Der Autor

Ahmed Khaled Towfik, geboren 1962 in Tanta, ist Medizinprofessor an der Universität Tanta. Als erster arabischer Autor schrieb er Horror- und Science-Fiction-Erzählungen sowie Medizinthriller und wurde damit zu einem der meistgelesenen Schriftsteller in der arabischen Welt.

Die Übersetzerin

Christine Battermann, geboren 1968 in Wuppertal, studierte Arabisch und Türkisch in Bonn. 1996–2000 Lehrbeauftragte für Türkisch an der Universität Bonn. Seit 1998 freie Literaturübersetzerin. Sie übertrug u.a. Werke von Ahmed Mourad, Machmud Darwisch, Rosa Yassin Hassan und Alexandra Chreiteh ins Deutsche und lebt in Köln.

Zur Erleichterung der Aussprache arabischer Namen wurden in der Übersetzung betonte lange Silben mit einem Zirkumflex (^) versehen.

Das hier beschriebene Utopia sowie alle dort und im Umkreis lebenden Personen sind rein fiktiv, wenn sich der Autor auch der baldigen Existenz dieses Ortes gewiss ist. Jedwede Ähnlichkeit mit realen Orten oder Personen ist rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Der Autor

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn

Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende

Hat die furchtbare Nachricht

Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten …

Bertolt Brecht

Erster Teil

Jäger

1

Wie das berühmte alte Plakat zum Film Platoon, dachte ich damals. Das Bild hatte ich nämlich über meinem Bett hängen.

Willem Dafoe blickt auf zum Himmel – von dem ihn nichts mehr trennt – und hebt wie zu einem letzten Gebet seine Arme. Von Kugeln durchsiebt, ist er auf die Knie gefallen, indes der Tod grösser als das Leben selbst, indes der Tod zu einer Kunstform wird.

Es war eine erhabene Szene, vor allem weil sie sich nicht nur auf dem Fernsehbildschirm abspielte. Alles war auf schreckliche, grausame Weise echt …

… und faszinierend.

Leugne das bitte nicht!

Da sah ich ihn stehen, völlig erschöpft. Von Blutarmut und Hunger ausgezehrt, konnte er die Verfolgungsjagd nicht länger durchhalten. Ich beobachtete, wie er sich, nach Luft ringend, vorbeugte und die Hände auf die Knie stützte, dann sah ich ihn nach oben blicken, während der Helikopter ruhig und gemächlich über ihm kreiste. Der hatte Zeit, ein deutlicheres Ziel als einen unbewaffneten Mann im Wüstensand gibt es nicht. Einen vom Laufen erschöpften Mann. Einen vor Hunger erschöpften Mann. Einen vor Verzweiflung erschöpften Mann.

Wehr dich doch nicht, du Idiot! Was hättest du von ein paar weiteren Augenblicken bei den Anderen? Was hast du in den letzten zwanzig Jahren versäumt, das du jetzt noch tun möchtest, falls du am Leben bliebest? Wenn du fliehst, ist das nichts weiter, als wenn eine Schabe über die Küchenwand fortkrabbelt oder eine Amöbe unter der Linse des Mikroskops davongleitet. Purer Instinkt. Ein naturgegebener Fluchtimpuls. Du solltest lernen, ihn zu ignorieren, um deine verdiente Ruhe zu finden.

Die Maschinengewehre feuerten, und er blickte auf. Ja, für dich sind die Kugeln! Sie zeichnen eine lange Linie in den Sand. Eine Linie, die über dich hinwegläuft. Willem Dafoe auf dem Platoon-Plakat.

Wie dumm doch die Filmregisseure sind, ging es mir durch den Kopf, dass sie einen Erschossenen immer gleich zu Boden fallen lassen. Nein, er blickte nach oben, es sah aus, als wolle er etwas sagen, dann erst fiel er mit dem Gesicht in den Sand.

Germinal schnappte erschrocken nach Luft, doch in ihren Augen sah ich ein Leuchten: Faszination war es, was da aufblitzte, keine Frage. Ihre Brust hob und senkte sich. Unsere Finger berührten einander, als wir so hinter dem Draht standen und zusahen, wie der Helikopter herabkam und ringsum eine Staubwolke aufwirbelte. Dann sprang ein amerikanischer Wächter heraus, um die Leiche zu untersuchen. Er trat mit der Schuhspitze dagegen und bückte sich, um nach der Halsschlagader zu tasten.

»Lovely!«, rief er mit emporgerecktem Zeigefinger.

Er rannte zum Helikopter zurück, und Sekunden später hob sich das Fabeltier in die Lüfte. Seine Aufgabe war erfüllt, die Jagd beendet. Diese Wächter sind alle Marines, die – warum, weiss ich auch nicht – aus der Armee ausgeschieden sind. An körperlicher Tauglichkeit jedenfalls fehlt es ihnen nicht.

Erschrocken schnappte Germinal nach Luft.

Entzückt schnappte Germinal nach Luft.

Der Tod – das grosse Spiel, das wir noch nicht probiert hatten.

Ich stehe vor dem Spiegel.

Ich vergewissere mich, dass mein Haar den berühmten Irokesenschnitt hat: beide Kopfseiten kahlrasiert, nur in der Mitte ein hochstehender violetter Kamm wie bei einem rebellischen Hahn. Mein Oberkörper ist nackt, bis auf ein paar lange, dicke Halsketten auf der Brust. Totenschädel und Voodoosymbole. Ich bin kein Teufelsanbeter. Eigentlich glaube ich an gar nichts, aber sie sehen so schön provozierend aus.

Auch die Tätowierung ist ungewöhnlich. Sie gefällt den Mädchen hier. Die Hosen sind extra so geschnitten, dass man möglichst männlich darin aussieht, sie lassen die Waden frei. Manchmal laufe ich barfuss, heute aber nicht. Ich stecke mir das neue Piercing in den Nasenflügel und das andere in die Augenbraue. Den Zungenschmuck trage ich heute nicht. Dann male ich mir sorgfältig die Zähne an. Die Eckzähne rot, die Schneidezähne gelb, die Backenzähne blau. Diese Farbe ist super, sie geht nicht so schnell ab und ist angeblich ungiftig. Aber wen interessiert das schon? Soll sie ruhig giftig sein!

Ich setze die neuen Kontaktlinsen ein, durch die man weisse Pupillen kriegt. Es törnt die Mädchen an, wenn man sie mit weiss gefärbten Augen ansieht, als wäre man der Tod persönlich. Das haut sie total um.

Ich überprüfe, ob die Wunde an meiner Stirn klafft. Mit grösster Sorgfalt bearbeite ich die Ränder, damit sie blutig aussehen. Wunden sind echt krass. Sie liegen seit zwei Jahren im Trend, und es gibt Spezialisten dafür. Die Wunde muss möglichst schlimm aussehen, zugleich aber auch unecht, damit sich niemand ekelt. Das ist eine richtige Kunst!

Diese Wunde hat mir ein israelischer Arzt gemacht, der sich auf solche Dinge spezialisiert hat. Er sagte, er habe das in New York gelernt. Er hiess Eli. Feiner Typ. Sein Vater hatte 1973 im Krieg mit den Ägyptern eine ähnliche Verletzung abbekommen, erzählte er und fragte mich, ob ich über dieses Thema im Bilde sei. Ich erwähnte, dass ein Onkel von mir in diesem Krieg gestorben sei, aber Genaueres wisse ich nicht. Diese Sachen sind fünfzig Jahre her. Keine Ahnung, warum die Ägypter die Israelis – irgendwann mal – gehasst haben. Aber ich lege auch keinen Wert darauf, so was zu verstehen. Wenn man es von mir verlangte, zöge ich vielleicht in den Krieg, nur um die Routine des Lebens zu durchbrechen. Wäre doch toll, durch eine Wüste zu marschieren, wo einem die Kugeln um die Ohren fliegen und überall Leichen liegen!

In Utopia …

Wo sich der Tod hinter Stacheldraht versteckt und nur noch ein Spiel ist, von dem die Jugendlichen träumen.

Utopia …

Sechzehn Jahre bist du alt und hast immer nur zu Utopia gehört. Du Bürger Utopias bist verweichlicht von Luxusleben und Langeweile und kannst Amerikaner, Ägypter und Israelis nicht mehr auseinanderhalten. Nicht einmal dich selbst kannst du noch von den anderen unterscheiden. Und gäbe es nicht noch Reste von Lust in deinem Körper, wüsstest du nicht mal, wer Männchen und wer Weibchen ist.

Wer ich bin? Lassen wir die Namen! Was bringen Namen, wenn man sich sowieso von niemandem unterscheidet?

Sâlim Bey hat mal zu mir gesagt: »Du liest so viel. Du bist verrückt!«

Ich erwiderte, Lesen sei für mich eine billige Droge. Ich mache es nur, um meinem Bewusstsein zu entfliehen. Früher, man stelle sich das vor, las man, um sich ein Bewusstsein zu bilden!

Ich bin kein Kind mehr. Ich bin schon über sechzehn. Ich habe jedes Buch gelesen, das mir in die Hände fiel, bis ich genug davon hatte. Bücher sind hier Mangelware, aber bei Sâlim Bey, diesem Zeitungsherausgeber, der zweihundert Meter entfernt von mir wohnt, bin ich auf einen richtigen Schatz gestossen. Er hat sehr viele Bücher, und um zu provozieren, fing ich an zu lesen. Murâd liest nämlich nicht und Larine ebenso wenig. Es macht Spass, etwas zu tun, was sie nicht mögen.

Irgendwie habe ich mich ins Lesen verliebt, ich bin dabei auf magische Welten gestossen, in die ich mich flüchten kann, wann immer ich will. Sâlim Bey sah mich jedes Mal, wenn ich seine Bibliothek aufsuchte, erstaunt an und sagte: »Glaub mir, mein Sohn, nichts an diesen Büchern ist von Interesse. Ich schaffe sie mir an, damit das Büro nach etwas aussieht, aber dein einziger Lehrer ist das Leben.«

Ich antwortete nicht, holte mir aber zehn Bücher auf einmal bei ihm und gab ihm dafür ein paar Schachteln Libidafro, die ich meinem Vater geklaut hatte. Sâlim ist verwitwet und hat nicht wieder geheiratet. Ich kann mir also denken, wofür er das Libidafro braucht.

Bevor ich sechzehn wurde, hatte ich auf diese Weise schon die meisten philosophischen und religiösen Werke sowie die Romane, die ich gefunden hatte, durch. Aber über Politik habe ich weder gern etwas gelesen noch mich sonst damit beschäftigt, genauso wenig wie mit Geschichte. Auch im Internet las ich viel. Offenbar zu viel, denn jetzt kann ich kein Buch mehr sehen. Aber bestimmt bin ich dadurch kultivierter als meine Altersgenossen.

In meinem relativ zarten Alter bin ich schon ziemlich fest davon überzeugt, dass es nichts Neues unter der Sonne und nichts mehr zu lernen gibt. Ein Riss durch die Gesellschaft hat zu dem Zustand geführt, in dem wir uns jetzt befinden, aber dieser Riss muss fortbestehen. Jeder, der eine Reform versucht, riskiert, dass wir alles verlieren. Es ist eine Situation ähnlich dem McCarthyismus des vergangenen Jahrhunderts in den USA, als die Amerikaner das Gefühl hatten, alle linken Tendenzen bekämpfen zu müssen, weil sie ihr Staatswesen dadurch bedroht sahen. So hat Sâlim Bey es mir erklärt.

Mit jedem Mädchen, das mir gefiel, habe ich geschlafen und jede Art von Drogen ausprobiert, selbst das neue Phlogistin, das aus Dänemark kommt und nach Zitrone duftet. Es soll extrem teuer sein, aber was heisst das schon, extrem teuer? Wir verwenden diesen Ausdruck, ohne seine Bedeutung zu kennen. Ich weiss, dass man sich nur einen Tropfen Phlogistin auf die Haut am Unterarm träufeln muss, und schon trägt es einen weit weg. Dann sieht man die faszinierenden Flammen, nach denen es benannt ist. Erst Stunden später kommt man zu sich und merkt, dass man mehr braucht.

Mit Marihuana hatte ich angefangen. Ganz in Ordnung. Ecstasy habe ich probiert und LSD. Das Problem bei Letzterem ist: Man kann absolut nicht sicher sein, dass man am Leben bleibt, bis man wieder runterkommt. In jeder Gruppe muss es immer einen geben, der nichts nimmt und die anderen im Auge behält. Man nennt ihn den Tripsitter. Es kann nämlich sehr gut passieren, dass sich die Konsumenten aus lauter Euphorie vom Balkon stürzen, sich anzünden oder so lange in die Sonne starren, bis sie blind werden. Das ist zwar spannend, aber für den Rest meines Lebens blind möchte ich auch nicht sein.

Ich habe schon mit sehr vielen Drogen experimentiert. Wir kaufen sie den amerikanischen Wächtern ab. Das Problem ist aber, dass Drogen viel weniger aufregend sind, wenn man sie so leicht beschaffen kann. Sie sollten verboten und schwer erhältlich sein, das ist ein wichtiger Teil des Spiels: dass man Angst hat, wenn man sie nimmt; dass man sich Sorgen um die nächste Dosis macht. Wenn Drogen jederzeit verfügbar sind, verlieren sie ihren Reiz, werden langweilig und vulgär.

Meine Eltern kontrollieren mich dabei normalerweise nicht. Niemand mischt sich jemals in mein Leben ein. Es ist mein Recht, alles zu konsumieren, was ich will, in jeder Menge und zu jedem Preis, sonst hätten sie mich eben nicht in die Welt setzen sollen.

Solch eine grosse Leistung ist Elternschaft schliesslich nicht. Ich könnte Vater von tausend Söhnen sein, wenn man mir tausend Frauen gäbe, und ich wäre dankbar dafür!

Heute erst habe ich Larine mitgeteilt, dass Susan schwanger ist.

Das ist bei uns schon Routine. Keine Ahnung, warum die Natur mich mit solcher Fruchtbarkeit ausgestattet hat! Ich bin das einzige Kind meines Vaters, und ich glaube nicht, dass er noch weitere hätte kriegen können. Aber ich bin als eine echte Heimsuchung auf die Welt gekommen: Ich brauche ein Mädchen nur anzufassen, und einen Monat später sagt sie mir, sie habe gewisse Symptome. Welches Mädchen über zwölf hat diese Erfahrung hier denn noch nicht gemacht? Das Resultat ist immer dasselbe: Von Larine bekomme ich einen Scheck, den ich an das Mädchen weitergebe. Sie geht damit in die Klinik, um sich von diesem Albtraum zu befreien. Die Operation ist an einem Tag überstanden. Nur muss das Mädchen danach zwei Monate ohne Sex leben, das ist echt langweilig.

Susan, Katie, Maja, Germinal … Die Letzte ziehe ich den anderen vor, keine Ahnung, warum. Aus Liebe natürlich nicht. Ist es ihr Sex-Appeal? Vielleicht. Aber ich weiss schon gar nicht mehr, ob ein Mädchen Sex-Appeal hat oder nicht, weil sie sich in allem so ähnlich sind.

»Kannst du denn nichts anderes tun im Leben, als mit Mädchen ins Bett zu steigen?«, fragte mich Larine genervt. »So langsam ödet das einen an.«

Ich legte die Beine auf den Tisch vor mir und antwortete: »Vielleicht war ich ja schweinegeil. Ist doch nicht meine Schuld, das sind die Hormone.«

»Wenn es bloss so wäre!«, meinte sie. »Aber ich kann mir eigentlich gar nicht vorstellen, dass du so was wie Lust oder Begehren empfindest. Du machst das aus purer Langeweile.«

»Dann hatte ich vielleicht Langeweile«, entgegnete ich im selben Ton, »aber das ist auch nicht meine Schuld.«

Was soll man in so einem künstlichen Paradies denn tun? Schlafen, Drogen konsumieren, essen bis zum Umfallen, kotzen, bis man wieder Lust auf Essen hat, Sex haben (seltsam, wenn man merkt, zu welchem aggressiven und sadistischen Sexualverhalten Langeweile führt). Wenn dir noch irgendwas einfällt, womit man sein Leben rumbringen kann, sag es nur, ich wäre dir dankbar!

Aber ich habe einen Weg gefunden.

Wie gesagt, ich bin kein Kind mehr. Râmi ging jagen und hatte viel Spass dabei. Schâdi auch. Akmal versuchte es und konnte nichts vor uns geheim halten. Er zeigte uns das Andenken, das er von dort mitgebracht hatte. Offenbar hatte er unter dem Einfluss von Cannabis gestanden, dieser üblen Droge, die man Anfang des Jahrhunderts nahm. Seit 2020 heisst das Spiel natürlich Phlogistin.

Ich habe beschlossen, es selbst mal mit dem Jagen zu probieren.

So ist Utopia: Jede Minute des Lebens irgendwie zu füllen zehrt an deinen Kräften.

2

Ich weiss, warum Râsim es getan hat.

Sechzehn Jahre – und Jahrhunderte gesammelter Erfahrungen.

Wie die römischen Kaiser habe ich schon alles probiert und alles erlebt. In Utopia gibt es nichts Neues, das einen interessieren oder begeistern könnte. Nichts ändert sich je. Manchmal kommt es mir fast vor, als wären wir die Gefangenen und die draussen die Freien. Es erinnert einen an die Konzentrationslager der Nazis, die man in Kriegsfilmen sieht.

Utopia, eine isolierte Kolonie an der Nordküste Ägyptens, von den Reichen gegründet, um sich gegen das wütende Meer der Armut draussen abzuschirmen. Hier haben sie alles, was sie wollen.

Utopias Sehenswürdigkeiten kann ich dir zeigen: die riesigen Tore, den Elektrodraht, die Wachpatrouillen der Firma SafeCo, bei der hauptsächlich ehemalige Marines arbeiten. Manchmal versucht einer der Armen, sich unerlaubt einzuschleichen, dann verfolgt man ihn mit dem Helikopter und tötet ihn – wie in der eingangs beschriebenen Szene, die ich dauernd vor Augen habe.

Dahinter Parkanlagen. Dann das Gebiet mit den Schulen, dafür bestimmt, die Eltern davon zu überzeugen, dass sie ebensolche noch sind. Und das Areal für Gotteshäuser mit mancher Moschee, Kirche und Synagoge. Einige Leute hier halten daran fest, ein höheres Wesen anzubeten, das sie nicht sehen können. Die junge Generation allerdings hat diese Gewohnheit abgelegt. Ich glaube, die Erwachsenen klammern sich daran, weil sie Angst haben, schlagartig alles zu verlieren, ihre privilegierte Stellung aufgeben zu müssen, sich draussen wiederzufinden. Sie haben noch nicht das Gefühl, dass sie verdienen, hier zu sein, während die Söhnegeneration bereits mit der Überzeugung auf die Welt gekommen ist, auf alles einen Anspruch zu haben. Aber wenigstens ermahnen die Erwachsenen ihre Kinder nicht mehr, ihrem Beispiel zu folgen.

Und noch einen wichtigen Grund gibt es meiner Meinung nach: Die Erwachsenen streben danach, Reichtum und Frömmigkeit in sich zu vereinen. Dass beides zusammengehört, scheint schon seit Ewigkeiten in der Vorstellungswelt der ägyptischen Elterngeneration verankert zu sein. Es ist das Bild von Hagg Abdalsamîa, der nach seiner Rückkehr aus dem Hedschas, die weite, teure Abaja um die Schultern gelegt, in einer Wolke kostbaren Parfums und mit goldener Gebetskette aus dem Flugzeug steigt, um würdevoll und erhaben lächelnd nach beiden Seiten Geld auszuteilen. Diesen Anblick scheinen unsere Eltern tief verinnerlicht zu haben. Ich habe mich ein bisschen mit Religionen beschäftigt, für mich ist Gottesfurcht mit dem Gedanken der Askese verbunden. Ausserdem kennt man sich ja. Mit ihrer ganzen Frömmigkeit werden sie mich nicht glauben machen, dass sie etwa nicht dem Alkohol frönten oder nicht ständig die Frauen – und Männer – der Anderen vergewaltigten. Sie haben ihr Vermögen mit dem Fleisch, den Träumen, dem Geld, dem Stolz und der Gesundheit der Anderen gemacht, deshalb kommt mir ihr Getue merkwürdig vor. Allerdings ist das ja ihre Sache.

Danach die Malls: Hier kann man bei ein paar Sicherheitsleuten inoffiziell Phlogistin kaufen. Dann siehst du die Paläste. Den Palast von Alawi Bey, dem Eisenkönig, von Adnân Bey, dem Fleischkönig, von meinem Vater, dem Pharmakönig. Dann den integrierten Flughafen. Ein solcher ist nötig, damit man nicht nach draussen muss. Früher waren meine Leute von der Idee besessen, sich auf den Flughafen zu flüchten, falls die Anderen revoltieren sollten. Die Fahrt dorthin wäre aber beschwerlich, beängstigend und gefährlich geworden. Die Anderen hätten sich den Autos in den Weg gestellt und die Insassen in Stücke gerissen.

Weil ich viel lese, weiss ich über solche Dinge Bescheid. Es gibt zahlreiche Geschichten, angefangen mit der Französischen Revolution, als der Pöbel durch die Pariser Strassen zog und die Brüste der Fürstin von Lamballe auf zwei Piken steckte, bis hin zur Revolution im Iran in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Damals fand sich der SAVAK-Direktor, soweit ich mich erinnere, plötzlich in seinem Auto auf die Schultern des Mobs gehoben und sah keinen anderen Ausweg, als sich die Pistole in den Mund zu stecken und abzudrücken. Mein Gott! Selbst jetzt, beim Niederschreiben dieser Worte, bekomme ich eine Gänsehaut vor Wonne. Eine Pistole im Mund, kühles Metall, abdrücken, und alles ist vorbei!

Aus lauter Angst vor der Fahrt nach draussen beschlossen meine Leute, ihre eigenen Flughäfen innerhalb ihrer Kolonien zu bauen. Mit der Zeit drohte keine Revolutionsgefahr mehr, aber als Luxus blieben die Flughäfen, wo sie waren.

Wenn man die letzten Grenzen der Vernunft überschreitet, stellt man fest, dass die Vernunft sich zu neuen Grenzen hin ausdehnt, innerhalb deren wieder Gewohnheit, Langeweile und Monotonie herrschen. Selbst ins Spülbecken zu pinkeln erscheint dann ebenso vernünftig wie langweilig.

Dort der Sitzungssaal. Wolken von Tabakrauch. Das riesige Büro im Unionsgebäude, die Weisheit in den Augen der Erwachsenen. Das Ticken der Uhr. Worte. Worte. So oft gehört, dass sie nichts mehr bedeuten.

»Wir sind eine grosse Familie …« und so weiter. »Wir sind nicht wie die Anderen …« und so weiter. Zum tausendsten Mal.

Da ist Râsim, der Aufmerksamkeit heuchelt, vermischt mit Scham und Reue. Versuch mal, eine einzige Empfindung auf diesem leblosen, versteinerten Gesicht auszumachen! Zwei tote Augen, die einen an die Augen der Mörder in der Welt draussen erinnern, wenn sie von den Kameralinsen erfasst werden. Ein Mann bringt seine Frau und ihren Geliebten um und setzt sich dann ins Café. Eine Frau tötet ihr Kind wegen eines Ohrrings, der höchstens hundert Pfund wert ist. Anschliessend erscheint in der Klatschpresse ihr Foto. Und da sieht man diese Augen …

Aber auch er, Râsim, redet. Der Idiot redet. »Ich weiss wirklich nicht, was über mich gekommen ist, dass …«

Zum millionsten Mal.

Mit sonorer Stimme, die ihm persönlich fraglos gut gefällt, sagt der oberste Weise: »Wir ziehen keine Partei in unsere Probleme hinein. Asâm Bey wird es auf sich nehmen, den Preis von … zu zahlen …« und so weiter. »Ihr Sohn ist auch mein Sohn und umgekehrt …« und so weiter.

Und Asâm Bey nimmt es voller Würde auf sich, den Preis von … zu zahlen, und spielt dabei mit den Perlen seiner goldenen Gebetskette.

Es handelt sich um einen Familienrat der Notabeln Utopias, denn diese Gemeinschaft hat sich ihre eigenen Gesetze und Gerichte geschaffen. Ein junger Mann hat einen Fehler begangen oder etwas getan, weswegen die Erwachsenen ihm böse sein müssen. Fehler bedeutet hier, dass man das persönliche Eigentum eines Mitbürgers zerstört oder beschädigt. Râsim hatte zu viel getrunken und einen Teil der Elite-Mall, die Mustafa Bey gehört, demoliert. Vielleicht hatte er auch was mitgehen lassen. Niemand ist aufs Stehlen angewiesen, aber man braucht einfach den Kick, die Spannung, das Frevelhafte dabei. Kleptomanie ist der Grund für die meisten Verbrechen hier. Zu den übrigen kommt es im Zustand der Trunkenheit, der Raserei unter Freunden, die keine mehr sind.

Solche Konflikte werden in Sitzungen wie dieser beigelegt. Normalerweise kommt man zu einem Einvernehmen und ist bereit, den anderen zufriedenzustellen. Niemand will, dass die Streitigkeiten ausserhalb Utopias ruchbar werden.

Erregung.

Frevel.

Übergriff.

Regelverstoss.

Provokation.

Tabubruch.

Aufruhr.

Übertretung.

Zerstörung.

Spannung.

Adrenalin.

Veränderung.

Ungehorsam.

Zerfall.

Schock.

Privileg.

Verwunderung.

So heisst das Spiel.

Aus Gründen wie diesen und in einer solchen Nacht hat Râsim sich schicksalsergeben hingelegt und es drei Freunden überlassen, mit ihm zu machen, was sie wollten.