen Sie doch noch mal den Artikel auf Seite 18 an. Vielleicht haben Sie ja Zeit, ihn im Internet aufzurufen und ganz zu lesen, denn die These dahinter ist durchaus interessant. Sie lautet im Prinzip: In der Corona-Krise will der Staat an unserer Maschine Geldströme umlenken, um Unternehmen und Menschen vor dem wirtschaftlichen Niedergang zu retten. Und das ist laut Straubhaar auch seine Aufgabe. Der schiere Umfang der Maßnahmen könnte dabei aber ungewollt die komplette Maschine kaputtmachen.
Tatsächlich ist der Grat zwischen »Konjunkturhilfe« und »Systemumbau« schmal. Vor allem wenn der Staat nicht alle Bereiche gleichmäßig behandelt, wie Sie folgenden Schlagzeilen aus der Zeit und der B.Z. entnehmen können:
6. September 2020
Autoindustrie: Söder fordert schnelle Förderungen von Bund und Ländern
dpa, msk; zeit.de11
19. August 2020
Müller ignoriert den Hilferuf der Kultur-Wirtschaft
Gunnar Schupelius, bz-berlin.de12
Der amtierende bayerische Ministerpräsident fordert also – mit guten Gründen – für die eine Branche Staatshilfen. Der amtierende Bundesminister für Wirtschaft lehnt gleichzeitig – auch mit guten Gründen – jede Unterstützung einer anderen Branche ab. Hier entscheidet also nicht mehr der von allen gespeiste Geldstrom, wer wirtschaftlich überleben darf und wer nicht. Sondern einige wenige Politiker. Und im Geplänkel der Parteien könnte die eine oder andere Maßnahme auch andere als ökonomische Gründe haben – ein Kompromiss in einer Koalition etwa oder eine besonders erfolgreiche Lobbyarbeit irgendeines Wirtschaftsverbandes. Könnte es also sein, dass die Corona-Hilfen langfristig unser System aus dem Lot bringen? Was meinen Sie? Bilden Sie sich eine Meinung und bleiben Sie dran!
Warum die Weltwirtschaft so wichtig für uns ist und wie Sie die Entwicklungen verfolgen können.
Wenn Sie froh sind, dass Sie unsere Wirtschaftsmaschine endlich nicht mehr ganz so grausam verwirrend finden, dann müssen Sie jetzt ganz stark sein. Wir haben sie bisher nämlich nur von vorne angeschaut und gehen jetzt einmal gemeinsam auf die Rückseite. Hier sieht es wüst aus. Unzählige Leitungen und Rohre laufen kreuz und quer zu anderen Maschinen, die wir in der Ferne im Dunst erkennen können. Genau gesagt sind es rund 200 andere Maschinen – so viele Länder und damit Volkswirtschaften gibt es auf der Erde.
Mit den allermeisten davon ist unsere Wirtschaft verbunden – mit einigen sogar mit richtig dicken Leitungen. Alle Maschinen sind zudem untereinander verkabelt. Und um das Ganze noch unübersichtlicher zu machen, entdecken wir, dass unser Herr Externer Effekt offensichtlich aus einem riesigen Clan stammt. Überall springen Figuren wie er herum und schrauben und verstellen, was das Zeug hält. (Manche der Figuren sehen dem US-Präsidenten Donald Trump oder Großbritanniens Premierminister Boris Johnson und anderen einflussreichen Politikern übrigens verwirrend ähnlich).
Halt, stopp! Nicht das Buch zuklappen. Wir kriegen das geordnet. Indem wir Kabel bündeln und uns auf die für Sie wichtigen anderen Maschinen konzentrieren und dann die entscheidenden Zusammenhänge anschauen. Sie werden sehen: Es ist unglaublich spannend, die Auswirkungen von Ereignissen in einer der anderen Maschinen über das gesamte System vorherzusagen, sobald man die Zusammenhänge verstanden hat. Wer einmal geistig durchgespielt hat, was eine Mehrwertsteuererhöhung in Maschine 127 für einen internationalen Lebensmittelkonzern in Maschine 26 bedeutet, kann das auch für andere Ereignisse und andere Länder. Das kann Spaß machen (vor allem, wenn man immer öfter richtigliegt) und nebenbei bei der Geldanlage sehr gewinnbringend sein.
Lassen Sie uns ganz pragmatisch vorgehen und zwei Dinge ansehen. Erstens: Welche Sorte Kabel gibt es von und nach Deutschland, und welche davon sind die dicksten? Und zweitens: Welche anderen Maschinen sind die größten?
Fangen wir mit den Leitungen an: Zu jedem Land gibt es ein Rohr, durch das Güter und Dienstleistungen fließen, und eine Leitung für Geldströme. Wir kümmern uns erst einmal um das Warenstromrohr. Hier gehen alle Exporte und Importe durch, die von Deutschland aus in die ganze Welt gehen und aus aller Herren Länder kommen. Auf Deutsch heißen sie »Aus- und Einfuhren«. Ob etwas ein Ex- oder Import ist, ist ganz einfach zu klären: Bezahlt ein Ausländer eine Rechnung an einen Inländer, haben wir es mit einem Export zu tun; andersherum ist es ein Import.
Okay, die Sache mit den Ex- und Importen und der Handelsbilanz haben wir jetzt also im Griff. Doch da fällt Ihr Auge auf eine Meldung aus finanzen.net:
18. September 2020
Defizit in der US-Leistungsbilanz im zweiten Quartal kräftig gestiegen
Dow Jones, finanzen.net14
Hey, werden Sie jetzt denken, was soll das schon wieder? Wieso heißt das jetzt plötzlich »Leistungsbilanz« und nicht »Handelsbilanz«? Ganz einfach: Weil es eben nicht nur Waren und Dienstleistungen sind, die zwischen den einzelnen Volkswirtschaften hin- und hergeschickt werden. Daneben gibt es jeweils eine Leitung, durch die Geld strömt. Klar, denn wenn jemand etwas im Ausland bestellt, sollte er auch bezahlen. Erstaunlicherweise ist die Geldleitung regelmäßig aber viel dicker, als sie allein aufgrund der Rechnungen aus Ex- und Import sein dürfte.
Denn Geld fließt zwischen Volkswirtschaften aus den verschiedensten Gründen: Das Hotelzimmer, das ein chinesischer Tourist in der Pension nebenan bezahlt, löst genauso eine internationale Zahlung aus wie die Policen, die eine schweizerische Versicherung Ihnen aufgeschwätzt hat. Dann gibt es auch Überweisungen quasi einfach so, also ohne Gegenleistungen: Wenn ein ausländischer Arbeitnehmer seiner Familie daheim etwas zukommen lässt oder wenn Entwicklungs- oder Aufbauhilfe in Krisengebiete geht. Da sind Mieten, Zinszahlungen und Gewinnanteile, die die ausländischen Besitzer von Wertpapieren, Unternehmen oder Immobilien ausgezahlt bekommen. Und es gibt Gebühren für Lizenzen und Patente, die von einem Land zum anderen wandern.
Stellen Sie sich eine Volkswirtschaft einfach als Familie vor, nennen wir sie Familie Musterland. Sie lebt auf einem schönen alten Bauernhof, der allerdings nicht mehr bewirtschaftet wird. Mutter Eva betreibt eine erfolgreiche kleine Schmuckwerkstatt. Sie bestellt also regelmäßig Rohmaterial und Werkzeug (Import) und verkauft fertige Stücke (Export). Genau wie Großvater Ernst sein Obst von der Streuwiese jeden Herbst an einen Bioladen verkauft (mehr Export). Weil alle aber regelmäßig Klamotten, Lebensmittel und anderes einkaufen gehen (viel mehr Import), weist die Handelsbilanz von Familie Musterland ein Defizit auf. Wären da nicht die anderen Geldströme, würde das natürlich nicht lange gut gehen.
Die Familie vermietet zwei Zimmer an Touristen (Dienstleistungsexport), dafür hilft ab und zu die Nachbarin bei der Reinigung (Arbeitsentgelt, Abfluss). Vater Paul Musterland geht in Teilzeit arbeiten und bekommt Lohn (Arbeitsentgelt, Zufluss). Tochter Lina bekommt einen regelmäßigen Zuschuss von Ihrer Patentante (Übertragung: Entwicklungshilfe, Zufluss). Großvater Ernst hat zudem ein paar ganz alte Wertpapiere, für die er einmal im Jahr Zinsen kassiert (Vermögenseinkommen, Zufluss).
Auf der anderen Seite fließt auch Geld ab: Oma Clara ist eine gute Seele und spendet regelmäßig an das örtliche Tierheim (Übertragung, Abfluss). Und die Familie hat natürlich verschiedene Versicherungen und geht ab und zu zum Friseur (Dienstleistung, Abfluss).
Die jährliche Leistungsbilanz von Familie Musterland sieht aus wie folgt (alles, was abfließt, ist als Minus aufgeführt):
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Position |
Betrag |
Saldo |
Handelsbilanz |
–21.000 € |
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Exporte |
Fertiger Schmuck |
25.000 € |
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Obst |
3.000 € |
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Importe |
Material, Werkzeuge |
–9.000 € |
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Sonstige Einkäufe |
–40.000 € |
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Dienstleistungsbilanz |
6.700 € |
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Zufluss |
Einnahmen Fremdenzimmer |
8.000 € |
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Abfluss |
Versicherungen |
–800 € |
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Friseur |
–500 € |
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Bilanz der Erwerbsund Vermögenseinkommen |
18.800 € |
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Zufluss |
Arbeitslohn Vater |
20.000 € |
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Zinseinkommen Opa |
300 € |
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Abfluss |
Arbeitslohn Nachbarin |
–1.500 € |
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Transferbilanz |
900 € |
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Zufluss |
Zuschuss der Tante für Lina |
1.200 € |
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Abfluss |
Spenden Tierheim |
–300 € |
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LEISTUNGSBILANZ |
5.400 € |
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