Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Sie war keine Lady
  4. Kapitel 2
  5. Kapitel 3
  6. Kapitel 4
  7. Kapitel 5
  8. Kapitel 6
  9. Kapitel 7
  10. Kapitel 8
  11. Kapitel 9
  12. Kapitel 10
  13. Kapitel 11
  14. Kapitel 12
  15. Kapitel 13
  16. Kapitel 14
  17. Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Sie war keine Lady

1

Als wir über die Hügel kamen, hatten wir einen weiten Blick nach Norden, denn die nächsten Hügelketten waren niedriger. Man konnte über sie hinweg auf den Sundown-Pass und die Black Hills sehen, wo überall nach Gold gesucht wurde und es die wilden Campstädte Deadwood und Lead gab.

Wir waren in der sechsspännigen Kutsche vom Missouri herübergekommen und durch das Belle Fourche Valley gerollt. Vor einigen Stunden hatten wir das Tal verlassen, um uns in genau westlicher Richtung durch die Hügelketten zu arbeiten, die vor den Black Hills lagen.

Als wir auf der Wasserscheide verhielten, um das Gespann verschnaufen zu lassen, hörten wir den Fahrer fluchen und zu seinem Begleitmann heiser sagen: »Verdammt, Jube, in Sundown City brennt’s. Das ist ein Riesenfeuer. Diese ganze verdammte Stadt brennt. Und wer weiß, ob wir ein frisches Gespann bekommen werden.«

Dann fuhr die Kutsche weiter.

Wir waren sieben Passagiere in der Kutsche, aber fünf schliefen und hatten die Worte des Kutschers nicht gehört.

Mir gegenüber saß die schöne Frau, die ich für eine Lady hielt. Denn sie war zwar modisch-elegant, aber dennoch seriös gekleidet und verriet damit einen Geschmack, wie ihn nur wenige Frauen besitzen.

Manchmal hatte ich in ihre schwarzen Augen gesehen und versucht, etwas darin zu erkennen. Doch sie hielt alles, was sie denken und fühlen mochte, tief in sich verborgen. Sie wirkte schön, geradezu edel, stolz und sehr beherrscht.

Dennoch spürte man, dass sie keine kalte Schönheit war.

Sie hatte Feuer.

An der Mündung des Cheyenne River hatten wir eine längere Rast und bekamen ein gutes Essen in der Gaststube der Station. Ich hatte ihr aus der Kutsche geholfen, und neben ihr am Tisch gesessen. Wir wechselten belanglose Worte.

Jetzt sah sie mich in der fahrenden Kutsche an. Es war zwar Nacht, doch die beiden Laternen rechts und links an der Kutsche erhellten auch das Innere ein wenig.

Ihre schwarzen Augen funkelten.

»Kennen Sie Sundown City, waren Sie schon mal dort?« So fragte sie.

Ihre Stimme war dunkel, etwas kehlig. Diese Stimme ging mir irgendwie unter die Haut, und sie passte so gut zu ihren roten Haaren und den schwarzen Augen.

Heiliger Rauch, was war das für eine Frau!

»O ja, Ma’am«, erwiderte ich. »Was möchten Sie über Sundown City wissen?«

»Alles«, erwiderte sie. »Könnte es wirklich sein, dass es abbrennt?«

»Ja, das könnte sein«, erwiderte ich. »Sundown City wurde gleichsam aus dem Boden gestampft. Es ist zurzeit noch eine Bretterbudenstadt. Wenn es dort einmal brennt, dann muss man damit rechnen, dass es ein Riesenfeuer gibt. Es ist sehr windig heute. Die Stadt lebt von Durchgangsverkehr ins Goldland, aber auch davon, dass die wilden und nach allen Sünden gierigen Burschen völlig ausgetrocknet von ihren Fundstellen und Minen aus den Bergen kommen und sich amüsieren wollen. Sundown Town ist eine Art Babylon, ähnlich wie Deadwood weiter oben in den Bergen. Und wenn die Stadt abbrennt, wird großes Wehklagen herrschen. Denn es wird schwer sein, auf die Schnelle genügend Bauholz heranzuschaffen. Was machen Sie denn in Sundown City, Ma’am?«

»Geschäfte«, erwiderte sie schlicht.

Dann schwiegen wir. Der Wagenweg führte nun talwärts. Von dem Feuer am Fuß des Sundown-Passes war nichts mehr zu sehen.

Wir kamen etwa eine halbe Stunde später an die Furt des Pine Creek. Doch hier standen schon lange keine Kiefern oder Föhren mehr. Alles war abgeholzt, und die Sägemühle, die vom Creek angetrieben wurde, verarbeitete Holz, das von weither herangeschafft werden musste.

Der Weg führte am Holzplatz entlang zur Furt. Und hier war auch das Office der Sägemühle und des Holzplatzes.

Die schöne Frau fragte mich: »Ist das der einzige Holzplatz weit und breit?«

»So ist es«, erwiderte ich.

Und da fragte sie auch schon weiter: »Haben Sie genug Geld bei sich, um sich an einem schnellen Geschäft zu beteiligen, so an die vier- bis fünftausend Dollar?«

Ich staunte.

O Moses, was war das für eine Frau!

Was hatte sie im Sinn? Was ging in ihrem schönen Kopf vor?

In diesem Moment endlich begriff ich ihre Absicht.

Und da hatte ich auch schon ein Gefühl des Mitleids. Denn sie kannte die Stadt nicht, auch nicht deren Bosse und all die harten Burschen, die dort lebten.

Nein, die ließen sich nicht das Holz wegnehmen.

Denn das wollte sie. Ich begriff, dass sie den ganzen Holzplatz kaufen wollte, weil das Holz knapp werden würde.

Und so sagte ich: »Schwester, lassen Sie es lieber bleiben. Es wäre, wie wenn eine Katze eine Beute gegen ein Rudel Wölfe verteidigen wollte. Und der Fahrer und dessen Begleitmann werden gleich dem Holzplatzbesitzer sagen, dass Sundown City brennt. Dann wäre der Mann ja geradezu idiotisch, wenn er sein Holz …«

Sie hörte mir nicht länger zu und erhob sich vom Sitz, beugte sich weit aus dem offenen Fenster und rief schräg nach vorn hinauf: »Hoiii, Gentlemen dort oben auf dem Bock!«

»Hey, Ma’am, was können wir für Sie tun?«

»Sagen Sie nichts von dem Feuer. Vergessen Sie es! Hundert Dollar für jeden von Ihnen, wenn Sie das Feuer vergessen! Kann ich mich darauf verlassen?«

»Gemacht, Lady, wenn wir sofort das Geld bekommen«, tönte es zurück.

»An der Furt, wenn ich aussteige«, erwiderte sie.

Ich sah mich nach den anderen Fahrgästen um. Aber die schliefen immer noch. Sie alle waren übermüdet. Einige hatten getrunken.

Die Kutsche rollte langsam aus. Gleich würden wir an der Furt und beim Office der Sägemühle und des Holzplatzes sein.

Die Schöne sah mich wieder an, ja, sie beugte sich sogar etwas vor und legte eine Hand auf mein linkes Knie. Von dieser Hand strömte etwas auf mich über.

Heiliger Rauch, was hätte ich mit dir eine Menge Spaß, dachte ich und begann zu überlegen, wie ich es wohl anstellen musste, um mit ihr diesen Spaß bekommen zu können.

Indes hörte ich sie sagen: »Entscheiden Sie sich, ob Sie ein schnelles und gutes Geschäft machen wollen oder nicht. Sie tragen einen dicken Geldgürtel. Dessen Inhalt könnten Sie gewiss verdoppeln. Denn wir besäßen das Monopol auf alles Holz im Land. Oder sind Sie zu ängstlich? Habe ich Sie vielleicht überschätzt? Sind Sie am Ende gar kein harter Bursche?«

Ich grinste.

Denn so einfach konnte sie mich nicht einfangen und für ihre Zwecke einspannen, nein, so einfach nicht. Da überschätzte sie ihre weibliche Ausstrahlung doch zu sehr. Ich war längst aus dem Alter hinaus, da mich eine schöne Frau um den Verstand bringen konnte.

Die Kutsche hielt an.

Und ich hatte mich immer noch nicht entschieden.

Wenn ich an die harten Burschen von Sundown City dachte, dann gab es eigentlich nur eines: Finger weg von der Sache!

Ich machte den Schlag auf, denn sie traf Anstalten, auszusteigen. Und so stieg ich zuerst aus und half ihr mit ihrem Handgepäck aus der Kutsche.

Der Begleitmann brachte ihr die Reisetasche und den Koffer und nahm schweigend die zweihundert Dollar für sich und den Fahrer. Er kletterte wieder hinauf und fragte dabei auf mich nieder: »He, Adam Wade, steig wieder ein, wenn du mitfahren willst.«

Aber ich wollte plötzlich nicht.

Ich war zu neugierig. Und so sagte ich: »Wirf mir die Reisetasche herunter, Jube. Ich kann mir ja ein Pferd borgen. In Sundown City wird es jetzt nicht besonders nett sein.«

Drüben beim Office der Sägemühle und des Holzplatzes war ein Mann herausgekommen, der nun herüberfragte: »He, habt ihr was für mich?«

»Nein, Pierce, heute nicht«, erwiderte der Fahrer und fuhr in die Furt hinein.

Sein Begleitmann hatte meine Reisetasche heruntergeworfen.

Und nun stand ich neben der Schönen, deren Namen ich noch nicht einmal kannte, in der Staubwolke, die die abfahrende Kutsche hinter sich ließ.

»Adam Wade, ist das Ihr Name?« So fragte sie.

»Gewiss.« Ich grinste.

»Ich heiße Joyce Palatine«, sagte sie. »Und ich brauche das Geld aus Ihrem Gürtel. Denn unter zehntausend Dollar wird das hier nicht zu machen sein.«

Sie wartete meine Antwort nicht ab, sondern ging zum Office der Sägemühle hinüber, wo immer noch der bullige Mann verharrte, der herausgetreten war, um nach Post zu fragen.

Sie überließ es mir, ihr mit ihrem und meinem Gepäck zu folgen.

Ich hörte sie zu dem Mann sagen: »Mister, sind Sie der Besitzer des Holzplatzes und des gesamten hier lagernden Holzes?«

»Der bin ich, Ma’am. Kann ich etwas für Sie tun?«

»Das können Sie. Ich möchte das gesamte Holz kaufen – alles. Was wollen Sie dafür haben?«

Er staunte.

Und auch ich staunte. O Moses, was ging die ran! Joyce Palatine hieß sie, und ihr Vorname gefiel mir sehr.

Auch Pierce, der Besitzer des Holzplatzes, staunte.

»Hey, Lady«, sagte er, »was bedeutet das? Und Sie, Adam Wade, was haben Sie damit zu tun?«

»Vorerst gar nichts«, sagte ich. »Vorerst bin ich nur neugierig.«

Pierce war ein schon alter Bursche, dessen Holz- oder Sägemühle nicht mehr viel einbrachte, weil es kein brauchbares Holz mehr in der weiten Umgegend gab. Alles war abgeholzt. Man hatte Sundown City davon errichtet und den Rest in die Berge geschafft, wo es an die zehntausend Goldsucher und Minenarbeiter gab.

Jetzt war es nicht mehr gefragt. Nur dann und wann ging eine Wagenladung Bretter oder Balken in die Berge. Aber das lohnte sich kaum.

Pierce hatte längst seine Arbeiter entlassen. Was zu tun war, schaffte er allein.

»Ich zahle Ihnen für das ganze Holz fünftausend Dollar«, sagte Joyce Palatine.

Da lachte er grollend.

»Dafür würde ich es anzünden und mich an dem Feuer erfreuen«, sagte er und wollte sich abwenden, um wieder in sein Holzhaus zu gehen.

Doch da hörten wir einige Reiter durch die Furt kommen. Sie kamen von drüben, also aus Richtung Sundown City, das hinter zwei weiteren Hügelketten verborgen war.

Doch der Himmel über diesen zerhackten Hügelbarrieren war jetzt rötlich gefärbt. Pierce aber sah es noch nicht. Er stand zu ungünstig und hätte sich erst zur Seite wenden müssen.

Der rötliche Schein über der Hügelkette verriet, dass es ein Riesenfeuer sein musste, das dort bei Sundown City wütete. Die Reiter kamen nun aus der Furt heraus. Es waren drei.

Und sie ritten unsere Gruppe fast über den Haufen, rissen erst im letzten Moment ihre Pferde auf der Hinterhand zurück. Staub hüllte uns ein.

Noch bevor sich der Staub legte, rief eine harte Stimme: »Pierce, wir kommen im Auftrag der maßgebenden Leute von Sundown City. Wir kaufen dein gesamtes Holzlager. Ich bin befugt, dir dreitausend Dollar zu bieten.«

»Dann scher dich zum Teufel, Ringo«, sagte Pierce trocken und wollte sich abermals abwenden, um im Haus zu verschwinden.

Doch da fiel ihm etwas ein, und er deutete mit dem Daumen auf Joyce Palatine und knirschte grimmig: »Die Lady bot schon fünftausend, und auch das war ein Witz. Soll ich euch auch mal einen Witz erzählen? Ja? Also, da heiratet ein alter Greis eine junge Nymphomanin – ihr wisst doch, was das für eine ist, ja? –, und als sie ihn fragt, wie er das als alter Greis verkraften wolle, da lacht er und sagt: ›Oha, das ist gar nicht so schlimm, denn unser Haus ist so groß, dass ich mich leicht darin verstecken kann.‹ Hahaha!«

Er lachte grimmig, denn er hat den Witz ja nicht aus Freude erzählt, sondern nur, um deutlich zu machen, wie lachhaft ihm die Kaufangebote vorkamen.

Aber die drei Reiter aus Sundown City lachten nicht. Ihnen war nicht nach Witzen. Ihr Sprecher sagte: »Pass auf, Pierce, wir können dich auch einfach zum Teufel jagen. Aber ich biete dir viertausend Dollar. Und das ist das letzte Wort meiner Auftraggeber. Entscheide dich.«

Er wartete nun. Dabei warf er auch einen Blick auf die schöne Joyce und dann auf mich. Er nickte mir zu und sagte grinsend: »Na, auch wieder hier, Adam Wade? Und immer noch lebendig. Das ist ein Wunder. Gehörst du jetzt zu ihr?«

Ich gab diesem Ringo Spokane keine Antwort. Er war ein Revolverschwinger, der zur Gilde der Schmutzigen von Sundown City gehörte, zu den Townwölfen, die dort alles beherrschten und auch im Stadtrat die Mehrheit besaßen. Er war ihr Handlanger, wie noch einige andere Burschen von seiner Sorte.

Ich sah auf die schöne Joyce Palatine, die man für eine echte Lady halten musste, wenn man sie nur ansah – eine von den Frauen, mit denen sich reiche, erfolgreiche und wichtige Männer schmücken, die zur Creme der Gesellschaft gehören.

Aber das stimmte nicht. Sie war eine erfahrene, eiskalte Abenteuerin. Das wusste ich jetzt.

Sie hatte auch schnell herausgefunden, dass ich unter meiner Kleidung einen dicken Geldgürtel trug, dessen Inhalt sie brauchte, sodass sie sich entschloss, mich an dem Holzgeschäft zu beteiligen, zu dem sie sich so rasch entschloss.

Sie tauschte einen Blick mit mir, in dem ich das Versprechen erkannte, dass ich es nicht bedauern würde, wenn wir Partner würden.

Dann wandte sie sich an Pierce und sprach: »Mister Pierce, am besten wäre es, wenn Sie nicht auf das Geschwätz dieses Mannes achteten, sondern an mich verkaufen würden. Dann wären Sie aller Sorgen ledig, könnten Ihre Zelte hier abbrechen und brauchten sich nur noch um die Zukunft zu kümmern. Nennen Sie mir einen fairen Preis. Wir zahlen ihn.«

»Wir?« Pierce fragte es gedehnt und sah auf mich.

Ich schüttelte den Kopf.

Doch da machte Ringo Spokane seinen größten und letzten Fehler. Er schwang sich vom Pferd und sagte dabei scharf: »Hau ab, Honey, hau einfach ab, bevor wir dir klarmachen, dass eine Katze wie du hier nur auf eine einzige Art Geschäfte machen kann – nämlich im Bett. Los, nun verschwinde schon!«

Er trat drohend auf Joyce Palatine zu und machte eine Armbewegung, als wollte er ihr seinen Handrücken über Mund und Nase schlagen.

Da sagte ich: »Vorsicht, du Stinker!«

Ich sagte es scharf und warnend.

Und weil er mich einigermaßen kannte, hielt er auch inne und wandte sich mir zu.

»Du bist doch wohl nicht lebensmüde, Wade?« Er fragte es mit drohender Überheblichkeit, und das konnte er wohl auch, denn er hatte ja noch zwei Begleiter bei sich, die Revolverschwinger waren wie er. Er fühlte sich überlegen und sicher. Meine Worte warnten ihn nicht. Und so war er ein verdammter Narr.

Ich sagte nochmals: »Vorsicht, du Stinker. Sei höflich, wenn du zu einer Lady sprichst. Sonst bringe ich dir Benehmen bei.«

Er staunte kurz. Denn seiner Meinung nach war ich der Narr, nicht er.

Und weil er hergekommen war, um einen Auftrag zu erledigen, wollte er nicht länger mehr Zeit verschwenden.

Er zeigte mir seine Vorderzähne, und indes er so grinste, schnappte er nach seinem Colt.

Ja, er war ein Narr. Denn er überschätzte seine Revolverschnelligkeit. Ich schlug ihn glatt und traf ihn mit dem ersten Schuss. Er konnte nicht einmal den Revolverlauf hochschwingen und die Mündung auf mich richten.

Und weil seine beiden Begleiter ebenfalls – wenn auch mit Verspätung – zogen, schoss ich gleich weiter.

Sie hingen in den Sätteln ihrer durchgehenden Pferde, wurden dann in einiger Entfernung abgeworfen. Ja, sie waren angeschossen und blieben am Boden liegen. Man hörte sie nur noch stöhnen.

Auch Ringo Spokane stöhnte am Boden.

Ich trat zu ihm, blickte auf ihn nieder.

»Ein Bursche wie du mit einem derart großen Maul müsste schneller mit dem Colt sein«, sprach ich zu ihm nieder.

Dann sah ich auf Joyce Palatine.

»Eigentlich sollte ich mir jetzt ein Pferd besorgen und möglichst schnell aus dem Land reiten«, sagte ich. »Und das alles, weil mir meine Mutter mal beigebracht hat, dass man höflich zu Frauen sein soll und diese ein Recht auf männlichen Schutz hätten.«

»Und? Besorgen Sie sich jetzt ein Pferd und hauen ab?« Sie fragte es herausfordernd und wippte mit dem Fuß, dessen zierlicher Stiefel unter dem Rocksaum hervorsah. Ich war sicher, dass sie wunderbare Beine hatte.

Ich grinste, hob die Achseln und ließ sie wieder sinken.

»Nein«, sagte ich. »Nachdem ich mich mit den Burschen von Sundown City angelegt habe und keiner von der Sorte bin, die man fortjagen kann, will ich in das Geschäft mit einsteigen. Sie haben Ihr Ziel erreicht, Joyce Palatine.«

Ich sah Pierce an.

»Wir bieten dir achttausend Dollar«, sagte ich. »Dann kannst du von hier abhauen und uns den ganzen Ärger hinterlassen. Du hast ja wohl begriffen, dass die rauen Burschen von Sundown City dein Holz für viertausend Dollar haben wollten. Und vielleicht hätten sie es sogar umsonst bekommen, wenn sie dich umgelegt hätten. Nun?«

»Und warum wollen Sie mein Holz haben?«

Er fragte es und starrte dabei nach Westen, wo der Himmel über der Hügelkette sich ganz deutlich rot gefärbt hatte. Er konnte sich jetzt denken, dass Sundown City brannte.

Und je rascher es wieder aufgebaut werden würde, umso weniger Einnahmeverluste hatte man dort in all den Amüsierschuppen und Tingeltangels, Bordells und Spielhallen.

Sicher, man konnte Holz vom Missouri her heranschaffen. Doch bis es hier ankam, dauerte es Wochen.

Und jede Nacht gingen Tausende von Dollars an Einnahmen verloren. So war das.

Es konnte sogar sein, dass clevere Burschen anderswo eine Konkurrenzstadt aufbauten und Sundown City einfach aus dem Geschäft war.

Sie brauchten das Holz.

Der bullige Pierce begriff. Außerdem war er nicht mehr jung genug. Und so entschloss er sich auf der Stelle.

»Her mit dem Geld«, sagte er. »Ich schreibe im Office den Kaufvertrag und spanne dann meine beiden Rappen vor den leichten Wagen. Was macht ihr mit den drei Kerlen?«

»Die binden wir auf ihre Pferde, nachdem wir ihre Wunden versorgt haben. Aber vielleicht werden sie als Versager gar nicht zu ihren Auftraggebern zurückwollen. Nicht wahr, Ringo? Willst du nicht lieber mit den viertausend Dollar, die sie dir mitgegeben haben, abhauen?«

Er fluchte schmerzvoll.

Einer seiner Partner rief aus einiger Entfernung, wo er vom Pferd gefallen war: »Hoiii, warum kommt denn niemand und verbindet mich! Ich verblute! Verdammt, ich verblute. Ihr könnt uns doch nicht verbluten lassen! Ihr seid doch noch Christenmenschen – oder!«

So waren diese Burschen nun mal.

Ringo sagte: »Vielleicht habt ihr einen Wagen für uns übrig? Nein, wir wollen nicht zurück nach Sundown City. Dort bekommen wir kein Bein mehr auf die Erde. Am besten, ihr legt uns in einen Wagen und …«

2

Eine halbe Stunde später war ich mit Joyce Palatine allein. Wir saßen uns in Pierces Wohnzimmer, das man vom Office aus ebenfalls betreten konnte – also nicht nur über die Veranda von draußen – gegenüber und betrachteten uns im Lampenlicht. Wir hielten noch halbvolle Whiskeygläser in den Händen.

»Und wieso waren Sie von Anfang an so sicher, mich zum Partner bekommen zu können, Joyce?« So fragte ich.

Sie lächelte. Es war ein weises, wissendes und vielleicht auch ein wenig nachsichtiges Lächeln. Sie hob die geraden Schultern und ließ sie wieder sinken, senkte den Blick und starrte auf die bernsteinfarbene Flüssigkeit im Glas, so als könnte sie darin lesen wie eine Wahrsagerin im Kaffeesatz.

Dann sah sie mich wieder an mit ihren schwarzen Augen.

»Instinkt«, sprach sie. »Intuition. Und meine Erfahrung mit Männern einer gewissen Sorte.«

»Welcher Sorte?« Ich fragte es knapp und beugte mich vor.

Wieder lächelte sie.

»Adam, Sie sind ein zweibeiniger Tiger«, sprach sie dann. »Und Sie hatten einen wohlgefüllten Geldgürtel auf dem bloßen Leib. Ich hoffte, dass Sie zu der Sorte gehören, die stets bereit zu einem hohen Einsatz in einem riskanten Spiel ist, wenn der mögliche Gewinn hoch genug ist. Und es kam jetzt zuletzt noch hinzu, dass Sie ein Mann sind, der Burschen wie diesen Ringo nicht mag und jeder Frau seinen Schutz anbieten würde – jeder Frau, ganz gleich von welcher Sorte. Nun sind wir Partner.«

Ich nickte, leerte mein Glas mit einem Ruck und stand auf.

Sie sah zu mir empor.

Und ich fragte auf sie nieder: »Joyce, gehst du mit deinem Partner auch ins Bett oder ist das von Fall zu Fall verschieden?«

»Es ist verschieden«, sagte sie, und in ihrer Stimme war ein herber Klang. Sie sprach dann weiter: »Und wenn du wissen möchtest, ob ich mit dir ins Bett gehen würde, dann kann ich dir nur sagen: Wir werden es herausfinden. Es wird sich ergeben oder nicht, wenn wir uns länger oder besser kennen. Auf jeden Fall sind wir jetzt Partner und voneinander abhängig. Wir werden uns aufeinander verlassen müssen.«

»Richtig«, sagte ich. »Und morgen kommen die Wagen aus Sundown City, um das Bauholz zu holen. Dann werden wir herausfinden, wie gut wir als Partner sind.«

Sie nickte. Dann leerte auch sie das Glas und erhob sich.

»Ich werde dir in einer halben Stunde beweisen, wie gut ich als Köchin bin, wenn dieser Pierce in seiner Küche auch nur einigermaßen mit Lebensmitteln eingedeckt war.«

fast«,