Herstellung und Verlag
Books on Demand GmbH Norderstedt
ISBN 9783748127024
© 2019 Michael Weischede
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
Diese Übersetzung einiger Briefe Senecas ist weder als Dienstleistung für diejenigen gedacht, die selbst keine Lateinkenntnisse besitzen, noch als Hilfe für diejenigen, die Lateinkenntnisse besitzen, aber die Arbeit scheuen, den Text selbst im Original zu lesen. Tatsächlich kann man sie als zu Papier gebrachten Ausdruck meiner persönlichen Bildungsreise bezeichnen. Als Auslöser hierfür habe ich die Neoliberalisierung unserer Schulen und Universitäten ausgemacht, durch die sich der Fokus dessen, was der folgsame Staatsbürger wissen sollte, von Bildung auf Kompetenzen verschoben hat. Mittlerweile gelten Studenten oder Absolventen jenseits der MINT-Fächer1 für viele als ahnungslose Phantasten oder minderbemittelte Eigenbrötler.
Philosophen oder Soziologen, die ihr Fach wie zu Anfang des letzten Jahrhunderts als Leitwissenschaften der Gesellschaft vermitteln wollen, werden im besten Fall belächelt, im schlimmsten Fall von freundlichen, weiß gekleideten Herren in eine ruhigere Umgebung überführt.
Bei mir hat dieser penetrante Hinweis auf den Nutzwert jeder Tätigkeit jedenfalls das dringende Bedürfnis ausgelöst, mich mit etwas völlig Gegensätzlichem zu beschäftigen. Ich fasste deshalb den Beschluss, ein zweites Mal den Schulstoff des Latinum in Angriff zu nehmen. Aus dem ersten Anlauf in meiner Schulzeit vor 35 Jahren war leider nicht viel hängengeblieben. Weder hatte sich das Fass mit Bildung gefüllt, noch hatte sich die Flamme der intellektuellen Neugier entzündet; an meinem jugendlichen Ich scheiterten selbst die Deutungsmuster von Heraklit.2 Um diese geistige Anstrengung in eine dauerhafte Form zu gießen, entschied ich mich im Anschluss dazu, eine Übersetzung von einigen Briefen Senecas in Buchform zu bringen.
Auf meiner kleinen Bildungsreise habe ich mir die Freiheit genommen, an einigen Textstellen Erläuterungen, Zusätze oder Kommentare zur Philosophie und zur Alltagsgeschichte einzufügen. Sei es, weil ich manche Dinge selbst vertiefen wollte oder weil mir Ergänzendes oder Weiterführendes in den Sinn kam, von dem ich glaubte, dass es für den einen oder anderen Leser von Interesse ist. Diese verfolgen weder ein tiefergehendes Forschungsinteresse, noch habe ich sie in irgendeiner Weise zielgerichtet ausgewählt.
Die Fußnoten und das Literaturverzeichnis sollen außerdem nicht den Eindruck erwecken, dass es sich hierbei um eine wissenschaftliche Arbeit handelt. Mit 50+ Jahren möchte ich dafür keine Lebenszeit mehr opfern, weil mir persönlich gemessen am Aufwand der Ertrag zu gering erscheint. Da es sich bereits bei der Auswahl eines Untersuchungsgegenstandes (nur) um eine Beobachtung handelt, die selbst Identitäten generiert, kann daraus keine Bewertung erfolgen, ob die zugrundeliegende Unterscheidung für einen Untersuchungsgegenstand richtig oder auch nur angemessen ist.3 Darüber wird in Folge auch ein noch so genaues wissenschaftliches Arbeiten nicht hinwegtäuschen. Das nimmt der Beschäftigung mit den Geisteswissenschaften nichts von ihrem intellektuellen Vergnügen und mindert auch nicht ihren Nutzen für die Gesellschaft: denn wer nicht weiß, wo er hin will, sollte sich nicht wundern, wenn er ganz woanders ankommt.4
Da ich kein Altphilologe bin, basiert die Übersetzung nicht auf den Grundlagen eines entsprechenden Studiums. Wenn mir also aus Unwissenheit oder mangelnder Übersetzungserfahrung an manchen Stellen ein Fehler unterlaufen sein sollte, bitte ich das zu entschuldigen. Soweit es möglich war, ohne der deutschen Sprache Gewalt anzutun, habe ich versucht, nahe am lateinischen Text zu bleiben, um auf diese Weise etwas von dem originären „lateinischen Stil“ beizubehalten. Das bringt sowohl Vor- als auch Nachteile mit sich – oder wie es bereits Voltaire auf den Punkt gebracht hat: Übersetzungen sind wie Frauen: entweder schön oder treu, niemals beides zugleich.
Grundsätzlich lautet deshalb mein Ratschlag an den Leser, Seneca im lateinischen Original zu lesen. Sicherlich bringt das nicht den größten Nutzen in der kürzesten Zeit; sei‘s drum.
1 Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik
2 Heraklit von Ephesos, 520-460 v. Chr.
3 Kneer/Nassehi; Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme; 1994
4 Laut Internet-Kurzrecherche Zitat von Mark Twain, aber ich habe den Eindruck, solche Sprüche werden mittlerweile grundsätzlich immer Mark Twain zugeschrieben.
Um die Plausibilität der historischen Hintergründe beurteilen zu können, hilft es sehr, einen Blick auf die wesentlichen Quellen zu werfen. Seneca selbst pflegte Kontakt zu den Protagonisten der kaiserlichen Machtzentrale und er hat die römische Politik zum Teil aktiv mitbeeinflusst: gewiss war er nicht nur ein Opfer der Umstände. Das sollte man beim Lesen seiner Schriften insbesondere zum politischen Geschehen im Hinterkopf behalten.
Zu den anderen maßgeblichen Berichterstattern über die Zeit der Kaiser Tiberius bis Nero (14 bis 68 n. Chr.), die in etwa die Lebenszeit Senecas abdeckt, zählen Tacitus (ca. 60 bis 120 n. Chr.), Sueton (ca. 70 bis 122 n. Chr.) und Cassius Dio (ca. 160 bis 230 n. Chr.). Allerdings lebten diese drei erst nach den Geschehnissen und gelten zudem nicht zweifelsfrei als objektiv. Tacitus habe beispielsweise bestimmte Ereignisse einfach wegfallen lassen bzw. passend zu seinen Thesen interpretiert und, wenn es in den Narrativ passte, auch den Hofklatsch mitaufgenommen. Zudem gilt er als Anhänger der alten Republik und stand damit den Alleinherrschern der frühen Kaiserzeit generell kritisch gegenüber (und deren Gegnern dementsprechend positiv).
Sueton betrachten moderne Rezipienten ebenfalls nicht durchgehend als historisch zuverlässig. Etliche seiner überlieferten Anekdoten würden auf Gerüchten basieren, die jegliche Neutralität vermissen ließen: Erzählungen statt Fakten. Das beträfe auch die Schauergeschichten über zahlreiche Kaiser.
Cassius Dio schrieb seine römische Geschichte lange nach dem Tod Senecas: er konnte sich bei seiner Arbeit also nicht auf Zeitzeugen stützen. Zum Teil hat er Quellen genutzt, die bereits Tacitus verwendete, zum Teil weitere Quellen, die aber nirgends sonst überliefert sind und dementsprechend nicht weiter verifiziert werden können.
Im Falle von Tiberius kann man noch Velleius Paterculus (ca. 20 v. bis 30 n. Chr.) hinzuziehen, der im Gegensatz zu den drei anderen ein positives Bild von Tiberius hinterlassen hat. Allerdings wirft man ihm eine „panegyrische“5 Verherrlichung des Kaisers vor.6
Lange Rede, kurzer Sinn: die Quellenlage ist im Kern übersichtlich, die Autoren nicht unbedingt objektiv. Man sollte also mit einem gesunden Maß an Skepsis an die überlieferten antiken Texte herangehen – vor allem was die angeblichen Gräueltaten der jeweiligen Herrscher betrifft. Zum einen hatten die damaligen Menschen eine recht robuste Grundeinstellung gegenüber Gewalt an ihresgleichen (man denke etwa an die Zirkusvorstellungen), zum anderen gehörte die Dämonisierung des politischen Gegenspielers schon immer zum Repertoire der Volksbeeinflussung.7
5 Im heutigen Sprachgebrauch versteht man unter einer Panegyrik eine distanzlose, lobhudelnde Schmeichelrede. Aus: deacedemic.com.
6 Hier und an anderer Stelle erlaube ich mir auf Wikipedia zurückzugreifen, obwohl ich dieser Online-Datenbank gegenüber eher kritisch eingestellt bin. Ich denke aber, je weiter das Thema des Eintrags von der Tagespolitik und den Befindlichkeiten noch lebender Protagonisten entfernt ist, desto unwahrscheinlicher wird eine bewusste Verfälschung der Inhalte. Wie immer gilt: Cui bono? Und wenn es da niemanden gibt, sinkt zumindest der Anreiz, absichtlich Falsches einzuflechten.
7 Mausfeld, Rainer; Warum schweigen die Lämmer?; 2015
Während meines Studiums habe ich mich oft gewundert, wie es Althistoriker bewerkstelligen, anhand von dürftigen Quellen und spärlichen archäologischen Überresten in seitenstarken Abhandlungen detaillierte Beschreibungen antiker Kulturen zu zeichnen. Ich selbst empfand es immer als sehr gewagt, wenig mehr als eine vergleichende Auflistung der Hinterlassenschaften der antiken Völker zu geben. Eine weitergehende Interpretation schien mir angreifbar und wegen der unvollständigen Informationslage auch nur bedingt (konsensfähig) diskutabel.
Aufgrund der aus meiner Sicht auch in diesem Fall dürftigen Quellenlage möchte ich deshalb weitestgehend auf eine Beurteilung oder Wertung der Anklagen und Urteile gegen Seneca verzichten. In der propagandistischen Nachbereitung bestimmt gewöhnlich ohnedies der Sieger der jeweiligen Machtspielchen, wer wen vergiftet, umgebracht, gemeuchelt oder in den Selbstmord getrieben hat. Bei der Ermordung von Caligula sollen Senatoren ihre Finger im Spiel gehabt haben, der Tod von Claudius beruhte vermutlich auf einer Lebensmittelvergiftung, die man aber als Giftmord ausweidete, Nero wurde vom Senat zum Feind des Volkes erklärt und beging Selbstmord – da gab es immer gute Gründe, ein passendes Framing zur Legitimation der Nachfolger zu starten. Ich versuche mich deshalb in der Kurzbiographie möglichst auf diejenigen Fakten zu konzentrieren, die jenseits der politischen Relevanz liegen und die bei den politisch Mächtigen nicht sofort das Bedürfnis nach einer „semantischen Neueinordnung“ des Geschehens auslösen.
Seneca erblickte um die Jahrtausendwende als Sohn eines Ritters im spanischen Corduba das Licht der Welt. Schon als Kleinkind wurde er in die Obhut seiner Tante nach Rom gegeben. Sein Vater, Seneca der Ältere, beschäftigte sich mit rhetorischen Studien und verfasste darüber ein Werk, in welchem er sich sehr kritisch zur gekünstelten zeitgenössischen Rhetorik äußerte. Über seinen Lehrer Sotion kam Seneca in Kontakt mit der stoischen und pythagoreischen Lehre, die ihn stark und nachhaltig beeinflussen sollte.
Wegen gesundheitlicher Beschwerden von Kindesbeinen an – wahrscheinlich chronisches Asthma oder Tuberkulose – entschloss sich Seneca im Alter von etwa 30 Jahren für einen längeren Aufenthalt in Ägypten, wo sein Onkel zu dieser Zeit als römischer Präfekt die Interessen Roms vertrat. Obwohl sich sein gesundheitlicher Zustand während des Aufenthalts dort tatsächlich besserte, kam es wahrscheinlich nie zu einer vollständigen Genesung. Nach seiner Rückkehr in die Hauptstadt Rom machte er sich einen Namen als Anwalt bei den Gerichten und bewarb sich erfolgreich um die Quästur (34/35 n. Chr.), die den Einstieg in die römische Ämterlaufbahn bedeutete.
In den letzten Jahren der Herrschaft Caligulas knüpfte Seneca Kontakte zu den beiden Schwestern Caligulas, Julia Livilla und Aggripina, zu deren Schwager Lepidus sowie zu Gaetulicus, dem Oberbefehlshaber der Truppen in Germanien. Als Caligula die beiden Männer wegen Verschwörung hinrichten und seine Schwestern verbannen ließ, fiel auch Seneca in Ungnade. Nach der Ermordung Caligulas gelangte Claudius an die Macht, der die beiden Schwestern (die wie Caligula Kinder seines Bruders Germanicus waren) aus der Verbannung zurückholen ließ.
Doch die Verbindung zu den Schwestern sollte sich für Seneca als schicksalshaft erweisen. Aufgrund einer Anklage wegen Ehebruchs fielen Julia Livilla und Seneca nämlich kurze Zeit später erneut in Ungnade – den Quellen zufolge auf Betreiben der Kaisergattin Messalina. Beide mussten in die Verbannung, wo erstere einige Zeit später ermordet wurde. Weil seine Verbannung nach Korsika in Form der Relegatio (und nicht der Deportation) erfolgte, blieben Seneca Eigentum und staatsbürgerliche Rechte erhalten.
Seneca verbrachte fast acht Jahre auf der Mittelmeerinsel, bis zu dem Zeitpunkt, als Kaiserin Messalina eine Abwesenheit ihres Gatten Claudius von Rom nutzte, um den designierten Konsul Gaius Silius zu ehelichen – das kostete beiden das Leben. Claudius heiratete im Anschluss ein viertes Mal: seine Wahl fiel auf Agrippina, die Schwester von Julia Livilla. Für ihren Sohn Nero aus erster Ehe bestimmte sie umgehend Seneca als Erzieher, der deshalb aus der Verbannung nach Rom zurückkehren durfte.
Im Jahr 50 dort angekommen, wartete bereits die Prätur auf ihn, die Vorstufe zum Konsulat. Daneben übernahm er wie geplant für etwa fünf Jahre bis zum Tod von Claudius im Jahr 54 n. Chr. die Aufgabe als Erzieher des minderjährigen Prinzen. Im Alter von 16 Jahren trat Nero die Nachfolge des Kaisers an. Der Gardepräfekt Sextus Afranius Burrus und Seneca galten danach als graue Eminenzen, die sich um die eigentlichen Regierungsgeschäfte kümmerten, während Nero seine musischen Ambitionen auslebte. In dieser Zeit wurde der von Nero mit umfänglichen Schenkungen bedachte Seneca zu einem der reichsten Männer Roms. Laut Tacitus wuchs sein Vermögen allein in den vier Jahren zwischen 54 und 58 um 300 Millionen Sesterzen. Über Senecas Einflussnahme auf politische Entscheidungen im Einzelnen schweigen die Quellen. Weder zu seinem kurzen Konsulat im Jahr 55 noch zu seinem Verhalten im Senat finden sich konkrete Informationen.